Der Diskurs um Abtreibung und um die Neuregelung der Rechtslage gehört zu den umstrittensten der letzten Jahre. Feministinnen kritisieren die bis heute staatliche Kontrolle über den Körper der Frau. Diese Kritik an den scheinbar schon immer bestehenden rechtlichen und gesellschaftlichen Restriktionen äußerte die Autorin Simone de Beauvoir bereits im Jahr 1949 in ihrem Werk "Das andere Geschlecht". Sie stellte fest, dass die Rechtsprechung aus der Abtreibung ein Verbrechen macht, was sie vehement ablehnte und eine gesetzlich erlaubte Abtreibung forderte. Ihre Argumente sollten als Grundlage für die Diskursanalyse in Deutschland dienen. In dieser Arbeit soll diskutiert werden, wie relevant und aktuell die Argumente von Simone de Beauvoir in der Abtreibungsdebatte von 1970 bis 1995 in Deutschland waren.
Dazu wird das Werk Simone de Beauvoirs vorgestellt und ihre Argumente, mit der sie eine Abtreibungserlaubnis begründet, analysiert. Schließlich wird die Kontroverse um den Paragraphen 218 StGB in Deutschland beleuchtet. Danach wird der Abtreibungskonflikt in Deutschland bis in die 1970er Jahre beschrieben, um die öffentliche Debatte um die Abtreibung in den 1970er Jahren besser zu verstehen. Die Argumente der Gegner und Befürworter eines Abtreibungsverbots werden interpretiert und in ihren Bezügen zu Simone de Beauvoirs Werk untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Abtreibung und Mutterschaft in „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir
3. Fallbeispiel: Die Kontroverse um den §218 StGB
3.1. Der Abtreibungskonflikt im historischen Kontext
3.2. Argumente für ein Abtreibungsverbot
3.3. Argumente gegen ein Abtreibungsverbot
3.4. Der gesetzliche Änderungsprozess des §218 zwischen 1970 und 1995
4. §219 Schwangerschaftskonfliktberatung
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Relevanz und Aktualität der Argumente aus Simone de Beauvoirs Werk „Das andere Geschlecht“ für die Abtreibungsdebatte in Deutschland zwischen 1970 und 1995. Dabei wird analysiert, inwiefern die Forderungen nach Selbstbestimmung der Frau und Kritik an der gesellschaftlichen Rollenverteilung in den Diskursen der damaligen Zeit reflektiert wurden.
- Historische Analyse des § 218 StGB und dessen Kontroversen in Deutschland.
- Theoretische Untersuchung der Position von Simone de Beauvoir zu Mutterschaft und Schwangerschaftsabbruch.
- Gegenüberstellung der Argumentationslinien von Abtreibungsbefürwortern und -gegnern.
- Betrachtung des Einflusses der Frauenbewegung auf die Gesetzgebungsprozesse.
- Kritische Beleuchtung der § 219 Schwangerschaftskonfliktberatung als staatliches Instrument.
Auszug aus dem Buch
3.3. Argumente gegen ein Abtreibungsverbot
Die Gegner eines Abtreibungsverbots, die zu Beginn der 1970er Jahre Aufmerksamkeit erregten, waren Feministinnen, Frauen, die sich in Verbänden organisiert hatten und Frauen, die schon abgetrieben hatten, aber auch solidarische Männer. Die Anhängerinnen der Kampagne „Weg mit dem § 218“, die sich in Podiumsdiskussionen und Streitgesprächen mit den Meinungen meist männlicher „Experten“ zum Thema Abtreibung aus den Bereichen Rechtslehre, Theologie und Gynäkologie“ auseinandersetzen mussten, argumentierten aus der aktuellen (1970er Jahre) gesellschaftlichen Situation für eine Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218. Im Diskus der späteren Jahrzehnte, dort vor allem in den 1980er Jahren argumentieren die Gegner des Abtreibungsparagraphen aus einer medizinethischen und philosophischen Perspektive.
Im Zentrum der Argumentation in den 1970er Jahren steht die Selbstbestimmung der Frau über ihren eigenen Körper und ihre Reproduktivität. Argumente und Ansichten, die Simone de Beauvoir 25 Jahre zuvor niederschreib, finden sich auch in der Argumentation der Abtreibungsbefürworterinnen. Der Diskurs zur Abtreibung verbindet sich auch mit der Frage der Produktion und Reproduktion der Geschlechterungleichheit, in der die Mutterschaft als natürlich angesehen wird und die Abtreibung als Krankheit. Auch Simone de Beauvoir kritisiert diesen Zustand, wenn sie feststellt, dass es die Bestimmung der Frau sei, sich fortzupflanzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des § 218 ein, skizziert die gesellschaftliche Relevanz des Themas und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Relevanz von Simone de Beauvoirs Thesen für die deutsche Abtreibungsdebatte.
2. Abtreibung und Mutterschaft in „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir: In diesem Kapitel wird Beauvoirs Werk analysiert, wobei der Fokus auf ihrer Kritik an der biologischen Bestimmung der Frau und ihrer Ablehnung des Abtreibungsverbots liegt.
3. Fallbeispiel: Die Kontroverse um den §218 StGB: Dieses Hauptkapitel beleuchtet die historische Entwicklung, die verschiedenen Argumentationslinien der Konfliktparteien sowie die gesetzlichen Änderungsprozesse in Deutschland.
3.1. Der Abtreibungskonflikt im historischen Kontext: Der Abschnitt bietet einen historischen Abriss der Rechtslage seit 1871 und ordnet die öffentliche Debatte der 1970er Jahre ein.
3.2. Argumente für ein Abtreibungsverbot: Hier werden die philosophischen, theologischen und gesellschaftskonservativen Argumente der Abtreibungsgegner dargelegt und kritisch hinterfragt.
3.3. Argumente gegen ein Abtreibungsverbot: Dieses Unterkapitel fokussiert auf die Argumente der Frauenbewegung, die Selbstbestimmung und Reproduktivität in den Mittelpunkt stellen.
3.4. Der gesetzliche Änderungsprozess des §218 zwischen 1970 und 1995: Der Abschnitt beschreibt die rechtlichen Anpassungen nach den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts und die politischen Spannungsfelder.
4. §219 Schwangerschaftskonfliktberatung: Hier wird die Einführung der verpflichtenden Beratung analysiert und kritisch in Bezug auf staatliche Kriminalisierung und Bevormundung der Frau bewertet.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Argumente von Simone de Beauvoir eine klare Traditionslinie zur Frauenbewegung aufweisen, während das Abtreibungsrecht weiterhin konservativ geprägt bleibt.
Schlüsselwörter
Abtreibung, § 218, Simone de Beauvoir, Selbstbestimmung, Frauenbewegung, Mutterschaft, Schwangerschaftskonfliktberatung, Reproduktive Autonomie, Gesetzgebung, Diskursanalyse, Bundesverfassungsgericht, Lebensrecht, Fötus, Patriarchat, Geschlechterungleichheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Abtreibungsdebatte in Deutschland zwischen 1970 und 1995 im Kontext der theoretischen Ansätze von Simone de Beauvoir.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentral sind die juristische Geschichte des § 218, die feministische Kritik an staatlicher Kontrolle über den weiblichen Körper sowie die Auseinandersetzung zwischen konservativen und emanzipatorischen Argumentationslinien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Wie relevant und aktuell waren die Argumente aus „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir in der Abtreibungsdebatte von 1970 bis 1995 in Deutschland?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Diskursanalyse und eine historische Untersuchung von Gesetzgebungsprozessen sowie die theoretische Aufarbeitung philosophischer und feministischer Schriften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung von Beauvoirs Werk, eine historische Aufarbeitung der Kontroverse um den § 218 StGB sowie eine detaillierte Analyse der Argumente von Befürwortern und Gegnern der Abtreibung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Abtreibung, Selbstbestimmung, § 218, Simone de Beauvoir und Reproduktive Autonomie charakterisiert.
Inwiefern beeinflussten die Urteile des Bundesverfassungsgerichts den Diskurs?
Die Urteile von 1975 und 1993 orientierten sich an konservativen Wertvorstellungen, indem sie dem Lebensschutz des Fötus Vorrang vor den Persönlichkeitsrechten der Frau einräumten.
Warum wird die Schwangerschaftskonfliktberatung kritisiert?
Die Beratung wird als staatliches Instrument kritisiert, das die Frau kriminalisiert und unter dem Vorwand des Lebensschutzes zur Austragung der Schwangerschaft drängen möchte, statt die individuelle Selbstbestimmung zu stärken.
- Citation du texte
- Laura Stöber (Auteur), 2016, Der Einfluss Simone de Beauvoirs auf die Abtreibungsdebatte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460496