Naturpädagogik in der Kita. "Kleine Meise, kleine Meise"

Ein sozialpädagogisches Angebot für den Elementarbereich


Hausarbeit, 2018

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Die Situationsanalyse
1.1. Die SPA
1.2. Erkenntnisse im Hinblick auf einzelne Kinder oder
die Gruppe
1.3. Bezug des Themas zum Rahmenplan der Einrichtung
1.4. Bezug des Themas zum Bildungsplan
1.5. Zielgruppe

2. Die Sachanalyse
2.1. Didaktische Analyse
2.1.1. Allgemeiner didaktischer Schwerpunkt und Bedeutung für die Zielgruppe
2.1.2. Ausgewählte didaktische Elemente und Bedeutung für die Zielgruppe
2.2. Methodische Analyse

3. Zielsetzung

4. Planung und Durchführung
4.1. Material- und Medienauswahl
4.2. Raumplanung

5. Literatur

6. Verlaufsplan

1 Die Situationsanalyse

1.1. Die SPA

Bei meiner heutigen Aktivität handelt es sich um ein naturpädagogisches Sprachförderangebot mit dem Titel „Kleine Meise, kleine Meise“. Ich werde zusammen mit ausgewählten (siehe Punkt 1.5. Zielgruppe) Kindern der ***gruppe Vogelfutterknödel herstellen. Diese werden dann, verpackt in einem Vogelfutternetz, in einem wetterfesten Vogelhäuschen platziert, welches die Kinder mit nach Hause nehmen dürfen. Neben dem naturpädagogischen Aspekt mit der Vermittlung von ersten Kenntnissen über das Leben der heimischen Vögel (ich beschränke mich heute auf die heimische Meise) im Winter soll dieses Angebot in besonderer Weise der Sprachförderung sowie der Sinneswahrnehmung dienen. Das Alter der Kinder sowie deren in erster Linie sensomotorischer Entwicklungs- und Sprachstand sind Grundlage dieser ganzheitlichen Aktivität, die ein hohes Maß an Selbstaktivität und Wahrnehmungsmöglichkeiten gewährleistet. Alle Zutaten (ich beschränke mich hierbei auf fünf Zutaten) zur Herstellung der Knödel werden auf einem Tisch ausgelegt. Die Vorbereitung auf die Aktivität erfolgt im Stuhlkreis, beginnend mit dem Kinderlied: „Kleine Meise, kleine Meise…“ Dieses wird, parallel zur Gitarrenbegleitung, von den Kindern in Form eines kleinen Darstellungsspieles nachgespielt und soll der Hinführung zum Thema dienen. In einem folgenden Gesprächskreis werden die Kinder auf die eigentliche Aktivität vorbereitet, die dann am Tisch stattfindet. Die SPA gliedert sich somit im Grunde genommen in zwei größere Einheiten, wobei die erste Einheit der Hinführung dienen soll. Diese Vorgehensweise ist der Zusammensetzung der Zielgruppe geschuldet und macht eine gewisse zeitliche Flexibilität im Hinblick auf Einleitung, Hauptteil und Schluss erforderlich.

1.2. Erkenntnisse im Hinblick auf einzelne Kinder oder die Gruppe

„Was essen eigentlich die Vögel/die Tiere im Winter? Es gibt keine Fliegen und die Würmer sind doch auch tief in der Erde. Und überhaupt gibt es doch auf den Bäumen auch nichts mehr zu essen für die Vögel. Was können wir denn da tun?“

Diese und ähnliche Fragen äußern die Kinder der ***gruppe immer mal wieder, wenn sie sich über die Jahreszeit Winter unterhalten. Gerade wenn es schneit machen sie sich Gedanken, ob auch die Tiere, so wie sie, ein gemütlich warmes und trockenes Zuhause und ausreichend Nahrung haben. Im Stuhlkreis wird dieses Thema dann in der Regel aufgegriffen, so dass die Kinder erste Kenntnisse über das Leben vieler Tiere in der kalten Jahreszeit erwerben können. Einzelne Kinder erzählen dann über Vogelfutterstationen, die ihre Eltern im Garten aufgestellt haben. Einige von ihnen wissen auch um die Bedeutung der unterstützenden Fütterung gerade von Vögeln. Allerdings gibt es in der Gruppe auch Kinder, die bislang noch wenig bis keine Naturerfahrungen gemacht haben. Dieses Thema möchte ich deshalb heute mit den ausgewählten Kindern der Sonnengruppe aufgreifen und Vogelfutter (Meisenknödel) selbst herstellen.

Grundlage für die Durchführung meiner heutigen SPA war das zielgruppenübergreifende Thema der vergangenen Wochen: „Tiere im Winter“. Im Rahmen der von mir vorbereiteten Themen wurde unter anderem besprochen, wie (den Kindern bekannte) Tiere den Winter überstehen. Wir haben herausgefunden, welche Tiere beispielsweise Winterschlaf halten und welche sich einen sicheren und warmen Unterschlupf bauen. Auch Vögel wurden thematisiert. Wir haben festgestellt, dass einige Vögel nach Süden in wärmere Gegenden fliegen und dass bestimmte Vogelarten hier überwintern. Im Verlauf fokussierte sich das Thema auf einen den Kindern bekannten Vogel, die Meise. Die einleitenden Fragen sowie meine gemachten Beobachtungen waren Impuls gebend für die thematische Auswahl der SPA, die gleichwohl die Erkenntnisse im Hinblick auf die Gruppe beziehungsweise einzelne Kinder begründen.

Weitere wichtige Gründe für die heutige Aktivität basieren auf zahlreichen Beobachtungen, die ich in der vergangenen Zeit während der Bastelaktivitäten gemacht habe. Feinmotorische Fähigkeiten wie beispielsweise das Schneiden mit einer Schere oder die Stifthaltung sind bei einigen Kindern, unabhängig von der noch nicht festgelegten Händigkeit, noch wenig vorhanden und erscheinen ungeschickt und „verkrampft“. Ohne Hilfe einer Erzieherin sind diese Kinder nicht in der Lage, die genannten Bastel- und Malwerkzeuge einzusetzen. Demzufolge zeigen sie nur zeitweise Interesse und geringe Ausdauer bei Angeboten, welche diese Fähigkeiten voraussetzen. Die Beweglichkeit der Finger sowie die der Hände insgesamt erscheinen noch eingeschränkt. Beim Kneten oder gar bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten fällt auf, dass das Rollen und Formen einer Kugel erkennbar schwer fällt. Dem gegenüber steht allerdings die Freude am Matschen, Kneten und „Herumpantschen“ mit verschiedenen Materialien. Diese Erkenntnis stammt aus einem Angebot, bei welchem mit Rasierschaum und Fingerfarben experimentiert wurde und bei dem es in erster Linie um die Förderung der sensomotorischen Wahrnehmung ging. Hier hatten diese Kinder deutlich sichtbares Interesse und große Ausdauer. Beim heutigen Angebot kann ich dieses Interesse aufgreifen, denn alle Materialien laden ein, mit den Händen zu fühlen und zu tasten, zu rollen und zu kneten, Kugeln zu formen und beispielsweise den „Pinzettengriff“ einzusetzen, wenn kleinere Zutaten zur Fettmasse hinzu gefügt werden. Darüber hinaus unterstütze ich die ebenfalls eingeschränkt erscheinende Sinneswahrnehmung einiger Kinder, denn alle Materialien kann man riechen, sehen und auch schmecken. Die Beschreibung der Sinneseindrücke dient zudem der wie folgt beschriebenen Förderung, auf welcher der Fokus der heutigen Aktivität liegen soll.

Die SPA heute dient in hohem Maße der Erweiterung des Sprachstandes und hier in besonderer Weise der Erweiterung wichtiger sprachlicher Kompetenzen. Dies ist deshalb für die Zielgruppe von Bedeutung, weil bei einigen der Kinder unter anderem der Wortschatz im Vergleich zu ihrem Alter nicht angemessen ausgeprägt erscheint. Dennoch verfügen alle über eine große Sprechfreude, diese will ich mit meiner Aktivität, die auch spielerische Elemente enthält, erhalten und sie nutzen, um die verbalen und kommunikativen Fähigkeiten der Kinder zu erweitern. Wichtig für mich wird sein, dass ich bei einigen Kindern ihrer Kognition entsprechend sehr kleinschrittig vorgehe, damit sie das Interesse nicht verlieren und sie sich mit ihren hoffentlich zahlreichen Äußerungen (auch wenn diese inhaltlich vielleicht nicht immer zum Thema passen) durchgängig wahrgenommen fühlen.

1.3. Bezug des Themas zum Rahmenplan der Einrichtung

Gemäß dem Leitgedanken des Evangelischen Kindergartens *** besteht ein wichtiger Auftrag aller im Team arbeitenden pädagogischen Kräfte darin, „[…] die Kinder in ihrer gesamten Entwicklung […] zu unterstützen und zu fördern.“1 Zu dieser Gesamtheit zählen sicherlich auch das Entwickeln eines wertschätzenden Umgangs mit der Natur und ein ausgeprägtes Wissen über diese. Darüber hinaus wirken Naturerfahrungen, sofern sie regelmäßig und konsequent angeboten werden, auf die gesamte Persönlichkeit eines Kindes. Naturpädagogische Aktivitäten wie zum Beispiel die Herstellung von Vogelfutter fördern sowohl motorische, sprachliche und kognitive Fähigkeiten als auch die Differenzierung der Sinne auf beispielsweise visueller und taktiler Ebene. Lernprozesse werden initiiert in der aktiven Auseinandersetzung mit der Natur und somit auch mit der Umwelt, die mithin das Entwickeln einer Werthaltung gegenüber dieser begünstigt. In der Gemeinschaft der Gruppe, die in einem partizipatorischen Prozess mit einem hohen Maß an Eigenaktivität miteinander kommuniziert, wird darüber hinaus das Selbstvertrauen jedes einzelnen Kindes gestärkt und sozialemotionale Kompetenzen auf- beziehungsweise ausgebaut.

In der Konzeption der Einrichtung wird wie folgt beschrieben: „ Wir sehen unseren Kindergarten als ein Ort für Kinder, um Selbstbestätigung zu erfahren und Selbstvertrauen zu bekommen. Durch vielfältiges Lernen, durch das Erleben mit sich selbst und mit anderen und durch eine ganzheitliche Erziehung […] wird das Kind auf die Zukunft […] vorbereitet.“2 Diesen Ansatz greife ich auf, indem ich den Kindern beim heutigen Angebot die Möglichkeit biete, durch aktives Tun (eigene Herstellung der Meisenknödel, freie Auswahl der Zutaten) Selbstbestätigung zu erfahren. Sie erleben sich als selbstwirksam, wenn sie ihre eigenen Ideen umsetzen können und stärken somit auch ihr Selbstvertrauen. Der achtsame Umgang mit Nahrungsbestandteilen, die für die Herstellung der Knödel benötigt werden, das Wissen um die Bedeutung von Nahrung für Tiere im Winter und die „spielerische Auseinandersetzung mit der Umwelt“3 sollen einen langfristig und nachhaltig sensiblen Umgang in und mit der Natur anregen. Dies alles passiert im Dialog miteinander und stellt die Bedeutung des Gesprächs (also auch das o.g. Erleben mit anderen) als alltagsintegrierte Sprachfördermaßnahme während der Aktivität in besonderer Weise heraus.

Die Einrichtung greift zum besseren Verständnis der in der Konzeption erläuterten Bedeutung der pädagogischen Arbeit ein Zitat des chinesischen Philosophen Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.) auf: „Erzähle mir und ich vergesse. Zeige mir und ich erinnere mich. Lass mich tun und ich verstehe!“4 Dieses Zitat soll meinem heutigen Angebot zugrunde liegen.

Einer der wichtigsten Ansätze im Kindergarten *** ist das „[…] situationsorientierte Arbeiten nach Bedürfnissen und Lebenssituationen.“5 Verbunden ist dieser Ansatz unter besonderer Herausstellung der Wertevermittlung mit konkret formulierten Lernzielen, nämlich, dass Kinder „[…] durch Kommunikation und Kooperation […] sich spielerisch mit der Umwelt auseinandersetzen, dass sie […] ihre Sinne öffnen – nach außen und nach innen.“6 Übertragen auf mein Angebot bedeutet dies, dass die Kinder in der Gemeinschaft der Gruppe und im Dialog miteinander im Sinne einer alltagsintegrierten Sprachfördermaßnahme mit all ihren Sinnen wichtige Naturerfahrungen machen können, welche sich an ihren Interessen und Bedürfnissen orientieren und auf ihre (zukünftige) Lebenssituation übertragen werden können. Erste Naturerfahrungen, auch wenn sie heute nicht direkt in der Natur gemacht werden, dienen darüber hinaus dem Erwerb von ökologischem Bewusstsein. Das ist deshalb wichtig, weil nur durch solche Erfahrungen, wie wir sie beim Angebot heute machen, ökologische Handlungskompetenz überhaupt erst möglich gemacht werden kann.

Ein Schaubild in der Konzeption des evangelischen Kindergartens *** veranschaulicht die Ergänzung vom baden-württembergischen Orientierungsplan für Bildung und Erziehung mit dem institutionellen Profilpapier der Einrichtung. Das „christliche Menschenbild als Grundlage […] und Selbstverständnis“7, als Teil des Profils, steht zum Beispiel in direktem Zusammenhang mit den Grundlagen und verbindlichen Zielen aus dem Orientierungsplan und bildet somit die Ausrichtung des pädagogischen Handelns. Laut baden-württembergischem Orientierungsplan steht „das Wohl des Kindes im Vordergrund“.8 Schwerpunkt ist die „Perspektive des Kindes und die Orientierung an seinen Stärken und […] Interessen“.9 Diese Kernaussagen finden sich in ähnlicher Form auch im evangelischen Profil und dem Auftrag der Einrichtung: „Der Mensch ist ein einmaliges Geschöpf. Jedes Kind ist ein vollwertiger Mensch und wird angenommen, wie es ist und […] in seiner Gesamtentwicklung gefördert. Es hat die Freiheit zum Handeln, das Recht zur Mitbestimmung sowie das Recht auf Bildung/Selbstbildung von Anfang an.“10 Um dies zu ermöglichen, sollen „Angebote eine hohe fachliche Qualität besitzen.“11 Die Herausforderung bei einer naturpädagogischen Aktivität liegt demzufolge darin, Bildungsprozesse zu initiieren, die basierend auf den Interessen und Themen der Kinder (wie in Punkt 1.2. erläutert) eine hohe Selbstaktivität beinhalten, die Partizipation zulassen und die die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Thema Natur und Naturerfahrung zu einem Erlebnis für die Kinder machen. Weil die thematische Auseinandersetzung mit dem Lebensraum der Meise im Winter und die Herstellung von Nahrung für diese, im Sinne von naturpädagogischer Bildung, nur eine von vielen Möglichkeiten darstellt, soll das Angebot heute lediglich den Einstieg zu einem ausführlichen und über einen längeren Zeitraum andauernden Naturprojekt bilden, welches mit dem Bau eines Insektenhotels beispielsweise seinen Abschluss finden soll.

Konzeptionell ist dies darüber hinaus in folgendem Ansatz verankert: „Unsere Einrichtung orientiert sich in ihrer pädagogischen Arbeit […] an den Jahreszeiten, […] dem Entwickeln von Projekten […]. Alle pädagogischen Ansätze fließen ineinander über.“12 Es bietet sich folglich also an, diese Aktivität in einem Projekt weiterzuführen und im Jahresverlauf Veränderungen zu beobachten, zu erkennen und festzuhalten.

1.4. Bezug des Themas zum Bildungsplan

Im A-Teil des Orientierungsplanes für Bildung und Erziehung des Landes Baden-Württemberg unter 1 - Grundlagen und Ziele -, heißt es wie folgt: „Die ersten Lebensjahre und das Kindergartenalter sind die lernintensivste Zeit im menschlichen Dasein.“13 Diese Kernaussage verweist auf die Wichtigkeit, Kindern in der beschriebenen Zeit verschiedenste und vielfältigste Eindrücke und Möglichkeiten zu bieten, damit sie diese auf unterschiedliche Weise umsetzen können und somit folglich auch lernen können. An anderer Stelle wird darauf hingewiesen, dass „[…] Kinder Wissen von Zusammenhängen brauchen, um sich als selbstwirksam zu erleben und um die Welt aktiv mitgestalten zu können. Sie setzen sich neugierig forschend […] mit den Phänomenen der Welt auseinander und lernen, sich – in Achtung vor der natürlichen Umwelt – die Gesetzmäßigkeiten und die vielfältigen Formen von Natur […] zu erschließen“.14 „Freude am Lernen und Engagiertheit sind unverzichtbare Grundlagen für den lebenslangen Lernprozess und für die Entwicklung von Eigenverantwortung.“15

Naturpädagogische Angebote dienen also in hohem Maße dazu, um sich mit den Phänomenen der Welt und den Gesetzmäßigkeiten der Natur auseinanderzusetzen. Das Thema der heutigen Aktivität zeigt in einfacher und verständlicher Weise auf, wie sich Kreisläufe in der Natur gestalten und gegenseitig bedingen. Zudem sind Kinder, wenn ihre Interessen aufgegriffen werden, in hohem Maße engagiert und demzufolge intrinsisch motiviert. Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Bildungsbiographie.

Betrachtet man den Kindergartenalltag als Teil der alltäglichen Auseinandersetzung mit der Umwelt, so geschieht auch hier „kontinuierlich und ganz nebenbei Lernen.“16 Im Orientierungsplan wird unter Punkt 1.3 - Wie Kinder lernen - beschrieben, dass „Lernen ständig passiert, sobald der Mensch mit seiner Umwelt agiert, wenn er sich mit Dingen seiner Umwelt [und somit auch mit der Natur] und mit anderen Menschen auseinandersetzt. Das Ergebnis des Lernens schlägt sich als […] Gedächtnisspur, als „gebrauchsabhängiger Trampelpfad im Gehirn“ nieder.“17 Wenn Kinder also lernen, sammeln sie Erfahrungen, die gleichsam wichtig sind, um „[…] dahinter Regeln und Strukturen zu erkennen, um daraus abzuleiten, welches Verhalten in Zukunft das Richtige ist.“18 Bezug nehmend auf mein heutiges Angebot bedeutet dies, dass die Kinder der Sonnengruppe anhand der Erfahrung, die sie durch die Herstellung des Vogelfutters machen, eine Gedächtnisspur legen oder einem bereits angelegten „Trampelpfad“ folgen können. Sie erkennen Abläufe und Regeln in der Natur, können Zusammenhänge zuordnen und lernen im Verlauf des nachfolgenden Projektes die unterschiedlichen Lebensräume der Tiere im Jahreszeitenkreis kennen. Sie erweitern ihre Gedächtnisspuren und betten ihre Erfahrungen in immer größer werdende Zusammenhänge ein. Dies geschieht in der Gemeinschaft der Gruppe und mit Hilfe ihrer kreativen und verbalen Ausdrucksmöglichkeiten, die ich heute fördern und erweitern möchte.

Im B-Teil des baden-württembergischen Orientierungs- und Bildungsplanes wird in insgesamt sechs Bildungs- und Entwicklungsfeldern ein sogenannter Bildungskompass formuliert, der, dem Wesen des O-Planes entsprechend, die „[…] Kinderperspektive betont und deshalb von den Motivationen des Kindes ausgeht.“ Die dadurch entstandene Matrix „ist leitend für die Persönlichkeitsentwicklung, für das Hineinwachsen in die Kultur und für die Sozialisation des Kindes von Geburt an.“19 Die Bildungs- und Entwicklungsfelder sind eng miteinander verzahnt, was bedeutet, „dass Bildungsprozesse nie alleine einem Feld zuzuordnen sind. So zieht sich beispielsweise die Sprachbildung wie ein roter Faden durch alle Bildungs- und Entwicklungsfelder hindurch.“20

„Die Beherrschung der Sprache […] ist Schlüssel für gesellschaftliche Teilhabe und entscheidend für alle Lernprozesse […]. Defizite in der Sprache wirken sich nicht nur hemmend auf die Kommunikation mit anderen […] aus. Spätere Probleme […] beim Darstellen eines Sachverhaltes sind die Folge.“21 An anderer Stelle im Orientierungsplan heißt es, dass Sprache unerlässlich ist, um sich zu verständigen, um Dinge zu benennen, um Gedanken zu klären und auszutauschen und um sich letztendlich Wissen anzueignen und weiterzugeben.22

Davon ausgehend, dass einige Kinder der heutigen Zielgruppe besonderen Unterstützungsbedarf im Bereich der Sprache benötigen, habe ich mich bei der Zielsetzung bewusst für das Entwicklungsfeld Sprache entschieden. Mit meinem naturpädagogischen Angebot, welches sich an den Interessen der Kinder orientiert, kann ich in meiner Rolle als Erzieherin die Bildungsprozesse der Kinder initiieren, diese fördern und den zugrunde liegenden, individuellen Entwicklungsständen gerecht werden. Im Orientierungsplan wird dies als pädagogisches Kerngeschäft beschrieben, welches durch meine Haltung, meinem Auftreten und meinem didaktischen Geschick zur Verwirklichung der Kernziele dienen sollte.23 Eines dieser Kernziele wird im Entwicklungsfeld Sprache dezidiert beschrieben. „Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen wird nicht als isoliertes Sprachtraining verstanden, sondern als gezielte Erweiterung der Sprachkompetenz durch in den Alltag integrierte sprachanregende Angebote.“24 „Kinder erleben [somit] Interesse und Freude an der Kommunikation, erweitern und verbessern ihre […] verbalen Ausdrucksmöglichkeiten. […] Sie nutzen Sprache, um an der Gemeinschaft teilzuhaben und [um] das Zusammenleben mit anderen zu gestalten.“25 Wenn ich es also schaffe, die Motivation und die Sprechfreude der Kinder zu erhalten und anzuregen, trage ich mit meinem Angebot dazu bei, das o.g. Kernziel zu erreichen.

Bei der Überlegung, auf welchen Knotenpunkt der Matrix ich den Schwerpunkt setzen möchte, waren meine gemachten Beobachtungen (siehe Punkt 1.2.) ausschlaggebend. Situationen zu schaffen, in denen neue Begriffe erschlossen und benannt werden, implementiert aus meiner Sicht das Anbieten von naturpädagogischen Angeboten als Teil eines breiten pädagogischen Handlungsspektrums, damit Sprache, wie im gewählten Knotenpunkt C3 postuliert, genutzt werden kann, um sich auszudrücken.26 In gleicher Weise fließt der Knotenpunkt B3 – Die Welt entdecken und verstehen - mit ein, innerhalb dessen die Impulsfrage gestellt wird, welche Gelegenheiten Kindern geboten werden, sich mit ihrer […] Umwelt auseinanderzusetzen und sie ermutigt werden, sich diese durch Fragen zu erschließen.27 Mein Angebot heute bietet solch eine Gelegenheit und kann im Laufe der Zeit in immer größer werdende Zusammenhänge eingebettet werden. Wichtig hierbei ist aus meiner Sicht das Arbeiten nach dem Spiralprinzip (nach J. Bruner)28, damit das „Erschließen der Welt“ gelingen kann. Das Spiralprinzip implementiert zudem das didaktische Lernprinzip der Lebensnähe, welches einen wichtigen Grundsatz beinhaltet, nämlich dass die Erzieherin vom Einfachen zum Komplizierten geht.29 Dieses Lernprinzip werde ich heute in besonderer Weise berücksichtigen und mich auf das „Einfache“ beschränken. Dies ist zum einen dem kognitiven Stand einiger Kinder aus der Zielgruppe geschuldet und vermeidet zum anderen Überforderungssituationen, die die Motivation der Kinder hemmen würden.

„Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, außer dem Verstand selbst.“ 30

Dieses Zitat leitet die Ausführungen im Entwicklungsfeld Sinne ein und verweist auf die Bedeutung von ganzheitlichen Sinneserfahrungen für die gelingende Entwicklung und somit auch für eine zufriedenstellende Bildungsbiographie des Kindes.

„Kinder nehmen ihre Umwelt über ihre Sinne wahr und erforschen und entdecken die Welt durch Körper- und Bewegungswahrnehmung, durch Sehen, Beobachten, Hören, Lauschen, Tasten, Riechen […].“31 „Wahrnehmung ist aber mehr als reine Sinnesleistung: Ihre Qualität liegt in der Vernetzung und Verarbeitung der einzelnen Bereiche zu einem ganzheitlichen Sinneseindruck. […] Kinder erleben bei diesem aktiven Prozess des Wahrnehmens die Welt in ihrer Vielfalt und Differenziertheit, versuchen sich darin zu orientieren und sie zu begreifen. Dazu brauchen sie vielfältige Gelegenheiten zu sinnlich wahrnehmbaren Welterfahrungen, Zeit und Raum zum Erforschen, […] und Erleben unterschiedlicher Erfahrungsfelder von Alltag […] und Natur, […] sie brauchen den konkreten Umgang mit den Dingen.“32

Diese Aussagen begründen meine Wahl für ein weiteres Bildungs- und Entwicklungsfeld aus dem Orientierungsplan - das Entwicklungsfeld Sinne.

Naturpädagogische Angebote eignen sich in besonderer Weise dafür, um neue Sinneseindrücke zu sammeln, zumal einige Kinder aus der heutigen Zielgruppe, wie nachfolgend in 1.5. beschrieben, in ihren häuslichen Settings wenig oder nur eingeschränkten Zugang zu naturnahen Sinneswahrnehmungen haben. Mit meiner Aktivität kann ich dazu beitragen, dass sie den Lebensraum Natur über ihre visuelle, taktile und auch gustatorische Wahrnehmungsfähigkeiten erforschen können. Bereits beim Herstellen der Meisenknödel nehmen Kinder wahr, wie sich die einzelnen Bestandteile anfühlen, wie sie riechen und auch wie sie schmecken. Sie schulen ihre taktile Wahrnehmung und darüber hinaus ihre feinmotorischen Fähigkeiten (diese sind zwar dem Entwicklungsfeld Körper zuzuordnen, sollen aber dennoch hier kurz erwähnt werden), wenn sie zum Beispiel die Knödelmasse durchkneten und zu einer Kugel formen. Obwohl voraussichtlich nur wenige der Zielgruppenkinder dazu in der Lage sind, bekommen sie bei der Aktivität dennoch die Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln und sich in die Lage der Meise zu versetzen mit der Fragestellung beispielsweise: „Wenn du eine Meise wärst und den Winter im Freien verbringen müsstest, was würdest du dir wünschen, damit du dich wohl fühlen würdest und was bräuchtest du zum Überleben?“ Sie nehmen Bezug zu ihrer eigenen Lebenswelt, was dem didaktischen Lernprinzip der Lebensnähe entspricht. Basierend auf diesen Vergleichen kann, zu einem späteren Zeitpunkt, in der Großgruppe und im folgenden Projekt überlegt werden, was getan werden muss, damit sich Tiere dauerhaft sicher und wohl fühlen. Es wird also der achtsame Umgang erlernt. Gewonnene Erkenntnisse können somit in immer größer werdende Zusammenhänge eingebettet werden, die anfangs erwähnten Gedächtnisspuren werden demzufolge erweitert.

Bei der Auswahl des Knotenpunktes aus der Bildungs- und Erziehungsmatrix waren folgende Zielsetzungen aus dem Entwicklungsfeld Sinne ausschlaggebend: „Kinder erlangen durch die differenzierte Entwicklung, Nutzung und Integration ihrer Sinne Orientierungs-, Gestaltungs- und Ausdrucksfähigkeit und lernen achtsam zu sein. […] Sie erfahren […] Selbstvertrauen […] und erleben ihre Sinne als Grundlage für Aktivität und Teilhabe.“33 Aus diesem Grund erschien mir der Knotenpunkt B2 aus der Matrix – Die Welt verstehen und entdecken (Das Ich, Natur und Umwelt, […]) – geeignet, weil ich mit meiner heutigen Aktivität „neue Erfahrungsräume schaffe und […] den Kindern die Möglichkeit biete, die Natur [oder einen Teil davon] mit ihren Sinnen zu erleben, […] damit sie unmittelbare Lernerfahrungen machen können.“34

Im einleitenden Teil des Punktes - Bezug zum Orientierungsplan – wurde bereits beschrieben, dass Bildungsprozesse nie isoliert nur einem Entwicklungsfeld zuzuordnen sind. Deshalb werde ich heute ergänzend auf ein Weiteres eingehen, welches sich aus meiner Sicht ideal mit dem Entwicklungsfeld Sinne kombinieren lässt. Da allerdings die Zielsetzung meiner SPA schwerpunktmäßig nicht auf diesem Entwicklungsfeld liegt, tangiert dieses lediglich den Punkt - Bezug zum Orientierungsplan - und wird demzufolge nur kurz aber dennoch aussagekräftig beschrieben.

[...]


1 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

2 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

3 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

4 Quelle: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

5 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

6 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

7 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

8 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 18

9 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 59

10 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

11 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

12 Vgl.: Konzeption Evangelischer Kindergarten; Stand April 2013, ohne Seitenangabe

13 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 18

14 Vgl.: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 21

15 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 21

16 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 34

17 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 30f

18 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 31

19 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 96

20 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 96

21 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 131

22 Vgl.: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 131

23 Vgl.: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 59

24 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 132

25 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 134

26 Vgl.: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 136f

27 Vgl.: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 135

28 Vgl.: https://kira.dzlm.de/kirafiles/uploads/doc/Spiralprinzip.pdf; Zugriff am 08.01.2018 um 12.15 Uhr

29 Vgl.: Thiesen, Peter.: Die gezielte Beschäftigung im Kindergarten; 14. Auflage; Lambertus Verlag, Freiburg i. Breisgau 2010; ISBN 978-3-7841-1976-2

30 Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) zitiert in: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 119

31 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 119

32 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 120

33 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 123

34 Quelle: Baden-württembergisches Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Orientierungsplan für Bildung und Erziehung, 2014, Seite 125

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Naturpädagogik in der Kita. "Kleine Meise, kleine Meise"
Untertitel
Ein sozialpädagogisches Angebot für den Elementarbereich
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
43
Katalognummer
V460689
ISBN (eBook)
9783668904279
ISBN (Buch)
9783668904286
Sprache
Deutsch
Schlagworte
naturpädagogik, kita, kleine, meise, angebot, elementarbereich
Arbeit zitieren
Anette Henrich (Autor), 2018, Naturpädagogik in der Kita. "Kleine Meise, kleine Meise", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460689

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