Um die Jahrtausendwende entstand in der Wissenschaft Sozialer Arbeit eine heftige Diskussion um den Begriff des „politischen Mandats“, wie z.B. auf der Tagung „Soziale Arbeit hat Zukunft“ oder aber im Sammelband „Hat Soziale Arbeit ein politisches Mandat? Positionen zu einem strittigen Thema“. Die Standpunkte und Argumentationsstränge sind dabei sehr vielfältig und kontrovers, wobei sich die Diskussion vor allem um die Frage des Mandats dreht, weniger um die des Politischen. Unbestritten ist aber, dass mit der Sozialen Arbeit auch eine praktische Einflussnahme auf Politik einhergeht.
Doch wie sieht diese konkret aus? Wer ist wo Akteur*in? Welche Methoden werden angewandt? Wie wirksam ist die Arbeit? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit anhand eines Beispiels untersucht und dargestellt werden. Der Bereich der Ausbildungsförderung für Geflüchtete eignet sich hierfür besonders, da es hier eine gesetzlich normierte Lücke in der Förderung gibt und aktuell viele von uns Sozialarbeiter*innen mit dem Problem in ihrem Arbeitsalltag befasst sind. In diesem Arbeitsfeld besteht zudem die Gefahr, dass wir uns durch die strukturellen Barrieren auf die umsetzbaren Möglichkeiten beschränken. Mit dem Ziel, die Handlungsspielräume der Klient*innen sowie die eigenen zu erweitern, ist es aber umso wichtiger, sich gegen die Zwänge zu positionieren und politische Bewegungen anzustoßen. Wie dies auf Bundes-, Landes- sowie kommunaler Ebene aussehen kann, wird im Hauptteil der Arbeit dargelegt. Zunächst wird jedoch das politische Handeln in der Sozialen Arbeit aus wissenschaftlicher Sicht erörtert, bevor dann die konkrete Problemdarstellung erfolgt. Abschließend wird ein Fazit gezogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Politisches Handeln in der Sozialen Arbeit
3 Problemdarstellung: Förderlücke in der Ausbildungsförderung für Geflüchtete
3.1 Gesetzeslage
3.2 Sozialarbeitswissenschaftliche Analyse
4 Interventionen der Sozialen Arbeit
4.1 Bundespolitische Ebene
4.1.1 Stellungnahmen zu den Gesetzentwürfen
4.1.2 Wirkung
4.2 Landesebene
4.2.1 Stellungnahmen Integrationsausschuss
4.2.2 Wirkung
4.3 Kommunale Ebene
4.3.1 Lobbyarbeit in der Stadt Dortmund
4.3.2 Wirkung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das politische Handeln in der Sozialen Arbeit am Beispiel der bestehenden Förderlücke in der Ausbildungsförderung für Geflüchtete in Nordrhein-Westfalen. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, wie Akteure der Sozialen Arbeit auf verschiedenen politischen Ebenen – von der Bundes- über die Landes- bis zur kommunalen Ebene – auf diese gesetzlichen Barrieren reagieren, um die Handlungsspielräume ihrer Klientel sowie ihre eigenen professionellen Möglichkeiten zu erweitern.
- Politisches Mandat und gesellschaftspolitische Verantwortung in der Sozialen Arbeit.
- Analyse der gesetzlichen Förderlücke (SGB III, BAföG, AsylbLG) für Geflüchtete.
- Advocacy-Arbeit und Einflussnahme auf die Bundes- und Landespolitik.
- Kommunale Lobbyarbeit als Lösungsansatz am Beispiel der Stadt Dortmund.
- Sozialarbeitswissenschaftliche Einordnung von Ausgrenzungsrisiken durch den Ausschluss von Bildungsförderung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Sozialarbeitswissenschaftliche Analyse
Ausländerrechtliche Sondernormen sind völker- und verfassungsrechtlich grundsätzlich zulässig und stellen keine Diskriminierung im Sinne des Artikel 2 Absatz 2 des UN-Sozialpaktes dar. Aber auch wenn bestimmten Geflüchteten das Menschenrecht ‘Zugang zu Bildung’ nicht gewährt wird, ihre Menschenwürde ist und bleibt davon unrelativierbar! Und an diesem Wert müssen wir unser Handeln in der Sozialen Arbeit ausrichten.
Vor diesem Hintergrund ist die Förderlücke in der Ausbildungsförderung für Geflüchtete in vielerlei Hinsicht fatal: Einerseits stellt ein Migrations- bzw. Fluchthintergrund an sich bereits ein entscheidendes soziales Ausgrenzungsrisiko dar, vor allem im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt. Migrant*innen befinden sich oft in einem Teufelskreis aus geringer Bildung, fehlender Ausbildung und hoher Arbeitslosigkeit mit einem 2,5fach höheren Armutsrisiko. Dementsprechend nehmen sie überproportional stark Transferleistungen in Anspruch. Selbst bei formal gleichwertiger schulischer und beruflicher Qualifikation sind sie häufiger erwerbslos und verdienen in vergleichbarer Stellung deutlich weniger als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Wirkt Integrationspolitik diesen Ausgrenzungsmechanismen nicht konsequent entgegen, wirkt sich dies auch auf das gesellschaftliche Klima aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung diskutiert das politische Mandat der Sozialen Arbeit und führt das konkrete Fallbeispiel der Ausbildungsförderung für Geflüchtete als Untersuchungsobjekt ein.
2 Politisches Handeln in der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel erläutert die gesellschaftspolitische Verantwortung der Profession sowie die Notwendigkeit von Advocacy-Arbeit gegenüber Entscheidungsträgern.
3 Problemdarstellung: Förderlücke in der Ausbildungsförderung für Geflüchtete: Hier werden die rechtlichen Grundlagen sowie die kritische sozialarbeitswissenschaftliche Analyse der Förderlücke und ihrer fatalen Folgen für Betroffene dargelegt.
4 Interventionen der Sozialen Arbeit: Das Kapitel dokumentiert die praktischen politischen Bemühungen der Akteure auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, um auf eine Schließung der Förderlücke hinzuwirken.
5 Fazit: Das Fazit resümiert die Ergebnisse der verschiedenen politischen Ebenen und betont die Notwendigkeit, trotz mühsamer Prozesse auf allen Ebenen für die Rechte der Klienten einzutreten.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Politisches Mandat, Geflüchtete, Ausbildungsförderung, BAföG, SGB III, Förderlücke, Advocacy-Arbeit, Integrationspolitik, Soziale Ungerechtigkeit, Interessenvertretung, Sozialpolitik, Bildungsgerechtigkeit, Nordrhein-Westfalen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politische Engagement von Sozialarbeitern in Deutschland, um gesetzliche Barrieren abzubauen, die Geflüchteten den Zugang zu einer Berufsausbildung und damit zur gesellschaftlichen Teilhabe erschweren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das politische Mandat der Sozialen Arbeit, die rechtlichen Aspekte der Ausbildungsförderung für Geflüchtete und die Wirksamkeit von politischer Lobbyarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der gesetzlichen Situation und den Anforderungen einer sozialintegrativen Praxis aufzuzeigen sowie die Möglichkeiten und Grenzen politischer Einflussnahme durch Sozialarbeiter zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine praxisorientierte Analyse unter Einbezug von Stellungnahmen, Gesetzeslagen, Fachliteratur und Berichten über Lobbyarbeit auf verschiedenen politischen Ebenen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Problemdarstellung inklusive rechtlicher Analyse und eine detaillierte Ausarbeitung der Interventionen, die von Wohlfahrtsverbänden und Fachkräften auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene unternommen wurden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Soziale Arbeit, Politisches Mandat, Ausbildungsförderung, Förderlücke, Geflüchtete und Advocacy-Arbeit.
Warum wird die Situation der Geflüchteten als „Förderlücke“ bezeichnet?
Als Förderlücke wird die rechtliche Situation bezeichnet, in der Geflüchtete aufgrund ihres Aufenthaltsstatus weder Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe noch auf BAföG haben, was ihnen den Zugang zu einer beruflichen Qualifikation faktisch verwehrt.
Welche Rolle spielt die kommunale Ebene bei der Lösungssuche?
Die kommunale Ebene erwies sich als erfolgreichstes Feld für die Sozialarbeit: Hier konnten lokale Akteure durch die Darstellung konkreter Einzelfälle Entscheidungsträger bewegen, Härtefallregelungen zu nutzen und so die Lücke vor Ort zu schließen.
Inwiefern beeinflussen soziale Missstände das demokratische Gemeinwesen?
Die Arbeit argumentiert, dass soziale Ausgrenzung durch den fehlenden Zugang zu Bildung zu Bildungsverweigerung und Segregation führen kann, was das gesellschaftliche Klima belastet und den sozialen Zusammenhalt gefährdet.
- Quote paper
- Barbara Kremkau (Author), 2018, Politisches Handeln in der Sozialen Arbeit am Beispiel der Ausbildungsförderung für Geflüchtete in NRW, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460795