Kriemhilt und Medea - Zur mittelaltelichen Konzeption der rächenden Frau


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

46 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I.) EINFÜHRUNG

II.) DIE RACHE
II.I.) Die Blutrache
II.II.) Die Rache der Frau

III.) MEDEAS RACHE
III.I.) Rache für Jason an Peleus
III.II.) Die Minnehandlung zwischen Medea und Jason
III.III.) Rache an Jason

IV.) KRIEMHILTS RACHE
IV.I.) Die "senna" und Siegfrieds Tod
IV.II.) Rache für Siegfried
IV.III.)Rache für den Hortraub
IV.IV.)Etzels Werbung
IV.V.) Der "grôze mort"
IV.VI.)Hagens Tod
IV.VII.)Kriemhilts Tod

V.) VERGLEICH ZWISCHEN KRIEMHILT UND MEDEA

VI.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN

LITERATURVERZEICHNIS

I.) EINFÜHRUNG

Ziel dieser Hausarbeit ist es, zu untersuchen, ob es so etwas wie eine mittelalterliche Konzeption der rächenden Frau gibt. Zu diesem Unterfangen sollen exemplarisch die beiden Heroinen herangezogen werden, die am engsten mit der Rachethematik verknüpft sind: Medea und Kriemhilt. Medea gilt seit der Antike als die gnadenlose Rächerin schlechthin:1

"Das mit Medea verknüpfte Geschehen läßt einen dunklen Schicksalsfatalismus erkennen. Die Handlung ist unübertroffen in der Härte mit der sie eine Kette schicksalhafter und grauenvoller Taten herausstellt, die jede Hoffnung auf freie Selbstbestimmung des Daseins zerstören. Medea gibt Jason sinnbildlich das Leben zurück, indem sie ihm zuerst hilft, das goldene Vlies zu erbeuten, und dann seine Flucht aus Kolchis ermöglicht. [...] Sie nimmt jedoch alles zurück, was sie gegeben hat."2

Etwa den gleichen Stellenwert hat Kriemhilt für das Mittelalter; sie wird bisweilen sogar noch drastischer geschildert:

"Ihr Wesen ist Rache, das Ziel ist Hagen, der Weg führt über die Leichen ihres Kindes, ihres Volkes, ihrer Brüder. Sie ist exemplarische Rächerin in furchtbarster Konsequenz."3

Ein Vergleich dieser beiden Figuren als mittelalterliche Rächerinnen ist jedoch nicht unproblematisch, was schon in der Materie selbst begründet ist:

Kriemhilts Rache ist in quasi kanonischer Form im Nibelungenlied enthalten, bei dem es sich um einen gerade erst verschriftlichten Sagentext mit langer mündlicher Tradierung handelt.4 Bei Medeas Rache handelt es sich hingegen um eine Geschichte, die aus einem gänzlich anderen Kulturkreis stammt, bereits seit über 1000 Jahren verschriftlicht war, über ver- schiedene Quellen an den mittelalterlichen Autor weitergeleitet wurde und in verschiedenen Varianten vorliegt.5

Trotzdem soll ein Vergleich in diesem Zusammenhang versucht werden, da diese beiden Gestalten wohl die prominentesten Vertreterinnen einer femininen Rache im Mittelalter sind und bei allen Unterschieden auch viele Ähnlichkeiten aufweisen, was im folgenden genauer erörtert werden soll. - Da es im Rahmen dieser Arbeit jedoch leider nicht möglich ist, alle mittelalterlichen Medeenvarianten zu untersuchen,6 wie es zweifelsohne notwendig wäre, wollte man anhand eines exemplarischen Vergleiches dieser beiden Personen eine Gesamt- konzeption der rächenden Frau im Mittelalter vorlegen, birgt dies die Notwendigkeit in sich, eine Variante stellvertretend für die vielen herauszugreifen: Hierzu soll auf die in Konrad von Würzburgs "Trojanerkrieg" enthaltene Textfassung von Medea und Jason zurückgegriffen werden.7

Neben einer ausführlichen Untersuchung von Medeas und Kriemhilts Rache, der eine einleitende Besprechung des Prinzips der Rache und seiner - für diesen Zusammenhang entscheidenden - Unterform der Blutrache selbst, sowie der Möglichkeiten einer Frau zur Umsetzung derselben im Mittelalter vorangehen soll, wird in diesem Rahmen auch auf die strukturelle Verknüpfung des Rachemotivs mit anderen Leitmotiven in den behandelten Texten einzugehen sein. Abschließend sollen dann Motive und Vollzug der Rache durch Medea und Kriemhilt, sowie ihr Gesamtbild miteinander verglichen und geklärt werden, ob anhand eines exemplarischen Vergleiches dieser beiden Rächerinnen par excellence so etwas wie eine mittelalterliche Konzeption der rächenden Frau denkbar ist.

II.) DIE RACHE

In den überlieferten mittelhochdeutschen Texten wird "Rache" aus den verschiedensten Motiven ausgeübt: so etwa aus Verletzung der Ehre, aus Lehns- oder Bündnispflicht und aus Verwandtschafts- oder Freundschaftsbindung, um nur die häufigsten Beweggründe zu nennen.8

Das Motiv selbst grenzt Ereignisse ab, die die Vergeltung hervorrufen, stellt kausale Beziehungen her und ordnet den Aufbau der Handlung.

"Das Motiv verleiht Texten eine Atmosphäre des Geheimnisvollen und erzeugt durch den Entwurf und die Ausführung der Rachepläne stark entwickelte Spannungsbögen. In der Begründung der Vergeltung spielen sowohl individualpsycholgische Faktoren als auch gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. [...] Der Rächer versucht die Ungerechtigkeit der Welt auszugleichen, nachdem er physischen Schaden, finanzielle Einbuße und seelisches oder geistiges Unheil erlitten hat. [...] Die hochfliegenden Pläne werden jedoch im Verlauf des Geschehens häufig kompromittiert. [...] (Das Motiv bewirkt) eine strukturell schematische Handlungsfolge: tief empfundene, persönliche Beleidigung - Tatsachenermittlung - Ausarbeitung des Racheplans - Ausführung - sinn- entleerter Triumph."9

- So oder so ähnlich stellt es sich auch in den hier vorliegenden Texten dar.

Der Begriff selbst kann als Vergeltung für verletzte Ehre umschrieben werden, die von einem einzelnen oder von einem Verwandtschaftsverband geübt wird und in früheren Zeiten ein gebräuchliches Mittel war, sich auf dem Weg der Selbsthilfe Recht zu verschaffen und die persönliche oder gemeinschaftliche Ehre wiederherzustellen.10 Die Bedeutung des Wortes umfaßt die Begriffe "Verfolgung", "Strafe", "Elend"; der etymologisch verwandte "Recke" ist somit als ein Verfolgter, ein Landesflüchtiger zu charakterisieren.11

Die Ausübung der Rache wurde im Mittelalter als quasi sakrale Treuepflicht verstanden

- auch gegenüber toten Angehörigen - und bisweilen bis zum Kult gesteigert.12 Von der Sippe getragen, zielte die Rache nach dem Verursacher-, nicht nach dem Schuldprinzip, was bei- spielsweise bei Brünhilds Rache, die auf Siegfried, nicht auf Gunther ausgerichtet ist, deutlich erkennbar ist.13

Der Verlauf der Rache war höchst unterschiedlich: die Betroffenen konnten sich auf eine Sühneleistung einigen oder die Rache konnte tödlich enden; dann spricht man gemeinhin von "Blutrache".14 Im Zusammenhang mit der Thematik der Arbeit interessiert hier speziell die sogenannte Blutrache, da die Racheakte Medeas und Kriemhilts alle tödlich enden.15 In beiden Fällen steht die Rache in einem engen Zusammenhang mit Minne, was in eine prägnante Formel gefaßt wurde, die wie folgt lautet: "Liebe" wird zu "leit" und gebiert "râche". Dieser Umstand, daß sich "Liebe" in "leit" verwandelt, wird - wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise - in beiden Fällen16 durch eine Minneverfehlung der männlichen Protagonisten ausgelöst.

In der Medea-Episode Konrads wird die Rache ganz eindeutig durch eine Minneverfehlung Jasons, dessen Untreue ihr gegenüber, ausgelöst; diese Beleidigung, die vor allem eine der Ehre ist, zieht eine Umwandlung von "Liebe" in "leit" nach sich und läßt daraus resultierend den Wunsch nach "râche" aufkommen.17 In ganz anderer Weise bestätigt sich die Formel bei Kriemhilt: Sie liebte Siegfried über alles - immerhin ist es auch die einzige der drei Werbungen im "Nibelungenlied", die mit einer Minnehandlung verknüpft ist - und als Sieg- fried, der den Minnefrevel begangen hat, Brünhilds Rache anheimfällt, wodurch Kriemhilts Rache überhaupt erst ausgelöst wird, verkehrt sich zwar auch Kriemhilts "Liebe" in "leit" und gebiert "râche", doch in ganz anderem Sinne als bei Medea: Bei dieser bewirkte der Minne- frevel, daß sich diese Formel bewahrheitete, bei Kriemhilt hingegen - auf einer zweiten Ebene beziehungsweise späteren Stufe - die Rache für den Minnefrevel! Daß in "leit" verwandelte "Liebe", also "herzeleit" das Motiv und Objekt ihrer Rache ist, läßt sich jedoch ganz einfach am Text belegen:18

"Ze einen sunewenden der grôze mort geschach, daz diu frouwe Kriemhilt ir herzen leit errach an ir naechsten mâgen und ander manegem man." (NL 2086, 1 - 3)19

Im "grôze(n) mort" findet Bestätigung, was das Ziel dieser Rache sowohl bei Kriemhilt, als auch bei Medea ist, nämlich grundsätzlich die Tötung des Schuldigen. Deshalb steht - wie erwähnt - die Untersuchung der Blutrache, die eine Spezialform der Rache darstellt, im Zentrum dieser Arbeit; an keiner Stelle der Werke werden Wergeldzahlungen oder andere Formen der Sühne geleistet.

II. I.) Die Blutrache

Die Blutrache,20 die in den germanischen Ländern Mittel- und Nordeuropas noch bis ins 17. Jahrhundert hinein geübt wurde, ist eng verknüpft mit der Blutsymbolik:21 Das Blut verköpert nach mittelalterlicher Vorstellung das Leben des Menschen; hier befindet sich seine Seele, wird das Blut eines Menschen vergossen, so entschwindet auch sein Leben. Das Blut als Sitz der Lebenskraft ist eine Vorstellung, die vielen alten Kulturen gemein und vor allem im nordischen Bereich weit verbreitet war.22 Nach dieser Vorstellung ist Blut kraftspendend, hat göttliche Eigenschaften und dient als magisches Hilfsmittel, was offenbar wird, wenn die Burgunden nach dem Saalbrand das Blut der Erschlagenen trinken, um neue Kraft zu schöpfen:

"Dô sprach von Tronege Hagene: 'ir edeln ritter guot, swén twínge durstes nôt, der trinke hie daz bluot." (NL 2114, 1 - 2)

"Do die ándern daz gehôrten, daz ez in dûhte guot, dô wart ir michel mêre, die trunken ouch daz bluot. da von gewan vil krefte ir eteslîches lîp. Des engált an lieben friunden sît vil mánec wáetlîchez wîp." (NL 2117)

Auch im "Trojanerkrieg" (31264 ff.) wird Blut getrunken; überdies ergibt sich die dem Blut zugeschriebene Wirkung aber vor allem durch die dort geübte Verjüngungspraxis Medeas durch Ersetzung des alten Blutes von Eson und Peleus.23

Weil dem Blut solche magischen Eigenschaften zugesprochen werden, kann es aber auch nach Rache begehren; das vergossene Blut fordert des Getöteten Rache, was besonders gut an der Bahrprobe im Nibelungenlied sichtbar wird:

"Daz ist ein michel wunder; vil dicke ez noch geschiht: swâ man den mortmeilen bî dem tôten siht, sô bluotent im die wunden, als ouch dâ geschach. da von man die schulde dâ ze Hagene gesach. Die wunden vluzzen sêre alsam si tâten ê. die ê da sêre klageten, des wart nu michel mê." (NL 1044 - 1045, 2)

Die Schuld, die hierdurch offenbar wird, verpflichtet die Verwandten des Toten, seinen Ver- wandtschaftsverband oder auch Schwurbrüder und Bundesgenossen, zur Blutrache, fordert also den Tod des Mörders.24 - Die Blutrache bedeutet nach Schreuer eine "Opferung" des Mörders an den Erschlagenen; der Tote hat ein Recht auf das Blut des Täters, so daß für Mord und für Totschlag in der Regel kein Wergeld akzeptiert wird, sondern die "Blutrache" unum- gänglich ist.25

Als Hauptform der Fehde bestand die Blutrache bereits bei den Germanen; davon berichtet bereits der römische Historiker Tacitus:26

"Suscipere tam inimicitias seu patris seu propinqui quam amicitias necesse est; [...] periculosiores sunt inimicitiae iuxta libertatem."

"Feindschaften des Vaters oder eines Verwandten müssen so gut wie die Freundschaften übernommen werden; [...] Feindschaften sind sehr gefährlich bei so großer Freiheit."27

Wird der durch einen Einzelnen oder auch eine große Anzahl an Personen vertretene Ver- wandtschaftsverband durch einen ungesühnten Totschlag herausgefordert, so tritt ein

Mechanismus in Gang, der seinen Ursprung im germanischen Prinzip der Selbsthilfe hat und zwangsläufig zur Eskalation führt. Denn jetzt hat jedes Mitglied des Verwandtschaftsverbandes das Recht, wie auch die Pflicht, Rache an dem zu nehmen, der dem Verband Schaden zugefügt hat. Jedes Mitglied ist aber auch für den Rechtsbruch eines anderen Mitglieds des eigenen Verbandes verantwortlich und kann demgemäß zur Rechenschaft gezogen werden.28

Wird der Schuldige, oder ein anderes Mitglied von dessen Verwandtschaftsverband, das den- selben Rang wie dieser einnimmt, von dem Verband des Ermordeten getötet, so folgt darauf die Revanche des gegnerischen Verbandes, so daß die Folgen meist nicht abzusehen sind und zwangsläufig eskalieren. Dadurch ergibt sich eine Zwangsläufigkeit der Handlung, die die Rache - so auch in den beiden hier zugrundeliegenden Texten29 - zum movens der Handlung macht. Sie löst Ereignisketten aus, die in der Katastrophe und gegenseitigen Vernichtung enden müssen, da der Mechanismus von "Rache beschwört Gegenrache" kaum zum Stillstand gebracht werden kann, so daß eine Welt, die nach diesen Regeln funktioniert, buchstäblich an sich selbst zugrunde gehen muß, was die eigentliche Thematik des Nibelungenliedes30 und so etwa wie ihr moralischer Aussagewert ist, wenn der Dichter in der "Nibelunge nôt" schreibt:31

"Diu vil michel êre was dâ gelegen tôt. die liute heten alle jâmer unde nôt. mit leide was verendet des küneges hôchgezît, als ie diu liebe leide ze júngéste gît. Ine kán iu niht bescheiden, waz sider dâ geschach, wan ritter unde frouwen weinen ma dâ sach, dar zuo die edeln knehte, ir lieben friunde tôt. hie hât daz maere ein ende: daz ist der Nibelunge nôt." (NL 2378 -2379)

II .II.) Die Rache der Frau

Da das Thema der Arbeit die Herausarbeitung einer mittelalterlichen Konzeption der rächenden Frau ist, kommt man in diesem Zusammenhang nicht umhin, auf die Rechts- stellung der Frau hinsichtlich der Ausübung von Rache näher einzugehen. Nach germanischem und - daraus resultierend - nach mittelalterlichem (deutschem) Recht war die Handlungsfähigkeit der Frau stark eingeschränkt, da ihr nicht nur der Zutritt zu den meisten öffentlichen Ämtern, sondern auch das Waffen- sowie das Fehderecht verwehrt war.32

Die mittelalterliche Frau stand in Rechtsfragen - wie die germanische Frau - unter der Vor- mundschaft, der sogenannten "munt" des Vaters oder nächsten männlichen Blutsverwandten, beziehungsweise bei Heirat unter der des Ehemannes, was der Sachsenspiegel im "Landrecht" wie folgt ausdrückt:

"Maget unde wif moten vormunde hebben an iewelker klage, dorch dat men se nicht vertugen ne mach, des se vor gerichte spreket oder dut."33

Dadurch war sowohl die eigenständige Ausübung der Rache durch eine Frau verwehrt, als auch der Vollzug der Rache an einer Frau; wenn sie sich strafbar machte, so mußte ihr Vor- mund für sie einstehen. Dies deckt sich auch mit den überlieferten nordischen Quellen, nach denen Rache durch eine Frau nicht geübt, jedoch auch nicht an ihr vollzogen werden darf:34

"The mughae haefnae a aengi man oc aengi man a thaem."35

Es gibt aber auch gegenseitige Bestimmungen im "Frostathingsrecht" und im "Östgötlag", so daß immerhin die theoretische Möglichkeit einer aktiven Rachetätigkeit der Frau in Betracht gezogen werden muß. Zudem gibt es einen Bericht aus dem ostfriesischen Borkmerland, der die aktive und passive Beteiligung von Frauen an Fehden für das 13. Jahrundert verzeichnet,36 auch wenn es für den mitteleuropäischen Raum eigentlich weder aus mittelalterlicher noch aus germanischer Zeit irgendwelche nichtliterarischen gesetzliche oder andere Hinweise dafür gibt.37 Auch hatten adelige Frauen unter der Hand Möglichkeiten sich zu rächen, da sie großen Einfluß ausübten, ohne daß das gleich offiziell zu werden brauchte. Daß die aktive Rache der Frau in der mittelhochdeutschen Literatur nicht so selten und in einer Selbstver- ständlichkeit vertreten ist, die so in der frühen Neuzeit undenkbar ist, zeigt, daß es sich hierbei nicht nur um einen bloßen literarischen Topos handeln kann.38

Meist aber übernimmt sie konform zu ihrer offiziellen mittelalterlichen Rechtsstellung nur die Rolle der Anstifterin, der Hetzerin zur Rache, was gemeinhin mit dem nordischen Begriff "hvöt" bezeichnet wird; da sie selbst keine Waffen führen und Rache üben darf, sucht sie sich folgerichtig Hilfe bei Männern, die ihre Rachepläne ausführen.39 Diese Rachehilfe, oder "Stellvertreterrache", die zumeist von Rittern für Damen oder andere nicht waffenfähige Personen oder körperlich Schwache, wie Geistliche und Kinder, geübt wurde, war die ein- deutige Regel, und wo diese nicht angewandt wurde, hat dies in den überlieferten Texten immer eine spezielle Ursache:40 so zum Beispiel im "Nibelungenlied" darin, daß Kriemhilts Brüder, die eigentlich zur Vollstreckung ihrer Rache verpflichtet wären, ihr nicht beistehen, und bei Konrads "Medea" darin, daß sie mit ihrer Flucht alle Bindungen zu ihrer Verwandt- schaft abgebrochen hat und Jason als ihr ungetreuer Ehemann wohl kaum die Rache an sich selbst vollziehen würde.

III.) MEDEAS RACHE

Wollen wir Medea als Rächerin anhand der Version, die Konrad von Würzburg in seinem "Trojanerkrieg" vorlegt, untersuchen, so dürfen wir das Gesamtepos nicht außer acht lassen, auch wenn sich ihr und Jasons Schicksal nur über einen Bruchteil des Versbestandes des- selben erstreckt. Dies deshalb, da den verschiedenen Episoden des "Trojanerkrieges", von denen die Medea-Geschichte eine ist, allen eine gemeinsame Struktur zugrundeliegt, die das durchgängige Thema des Epos darstellt: die Fatalität aller Abläufe! Konrad entwirft in seinem Epos Strukturen des Mißlingens in einer Erzählwelt der Katastrophen; die Medea-Episode fügt sich hierbei nahtlos ein.41

Auf diese Gesamtstruktur des Epos soll im folgenden - anhand dem was von ihr in der Medea-Episode sichtbar ist - kurz eingegangen werden, da nur vor diesem Hintergrund dieselbe verständlich und interpretierbar erscheint:

Der Jason-Medea-Episode liegt ein Schema42 zugrunde, das in anderen Episoden, vor allem bei Hercules, ebenfalls sichtbar ist und sich abstrahiert - nach Kokott - folgendermaßen darstellt:

"Ein Held geht ein Liebesverhältnis mit einer Frau ein, der er Treue schwört, die er [...] sogar heiratet, die er dann aber mit einer anderen Frau betrügt, weshalb er seine erste Frau [...] auch verläßt; wegen dieser Untreue kommt er um."43

Dadurch gewinnt der Autor die Perspektive einer übermächtigen Realität, der das Einzel- schicksal unterliegt und die durch Variationen von Leitmotiven bewirkt wird, die auch an anderen Stellen des Textes auftauchen - logischerweise vor allem in der Hercules-Episode, die eine Parallelszene zur Geschichte von Jason und Medea darstellt - und auf die hier44 kurz eingegangen werden soll:

Eines dieser Leitmotive ist die scheinbar glückliche Fügung, die sich indes letztlich als ver- hängnisvoll erweist: so bewahrt Medea den geliebten Jason vor dem sicheren Untergang und muß später seine Untreue an ihr erfahren. Auch das Motiv des letztlich glücklosen Siegers tritt hier auf: Jason, der das "Goldene Vlies" erringen konnte, endet ehrlos in einem brennenden Haus. Stark betont wird in dieser Geschichte das Leitmotiv der vergeblichen Vorkehrungs- maßnahmen, die schlußendlich in ihr Gegenteil umschlagen und beweisen, daß menschliches Wissen im "Trojanerkrieg" nichts nützt: Als die Argonauten in Troja rasten, werden sie von Lamedon aus Furcht vor Querelen unbedacht und unhöflich des Landes ver-wiesen, worauf sie erbittert Rache schwören; - Lamedon, der Streitigkeiten verhindern wollte, wird weit größeren Streit ernten.45 Auch der Treueeid, den Jason Medea schwören muß, daß er sie nicht zur Kebse machen wird, ist ein solcher vergeblicher Absicherungsversuch; Jason wird Medea letztlich doch untreu werden und zwar ausgerechnet während sie für ihn die Rache an dem ungetreuen Peleus vollzieht. Das Leitmotiv der Rache ist dabei mit dem der bestraften Un- treue eng verbunden und die auf Absicherung ihrer Liebe bedachten Eifer-süchtigen, zu denen auch Medea gehört, und die für ihre Untreue bestraften Männer, bei denen sich Jason nahtlos einreiht, sind in ein Konzept eingebunden, das die Minne als positive Existenzmacht schlecht- hin sieht, aber andererseits Treulosigkeit, die unweigerlich mit höchstem Leid verbunden ist, zwingend als ihr Endresultat wahrnimmt. Durch die Struktur gewordene Geschehens- mechanik der Durchkreuzungsstrukturen und Verhinderunsaktionen, die auch vor der Minne nicht halt macht, steht jedes menschliche Handeln, jede zwischenmenschliche Beziehung unter dem Stern des Scheiterns.

Diese "Fatalität" ist die Struktur des "Trojanerkrieges" und der Grund dafür, daß Konrads Helden - wie auch Jason und Medea - (fast) vollkommen sind, aber trotzdem untergehen, die dargestellte höfische Welt der Inbegriff des Positiven ist, aber trotzdem zunichte wird, die Minne werthaft, aber zugleich verderbenbringend und tödlich ist:46

[...]


1 Allerdings ist dieses Bild im Laufe der Zeit auch Wandlungen unterlegen, wie noch aufzuzeigen sein wird.

2 Artikel "Medea" aus Daemmrich 1995, S. 252

3 de Boor 1979, S. XXII

4 Bei einer Sage in eigentlichem Sinne handelt es sich um einen Gegenstand mündlicher Überlieferung, der - im Gegensatz zum Märchen - einen historischen Kern hat und nicht nur unterhalten will, sondern einen subjektiven Glauben an die Wirklichkeit des Erzählten impliziert. (vgl. auch Artikel "Sage" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 721)

5 Grundsätzlich muß zur mittelalterlichen Rezeption antiker Stoffe gesagt werden, daß die antiken Helden im Sinne einer Beugung des antiken Stoffes durch die mittelalterliche Form umstilisiert und den herrschenden Gegebenheiten angepaßt wurden. (vgl. auch Artikel "Antikenrezeption" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 39)

6 Wie bereits erwähnt stellt sich dieses Problem im Falle Kriemhilts nicht, wollen wir die nordische KriemhiltVersion "Gudrun" außer acht lassen, was wir tun müssen, da dies sonst den Rahmen dieser Arbeit um ein Erhebliches sprengen würde.

7 Nach Lévi-Strauss handelt es sich beim Mythos um ein symbolisches Zeichensystem zur Erkenntnis und zur Strukturierung der Wirklichkeit; in diesem Sinne ist es seinem Wesen immanent, daß er viele Varianten kennt, von denen keine einen Anspruch auf Originalität erheben kann, so daß auch die Untersuchung der von Konrad vorgelegten Medea-Version nur eine von vielen denkbaren Möglichkeiten darstellt, die nicht mehr und nicht weniger gerechtfertigt ist, als es die exemplarische Analyse einer anderen Variante wäre. (vgl. auch Artikel "Mythologie" und "Mythos" im Sachwörterbuch der Literatur 1989, S. 599 ff.)

8 vgl. Holzhauer 1997, S. 26 f.

9 Daemmrich 1995, S. 284 f.

10 vgl. Holzhauer 1997, S. 12

11 vgl. ebd., S. 13

12 vgl. auch den Artikel "Rache" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 667

13 Auch Kriemhilts Rache für die Versenkung des Nibelungenhortes im Rhein richtet sich gegen den Ausführenden dieser Tat, Hagen, nicht gegen Gernot, der den Vorschlag gemacht hatte.

14 vgl. Holzhauer 1997, S. 12

15 Die oft getroffene Differenzierung zwischen Blutrache und Fehde, die vor allem hinsichtlich der Rache Kriemhilts zu einem Dissens in der Forschung bezüglich der Zuordnung geführt hat, wird gegenstandslos, wenn man bedenkt, daß sich in der Praxis beide Rechtsformen durchdrangen und gerade die Totschlagsfehde vom Blutrachegedanken ausgeht, weshalb auch oft von der Fehde als "organisierter Blutrache" gesprochen wird. Deshalb soll die hier angesprochene Thematik in der vorliegenden Arbeit allgemein unter dem Begriff "Blutrache" erfaßt werden. (vgl auch Schulze 1997, S. 236 f.)

16 Bei Kriemhilts Rache und bei Medeas Rache an Jason.

17 Die Rache an Peleus paßt auch in dieses Muster, wenn auch nicht so offensichtlich, wie die Rache an Jason: Dadurch, daß Medea aus "Liebe" zu Jason die Rache an Peleus vollzieht, wird dieser untreu (sie ist zu lange abwesend), so daß sich das "leit", das sie Peleus antut, durch Jasons Untreue rächt; dies mag zwar in gewisser Weise verquer klingen, liegt jedoch in der Logik des Textes und in Konrads Konzept von der Nichtigkeit allen menschlichen Tuns, aller menschlichen Sicherungsmaßnahmen: Medea will Jasons Dankbarkeit durch ihre unaufgeforderte Rache an Peleus, die sinnhaftes Zeichen ihrer überaus großen Liebe zu ihm ist, noch steigern und damit noch sicherer einer Untreue desselben ihrgegenüber entgegenwirken, lößt die Katastrophe aber genau hierdurch aus.

18 vgl. auch Müller 1993, S. 151 und Schulze 1997, S. 238

19 An dieser Stelle sei zur Erläuterung gesagt, daß sich die in Klammern gesetzten Zahlenangaben hinter den

Textbelegen hier und im folgenden auf die Strophen- und die Verszahl der Textstelle in der (im Literaturver-

zeichnis aufgeführten) Ausgabe des "Nibelungenliedes" in zwei Bänden durch den Fischer-Verlag im Jahre 2000 (gekennzeichnet durch das Kürzel "NL") bzw. die Verszahl in der (im Seminar-Reader enthaltenen, ebenfalls im Literaturverzeichnis aufgeführten) Ausgabe des "Trojanerkrieges" (gekennzeichnet durch das Kürzel "Tr.") be- ziehen.

20 vgl. Zacharias 1961, S. 167 ff.

21 vgl. Frenzel 1999, S. 67

22 vgl. auch Artikel "Blut" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 108

23 Der Vollständigkeit halber erwähnt sei, daß auch im Kudrun-Epos (101) und in der "Edda" Blut getrunken wird. (vgl. auch Artikel "Blut" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 108)

24 Es gab zwar auch Versuche, die Rache durch Bußgeldzahlungen zu ersetzen und den Streit durch einen Sühnevertrag unblutig zu beenden, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. (vgl. auch Schulze 1007, S. 236)

25 vgl. Holzhauer 1997, S. 13 f.

26 Nach dem Artikel "Rache" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 667 ist Fehde organisierte Rache.

27 Tacitus, P. Cornelius: Germania 21, 1 - 4, 1959, S. 36

28 Dies zeigt sich besonders gut im Nibelungenlied, wo Blödel Siegfrieds von Hagen verschuldeten Tod an dessen Bruder Dankwart rächen will, worauf in Kapitel IV.V. noch einmal näher eingegangen werden soll.

29 Diese Aussage bezieht sich auf den "Trojanerkrieg" als Ganzes; bei der Rache Medeas kann sich dieses Prinzip nicht entfalten, da der Text unmittelbar nach Jasons Tod abbricht.

30 Auch wenn das Prinzip beziehungsweise die Thematik bei Medea gleich ist, kommt es hier zu keiner Dar- stellung des Fortsetzungsmechanismus der Rache, der durch Rache und Gegenrache bestimmt ist, da diese sich mit Hilfe ihrer zauberischen Talente der Revanche zu entziehen weiß und überhaupt die Umsetzung der Rache ganz anders geartet ist, worauf noch einzugehen sein wird.

31 vgl. Müller 1993, S. 170

32 vgl. den Artikel "Frau" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 259

33 Monumenta Germaniae Historica; Sachsenspiegel Landrecht I, 46, S. 106

34 vgl. Holzhauer 1997, S. 54

35 Jyske Lov, JL II 25; zitiert nach Holzhauer 1997, S. 54

36 vgl. ebd., S. 236

37 vgl. ebd., S. 54 f.

38 Zudem wird wohl noch die hohe Achtung, die der Frau in heidnisch-germanischer Zeit entgegengebracht wurde, ein Stück weit nachgewirkt haben. - So erkannten die Germanen der Frau magische und prophetische Fähigkeiten zu und waren der Meinung, daß diese Fruchtbarkeits- und Schlachtenzauber ausübten; aus dieser der Frau zuerkannten größeren Achtung resultierte größere Freiheit; diese wurde zwar durch die Frauenfeindlichkeit der Kirche im Verlaufe des Mittelalters immer weiter zurückgedrängt, wirkte aber natürlich noch lange nach, und ist logischerweise vor allem in Texten aus germanisch-heidnischer Sagentradition deutlich spürbar. (vgl. auch Artikel "Frau" im Sachwörterbuch der Mediävistik 1992, S. 258)

39 vgl. Holzhauer 1997, S. 54

40 vgl. ebd., S. 27

41 vgl. Lienert 1993, S. 405 f.

42 Daß es sich hier um ein Schema und nicht nur um die Information handelt, warum die Protagonisten (wie Jason und Hercules) nicht an den Kämpfen um Troja teilnehmen, ergibt sich schon daraus, daß hierfür ein einfacher Verweis auf ihren Tod genügt hätte; eine ausführliche Schilderung wie sie zu Tode gekommen sind, wäre nicht nötig gewesen. (vgl. auch Kokott 1989, S. 278)

43 Kokott 1989, S. 279

44 auf die Leitmotive

45 vgl. Lienert 1993, S. 395

46 vgl. ebd., S. 409

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Kriemhilt und Medea - Zur mittelaltelichen Konzeption der rächenden Frau
Hochschule
Universität Stuttgart  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
HS: Antike Mythen in mittelalterlichen Texten
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
46
Katalognummer
V46091
ISBN (eBook)
9783638433617
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriemhilt, Medea, Konzeption, Frau, Antike, Mythen, Texten
Arbeit zitieren
Daniel Rentschler (Autor), 2002, Kriemhilt und Medea - Zur mittelaltelichen Konzeption der rächenden Frau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46091

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