Ziel dieser Hausarbeit ist es, zu untersuchen, ob es so etwas wie eine mittelalterliche Konzeption der rächenden Frau gibt. Zu diesem Unterfangen sollen exemplarisch die beiden Heroinen herangezogen werden, die am engsten mit der Rachethematik verknüpft sind: Medea und Kriemhilt. Medea gilt seit der Antike als die gnadenlose Rächerin schlechthin: "Das mit Medea verknüpfte Geschehen läßt einen dunklen Schicksalsfatalismus erkennen. Die Handlung ist unübertroffen in der Härte mit der sie eine Kette schicksalhafter und grauenvoller Taten herausstellt, die jede Hoffnung auf freie Selbstbestimmung des Daseins zerstören. Medea gibt Jason sinnbildlich das Leben zurück, indem sie ihm zuerst hilft, das goldene Vlies zu erbeuten, und dann seine Flucht aus Kolchis ermöglicht. [...] Sie nimmt jedoch alles zurück, was sie gegeben hat." Etwa den gleichen Stellenwert hat Kriemhilt für das Mittelalter; sie wird bisweilen sogar noch drastischer geschildert:
"Ihr Wesen ist Rache, das Ziel ist Hagen, der Weg führt über die Leichen ihres Kindes, ihres Volkes, ihrer Brüder. Sie ist exemplarische Rächerin in furchtbarster Konsequenz." Ein Vergleich dieser beiden Figuren als mittelalterliche Rächerinnen ist jedoch nicht unproblematisch, was schon in der Materie selbst begründet ist: Kriemhilts Rache ist in quasi kanonischer Form im Nibelungenlied enthalten, bei dem es sich um einen gerade erst verschriftlichten Sagentext mit langer mündlicher Tradierung handelt. Bei Medeas Rache handelt es sich hingegen um eine Geschichte, die aus einem gänzlich anderen Kulturkreis stammt, bereits seit über 1000 Jahren verschriftlicht war, über verschiedene Quellen an den mittelalterlichen Autor weitergeleitet wurde und in verschiedenen Varianten vorliegt. Trotzdem soll ein Vergleich in diesem Zusammenhang versucht werden, da diese beiden Gestalten wohl die prominentesten Vertreterinnen einer femininen Rache im Mittelalter sind und bei allen Unterschieden auch viele Ähnlichkeiten aufweisen, was im folgenden genauer erörtert werden soll.
Inhaltsverzeichnis
I.) EINFÜHRUNG
II.) DIE RACHE
II.I.) Die Blutrache
II.II.) Die Rache der Frau
III.) MEDEAS RACHE
III.I.) Rache für Jason an Peleus
III.II.) Die Minnehandlung zwischen Medea und Jason
III.III.) Rache an Jason
IV.) KRIEMHILTS RACHE
IV.I.) Die "senna" und Siegfrieds Tod
IV.II.) Rache für Siegfried
IV.III.) Rache für den Hortraub
IV.IV.) Etzels Werbung
IV.V.) Der "grôze mort"
IV.VI.) Hagens Tod
IV.VII.)Kriemhilts Tod
V.) VERGLEICH ZWISCHEN KRIEMHILT UND MEDEA
VI.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob eine spezifisch mittelalterliche Konzeption der rächenden Frau existiert, indem sie die literarischen Figuren Medea und Kriemhilt als prominente Beispiele für weibliche Rache im Mittelalter vergleicht und deren Motive sowie Handlungsspielräume analysiert.
- Analyse der Rachethematik in mittelhochdeutschen Texten
- Die Rechtsstellung der Frau und die "Stellvertreterrache"
- Strukturelle Verknüpfung von "Minne", "Leid" und "Rache"
- Vergleich der Rachehandlungen bei Medea und Kriemhilt
- Untersuchung der moralischen Einordnung durch die jeweiligen Autoren
Auszug aus dem Buch
III.I.) Rache für Jason an Peleus
Nachdem die Medea-Episode in den Gesamtkontext des "Trojanerkrieges" und seiner Struktur eingebunden ist, können wir nun zum eigentlichen Thema der Hausarbeit kommen: der Analyse Medeas als Rächerin. Hierbei fällt zunächst einmal ins Auge, daß wir bei ihr - anders als bei Kriemhilt - zwei völlig separate Rachehandlungen unterscheiden, die nur indirekt im Zusammenhang stehen, worauf später noch einzugehen sein wird. Die erste hierbei ist die Rache an Peleus für Jason, mit der wir uns an dieser Stelle befassen wollen und deren Gründe kurz dargelegt werden müssen, will man sie verstehen.
Peleus ist bei Konrad, entgegen aller Quellen, nicht nur der Onkel Jasons, sondern zugleich auch der Vater Achills, der dem Neffen den Ruhm neidet, der mit dem seines Sohnes konkurriert, und ihn deshalb auf die gefahrvolle Fahrt nach Kolchis schickt, wo er sich entweder blamieren, oder seinen Untergang finden soll: "der übele künic mit sorgen beswaeret wart durch seinen prîs; wan er begunde in alle wîs dar ûf gedenken und gehügen, daz er mit valscher dinge zügen gewerben möhte sînen tôt und er in braehte zuo der nôt, daz al sîn lop gelaege, dar umbe daz man waege vil deste hoeher sînen sun. er dáhte alsus: 'verderbest dun, so enist ouch nieman lebender mê, der Achille widerstê mit werdeclichen sachen. Ich sol sîn êre machen und alle sîne wirde cranc.'" (Tr. 6610 - 6625)
Zu diesem Zweck geht Peleus zielgerichtet ans Werk; er lädt Jason alleine vor (6632 ff.) und packt den Neffen an seiner ritterlichen Ehre, wenn er sagt: "'dû bist ein gar getürstic man des lîbes und des muotes. vil êren unde guotes hât Saelde ûf dich gezwîget. dû waerest gar gefrîget vor aller slahte meine, wan daz dir ein vil cleine an ganzer wirde bristet. ein lop hât sich gevristet vor dir in allen dînen tagen, ob dû des möhtest noch bejagen, sô waerest dû gar vollekomen und vür den besten ûz genomen, der iendert lebte ûf erden.'" (Tr. 6652 - 6665)
Zusammenfassung der Kapitel
I.) EINFÜHRUNG: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die rächende Frau im Mittelalter anhand der Figuren Medea und Kriemhilt exemplarisch zu untersuchen.
II.) DIE RACHE: Dieses Kapitel erläutert das Konzept der Blutrache, die rechtliche Stellung der Frau im Mittelalter und die Verknüpfung von Minne und Rache.
III.) MEDEAS RACHE: Hier wird die Rache Medeas im "Trojanerkrieg" von Konrad von Würzburg analysiert, insbesondere ihre Taten an Peleus und Jason vor dem Hintergrund höfischer Konventionen.
IV.) KRIEMHILTS RACHE: Dieses umfangreiche Kapitel beleuchtet den Racheprozess Kriemhilts im Nibelungenlied von den Ursachen über den Hortraub bis zum Untergang der Burgunder.
V.) VERGLEICH ZWISCHEN KRIEMHILT UND MEDEA: Das Kapitel vergleicht die Motive und die Vollzugsweisen der Rache beider Figuren, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der literarischen Darstellung aufzuzeigen.
VI.) SCHLUSSBETRACHTUNGEN: Das Fazit stellt fest, dass aufgrund der unterschiedlichen literarischen Ausgestaltung keine einheitliche "Konzeption" der rächenden Frau definierbar ist, wenngleich thematische Ähnlichkeiten bestehen.
Schlüsselwörter
Medea, Kriemhilt, Rache, Blutrache, Nibelungenlied, Trojanerkrieg, Konrad von Würzburg, Minne, Minnefrevel, Ehre, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Geschlechterrollen, Rechtsstellung der Frau, literarische Konzeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob es im mittelalterlichen literarischen Kontext ein einheitliches Bild der "rächenden Frau" gibt, indem sie zwei der bekanntesten literarischen Rächerinnen, Medea und Kriemhilt, vergleicht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Konzepte von Rache und Blutrache im Mittelalter, die Rechtsstellung der Frau sowie die Verknüpfung der Rachethematik mit der höfischen Minne.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es, durch die Gegenüberstellung von Medea und Kriemhilt zu klären, ob sich aus den verschiedenen literarischen Versionen eine allgemeine mittelalterliche Konzeption der rächenden Frau ableiten lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Literaturanalyse von Primärtexten (insbesondere das Nibelungenlied und Konrad von Würzburgs Trojanerkrieg) unter Einbeziehung mediävistischer Sekundärliteratur.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Rachemotive und -vollzüge beider Frauen, beleuchtet die jeweilige rechtliche Ausgangslage sowie die strukturelle Bedeutung der Rache für den Fortgang der erzählten Epen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind Rache, Minne, Blutrache, Nibelungenlied, Trojanerkrieg, Rechtsstellung der Frau und die literarische Darstellung von Heroinen.
Inwiefern unterscheidet sich Medeas Rache von der Kriemhilts bei Konrad von Würzburg?
Bei Konrad von Würzburg bleibt Medea trotz ihrer Rache "das wunnecliche wîp", während Kriemhilt im Verlauf des Nibelungenliedes als wütende Rachefurie gezeichnet wird, was zu einer unterschiedlichen moralischen Bewertung durch die Autoren führt.
Warum erscheint Medeas Rache bei Konrad weniger "schmutzig" als in antiken Vorlagen?
Konrad lässt Medea ihre Rache an Peleus durch dessen eigene Töchter vollziehen, wodurch sie sich die Hände nicht selbst schmutzig macht, was ihrem höfischen Charakterbild entspricht.
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- Daniel Rentschler (Author), 2002, Kriemhilt und Medea - Zur mittelaltelichen Konzeption der rächenden Frau, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46091