Aspekte des Sturm und Drangs in Schillers "Die Räuber"


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführende Gedanken

2. Die Räuber - ein typisches Drama des Sturm und Drangs?
2.1. Karl Moor: Der Affektcharakter des Dramas
2.2. Die Räuber
2.3. Der Naturgedanke im Drama

3. Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Einführende Gedanken

„Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung, wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!“1

Dieser Augenzeugenbericht der Uraufführung von Schillers Räubern am 13. Januar 17822 in Mannheim lässt erahnen, welche überwältigende Wirkung das Stück auf sein Publikum erzielte.3 Die Menschen zeigten eine hohe Begeisterung für das Drama, welches in fünf Akten rasant die tragische Geschichte des alten Grafen Moor und seiner beiden Söhne Franz und Karl erzählt.

Zwar kann das Stück literaturhistorisch nicht genau situiert werden, jedoch lassen sich seine Motive und Problematiken auf die zeitgenössische Gegenwart der Epoche des Sturm und Drangs einordnen. Trotz der von Schiller verwendeten aufmerksamkeitserhaschenden Mittel, lässt sich aus der Wirkung des Publikums erahnen, dass für die Zeit typische Themen behandelt werden, die die Zuschauer entsprechend in eine derartige Stimmung fielen ließen. Obendrein beschreibt sich Schiller selbst als „Menschenmaler“, der lediglich ein Abbild der realen Welt zeigen möchte.4 Im Folgenden wird anhand verschiedener Aspekte erörtert, inwieweit diese These zutrifft und ob Die Räuber ein Drama dieser Epoche darstellt.

2. Die Räuber -ein typisches Drama des Sturm und Drangs?

Die Epoche des Sturm und Drangs ist jene Periode der deutschen Literatur, die sich zwischen den Jahren 1770 und 1780 einordnen lässt.5 Die Zeitgenossen beschreiben sich selbst als Avantgarde, die Genies ihrer Epoche darstellen.6 Die Literatur ist gesellschaftlich-politisch sensibel: die einerseits neuen Themen7 und andererseits alte Themen, wie beispielsweise die Standesunterschiede, Liebe, etc., aufgreifen.8

Einer der bekannten Autoren des Sturm und Drangs ist Friedrich Schiller, der „philosophisch, theologisch und ästhetisch im Geist der Aufklärung gebildet [ist], aber diesen Geist kritisch gegen die eigene Gegenwart“9 wendet. Während seiner militärisch-medizinischen Ausbildung an der Karlsschule in Stuttgart10 entsteht zwischen 1773 und 1780 sein Erstlingswerk Die Räuber.11 Das Drama zeigt die verschiedensten Aspekte aus Schillers Leben auf. So „sind intertextuelle Referenzen europäischer Literatur zu erkennen“12, aber auch Themen, wie „in der Karlsschule angelernte Philosophie und Theologie, zeitgenössische Ereignisse, vielleicht auch einige aus der eigenen Erfahrungsseelenkunde“13.

Schiller hat mit seinen Räubern etwas für seine Zeit Neues geschaffen,14 denn sie weisen wesentlichen Tendenzen der Literatur des späten achtzehnten Jahrhunderts auf und lassen somit die Einflüsse seiner Entstehungszeit erkennen.15 Das Drama beinhaltet an sich dreierlei Konflikte: „den Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn, den Bruderkonflikt zwischen dem guten und dem bösen Sohn und die Liebesrivalität zwischen den beiden Brüdern.“16 Zwar ist die Epocheneinteilung des Dramas in die des Sturm und Drangs in der Forschung stark umstritten,17 doch scheinen die zentralen Problematiken dieser Zeit mit dem typischen Stil und Gestus der Empfindsamkeitsepoche in dem Stück durch Schiller aufgegriffen worden zu sein.18

Im Folgenden wird analysiert, inwieweit sich die Merkmale der Epoche im Stück Die Räuber in Bezug auf den Charakter des Karl, die Räuber mit ihren Räuberliedern und den Naturgedanken wiederfinden lassen.

2.1. Karl Moor: Der Affektcharakter des Dramas

Karl Moor, der Erstgeborene der beiden Brüder Moor, wird in dem Stück Die Räuber als impulsiver, kraftvoller, aber auch unüberlegter Charakter dargestellt. Schiller möchte, wie er in seiner Vorrede erwähnt, eine „Kopie der wirklichen Welt“19 hervorbringen und experimentiert mit der empirischen Psychologie. Seine Methode basiert dabei auf „der poetischen Form [...] mit dem es gelingen soll, die ‚geheimsten Operationen’ der menschlichen Seele sichtbar zu machen.“20 Dementsprechend lässt er den Protagonisten des Dramas, Karl Moor, nicht ausnahmslos als „guten“ Charakter erscheinen, sondern erschafft ihn nach dem Vorbild des „ganze[n] Menschen“21 mit jeglichen guten und bösen Charaktereigenschaften. Diese Sichtweise liefert er dem Publikum, während er dem Stück „eine besondere Nuance dadurch [auferlegt, indem] er den eigentlich [l]asterhaften [Franz] erst tugendhaft erscheinen, den wahren Tugendhaften [Karl] jedoch zum Räuber und Mörder werden lässt.“22

Franz beschreibt seinen Bruder zu Beginn des Dramas mit den Worten seines Vaters als einen Mann mit einem „feurige[n] Geist, der in dem Buben lodert, [...] der für ihn jeden Reiz von Größe empfindlich macht, [mit einer] [...] Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, [mit einer] Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, [mit einem] [...] männlichen Mut, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibt und über Gräben und Palisaden und reißende Flüsse jagt, [mit einem] [...] kindlichen Ehrgeiz, [...] [und einem] unüberwindlichen Starrsinn.“23 Diese „schöne[n], glänzende[n] Tugenden [...], [die Karl laut den von Franz zitierten Worten deren Vaters] zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem trefflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem großen Manne machen“24, beschreiben die typischen Charaktereigenschaften eines starken, enorm selbstbewussten Stürmer und Dränger. Wie der weitere Verlauf des Stücks zeigt, tritt Karl als kraftvolles, radikales Genie auf, der seine Persönlichkeit frei entwickeln möchte. Weder Vorschriften noch Gesetze können ihn an dieser Entwicklung hindern.

Sein rebellischer Charakter wird schon bei seinem ersten Auftritt in der zweiten Szene des ersten Aktes durch sein kräftiges Auftreten und seiner wütenden Rede deutlich. Hier befindet sich Karl, in einem Buch von Plutarch lesend, in einer Schenke. Durch seine radikale Wortwahl: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum“25, wird das Denken über seine Gegenwart verdeutlicht. Er „wird zu einem Vertreter radikaler Aufklärungskritik“26, womit die ersten Anzeichen des Politischen im Drama gesetzt werden.27 Diese kritische Haltung gegenüber der Aufklärung stellt ein Charakteristikum der Stürmer und Dränger dar28, da ihnen nicht nur „der lohe Lichtfunke Prometheus`“29, also „die Potenz für große Menschen, sondern auch die Kraft für Literatur abhandengekommen“30 sei. Karl verwendet infolgedessen metaphorische Kraftausdrücke, die sein rebellisches Handeln untermalen. Die Herrschaftskritik von Moor folgt unmittelbar auf die fundamentale Kulturkritik. Karl sträubt sich gegen die politische, aber auch gesellschaftliche Ordnung. Ferner stellt für ihn die Gesetzlosigkeit unter den vorliegenden gesellschaftlichen Verhältnissen eine Bedingung für den Beginn der Optimierung der Gesellschaft und der Menschen dar: „Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. [...] -Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen.“31 Dadurch lässt sich erkennen, dass Karls Rede hauptsächlich die Ungleichheiten der Welt thematisiert.

Darüber hinaus würde sich das Drama allerdings nicht in die Richtung der Tragödie entwickeln, „wäre da nicht [...] der Bruderkonflikt: [Der] Bruderhass ist sogar das urtümliche Motiv“32 des Schauspiels, aus welchem Grund es sich zur Tragödie entwickelt. Die Schlüsselszene hierzu bildet der Anfang des Stücks, in dem Karls Bruder Franz deren Vater einen Brief von Karl unterschlägt, in dem dieser den alten Moor um Verzeihung bittet. Durch eine Intrige Franz`, liest er dem Vater jedoch einen Brief eines Geschäftsfreundes vor und unterstreicht gewisse Aussagen, beziehungsweise spinnt mögliche weitere Handlungen Karls durch eine gut durchdachte Rhetorik weiter und begründet diese durch seinen Bruder charakterlichen Veranlagungen33, die dementsprechend nicht nur positiv zum Vorschein kommen könnten. Franz versucht mit allen Mitteln deren Vater dazu zu bringen, sich von Karl loszusagen, damit er der alleinige Erbe des Vermögens wird. Sein Ziel wird dadurch erreicht, dass der alte Moor Karl einen Brief schreiben möchte. Diesen lässt er Franz schreiben, der vor allem beinhalten soll, dass der alte Moor seine „Hand von ihm wende[n wird]“34. Die zerstörte Beziehung zwischen Vater und Sohn kann demzufolge als Konsequenz des brüderlichen Konflikts angesehen werden,35 wobei Franz` „Vaterrebellion sich nur auf den familiären Vater bezieht, während die Vaterrebellion des Bruders Karl sich jedoch gegen Vaterinstanzen in Gesellschaft und Kirche richtet“.36 Zwei weitere typisierende Motive des Sturm und Drangs werden somit durch dem Bruder- und den daraus resultierenden Vaterkonflikt aufgegriffen. In Schillers Räubern werden damit „motivische Übereinstimmungen mit [anderen] Sturm und Drang-Dramen [hervorgebracht,] die [eine] literaturhistorische Verwandtschaft nahelegen“.37

Der stark emotionale und leidenschaftliche Karl, verfällt insofern durch die Intrigen seines Bruder Franz dem Bösen: „Er wird Opfer des Menschenhasses“38 und beschließt weiterhin „Räuber und Mörder“39 zu bleiben-gar der Hauptmann einer Räuberbande zu werden.40 Im Gegensatz zu seinem teuflischen, egoistischen und von Grund auf bösen Bruder handelt er impulsiv und unüberlegt, ohne sich jegliche Gedanken über den weiteren Verlauf seiner Handlungen zu machen. Karl Moor, der verstoßene Sohn, gibt sich mit extremen Verhaltensformen einer moralischen Irrfahrt des Räuberlebens hin.41 Er erscheint als eine Art Verirrter in der Gesetzlosigkeit des Räuberhauptmanns, „aber noch in seinen bösesten Zügen bleibt er doch der große Mann.“42 Als Beispiel dient an dieser Stelle eine Geschichte des Räubers Razmann, wie er das Handeln und die Intentionen des Hauptmanns Moor auffasst: „Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir-nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald er`s vollauf haben konnte, und selbst sein Drittteil an der Beute, das ihn von Rechts wegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder lässt damit arme Jungen von Hoffnung studieren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpfen, der seine Bauren wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borten unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter-Kerl! da ist er in seinem Element, und haust teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.“43 Er wird zu einer Art deutschen „Robin Hood“. Der Held des Dramas wird als Naturgenie aufgezeigt, der mit der bestehenden Ordnung in einen Konflikt gerät. An dieser Stelle weist Schiller erneut ganz eindeutig auf das Politische hin. Der rebellische Impuls des Stücks wird folglich vor allem in den Räuberhandlungen dargestellt, die im weiteren Verlauf der Hausarbeit in einem folgenden Extrapunkt näher erläutert werden. Die zustande kommende Thematik kann allgemein in dem Familienkonflikt Moors identifiziert werden: „Der Vertrauenskonflikt ist im Kern ein Autoritätskonflikt. Die Vaterautorität steht für Gesetz und Ordnung, die weltliche und die göttliche. Sie repräsentiert die sozialen Normen und die autoritären Verhaltensmuster.“44

[...]


1 FA 2: 965f.

2 Vgl. ebd.: 899.

3 Vgl. Zymner (2002): 13.

4 Koopmann (1988): 12.

5 Vgl. Luserke-Jaqui (2017): 1.

6 Vgl. ebd.

7 Als Beispiele wären hier Kindsmord, Volkslieder, etc. zu nennen.

8 Vgl. Luserke-Jaqui (2017): 2.

9 Ebd.

10 Vgl. Metzler (2004): 659.

11 Vgl. NA 3: 262.

12 Luserke-Jaqui (2017): 374. Als Beispiele wären hier unter anderem der mehrfach im Drama erwähnte Don Quixote: eine Tiergestalt aus dem gleichnamigen Drama des Dichters Miguel de Cervantes (Schiller: 151) oder Shakespeare (Schiller: 152) aufzuführen.

13 Koopmann (1988): 12.

14 Luserke-Jaqui (2017): 375.

15 Karthaus (2007): 125.

16 Koopmann (1988): 13.

17 Vgl. Luserke-Jaqui (2017): 375.

18 Vgl. Koopmann (1988): 13. Zu dieser Erkenntnis gelangt man vor allen Dingen durch die Thematiken anderer Dramen der selbigen Epoche, aus denen sich schließen lässt, dass die oben aufgeführten Problematiken tatsächlich zu zeitgenössischen Lebensproblemen zählen (zumindest um zeitgenössische Modethemen).

19 Schiller: 3.

20 Zymner 2002: 19.

21 Ebd.

22 Koopmann (1988): 18.

23 Schiller: 14.

24 Ebd.

25 Ebd.: 21.

26 Luserke-Jaqui (2017): 378.

27 Vgl. Scherpe (1979): 10.

28 Vgl. Luserke-Jaqui (2011): 15. Diese Aufklärungskritik wird in der zweiten Szene weitergeführt, in der Karl seine Gegenwart als „schlappe[s] Kastratenjahrhundert [bezeichnet, welches] zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen.“ (Schiller: 22).

29 Schiller: 21.

30 Luserke-Jaqui (2017): 378.

31 Schiller: 23.

32 Koopmann (1988): 13.

33 Siehe dazu die Beschreibung Karls von Franz auf S. 14. Schon in den ersten beiden Szenen wird der Gegensatz der beiden Brüder durch deren Sprache deutlich. Karl bedient sich emotionalen Kraftausdrücken, die stellvertretend für den „Kraftkerl“ des Sturm und Drangs stehen. Wohingegen Franz seine Worte bedacht wählt und sich die Wirkung rhetorischer Mittel zunutze macht.

34 Schiller: 17.

35 Koopmann (1988): 13.

36 Luserke-Jaqui (2017): 378.

37 Hofmann (2003): 14.

38 Ebd.

39 Schiller: 36.

40 Allgemein ist hierbei anzumerken, dass die Räuberhandlung eine in der Epoche des Sturm und Drangs weit verbreitete Problematik darstellt, welche oft in der zeitgenössischen Literatur behandelt wird.

41 An dieser Stelle kann auf die biblische Geschichte des verlorenen Sohnes verwiesen werden. Dabei identifiziert sich der schwache und extrem naive alte Moor lediglich mit dem Vater der Bibelszene und nicht mit der Täuschung der Brüder. Er sieht sich demnach als den alleinig Leidenden an und stellt sich damit sehr egoistisch in den Mittelpunkt des Geschehens.

42 Koopmann (1988): 19.

43 Schiller: 64.

44 Scherpe (1979): 25.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Aspekte des Sturm und Drangs in Schillers "Die Räuber"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V460911
ISBN (eBook)
9783668914247
ISBN (Buch)
9783668914254
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekte, sturm, drangs, schillers, räuber
Arbeit zitieren
Julia Kutsche (Autor), 2018, Aspekte des Sturm und Drangs in Schillers "Die Räuber", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/460911

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