Biografieforschung in der sozialpädagogischen AdressatInnenforschung. Umsetzung im Kontext der Jugendhilfe


Hausarbeit, 2018

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen der Biografieforschung
2.1 Begriffsdefinitionen und -abgrenzungen
2.2 Ursprünge und Entwicklung der Biografieforschung
2.3 Methodische Vorgehensweise(n) der Biografieforschung

3 Theoretische Grundlagen der AdressatInnenforschung
3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit: Begriffsdefinition und Entwicklung der AdressatInnenperspektive
3.2 Definition und Ziele der AdressatInnenforschung

4 Biografieforschung in der AdressatInnenforschung
4.1 Ausgangspunkte und Ziele der Biografieforschung in der AdressatInnenforschung
4.2 Fragestellungen und Ergebnisse der Biografieforschung in der AdressatInnenforschung (Kontext Jugendhilfe)
4.2.1 Biografie und Heimerziehung
4.2.2 Biografie und institutionelle Weiterentwicklungen
4.2.3 Biografie und Lebensbereiche der AdressatInnen
4.2.4 Biografie und offene Jugendarbeit bzw. stationäre Erziehungshilfen
4.2.5 Zusammenfassende Betrachtung der Forschungsarbeiten

5 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Wer sind Sie? Was kennzeichnet Sie aus? Wie haben Sie Ihr Aufwachsen erlebt? Wie hat sich Ihr Bildungsweg gestaltet?

Die aufgeführten Fragen beziehen sich neben einer Vielzahl weiterer möglicher Fragen auf die Biografie von Menschen, welche allgemein mit der „Beschreibung der Lebensgeschichte einer Person“ (Duden online, Art. Biografie) übersetzt werden kann. Biografien können hinsichtlich des Ablaufs und der Verarbeitung von biografischen Erlebnissen erforscht werden. Hiermit beschäftigt sich die Biografieforschung, welche – so die Erkenntnis durch das Studieren von Fachliteratur – wiederum in verschiedene Bereiche mit je eigenen Absichten und Zielen eingegliedert sein kann.

Das Anliegen in der vorliegenden Arbeit ist die Erforschung, weshalb, wie und mit welchen Ergebnissen Biografieforschung in der sozialpädagogischen AdressatInnenforschung umgesetzt wird. Die konkrete Fragestellung lautet „Wozu wird Biografieforschung in der AdressatInnenforschung betrieben, welche Fragen werden in diesem Zusammenhang gestellt und welche Ergebnisse erzielt?“. Hierzu werden zunächst im zweiten Kapitel die wesentlichen theoretischen Grundlagen der Biografieforschung und im dritten Kapitel die der AdressatInnenforschung behandelt, bevor im vierten Kapitel beide Forschungsstränge in ihrer Umsetzung in der Praxis der sozialen Arbeit miteinander verknüpft werden.

Im Rahmen der Biografieforschung werden die Termini Biografie und Biografieforschung zunächst ausführlicher definiert und zu ähnlichen Begriffen bzw. deren Bedeutung abgegrenzt, um zu verdeutlichen, was der genaue Gegenstand der biografischen Forschung ist. Im Anschluss wird ein Überblick über die Ursprünge und die Entwicklung der Biografieforschung gegeben. Des Weiteren wird Bezug zu methodischen Vorgehensweisen genommen.

Mit Blick auf die AdressatInnenforschung werden zunächst die AdressatInnen der Sozialen Arbeit selbst betrachtet. Es findet eine Begriffserläuterung sowie ein Aufriss über die Entwicklung der AdressatInnenperspektive statt. Nachgehend wird die AdressatInnenforschung definiert und ihre Ziele veranschaulicht.

Hinsichtlich der zugrundeliegenden Fragestellung dieser Arbeit wird in Kapitel 4 unter Hinzunahme von Forschungsarbeiten als erstes die Grundlage herausgearbeitet, welche Ziele die Biografieforschung im Kontext der AdressatInnenforschung verfolgt, was also Biografieforschung in der AdressatInnenforschung soll, will und kann. Zweitens wird der Fokus auf die Fragestellungen und die Ergebnisse gerichtet. Für eine detailliertere Erarbeitung und Darstellung von Erkenntnissen erfolgt eine Beschränkung auf die Jugendhilfe, aus welcher wesentliche empirische Impulse mit Blick auf die AdressatInnenforschung stammen (vgl. Flösser et al. 1998, S. 225 ff.).

Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit, in welchem die wesentlichen Ergebnisse noch einmal zusammengefasst werden. Überdies wird ein kurzer Ausblick über ein mögliches weiteres Vorgehen aufgezeigt.

2 Theoretische Grundlagen der Biografieforschung

Bezüglich der Grundlagen der Biografieforschung sind in Zusammenhang mit dem Anliegen dieser Arbeit zunächst Definitionen der Begriffe Biografie und Biografieforschung notwendig, damit auf diesem Verständnis aufgebaut werden kann. Die dazu gehörenden Abgrenzungen beziehen sich auf die Unterscheidung von Biografieforschung und Biografiearbeit sowie von Biografie und Lebenslauf. Bei den Ursprüngen und der Entwicklung der Biografieforschung geht es weniger um detaillierte Daten, sondern vielmehr um die Basis der Biografieforschung für die Soziale Arbeit, dessen Ausgangspunkt verschiedenen Bereichen anzurechnen ist. Im Zentrum steht hier die soziologische Ausrichtung. Im Kontext der methodischen Vorgehensweisen der Biografieforschung wird das narrative Interview fokussiert. Konkrete Ziele der Biografieforschung werden nicht in diesem Kapitel gesondert, sondern direkt im Zusammenhang mit der AdressatInnenforschung in Kapitel 4.1 aufgegriffen.

2.1 Begriffsdefinitionen und -abgrenzungen

Der Begriff Biografie erfasst, dass jede/r Einzelne über eine eigene Geschichte mit einer je eigenen Logik verfügt, die mit dem Lebensende endet. Biografie bezieht sich damit auf das individuell Innere des eigenen Lebens und Handelns. Daher beziehen sich Biografietheorien auf das Individuum, das durch sein Handeln seine Umwelt gestaltet. Das Gestaltungspotential ist als die biografische Kompetenz zu verstehen (vgl. Sackmann 2013, S. 53 ff.).

Biografien werden nicht gänzlich selbst konstruiert, sondern stehen mit gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten in einem Wechselverhältnis. Bourdieu bezeichnet dies als „Laufbahnen im sozialen Raum“ (vgl. Finkel 2013, S. 55). Die Biografieforschung, bei der es sich um Forschungsansätze/-wege handelt, die Lebensgeschichten sowie berichtete Lebensführungen und Lebenserfahrungen durch Erzählungen oder gegebenenfalls persönliche Dokumente aus der subjektiven Sicht eines Menschen als Datengrundlage haben (vgl. Graßhoff 2013, S. 55 zit. nach Fuchs 1982), hat dies zu berücksichtigen.

Die Relevanz der eigenen Biografie für das Individuum ist durch biografische Erzählung im Alltag zu erkennen. Lebensgeschichtliche Erlebnisse werden durch Rückblicke reaktiviert und die Biografie wird mittels Kommunikation erfahrbar. Zentral ist das gelebte und erlebte Leben aus der Subjektperspektive. Das biografische Erzählen, das narrative Rekonstruieren von Vergangenem, ist nicht als reine Repräsentation von sozialer Wirklichkeit zu verstehen, sondern ist zugleich Bestandteil dieser. Es geht daher in der Biografieforschung nicht nur um die Frage, wie genau etwas gewesen ist, sondern primär auch darum, wie Erfahrungen verarbeitet wurden oder sich gegebenenfalls das Selbst verändert hat. Diese Erkenntnisse lassen sich durch den Umgang der erzählenden Personen mit ihrer Geschichte ableiten (vgl. ebd. S. 56).

Der Lebenslauf gilt als eine von verschiedenen Dimensionen, in der Menschen in das Blickfeld der Sozialen Arbeit genommen werden. Die Angebote der Sozialen Arbeit richten sich an Menschen jeden Alters und lassen sich diesbezüglich zuordnen und unterliegen unterschiedlichen pädagogischen Schwerpunkten. Der Lebenslauf wird dabei zur sozialen Ordnung dieses Feldes (vgl. Graßhoff 2015, S. 35). An diesem Punkt ist mit Blick auf die vorliegende Arbeit zu beachten, dass sich das Konzept des Lebenslaufs und das Konzept der Biografie voneinander unterscheiden. Dies wird im Folgenden erläutert:

„Unter dem Konzept des Lebenslaufs (...) wird die institutionalisierte, also sozial geregelte Abfolge und Entfaltung von sozialen Zugehörigkeiten, Positionen, Rechten und Pflichten u. a. eines durchschnittlichen Erwachsenenlebens in der modernen Gesellschaft verhandelt – also die ‚soziale Tatsache‘ der Ordnung des Lebens entlang der Achse der Lebenszeit.“ (Schefold 1993, S. 22).

Das Konzept der Biografie hingegen definiert sich durch das Geschehen in der Lebenszeit eines Menschen aus der Innensicht des Subjekts, welches sich erinnert, erzählt oder die eigene Zukunft entwirft. Damit wird die Handlungs-, Verarbeitungs- und Deutungsebene des Geschehens und die individuelle Perspektive gesellschaftlicher Strukturierungen fokussiert. So können objektive Realitäten der Gesellschaft subjektiv angeeignet sowie verarbeitet werden. Die Biografie wird dadurch zur Schnittstelle zwischen diesen Strukturen und den Bildungsprozessen des Subjekts. Für die Soziale Arbeit ist dieser Aspekt vor dem Hintergrund bedeutsam, dass Menschen, die sich zwar in ähnlichen Lebensphasen befinden, unterschiedliche Erfahrungen machen (vgl. Graßhoff 2015, S. 37 ff.).

Sowohl die Biografieforschung als auch die Lebenslaufforschung sind demnach Forschungsstränge in der Soziologie, die sich mit dem Lebenslauf von Menschen beschäftigen (vgl. Sackmann 2013, S. 9). Zusammenfassend lassen sich diese Forschungsstränge so unterscheiden, dass das Konzept des Lebenslaufs eine objektive Beschreibung von zeitlich aneinandergereihten und sozial hervorgebrachten Ereignissen und Entwicklungen beschreibt, während es beim Konzept der Biografie darum geht, erlebte Ereignisse und Entwicklungen im Kontext gesellschaftlicher Strukturierungen subjektiv und individuell zu reflektieren, zu verarbeiten und zu deuten.

Darüber hinaus ist eine Abgrenzung der Biografieforschung zur Biografiearbeit notwendig, auch wenn aus der Literatur ersichtlich wird, dass sie sich teilweise der gleichen Methoden bedienen. Ausschlaggebend ist jedoch, dass die Intentionen und Wirkungsbereiche zu unterscheiden sind. Nach Ruhe (2007) existiert eine Unterteilung in die unstrukturierte und die strukturierte Biografiearbeit. Bei der unstrukturierten Form handelt es sich um das tägliche, spontane Erinnern, welches situationsabhängig und unkontrolliert ist. Beispiele hierfür sind das Träumen, Gespräche oder Gedanken. Eine Strukturierung der Erinnerungen sei erst erforderlich, wenn sie belastend sind. Die strukturierte Biografiearbeit hingegen beschreibt die angeleitete Erinnerungsarbeit. Sie gilt als Methode zur Hilfestellung, Erinnerungen erlebbar werden zu lassen und hat die eigene Weiterentwicklung und das persönliche Wachstum zum Ziel. Beispielhaft ist an dieser Stelle die Biografiearbeit mit Adoptivkindern zu nennen, die wenig über ihre eigene Lebensgeschichte und leibliche Familie wissen (vgl. Ruhe 2007, S. 134). Während es also kurzgefasst in der Biografieforschung um das Rekonstruieren und die Art und Weise der Verarbeitung von Erfahrungen geht, bezieht sich die Biografiearbeit auf die Auseinandersetzung und Reflexion mit/von der eigenen Biografie.

2.2 Ursprünge und Entwicklung der Biografieforschung

Die Biografieforschung ist seit den 1970er Jahren Teil von vielfältigen Fachdisziplinen für wissenschaftliche Analysen und ist damit in keiner Disziplin allein zu verorten (vgl. Finkel 2013, S. 54). Den konkreten Beginn der Biografieforschung auszumachen gestaltet sich vor dem Hintergrund ihrer Entwicklung in den unterschiedlichen Bereichen/Disziplinen schwierig. In der Auseinandersetzung mit der Fachliteratur wurde ersichtlich, dass hierzu die Soziologie, die Erziehungswissenschaft, die Psychologie und die Soziale Arbeit aber auch Bereiche wie die Religionswissenschaft, die Migrationsforschung, die Bildungsforschung oder die Geschichtswissenschaft gehören.

In Bezug auf die Ursprünge wird im Folgenden die Biografieforschung in der Soziologie herangezogen. Anzumerken ist, dass der soziologisch orientierte Ansatz den Zusammenhang von Biografie und Gesellschaft einbezieht, grundsätzlich aber auch die Biografieforschung in der Erziehungswissenschaft einen angemessenen Anknüpfungspunkt darstellt, die unter anderem die Themenfelder Lernen und Bildung sowie Erziehungsverhältnisse fokussiert (vgl. Griese / Griesehop 2007, S. 8 f.).

Die Biografieforschung wurde in der Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dem Zusammenhang entdeckt, dass Gesellschaft nur durch empirische Daten mittels wissenschaftlich kontrollierter Erhebung in ihrer gesamten Vielfalt sowie Widersprüchlichkeit zu erfassen sei (vgl. Schmeiser 2004, S. 69 ff.). Dabei sind nicht nur die Lebens- und Erfahrungsgeschichten bekannter oder wichtiger Personen von Interesse, sondern jeglicher „alltäglichen“ Personen. In diesem Zusammenhang ist die Chicago-Schule anzuführen, in dessen Rahmen sich die soziologische Biografieforschung durch eine Untersuchung in den 1920er Jahren zu polnischen Migranten, durchgeführt von Thomas und Znaniecki ab 1918, entwickelte. Zunächst galten Briefe und Tagebücher als Dokumente, die Einblicke in subjektive Erfahrungen besonders gut ermöglichten. Durch die Entwicklung und Erweiterung von Erkenntnismöglichkeiten im Rahmen der quantitativen Umfrageforschung gerieten diese Methoden der biografischen Forschung jedoch wieder in den Hintergrund. Ab den 1960er Jahren galt diesen Methoden erneute Aufmerksamkeit, bis qualitative Methoden ab den 1970er Jahren in vielen Ländern in das Blickfeld der Forschung gerieten und in diesem Kontext insbesondere die Biografieforschung eine zentrale Stellung einnahm – unter anderem in Deutschland. Die Biografieforschung ist seither bis heute eine häufig angewandte Forschungsrichtung, in der überwiegend qualitativ geforscht wird. In Bezug auf die anfängliche Entwicklung der Biografieforschung in Deutschland sind Bertaux, Fuchs-Heinritz, Kohli, Schütze sowie Oevermann zumindest namentlich zu erwähnen (vgl. Sackmann 2013, S. 9 ff.).

2.3 Methodische Vorgehensweise(n) der Biografieforschung

Der in Kapitel 2.2 aufgeführte Aspekt, dass die Biografieforschung Lebensgeschichten/-führungen/-erfahrungen als Datengrundlage nutzt sowie die beschriebene Bedeutungszunahme der Biografieforschung stehen in einem engen Zusammenhang mit methodischen Innovationen. „Im Feld der Biografieforschung waren hier neue qualitative Verfahren wie das narrative Interview und die daran anschließende Interpretationstechnik entscheidend, ebenso wie die im Kontext der objektiven Hermeneutik entwickelte Feinanalyse.“ (ebd., S. 67). Aufgrund der Tatsache, dass das narrative Interview in den herangezogenen Forschungsarbeiten in Kapitel 4 zentral ist (in drei der vier Forschungsarbeiten bildete es die methodische Grundlage), wird im Folgenden auf diese Methode in ihren Grundzügen eingegangen, während die objektive Hermeneutik als Interpretationsverfahren nicht weiter vertieft wird.

In Deutschland wurde das narrative Interview von Fritz Schütze u.a. in den 1970er Jahren ausgearbeitet. Die Absicht dieser offenen Interviewmethode ist, dass Gesprächspartner zu bestimmten Forschungsfragen spontane Stegreiferzählungen erzeugen, ohne diese zu bewerten oder zu argumentiert. Konkret soll es dabei um die Rekonstruktion eigener Erlebnisse sowie um die individuelle Beteiligung an diesen im Horizont der Zeit gehen – die Anfänge eines Gegenstandsbereichs, dessen Entwicklung und der aktuelle Stand bzw. der Endpunkt. Ziel der Methode ist damit ein privilegierter Zugang zu Erfahrungen von einzelnen Subjekten, die nicht lediglich abgefragt, sondern konstruiert und rekonstruiert werden (vgl. Holtgrewe 2009, S. 57 f.).

Das narrative Interview gliedert sich in unterschiedliche Phasen. Je nach AutorIn variieren diese in der Anzahl, der Ablauf ist jedoch im Kern derselbe. Im Folgenden werden die Phasen nach Küsters (2009) dargestellt und stichpunktartig kurz beschrieben.

1. Vorgespräch und Aushandlungsphase: Kennenlernen, Forschungsvorhaben und Ablauf, Zusicherung der Anonymität, Erlaubnis einer Tonbandaufnahme, Erzählstimulus
2. Haupterzählung: Gestaltung obliegt befragter Person, InterviewerIn schweigt, Bedingung von Interesse und Bereitschaft, Aufrechterhaltung der Motivation durch Mimik, unbeschränkte Entfaltungsmöglichkeit der Erzählung
3. Nachfragephase: immanentes und exmanentes Nachfragen
4. Bilanzierungsphase: Interpretation der Erfahrungsaufschichtungen im Kontext der Gesamtbiografie
5. Nachgespräch: Auslaufen des Gesprächs, Forschungsvorhaben, Dank
6. Transkription/Protokollierung: Innere Distanz für Analyse schaffen

Hinsichtlich der Auswahl der Interviewpartner gelten das Lebensalter, die Kulturrelativität und der Stegreifcharakter als Merkmale der Erzählkompetenz, sodass nicht jede/r gleichermaßen befragt werden kann bzw. Ergebnisse quantitativ und qualitativ sehr unterschiedlich sein können. Kritikpunkte des narrativen Interviews sind neben der möglichen Einschränkung der Erzählkompetenz das Validitätsproblem (erzählt die/der ErzählerIn tatsächliche Ereignisse?) und die systematische Gesprächsrollenverletzung (eine Person spricht und die andere hört „nur“ zu). Bezüglich des letzten Aspekts kann ein Interviewtraining des Interviewers hilfreich sein, um die Beziehung zum Informanten durchgehend aufrecht zu erhalten (vgl. Küsters 2009, S. 54 ff.).

3 Theoretische Grundlagen der AdressatInnenforschung

In diesem Kapitel werden zunächst die Hintergründe über die Hinwendung zum Blick auf die AdressatInnen der Sozialen Arbeit dargelegt. Ebenso findet eine Definition und demzufolge eine Differenzierung der AdressatInnen statt. Anschließend wird die AdressatInnenforschung selbst aufgegriffen und ihre Bedeutung sowie Ziele dargestellt.

3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit: Begriffsdefinition und Entwicklung der AdressatInnenperspektive

Nachdem die Forschungsaktivitäten in der Sozialen Arbeit zunächst stark professions- und organisationsbezogen waren, richtet sich der Blick zunehmend auf die AdressatInnen der Sozialen Arbeit. Die aktuelle Frage ist in diesem Zusammenhang, wie dies geschehen kann (vgl. Graßhoff 2013, S. 9). Grundlegend für diese Entwicklung waren insbesondere die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften im Rahmen der „subjektiven Wende“ als verstärkte Thematisierung des Subjekts sowie das Konzept der Lebensweltorientierung, dessen Umorientierung vom Problem zu Lebenswelten durch den achten Jugendbericht große Bedeutung erhielt (vgl. Bitzan / Bolay 2013, S. 35). Die Lebensweltorientierung ermöglicht der Sozialen Arbeit Wissen über die Innenperspektive ihrer AdressatInnen, ohne welches sie nur auf standardisierte Lösungen oder Modelle zurückgreifen könnte, durch welche keine Passung zu Erfahrungen und Bewältigungsweisen der AdressatInnen garantiert werden kann (vgl. Bitzan et al. 2006, S. 7).

AdressatInnen der Sozialen Arbeit sind Menschen jeden Alters mit unterschiedlichen Schwierigkeiten und Problemlagen, die organisierte Hilfe und Unterstützung in Institutionen der Sozialen Arbeit (dazu zählen auch alltägliche Orte wie das eigene Zuhause, das beispielsweise durch eine/n Familienhelfer/in zum Ort Sozialer Arbeit wird) erhalten. Dabei kann es sich um Einzelpersonen sowie um Personengruppen (Familien oder Stadtteile sowie Gemeinden bei sozialräumlichen Angeboten) handeln – AdressatInnen sind jedoch immer nur die Personen, die die Angebote der Sozialen Arbeit tatsächlich nutzen. Beteiligte Komponenten an einem Hilfeprozess sind damit die Person als AdressatIn selbst, die Institution sowie die Profession (vgl. Graßhoff 2015, S. 7 ff.).

Es existieren verschiedene Möglichkeiten, wie AdressatInnen der Sozialen Arbeit differenziert werden können. Diese Möglichkeiten werden im Folgenden in Kurzform dargestellt:

- Da Soziale Arbeit in verschiedenen Handlungsfeldern stattfindet, lassen sich die AdressatInnen in diesen unterschiedlichen Bereichen nach ihren Gemeinsamkeiten und Unterschiedenen bezüglich ihrer Eigenschaften, Dispositionen und strukturellen Merkmalen einordnen.
- AdressatInnen können im Kontext einer institutionellen Ordnung anhand ihres Lebenslaufs – ihrer Lebensphasen – beschrieben werden.
- AdressatInnen können anhand von Merkmalen in Zielgruppen differenziert werden. Diesen können Geschlecht, Krankheit, Migrationsgeschichte, sexuelle Orientierung etc. sein.
- Differenzierung nach der Lebenswelt der AdressatInnen und danach, wie intensiv oder invasiv diese durch das Hilfesystem beeinflusst wird (vgl. Graßhoff 2015, S. 9 f.).

3.2 Definition und Ziele der AdressatInnenforschung

In der AdressatInnenforschung, welche heute eine lange Tradition in der Sozialen Arbeit aufweist, handelt es sich um die Erforschung besonderer individueller sowie sozialräumlicher Umstände im Leben von Personen(-gruppen), die Angebote der Sozialen Arbeit in Anspruch nehmen (vgl. Dexheimer 2011, S. 69). Konkret „untersucht die Adressatenforschung den Zusammenhang zwischen den individuellen und kollektiven Problem-, Bedarfs- und Nachfragelagen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und den institutionellen Strukturen, Angeboten, Maßnahmen und Interventionen sowie die vermittlungsrelevanten Definitions- und Zuschreibungsprozesse.“ (Lüders / Rauschenbach 2005, S. 565).

Um von den individuellen sozialen Problemen Zusammenhänge und Gründe zu verstehen, werden diese einzeln, gruppiert und gesamtheitlich in der AdressatInnenforschung erforscht (vgl. Engelke 2004, S. 356). Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist in diesem Zusammenhang die Erforschung der gesellschaftlichen Konstruktion von erstens dem Bedarf und zweitens den AdressatInnen. Anzumerken ist, dass immer erst ab dem Zeitpunkt einer Interaktion von AdressatInnen und Professionellen von einem Fall zu sprechen ist. Aus diesem Grund sind neben den gesellschaftlichen Bedingungen und Problemlagen als Gegenstand der AdressatInnenforschung ebenso die institutionelle und professionelle Praxis zu betonen. Des Weiteren ist die Beschäftigung mit dem lebensweltlichen Kontext und Geschichtlichkeit zentral (vgl. Hanses 2005, S. 187 f.).

Ziel der AdressatInnenforschung ist zum einen das Verstehen von individuellen Problemen und Lebenslagen sowie von den darin integrierten produktiven als auch unproduktiven Bewältigungsversuchen der AdressatInnen. Zum anderen geht es um die Beobachtung der sozialpädagogischen Unterstützung – konkret um den Blick auf die Passgenauigkeit zwischen Angeboten und individuellen Bedarfen, um die Handlungskompetenz der AdressatInnen (wiederkehrend) zu steigern (vgl. Finkel 2013, S. 53).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Biografieforschung in der sozialpädagogischen AdressatInnenforschung. Umsetzung im Kontext der Jugendhilfe
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V461169
ISBN (eBook)
9783668912298
ISBN (Buch)
9783668912304
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografieforschung, Adressatenforschung, Sozialpädagogik, Jugendhilfe
Arbeit zitieren
Sandra Knierbein (Autor:in), 2018, Biografieforschung in der sozialpädagogischen AdressatInnenforschung. Umsetzung im Kontext der Jugendhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461169

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Biografieforschung in der sozialpädagogischen AdressatInnenforschung. Umsetzung im Kontext der Jugendhilfe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden