Seit Jahren erlebt der Glaube an Schutzengel nahezu eine Hochkonjunktur und ist aus dem Alltag der Menschen nicht mehr wegzudenken, denn nicht selten spürt man, dass man in schwierigen oder gefährlichen Situationen eben nicht alleine ist, sondern dass man sich geschützt und behütet fühlt – von einem höheren Wesen, welches man als persönlichen Schutzengel identifiziert.
Dabei ist der Glaube an einen persönlichen Schutzengel anscheinend nicht mit dem Glauben an Gott gekoppelt, denn heutzutage glaubt nur noch knapp jeder Dritte in Deutschland an Gott. An den persönlichen Schutzengel glauben jedoch über die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen, wobei die Ursachen dafür vielfältig sind. Zum einen drückt der Schutzengel aus, dass der Mensch in dieser Welt bzw. im gesamten Universum nicht alleine ist, sondern dass ebenfalls höhere Mächte existieren, die sich wissenschaftlich meist nur schwer oder nicht explizit beweisen lassen. Zum anderen besteht die Vorstellung eines Schutzengels länger als die Religion sowie die Kultur des Christentums.
Der Schutzengelglaube lässt sich aber auch heute noch als ein gegenwärtiges und durchaus religionssoziologisches Massenphänomen der Gesellschaft beschreiben, welches in der vorliegenden Arbeit näher zu beleuchten gilt. Jenes religionssoziologische Massenphänomen hat sich dahingehend so weitreichend entwickelt, dass auch der römisch-katholische Theologe Thomas Ruster schon von der neuen „Engelreligion“ spricht, sodass die Relevanz dieser Thematik für Theologie und Kirche nicht mehr zu verkennen ist. Es finden sich auch schon in frühchristlichen kanonischen sowie außerkanonischen Texten Andeutungen auf Schutzengel, denen jeweils ein anderes Verständnis und unterschiedliche Vorstellungen zugrunde liegen.
Diese Zeugnisse belegen, dass der Glaube an Schutzengel durchaus zutiefst christlich ist. Umso mehr verwundert es, dass heutzutage im systematisch-theologischen sowie kirchlichen Kontext das Thema des begleitenden Schutzengels nicht mehr auftaucht und eine fruchtbare Begegnung von Schutzengelvorstellungen mit Theologie und Kirche zunehmend durch eine Nichtthematisierung erschwert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Anspielungen auf Schutzengelvorstellungen im frühen Christentum
1.2 Zur Verortung des „Perlenliedes“
1.3 Struktur und Methodik
2. Zu Text und Inhalt des „Perlenliedes“
2.1 Grundzüge der Erzählung
2.2 Deutungsmöglichkeiten
3. Analogien von Schutzengelvorstellungen im „Perlenlied“
4. Religionsgeschichtliche Hintergründe zu Schutzengelvorstellungen im „Perlenlied“
4.1 Platons Seelenwanderungslehre
4.2 Die platonischen „Daimonia“ als Lebensbegleiter
4.3 Die Überlieferungen zu platonischen „Daimonia“ bei Plutarch
4.4 Traditionen des Thomasevangeliums als Parallelen zum „Perlenlied“
5. Die Verdrängung der Schutzengel aus Theologie und Kirche
5.1 Warnung vor den Engeln
5.2. Systematisch-theologische Perspektiven zur Angelologie
5.2.1 Thomas Ruster
5.2.2 Karl Rahner
5.2.3 Karl Barth
5.2.4 Wolfhart Pannenberg
5.2.5 Wilfried Härle
6. Der Glaube an Schutzengel als Phänomen der Gegenwartsreligiösität
6.1 Der Schutzengelglaube als religionssoziologisches Massenphänomen
6.2 Schutzengelvorstellungen von Jana Haas als Beispiel einer Gegenwartsreligiösität
6.3 Parallelen der Schutzengelvorstellungen von Jana Haas zu platonischen Schutzengelvorstellungen
6.4 Parallelen der Schutzengelvorstellungen von Jana Haas zum „Perlenlied“
7. Potenziale von Schutzengelvorstellungen für Theologie und Kirche in der Gegenwart
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die religionsgeschichtlichen Hintergründe und theologischen Potenziale von Schutzengelvorstellungen, wobei ein besonderer Fokus auf dem frühchristlichen „Perlenlied“ sowie dessen Parallelen zu platonischen Konzepten und zeitgenössischen esoterischen Phänomenen liegt. Ziel ist es, die systematische Verdrängung dieser Denkfigur aus der akademischen Theologie kritisch zu beleuchten und Wege aufzuzeigen, wie das Bedürfnis nach spiritueller Begleitung wieder in den kirchlichen Kontext integriert werden kann.
- Frühchristliche und außerkanonische Engelvorstellungen
- Das „Perlenlied“ als narratives Zeugnis und Analogie
- Platonische Seelenwanderungslehre und „Daimonia“
- Systematisch-theologische Ansätze zur Angelologie der Gegenwart
- Religionssoziologische Analyse des „Engelglaubens“ als Massenphänomen
Auszug aus dem Buch
1.1 Anspielungen auf Schutzengelvorstellungen im frühen Christentum
In frühchristlichen Texten, kanonisch wie außerkanonisch, sind Andeutungen auf Schutzengelvorstellungen vorzufinden. Diese Vorstellungen sind jedoch heterogen, sodass das Verständnis von Schutzengeln kein manifestiertes Konzept aufweist und sich nicht eindeutig definieren lässt. Die unterschiedlichen Anspielungen auf Schutzengelvorstellungen im frühen Christentum werden anhand ausgewählter Texte im Folgenden dargestellt.
Das Motiv des begleitenden Schutzengels erhält im apokryphen Tobitbuch eine zentrale Rolle, denn jenes setzt die Vorstellung voraus, dass jeder Mensch von einem Engel beschützt wird. So wird der Engel Raphael von Gott entsendet, um Tobias auf seiner Reise zu begleiten, wobei jener Engel wie ein menschlicher Führer wirkt, was in Tob 5, 4 mit der Beschreibung seiner menschlichen Gestalt deutlich wird: „Und er ging hinaus und fand den Engel Rafael, der bereits zur Reise gerüstet dastand. Und Tobias erkannte nicht, dass er ein Engel Gottes war [...].“ Der Schutzengel zeigt daher keine überirdischen Züge auf und drückt nicht mit seinem Aussehen, sondern vielmehr mit seiner Funktion die göttliche Macht aus. Übersinnliche und wundersame Charakteristika liegen bei Raphael somit nicht vor. Doch sein Handeln und Wirken als persönlicher Schutzengel von Tobias zeigen auf, wie die Menschen das Wohlwollen Gottes überhaupt noch erfahren können.
Aus diesem Grund handelt der Engel Raphael auf dem irdischen Plateau, sodass sein Wirken dem menschlichen Verständnis zugänglich ist. Während Raphael seinen Schützling Tobias begleitet, erfüllt er die zentrale Funktion des Heilers, indem er Sara als auch Tobit heilt (Tob 3, 17) und somit der Bedeutung seines Namens aus dem Hebräischen (Gott heilt) entspricht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Hochkonjunktur des Glaubens an Schutzengel in der heutigen Gesellschaft und kontrastiert dies mit der systematisch-theologischen Nichtbeachtung des Themas.
2. Zu Text und Inhalt des „Perlenliedes“: Es werden die narrative Struktur der Hymne sowie die verschiedenen Möglichkeiten einer metaphorischen Deutung, insbesondere im Hinblick auf das „Strahlenkleid“, dargelegt.
3. Analogien von Schutzengelvorstellungen im „Perlenlied“: Das Kapitel untersucht, wie die Funktionen eines Schutzengels im „Perlenlied“ trotz des Fehlens des expliziten Begriffs „Engel“ metaphorisch wirksam werden.
4. Religionsgeschichtliche Hintergründe zu Schutzengelvorstellungen im „Perlenlied“: Hier werden die platonischen Konzepte der Seelenwanderung und der „Daimonia“ sowie Parallelen aus dem Thomasevangelium als historische Wurzeln diskutiert.
5. Die Verdrängung der Schutzengel aus Theologie und Kirche: Das Kapitel analysiert, warum das Thema in der Systematischen Theologie weitgehend ignoriert wurde, und prüft verschiedene moderne theologische Positionen.
6. Der Glaube an Schutzengel als Phänomen der Gegenwartsreligiösität: Der Fokus liegt auf der „Engelreligion“ als religionssoziologischem Massenphänomen und der Untersuchung zeitgenössischer Praktiken durch Beispiele wie Jana Haas.
7. Potenziale von Schutzengelvorstellungen für Theologie und Kirche in der Gegenwart: Abschließend werden Impulse für eine pastoralpsychologische Aufarbeitung der Thematik gegeben, um das Bedürfnis der Menschen nach spiritueller Orientierung kirchlich zu integrieren.
Schlüsselwörter
Schutzengel, Perlenlied, Engelreligion, Systematische Theologie, Platonismus, Seelenwanderung, Daimonion, Gegenwartsreligiösität, Angelologie, Lebensaufgabe, Spiritualität, Seelsorge, Jana Haas, Religionssoziologie, Thomasakten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wiederaufleben des Glaubens an Schutzengel in der heutigen Gesellschaft und analysiert, warum dieses Thema in der akademischen Theologie weitgehend verdrängt wird, während es im spirituellen Sektor boomt.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Schwerpunkte liegen auf dem frühchristlichen „Perlenlied“, der platonischen Philosophie (insbesondere der Seelenwanderung und der Dämonenlehre) sowie der Analyse moderner esoterischer Strömungen und ihrer Bedeutung für die Seelsorge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das „Perlenlied“ als christliches Zeugnis für Schutzengelvorstellungen zu etablieren und aufzuzeigen, wie Kirche und Theologie diesen Impuls nutzen können, um Menschen in Lebenskrisen spirituell besser zu begleiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine religionsgeschichtliche und systematisch-theologische Analyse, um Texte aus dem frühen Christentum und der Philosophie mit aktuellen soziologischen und esoterischen Phänomenen zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des „Perlenliedes“, die Rückführung der Engelvorstellungen auf antike platonische Wurzeln, die Kritik an der angelologischen Verdrängung in der Dogmatik sowie eine Fallstudie zum zeitgenössischen Engelglauben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind neben Schutzengel und Perlenlied auch die „Engelreligion“, das „Daimonion“ bei Platon/Plutarch, die Seelenwanderung und die Relevanz der Lebensaufgabe.
Wie unterscheidet sich das „Daimonion“ bei Platon vom biblischen Schutzengel?
Während der biblische Schutzengel meist als von Gott gesandtes, oft menschenähnliches Wesen auftritt, wird das platonische „Daimonion“ als göttlicher Anteil oder begleitender Geist verstanden, der den Prozess der Seelenentwicklung und der Selbstverwirklichung steuert.
Was ist das zentrale Argument zur „Engelreligion“?
Die Arbeit argumentiert, dass die sogenannte „Engelreligion“ ein modernes religionssoziologisches Phänomen ist, das für Menschen attraktiv ist, weil es individuelle Erfahrungen und Freiheit in den Vordergrund stellt, ohne an starre kirchliche Dogmen gebunden zu sein.
- Citation du texte
- Ann Chef (Auteur), 2018, Das Perlenlied und frühchristliche Schutzengelvorstellungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461371