Die Zuschauernachfrage bei Hertha BSC. Variablen am Fußballbundesligastandort Berlin


Bachelorarbeit, 2017
91 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung vorhandener Faktoren und Variablen hinsichtlich der Nachfrage des Zuschauersports
2.1 Preisfaktor
2.2 Einkommensfaktor
2.3 Qualität der sportlichen Leistung
2.4 Die Spannung des Wettbewerbs
2.5 Marktgröße
2.6 Mehrseitige Märkte
2.7 Effekt eines Stadionneubaus
2.8 Äußere Faktoren

3 Besonderheiten des Profifußballs
3.1 Merkmale des Fußballmarktes
3.2 Besonderheiten der Meisterschaft und dort stattfindende Spiele
3.3 Segmente des Marktauftretens der Bundesligisten
3.3.1 Markt für Stadionunterhaltung
3.3.2 Markt für Sponsoring- und Werberechte
3.3.3 Markt für Übertragungsrechte
3.3.4 Markt für Merchandising-Artikel

4 Die Zuschauerzahlen als Maß der Zuschauernachfrage
4.1 Einfluss des Einkommens auf die Zuschauerzahlen
4.2 Sportliche Qualität als Einflussfaktor
4.3 Verhältnis der Marktgröße zur Zuschauernachfrage
4.4 Die Zahl der Vereinsmitglieder als Einflussgröße
4.5 Bedeutung der Stadionkapazität
4.6 Zwischenfazit

5 Empirische Untersuchung
5.1 Methodik der Befragung
5.1.1 Operationalisierung
5.1.2 Aufbau und Durchführung der Befragung
5.2 Auswertung der Ergebnisse
5.2.1 Deskriptive Auswertung
5.2.2 Aufstellung der Hypothesen
5.2.3 Einwirkungen auf die abhängige Variable
5.2.4 Beurteilung der aufgestellten Hypothesen
5.3 Interpretation der Ergebnisse

6 Fazit

Anlagenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Besonderheiten des Zuschauermarktes

Abbildung 2: Preiselastizitäten mehrerer Sportarten

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen sportlicher Unsicherheit und der Nachfrage nach Stadionbesuch

Abbildung 4: Veränderungen der Zuschauerzahlen nach Stadionneubauten

Abbildung 5: Veränderungen der Zuschauerzahlen nach den Stadionerneuerungen zur WM

Abbildung 6: Erlöse der Bundesligisten von 2012/13 bis 2014/

Abbildung 7: Gesamte Stadionzuschauerzahl der ersten Bundesliga (in Millionen)

Abbildung 8: Relative Anzahl der fußballinteressierten Bevölkerung, die Fanartikel besitzen

Abbildung 9: Interpretation der Korrelationswerte

Abbildung 10: Vergleich der Kaufkraft einer Region mit den entsprechenden Zuschauerzahlen der Saison 2015/

Abbildung 11: Platzierungen und Zuschauerzahlen der letzten zehn Jahre

Abbildung 12: Zusammenhang zwischen den Tabellenplatzierungen der Erst- und Zweitligisten und dem entsprechenden Zuschauerschnitt

Abbildung 13: Zusammenhang der Anzahl der Länderspiele mit den Zuschauerzahlen der Vereine

Abbildung 14: Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl und den Zuschauerzahlen des entsprechenden Erst- oder Zweitligisten

Abbildung 15: Einzugsgebiet der Städte mit mehr als einem Profifußballverein

Abbildung 16: Zusammenhang zwischen dem prozentualen Zuschaueranteil und den Einwohnerzahlen

Abbildung 17: Zusammenhang zwischen den Zuschauerzahlen 2015/2016 und der Anzahl der Vereinsmitglieder

Abbildung 18: Zusammenhang zwischen den Stadionkapazitäten und den tatsächlichen Zuschauerzahlen der ersten Liga 2015/

Abbildung 19: Geschlecht der Befragten

Abbildung 20: Alter der Befragten

Abbildung 21: Einkommen der Befragten

Abbildung 22: Interesse an Hertha BSC und am Fußball

Abbildung 23: Anzahl der Stadionbesuche bei Hertha BSC

Abbildung 24: Anteil der Dauerkartenbesitzer bei Hertha BSC

Abbildung 25: Besuche bei anderen professionellen Sportmannschaften

Abbildung 26: Bedeutung des außersportlichen Angebots

Abbildung 27: Bedeutung des verfügbaren Geldes

Abbildung 28: Bedeutung der sportlichen Qualität

Abbildung 29: Bedeutung der Kosten, die bei einem Stadionbesuch anfallen

Abbildung 30: Der Spannungsfaktor bei Heimspielen von Hertha BSC

Abbildung 31: Die Größe, Atmosphäre und Bedingungen des Stadions

Abbildung 32: Die Stadionerreichbarkeit und Folgen eines neuen/kleineren Stadions

Abbildung 33: Dauer der Anfahrt zum Stadion

Abbildung 34: Mittelwertvergleich des Stadionbesuches unter Berücksichtigung des Dauerkartenbesitzes

Abbildung 35: Korrelationen mit der Variable 'Anzahl der Stadionbesuche'

Abbildung 36: Zusammenfassung des Regressionsmodells

Abbildung 37: Koeffizienten des Regressionsmodells

Abbildung 38: Korrelation zwischen dem Interesse an Fußball und an Hertha BSC

Abbildung 39: Stadionbesuche bei Hertha BSC in Abhängigkeit mit dem Alter der Befragten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Bundesliga befindet sich, was die Attraktivität - gemessen an der Zahl der Stadionbesucher - betrifft, an der Weltspitze des Fußballs. Hunderttau- sende zieht es deutschlandweit Woche für Woche in die Stadien, um „ih- rem“ Verein zuzuschauen und professionellen Fußball sehen zu können. So auch in Deutschlands Hauptstadt Berlin. Doch der Fußball wird hier of- fenbar anders wahrgenommen als in anderen Teilen Deutschlands.1 Knapp 3,5 Mio. gemeldete Bürger wohnen in Berlin. In der Saison 2015/2016 ver- zeichnete Berlins hochklassigster Fußballverein Hertha BSC jedoch erneut bloß einen Schnitt von 49.704 Zuschauern pro Bundesligaheimspiel. Dies entspricht umgerechnet einem durchschnittlichen Zuschaueraufkommen von 1,43 Prozent der gesamten Bevölkerung Berlins. Zum Vergleich: Dieser Wert lag in der gleichen Saison in der ersten Bundesliga bei durchschnittlich 14,94 Prozent, in der ersten und zweiten Bundesliga zusammen bei 12,16 Prozent. In dieser Hinsicht liegt Hertha BSC in der ersten Bundesliga auf dem letzten, in der ersten und zweiten Bundesliga zusammen auf dem dritt- letzten Platz. Müsste man sich als Traditionsverein und Hauptstadtklub nicht viel weiter oben in dieser fiktiven Tabelle befinden, wenn man zudem bedenkt, dass mit 32 Prozent der Berliner Bevölkerung der Anteil der Men- schen, der sich sehr stark für Fußball interessiert, ähnlich hoch wie in an- deren Bundesländern ist?2 Des Weiteren befand sich Hertha BSC in der Saison 2015/2016 fast permanent im oberen Tabellendrittel, was jedoch nicht zu einer signifikant steigenden Zuschauernachfrage führte.

In dieser Arbeit soll also der Frage nachgegangen werden, welche Einfluss- faktoren der Zuschauernachfrage bei Hertha BSC greifen und ob diese ge- genüber den gängigen Einflussfaktoren abweichen. Gibt es vielleicht gar keinen Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl und den Zuschauer zahlen eines Bundesligavereins? Erliegt Hertha BSC somit machtlos den Gegebenheiten des Marktes? Welche Faktoren sind auf diesem Markt ent- scheidend? Wie sieht das diesbezüglich bei anderen Vereinen aus?

Konkret wird die Bearbeitung wie folgt aussehen: Zunächst soll dargestellt werden, welche zahlreichen Faktoren und Variablen die Nachfrage nach Zuschauersport überhaupt beeinflussen können. Hierbei sollen sowohl Fak- toren, die bereits mithilfe empirischer Studien belegt wurden, als auch sol- che betrachtet werden, bei denen dies bisher nicht der Fall ist. Inwiefern sich der Fußball von anderen Wirtschaftsbereichen unterscheidet und wel- che Besonderheiten im Profifußball vorzufinden sind, soll ebenso erläutert werden.

Es wird anschließend analysiert, welche Faktoren eine große und welche eine eher geringe Bedeutung hinsichtlich der Zuschauernachfrage haben. Anhand vorhandener statistischer Werte zu Einwohnern, Zuschauern, Ta- bellenplatzierungen, Ticketpreisen, Einkommensverhältnissen etc. sollen diverse Korrelationen mit den tatsächlichen Zuschauerzahlen aus der Sai- son 2015/2016 untersucht werden. Dadurch soll geprüft werden, durch wel- che Anreize Menschen ins Stadion gelockt werden. Basierend auf diesen Ergebnissen wird ermittelt, in welchen Bereichen Abweichungen zu Hertha BSC auftreten. Letztlich ist es ebenso notwendig herauszustellen, ob diese Zusammenhänge gebildet werden dürfen und die Zuschauerzahlen der Bundesliga die tatsächliche Zuschauernachfrage widerspiegeln.

Die zentralen Faktoren werden anschließend in einem Fragebogen opera- tionalisiert, wodurch die speziellen Gegebenheiten bei Hertha BSC analy- siert werden. Mithilfe der Ergebnisse soll veranschaulicht werden, wovon die Zuschauernachfrage bei Hertha BSC abhängig ist und wie diese ermit- telten Ergebnisse zu interpretieren sind. Diese sollen dann folgend mit den zuvor aufgestellten theoretischen Fakten und Überlegungen verglichen und auf Übereinstimmung geprüft werden. Sollte sich herausstellen, dass die Einflussfaktoren auf die Zuschauernachfrage bei Hertha BSC ähnlich wie beim Rest der Liga wirken, so kann diese Erkenntnis genutzt werden, um die in der Öffentlichkeit oftmals aufkommende These, Hertha BSC habe ein Zuschauerproblem, endgültig zu widerlegen.

2 Darstellung vorhandener Faktoren und Variab- len hinsichtlich der Nachfrage des Zuschauer- sports

Die „Nachfrage des Zuschauersports“ ist ein dehnbarer Begriff, der zu- nächst etwas eingeengt werden soll: Unter Nachfrage versteht man den Wunsch einer Gruppe, ein bestimmtes Produkt zu erwerben.3 Der Zuschau- ersport ist ein Teil des äußerst umfassenden Bereichs des Sports, dessen Merkmale im Folgenden erklärt werden sollen.4 Die Besonderheit liegt in der Einzigartigkeit der Erstellung von sportlichen Wettkämpfen. Während auf der einen Seite die Erstellung sportlicher Leistungen vorausgesetzt wird, muss diese auf der anderen Seite dem Zuschauer von Sportunternehmen angeboten werden. Die Eigenheit im Vergleich zu anderen Branchen be- steht im Zuschauersport also in den folgenden Punkten: Zunächst erfolgt die Produktion des Gutes ‚Sportlicher Wettkampf‘ gemeinschaftlich in einem Ligensystem. Dies ist grundlegend für die Unsicherheit des Wettbewerbs- ausgangs, die ein weiteres besonderes Kennzeichen ist. Die hohe emotio- nale Loyalität, die der Zuschauersport bietet, ist ein ebenso wichtiges sowie einzigartiges Merkmal in der Wirtschaft. Gleiches gilt für die Subjektivität des Konsumenten: ob und welche Sportveranstaltung einen persönlichen Nutzen bietet, unterscheidet sich zwischen den Konsumenten sehr stark. Ebenso bedeutsam sind substituierende, also ersetzende Freizeitangebote, die Zielgruppen des Zuschauersports leicht ‚abwerben‘ können. Die nach- folgende Abbildung soll die Besonderheiten zusammenfassend veran- schaulichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Besonderheiten des Zuschauermarktes 5

Es handelt sich beim Zuschauersport also um den Leistungs-, Spitzen- bzw. Berufssport.6 Als Zuschauersport ist in Deutschland der Fußball mit deutli- chem Abstand am populärsten, doch auch Handball, Basketball und Eisho- ckey genießen eine hohe Beliebtheit.7

Auf dem Zuschauersport liegt also der Fokus in dieser Arbeit, während an- dere Formen wie bspw. der Breitensport nicht berücksichtigt werden.

Zuschauersport kann grundsätzlich auf zweierlei Weise konsumiert werden: zum einen durch Sportübertragungen durch diverse Medien, zum anderen durch das Erleben des ausgeübten Sports direkt in Stadien, Arenen oder Hallen. Bei Sportübertragungen sind die Zuneigungen des Zielpublikums zu einem bestimmten Athleten oder einer Mannschaft meist nur schwer identi- fizierbar. In Anbetracht des Vorhabens, die Zuschauernachfrage von Hertha BSC zu beleuchten, ist es also nicht zielführend, in Richtung der Fernseh- zuschauer zu forschen. Stattdessen haben die Sportstättenbesucher in die- ser Hinsicht eine viel höhere Bedeutung. Demzufolge wird auf ihnen auch diese Arbeit beruhen. Was führt einen Menschen zu einem Sportereignis? Bei der Entscheidung des Sportbesuches spielen mehrere Faktoren eine unterschiedlich große Rolle. Dies lässt sich jedoch nicht für den gesamten Sport verallgemeinern. Zwischen einzelnen Sportarten gibt es deutliche Un- terschiede betreffend zahlreicher Faktoren. Dennoch handelt der Sportstät- tenbesucher generell als ‚Homo oeconomicus‘, indem er seinen persönli- chen Nutzen maximieren will.8

Trotz der in Abbildung 1 abgebildeten Besonderheiten unterliegt die Nach- frage nach Zuschauersport zunächst den typischen und in der Marktwirt- schaft üblichen Faktoren zugrunde. Aufgrund der Vielseitigkeit möglicher ausschlaggebender Punkte eines jeden Individuums bei der Kaufentschei- dung einer Sportveranstaltung, kann hier nicht auf jeden denkbaren beein- flussenden Faktor eingegangen werden. Im Folgenden sollen die am häu- figsten auftretenden Faktoren dargestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung bei der Frage, wodurch die Zuschauerfrage gelenkt wird, analysiert werden.

2.1 Preisfaktor

Der Preis ist ein entscheidender Faktor, der die Zuschauernachfrage beein- trächtigt, denn „zwischen der nachgefragten Menge eines Gutes und des- sen Preis besteht im Regelfall eine inverse Beziehung. Bei fallendem Preis steigt die Nachfrage, bei steigendem sinkt sie.“9 Dennoch ist zu erwarten, dass die Auswirkungen der Preissetzung eher gering ausfallen.10 Es han- delt sich hier also um einen unelastischen Preis. Das bedeutet, dass sich bei einer einprozentigen Preisänderung die Nachfragemenge um weniger als ein Prozent verändert. Das Kaufverhalten des Konsumenten wird dem- zufolge durch den Preis nur bedingt beeinflusst, was sich wie folgt erklären lässt: Sportvereine sind „lokale Monopolisten“11, da Fans eine besondere Bindung zu diesen Vereinen haben.12 Dies betrifft sogar die Städte und Re- gionen, in denen mehrere Vereine dieselbe Sportart professionell ausüben. Hier ist die englische Hauptstadt das beste Beispiel: Aktuell sind 13 Londo- ner Vereine im englischen Profifußball vertreten, mit dem Arsenal FC, Chelsea FC, Crystal Palace FC, Tottenham Hotspur FC und West Ham Uni- ted FC sogar fünf Klubs in der Premier League, Englands höchster Spiel- klasse im Fußball. Dennoch würde ein Arsenal-Fan seine persönliche Prä- ferenz nicht ändern und fortan Anhänger von Chelsea sein. Andere Vereine der gleichen Sportart nehmen somit keine substituierende Funktion ein. Aus diesem Grund besitzen professionelle Vereine eine Monopolstellung in ihrer Region. Anhänger des Vereins bleiben diesem treu, weshalb Vereine durch angemessene Preisänderungen grundsätzlich wenig bewirken in Bezug auf eine höhere oder niedrigere Zuschauernachfrage. Die ausgeübte Sportart spielt dabei keine Rolle.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Preiselastizitäten mehrerer Sportarten 14

Abbildung 2 verdeutlicht die Unabhängigkeit der Sportarten hinsichtlich der Preiselastizität. Die hier vorhandenen Elastizitätswerte von kleiner als 1 und größer als 0 haben folgende Bedeutung: Preisänderungen von einem Pro- zent bewirken eine Veränderung von weniger als ein Prozent bei der Nach- fragemenge. Je näher der Wert gegen 0 geht, desto weniger verändert sich die Nachfragemenge. Bei einem Wert von 0 ist keine Änderung auf der Nachfrageseite zu beobachten. Bei einem Wert von 1 würde eine einpro- zentige Preisänderung eine einprozentige Veränderung der Nachfrage- menge auslösen.

Während die NBA auf Preisveränderungen komplett unelastisch reagiert, ist beim Australian Football die Elastizität mit 0,59 zwar am höchsten, dennoch deutlich unter eins. Somit wirken sich Preisveränderungen auch hier kaum auf die Nachfragemenge aus. Übertragen auf den gesamten Sport wird also gezeigt, dass Preisvariationen im Sport lediglich marginale Nachfrageände- rungen erzeugen. Das Gut ‚Zuschauersport‘ hat für Interessierte eine weit- aus emotionalere und persönlichere Bindung als Produkte in anderen Wirt- schaftsbereichen, was die geringe Nachfrageempfindlichkeit auf Preis- schwankungen erklärt. Somit sind Vereine grundsätzlich in einer Position, in der sie Ticketpreise in Maßen ändern können, ohne dabei weitreichende Konsequenzen der Zuschauernachfrage befürchten zu müssen.15

Dies sollte jedoch differenziert betrachtet werden. Dauerkarteninhaber sind von Erwerbern von Tageskarten zu unterscheiden.16 Während Dauerkar- teninhaber gegenüber ihrem Verein treuer als Tageskartenbesitzer einge- schätzt werden, ist die Preiselastizität bei den erstgenannten geringer als bei Letzteren. Durch den Kauf einer Dauerkarte binden sich Fans langfristig für die ganze Saison. Sie bieten dem Verein eine dauerhafte emotionale Unterstützung und gehen mit dem Kauf der Dauerkarte ein hohes finanziel- les Risiko ein. Zudem nehmen sie damit regelmäßig in Kauf, Zeit für die Sportdarbietungen zu investieren. Dies tun sie, obwohl die Unsicherheit in verschiedensten Aspekten sehr hoch ist. So ist zum Zeitpunkt des Kaufes beispielsweise ungewiss, wie leistungsstark die Mannschaft ist und dem- entsprechend in welchen Tabellenregionen sie sich befinden wird. Welches Personal, wie etwa Trainer und Spieler, vorhanden sein wird, ist zu diesem Augenblick oftmals ebenso fraglich. Auch die zeitliche Komponente ist äu- ßerst ungewiss, da einzelne Spieltage zum Zeitpunkt des Kaufes der Dau- erkarte noch nicht final terminiert sind. Aus diesem Grund kann berechtig- terweise davon ausgegangen werden, dass Dauerkartenbesitzer – zumin- dest hinsichtlich eines Stadionbesuches – dem Verein loyaler gegenüber- stehen als Erwerber von Tagestickets.

In der Wirtschaft handelnde Unternehmen setzen sich unter anderem eine Gewinnmaximierung als Ziel. Die Annahme, dass Preise umso höher ge- setzt werden, je kleiner die Preiselastizität ist, ist also nachvollziehbar. Ge- mäß dieser Schlussfolgerung müssten die Ticketpreise für Dauerkartenin- haber deutlich höher sein als die der Tageskartenkäufer. Für den Sport gilt diese Logik jedoch nicht. Das Gegenteil ist hier der Fall: Eine Stichprobe englischer, in der Division 117 spielender Klubs im Zeitraum von 1962 bis 1991 zeigte zwischen Tageskarten- und Dauerkartenbesitzern differierende Preiselastizitäten.18 Obwohl Letztere eine geringere Preiselastizität als die Erstgenannten aufweisen, werden Dauerkarten in der Regel mit einem deutlichen Rabatt gegenüber Tageskarten verkauft. Dies widerspricht den generellen, wirtschaftlichen Gewohnheiten. Es lässt sich aber durch das oben genannte Risiko, das der Fan trägt, erklären.

Preiselastizitäten können jedoch nicht bloß anhand der Ticketkosten be- rechnet werden. Auch anfallende Kosten wie Park- oder Reisekosten soll- ten ebenfalls berücksichtigt werden.19 So wurden zum Beispiel bei der Er- mittlung der Faktoren der Zuschauernachfrage der französischen Première Division20 1997/1998, die Reisekosten in die Darstellung der Preiselastizität inkludiert.21 Mithilfe eines ‚Fan Cost Indexes‘ (FCI) wurden zusätzliche Kos- ten für Essen, Trinken, Parken usw. dargestellt. Es konnte allerdings aufge- zeigt werden, dass die Auswirkungen dieser Kosten auf die Zuschauernach- frage gering sind, wenngleich die Preiselastizität des FCI höher ist als die der Ticketpreise.22

Doch selbst bei einer ausschließlichen Bestimmung der Ticketpreiselastizi- tät bleibt auch ohne Berücksichtigung des FCI festzuhalten, dass die Schwierigkeit der Bestimmung einer Preisvariablen enorm ist. Zumeist wer- den bei Motivforschungen Durchschnitts- oder Mindestpreise benutzt. Da die Ticketpreise selbst innerhalb einer Sportveranstaltung stark variieren, ist dies allerdings unvorteilhaft.23 24 Preise werden einerseits hinsichtlich der Qualität und des Ortes des Zuschauerplatzes unterschiedlich gestaltet (Steh- oder Sitzplatz, VIP-Loge usw.). Andererseits wird der soziale Status der Zuschauer ebenso bei der Preisbildung berücksichtigt: Schüler, Studen- ten oder Rentner erhalten auf ihr Ticket oftmals eine Ermäßigung. Bei em- pirischen Auswertungen wird dennoch auf Durchschnitts- oder Mindest- preise aller vorhandenen Eintrittskarten zurückgegriffen. Für ein genaues Ergebnis wäre das Verwenden eines gewichteten Preises, in Bezug auf die in der entsprechenden Kategorie verfügbaren Tickets, weitaus sinnvoller. Dieser würde sämtliche Variationen des Preises berücksichtigen. Da es an diesen Informationen jedoch mangelt, wird zumeist der Mindestpreis be- nutzt.

Zudem sei zu erwähnen, dass die Preiselastizität vom Mitläufereffekt, auch Bandwagon-Effekt genannt25, gelenkt wird. Kaufen Haushalte ein bestimm- tes Gut, in diesem Fall das Stadionerlebnis, gibt es diesbezüglich viele Nachahmer, weil sie sich zu der gleichen Gruppe zählen. Dies führt zu einer steigenden Nachfrage bei Preissenkungen.26

Von hoher Relevanz bzgl. der Zuschauernachfrage kann auch die Kreuzpreiselastizität von Gütern sein. Dabei betrachtet man Güter, die sich gegenseitig ergänzen (Komplementärgüter) und solche, die sich gegensei- tig ersetzen (Substitutionsgüter).27 Bedeutend sind hier die Substitutionsgü- ter. Zwischen direkten Substitute wie z. B. der medialen Übertragung und des Sportwettkampfes besteht eine hohe Kreuzpreiselastizität. Werden Preise für die mediale Übertragung also gesenkt, kann davon ausgegangen werden, dass die Nachfrage nach Stadionbesuchen ebenso sinkt. Bei indi- rekten Substituten (andere Sport- und Unterhaltungsangebote) ist die Kreuzpreiselastizität jedoch geringer, wobei zwei Sportangebote eine deut- lich größere Kreuzpreiselastizität aufweisen als ein Sport- gegenüber einem Unterhaltungsangebot.28

2.2 Einkommensfaktor

Mithilfe der Einkommenselastizität soll geprüft werden, inwiefern ein Zu- sammenhang zwischen der Nachfrage eines Haushalts nach Sportveran- staltungen und seinem Einkommen vorliegt.29

„Bis heute gehört es zu den allzu gern gepflegten Mythen, dass Fußball ein typisches Arbeiterspiel sei, in dem sich testosteronschwangere Malocher in ihrer spärlichen Freizeit vergnüglich die Hacken polieren.“30 Dieses Kli- schee ist zwar weit verbreitet, entspricht aber dennoch nicht der Wahrheit. Der Zuschauersport kann „sowohl ein inferiores, ein normales oder ein Lu- xusgut sein.“31 Während Sportarten wie Tennis und Golf als superiore, also hochwertige Güter angesehen werden und demnach eine Einkom- menselastizität größer als Eins aufweisen, war der Fußball früher ein infer- iores, also minderwertiges Gut. Heutzutage ist der Fußball ein eher norma- les Gut.32 Dennoch kann dies nicht pauschalisiert werden. Die in 2.1 er- wähnten unterschiedlichen Preiskategorien verdeutlichen, dass selbst in- nerhalb einer Sportart verschiedene Leistungen angeboten werden, die di- verse Klassen symbolisieren. Während Sitz- und Stehplätze einen eher in- ferioren Charakter aufweisen, ist die VIP-Loge gehobener und somit von superiorer Art. Somit kann also nicht der Status der Kernleistung, dem Fuß- ballspiel, ermittelt werden, sondern bloß die dem Zuschauer gebotene Ge- samtleistung.

Wegen dieser unterschiedlichen Güterklassen des Zuschauersports ist es schwierig, vom Einkommen eines Haushalts auf die Nachfrage nach Zu- schauersport zu schließen.

2.3 Qualität der sportlichen Leistung

Die Qualität der sportlichen Leistung ist ein entscheidender Einflussfaktor auf die Zuschauernachfrage, wenn nicht sogar der bedeutendste. Hierbei spielen ‚Stareffekte‘ eine große Rolle, welche sich nur auf einen oder we- nige Sportler beziehen können oder aber auf eine ganze Mannschaft.33 Dies muss nicht zwangsweise ein Sportler oder eine Mannschaft sein, zu dem oder zu der man eine emotionale Bindung hat. Es kann auch ein Sportler oder eine Mannschaft sein, dem bzw. der man aufgrund seiner/ihrer hohen sportlichen Leistung zuschauen möchte (z. B. Bayern München). Das Ta- lent dieser Stars ist fast einmalig und somit monopolartig, weshalb die Nachfrage nach ihren Sportdarbietungen äußerst groß ist. Bei potenziellen Zuschauern kann daher „eine Präferenz für außerordentliches Talent kon- statiert werden, welche zu überproportionalen Zahlungsbereitschaften für die Darbietung besserer Talente führt.“34 Der Nutzen des Konsumenten liegt darin, dass er den größten Talenten der entsprechenden Sportart zu- schauen kann.

Die Stareffekte lassen sich ebenso bei gastierenden Athleten oder Mann- schaften feststellen. Ein Heimspiel eines unterklassigen Amateurfußballver- eins gegen einen Verein wie Bayern München wäre nur aufgrund des Star- effekts von Bayern München vermutlich ausverkauft. Der Ausgang der Par- tie dürfte dabei jedem klar sein, weshalb der in 2.4 erwähnte Unsicherheits- und Spannungsfaktor hier nicht greift.

Während die Qualität der sportlichen Leistung aus theoretischer Sicht die Zuschauernachfrage stark beeinflusst, ist ein empirischer Beweis nicht ein- deutig vorhanden. Vielmehr gibt es mehrere Versuche und Studien, die den Faktor Qualität abbilden sollen. Durch die Benutzung des Torverhältnisses oder der Punkteausbeute der letzten Spiele beider Kontrahenten soll die vorübergehende sportliche Qualität demonstriert werden. Eine klar definier- bare Qualitätsvariable existiert jedoch nicht.

Der bereits genannte Stareffekt kann durch verschiedene Methoden darge- stellt werden. Dies gelingt unter anderem durch das Budget beider Kontra- henten, den Tabellenplatz der Vorsaison oder die Summe der Länderspiele der Sportler als messbare Indikatoren.

Allgemein kann jedoch festgehalten werden, dass verschiedene Variablen den Faktor Qualität darstellen können. Da das Empfinden für eine hohe Qualität der sportlichen Leistung sehr subjektiv ist, kann nicht verallgemei- nert werden, anhand welcher Variablen der Faktor Qualität gemessen wer- den kann. Für die nachfolgende empirische Untersuchung wird der Faktor anhand der Tabellenposition sowie des Vorhandenseins von ‚Starspielern‘ operationalisiert (siehe 5.1.1).

2.4 Die Spannung des Wettbewerbs

Die Komponente ‚Spannung des sportlichen Wettbewerbs‘ ist ein sehr be- deutsamer Einflussfaktor auf die Zuschauernachfrage.

Eine Vielzahl von Personen reizt das Miterleben von Sportdarbietungen auf- grund des nicht vorhersehbaren Wettbewerbsausgangs. Dies führt zu einer erhöhten Spannung und bringt dem Konsumenten einen hohen Unterhal- tungsnutzen. Man spricht hier von ‚uncertainty of outcome hypothesis‘ (UOH). Die UOH ist eine Unsicherheitshypothese, die besagt, dass die At- traktivität eines Wettbewerbes dann am größten ist, wenn sich die Stärke aller Wettbewerbsteilnehmer nahezu auf dem gleichen Level befindet.35 Ein unvorhersehbarer Wettbewerbsausgang setzt also eine Ausgeglichenheit der Wettbewerber voraus, was ‚competitive balance‘ (CB) genannt wird. Ein hoher CB führt also zu einer hohen UOH und somit zu erhöhter Spannung und demzufolge zu einem erhöhten Nutzen für den Konsumenten.36 Daraus lässt sich nachkommend aufgeführte Bedingung ableiten, die im Sinne der Schaffung von Ausgeglichenheit erforderlich ist:37 Das Talent der kontrahie- renden Spieler muss gleichmäßig verteilt sein, wodurch eine Ergebnisoffen- heit angestrebt wird. Diese erhöht die Spannung eines Wettkampfes, die für den Konsumenten sehr bedeutsam ist. Diese Spannung ist die Grundlage für den persönlichen Nutzen.

Eine Prüfung der Unsicherheitsvariable wird allerdings dadurch erschwert, dass Unsicherheit in mehreren Ausprägungen erscheint.38 Bei Mann- schaftssportarten wird zwischen drei Unsicherheitstypen unterschieden: Die kurzfristige Unsicherheit zielt auf die Ergebnisoffenheit eines einzigen Wettkampfes ab. Die mittelfristige Unsicherheit bezieht sich auf eine ganze Saison, in der Unsicherheit in Bezug auf den Tabellenplatz einer bestimm- ten Mannschaft besteht. Zuletzt besteht eine langfristige Unsicherheit über eine dauerhafte Überlegenheit einer einzigen Mannschaft.

Abbildung 3 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Unsicherheit und Nachfrage des Konsumenten. Entgegen der Behauptung, ein maximal at- traktiver Wettbewerb setze eine maximale Unsicherheit bzgl. des Spielaus- gangs voraus, wurde erforscht, dass vollständige Unsicherheit nicht zu ma- ximaler Nachfrage führt.39 Eine maximale Nachfrage ist demnach dann ge- geben, wenn die Heimsiegwahrscheinlichkeit nicht bei 50, sondern bei 66 Prozent liegt. Der Konsument will also eine gewisse Unsicherheit erwarten, möchte jedoch, dass die Heimmannschaft leistungsmäßig einen Vorteil hat. Hierbei ist auch festzustellen, dass ein Wettkampf mit komplett offenem und unvorhersehbarem Ausgang genauso stark nachgefragt wird wie ein Wett- kampf, bei dem die Heimmannschaft einen klaren Vorteil hat. Maximale Un- sicherheit ist aus der Nachfragesicht folglich nicht ideal.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen sportlicher Unsicherheit und der Nachfrage nach Stadion- besuch 40

Trotz der hier veranschaulichten Erklärungen gibt es Unklarheiten in Bezug auf eine empirische Nachweisbarkeit der Unsicherheitshypothese. Teil- weise wird die UOH als klarer Einflussfaktor auf die Zuschauernachfrage bestätigt. Ebenso wird aber auch nachgewiesen, dass kein signifikanter Ein- fluss von der UOH auf die Zuschauernachfrage besteht.41 Auffällig ist je- doch, dass die Zuschauerzahlen im Fußball europaweit kontinuierlich an- steigen. Gleichzeitig werden Wettbewerbe und Ligen zunehmend unausge- glichener. In der französischen Liga gewann Paris Saint-Germain in den letzten vier Jahren die Meisterschaft. In Spanien dominieren der FC Barcelona und Real Madrid seit mehreren Jahren die Liga. Auch in Deutsch- land herrschen ‚spanische Verhältnisse‘42: Außer Borussia Dortmund be- sitzt Bayern München keinen dauerhaften Konkurrenten im Titelrennen.43 Daraus, dass die Zuschauerzahlen dennoch steigen, lässt sich vermuten, dass noch keine Unausgeglichenheit vorliegt oder dass andere Einflüsse die Unausgeglichenheit des Wettbewerbs übertreffen.44

Ein ausgeglichener Wettbewerb sollte nichtsdestotrotz auch von den teilha- benden Vereinen angestrebt werden.45 Schließlich sind Sportvereine oder Athleten, die sich einem Ligensystem unterordnen, voneinander abhängig.

Andere Wirtschaftszweige hingegen wollen Mitbewerber vom Markt ver- drängen und eine Monopolstellung erreichen. Dieses Vorhaben wäre im Sport undenkbar. Durch eine festgelegte Anzahl an sportlich Beteiligten ent- steht erst der Wettbewerb. Zwar kann versucht werden, durch das Optimie- ren seiner eigenen Bedingungen oder der Leistungsfähigkeit seine Aus- gangsposition zu verbessern, eine Monopolstellung würde allerdings nicht nur das Aus der restlichen Wettbewerber, sondern auch das des Monopo- listen bedeuten. Sollte also eine Liga immer weiter auseinanderklaffen, so- dass die Existenz einiger Wettbewerber gefährdet ist, entspräche dies nicht dem Interesse aller Wettbewerber. Somit wird ein ausgeglichener Wettbe- werb befürwortet.

2.5 Marktgröße

Die Marktgröße kann ein ebenso einflussreicher Faktor sein. Gemessen werden kann dies anhand der Anzahl der in der Region des stattfindenden Wettkampfes registrierten Einwohner. Dabei ist grundsätzlich davon auszu- gehen, dass auf einem größeren Markt die absolute Nachfrage nach Ein- trittskarten höher als auf kleineren Märkten ist unter der Annahme, dass die Reisebereitwilligkeit der Zuschauer zur Sportstätte überall gleich groß ist.46 Generell gilt also: Je größer der Markt, desto größer die Zuschauernach- frage.47

Bei den Analysen treten aber insofern Probleme auf, als dass die Größe des Einzugsgebiets nicht nachvollziehbar dargestellt wird und / oder in einer Region zwei oder mehrere professionelle Vereine der identischen Sportart ansässig sind.48 Das Einzugsgebiet von Sportvereinen kann nicht pauscha- lisiert werden kann. Während zum Beispiel Anhänger und Zuschauer von Borussia Dortmund weitaus verstreuter wohnhaft sein werden und der BVB somit ein großes Einzugsgebiet hat, werden Anhänger des SV Darmstadt in Deutschland nicht weit verbreitet sein. Die Festlegung des korrekten Ein- zugsgebiets gestaltet sich folglich schwierig und kann nicht einheitlich ge- troffen werden.

Des Weiteren gibt es Städte, die über mehr als einen Profiverein in dersel- ben Sportart verfügen. Hier wird zumeist die Einwohnerzahl des festgeleg- ten Zielgebietes jedoch bloß durch die Menge der ansässigen Vereine ge- teilt. Um diesen weit verbreiteten Fehler zu umgehen, wurde in einer Studie die Größe des Heimmarktes dadurch bestimmt, dass die Einwohnerzahl ei- ner Region in Relation zu der Anzahl der verkauften Dauerkarten der jewei- ligen Vereine gesetzt wurde.49 Das Verhältnis der veräußerten Tickets wurde dann entsprechend auf die Einwohnerzahl der Region angewandt und dadurch die Größe des Einzugsgebiets abgebildet. In 4.3 soll dies je- doch anhand der Mitgliederzahlen statt der verkauften Dauerkarten auf- grund der üblichen Verkaufstopps von Dauerkarten gemacht werden.

2.6 Mehrseitige Märkte

Sportwettkämpfe können auch indirekte Netzwerkeffekte bieten.50 Sofern Sportwettkämpfe die Funktion als Werbeplattform einnehmen, können Sportanbieter neben der Sportdarbietung als ursprüngliche Dienstleistung auch Werbeflächen verkaufen. Sportanbieter nehmen somit unter anderem die Funktion von Medienunternehmen ein. Von den Zuschauern geht dabei eindeutig ein externer Effekt auf die Werbenden aus. Je höher schließlich die Zuschauernachfrage ist, umso mehr wird der Werbende bereit sein, ei- nen höheren Preis für die Werbefläche zu entrichten, da er durch das er- höhte Zuschaueraufkommen eine höhere Reichweite seiner Werbung er- zielen kann. Es ist jedoch fraglich, ob gegenteilig der gleiche Effekt entsteht. Es ist nämlich ungewiss, ob mehr Werbung einen höheren Nutzen beim Konsumenten hervorruft, das Gegensätzliche eintritt und der Nutzen sinkt oder gar kein Einfluss besteht. Für Sportanbieter wäre es jedoch von großer Bedeutung, dies zu wissen. Sofern der Einfluss bekannt wäre, könnte die ideale Menge an Werbeflächen und Werbung bestimmt werden, ohne Ein- bußen hinsichtlich der Zuschauernachfrage und somit auch von Ticketein- nahmen hinnehmen zu müssen.

2.7 Effekt eines Stadionneubaus

Einen positiven Einfluss auf die Zuschauernachfrage wurde bei Sportanbie- tern festgestellt, die ein neues Stadion errichtet haben.51 Das konkrete Aus- maß und die anhaltende Dauer der Veränderungen der Zuschauerzahlen nach einem Stadionneubau unterscheiden sich sehr stark zwischen ver- schiedenen Ländern und Sportarten. Für die deutsche Fußball-Bundesliga wurde für den Zeitraum von 1963 bis 2004 analysiert, inwiefern sich Stadi- onneu- oder -umbauten hinsichtlich der Zuschauerzahlen auswirken.52 Ein Neubau oder eine Renovierung des Stadions führt generell zu einer höhe- ren Nachfrage auf der Zuschauerseite. Dabei lassen sich drei Varianten feststellen.

1. Die Zuschauer interessieren sich zwar für das neue oder renovierte Stadion, gewöhnen sich allerdings sehr schnell daran. Eine höhere Zuschauernachfrage ist bloß in der ersten Saison nach Fertigstel- lung des Stadions spürbar.
2. Der Neuigkeitseffekt dauert ungefähr fünf Jahre an, in denen Zu- schauer Spiele des Vereins verstärkt nachfragen. Nach Ablauf die- ser Zeit endet der Effekt jedoch rasch.
3. Nach der Eröffnung des Stadions lässt sich in der ersten Saison eine erhöhte Zuschauernachfrage ermitteln. In diesem Jahr ist der Neu- igkeitseffekt am höchsten. Im Unterschied zu Punkt 1 ist dieser auch in nachfolgenden Jahren vorhanden, sinkt jedoch durchgehend.

Unabhängig der jeweiligen Variante ist ein Anstieg der Zuschauernachfrage nach Fertigstellung des Stadions gegeben. Klar ist aber auch, dass dieser Neuigkeitseffekt nur eine begrenzte Zeit andauert und zeitnah nicht mehr gegeben sein wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Veränderungen der Zuschauerzahlen nach Stadionneubauten 53

Die oben dargestellte Abbildung verdeutlicht die deutlichen Zuschauerzu- wächse nachdem ein Stadion neu oder umgebaut wurde. Diese Zuwächse sind bei den hier abgebildeten Stadien klar erkennbar. Durch die neu errich- tete Spielstätte gelingt es dem jeweiligen Verein, eine höhere Zuschauer- nachfrage zu generieren. Sportwettkämpfe werden also für einen begrenz- ten Zeitraum stärker nachgefragt.

In einer weiteren Studie wurden die Auswirkungen der Stadionneubauten im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 1974 betrachtet. Abgesehen vom Berliner Olympiastadion war auch hier derselbe Effekt festzustellen: Die Zu- schauernachfrage hat innerhalb der ersten fünf Jahre nach dem Neubau erheblich zugenommen (siehe Abbildung 5). Es kann also empirisch bestä- tigt werden, dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem Neubau ei- nes Stadions und der zeitlich darauffolgenden Zuschauernachfrage unter sonst gleichen Umständen besteht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Veränderungen der Zuschauerzahlen nach den Stadionerneuerungen zur WM 1974 54

Neben dem dargestellten Neuigkeitseffekt ist auch die Art und Funktionalität des Stadions mitentscheidend für die Zuschauernachfrage. Im Rahmen der Fußball-WM 2006 wurden etliche deutsche Stadien saniert oder teilweise sogar neu errichtet. Bis zu diesem Zeitpunkt war ein Großteil der Stadien durch eine am Spielfeld angrenzende Laufbahn ebenso für Leichtathletik- veranstaltungen ausgelegt. Daher wurden viele Stadien zur WM in moderne Multifunktionsarenen umgewandelt, die keine ‚reinen Sportstadien‘ mehr waren, sondern auch für diverse Veranstaltungen genutzt werden konnten. Eine Laufbahn besaßen diese nicht mehr. Stattdessen erfreuten sich viele Zuschauer an der verbesserten Atmosphäre angesichts der kürzeren Dis- tanz zum Spielgeschehen. Ein Unterschied zwischen Stadien mit einer Laufbahn und Stadien ohne Laufbahn zeichnet sich auch in der Zuschauer- nachfrage ab.55

Ein neu gebautes oder renoviertes Stadion, welches eine Laufbahn besitzt, weist einen Zuschaueranstieg von etwa 2.530 Personen pro Spiel auf. Dem- gegenüber steht ein Anstieg von 4.801 Zuschauern pro Spiel bei Multifunk- tionsarenen, die keine Laufbahn besitzen. Damit ist der Neuigkeitseffekt von Multifunktionsarenen fast doppelt so groß wie von Stadien mit Laufbahnen. Vereine, die einen Stadionneubau durchführen und von einem Stadion mit Laufbahn zu einem ohne Laufbahn wechseln wollen, können nicht nur von dem zeitlich begrenzten Neuigkeitseffekt profitieren, sondern ebenso von einem dauerhaft positiven Effekt, da Zuschauer Arenen ohne Laufbahnen wegen der bereits angesprochenen, scheinbar besseren Atmosphäre prä- ferieren. Ein Anstieg von 4.801 Zuschauer pro Spiel bedeutet für 17 Bun- desligaheimspiele pro Saison einen zusätzlichen Ticketumsatz von insge- samt rund 1,4 Millionen Euro. Der Annahme liegt zugrunde, dass der Um- satz pro Ticket bei durchschnittlich 16,81 Euro liegt.56

2.8 Äußere Faktoren

Wenngleich sie nicht oder nur geringfügig beeinflussbar sind, können auch Umweltfaktoren bei der Entscheidungsfindung, ob ein Spiel besucht oder nicht besucht wird, eine nicht unerhebliche Bedeutung einnehmen. Dabei lässt sich feststellen, dass die Wichtigkeit der Wetterbedingungen je nach Sportart sehr unterschiedlich ist.57 Während Cricket ein sehr wetterabhän- giger Sport ist und bei Regen sofort ab- oder unterbrochen wird, kann beim Rugby und Fußball - abgesehen vom spanischen Fußball, wo die Abstinenz von Regen zu einer höheren Zuschauernachfrage als bei vorhandenem Re- gen führt - kein signifikanter Zusammenhang zwischen den Wetterbedin- gungen und der Zuschauernachfrage festgestellt werden.58 Beim Baseball und Football wurde hingegen festgestellt, dass sich Regen und extreme Wetterverhältnisse negativ auf die Zuschauernachfrage auswirken.59

Es wurde ebenfalls untersucht, inwiefern sich der Wochentag und die Uhr- zeit des entsprechenden Spiels auf die Zuschauernachfrage auswirken. Er- wartungsgemäß ist die Zuschauernachfrage an Sonn- und Feiertagen grö- ßer als an Werktagen.60 Ein Effekt der Uhrzeit des Spiels kann dagegen nicht nachgewiesen werden.61

3 Besonderheiten des Profifußballs

Im zurückliegenden Kapitel 2 wurde der Zuschauersport im Allgemeinen betrachtet, wenngleich existierende Analysen und Studien sich zum Groß- teil auf den Fußball spezialisieren. Grundsätzlich charakterisiert den Zu- schauersport, dass ein Akteur mit seinem Kontrahenten einerseits konkur- rieren, andererseits für die erfolgreiche Ausübung seiner Tätigkeit zudem kooperieren muss. Das Streben nach einer Monopolstellung würde für je- den Akteur zum „Wegfall des Ertragspotenzials“62 führen.

Auch bei der Fußball-Bundesliga handelt es sich um ein kollektiv erstelltes Produkt, bei der jeder Verein auf die Leistungsausübung aller anderen Ver- eine angewiesen ist. Ansonsten würde kein Wettbewerb entstehen. Die nachfolgend aufgeführten Besonderheiten charakterisieren die Fußball- Bundesliga und weichen von den, in anderen Wirtschaftszweigen üblichen Merkmalen ab.63

[...]


1 Nachfolgende Daten stammen aus eigener Berechnung und Statistisches Bundesamt (2016a) und transfer- markt.de Redaktion (2016b). Siehe auch Anlage 1.

2 Vgl. IfD Allensbach (2016).

3 Vgl. Wirtschaftslexikon24 Redaktion (o. J.).

4 Für nachfolgende Ausführungen vgl. Berlin (2012), S. 15 ff.

5 Eigene Darstellung in Anlehnung an Berlin (2012), S. 17.

6 Vgl. Wipper (2003), S. 45–56.

7 Das Zuschauerinteresse an medialen Sportübertragungen wie bspw. der Formel 1 wird hier nicht berücksichtigt. Für eine genaue Auflistung der bestbesuchten Sportveranstaltungen in der Saison 2015/2016 vgl. Stadionwelt Redaktion (2016).

8 Zur Definition des Homo oeconomicus vgl. Woll (o. J.).

9 Roy (2004), S. 17.

10 Für folgende Ausführungen vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 6 ff.

11 Simmons (2006), S. 80.

12 Für folgende Ausführungen vgl. ebenda. Zur Definition eines Monopolisten vgl. duden.de Redaktion (o. J.).

13 Vgl. Feehan (2006), S. 94.

14 Eigene Darstellung in Anlehnung an die Ergebnisse von Bird (1982), Borland, Lye (1992), Burdekin, Idson (1991), Dobson, Goddard (1995), Fort, Quirk (1996), Hynds, Smith (1994), Welki, Zlatoper (1994) und zit. n. Feehan (2006), S. 94.

15 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 6.

16 Für die folgend aufgeführten Unterschiede zwischen der Preiselastizitäten von Dauerkarten- und Tageskarten- inhabern vgl. Simmons (2006), S. 83.

17 Die Division 1 war in dem hier betrachteten Zeitraum die höchste Spielklasse des englischen Fußballs.

18 Vgl. Simmons (2006), S. 83.

19 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 15.

20 2002 wurde die Première Division durch die Ligue 1 ersetzt. Sie ist die höchste Spielklasse im Profifußball Frankreichs.

21 Vgl. Falter, Perignon (2000), S. 1759.

22 Vgl. Coates, Humphreys (2007), S. 167 ff.

23 Vgl. Strauß (2012), S. 75.

24 Für nachfolgende Erläuterungen vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 16 und Garcia Villar, Guerrero (2009), S. 129.

25 Für eine Erklärung dieses Effekts vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016c).

26 Vgl. Roy (2004), S. 18.

27 Ausführlicher dazu vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016b).

28 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 9 und Borland, Macdonald (2003), S. 481.

29 Vgl. Wirtschaftslexikon Redaktion (o. J. a).

30 Geiges (2008)

31 Budzinski, Feddersen (2015), S. 8

32 Vgl. ebenda, S. 8 f.

33 Für die nachfolgenden Ausführungen in 2.3 vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 10-19.

34 Ebenda, S. 10.

35 Vgl. Pawlowski (2012), S. 13 f.

36 Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2016d).

37 Vgl. Rottenberg (1956) S. 254 f. in Anlehnung an Sontag (2012), S. 17.

38 Vgl. Strauß (2012), S. 79.

39 Vgl. ebenda, S. 80.

40 Strauß (2012), S. 80 in Anlehnung an Szymanski (2003).

41 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 19 f. und Pawlowski (2012), S. 13 ff.

42 Damit wird oft die Dominanz der beiden spanischen Vereine bezeichnet.

43 Für eine genaue Auflistung aller Fußballmeister in den europäischen Ligen vgl. fussballdaten.de Redaktion(o. J.).

44 Vgl. Pawlowski (2012), S. 14 f.

45 Für nachfolgende Ausführungen vgl. Rottenberg (1956), S. 255.

46 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 10.

47 Vgl. Schmidt, Berri (2001), S. 158 f.

48 Für die Erläuterung der vorliegenden Probleme vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 18.

49 Vgl. García, Rodríguez (2002) zit. n. Budzinski, Feddersen (2015), S. 18.

50 Für folgende Ausführungen vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 14.

51 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 21.

52 Für eine ausführliche Erklärung des nachfolgend beschriebenen Neuigkeitseffekts vgl. Feddersen et al. (2006), S. 175.

53 Feddersen et al., S. 178.

54 Ebenda.

55 Für nachfolgende Ausführungen vgl. Feddersen, Maennig (2007), S. 10 und 12.

56 Zu den durchschnittlichen Ticketeinnahmen vgl. DFL (2006) zit. n. Feddersen, Maennig (2007), S. 13.

57 Vgl. Budzinski, Feddersen (2015), S. 21 f. und Borland, Macdonald (2003), S. 488.

58 Vgl. Hynds, Smith (1994); Carmichael et al. (1999) und zit. n. Borland, Macdonald (2003), S. 488.

59 Vgl. Bruggink, Eaton (1996) zit. n. Borland, Macdonald (2003), S. 488.

60 Vgl. Peel, Thomas (1992), S. 329.

61 Eine konkrete Unterscheidung einzelner Stunden wurde hierbei nicht vorgenommen. Ob jedoch ein Abendspiel vorliegt, spielt keine außergewöhnliche Rolle. Vgl. Baimbridge et al. (1995).

62 Roy (2004), S. 23.

63 Für nachfolgende Merkmale vgl. Roy (2004), S. 24 ff.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Die Zuschauernachfrage bei Hertha BSC. Variablen am Fußballbundesligastandort Berlin
Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
91
Katalognummer
V461422
ISBN (eBook)
9783668911864
ISBN (Buch)
9783668911871
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Fußball, Hertha BSC, Zuschauernachfrage, Deutsche Bundesliga
Arbeit zitieren
Kevin Hoare (Autor), 2017, Die Zuschauernachfrage bei Hertha BSC. Variablen am Fußballbundesligastandort Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461422

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