Eine Durkheimische Erklärung der Selbstmordattentate


Essay, 2019
10 Seiten, Note: 5 (im Schweizer Schulsystem)

Leseprobe

Inhalt

Durkheimische Erklärung der Selbstmordattentate
Die vier Typen des Suizids
Selbstmordattentate und Durkheim
Selbstmordattentat als Nachahmungstat
Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Durkheimische Erklärung der Selbstmordattentate

Die Liste der Ortschaften, welche im 21. Jahrhundert von Selbstmordattentaten der Terrororganisationen betroffen sind, ist lang und nimmt vom Jahr zu Jahr zu. Während im 20. Jahrhundert noch die meisten Selbstmordattentate in Rahmen vom militärisch organisierten Feldzug gegen die Besetzung von Territorien von Drittstaaten gerichtet waren, wird ein großer Anteil der Selbstmordattentate im 21. Jahrhundert von Jihadisten ausgeübt. Dabei nehmen die Selbstmordattentäter ihren eigenen Tod in Kauf und sprengen ein bestimmtes Ziel in die Luft. Sie opfern ihr Leben für die Ziele einer Terrororganisation, in welche sie stark eingebettet sind (Atran 2006: S.128).

Emile Durkheim hat als erster Soziologe in seinem Werk Le Suicide vom 1897 mit bestehenden Daten empirisch aufgezeigt, dass Selbstmord, einer der individuellsten Handlungen, welche man sich vorstellen kann, auf gesellschaftliche Faktoren zurückzuführen ist. In diesem Essay wird gestützt auf seine Ansätze sowie Argumentationsgänge auf die im letzten Jahrzehnt ansteigenden Selbstmordattentate eingegangen.

Die vier Typen des Suizids

Emile Durkheim definierte Selbstmord als einen bewussten Akt sehr allgemein folgendermaßen: „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im Voraus kannte“ (Durkheim 1973: S. 27). Im Weiteren betont Durkheim, dass der Selbstmord nicht von psychologischen oder außergesellschaftlichen Faktoren abhängig ist (ebd. S. 47ff.).

Er unterscheidet zwischen zwei gesellschaftlichen Variablen, nämlich die soziale Integration und die Regulierung, welche einen erheblichen Einfluss auf die Neigung der Gesellschaft zum Selbstmord ausüben können (ebd. S.160ff.).

Die Rede ist von einer sozialen Selbstmordrate, welche sich aus der Kumulation einzelner Suizide ergibt (ebd. S.32ff.). Da sich diese gesellschaftlichen Variablen, in welchem sich das Leben der Menschen abspielt, wenig über die kurze Zeit ändern, bleibt diese soziale Selbstmordrate konstant (ebd. S. 30ff.). Gleichzeitig ist das Ausmaß der sozialen Integration und der Regulierung von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich, was die Unterschiede in der Selbstmordrate in den verschiedenen Gesellschaften erklärt (ebd. S.34ff.).

Durkheims teilt Suizid in vier verschiedene Typologien abhängig vom Grad der sozialen Integration oder Regulierung auf. Er unterscheidet zwischen dem egoistischen, altruistischen, anomischen und fatalistischen Selbstmord.

Ein Suizid, welche das Resultat einer schwachen sozialen Integration ist, definiert Durkheim als egoistischer Selbstmord. Von diesem egoistischen Selbstmord sind gemäß den empirischen Vergleichen von Durkheim insbesondere nicht verheiratete und gut ausgebildete Menschen betroffen. Durkheim kommt zum Schluss, dass die Familie die soziale Integration in die Gesellschaft fördert (ebd. S.186ff.) Die Bildung ist für den egoistischen Selbstmord von Relevanz, weil sich gut gebildete Menschen von der Religion abgelöst haben und ein intellektuelles Leben führen (ebd. S.183). Die Religion weist Dogmen und Praktiken auf, die allen Gläubigen bekannt sind. Dies verleiht ein Kollektivgefühl und dient somit als Prophylaxe gegen den egoistischen Selbstmord (ebd. S. 184).

Die Grundlage vom altruistischen Selbstmord ist eine zu stark ausgeprägtes Kollektivgefühl, das ein Gegenpol zum egoistischen Selbstmord bildet. Dieser Typ von Selbstmord kommt insbesondere in Gesellschaften vor, welche von ihren Mitgliedern sogar erwarten kann, sich für ein kollektives Ziel das Leben zu nehmen. Somit hat das Individuum keinen besonderen Stellenwert in der Gesellschaft. Das Individuum geht im Kollektiv auf.

Die Individuen definieren sich über das Kollektive und sind verpflichtet für das Kollektive zu sterben. Gemäß Durkheim soll der altruistische Selbstmord hauptsächlich in primitiven Gesellschaften auftreten. In Fortschrittlichen Gesellschaften soll der altruistische Selbstmord nur im Militär wegen dem Überidentifikation mit den kollektivistischen Idealen auftreten. (ebd. S. 244ff.).

Ähnlich wie die soziale Integration erhöht eine zu starke als auch eine zu schwache Regulierung die Selbstmordwahrscheinlichkeit der Individuen. Durkheim definiert als Anomie einen Zustand in der Gesellschaft, in welchem die Bedürfnisse der Individuen nicht in einem Gleichgewicht mit den Möglichkeiten diese Wünsche zu befriedigen stehen. Es fehlt die Reglementierung, welche den individuellen Wünschen Grenzen setzt. Durkheim konnte aufzeigen, dass diese gestörte soziale Ordnung im wirtschaftlichen Aufschwung sowie in Krisenzeiten zu erkennen ist. Eine erhöhte Selbstmordanfälligkeit in der Hochkonjunktur ist damit zu erklären, dass die Bedürfnisse der Menschen mit den steigenden Möglichkeiten immer stärker zunehmen. Dementsprechend ist eine Zunahme der Selbstmordrate in wirtschaftlicher Hinsicht aufsteigenden Ländern zu beobachten. Arme Länder mit einer konstanten Wirtschaft weisen eine tiefe Suizidrate auf, weil sich die nicht befriedigten Bedürfnisse verkrümmen (ebd. S.298 ff).

Durkheim definiert ein Suizid aufgrund zu starker Regulierung als fatalistischen Selbstmord. Personen begehen Suizid, weil ihnen die Zukunft verbaut wird und sie als Opfern von zu starker Disziplin erstickt werden. Als Beispiele nennt Durkheim den Selbstmord von Sklaven, die unter prekären Lebensverhältnissen leben müssen (ebd. S.318).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass eine zu starke und eine zu schwache soziale Integration sowie Regulierung unabhängig voneinander zu erhöhter Selbstmordrate in einer Gesellschaft führen.

Im nächsten Absatz werden die gesellschaftlichen Mechanismen, welche die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordattentats begünstigen gestützt auf die Selbstmordtheorie von Durkheim näher erläutert.

Selbstmordattentate und Durkheim

Aus der Studie von 315 Selbstmordattentaten zwischen 1980 und 2003 von Robert A. Pape geht hervor, dass die Selbstmordattentäter entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht ursprünglich aus religiösen Kreisen stammen. Sie sind gut ausgebildet und mental gesund (Bergesen 2018: S.460). Im Weiteren ist ein Jihadist zu sein in den westlichen Ländern mit vielen Kosten verbunden. Diese religiöse Haltung ist durch das Aussehen sichtbar und wird selten von Familienangehörigen und Freunden akzeptiert. Jihadisten distanzieren sich aufgrund der Exklusion von der Familie und der westlichen Gesellschaft und vernetzen sich mit weiteren Gleichgesinnten. Dementsprechend sind nur die treusten Menschen in der Lage die persönlichen Kosten des Jihadisten Seins zu ertragen (Bergesen 2018: S.461). Zudem leben die meisten Jihadisten in Westeuropa und Nordamerika als Diaspora und weisen schwache Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft auf (Atran 2006: S.135).

Dementsprechend weisen unreligiöse und gut ausgebildete Personen mit schwachen Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft eine große Wahrscheinlichkeit einer radikalen Terrororganisation beizutreten. Die sozialen Institutionen können aufgrund dieser persönlichen Merkmale nicht als Prophylaxe gegen den Beitritt einer radikalen Organisation dienen.

Die zu starke Integration der Individuen in radikale Gruppierungen kann sie zu einem altruistischen Selbstmord zwingen. Dabei ist es wichtig Selbstmordattentate von Terroranschlägen zu unterscheiden.

Der Selbstmordattentat geht mit dem Tod des Täters einher und der Attentäter weiß im Voraus, dass er am Ende seiner Handlung sterben wird. Dies bedeutet, dass das Individuum sein Leben freiwillig opfert. Gleichzeitig ist es anzumerken, dass ein Individuum oftmals nur mithilfe professioneller Unterstützung einer Terrororganisation einen Selbstmordattentat begeht. Die Führer dieser Terrororganisationen selbst begehen auf der Makroebene hingegen keinen Selbstmordattentat (2016: S.31 Reem). Robert A. Pape kommt zum Schluss, dass Selbstmordattentate als altruistischer Suizid zusammengefasst werden kann, weil die Selbstmordattentäter in ihren Testamenten und Märtyrer-Videos offenlegen, dass sie durch Altruismus zum Selbstmordattentat motiviert sind (Bergessen 2018: S.460). Diese altruistische Denkweise ist das Resultat einer starken Loyalität und Belehrung der einzelnen Mitglieder, dass jeder Märtyrer Geschwister sind und einen speziellen Platz in der Gemeinschaft haben. Obwohl ein beträchtlicher Anteil der Selbstmordattentäter in Diaspora leben, verleiht diese Belehrung ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine Verpflichtung der einzelnen Mitglieder mehr Mitglieder zu erwerben bzw. als eine globale Gemeinschaft zu wachsen (Atran 2004: S.79).

Im Hinblick auf den anomischen Suizid stammt ein beträchtlicher Anteil der Selbstmordattentäter aus Ländern mit schwierigen politischen Auseinandersetzungen. Diese schwierigen Zustände führen dazu, dass die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr befriedigt werden können. Als ein Beispiel nennt Atran nebst den politischen Entwicklungen in Algerien und Indonesien in den 90er Jahren unter anderem Palästinensische Gebiete, welche unter wirtschaftlicher Stagnation leiden und Jahrzehnte andauernde Konflikte die Bedürfnisse der Palästinenser nicht befriedigen konnten. Das Oslo Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensischen Gebieten, welche den palästinensischen Gebieten mehr Autonomie versprach, scheiterte. Die Wünsche Palästinensern konnten nicht befriedigt werden, was die hohe Anzahl an Selbstmordattentaten erklären kann (Atran 2004: S.78).

Der fatalistische Suizid ist insbesondere bei den Selbstmordattentätern zu erkennen, die in ihren Möglichkeiten stark eingeschränkt werden. Atran gibt als Beispiel Tamil Tigers aus Sri Lanka an, welche Selbstmordattentäter mit dem Leben von Familienangehörigen bedrohen. Somit haben diese Menschen die Wahl zwischen dem Leben ihrer Familienangehörigen und dem Leben von unschuldigen Zivilisten (Atran 2004: S. 79).

Selbstmordattentat als Nachahmungstat

Abschließend ist zu erwähnen, dass Christa-Lindner Braun aufgezeigt hat, inwiefern die Selbstmordtheorie von Durkheim nach 100 Jahren in der aktuellen soziologischen Suizidforschung von Relevanz ist. Beide Soziologen vertreten die Ansicht, dass die institutionelle Einbindung der Individuen der wichtigste Faktor für den Suizid ist. Christa Lindner-Braun hat unter anderem die Wirkung der Medien auf die Suizidhäufigkeit untersucht. Die Massenmedien haben eine stärkende Wirkung auf die Selbstmordhäufigkeit, weil sie praktisch alle Menschen erreichen können.

Im Weiteren können Massenmedien aufgrund der Pressefreiheit sämtliche Aussagen kommunizieren und repräsentieren oftmals die bereits vorherrschende Meinung in der Mehrheit der Bevölkerung (Lindner-Braun 1990: S.258). Lindner-Braun hält fest, dass die Selbstmordhäufigkeit durch die Berichterstattung zu Selbstmord zunimmt. Diese Nachahmungstaten werden in der Wissenschaft als Werther-Effekt bezeichnet. Als Nachahmungstaten meinen Emile Durkheim sowie Christa Lindner-Braun nicht die unreflektierte Kopie fremder Handlungen, sondern die Nachahmung von Problemlösung durch den Suizid (ebd. S. 263). Hingegen versuchte Emile Durkheim im Vergleich zu Christa-Lindner-Braun zu widerlegen, dass Nachahmungen beim Selbstmord stattfinden (Durkheim 1973: S. 130). Im Hinblick auf die Selbstmordattentaten ist dieser Werther-Effekt von Relevanz, weil er Nachahmungstaten provozieren und somit die Zahl der Selbstmordattentate erhöhen kann. Dies ist eine Möglichkeit, um die steigende Anzahl der Selbstmordattentate auf der Welt im 21. Jahrhundert zu erklären.

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Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Eine Durkheimische Erklärung der Selbstmordattentate
Hochschule
Universität Bern  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Classical Sociological Theories
Note
5 (im Schweizer Schulsystem)
Autor
Jahr
2019
Seiten
10
Katalognummer
V461499
ISBN (eBook)
9783668904576
ISBN (Buch)
9783668904583
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emile Durkheim, Suizid, Selbstmordattentat
Arbeit zitieren
Soner Akkaya (Autor), 2019, Eine Durkheimische Erklärung der Selbstmordattentate, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461499

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