Narrative Ungeduld. Zeitdynamiken des Erzählers in Tschechows "Wanka"

Welche Rollen hat Tschechow dem Erzähler in seiner Erzählung "Wanka" zugebilligt?


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Erzähler und erzählte Welt, temporale Beziehungen und Ebenen der Narration
2.1 Intradiegetischer Erzähler und erste Metalepse
2.2 Heterodiegetischer Erzähler

3. Zusammenfügung

4. Fazit

5.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Anton Pawlowitsch Tschechow, russischer Arzt, Schriftsteller und Dramaturg, schreibt im Jahre 1886 die Erzählung Wanka1. Es ist eine von vielen Erzählungen, die in einem Band zu finden ist, das den Titel ÄMeisterzählungen"2 trägt. Die Erzählung ist vom ÄMeister der Kurzgeschichte"3, vom ÄZauberkünstler"4, vom Vertreter des Ärussischen und weltliterarischen kritischen Realismus um die Jahrhundertwende"5, jener Literatur, die für Thomas Mann eine Älebenswichtige Angelegenheit"6 darstellt, verfasst worden.

Im Mittelpunkt des Geschehens dieser Kurzgeschichte steht ein 9-jähriger Junge. Es ist eine fokalisierte Erzählung, die von einem extradiegetischen7, auch nichtdiegetisch genannt8, Erzähler als ein fiktives Ereignis dem Rezipienten zur Verfügung gestellt wird. Der Akt der Narration lautet: Der 9-jähriger Junge, Wanka, schreibt am Weihnachtstag einen Brief an seinem Großvater. Dieser Basisstrang wird bis zu seiner Auflösung von Analepsen, Prolepsen und Matalepsen begleitet.

Die Hausarbeit untersucht die einzelnen Bausteine der narrativen Aussage, setzt sich mit den temporalen Beziehungen zwischen dem narrativen Diskurs und den Ereignissen auseinander und stellt fest, welche Rollen und welche Bestimmung der Autor dem Erzähler zugebilligt hat.

2. Erzähler und erzählte Welt, temporale Beziehungen und Ebenen der Narration

Bereits im ersten Satz der Erzählung positioniert sich der Erzähler als Beobachter, als eine uns unbekannte, extradiegetische Erzählinstanz9:

Wanka Shukow, ein neunjähriger Junge, den man vor drei Monaten zu dem Schuster Aljachin in die Lehre gegeben hatte, legte sich in der Weihnachtszeit nicht schlafen.10

Der Erzähler weiß, was sich zugetragen hat und schildert, ohne sich vorzustellen, ohne das Geschehnis zu bewerten, in der Retrospektive, das, was vor 3 Monaten seinen Ursprung gehabt hat. Wie in einem Musikstück spielt er den Auftakt in der Diegese vor. Das bedeutet, dass sich die nachfolgenden Abschnitte in der Narration nach seiner Ankunft ereignet haben. Die Retrospektive bildet ein abgeschlossenes Geschehen in der Geschichte und die Vergangenheitsform man [...] gegeben hatte11 beweist die Rolle des Erzählers als Beobachter.

In dem oben zitierten Satz liegt eine Zeit- und Ortsangabe vor. Es ist Weihnachten und somit ist Wanka im Oktober zu dem Schuster gekommen. Der Basisstrang spielt sich in dem Haus des Schusters ab. Das sind Fakten, die die epistemologische Position des Erzählers aufwerten. Im nächsten Segment der Narration sind die temporalen Verhältnisse zwischen denen im Voraus erzählten, späteren Ereignissen (Prolepsen) und den Ereignissen, die innerhalb der Geschichte, früher stattgefunden haben (Analepsen), deutlich zu erkennen.

Er wartete ab, bis die Meistersleute mit den Gesellen zur Frühmesse gegangen waren, und holte dann aus dem Schrank des Meisters ein Fläschchen mit Tinte und einen Federhalter mit einer verrosteten Feder. Dann breitete er ein zerknittertes Blatt Papier vor sich aus und begann zu schreiben. Bevor er den ersten Buchstaben malte, schaute er sich mehrmals ängstlich nach der Tür und dem Fenster um, schielte nach dem dunklen Heiligenbild, zu dessen beiden Seiten sich Regale mit Schuhleisten hinzogen, und seufzte tief. Das Papier lag auf der Bank, er selbst kniete davor. 12

Zu Untersuchung dieses Fragments wird die Äeine Art von Nullpunkt"13 festgelegt, um das ÄVorher" und das ÄNachher" festzustellen. Wanka [...] legte sich in der Weihnachtsnacht nicht schlafen14 - hier treffen sich zeitlich das Erzählte und die Geschichte und deshalb werden von diesem narrativen Nullpunkt aus die nachfolgenden Geschehnisse betrachtet und dafür wird der Buchstabe A als Kennung gesetzt.

A - als Kennung für den narrativen Nullpunkt

B - Er wartete ab

C - bis die Meistersläute mit den Gesellen zur Frühmesse gegangen waren,

D - und holte dann aus dem Schrank des Meisters ein Fläschchen mit Tinte und einen Federhalter mit einer verrosteten Feder.

E - Dann breitete er ein zerknittertes Blatt Papier vor sich aus

F - und begann zu schreiben.

G - Bevor er den ersten Buchstaben malte,

H - schaute er sich mehrmals ängstlich nach der Tür und dem Fenster um,

I - schielte nach dem dunklen Heiligenbild,

J - zu dessen beiden Seiten sich Regale mit Schuhleisten hinzogen,

K - und seufzte tief.

L - Das Papier lag auf der Bank,

M - er selbst kniete davor.15

Die 12 narrativen Segmente, Bestandteile dieses Fragments nehmen eine bestimmte Zeitposition ein und stehen in einer Beziehung; nicht nur zum vereinbarten Nullpunkt, sondern bedingen sich untereinander und stehen im Verhältnis zueinander. Es ergibt sich folgendes Bild der einzelnen Segmente nach der Zeit:

- B1; C2; D3; E4; F11; G10; H7; I8; J ist I subordiniert; K9; L5; M6

- Alle Segmente sind gegenüber A proleptisch.

- C bedingt B, und ist analeptisch gegenüber D - M

- D ist analeptisch gegenüber E - M

- E ist proleptisch gegenüber D, aber analeptisch gegenüber G - L

- F ist proleptisch gegenüber B - M

- G bedingt F und ist proleptisch gegenüber H - M

- H ist proleptisch gegenüber G und analeptisch gegenüber I - M

- I mit J ist proleptisch gegenüber B - H und K - M und analeptisch gegenüber G

* J schildert in seinem Modus ein Ist-Zustand, der unverändert für jede Zeit bleibt und einen Bestandscharakter für die ganze Zeit des Segments von A bis M und auch außerhalb dieses Segments in der Geschichte hat.

- K ist proleptisch gegenüber A - J und L M und analeptisch gegenüber F

- L ist proleptisch gegenüber A - E und analeptisch gegenüber A - F

- M ist proleptisch gegenüber A - E und G - J, sowie analeptisch gegenüber L und F ist proleptisch gegenüber A - E und G - M

Retrospektive des extradiegetischen Erzählers (erste Vergangenheit) I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Narrative Ungeduld. Zeitdynamiken des Erzählers in Tschechows "Wanka"
Untertitel
Welche Rollen hat Tschechow dem Erzähler in seiner Erzählung "Wanka" zugebilligt?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter-Szondi-Institut)
Veranstaltung
Poetik / Ästhetik / Literaturtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V461605
ISBN (eBook)
9783668895935
ISBN (Buch)
9783668895942
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poetik, Ästhetik, Literaturtheorie, Wanka, Tschechowa, Erzähler, erzählte Welt, temporale Beziehungen, Ebenen der Narration, Intradiegetischer Erzähler, erste Metalepse, Erzähltheoretische Analyse, Rolle des Erzählers, Genette, Gerard Genette, Retrospektive, Bühnen
Arbeit zitieren
Katharina Stabrey (Autor), 2017, Narrative Ungeduld. Zeitdynamiken des Erzählers in Tschechows "Wanka", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461605

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