Ist die Existenz des Leids ein Argument gegen die Existenz Gottes?

Eine Analyse der Theodizeefrage unter besonderer Berücksichtigung der von Richard Swinburne entwickelten Theodizee im Zusammenhang der free-will-defense


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Was bedeutet 'Theodizee' und warum ist es wichtig?

3. Klassische Lösungsversuche

4. Neuere Lösungsversuche
4.1 Modifikation der Naturgesetze
4.2 Depotenzierungsstrategien
4.3 Free-will-defense

5. Richard Swinburne
5.1 Theodizee nach Swinburne
5.1.1 Das moralische Übel
5.1.2 Das natürliche Übel
5.1.3 Zusammenfassung

6. Kritik

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Die Welt und ihre Geschichte ist voller Leid. Aktuell, angesichts der Flüchtlinge und dem nicht enden wollenden Sterben Unschuldiger, ist es uns eventuell bewusster als zu anderen Zeiten. Bei jeder großen Katastrophe wie dem elften September, einem Tsunami, Erdbeben oder Krieg wird die Stimme der Anklage gegen Gott laut. Wird sie bei einzelnen Schicksalen selbst vor Gott getragen, so wird Gott bei solch großen Katastrophen öffentlich angeklagt. Wie kann es sein, dass Gott allmächtig ist, allwissend und allgütig und es dennoch so viel unbeschreibliches Leid in der Welt gibt? Wieso hat Gott die Welt in ihren Strukturen so leidvoll erschaffen, aber vor allem warum greift er nicht ein? Warum hilft Gott den Opfern im Leid nicht oder wieso verhindert er ein Erdbeben nicht? Er ist allwissend und weiß, dass es kommt und allmächtig und muss es demnach verhindern können. Liebt er den Menschen nicht? Ist er nicht allgütig? Oder, was viel näher liegt, er existiert nicht. Es gibt keinerlei Beweis für die Existenz Gottes, die Welt lässt sich durch die Evolution und die Wissenschaft ohne ihn erklären. Das ist auch der Grund dafür, dass das Leid vielfach als Beweis gegen die Existenz Gottes verwendet wird. Doch das Leid und Gott müssen sich nicht widersprechen, wenn man eine Theodizee entwickeln kann, also eine Erklärung dafür, wieso Gott Leid zulässt. Eine Theodizee stellt keinen Gottesbeweis dar, sondern soll den Glauben an Gott rechtfertigen. Es gibt seit jeher Versuche eine überzeugende Theodizee zu entwickeln, daher möchte ich in meiner Hausarbeit einige klassische Lösungsversuche in Grundzügen darstellen und mich hauptsächlich auf die von Richard Swinburne entwickelte Theodizee konzentrieren. Swinburne gehört zu den Vertretern der free-will-defense, also der Verteidigung des freien Willens als Rechtfertigung für die vom Menschen verursachten Leiden. Aktuell ist die freie Willens Theodizee wohl eine der meist vertretensten und überzeugendsten Ansatzpunkte und Swinburne gehört zu den bekanntesten ihrer Vertreter. Ziel der Hausarbeit soll eine Analyse und Kritik von Swinburnes Theodizee sein, bei der es darum geht die Argumentation vorzustellen und mögliche Schwächen zu finden.

2.Wasbedeutet 'Theodizee' und warum ist es wichtig?

Die Geschichte der Welt, der Menschheit, ist geprägt von Leid1. Egal wann und wo, Leid ist uns allgegenwärtig. Genau deshalb ist es wichtig über die Theodizeefrage zu reflektieren. Der Begriff der Theodizee wurde geprägt von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und setzt sich aus den griechischen Wörtern theos für Gott und dike für Gerechtigkeit zusammen.2 Mit Theodizee ist demnach eine Rechtfertigung des Glaubens an Gott trotz des Leids in der Welt gemeint. Doch wieso muss Gott überhaupt gerechtfertigt werden? Es geht hierbei hauptsächlich um die monotheistischen Religionen und vor allem das Christentum. Gott wird im Christentum als allmächtig, allgütig und allwissend gedacht. Das Theodizeeproblem besteht in einer (scheinbaren) Widersprüchlichkeit zwischen diesen drei Eigenschaften Gottes und der Existenz von Übeln und Leid. Der christliche Theologe Laktanz (250-325) fasste hierzu die Überlegungen des griechischen Philosophen Epikur (341-270 v. Chr.) folgendermaßen zusammen:

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:

dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,

oder er kann es und will es nicht:

dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,

oder er will es nicht und kann es nicht:

dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,

oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?3

Es wäre leicht die Übel der Welt mit der Existenz Gottes zu vereinen, wenn man den Gottesbegriff modifizieren würde und Gott nicht allmächtig, allwissend oder allgütig wäre. Doch dies kann nicht die Lösung des Problems sein. Genau aus diesem Grund, der scheinbaren Unlösbarkeit des Problems, beschrieb Georg Büchner in seinem Werk Dantons Tod das Theodizeeproblem als Fels des Atheismus.4 Gemeint ist hiermit, dass kein rational denkender Mensch angesichts dieses Problems an seinem Gottesglauben festhalten kann. Und welchem gläubigen Menschen wurde nicht schon in seinem Alltag von einem bekennenden Atheisten oder auch nur von einem Zweifler die Frage gestellt, wie er angesichts von Auschwitz, Krankheiten, Naturkatastrophen oder auch aktuell angesichts der Flüchtlinge noch an seinem Gottesglauben festhalten kann. Das Leid wird also gerade für Atheisten als Beweis der Nichtexistenz Gottes gehalten. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass alle Versuche einer Theodizee keinen Gottesbeweis darstellen, sondern lediglich Gott bzw. den Glauben an Gott zu rechtfertigen versuchen.

Um sich genauer mit dem Thema der Theodizee auseinander zu setzen, ist es wichtig zunächst einmal Übel zu definieren. Für jeden ist Leid etwas anderes, jeder Mensch hat eine andere Schmerzgrenze. Es geht nicht darum den Bus zu verpassen oder sich eine Erkältung zu holen. Vielmehr geht es um tatsächliche Übel. Diese werden klassischer Weise in natürliche und moralische Übel unterteilt. Natürliche Übel umfassen alle nicht vom Menschen verursachte Leiden, also bspw. Naturkatastrophen oder Krankheiten. Hierbei sind sowohl psychische als auch physische Leiden gemeint. Moralische Übel hingegen meinen alle vom Menschen verursachten Leiden, sei es weil sie etwas tun, was sie nicht tun sollten oder auch weil sie etwas nicht tun, was sie tun sollten. 5 Diese Unterscheidung ist sehr wichtig, da die beiden Übel auf den ersten Blick unterschiedliche Ursachen haben. Der Mensch ist für die moralischen Übel verantwortlich, die Struktur der Welt, also die Naturgesetze für die Natürlichen. Dennoch steht natürlich hinter beidem Gott als Schöpfer.

3. Klassische Lösungsversuche

Obwohl schon seit jeher die Frage nach der Ungerechtigkeit des Leids vor Gott getragen wurde, wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass die Welt von Gott nicht in ihrer heutigen Gestalt erschaffen wurde, sondern als ein ursprüngliches Paradies. In diesem gab es weder Leid noch Übel, doch durch den Sündenfall musste der Mensch dieses Paradies verlassen und lebt seitdem in unserer jetzigen Welt. „Als selbstverschuldete Strafe, als Erbschuld, ging dieses Leidens- und Todesschicksal auf alle nachfolgenden Generationen über.“6 Diese Vorstellung wird unter dem Stichwort traditionelle Sündenfalltheodizee geführt. Der Mensch hat durch seinen Sündenfall sich selbst und die gesamte Schöpfung in die Verderbnis gerissen, sodass es zu Naturkatastrophen und willentlich von Menschen verursachten Leiden kam. Gott schickte Christus als Erlöser, um uns seine Liebe zu beweisen und am Jüngsten Tag zu erretten. Nicht Gott ist also nach dieser Vorstellung Schuld am Zustand der Welt, sondern der Mensch. Das Leid wird in dem für das AT typische Tun-Ergehen-Schema gesehen.

Das Problem dieser Vorstellung ist jedoch, dass „die Welt insgesamt […] noch nie besser eingerichtet [war]“7. Dies ist die Erkenntnis der modernen Naturwissenschaften in Bezug auf die Entstehung des Universums, der Welt, des Menschen und der Evolution. Hinzu kommt, dass durch diese Erkenntnis der Glaube in seinen Grundfesten angegriffen wird. Wenn es nie ein Paradies gab, wieso hat ein liebevoller Schöpfer die Welt dann in ihrem jetzigen Zustand erschaffen? Welchen Sinn macht das, außer dass es zu dem Gedanken führt, dass es Gott nicht in seiner gedachten Form gibt.

Viele Theodizeen versuchen das Problem des Übels in der Welt durch eine Modifikation des Gottesbegriffs zu erreichen, ihm also eine seiner Eigenschaften abzuerkennen.

Am leichtesten wäre es, Gott seine Güte abzuerkennen. Wäre Gott nicht allgütig, gäbe es keinen Widerspruch zwischen ihm und dem Leid. Gleichzeitig ist es leichter sich einen Gott vorzustellen der Leid nicht verhindern will, als einen der nicht allmächtig oder allwissend ist und es somit nicht verhindern kann. Dennoch gibt es starke Kritik an der Aberkennung von Gottes Güte. Es gibt Vorstellungen, in denen Gott nicht einfach als das Gute, sondern vielmehr als das Ganze gesehen wird, also auch dunkle Seiten besitzt. Anhänger dieser Vorstellung können reihenweise Bibelzitate vorbringen um ihre These zu stützen. Doch allein die Vorstellung Auschwitz, Völkermorde oder Erdbeben sind die Folge von Gottes dunkler Seite, lassen Gott nach menschlichen Maßstäben bösartig erscheinen und machen einen moralisch vertretbaren Glauben an Gott unmöglich.

Auch die Einführung der Gestalt des Teufels als Gottes böser Gegenspieler und Urheber natürlicher Übel wäre nicht zielführend. Zum Einen stellte sich die Frage wieso Gott ein solch übles Wesen geschaffen hat (denn Gott ist Schöpfer von allem, also auch vom Teufel), zum Anderen warum er die Taten dieses Wesens nicht verhindert.8 Auch die Vorstellung von Leid als Strafe Gottes kann niemals zu einer Lösung des Theodizeeproblems führen: Welche Sünden haben die Kinder im KZ verbrochen, Menschen, die angeborene Krankheiten haben oder die Tiere? Eine Vererbung der Sünden der Eltern kann wohl kaum mit einem liebenden Gott in Einklang gebracht werden. Eine Modifikation der Güte Gottes bringt somit keine Lösung des Theodizeeproblems.

Die Modifikation des Allmachtsbegriffs ist in vielerlei Weise vertreten und wird auch in der gegenwärtigen Theodizeediskussion noch häufig verwendet. Hans Jonas zum Beispiel geht davon aus, dass Gott seine Allmacht im Zuge der Welterschaffung aufgegeben hat. Es gibt verschiedenste Vorstellungen wann oder warum Gott seine Allmacht verloren oder aufgegeben hat, alle haben jedoch den gleichen Kritikpunkt: Gott ist als Welturheber dennoch für das Leid verantwortlich. Selbst eine radikale Vorstellung in der Gott zu keinem Zeitpunkt allmächtig war und bei der Schaffung der Welt selbst äußeren Einflüssen unterworfen war (man kann hierbei auch nicht von einer Schöpfung aus dem Nichts, also einer creatio ex nihile sprechen!) würde ihn noch als Grund für die Existenz der Welt und somit des Leids sehen. Ebenfalls würde durch eine solch radikale Vorstellung der christliche Gottesglaube ernsthaft infrage gestellt.

Eine generelle Aberkennung der Allwissenheit Gottes ist schwer mit dem Allmachtsbegriff vereinbar. Also wurde auf verschiedenste Weise versucht die Allwissenheit zu modifizieren bzw. einzuschränken. Zum einen gäbe es die Möglichkeit, dass Gott bei der Erschaffung der Welt nicht genau voraussehen konnte wie sich diese entwickelt. Er kann zwar die Möglichkeiten von Erdbeben oder Morden gesehen haben, sie jedoch nicht sicher voraussehen. Vergleichbar wäre dies mit Eltern, die zwar wissen, dass ihr Kind in Zukunft zu einem Mörder werden könnte, diese Möglichkeit jedoch nicht mit Sicherheit voraussagen können. Diese Vorstellung lässt sich leicht mit der Verteidigung des menschlichen freien Willens vereinbaren, da Gott unmöglich die Handlungen freier Wesen voraussagen kann. Ist es aber anzunehmen, dass Gott kein genaues Wissen über die Zukunft hat? Hierfür ist eine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Gott und der Zeit notwendig. Die Vorstellung Gottes als zeitloses Wesen, also als jemand der jenseits der Zeit existiert und somit zu allen Zeitpunkten der Geschichte gleichzeitig existiert, hätte zur Folge, dass Gott bereits zum Zeitpunkt der Schöpfung von Auschwitz und anderen Katastrophen wusste. Die Zeitlosigkeit Gottes wird jedoch vielfach abgestritten, da sich ein zeitloses Wesen nicht verändern kann und somit nicht auf den Menschen reagieren kann. Swinburne selbst sagt, dass Gott ewig und nicht zeitlos ist, d.h er hat immer existiert und er wird immer existiere, wobei zeitlos oder außerhalb der Zeit für Swinburne keine logischen Deutungen des Wortes ewig darstellt.9 Vielmehr definiert er die Allwissenheit Gottes so, „daß er alles weiß, was für ihn logisch möglich ist.“10 Logisch unmöglich ist demnach Wissen um die zukünftigen Handlungen freier Personen.11 Man könnte sagen, so wie Gott trotz seiner Allmacht die freien Entscheidungen der Menschen akzeptiert, so lässt er trotz seiner Allwissenheit die Zukunft menschlicher Entscheidungen offen.12 Durch ein solches Verständnis wird das Problem gelöst, dass ein allwissender Gott alles wissen müsste, aber freie Entscheidungen der Menschen nicht mehr frei wären, wenn Gott sie ihm Vorfeld sehen würde.

Eine von allen akzeptierte Lösung des Problems der Vereinbarkeit von Gottes Allmacht und der Existenz freier Wesen ist noch nicht gefunden. Einen guten Überblick über die verschiedenen Ansatzpunkte bietet Klaus von Stosch in seinem Werk „Theodizee“.13

4. Neuere Lösungsversuche

Die moralischen Übel lassen sich am leichtesten mit dem bekannten Gottesbegriff vereinen, wenn man die Willensfreiheit des Menschen als höheres Gut annimmt. Hierauf komme ich unter 4.3 nochmal zurück. Deutlich schwieriger ist es zu erklären, warum die Welt ist wie sie ist, warum Gott Naturkatastrophen nicht verhindert und warum er nicht als allmächtiger Gott eine bessere Welt erschaffen hat, also die Frage nach den natürlichen Übeln.

4.1 Modifikation der Naturgesetze

Die natürlichen Übel entstehen durch dieselben Naturgesetze, die auch die Evolution und somit die Entstehung des Menschen ermöglicht haben. Da die Struktur der Welt Gottes Werk ist, gehen die natürlichen Übel direkt auf ihn zurück. Leibniz 14 argumentiert mit seiner Hypothese der besten aller möglichen Welten zirkulär, obwohl seine Argumentation lange Zeit als Lösung des Theodizeeproblems gesehen wurde. Er nahm an, dass ein unendlich gütiger und allmächtiger Gott nur die beste aller möglichen Welten erschaffen hätte und für jeden gottgläubigen Menschen somit die (natürlichen) Übel in keinem Widerspruch zu einem allgütigen Gott stünden. Diese Hypothese von Leibniz war lange Zeit anerkannt, hat jedoch ein Problem: Sie funktioniert nur für einen gläubigen Menschen, da sie die Existenz Gottes voraussetzt und somit keine mögliche Argumentation gegen Atheisten oder Zweifler darstellt. Ebenfalls wird heute angenommen, dass sich durchaus bessere Welten als die unsere denken lassen, Welten ohne unheilbare Krankheiten oder Naturkatastrophen. Doch dies würde theoretisch eine Veränderung der Naturgesetze voraussetzen. Man ist sich jedoch in der Wissenschaft einig, dass jede noch so kleine Veränderung der Strukturen nicht zu unserer Form menschlichen Lebens geführt hätte. Ebenfalls lässt sich in der Ordnung der Welt auch etwas Positives erkennen: Alles geht nach seinen Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten. Jeder Mensch weiß was passiert, wenn er ein Schleusentor öffnet, etwas fallen lässt oder auch einen anderen Menschen berührt. Ohne diese Gesetzmäßigkeiten wäre ein verantwortungsbewusstes und willentliches Handeln nicht möglich, da auf immer dieselbe Handlung unterschiedliche Konsequenzen folgen würden. Die Naturgesetze sind nicht nur für den Fortschritt, sondern auch für das moralische Handeln unerlässlich. Die Verteidigung der Naturgesetze (hier nur grob zusammengefasst) wird ausführlich unter dem Stichwort der natural-law-defense behandelt.

4.2 Depotenzierungsstrategien

Depotenzierungsstrategien beim Umgang mit Leid gibt es viele. Allen gemein ist jedoch, dass sie das Übel verharmlosen, einen Sinn geben wollen und Gott rechtfertigen bzw. entlasten wollen. So gibt es die Instrumentalisierung des Negativen, bei dem das Leid einem positiven Zweck dient, dass einen die guten und wichtigen Dinge zu sehen lehrt. Bei der Pädagogisierung des Leidens „wird das Negative als der Reifung und Erziehung des Menschen dienend angesehen.“15 Ähnlich arbeitet das Argument der Moralisierung, dass alles Leid auf moralische Verfehlungen des Menschen zurückführt. Das Böse als notwendigen Kontrast ohne den es das Gute nicht gäbe wird innerhalb der Ästhetisierung des Übels behandelt. Eng verwandt hierzu ist das Argument der ontologischen Depotenzierung des Negativen bei dem das Negative nur als ein Fehlen von Positivem gesehen wird und somit nicht existent ist.

Dass es ohne Leid kein Mitgefühl oder Barmherzigkeit gäbe ist unstrittig, das Leid jedoch zu rechtfertigen kann nicht Sinn einer Theodizee sein. Es geht vielmehr darum zu fragen warum Gott Leid zulässt und den Glauben an ihn zu rechtfertigen, nicht aber einem Opfer zu sagen durch sein Leid wäre er ein besserer Mensch geworden oder er hätte nicht wirklich gelitten sondern lediglich nichts Gutes gefühlt. Ebenfalls übersehen alle diese Argumente Gott als Urheber des Leides und verschieben die Verantwortung dafür in Richtung des Menschen.16 Hierbei liegt auch ein Kritikpunkt praktischer Theodizeen. Es wird zwischen theoretischen Theodizeen, die zumindest ansatzweise versuchen das Theodizeeproblem zu lösen indem sie mögliche Gründe Gottes für die Existenz des Leides angeben und praktischen Theodizeen unterschieden. Diese halten die Frage für die Gründe Gottes für unbeantwortbar und üben vor allem an der dadurch entstehenden Legitimierung des Leides Kritik. „Ziel [einer] theologische[n] Theodizee [sei] nicht Leiderklärung, sondern Leidbekämpfung.“17 Sie versuchen Strategien im Umgang mit Leid zu finden und sehen Hoffnung im Glauben. Leid ist unerklärlich und gerade diese Unbegreiflichkeit ist ein Teil der Unbegreiflichkeit Gottes.18 „Mit anderen Worten: Man kann Leid nicht verstehen, man kann Leid nur im Vertrauen auf Gott annehmen. Hier liegt zugleich der Vorzug praktischer Theodizeen. Sie stellen keine Spekulationen über das Leid an, sondern bieten Trost im Glauben.“19 Dennoch können diese Strategien keine Antwort auf den Atheismus und das Theodizeeproblem sein.

4.3 Free-will-defense

„Ich glaube, daß im Mittelpunkt jeder Theodizee der menschliche freie Wille und die sog. Freie-Willens-Thedodizee [free-will defence] stehen muß.“20 Das Argument der Willensfreiheit wird seit jeher diskutiert und ist vermutlich das einzige (halbwegs) überzeugende Argument für eine gelungene Theodizee sowohl aus theistischer als auch atheistischer Sicht. Die Willensfreiheit des Menschen wird hierbei als ein großes Gut angesehen, das die dadurch entstehenden moralischen Übel aufwiegt. Wenn der Mensch frei handeln kann, kann er dieses zwangsläufig sowohl im Guten, als auch im Schlechten tun. Zunächst einmal muss der Begriff der Willensfreiheit definiert werden, da es hierbei viele kritische Anfragen gibt. Was meint Willensfreiheit und existiert sie überhaupt? Und wenn ja, spricht diese nicht gegen einen allwissenden Gott? Wie können meine Taten und Entscheidungen wirklich frei sein, wenn Gott sie voraussehen kann? Im minimalsten Falle wird Willensfreiheit so definiert, dass „der Handelnde der Urheber seiner Entscheidungen ist“21, die bewusst und überlegt getroffen werden und vor allem unter gleichen Bedingungen auch anders hätten getroffen werden können. Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass sich der Mensch nach dieser Definition als frei handelndes Wesen empfindet, dennoch wird dieses bspw. seitens der Hirnforschung kritisch angefragt. Darüber hinaus wird angefragt, ob die Willensfreiheit tatsächlich einen so hohen Stellenwert besitzt, dass sie die (moralischen) Übel rechtfertigt. Doch zuerst einmal zur Frage nach der Existenz der Willensfreiheit.

[...]


1 Leid und Übel können in diesem Zusammenhang synonym betrachtet werden

2 Böhnke, Michael / Söding, Thomas (Hrsg.): Leid erfahren – Sinn suchen. Das Problem der Theodizee. Freiburg im Breisgau 2007, S.73

3 Epikur nach Laktanz, De ira Dei (PL 7, 121) In: Böhnke / Söding, Leid erfahren - Sinn suchen, 75

4 Büchner,Georg: Dantons Tod III/1. In: Böhnke / Söding, Leid erfahren - Sinn suchen, 87

5 Vgl. Swinburne, Richard: Gibt es einen Gott? Heusenstamm 2006, S.93

6 Loichinger, Alexander / Kreiner, Armin: Theodizee in den Weltreligionen. Ein Studienbuch. Paderborn 2010, S. 29

7 Kreiner / Loichinger, Theodizee in den Weltreligionen, 31

8 Ebenfalls kommt hinzu, dass es keinen Beweis für die Existenz eines Teufels gibt und die Annahme, dass der Teufel der Urheber von natürlichem Leid oder (als Verführer der Menschen) von moralischem Leid ist, eine Ad-hoc Annahme darstellt.

9 Swinburne, Richard: Die Existenz Gottes. Stuttgart 1987, S.17

10 Ebd.

11 Ebd., 116

12 Von Stosch, Klaus: Theodizee. Paderborn 2013, S.53

13 Ebd., 49-55

14 Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)

15 Böhnke / Söding, Leid erfahren – Sinn suchen, 77

16 Kompletter Absatz vgl. Böhnke / Söding, Leid erfahren – Sinn suchen, 76-79

17 Loichinger, Alexander: Die Frage nach Gott angesichts menschlichen Leids. In: Religionsunterricht

heute (01/2011), S.7

18 Rahner, Karl: Warum lässt Gott uns leiden?, In: Kreiner / Loichinger, Theodizee in den

Weltreligionen, 155

19 Loichinger In: Religionsunterricht heute (01/2011), 7

20 Swinburne, Gibt es einen Gott?, 93

21 Kreiner / Loichinger, Theodizee in den Weltreligionen, 67

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Ist die Existenz des Leids ein Argument gegen die Existenz Gottes?
Untertitel
Eine Analyse der Theodizeefrage unter besonderer Berücksichtigung der von Richard Swinburne entwickelten Theodizee im Zusammenhang der free-will-defense
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (evangelisch-theologische Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
31
Katalognummer
V461773
ISBN (eBook)
9783668916562
ISBN (Buch)
9783668916579
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodizee, Leid, Existenz Gottes, Swinburne, Systematische Theologie
Arbeit zitieren
Alena Wegner (Autor), 2014, Ist die Existenz des Leids ein Argument gegen die Existenz Gottes?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461773

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