Die Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern

Sweatshops auf dem Prüfstand. Arbeitsbedingungen und die Konzeption zweier Freiheitsbegriffe


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
23 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

A Einleitung

B Die Freiheit im 20. Jahrhundert
B.I. Der Liberalismus des 20.Jahrhunderts
B.I.1. Freiheit nach Milton Friedman
B.I.2. Hayek und der Weg zur Knechtschaft
B.II. Positive und negative Freiheit
B.II.1. Kritik der negativen Freiheit
B.II.2. Selbstverwirklichung statt Selbstaufgabe

C Ansätze der Positiven Freiheit
C.I. Die Klassischen Liberalen und der Begriff der Arbeit
C.I.1. Adam Smith und die Arbeitsteilung
C.I.2. Das Humboldt’sche Bildungsideal
C.I.3. Die entfremdete Arbeit nach Karl Marx

D Die Sweatshop-Problematik
D.I. Sweatshops – Eine Definition
D.I.1. Zwolinski: Sweatshops, Choice and Exploitation
D.I.2. Vergleich zur Positiven und Negativen Freiheit
D.I.3. Inklusive und extraktive Institutionen
D.I.4. Auswertung der Argumentation
D.II. Lösungsansatz zur Problematik
D.II.1. Sweatshops und Rahmenordnung
D.II.2. Karl Homanns Institutionenethik

E Schlussfolgerung

F Quellen- und Literaturverzeichnis

A Einleitung

Freiheit – kaum ein Begriff wird derart oft und lautstark zum Gegenstand politischer Debatten wie dieser. Die Sachlichkeit und Differenzierung bleibt bei diesen Auseinandersetzungen dabei oft auf der Strecke. Auch die Tatsache, dass es in der Geschichte unzählig viele Konzeptionen dieses Begriffes gab, wird oft verkannt. Eine besonders prägende systematische Unterscheidung zweier Freiheitskonzeptionen etwa wurde in den 1960er – Jahren von dem Philosophen Isaiah Berlin vorgenommen: er unterschied in seiner Freiheitsanalyse zwischen dem Begriff der positiven Freiheit und der Konzeption einer negativen Freiheit. Dabei griff Isaiah Berlin auf Ansätze zurück, die bereits weit vor seiner Zeit in Ökonomie und Philosophie formuliert wurden. Auf genau diese Ansätze werde ich im Folgenden eingehen. Dabei werde ich im Besonderen zeigen, worin die Spezifika beider Freiheitsbegriffe bestehen und worin sich beide Konzeptionen unterscheiden. Zu diesem Zweck werde ich beispielhaft einige Aspekte und Gedanken großer Freiheitstheoretiker aufgreifen und diese einer der beiden Freiheitsdefinitionen zuordnen. Anschließend werde ich die dort herausgestellten Aspekte auf ein konkretes gesellschaftliches Problem beziehen: die sogenannten Sweatshops. Als solche werden gemeinhin jene Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern bezeichnet, in denen besonders schlechte Arbeitsbedingungen vorherrschen. Diese Arbeitsbedingungen werde ich im dann folgenden Schritt auf ihr Vorhandensein an positiver und negativer Freiheit untersuchen. Um nicht lediglich auf einer rein philosophisch-reflexiven Ebene zu bleiben, werde ich abschließend einen – wie ich finde – inhaltlich fundierten ökonomischen Lösungsansatz für die Sweatshop-Problematik aufgreifen. Zuvor gilt es jedoch, sich der präzisen Bedeutung beider Freiheitskonzepte zuzuwenden. Bevor ich – im Sinne Isaiah Berlins – beide Freiheitsbegriffe einführe, werde ich zunächst mein Augenmerk auf das Freiheitsverständnis zweier Ökonomen legen, deren Wirken für den politischen Liberalismus des 20. Jahrhunderts enorm prägend war. Ihre Definition der Freiheit wird uns eine Grundlage liefern, die von Isaiah Berlin vorgenommene Trennung zweier Freiheitskonzeptionen zu durchdringen.

B Die Freiheit im 20. Jahrhundert

B.I. Der Liberalismus des 20.Jahrhunderts

Die beiden Ökonomen, deren Ansätze ich im Folgenden vorstellen möchte, können dabei als Repräsentanten zweier – weltweit sehr bedeutender – Wirtschaftsschulen angesehen werden: Milton Friedman (für die Chicagoer Schule) und Friedrich August von Hayek (für die Österreichische Schule der Nationalökonomie). Nachdem ich die Gedanken beider Ökonomen zur Frage der Freiheit dargelegt habe, werde ich schließlich dazu übergehen, die Trennung von positiver und negativer Freiheit nach Isaiah Berlin zu erläutern. Diese Unterscheidung wird uns abschließend bei der Frage nach der Freiheit der Sweatshop-Arbeiter wiederbegegnen.

B.I.1. Freiheit nach Milton Friedman

Im Freiheitsverständnis des amerikanischen Ökonomen Milton Friedman (1912-2006) gibt es eine Verbindung zweier Aspekte, die von enormer wechselseitiger Bedeutung seien. Den Zusammenhang dieser Aspekte entfaltet Friedman in seinem vielfach rezipierten Werk Kapitalismus und Freiheit aus dem Jahr 1962. Jene Verbindung, die Friedman für eine gelungene Realisierung von Freiheit als unerlässlich betrachtet, ist der Zusammenhang zwischen politischer und wirtschaftlicher Freiheit. Folglich lehnte Friedman die Idee ab, „dass […] jede Form der Politik mit jeglicher Form von Wirtschaftsordnung gekoppelt werden kann.“1 Persönliche Freiheit – so das Plädoyer Friedmans – sei nicht einfach das Resultat politischer Maßnahmen (und damit auch nicht beliebig herstellbar), sondern vielmehr das Ergebnis einer frei agierenden Wirtschaft. Dabei formuliert Friedman die wirtschaftliche Freiheit zum einen als Ziel in sich selbst, betont aber auch, dass sie als Mittel zur Erreichung politischer Freiheit fungiere.2 Am Beispiel der Sozialversicherung etwa macht Friedman fest, dass eine Einschränkung wirtschaftlicher Freiheit auch Konsequenzen für die persönliche Freiheit nach sich ziehe:

Der Bürger der Vereinigten Staaten, der durch das Gesetz gezwungen wird, runde zehn Prozent seines Einkommens für den Kauf von bestimmten Formen der Alterssicherung zu verwenden, die dann vom Staat verwaltet werden, wird um einen entsprechenden Teil seiner persönlichen Freiheit gebracht.3

Hinzu kommt für Friedman, dass der Wettbewerb (als Instrument der wirtschaftlichen Freiheit) positiven Einfluss auf die Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft nehme: Durch die Trennung von politischer und wirtschaftlicher Macht sei es möglich, ein Gleichgewicht beider Aspekte aufrechtzuerhalten, da sowohl die politischen, als auch die wirtschaftlichen Akteure ihren Einfluss gegenseitig zu neutralisieren versuchten.4 Um diese Haltung zu untermauern, greift Friedman auf historische Begebenheiten zurück. In jeder Gesellschaft, in der politische Freiheit in hohem Maße realisiert werden konnte, habe es auch eine – in etwas ähnlichem wie freien Märkten manifestierte – wirtschaftliche Freiheit gegeben. Den umgekehrten Schluss dürfe man laut Friedman jedoch nicht ziehen: nur, weil eine Gesellschaft von freiem Unternehmertum dominiert sei, heiße dies nicht, dass automatisch auch die politischen Verhältnisse – und mit ihnen die persönliche Lebensweise der Bevölkerung – als frei zu charakterisieren seien.5 Folglich fasst Friedman seine Haltung zum Verhältnis wirtschaftlicher und persönlicher Freiheit folgendermaßen zusammen:

Die Geschichte lehrt jedoch nur, dass der Kapitalismus eine notwendige Voraussetzung für politische Freiheit ist. Eine hinreichende Bedingung ist er freilich nicht. […] Es ist also ohne weiteres möglich, wirtschaftliche Strukturen zu haben, die fundamental kapitalistisch sind, und politische Strukturen, die zugleich unfrei sind.6

Friedman gesteht also ein, dass auch das Vorhandensein wirtschaftlicher Freiheit keine Garantie für politische Freiheit liefern kann. Sich selbst als Liberaler verstehend, betont Friedman gleichsam den hohen Stellenwert, den die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft einnehme. Dabei definiert er den Liberalismus dahingehend, dass dieser dem Individuum die Freiheit lassen solle, selbst über eigene ethische Probleme und Fragestellungen zu reflektieren.7 Wie ein Mensch seine Freiheit im Einzelnen einsetzt, bleibt somit dem Individuum selbst überlassen. Ökonomisch stellt Friedman die gesellschaftlichen Akteure dabei vor zwei Alternativen: zum einen eine zentral gelenkte und vom Staat koordinierte Planwirtschaft, wie sie zur Zeit der Erstauflage von Kapitalismus und Freiheit in den Ländern des Ostblocks vorherrschte. Diese sei – Friedman zufolge – jedoch massiv von staatlichen Zwangsmaßnahmen geprägt und lasse kaum freiwillige Kooperation zu. Ganz anders verhalte es sich mit jenen Wirtschaftsformen, die auf privatem Unternehmertum und freien Märkten basierten. Aufgrund des freiwilligen Tausches, der in dieser Wirtschaftsform das primäre Mittel ökonomischer Interaktion sei, lasse sich in marktwirtschaftlichen Systemen ein weitaus größeres Maß an Freiheit realisieren als in zentral gelenkten Verwaltungswirtschaften.8 In Friedmans Ausführungen lässt sich dabei kaum übersehen, dass er den Begriff der Freiheit - sowohl in persönlicher, als auch in ökonomischer Hinsicht - lediglich mit der Abwesenheit von (persönlichem und ökonomischem) Zwang definiert. Folglich empfindet er etwa Pflichtzahlungen für die Sozialversicherung (siehe oben) als Einschränkung individueller und ökonomischer Freiheit. Schlussfolgernd lässt sich also festhalten, dass Friedmans Begriff der Freiheit sich lediglich auf die Freiheit von etwas (z.B. die Freiheit von Zwängen) erstreckt. Die Freiheit zu etwas (z.B. zum freien Zugang zu Medien) dagegen spielt in Friedmans Definition des Liberalismus kaum eine Rolle. Die Unterscheidung dieser beiden Freiheitskonzepte wird uns bei der Beschäftigung mit den Ideen Isaiah Berlins wiederbegegnen. Zunächst aber werde ich den Blick auf die liberale Perspektive im 20. Jahrhundert vertiefen, in dem ich auf einen der bedeutendsten Ökonomen der Österreichischen Schule eingehe: Friedrich August von Hayek.

B.I.2. Hayek und der Weg zur Knechtschaft

Liest man Hayeks ökonomischen Klassiker Der Weg zur Knechtschaft, so stellt man fest, dass Hayek sich der soeben herausgestellten Unterscheidung beider Freiheitskonzeptionen bewusst ist: Auch Hayek differenziert in seinem Werk zwischen der Freiheit zu etwas und der Freiheit von etwas. Nur eine dieser Freiheitskonzeptionen entspreche Hayek zufolge jedoch dem, was jahrhundertelang unter dem Begriff der Freiheit verstanden worden sei. Seiner Gegenseite (die er immer wieder mit dem Etikett des Sozialismus behaftet) wirft Hayek dabei vor, den Sinn des Wortes Freiheit zu eigenen Gunsten verändert zu haben:

Für die großen Apostel der politischen Freiheit hatte dies Wort Befreiung von Despotie bedeutet, Befreiung von der Willkür anderer […]. Die neue Freiheit dagegen, die in Aussicht gestellt wurde, sollte eine Freiheit von Not sein, eine Befreiung aus dem Zwang der Umstände, die uns allen nur eine begrenzte Wahl der Lebensgüter lassen […].9

Hayek betont also, dass der Begriff der Freiheit durch das Wirken planwirtschaftlich geprägter Kräfte umdefiniert worden sei. Jener neue Sinn, welcher dem Freiheitsbegriff dabei zugeschrieben wurde, beinhalte nun auch, etwaige durch das Wirtschaftssystem vorgegebene Einschränkungen der Freiheit aufzulösen. Hayek kritisiert, dass Freiheit in diesem Sinn „nur ein anderer Ausdruck für Macht oder Reichtum“10 sei. Versprechungen einer solchen Freiheit seien dabei besonders deshalb von großer Naivität, weil sie unrealisierbare Steigerungen des Wohlstandes proklamierten,11 sowie darauf abzielten, eine gleichmäßige Verteilung des Besitzes zu erreichen.12 Hayek selbst erkennt dagegen nur die ursprüngliche Freiheitskonzeption an, welche lediglich die Befreiung des Individuums aus autoritären Bindungen und aus äußeren Zwängen thematisiert. Auch bei Hayek wird die Freiheit somit als ein Frei-Sein von äußeren Zwängen (als Freiheit von etwas) verstanden. Die Freiheit zu etwas wird von ihm – genau wie von Milton Friedman – als außerhalb einer herkömmlichen (und vernünftigen) Freiheitsdefinition erfasst. Dieser Umstand, dass die beiden bedeutendsten Vertreter der Chicagoer Schule und der Österreichischen Nationalökonomie unter der Freiheit primär die Abwesenheit äußerer Zwänge verstehen, ist für die weitere Beschäftigung mit der Freiheitsthematik von signifikanter Bedeutung. Im Folgenden werde ich die beiden von Hayek und Friedman thematisierten Freiheitsdefinitionen auch begrifflich einordnen. Dazu werde ich nun jene beiden Stichworte erläutern, mit denen die zwei soeben abgegrenzten Freiheitskonzeptionen gemeinhin umfasst und benannt werden: die positive und die negative Freiheit. Denn erst, wenn wir uns der profunden Verschiedenheit dieser Freiheitsbegriffe bewusst werden, kann es uns gelingen, ein Urteil darüber zu fällen, ob auch die Arbeitsbedingungen in den Sweatshops der Entwicklungsländer als frei zu betrachten sind.

B.II. Positive und negative Freiheit

Von kaum einem Denker wurde die Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit im 20. Jahrhundert derart gründlich herausgestellt wie vom politischen Philosophen Isaiah Berlin. In seinem Werk Freiheit legt er für beide Konzeptionen eine umfassende Definition vor. Gleichsam werden beide Konzepte von Isaiah Berlin einer geistesgeschichtlichen Einordnung unterzogen. Wie schon im Zusammenhang mit Hayek und Friedman herausgestellt, umfasst die negative Freiheit laut Isaiah Berlin jenen Zustand, in dem der Mensch frei von äußeren Zwängen agieren kann. Der Begriff des Zwangs umfasse dabei sämtliche Handlungen anderer Menschen, mit denen diese versuchten, andere am Erreichen ihres Ziels zu hindern. Folglich ist mit der Ausübung eines Zwangs gemeint, dass man sein Gegenüber davon abhält, eine ihm eigentlich zugängliche (und zustehende) Freiheit zu leben. 13 Lediglich, wenn einem Individuum etwas durch äußeren Zwang vorenthalten werde, sei es folglich als in seiner Freiheit eingeschränkt zu betrachten. Bloßes eigenes Unvermögen, ein sich selbst gesetztes Ziel zu erreichen, habe daher nichts mit politischer Unfreiheit zu tun.14 Ob ich also im Sinne der negativen Freiheit als unfrei gelte oder nicht, hängt wesentlich davon ab, ob ich in der Gestaltung meines Lebens davon abgehalten werde, meine Ziele zu erreichen. Da dieses Prinzip auch für wirtschaftliche Interaktionen gilt, heißt dies: Je nachdem, ob ich davon ausgehe, dass mir vonseiten der Gesellschaft im Wirtschaftsprozess Geld vorenthalten wird, sehe ich mich selbst als Opfer von Zwang – und damit als unfrei im Sinne der negativen Freiheit:

Mit anderen Worten, diese Verwendung des Ausdrucks hängt von einer bestimmten Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie über die Ursachen meiner Armut oder Schwäche ab. […] Das Kriterium für Unterdrückung ist die Rolle, die meiner Ansicht nach andere Menschen direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich bei der Vereitelung meiner Wünsche spielen.15

In dem Maße, in dem ich also ungehindert meinen persönlichen Wünschen nachgehen kann, bin ich frei im Sinne der negativen Freiheit.16 Wie oben bereits herausgestellt, entspricht diese Definition von Freiheit voll und ganz dem liberalen Denken Hayeks und Friedmans. Denn immer handelt es sich bei dieser Definition ausschließlich um die Freiheit von etwas – vor allem um das Frei-Sein von äußeren Zwängen.17 Von wem jener Zwang im Einzelnen ausgeübt wird, ist dabei nur von nachrangiger Bedeutung. Viel entscheidender sind der Spielraum der Freiheit, sowie das Maß, in dem diese ausgelebt werden kann. Negative Freiheit sei folglich nicht zwangsläufig mit autokratischen Herrschaftssystemen unvereinbar.18 Ganz anders verhält es sich dagegen mit der positiven Freiheit. Diese enthalte – als ein bedeutendes Kernelement – den Wunsch des Individuums nach Selbstbestimmung. Entscheidungen und Handlungen sollen für die Vertreter eines positiven Freiheitsbegriffs stets das Ergebnis eines autonomen Willensaktes des agierenden Individuums sein. Abgelehnt werden dagegen jene Vorgänge, die von außen (durch Fremdbestimmung) auf das Individuum einwirken. 19 Das Spannungsfeld, mit dem sich die positive Freiheit beschäftigt, ist also jenes zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung (Kant würde sagen: zwischen Autonomie und Heteronomie). Isaiah Berlin fasst die Haltung jener Menschen, die die positive Freiheit als Richtschnur ihres Denkens und Handelns sehen, folgendermaßen zusammen:

Ich will, daß mein Leben und meine Entscheidungen von mir abhängen und nicht von irgendwelchen äußeren Mächten. Ich will das Werkzeug meiner eigenen, nicht fremder Willensakte sein. Ich will Subjekt, nicht Objekt sein; will von Gründen, von bewußten Absichten, die zu mir gehören, bewegt werden, nicht von Ursachen, die gleichsam von außen auf mich einwirken.20

B.II.1. Kritik der negativen Freiheit

Interessant ist nun, dass Isaiah Berlin an einer der ausgeführten Freiheitskonzeptionen Kritik übt. Er stellte insbesondere die – vor allem von John Stuart Mill herausgestellte – Konzeption der negativen Freiheit infrage, welche diese lediglich als Möglichkeit definierte, allen Dingen nachgehen zu können, die man tun möchte. Problematisch an dieser Definition ist für Berlin vor allem, dass ein Individuum folglich schon dann als frei zu betrachten sei, wenn es seine eigenen Wünsche, etwas zu tun, aufgäbe. Denjenigen, die Zwang auf andere Menschen ausübten, würde es somit genügen, die Ziele dieser Individuen zu beseitigen. Sobald dies geschehen sei (und die betroffenen Individuen ihre Ziele aufgegeben hätten), würden die Menschen auch nicht mehr am Erreichen ihrer – nicht vorhandenen – Ziele gehindert und seien somit im Sinne dieser Freiheitsdefinition als frei zu betrachten. 21 Für Isaiah Berlin steht jedoch unmissverständlich fest, dass auf diese Weise keine wirkliche Freiheit für den Menschen realisiert werden könne. Nicht in der Aufgabe der eigenen Wünsche und Ziele, sondern in einer anderen Haltung dem äußeren Zwang gegenüber liege der richtige Weg, seine Freiheit zu erweitern: dem Ziel der eigenen Selbstverwirklichung.22

B.II.2. Selbstverwirklichung statt Selbstaufgabe

Isaiah Berlin hebt dabei hervor, worin für viele Freiheitstheoretiker der richtige Weg zur eigenen Selbstverwirklichung liege. Diesen sieht Berlin „im Gebrauch der kritischen Vernunft, darin, daß wir verstehen, was notwendig und was kontingent ist“23. Notwendig sei dabei ganz besonders auch die kritische Überprüfung innerer Wünsche und äußerer Institutionen. Für Marx etwa habe dieser Schritt des Verstehens enormes emanzipatorisches Potenzial beinhaltet: Personen und Institutionen, die uns am Erreichen unserer Ziele und Wünsche hinderten, ließen sich am ehesten dadurch entlarven (und beseitigen), in dem wir uns dessen bewusst würden und versuchten, ihren Einfluss zu minimieren.24 Sobald dies geschehen ist, sei der Mensch in der Lage, sein „Leben in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen“25 auszurichten und somit wirkliche (positive) Freiheit zu realisieren. Diese Freiheit wurzle dabei in einem Verstehensprozess der äußeren Welt, der schließlich in der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung des Einzelnen resultiere. Die Selbstverwirklichung ist somit auch als das Kernelement einer Freiheitsdefinition zu sehen, die über die bloße Abwesenheit von äußerem Zwang hinausgeht. Jene Freiheitsdefinition werde ich im folgenden Abschnitt eingehender untersuchen.

[...]


1 Friedman, Milton, Kapitalismus und Freiheit, München 2009, S.30

2 vgl. ebd., S.30

3 ebd., S.31

4 vgl. ebd., S.32

5 vgl. ebd., S.32f.

6 ebd., S.32f

7 vgl. ebd., S.35

8 vgl. ebd., S.36

9 Hayek, Friedrich August, Der Weg zur Knechtschaft, München 2003, S.46

10 ebd., S.46

11 vgl. ebd., S.46

12 vgl. ebd., S.47

13 vgl. Berlin, Isaiah, Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt am Main 2006, S.202

14 vgl. ebd., S.202

15 ebd., S.202f.

16 vgl. ebd., S.203

17 vgl. ebd., S.207

18 vgl. ebd., S.209

19 vgl. ebd., S.211

20 ebd., S.211

21 vgl. ebd., S.220

22 vgl. ebd., S.221

23 vgl. ebd., S.221

24 vgl. ebd., S.224

25 vgl. ebd., S.224

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern
Untertitel
Sweatshops auf dem Prüfstand. Arbeitsbedingungen und die Konzeption zweier Freiheitsbegriffe
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Ökonomische Bildung)
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V461808
ISBN (eBook)
9783668913820
ISBN (Buch)
9783668913837
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeitsbedingungen, entwicklungs-, schwellenländern, sweatshops, prüfstand, konzeption, freiheitsbegriffe
Arbeit zitieren
Tobias Laubrock (Autor), 2018, Die Arbeitsbedingungen in Entwicklungs- und Schwellenländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461808

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