Religiosität und politische Einstellungen evangelikaler Studierender in Freiburg


Bachelorarbeit, 2017

59 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Religion in der Politikwissenschaft
2.1 Betrachtungsweisen von R eligion und Politik
2.2 Zum Begriff der Religion und R eligiosität

3 Evangelikalismus und Politik in Deutschland
3.1 Der Begriff des Evangelikalismus
3.2 Die evangelikale Bewegung in Deutschland
3.3 Politik und Evangelikalismus in Deutschland

4 Empirischer Teil
4.1 Fragestellung
4.2 Datensammlung
4.3 Das Untersuchungsdesign
4.4 Der Fragebogen
4.5 Deskriptive Darstellung
4.6 Ergebnisse

5 Diskussion

6 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abstract

Im deutschen protestantischen Fundamentalismus und Evangelikalismus entwickelten sich in den vergangenen Jahrzehnten immer radikalere politische Forderungen, die vermehrt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag zur quantitativen Religionsforschung und empirischen Politikwissenschaft zugleich, indem sie N=277 BWL-, Theologie- und evangelikale Studierende an der Universität Freiburg zu Religiosität und politischen Einstellungen befragte. Der Gruppenvergleich zeigt, dass Studierende aus dem evangelikalen Spektrum und mit hoher Religiosität signifikant unterschiedliche politische Einstellungen als andere Studierende gleichen Alters haben. Die Evidenz widerspricht somit auch der Entkopplungsthese von Wolf und Roßteutscher (2013) sowie indirekt auch der Säkularisierungsthese (Berger 1973) und zeigt, dass die Religion weiterhin ein relevanter Einflussfaktor für politische Einstellungen bleibt.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Evangelikale Verbände in Deutschland und ihre Mitgliederzahlen

Abbildung 2: Untersuchungsdesign

Abbildung 3: Ausschnitt aus dem Fragebogen

Abbildung 4: Die PCBS grafisch dargestellt

Abbildung 5: Balkendiagramm zu R_O_

Abbildung 6: Balkendiagramm zu R_ZN_2

Abbildung 7: Parteienpräferenz der BWL-Studierenden (Prozentwerte)

Abbildung 8: Ergebnisse aus den Regressionsmodellen für BWL-Studierende

Abbildung 9: Parteienpräferenz der Theologie-Studierenden: Prozent-Werte

Abbildung 10: Ergebnisse aus den Regressionsmodellen für Theologie-Studierende

Abbildung 11: Parteienpräferenz Studierende evangelikalen Glaubens

Abbildung 12: Ergebnisse aus den Regressionsmodellen für Studierende evangelikalen

Glaubens ..

Abbildung 13: Ergebnisse aus den Regressionsmodellen (mit Gruppen-Dummies):

1 Einleitung

„G ef ordert ist auch die Kompetenz [des Wissenschaftlers], Binnenperspektiven religiösen Bewusstseins nachzuvollziehen. Dazu muss [er] bereit sein, sich auch auf die Nachtseiten der Vernunft zu begeben und die Deutungskraft von Mythen, Symbolen und Riten zu erschließen versuchen (Graf 2004: 17).“

Dieses Zitat des Theologen Friedrich Grafs schließt sich an seine Kritik des (religions-) wissenschaftlichen Arbeitens der letzten Jahrzehnte an. In den letzten Jahrzehnten wären viele Religionswissenschaftler mit einer „besserwisserischen Arroganz“ und einem „elitären Deutungsgestus“ an das Phänomen Religion herangegangen (Graf 2004: 16f.). Statt sich in die Deutungsmuster, Symbol- und Lebenswelten ernsthaft einzuarbeiten, seien Religionssoziologen, -ethnologen oder –historiker 1 vielfach nur darauf aus gewesen, vor dem Hintergrund der Säkularisierung und Modernisierung ‚Religion‘ als menschliches Randphänomen zu begreifen und zu analysieren (Graf 2004: 31). Dieser Fehler sollte in der Politikwissenschaft bei dem in den letzten Jahren sich verstärkenden Interesse am Phänomen ‚Religion‘ vermieden werden.

Noch während der letzten Jahrzehnte hat man sich in der deutschen (empirischen) Politikwissenschaft sehr „bescheiden“ mit dem Thema ‚Religion‘ auseinandergesetzt (von Beyme 2015: 31). Obwohl Religion bei der Beschreibung politischer Kultur (Inglehart und Welzel 2005) oder der Analyse von Konfliktlinien (Lipset und Rokkan 1967) einen wichtigen Faktor darstellt, hielten sich Politikwissenschaftler in den letzten 40 Jahren mit ausführlichen Analysen zurück. Religion war in der Umfrageforschung oft nur Kontrollvariable, in vielen Theorien bloß Teilsystem in einer funktional differenzierten Gesellschaft. Diese Einstellung gegenüber dem Faktor Religion hat sich in den vergangen fünf bis zehn Jahren deutlich geändert2 (Minkenberg 2011: 530), auch weil ein Erstarken fundamentalistischer Strömungen sowohl im Islam als auch im Christentum zu beobachten ist. Der Fundamentalismus im Christentum – oder auch ‚Evangelikalismus‘ genannt - ist zentrales Thema dieser Arbeit In den USA war das Interesse an dem Thema vor dem Hintergrund der so genannten ‚christlichen Rechten‘ größer. Die politisch motivierten Evangelikalen aus dem Mittleren Westen haben sich des Öfteren schon in Washington Gehör verschafft und ihre Interessen mit Nachdruck artikuliert. Dies nahmen Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zu m Anlass, sich stärker mit Zusammenhängen zwischen religiösen und politischen Einstellungen in den USA zu beschäftigen (Hochgeschwender 2007; Pally 2008). In Deutschland nimmt das Interesse an den Evangelikalen – wenn sie dort auch wesentlich schwächer sind – ebenso zu (Hemminger 2016; Ziegert 2015). Katja Guske legte eine qualitative Analyse politischer Einstellungen evangelikaler Verbände vor. Ihre interessanten Einsichten werden in Kapitel 3.3 dargestellt. Sie beklagt allerdings, dass es keine hinreichende „empirische quantitative Untersuchung (Guske 2014: 57)“ gebe, welche sich systematisch mit dem deutschen Evangelikalismus beschäftige. Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag dazu leisten, diese Forschungslücke zu schließen.

Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt der nachfolgenden Kapitel: Wie beeinflussen religiöse Einstellungen - oder allgemein gesprochen die Religiosität - politische Einstellungen und Überzeugungen? Es wird somit auf einer Individualebene gearbeitet, Verbände, Institutionen oder Kirchen spielen erst einmal keine Rolle. Trotzdem wird die Hypothese aufgestellt, dass Mitglieder evangelikaler Gruppen von nicht-evangelikalen Gruppen verschiedene Religiositätsniveaus annehmen und hierdurch auch andere politische Einstellungen und Überzeugungen entwickeln. Wie sieht dieser Zusammenhang dann im Evangelikalismus aus? Gibt es signifikante Unterschiede der Einflussstärke der Religiosität auf politische Einstellungen, wenn man verschiedene Gruppen vergleicht (z.B. Evangelikale und Nicht-Evangelikale)? Oder spielt dies keine Rolle? Sind Evangelikale ähnlich wie Nicht- Evangelikale? Und was für konkrete politische Forderungen ergeben sich als Konsequenz aus Sicht der Evangelikalen aus den Zusammenhängen? Auf was muss man sich einstellen, sollten die Evangelikalen zahlenmäßig wachsen (so wie es Krech et al. (2013) prognostiziert)? Zuletzt wird auch überprüft, ob es auch bei Evangelikalen stimmt, dass Religiosität und Parteienpräferenzen zusammenhängen (Knutsen 2004)? Wählt ein Evangelikaler also signifikant öfters Parteien aus der ‚christlichen Parteienfamilie‘?

Um diese Fragen adäquat zu beantworten, wird wie folgt vorgegangen: Kapitel 2 gibt einen kurzen Überblick über das Phänomen der Religion und wie es in der Politikwissenschaft betrachtet wird. Der Evangelikalismus in Deutschland und seine politischen Ansichten werden näher in Kapitel 3 beleuchtet. Kapitel 4 handelt dann von der empirischen Arbeit. Neben Fragen der Datensammlung oder des Untersuchungsdesigns werden hier auch die Ergebnisse der standardisierten Befragung (N = 277) präsentiert. Wie noch näher in Kapitel 4 erläutert werden wird, handelt es sich bei den Befragten um Studierende der Universität Freiburg. Die Diskussion der Resultate wird in Kapitel 5 vorgenommen. Kapitel 6 beendet die Arbeit mit einem Fazit und Ausblick.

2 Religion in der Politikwissenschaft

Die vorliegende Arbeit bewegt sich im Spannungsverhältnis zwischen Religion und Politik. Um dieses Verhältnis adäquat zu untersuchen kann in zweierlei Weise vorgegangen werden: Zum einen kann die Religion aus Sicht der Politik im Rahmen einer Religionspolitik als ‚abhängige Variable‘ betrachtet werden (Liedhegener und Pickel 2016). Themen wie das Staatskirchen- und Religionsrecht, der Umgang mit Neuen religiösen Bewegungen oder die breite Debatte in Europa um den staatlichen Umgang mit islamischen Religionen fallen in diesen Bereich (Kortmann und Rosenow-Williams 2016: 159ff.; Schulte 2012; Pulte 2016). Diese Wirkrichtung soll nicht Teil dieser Arbeit sein. Vielmehr wird die Religion hier als ‚unabhängige Variable‘ betrachtet. Die vorliegende Arbeit möchte empirisch zur Untersuchung der vielfältigen Einflüsse der Religion in Form von Glaubensvorstellungen, Auslegungen und Einstellungen auf politische Überzeugungen beitragen. Dazu wird in diesem Kapitel diese Wirkrichtung erläutert und ein kurzer Abriss über die bereits bestehenden Arbeiten gegeben. Außerdem werden wichtige Begriffe geklärt, die im empirischen Teil von Belang sind.

2. 1 Bet rach tungsweisen von R eligion und Politik

Geht man von einem Schichtenmodell der Politik aus (Patzelt 2007: 47), lässt sich der Einfluss der Religion auf die Politik grob auf drei Ebenen beschreiben: Auf einer Mikroebene können religiöse Werte, Überzeugungen und Einstellungen der Politiker einen immense n Einfluss auf ihr Stimmverhalten in den Gremien haben (Liedhegener und Thieme 2015: 690). Wähler entscheiden möglicherweise konfessionell (Liedhegener 2006) oder betrachten die religiöse Ausrichtung einer Partei als wahlentscheidend. Auf der Mesoebene bilden Individuen soziale Gruppen und versuchen über religiös ausgerichtete Organisationen und Verbände Einfluss auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse zu nehmen. Definiert man Politik über das „Herstellen allgemein verbindlicher Regelungen (Patzelt 2007: 22)“, wird klar, warum Religionen ein besonderes Interesse am Einfluss auf die Politik haben könnten. Religionsgemeinschaften waren immer schon darauf aus, ihre Wert - und Moralvorstellungen in gesellschaftliche Bereiche außerhalb ihrer Gemeinden zu transportieren. In Form von so genannten ‚promotional groups‘3 versuchen Religionen ihre Wertorientierungen und Moralvorstellungen in die Politik miteinzubringen und können somit indirekt religiöses Sozialkapital bilden (Putnam 2000). Auch auf der Makroebene kann Religion relevant werden, wenn es um kulturelle Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen politischen Systemen geht (Huntington 2002). Ohne auch nur annähernd die zahlreichen Interaktionsfelder zwischen Religion und Politik in ihrer Fülle beschrieben zu haben, lässt sich hier bereits erahnen, dass die Beziehung zwischen beiden sehr komplex und vielschichtig ist.

Trotzdem hielt sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Verhältnis von Religion und Politik lange in Grenzen. Aufgrund der sehr populären Säkularisierungsthese, die „den Rückzug der christlichen Kirchen aus Bereichen, die vorher unter ihrer Kontrolle oder ihrem Einfluss gestanden haben (Berger 1973: 103)“ vermutet, hielt man auch den Einfluss der Religion auf die Politik für stetig sinkend. Von Beyme (2015: 9) spricht in einer neueren Publikation sogar davon, man habe die Religion in Bezug auf die Politik „lange vergessen und verdrängt“. Lange sah man im Zuge der Modernisierung und Rationalisierung ‚westlicher‘ Gesellschaften einen deutlichen Rückzug von Religionen (Pollack und Pickel 2007). Zahlreiche Entwicklungen, welche den sozialen Bedeutungsverlust von Religionen begünstigen sollen, wurden identifiziert: Funktionale Differenzierung, Pluralisierung, Demokratisierung, Bürokratisierung, Industrialisierung, Urbanisierung etc.4 Erst neuerdings wird dem Verhältnis zwischen Religion und Politik wieder zunehmend Raum gegeben. Riesebrodt (2001) spricht z.B. von der „Rückkehr der Religionen“ und Graf (2004) von der „Wiederkehr der Götter“. An der Universität Münster wurde ein Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘ gebildet5 und mit dem ZRWP an der Universität Luzern hat sich eine Fakultät im deutschsprachigen Raum herausgebildet, die sich ausschließlich mit den Wechselwirkungen von Religion, Wirtschaft und Politik beschäftigt.6

Einige Forschungsbereiche, die Beziehungen zwischen Religionen und Gesellschaften untersuchen, haben ‚die Politik‘ zwar im Blick, binden sie aber oft nur am Rande in die Analyse ein. Die Fundamentalismusforschung z.B. interessierte sich in den letzten Jahren vor allem für den islamistischen Fundamentalismus (Khallouk 2016; Lohlker 2016). Ursprünglich entstand der Begriff des ‚Fundamentalismus‘ aber im christlichen Spektrum. 1919 vereinigten sich christlich-konservative Gruppierungen in den USA zur World’s Christian Fundamentals Association, die sich auf die 1909-1915 entstandene Schriftenreihe The Fundamentals – A Testimony to the Truth bezogen (Küenzlen 1996: 61). Sie gingen von einer absoluten Irrtumslosigkeit der Bibel aus und stellten sich explizit gegen Liberalismus und Modernisierung (Appleby 1995). Man könnte diese Bewegung und auch die heutige deutsche evangelikale Bewegung als antimodernistische Bewegung einordnen (Walzer 1965). Die Gegnerschaft zur Moderne wird religiös begründet. Viele Veränderungen der Moderne – die Akzeptanz gegenüber anderen Lebensformen wie der Homosexualität, ein anderes Familienverständnis, die Einbeziehung der Frau auf den Arbeitsmarkt usw. – werden mithilfe biblischer und göttlicher Begründungen abgelehnt. Evangelikale können aus Sicht der Fundamentalismusforscher auch als Antiliberale bezeichnet werden (Holmes 1995: 21f.). Die fortschreitende Säkularisierung sei demnach eine ‚moralische Katastrophe‘, der Mensch würde immer weiter ‚entwurzelt‘ werden. Man müsse sich mit missionarischem Eifer gegen diese Entwicklungen stellen und sie aufhalten (siehe auch Guske 2014: 41). Die im Zuge der Erstellung des vorliegenden Papiers durchgeführten Interviews, die zu einer ersten Einordnung des Themas dienten, bestätigen die Thesen vom Antimodernismus und Antiliberalismus. Viele evangelikale Christen in Deutschland sehen sich einem säkularen und wertverfallenem System gegenüber, den sie auch gerne als den ‚linksliberalen Mainstream‘ bezeichnen.7

Das Verhältnis von Religion zu Politik ist trotz der Ausklammerung des Religiösen durch manche Forschungszweige ein relevantes. Der Historiker Rolf Schieder bekräftigt in seiner Publikation Wieviel Religion verträgt Deutschland?:“Politik und Religion können einander nicht ignorieren. Religion als zielwahlorientierende Gewissheit über Ursprung, Verfassung und Bestimmung menschlichen Daseins beeinflusst die politische Willensbildung auch dann, wenn die institutionellen Verbindungen zwischen Kirche und Staats gelöst worden sind (Schieder 2001: 201).“ Schieder betont hier, dass, auch wenn der Staat die Religion aus seinen politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen versucht rauszuhalten, die Religion durch andere Kanäle auf die Politik wirken kann. Das Staats-Religions-Verhältnis in Deutschland z.B. ist als Mischtyp zwischen einem Staatskirchensystem und dem System strikter Trennung zwar relativ ‚getrennt gehalten‘, doch erhalten die zwei großen Religionsgemeinschaften besondere Rechte durch ihre Partnerschaft mit dem Staat in Bereichen wie der Seelsorge, des Religionsunterrichts sowie der Erhebung einer Kirchensteuer. Die kleineren Religionsgemeinschaften – wie z.B. die deutschen Evangelikalen – besitzen jene Privilegien nicht und versuchen deshalb über andere Kanäle auf die Politik einzuwirken (z.B. über Lobbying). In Kapitel 3.3 werden einige dieser Kanäle näher erläutert.

Auch über die Individualebene können Religionsgemeinschaften Einfluss auf die Politik nehmen. Über individuelle politische Einstellungen und Überzeugungen können Religionen auf der politischen Ebene sowohl Konflikte verursachen als auch Kooperation ermöglichen (Fox 2004). Z.B. können religiöse Gruppierungen das politische Entscheidungshandeln der Individuen beeinflussen, in dem der Einzelne über so genannte Cleavages die Partei wählt, die ihm am nächsten kommt. Ist jemand beispielsweise von kirchlichen Positionen überzeugt, wählt er die Partei, die auch kirchliche Positionen vertritt (in einem Staats-Kirche-Cleavage) (Lipset und Rokkan 1967; Pickel 2011: 428). Religionen können ihren Einfluss auf den Wähler somit nutzen, um Konflikte auf politischer Ebene zu schüren oder abzubauen. 8

Systematische Forschung im Bereich religiöser Überzeugungen und damit einhergehender politischer Einstellungen bleibt allerdings rar. Eine der wenigen (empirischen) Arbeiten, die sich explizit auf Deutschland bezieht, ist der Artikel von Wolf und Roßteutscher (2013). Die Autoren gehen von einer zunehmenden Säkularisierung und Entkirchlichung aus und messen diese Entwicklungen sowie ‚Religiosität‘ mithilfe der Anzahl sinkender Kirchenbesuche und steigender Anzahl eingetragener Konfessionsloser. Das Ergebnis der Arbeit beschreiben die Autoren als Entkopplungsprozess. Gottesdienstbesuche erklären im abnehmenden Maße die Unterschiede im Wahlverhalten. Wer also häufig die Kirche besucht und katholisch ist, wählt nicht mehr signifikant häufiger CDU, wer protestantisch ist nicht mehr unbedingt die SPD (Wolf und Roßteutscher 2013: 174). Religiöse Indikatoren würden somit laut den Autoren zunehmend weniger politische Einstellungen und Orientierungen erklären. 9 Problematisch an dieser Arbeit ist allerdings die Operationalisierung der unabhängigen Variable ‚Religiosität‘. Mittels der Indikatoren Kirchgangshäufigkeit und Anzahl eingetragener Konfessionen schließen die Autoren auf die Religiosität der Befragten. Aufgrund einer zunehmenden Individualisierung (Luckmann 1991; Pollack und Pickel 1999: 466f.) und Pluralisierung der religiösen Landschaft in Deutschland (Wolf 2012) erscheint die Messung von 'Religiosität' über die Anzahl der Kirchgänge aber zu unpräzise. Mit ‚Religiosität‘ ist in einem pluralen Kontext deutlich mehr gemeint. Es beschreibt eine Fülle von Einstellungen, Überzeugungen, Werten, Handlungsmustern, sozialen Normen usw. (Boyer 2002). Ob also ‚Religiosität‘ noch heute einen signifikanten Einfluss auf politische Einstellungen hat, lässt sich über die von Wolf und Roßteutscher gewählten Indikatoren nicht valide genug erklären. Eine deutlich geeigneterer Ansatz scheint der in Kapitel 4 gewählte Post-Critical-Belief-Scale zu sein, der - religionspsychologisch motiviert – individuell-theologische Merkmale von ‚Religiosität‘ aufnimmt (Wulff 1997).

2. 2 Zu m B egrif f d e rR eligionund Religio s ität

In der Religionswissenschaft wird üblicherweise zwischen zwei Religionsdefinitionen unterschieden: einem substantiellem und einem funktionalen Religionsbegriff (Stolz 1988: 13ff.; Pickel 2011: 19f.). Der substanzielle Begriff betont eher die Inhalte und bezieht sich mehr auf Rituale und Erfahrungen. Bei der funktionalen Betrachtung wird eher auf die konkreten Leistungen für eine Gesellschaft oder ein Individuum abgezielt. Da bei dieser Arbeit konkret nach der Religiosität und den damit verbundenen politischen Konsequenzen gefragt wird, ist wohl eher die funktionale Betrachtungsweise naheliegend.

Einen weiteren interessanten Definitionsansatz von Religion bietet Pollack (1995, 2003). Er unterscheidet danach, ob etwas ‚religiös‘ gefragt und beantwortet werden soll oder nicht. Er spricht von Kontingenzbewältigung, d.h. der Frage, „warum etwas so ist wie es ist, obwohl es auch anders sein könnte (Pickel 2011: 21).“ Angewendet auf die Politik würde somit gefragt werden, warum in der Politik (politics) oder politisch (policy) etwas so ist wie es ist. Die Frage und die Antwort können darauf sowohl religiös als auch nicht -religiös gehandhabt werden. Die Flüchtlingspolitik von 2015, die in Deutschland politisch bis heute brisant diskutiert wird, wird z.B. gerne aus religiösen Perspektiven erzählt: Aus Gründen der ‚christlichen Nächstenliebe‘10 war es für die deutsche Regierung Pflicht die Grenzen zeitweise zu öffnen und die wartenden Flüchtlinge einreisen zu lassen. Ein anderes Beispiel sind christliche Fundamentalisten in den USA, die ihre Wahl für den US-Präsidenten häufig religiös aufladen, indem sie das Christentum und den Staat miteinander verknüpfen. Um politische Ereignisse und Entscheidungen verarbeiten zu können, helfen sich Individuen somit auch mit der Kontingenzbewältigungsstrategie ‚Religion‘.

Einen weiteren wichtigen Aspekt gibt Krech (2003), indem darauf hinweist, dass Religion nur durch religiöses Verhalten sichtbar und manifest wird. Erst wenn bestimmte Rituale, Ausdrucksformen oder Kommunikationsmuster bei einem Individuum oder einer Gruppe zu Tage treten, kann eine ‚Religion‘ von einer ‚Nicht-Religion‘ unterschieden werden. Religiöse Weltanschauungen, Werte, Überzeugungen oder Einstellungen stellen zusätzliche latente Merkmale der Religion dar und können nur über komplizierte Messinstrumente erhoben werden (Fragebogenkonstruktion, langwierige teilnehmende Beobachtungen usw.).11

Für die vorliegende Arbeit reicht es allerdings aus, in einem weiteren Sinne von ‚Religion‘ zu sprechen und von allzu engen Definitionen Abstand zu nehmen. Aufgrund der Vielfalt der Formen und Einstellungen evangelikaler Gruppierungen wird hier von einer Religion bereits dann gesprochen, wenn die Gruppierung funktional in der Gesellschaft in Erscheinung tritt und zur Kontingenzbewältigung politischer Phänomene beisteuert, diese sich aber durch religiöses Verhalten manifestieren. Ein Verein wäre somit keine Religion, weil dieser nicht durch religiöses Verhalten in Erscheinung tritt und nicht zur Kontingenzbewältigung politischer Phänomene hilft, obwohl er funktional in der Gesellschaft in Erscheinung tritt.12

Es gab bereits viele Versuche ‚Religiosität‘ zu definieren (siehe z.B. Boyer 2002). Religiosität wird hier verstanden zum einen als die „menschliche Einstellung gegenüber einem transzendentem Sinn [...] (Tobler 2003: 23)“ und zum anderen hinsichtlich des Umgangs mit religiösen Schriften (Duriez et al. 2003). Diese Definition ist zweckmäßig für die empirische Untersuchung in Kapitel 4.

3 Evangelikalismus und Politik in Deutschland

Das dritte Kapitel hat drei Funktionen: Erstens soll der Begriff und das Phänomen

‚Evangelikalismus‘ näher erläutert und abgegrenzt werden. Zweitens wird ein kurzer Überblick über die evangelikale Bewegung Deutschlands gegeben. Zuletzt wird die Relevanz evangelikaler Strömungen in der deutschen Politik betrachtet und die wenigen sich mit dem Thema beschäftigenden empirischen Arbeiten beleuchtet.

3.1 Der Begriff des Evan geli kalismus

Das Adjektiv evangelikal bedeutet ursprünglich ‚dem Evangelium zugewendet‘ oder ‚dem Evangelium entsprechend‘ (Jung 2001: 4). Evangelikal ist somit in seiner Bedeutung identisch mit evangelisch.13 Um die zwei Begriffe dennoch abzugrenzen, werden Hilfsdefinitionen verwendet. Eine davon ist diejenige, nur solche Organisationen als "evangelikal" zu bezeichnen, die nicht unter dem Dach der Evangelischen Landeskirche auftauchen, aber als "evangelisch" bezeichnet werden können. Eine andere will nur die Gemeinden dazu zählen, die ihren Ursprung in US-amerikanischen Denominationen haben. Ein dritte, allerdings stark kritische Definition teilt das Wort "evangelikal" in "evangelisch" und "radikal", um auf eine radikalere Interpretation der und Ausrichtung auf Evangelien im Vergleich zu anderen evangelischen Gemeinden hinzuweisen (Guske 2014: 139).

Die Website reliinfo.ch gibt u.a. folgende für den Evangelikalismus charakteristische Merkmale an: Bibeltreue, persönliche Beziehung zu Gott, Mission und Gemeinschaft .14 Evangelikale haben ein wörtliches Bibelverständnis und nutzen die Schrift nicht nur als spirituelle Quelle, sondern auch als Ratgeber im Alltag und – was für das vorliegende Papier besonders interessant ist – als Hilfe bei gesellschaftlichen und politischen Fragen (Hempelmann 2009). Die Beziehung zu Gott ist sehr nah. Er wird personalisiert und kann direkt im Gebet konsultiert werden. Bekehrung und Mission sind zentral im evangelikalen Verständnis von gelebtem Glauben. Jeder Nicht-Gläubige gehört zu der Gruppe ‚Verlorener‘. Er muss umkehren, ein Leben im Sinne der Evangelien und des Jesus Christus führen. In Teilen des evangelikalen Milieus wird auch die Vorstellung eines Endzeitkampfes betont, in dem es laut dem Buch ‚Offenbarung‘ zu einer letzten Schlacht zwischen dem Guten und dem Bösen kommen wird. Nur wer sich dem Kampf für das Gute widmet, wird letztlich in das Paradies ‚geholt‘. Derjenige, der sich diesem Kampf verweigert, wird auf der Erde zurückgelassen. Die Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle. Je nach Gemeinde kann sich diese eher exklusiv oder inklusiv ausgestalten. Manche versuchen durch offensive Mission die Gemeindegröße zu maximieren, andere gehen eher auf Abstand zur Außenwelt und pflegen die Gemeinschaft im Innern.15

Historisch gesehen entstand die deutsche evangelikale Bewegung im Pietismus des Philipp Jacob Spener im 17. Jahrhundert. Er sah die ‚Reinheit‘ der lutherischen Reformation durch die Aufklärung gefährdet und forderte eine Rückkehr zu den protestantischen Wurzeln (Markert 2010). Seitdem kann man grob eine Spaltung zwischen den sich ständig reformierenden evangelischen Landeskirchen und einer fundamentaleren Auslegung des Protestantismus evangelikal-freikirchlicher Gemeinden ausmachen. Sie zog sich über den Pietismus hinaus: Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zu einem erneuten Aufschwung deutlich radikalerer Positionen in der so genannten ‚Erweckungsbewegung‘ und Anfang des 20. Jahrhunderts entstand durch einen weltweiten Aufruf aus den USA die ‚Gemeinschaftsbewegung‘, die in Deutschland in den ‚Gnadauer Gemeinschaftsverband‘ mündete..

3.2 Die evange likale Bewegungin Deutsch land

In Deutschland kann man heute zwischen drei Hauptzweigen des Evangelikalismus unterscheiden (Bauer 2012:117f.): Erstens der Teil, der sich unterhalb des Dachverbands der Evangelischen Allianz sammelt.16 Er ist international ausgerichtet und ist Mitglied in der European Evangelical Aliiance. Unter ihrem Dach tummeln sich verschiedene Arbeitskreise, Bibelschulen, weitere kleinere Dachverbände, Missionsvereine, Medienunternehmen, Festival-Unternehmen sowie Studentenverbände (so auch die in dieser Arbeit befragte Gruppierung Campus für Christus). Der zweite Ast, welcher nur zum Teil der Evangelischen Allianz untersteht, aber einen deutlich anderen theologischen Ansatz verfolgt, ist der pfingstlich-charismatische. Seine größte Vereinigung ist der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden.17 Diese Gemeinden pflegen eine Strömung innerhalb des Evangelikalismus, die insbesondere in mittel- und südamerikanischen sowie im afrikanischen Regionen einen immensen Zulauf verzeichnet (Harnischfeger 2005). Die Gottesdienste ähneln hier eher Rockkonzerten. Es wird vor allem auf die Emotionen der Gläubigen appelliert. Regelmäßig kommt es zu Ekstasen und dem so genannten Zungenreden (bei der Befragung in der vorliegenden Arbeit durch die Gruppe Studenten für Christus repräsentiert). Die dritte Strömung ordnet sich organisatorisch den Evangelischen Landeskirchen unter, wie z.B. die Lausanner Bewegung mit dem dazugehörigen Gnadauer Gemeinschaftsverband (Guske 2014: 74f.).18

Zahlenmäßig lassen sich die Evangelikalen nur schwer fassen. Unterschiedlichste Schätzungen gehen von einer Zahl zwischen 1,1 und 1,3 Millionen Gläubigen in Deutschland aus, auf die Gesamtbevölkerung gesehen also etwa zwischen 1,3% und 1,6%. Allerdings gibt es Konglomerate von evangelikalen Gemeinden, die auch als die drei Bibelgürtel Deutschlands bezeichnet werden. Im nordsächsischen Teil Deutschlands gibt es besonders viele pfingstlich-charismatische Gemeinden, die es geschafft haben, nach dem ‚Fall der Mauer‘ insbesondere auf dem Land viele Orte zu missionieren, während die Evangelische Kirche erst Jahre später (Mitte der 90er) verstärkte Anstrengungen unternahm (Stange 2014). In Nordrhein-Westfalen gibt es einen eher links-protestantisch-preußischen Evangelikalismus, welcher zum großen Teil aus baptistischen und methodistischen Gemeinden besteht. In Baden-Württemberg handelt es sich vor allem um Nachfolgegemeinden pietistischer und erwecklicher Strömungen, die im vermehrten Maße christliche Pop-Events integrieren und immer öfters auch versuchen, die Jugend anzusprechen (siehe z.B. die Mega-Church ‚Gospelforum‘ in Stuttgart).19 Außerdem existieren in den Regionen um Pforzheim und Baden-Baden einige Aussiedlergemeinden, die in ihrer theologischen Ausprägung dem evangelikalen Spektrum zugeordnet werden.

Der wissenschaftliche Verein R eligionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e.V. zählt jedes Jahr die Mitgliederzahlen verschiedener Dachverbände. Wendet man die Unterteilung E vangelische Allianz – Pfingstlich-Charismatische Gemeinden – Evangelikale Gemeinden in den Evangelische Landeskirchen an, ergibt sich zahlenmäßig folgendes Bild (Tabelle 1):

A bbildung 1: Evangelikale Verbände in Deutschland und ihre Mitgliederzahlen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung mit den Daten des REMID20

In der Summe erhält man 985.800 Mitglieder. Rechnet man die zahlreichen Aussiedler- und Spätaussiedlergemeinden sowie Evangelikale innerhalb der katholischen Kirche (z.B. Charismatische Erneuerung oder Freikatholische Kirche) hinzu, erhält man vermutlich die bereits oben vermuteten 1,1 Millionen. Genaue Zahlen zu erhalten ist allerdings aus zwei Gründen sehr schwierig: Zum einen ist das evangelikale Spektrum derart vielfältig, dass eine klare und trennscharfe Abgrenzung der einzelnen Gruppierungen und Verbände in ‚evangelikal‘ und ‚nicht-evangelikal‘ schwierig ist. Hier steht ein klarer Kriterienkatalog für groß angelegte quantitative Studien noch aus. Zum anderen wird die tatsächliche Mitgliederanzahl Evangelikaler wahrscheinlich eher unterschätzt, da einige römisch- katholische und evangelische Kirchenmitglieder sowie Konfessionslose evangelikale Gemeinden und Bibelkreise besuchen ohne offiziell in den Mitgliederdateien der Gemeinden aufzutauchen (siehe z.B. Stange 2014).

Die Evangelikalen in Deutschland sind vielen gesellschaftlichen Bereichen aktiv. Durch den Missionsauftrag motiviert fallen sie insbesondere in der medialen Landschaft auf. Unter dem Dach des Evangeliums-Rundfunk (ERF) entstanden zahlreiche Radiosender sowie die Fernsehsender bibelTV, HopeChannel und GodTV. Mehrmals jährlich werden auch baptistische Gottesdienste auf den Sendern ARD und ZDF ausgestrahlt. Auf Tele5, Das Vierte und Regionalsendern (TV Zwickau, Greifswald TV etc.) werden täglich evangelikale Produktionen gesendet. Außerdem gibt es personale Verflechtungen mit anderen Sendern: Henning Röhl war lange Chefredakteur der Tagesschau und der Tagesthemen (ARD) und wurde kurz nach dieser Tätigkeit Geschäftsführer von bibelTV. Auch der junge Moderator Tim Niedernolte, der vor der Kamera für die Sendungen ZDFdrehscheibe, ZDFheute und hallo Deutschland arbeitet, trat auf der Bühne des evangelikalen Events Christival auf.21

Unter den vielen Zeitungen und Zeitschriften fällt vor allem die Nachrichtenagentur idea auf, welche nach eigenen Angaben dazu beitragen möchte, „der christlichen Botschaft in den Medien einen größeren Stellenwert einzuräumen“22 Zentrale Themen sind Christenverfolgungen im Ausland, kirchenpolitische Themen, aber auch Politik und Gesellschaft. Möchte man einen ersten Eindruck über die evangelikale Sicht auf die Politik gewinnen, bietet sich ein Blick auf die Website an.23 Weitere oft genannte Themen sind neben Islam auch die Entwicklungen in den USA und Israel sowie Bildungs- und Medienpolitik.

In den Medien versuchen Evangelikale aus einer defensiven Position heraus häufig sich gegen Anschuldigungen zu wehren. Mehrere eher die deutschen Evangelikalen problematisierende Reportagen sind entstanden24 und es gab Kritik an bestimmten Seminaren auf dem Christival in Bremen 2008 (Eheseminare, Homosexuellenseminare). Die Gegenreden gegen solche Vorwürfe wurden mit aller Vehemenz geführt. Die Evangelische Allianz Deutschland rief schon mehrmals Evangelikale dazu auf, Beschwerden, Kommentare oder Leserbriefe an die zuständigen Produzenten und an die Journalisten selbst zu schreiben. Wenn die Reportagen kaum Medienecho erhielten, dann doch zumeist die Reaktionen der Evangelikalen darauf. Deutsche Evangelikale fühlten sich in eine ‚Sektenecke‘ verdrängt und stigmatisiert. Insbesondere der Fundamentalismusvorwurf wurmte einige evangelikale Gemeinden. Die Religionswissenschaftlerin Ulrike Müller führte eine Inhaltsanalyse mit 985 Artikeln evangelikalen Inhalts durch (FAZ, SZ, Die Zeit, Focus, Spiegel u.a.) und kam zu dem Ergebnis, dass „90% aller Artikel mit evangelikalen Bezug überhaupt keinen Fundamentalismusvorwurf aufstellen (Müller 2012: 119).“ Im Gegenteil: Vor allem evangelikale Medien selbst diskutieren den Fundamentalismusvorwurf.

Evangelikale Gemeinden in Deutschland sind außerdem stark in der Jugendarbeit aktiv. Zahlreiche Studien zu Religiosität wie z.B. die SINUS- oder Shell-Studien unterstellen den Jugendlichen eine stark individualisierte Haltung zur Religion sowie eine abnehmende Bindung zu den institutionalisierten Kirchen in Deutschland, konstatieren aber gleichzeitig, dass den Jugendlichen Werte wie Treue, Familie und Vertrauen weiterhin wichtig seien (siehe z.B. auch Pickel 2010). Hinter den Ergebnissen steckt die implizite Annahme, dass insbesondere Religionsgemeinschaften jene Werte kommunizieren und erhalten können. Warum aber bleiben ‚Werte‘ erhalten, wenn die Bindung zu den Kirchen abnimmt? Ein Faktor könnte sein, dass eine immer größer werdende Anzahl Jugendlicher – wenn auch weiterhin eine kleine Minderheit – alternative Zugänge zu ‚christlichen Werten‘ oder Spiritualität suchen. Die eventisierten, auf die moderne Pop-Kultur zugeschnittenen Gottesdienste vieler evangelikaler Gemeinden sind vermutlich ein Zugang. Zahlreiche Veranstaltungen für das jugendliche Milieu werden auch in Deutschland organisiert: Festivals, Straßenveranstaltungen25 und Konzerte26.

[...]


1 Auf ‚Gendern‘ wird in dieser Arbeit verzichtet. Dies soll aber keine Diskriminierung darstellen. Nur der Begriff ‚Studierende‘ wird verwendet.

2 Siehe die zahlreichen Veröffentlichungen von Antonius Liedhegener oder Detlef Pollack (Literaturverzeichnis).

3 P r omotional groups sind Interessengruppen, die im Gegensatz zu pressure groups und Lobbyorganisationen kein direkt materielles Eigeninteresse haben, sondern eher versuchen, im politischen Prozess bestimmte intangible Güter wie Werte, Vorstellungen oder Einstellungen durchzusetzen.

4 Zur Erläuterung und Erklärung der einzelnen Wirkrichtungen siehe Pickel 2011: 141.

5 Zur Website: [https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/], letzter Zugriff am 18.01.2017.

6 Zur Website: [http://www.zrwp.ch/index.htm], letzter Zugriff am 18.01.2017.

7 Weitere Arbeiten zu Fundamentalismus und Evangelikalismus sind Frieling (1984), Odermatt (1992) oder die aufschlussreiche Monografie des evangelikalen Pastors Holthaus (1993) mit dem Titel: Fundamentalismus in Deutschland: Der Kampf (!) um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts.

8 Siehe auch die so genannte ‚Neue Monotheismusdebatte‘ zwischen Rolf Schieder und Jan Assmann (Assmann 2005: 18f.).

9 Nur noch die Homosexuellenpolitik bleibe als einzige Ausnahme bestehen.

10 Wahlweise nicht-religiös konnotiert auch ‚aus humanitären Gründen‘.

11 In Kapitel 5 werden die für das vorliegende Papier erarbeiteten Erhebungsmethoden für Religiosität und den politischen Einstellungen und die damit einhergehenden Schwierigkeiten noch ausführlich diskutiert.

12 Auf eine weitere Unterscheidung zwischen ‚Religion‘ und ‚Sekte‘ wird hier verzichtet. Siehe dazu Knoblauch (1999).

13 Es entsteht zusätzliche Verwirrung durch die Übersetzung des Begriffs evangelisch ins Englische: ‚evangelical‘.

14 [http://www.relinfo.ch/evangelikalismus/themen.html], letzter Zugriff am 20.01.2017.

15 Näheres zur evangelikalen Theologie siehe Jung (2001) und der Arbeitskreis evangelikaler Theologie: [https://www.afet.de/], letzter Zugriff am 20.01.2017.

16 Website: [http://www.ead.de/], letzter Zugriff am 20.01.2017.

17 Website: [http://www.bfp.de/], letzter Zugriff am 20.01.2017.

18 Eine vierte Strömung könnte zusammengefasst werden, indem man Aussiedlergemeinden oder andere national-konnotierte Gemeinden dazuzählt (z.B. die Unabhängigen Afrikanischen Kirchen). Die dritte Strömung ist in der Befragung der vorliegenden Arbeit die Gruppe Studenten mit einer Mission Deutschland.

19 Über die Pietisten in Baden-Württemberg ein FAZ-Artikel von Rüdiger Soldt: [http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/die-pietisten-praegen-das-land-baden-wuerttemberg-13612808.html], letzter Zugriff am 20.01.2017.

20 Website: [http://remid.de/protestantismus/], letzter Zugriff am 21.01.2017

21 Weitere Namen wären Axel Rotkehl vom MDR und der Regisseur Thorsten Näter.

22 [http://www.idea.de/ueber-uns.html], letzter Zugriff am 21.01.2017.

23 [http://www.idea.de/nachrichten/politik.html], letzter Zugriff am 21.01.2017.

24 Siehe z.B. die Dokumentation ‚Mission unter falscher Flagge. Radikale Christen in Deutschland‘ von der ARD.

25 2017 findet wieder die Jesus House Tour in Deutschland statt. Dabei werden Jugendliche aus den Gemeinden darauf trainiert, in den Fußgängerzonen durch Tanz und Musik Aufmerksamkeit zu erhalten. Ziel ist die Missionierung und Evangelisation weiterer junger Menschen. Website: [http://jesushouse.net/aboutus?id=93], letzter Zugriff am 21.01.2017.

26 Inzwischen besteht eine lebendige christliche Popmusik-Szene in Deutschland, z.B. die Gruppe ‚Fil da elephant‘.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Religiosität und politische Einstellungen evangelikaler Studierender in Freiburg
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
59
Katalognummer
V461838
ISBN (eBook)
9783668913943
ISBN (Buch)
9783668913950
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Politik, Religionssoziologie, Religion und Politik, politische Soziologie, politische Psychologie, Evangelikalismus, politische Einstellungen, Einstellungsforschung
Arbeit zitieren
Timon Renz (Autor), 2017, Religiosität und politische Einstellungen evangelikaler Studierender in Freiburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/461838

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Religiosität und politische Einstellungen evangelikaler Studierender in Freiburg



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden