Wortbildungslehre nach Erben und Naumann - ein kontrastiver Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einführung

II Wortbildung nach Naumann
1 Wortbildung vs. Wortschöpfung
2 Wortbildung- Morphologie
3 Wortbildung- Semantik und Syntax
4 Wortbildungstypen

III Wortbildung nach Erben
1 Grundfragen der Wortbildungslehre
2 Wortbildungslehre in synchronischer Sicht
3 Wortbildungslehre in diachronischer Sicht

IV Wortbildung am Beispiel eines Textes

V Zusammenfassung

VI Literaturangabe

I Einführung

Die Wortbildungslehre des Deutschen stellt ein durchaus komplexes Thema dar.

Sie kommt im Zusammenhang mit verschiedenen linguistischen Gebieten vor, wird in zahlreiche Wortbildungstypen differenziert und unterliegt gewissen Restriktionen.

Nach Naumann[1] wird sie verstanden als „die regelhafte Synthese verschiedener Ausdrucksmittel, in den allermeisten Fällen Kombination aus einfachen Wörtern (Sommer/tag, Nach/sommer, Hoch/sommer) bzw. aus einfachen Wörtern und Wortbildungsmorphemen (glaub/haft, un/glaub/lich, Un/glaub/haft/igkeit)“.

Erben[2] definiert die Wortbildung als „geregelter Aufbau lexikalischer Einheiten aus einem oder mehreren Morphemen. Geregelter Aufbau deswegen, weil er von morphologischen, syntaktischen und semantischen Einschränkungsregeln sowie von mehr oder weniger reihenhaft produktiven Baumustern bestimmt wird.“

Die Wortbildung im Deutschen kann bei verschiedenen Sprachwissenschaftlern unterschiedlich aufgefasst und nach differenzierten Gesichtspunkten dargestellt werden.

Bei Erben wird der Akzent auf den synchronischen und diachronischen Aspekt gesetzt. Naumann geht dabei ausdrücklich auf das Gebiet von Morphologie, Semantik und Syntax ein. Die Wortbildungstypen werden sowohl bei Erben als auch bei Naumann in Betracht gezogen. Bei der genaueren Analyse beider Ansätze muss man sich aber die Frage stellen: Sind ja wirklich diese Stellungnahmen so weit differenziert? Oder handelt es sich eher um eine und dieselbe Fragestellung, die durch verschiedene Prismen betrachtet wird?

In der vorliegenden Auseinandersetzung handelt es sich um den Vergleich der von Erben und Naumann repräsentierten Auffassungen. Jede Herangehensweise ans Thema wird ausführlich dargestellt.

Zu Vergleichzwecken wird eine Textanalyse vorgenommen.

Alle angebrachten Beispiele kommen ausschließlich aus Naumanns „Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen“ und Erbens „Einführung in die deutsche Wortbildungslehre“.

II Wortbildung nach Naumann

1 Wortbildung vs. Wortschöpfung

Bei Naumann werden beide Begriffe voneinander abgegrenzt:

„Wortbildung- Untersuchung und Beschreibung von Verfahren und Gesetzmäßigkeiten bei der Bildung neuer komplexer Wörter auf der Basis vorhandener sprachlicher Mittel.“

(Bußmann 1983, S.:587- zitiert nach Naumann 2000, S.:2)

„Wortschöpfung- im Unterschied zur Wortneubildung durch Ableitung und Zusammensetzung (…) mittels vorhandener sprachlicher Elemente beruht Wortschöpfung auf der erstmaligen Verwendung einer Lautfolge als (unmotivierter) Ausdruck für eine bestimmte Bedeutung.“

(Bußmann 1983, S.:591- zitiert nach Naumann 2000, S.:2)

Nach Naumann[3] spielten die Wortschöpfungen gegenüber Wortbildungen immer eine untergeordnete Rolle. Johann Christoph Adelung, einer der Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, vertrat die Meinung, dass beide Möglichkeiten der Erweiterung des Wortschatzes in Verbindung mit der Ontogenese und der Phylogenese vorkommen. Er sagt, dass Kinder und Menschen, die „durch Cultur noch nicht verfeinert sind“[4], neigen dazu, alle ihnen vorkommenden Gegenstand nach dem Ton zu nennen, mit welchem sie sich ihnen zu allerersten Mal dargestellt haben.[5] Die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts nahm folgende Stellung ein:

- Sprache entstand aus der Nachahmung von Naturlauten,
- Die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit erscheint in der Sprache gespiegelt, unterschiedlich in verschiedenen Sprachgemeinschaften, so z.B. die Menschen auf dem Lande sind kreativer, was die Wortschöpfungen anbelangt als die Menschen in der Stadt

Als erste Wortschöpfungen wurden von Adelung die Interjektionen bezeichnet, durch welche eine schon gebildete Sprache bereichert wird (z.B.: herrje -Verkürzung von Herr Jesus) und mit welchen die Sprachschöpfung überhaupt begonnen hat (unmittelbare Ausdrücke des Schmerzens, der Freude, der Überraschung etc.).

2 Wortbildung- Morphologie

2.1 Wortkonstruktive Morphemklassen

Naumann[6] unterscheidet 5 Morphemklassen bzw. Morphemklassen-Kombinationen:

- Kernmorpheme und Kombinationen aus Kernmorphemen- Morpheme, die frei vorkommen und lexikalische Bedeutung haben und aus der offenen, zahlenmäßig nicht festgelegten Klasse kommen: rot, Frau, schön, Haus … und blaurot, bildschön, Haustür. Die Zahl der freien Kernmorpheme in Wörtern ist prinzipiell unbegrenzt und unterliegt lediglich der Verständlichkeit und Übersichtlichkeit. Sie ist in der gesprochenen Sprache geringer als in der geschriebenen.
- Partikelmorpheme und Partikelmorphemkombinationen- dazu rechnet man „freie Morpheme aus geschlossenen Klasse hinzu, die in der Grammatik vollständig aufgezählt und beschrieben werden“[7] wie, z.B.: bei, auf, hinter, doch, sehr, nein, darauf, jedoch, wozu etc. Einige der Partikelmorpheme sind für Wortbildungsprozesse wichtig, z.B.: bei, auf, an, andere aber kaum, z.B.: sehr, nein.
- Kombinationen aus Kernmorphemen und Derivationsmorphemen- Morpheme, die nur gebunden auftreten, z.B.: Frei heit, Alter tum, ur alt, Un glück. Es gibt sehr große Kombinationsmöglichkeit, „ein oder mehrere Kernmorpheme können links- oder rechtsseitig mit bis zu drei Derivationsmorphemen auftreten“[8]: Wirt schaft, wirt schaftlich, Wirt schaftlichkeit. Es kommen auch einige Zweifel vor. Kann man das ant- oder tüm (Antwort, urtümlich) als Derivationsmorpheme betrachten? Wenn’ s so wäre, könnte es im Deutschen auch Kombinationen nur aus Derivationsmorphemen geben, was semantisch unzulässig ist.
- Kombinationen aus Kern- und bestimmten Partikelmorphemen- deutlich geringere Kombinationsmöglichkeiten. Übliche Form- bis zu zwei linksstehenden Patikelmorphemen und rechtsstehenden Kernmorphemen, z.B.: gegenübersitzen, Vorabdruck, davorstehen.
- Kombinationen aus Kern- Partikel- und Derivationsmorphemen- zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten: von einem Morphem bis zu komplexen Wortbildungsmöglichkeiten aus links- und rechtsstehenden Partikel- und Derivationsmorphemen, z.B.: Unvorstellbarkeit, Unvoreingenommenheit.

2.2 Diskontinuierliche Morpheme und Portmanteau- Allomorphe

Bei diskontinuierlichen Morphemen wird „die wortbildende Funktion (…) auf zwei Formenelemente verteilt (…), die links und rechts des Kernmorphems stehen“[9].

Man unterscheidet zwei Typen:

- Substantive mit ge + Kernmorphem + e z.B.: Gelache, Gesinge
- Adjektive in Form des Partizip Perfekts mit ge + Kernmorphem + t z.B.: gedient, gebrannt, gefangen.

„Das gilt auch für Substantive, die von derartigen Partizipialadjektiven abgeleitet sind, also etwa Geliebt + er, Gefangen + er.“[10]

Als Portmanteau- Allomorphe bezeichnet man Substantive, „die als „implizite Ableitungen“ beschrieben werden, also um Wortbildungen wie Wurf, Schuss, Biss, Trieb, Verdruss, Befund etc. Substantive dieser Art sind Allomorphe zu anderen mit derselben lexikalischen Bedeutung, also hier zu werf/warf, schieß/schoss, beiß, trieb, verdrieß/verdross, befind/befand etc.“[11]

2.3 Wortbildung der Konversion

Wenn man den Terminus Konversion ins Visier nimmt, merkt man, dass er in der Sprachwissenschaft unterschiedlich verwendet wird. Für Henzen ist das „Klassenwechsel von Wörtern in ihrer Normalform“[12] Bei Erben ist die Rede von „syntaktischer Konversion, die dann vorliegt, wenn auch Flexionsmorpheme der Ausgangsreihe beibehalten sind.“[13] Polenz definiert Konversion als „Wortartwechsel bei der Verwendung eines Plerems aus einer Pleremklasse (Wortart), die im Lexikon für eine andere syntaktische Endkategorie vorgesehen ist.“[14]

Beispiele:

Hamster > hamstern

hurra > das Hurra

Werbetext > werbetexten

Wenn man weiterhin annimmt, dass bei diesem Wortartwechsel keine Derivationsmorpheme auftreten und keine Portmanteau- Allomorphe daran beteiligt sind, ist dann die Definition von Polenz gut zu gebrauchen.[15]

Beispiele:

schauen > Schau

lahm > lahmen

Fisch > fischen

leben > (das) Leben

Freund > freund (Adj.)

2.4 Wortbildung und Flexion

Wilmanns stellte fest, „die ableitenden Suffixe bilden Wörter, die Flexionen Wortformen.[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Aus: Naumann 2000, S. 18)

Wörter lassen sich in bestimmte Wortklassen zusammenfassen: Substantive, Verben, Adjektive etc. Die wortbildenden Sufixe kommen rechts- und/oder linksseitig an den Wortstamm vor, wobei die Rechtsstehenden die Wortklasse bestimmen.

Wortformen beziehen sich auf die Flexionskategorie der Grammatik: Person, Numerus, Tempus und Modus beim Verbum; Kasus, Numerus, Genus bei den Substantiven und Adjektiven. Zu den wortbildenen Suffixen kommen auch die Flexionssuffixe hinzu, die immer an der äußerstn rechten Seite bzw. am Rand eines Wortes stehen. Die Flexionssufixe wurden deshalb in der historischen Sprachwissenschaft auch Endungen genannt.[17]

Auf dieser Weise können die meisten Wortformen beschrieben werden. Nur ganz wenige davon lassen sich als Ausnahme ansehen, z.B.: einige Pluralformen wie Kind -er –chen/ -lein. Das Pluralsuffix steht in diesem Fall nicht am Ende des Wortes sondern zwischen dem Wortstamm Kind und dem Wortbildungssuffix –chen/ -lein.

2.5 Wortbildung als hierarchische Morphemkombination

Nach Naumann[18] werden die Wörter in folgenden Stuffen gebildet:

1. Komposition: Schau + Spiel
2. Derivation: Schauspiel + er
3. Derivation: Schauspieler + in

[...]


[1] Naumann 2000, S.:1

[2] Erben 2000, S.: 9

[3] Vgl. Naumann 2000, S.:2

[4] Adelung 1782,I:189- zitiert nach Naumann 2000, S.: 2

[5] Vgl. Naumann 2000, S.:2

[6] Vgl. Naumann 2000, S.: 11

[7] Ebenda

[8] Ebenda, S.: 12

[9] Naumann 2000, S.: 13

[10] Ebenda

[11] Ebenda

[12] Henzen 1957, S.:245 zitiert nach Naumann 2000, S.:15

[13] Erben 1983, S.: 27 zitiert nach Naumann 2000, S.: 15

[14] Polenz 1980, S.: 170 zitiert nach Naumann 2000, S.: 15

[15] Vgl. Naumann 2000, S.: 15

[16] Wilmanns 1896, S.:9 zitiert nach Naumann 2000, S.:17

[17] Vgl. Naumann 2000, S.: 18

[18] Vgl. Ebenda, S.: 21

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Wortbildungslehre nach Erben und Naumann - ein kontrastiver Vergleich
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Wortbildung
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
33
Katalognummer
V46206
ISBN (eBook)
9783638434447
ISBN (Buch)
9783640526000
Dateigröße
729 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wortbildungslehre, Erben, Naumann, Vergleich, Wortbildung
Arbeit zitieren
Pawel Broda (Autor), 2003, Wortbildungslehre nach Erben und Naumann - ein kontrastiver Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46206

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