Diese Arbeit will versuchen, einen wissenschaftlich komprimierten Überblick über die Sozialstruktur, Historie und Zukunft der Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland zu geben. Ferner soll damit ein Beitrag zu weiterer wissenschaftlicher Forschung auf diesem, auch in Zukunft gesellschaftlich an Bedeutung gewinnendem, Forschungsfeld geleistet werden.
Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet: „Zählen Beschäftigte in der Zeit-/ und Leiharbeit in Deutschland mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu den Erwerbsarmen (Working Poor)?“ Daneben sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wie setzt sich, für Beschäftigte in Zeit-/ und Leiharbeit, das Risiko in Erwerbsarmut zu fallen, zusammen? Gibt es strukturelle Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit von Erwerbsarmut, in Verbindung mit Zeit-/ und Leiharbeit, betroffen zu sein? Wie lässt sich die heutige Situation vieler Beschäftigter in der Zeit-/ und Leiharbeit historisch erklären?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Forschungsstand
1.1. Datengrundlage und Fragestellung
2. System der Arbeitnehmerüberlassung
2.1. Begriffsdefinition „Zeit-/ und Leiharbeit“
2.2. Systemeinführung
2.2.1. Volkswirtschaftliche Funktion
3. „Working Poor“
3.1. Allgemeine Definition(en)
3.2. „Working Poor“ in der Arbeitnehmerüberlassung
4. Strukturelle Ungleichheit
4.1. „Risikogruppen“
4.1.1. Geschlecht
4.1.2. Alter
4.1.3. Qualifikation
4.1.4. Herkunft
4.2. Beschäftigungsstatus
4.2.1. Verstärkung ungleicher Strukturen & „Klebeeffekte“
4.3. Zwischenresümee
5. Historie
5.1. Arbeitnehmerüberlassungsgesetz
5.2. iGZ-DGB Tarifwerk
6. (Sozial-)Staatliche Bemühungen zum Abbau von Armut
6.1. „Rückbau“ der Branchen-Deregulierung
6.2. Alternative staatliche Interventionen - Beispiel Wirtschaftsförderung
7. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Risiko der Erwerbsarmut bei Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassung und hinterfragt, ob diese Form der Beschäftigung tatsächlich als Brücke in den regulären Arbeitsmarkt fungiert oder prekäre Strukturen verfestigt.
- Analyse der Einkommenssituation und Beschäftigungsdauer in der Zeitarbeit
- Untersuchung von Risikogruppen hinsichtlich Geschlecht, Alter und Qualifikation
- Kritische Beleuchtung der "Brückenfunktion" durch empirische Daten
- Historische Einordnung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und der Tarifentwicklung
- Diskussion staatlicher Interventionen zur Armutsbekämpfung im Sektor
Auszug aus dem Buch
3.2. „Working Poor“ in der Arbeitnehmerüberlassung
Wie bereits dargestellt (siehe Abschnitt 1), ist die Kritik am System der Arbeitnehmerüberlassung im öffentlichen Diskurs sehr intensiv. Neben der Arbeitsplatzunsicherheit und der hohen Fluktuation in der Branche steht vor allem ein Aspekt im Fokus: die Entlohnung.
Aufgrund der Datenlage, lassen sich aus dem aktuellen Bericht der Bundesagentur für Arbeit (2018) zur Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland nur die Bruttoarbeitsentgelte von Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmern mit denen aller Beschäftigten vergleichen. Demnach beträgt das Medianeinkommen aller Beschäftigten in Deutschland 3.209€. Das Medianeinkommen von Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassung beträgt hingegen nur 1.868€; dies entspricht in etwa 58,21% und liegt somit klar unter der Armutsrisikoquote des Europäischen Rates.
Im Bericht der Bundesagentur für Arbeit (2018, 4), wird versucht diesen Unterschied wie folgt zu erklären: „Die Bruttoarbeitsentgelte in der Zeitarbeit liegen deutlich unter den im Durchschnitt über alle Branchen erzielten Entgelten. Strukturelle Unterschiede zu allen Beschäftigten dürften hierbei eine Rolle spielen“. Es wird also die Annahme getroffen, dass sich die Beschäftigungsstruktur grundlegend von der, der Personen in Normalbeschäftigungsverhältnissen unterscheidet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Forschungsstand: Die Einleitung stellt das Thema Zeitarbeit in den Kontext der Agenda-Reformen und begründet die Relevanz der Arbeit aufgrund des zunehmenden gesellschaftlichen Diskurses.
2. System der Arbeitnehmerüberlassung: Dieses Kapitel erläutert die rechtlichen Grundlagen des AÜG und die volkswirtschaftliche Funktion der Zeitarbeit als Instrument zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.
3. „Working Poor“: Hier werden Definitionen von Erwerbsarmut diskutiert und auf die spezifische Entlohnungssituation in der Arbeitnehmerüberlassung angewendet.
4. Strukturelle Ungleichheit: Das Kapitel analysiert, welche Personengruppen überrepräsentiert sind und wie die Zeitarbeit soziale Disparitäten verstärken kann.
5. Historie: Ein Rückblick auf die Gesetzesänderungen seit 1972 und die Rolle des iGZ-DGB Tarifwerks bei der Lohnbildung in der Branche.
6. (Sozial-)Staatliche Bemühungen zum Abbau von Armut: Darstellung politischer Gegenmaßnahmen, wie der Rückbau der Deregulierung und die Vergabe von Wirtschaftsförderung nach sozialen Kriterien.
7. Fazit: Zusammenfassung der Kernergebnisse, wonach Zeitarbeit ein erhöhtes Armutsrisiko darstellt und die Brückenfunktion kritisch zu hinterfragen ist.
Schlüsselwörter
Arbeitnehmerüberlassung, Zeitarbeit, Working Poor, Erwerbsarmut, Armutsrisikoquote, Arbeitsmarktreformen, Prekarität, Tarifwerk, Beschäftigungsstruktur, Soziale Ungleichheit, AÜG, Lohngleichheit, Personalvermittlung, Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob Beschäftigte in der Zeit- und Leiharbeit ein signifikant höheres Risiko haben, als "Working Poor" zu gelten, und ob die Branche tatsächlich als Brücke in reguläre Arbeitsverhältnisse dient.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Einkommensstruktur in der Zeitarbeit, die soziologische Zusammensetzung der Beschäftigten, die historische Entwicklung der Gesetzgebung sowie staatliche Interventionsmöglichkeiten.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine analytische Arbeit, die auf vorhandenen Datenberichten der Bundesagentur für Arbeit, dem SOEP sowie Fachliteratur und Forschungsberichten renommierter Institute basiert.
Welche Rolle spielt das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz?
Das AÜG bildet den rechtlichen Rahmen und dessen Novellierung im Zuge der Agenda-Reformen wird als maßgeblicher Grund für die Expansion der Branche und die Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen identifiziert.
Warum wird die Zeitarbeit als "Risikofaktor" bezeichnet?
Aufgrund von unterdurchschnittlicher Entlohnung und häufiger Erwerbsunterbrechungen ist für Betroffene das Risiko, unter die Armutsschwelle zu rutschen, statistisch deutlich höher als in Normalarbeitsverhältnissen.
Was besagt die Hypothese zum "Klebeeffekt"?
Die Arbeit widerlegt die Annahme, dass Zeitarbeit primär als "Brücke" in feste Beschäftigung dient; stattdessen führt sie häufig zu weiteren Ketten von Zeitarbeitsverhältnissen oder Arbeitslosigkeit.
Was sind die häufigsten Risikogruppen in der Zeitarbeit?
Besonders häufig sind männliche, junge Arbeitnehmer, Personen ohne Berufsabschluss sowie Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in dieser Beschäftigungsform anzutreffen.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Gewerkschaften?
Die Verhandlungsposition der Gewerkschaften wird durch eine geringe Organisationsrate der Leiharbeiter und die Konkurrenz durch "Dumping-Tarifverträge" (wie ehemals der CGZP) als historisch schwierig und limitiert dargestellt.
- Arbeit zitieren
- Marius Rosenthal (Autor:in), 2019, Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland. Sozialstruktur, Historie und Zukunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462064