Die englische Deutschlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ära Adenauer - Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
51 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Britische Deutschlandpolitik nach 1918
2.1 Pariser Friedenskonferenz 1919
2.2 Scheitern und Erfolg britischer Konferenzdiplomatie 1920-1925
2.3 Großbritannien und Hitler – Höhepunkt des Appeasements 1933-1938
2.4 Großbritannien und Deutschland 1919 – 1938

3 Großbritanniens Deutschlandpolitik in der Ära Adenauer
3.1 Von der Besatzungsherrschaft zur Gründung der BRD
3.2 Westintegration und Wiederbewaffnung 1949-1954
3.3 Entspannungspolitik und neue Krisen 1955-1963
3.4 Großbritannien und Deutschland in der Ära Adenauer

4 Fazit

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Zweimal ging im 20. Jahrhundert ein weltumspannender Konflikt von deutschem Boden aus. Zweimal standen sich Großbritannien und Deutschland in diesem Krieg als Gegner gegenüber. Und zweimal fand sich das Vereinigte Königreich nach dem Ende des Krieges auf Seiten der Siegermächte wieder, sodass es sich mit der Aufgabe konfrontiert sah, das besiegte Deutschland zum einen für seine Kriegsschuld angemessen zu bestrafen, es zum anderen aber auch wieder in die europäische Staatengemeinschaft zu integrieren, wobei letzteres so zu gestalten war, dass eine effektive Kontrolle über Deutschland gewahrt werden konnte, um eine erneute Aggression auszuschließen. Die Geschichte weiß heute, dass diese Aufgabe einmal – infolge des Ersten Weltkriegs – zum Preis von Millionen von Opfern nicht gelöst werden konnte, während es nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, Deutschland bzw. die Bundesrepublik Deutschland (BRD) als einen verlässlichen Partner in die europäische Staatengemeinschaft zu reintegrieren.

Dies bietet Anlass zu einem Vergleich der britischen Zielsetzungen hinsichtlich einer Reintegration und Kontrolle Deutschlands infolge der beiden Weltkriege. Die leitende Frage dieser Arbeit lautet daher: Wie versuchte Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg und infolge des Zweiten Weltkriegs, das besiegte Deutschland wieder in das europäische Staatensystem zu integrieren und wie gedachte es, die Kontrolle über die Besiegten zu waren, so dass eine erneute deutsche Aggression ausgeschlossen werden konnte?

Um diese Frage zu beantworten betrachtet das zweite Kapitel die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei konzentriert sie sich zunächst auf die Pariser Friedensverhandlungen von 1919 und die Bestimmungen des Versailler Vertrages, weil hierdurch wichtige Weichenstellungen für die politische Konstellation der 20er Jahre vorgenommen wurden. Dann erfolgt ein Blick auf die Zeit von 1920-1925, da diese in der Literatur als Phase der Unsicherheit gilt. Abschließend geht das zweite Kapitel auf die Politik Englands gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland ein.

Das dritte Kapitel beginnt mit einem Überblick über die Zeit der Besatzungsherrschaft 1945-1949, die zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland führte und in der analog zur der Pariser Friedenskonferenz wichtige Voraussetzungen für die Politik der folgenden Jahre geschaffen wurden. Daran anschließend unterteilt sich das dritte Kapitel in eine Betrachtung der Jahre 1949-1954 und einem Blick auf die Phase 1955-1963. Diese Unterteilung korrespondiert mit der in der Literatur vertretenen Auffassung, dass das Jahr 1954/55 eine entscheidende Zäsur in der Außenpolitik Konrad Adenauers darstellt. Es gilt hierbei zu überprüfen, ob für die britische Deutschlandpolitik eine ähnliche Tendenz festzustellen ist.

Den Abschluss der Arbeit bildet das vierte Kapitel, in dem die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst werden.

2 Britische Deutschlandpolitik nach 1918

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes im November 1918 standen die Hauptsiegermächte des Ersten Weltkrieges – Großbritannien, die USA, Frankreich und Italien – auf der im Januar 1919 beginnenden Pariser Friedenskonferenz die Aufgabe, eine europäische Nachkriegsordnung zu schaffen, die den auf den Kontinent erfolgten politischen und sozialen Umwälzungen Rechnung trug, erneute kriegerische Auseinandersetzungen der europäischen Nationen dauerhaft verhinderte und eine solide Basis für die wirtschaftliche Erholung Europas bot. Die Weichenstellungen hierzu sollten auf der im folgenden betrachteten Pariser Friedenskonferenz erfolgen, die im Januar 1919 begann.

2.1 Pariser Friedenskonferenz 1919

Die Vorstellungen über die europäische Nachkriegsordnung waren von den unterschiedlichen Interessen der Siegermächte gekennzeichnet. Im Hinblick auf die zukünftige Behandlung Deutschlands vertraten vor allem Frankreich und Großbritannien völlig entgegengesetzte Positionen, die zum einen ihren Schatten auf den Friedensvertrag mit Deutschland warfen und zum anderen, wie zu zeigen sein wird, die Konsolidierung Europas bis Mitte der 20er Jahre verhindern sollten.

Frankreich war durch den Sieg der Alliierten auf dem Kontinent zu einer bestimmenden Großmacht geworden, hatte aber von den Alliierten neben Belgien die schwersten Lasten des Krieges davongetragen und sah sich nun mit einer katastrophalen wirtschaftlichen Lage konfrontiert. Zudem bestand bei den Franzosen die Sorge, dass der „Stolz des Sieges“ sehr schnell wieder verblassen und sich das Land im Schatten eines – zum Beispiel hinsichtlich Bevölkerungsanzahl und Industrialisierungsdichte[1] – strukturell ohnehin stärkeren Deutschlands wiederfinden wird.[2] Daher wurden die französischen Nachkriegsvorstellungen von dem Bedürfnis bestimmt, umfassende Sicherheit vor einer erneuten deutschen Aggression zu erhalten, was bedeutete, das Deutschland dauerhaft geschwächt werden musste. Daher gedachte Frankreich das Deutschland naturgemäß gegebene Machtpotential zu zerstören, indem die deutsche Reichseinheit aufgelöst und das Land in seine Einzelteile zerlegt wird.[3]

Geleitet von diesem Motiv widersprach die französische Haltung den Interessen Großbritanniens, das sich für eine moderate Behandlung Deutschlands aussprach. England fühlte sich dem von Woodrow Wilson[4] propagierten Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker und dessen Kerngedanken – territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit sowohl für die kleinen als auch die großen Staaten – verpflichtet, so dass eine Zerstückelung Deutschlands für die Briten nicht in Frage km.[5] Ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker hätte nach Ansicht des britischen Premiers Lloyd George ein Gefühl der Ungerechtigkeit bei den Besiegten aufkommen lassen, was er für die Zukunft als größte Gefahr für den Frieden ansah. So äußerte er sich in einer Beratung mit dem französischen Ministerpräsidenten Clemenceau, Wilson und dem italienischen Regierungschef Orlando am 27. März 1919 in Versailles wie folgt: „Wir müssen es vermeiden, unseren Feinden auch nur den Anschein der Ungerechtigkeit zu geben. Ich fürchte für die Zukunft nicht die Kriege, die durch geheime Verschwörungen der Regierungen vorbereitet werden, sondern vielmehr die Konflikte, die aus der Unzufriedenheit der breiten Masse erwachsen. Wenn wir uns selbst der Ungerechtigkeit schuldig machen, dann ist diese Unzufriedenheit unvermeidbar – mit allen Folgen, die sie nach sich zieht. Daher unser Wunsch, mit Mäßigung und Billigung zu verhandeln.“[6] Somit lässt sich festhalten, dass Großbritannien die Re-Integration der Deutschen in die Staatengemeinschaft dadurch gewährleisten wollte, dass ihnen das Selbstbestimmungsrecht nicht verwehrt wird.

Gemäß diesem Ziel sprach sich London gegen zu weitgehende territoriale Forderungen an Deutschland aus, da diese ja das Selbstbestimmungsrecht verletzt hätten, da hierdurch eine große Anzahl von Deutschen unter die Herrschaft fremder Völker geraten wären. Dementsprechend wehrte sich Lloyd George entschieden gegen die französischen Pläne von der Verlegung der deutschen Westgrenze an den Rhein und die Bildung von autonomen, aber in den französischen Zollverbund integrierten, Rheinstaaten in den dadurch freigesetzten Gebieten und lehnte ebenso die Ambitionen Frankreichs von der Schaffung eines starken Polens, das große Teile Preußens umfassen sollte, sowie die französische Forderung nach der einer Annexion des Saarlandes ab. Lediglich die Rückführung Elsaß-Lothringens in französisches Territorium wurde von den Briten befürwortet.[7]

Neben ethisch-moralischen Ansprüchen wurden die britischen Nachkriegsvorstellungen aber auch von wirtschaftlichen Überlegungen bestimmt. So sprach sich Großbritannien, das bis 1914 das Zentrum der Weltwirtschaft gewesen war und dessen Wirtschaft kriegsbedingt ebenfalls einen desolaten Zustand aufwies, für eine rasche Wiederaufnahme des Wirtschaftsverkehrs mit Deutschland aus, das bis 1914 zu seinen wichtigsten Handelspartnern gehört hatte. Zudem war es auf die Sicherung deutscher Reparationsleistungen aus, um zum einen den Wiederaufbau der eigenen Wirtschaft zu finanzieren und zum anderen die Kriegsschulden bei den USA tilgen zu können.[8] Auch aus diesem Grund musste die deutsche Reichseinheit erhalten werden, denn um Reparationen leisten zu können, musste es sein wirtschaftliches Potential behalten und durfte nicht – wie von Frankreich mit der Abtrennung des Rheinlandes gefordert – seinem wirtschaftlichen Herz beraubt werden.

Die britischen Vorstellungen fanden schließlich weitgehend Eingang in den Versailler Vertrag, denn gemäß dessen wichtigsten Bestimmungen hatte Deutschland neben Elsaß-Lothringen „nur“ Posen, Oberschlesien sowie den Hauptteil Westpreußens an Polen und Eupen-Malmedy an Belgien abzutreten. Zudem sollte Danzig als „Freie Stadt“ dem Völkerbund und das Memelgebiet – heute zu Litauen gehörig – der Entente zur Verwaltung unterstellt werden. Das Saargebiet sollte, für 15 Jahre und mit einem Ausbeutungsrecht der dortigen Kohlengruben durch Frankreich, ebenfalls dem Völkerbund unterstellt werden und danach per Referendum über seine Landeszugehörigkeit entscheiden. Für das Rheinland war eine dauerhafte Entmilitarisierung und eine Besetzung der linksrheinischen Gebiete – ebenfalls für 15 Jahre – durch die Alliierten vorgesehen. Zudem hatte Deutschland sämtliche Kolonien abzutreten.[9] Somit musste Frankreich von seinen ursprünglichen Forderungen weite Abstriche machen, wobei Großbritannien und die USA den französischen Verzicht auf weitreichende territoriale Zugewinne mit der Garantie einer sofortigen Intervention bei einer, von Frankreich unprovozierten, deutschen Aggression „erkauften“.[10] Das französische Ziel, die Zerstörung des deutschen Machtpotentials konnte aber nicht erreicht werden, denn Deutschland blieb nach den Vertragsbestimmungen in seinem Kern erhalten und stellte damit nach wie vor die potentiell stärkste Macht Europas dar.[11]

Frankreichs Ambitionen von einem „harten“ Frieden fanden allerdings über die Reparationen Eingang in den Friedensvertrag, denn obwohl eine endgültige Festsetzung der Reparationssumme ausblieb, wurde festgelegt, dass Deutschland neun Zehntel seiner Handelsflotte sowie ein Zehntel seines Rinderbestandes abzutreten hatte und sich zudem verpflichten musste, jährlich rund 40 Mio. Tonnen Kohle an Frankreich, Belgien, Luxemburg und Italien auszuliefern.[12] Wie hart und unrealisierbar diese Bestimmungen waren, wird durch einen Blick auf die Konsequenzen der den Deutschen auferlegten territorialen Forderungen deutlich, denn hiernach verlor Deutschland 75% seiner Eisenerz- sowie 26% seiner Steinkohleförderung und musste zudem auf 68% seiner Zinkerz- sowie 44% der Roheisen- und 38% seiner Stahlproduktion verzichten.[13] Wie also sollte die deutsche Wirtschaft den Reparationsforderungen nachkommen und zudem die Ernäherung der eigenen Bevölkerung sicherstellen, wenn es kaum Industrieprodukte sowie Rohstoffe fertigen bzw. fördern konnte und darüber hinaus keine Flotte besaß, um Exporte oder Importe tätigen zu können?

Insgesamt konnte daher auch das Ziel Lloyd George, den Besiegten einen gerechten Frieden aufzuerlegen, nicht erreicht werden, denn die Reaktion der Deutschen – Entrüstung und Empörung – machten deutlich, dass diese keineswegs das Gefühl hatten, einen gerechten Friedensvertrag auferlegt zu bekommen. Verstärkt wurde dieses durch die militärischen Bestimmungen, denn der Vertrag sah eine Beschränkung der Stärke des Heeres und der Marine auf 100.000 bzw. 15.000 Mann vor und verbot den Besitz von Luftstreitkräften, U-Booten sowie sonstigen schweren Waffen, was die Deutschen in ihren Augen wehrlos machte.[14] Verboten wurde darüber hinaus auch der Zusammenschluss Deutschlands mit Österreich, was letztlich doch eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechts darstellte, denn die Österreicher hatten sich in einer Volksabstimmung klar für einen solchen Zusammenschluss ausgesprochen.[15]

Deutschland lehnte den Vertrag mit Verweis auf seine Ungerechtigkeiten ab, musste ihn aber dennoch unterzeichnen, da andernfalls die militärische Intervention der Siegermächte drohte. Da die Unterzeichnung aber nicht mit einer Akzeptanz gleichgesetzt werden konnte, war das Ziel der künftigen deutschen Außenpolitik von Anfang an klar: Revision des Versailler Vertrages. Dieses wusste auch Großbritannien und sollte auch dessen Politik in den 20er Jahren beeinflussen. Hierauf wird im folgenden eingegangen.

2.2 Scheitern und Erfolg britischer Konferenzdiplomatie 1920-1925

Großbritannien war nach dem Abschluss der Friedensverhandlungen vornehmlich auf die Verfolgung seiner vor allem wirtschaftlichen Interessen bedacht und deshalb „in erster Linie an der Erholung des Welthandels und folglich an der wirtschaftlichen Gesundung des europäischen Kontinents – einschließlich des bedeutendsten Handelspartners Deutschland – interessiert.“[16] Dabei vertrat England die Ansicht, dass die wirtschaftliche Regeneration Europas vor allem von dessen politischer Stabilisierung abhing und „daß die politische Stabilisierung wiederum nicht ohne die Aussöhnung Deutschlands mit der europäischen Nachkriegsordnung[, dem Status quo,] zu erreichen sei.“[17]

Die Versöhnung Deutschlands mit dem Status quo war nach den Vorstellungen der Briten nur dann zu realisieren, „wenn die Sieger bereit waren, die Fesseln von Versailles bald zu lösen und Deutschland seine wirtschaftliche wie seine politische Bewegungsfreiheit zurückzugeben.“[18] Dementsprechend bemühte sich Großbritannien ab 1920 um eine Offenheit für die deutschen Vorstellungen und um Kompromisse mit Deutschland, soweit dieses sich verständigungsbereit zeigte und den britischen Interessen nicht zuwider handelte.[19] Damit lässt sich festhalten, dass Großbritannien – obwohl es sich grundsätzlich der Pariser Friedensordnung verpflichtet fühlte und jegliche Infragestellung entschieden ablehnte[20] – den Versailler Vertrag nicht als endgültige Regelung auffasste, sondern zu dessen Weiterentwicklung bereit war und dass diese Weiterentwicklung, wenn es dem britischen Ziel der harmonischen Wiedereingliederung Deutschlands dienlich war, auch durch einzelne Vertragsrevisionen vollzogen werden konnte.

Das britische Konzept stand im völligen Gegensatz zu der Haltung Frankreichs. Dessen Politik wurde, nachdem die USA den Versailler Vertrag nicht ratifizierten und dementsprechend auch die in Paris gegebene britisch-amerikanische Sicherheitsgarantie obsolet wurde, wieder maßgeblich von dem Bedürfnis nach Sicherung vor einer erneuten deutschen Aggression bestimmt. Zudem waren die Franzosen darauf erpicht, ihre durch den Krieg gewonnene wirtschaftliche und politische Hegemonieposition in Europa weiter auszubauen, so dass es für sie von entscheidender Bedeutung war, dass die Druckmittel des Versailler Vertrages in Takt blieben und es nicht schon unmittelbar nach seinem Inkrafttreten zu Gesprächen über mögliche Revisionen und Zugeständnisse kam.[21] Sein Hauptaugenmerk konzentrierte Frankreich dabei auf die noch offenstehende Summe der deutschen Reparationszahlungen, die nach den Versailler Bestimmungen in beliebiger Höhe festgesetzt werden konnte und daher, wenn sie die reale Leistungsfähigkeit Deutschlands überstieg, eine Möglichkeit zur nachträglichen Erreichung des in Versailles verpassten französischen Ziels der Dauerschwächung Deutschlands darstellte.[22] Folglich wurde die Reparationsfrage zum bestimmenden Moment der französischen Nachkriegspolitik und zu einem Brennpunkt, der die europäische Stabilisierung zunächst verhinderte.[23]

Großbritannien lehnte die französischen Forderungen nach expansiven Reparationen ab, da Deutschland seiner Ansicht nach zahlungsunfähig war und erst einmal wieder wirtschaftlich Fuß fassen musste, um Reparationszahlungen erbringen zu können.[24] Für einen entsprechenden Zahlungsaufschub fehlte aber die Zeit, da Großbritannien – mit den Problemen des Wiederaufbaus der eigenen Wirtschaft sowie der amerikanischen Forderung nach Begleichung der Kriegsschulden im Rücken – ebenfalls dringend auf deutsche Reparationszahlungen angewiesen war.[25] Zusätzlich getrieben von der Sorge, dass die französische Politik der Erhaltung und des Ausbaus der eigenen Machtstellung auf Kosten eines dauerhaft geschwächten Deutschlands eine Revanchestimmung hervorrufen würde, die die in Deutschland seit Versailles ohnehin vorhandene Ablehnung gegen den Status quo noch verstärkt und damit das britische Ziel der wirtschaftlichen Erholung des Kontinents unmöglich gemacht hätte, drängten die Briten darauf, die Frage der Reparationen möglichst schnell und praktikabel zu regeln. Hierbei strebten sie eine Verhandlungslösung durch eine spezielle Reparationskonferenz an, die neue Unzufriedenheiten vermeiden und Spannungen dämpfen sollte.[26]

Dieses britische Konzept der Konferenzdiplomatie war allerdings vorerst zum Scheitern verurteilt, da England in das Spannungsfeld von französischem Reparationsexpansionismus und deutscher Reparationsunwilligkeit geriet. So lehnte zunächst Frankreich den von England Ende 1920 gemachten Vorschlag zur Festsetzung der Reparationssumme auf 85 Millionen Goldmark als völlig ungenügend ab und plädierte stattdessen für einen Betrag von 269 Millionen Goldmark, und Deutschland unterbreitete, nachdem sich die Entente auf einen Richtwert von 226 Millionen Goldmark geeinigt hatte, auf der Londoner Konferenz im März 1921 ein Reparationsangebot, dass den alliierten den Richtbetrag weit unterschritt.[27]

Für Frankreich war dies der Anlass zum Ergreifen von Sanktionen, so dass, nachdem auch Lloyd George auf die französische Linie einlenkte, alliierte Truppen das Gebiet um Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort besetzten und Frankreich mit der Einführung eines alliierten Zollregimes im gesamten Rheinland begann. Damit war Frankreich seinen verpassten Versailler Zielen näher gekommen, denn das Zollregime war eine erste Voraussetzung zur Schaffung eines autonomen, aber in den französischen Zollverbund integrierten Rheinlandes.[28]

Infolge der Londoner Konferenz konnte eine kurze Phase der Entspannung eingeleitet werden, da es durch die Androhung weiterer Sanktionen gelang, Deutschland zur Annahme eines von der alliierten Reparationskommission vorgelegten Planes zu bringen, der die deutsche Gesamtschuld auf eine Höhe von 132 Milliarden Goldmark festsetzte. Die versöhnliche Haltung Deutschlands wurde noch deutlicher, nachdem es von Kanzler Wirth und Außenminister Rathenau im Rahmen der „Erfüllungspolitik“ die am 31. August 1921 fällige erste Reparationsmilliarde tatsächlich aufbrachte. Hierdurch wurde Frankreich zu einer Abkehr von seiner unnachgiebigen Haltung gezwungen, denn da bereits dessen harte Politik gegenüber einem zahlungsunwilligen Deutschland auf die Kritik der kleinen Staaten Mittel- und Osteuropas, die wirtschaftlich von Deutschland abhängig waren, gestoßen so konnte sie, auch gegenüber einem zur Versöhnung bereiten Deutschland fortgesetzt, zu einer bedenklichen Isolation der Franzosen führen.[29]

Nachdem der gemäßigte französische Regierungschef Briand den europäischen Wandel erkannt hatte und sich Deutschland und Frankreich ein wenig annäherten, brachte auch London wieder verstärktes Interesse für die französischen Belange auf und erklärte sich zur Aufnahme von Gesprächen über einen britisch-französischen Sicherheitspakt bereit. Eine Einigung konnte hierbei aber nicht erzielt werden, da Frankreich neben einer Garantie für seine Ostgrenze auch eine britische Verpflichtung für die deutsche Ostgrenze forderte, die Lloyd George aufgrund des geringen britischen Interesses an Ost- und Mitteleuropa nicht zu geben bereit war, zumal die Übernahme einer solchen Verpflichtung die Abstützung des von England kritisierten französischen Bündnissystems bedeutet hätte. Zudem hielt Großbritannien im Rahmen seiner grundsätzlich beschwichtigungsorientierten Haltung gegenüber Deutschland auch spätere Korrekturen der deutschen Ostgrenze für möglich, so dass sich die Übernahme einer Garantie für Polen ohnehin ausschloss.[30] Insgesamt hatte sich aber gezeigt, dass Großbritannien zunehmend Verständnis für die französischen Sicherheitsbelange aufbrachte, so dass Briand seine Bereitschaft zeigte, „Frankreich aus der sich offenbar anbahnenden europäischen Entspannung nicht auszuschließen.“[31]

[...]


[1] Vgl. C. Jahr, Der lange Weg nach München. Britische Außenpolitik unter dem Eindruck von Versailles, in: G. Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919: Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001, S. 114.

[2] Vgl. P. Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1985, S. 46f.

[3] Vgl. J.-J. Becker, Frankreich und der gescheiterte Versuch, das Deutsche Reich zu zerstören, in : G. Krumeich (Hrsg.), Versailles 1919: Ziele – Wirkung – Wahrnehmung, Essen 2001, S. 66.

[4] Wilson propagierte das Selbstbestimmungsrecht im Rahmen seiner 14 Punkte für eine weltweite Friedensordnung, die er in einer Botschaft an den amerikanischen Kongress am 8. Januar 1918 vorstellte; Vgl. W. Lautermann/M. Schlenke (Hrsg.), Geschichte in Quellen. Bd. 5: Weltkriege und Revolutionen 1914 – 1945, 2 Aufl., München 1970, Dok. 114, S. 104-106.

[5] Vgl. Ebenda, S. 68.

[6] D. Lloyd George zit. nach W. Lautermann/M. Schlenke (Hrsg.), Geschichte in Quellen. Bd. 5: Weltkriege und Revolutionen 1914 – 1945, Dok. 141, S. 119f.

[7] Vgl. C. L. Mowat, Britain between the Wars 1918 – 1940, London 1972, S. 50.; Vgl. Becker, Frankreich und der gescheiterte Versuch, das Deutsche Reich zu zerstören, S. 68.

[8] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 88; Vgl. Mommsen, Der Erste Weltkrieg, S. 19.

[9] Vgl. Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, Bonn 2002, S. 398f.

[10] Vgl. Becker, Frankreich und der gescheiterte Versuch, das Deutsche Reich zu zerstören, S. 68.

[11] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 58.

[12] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 58.

[13] Vgl. G. Niedhart, Die Aussenpolitik der Weimarer Republik, München 1999, S. 8.

[14] Vgl. Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933, S. 398f.

[15] Ebenda.

[16] Graml, Europas Weg in den Krieg, S. 26.

[17] Ebenda.

[18] Ebenda.

[19] Vgl. Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 97.

[20] Ebenda, S. 100f.

[21] Ebenda, S. 97f.

[22] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 95ff.

[23] Vgl. Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 46f.

[24] Ebenda, S. 116.

[25] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 102f.

[26] Ebenda, S. 95; Vgl. Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 119.

[27] Vgl. Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, S. 120.

[28] Ebenda, S. 124.

[29] Vgl. Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 115f.

[30] Ebenda, S. 117f.; Vgl. Graml, Europas Weg in den Krieg, S. 26.

[31] Graml, Europa zwischen den Kriegen, S. 118.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die englische Deutschlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ära Adenauer - Ein Vergleich
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Die Außenpolitik der Bundesrepublik in der Ära Adenauer
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
51
Katalognummer
V46210
ISBN (eBook)
9783638434478
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit vergelicht die englische Politik gegenüber dem besiegten Deutschland infolge des 1. Weltkrieges und nach dem 2. Weltkrieg. Sie versucht dabei eine Antwort auf die Frage zu geben, wie Großbritannien versuchte, Deutschland so unter Kontrolle zu bringen, dass eine erneute kriegerische Aggression verhindert werden konnte, und wie es dabei gleichzeitig um eine Re-Integration Deutschlands in die Staatengemeinschaft bemüht war.
Schlagworte
Deutschlandpolitik, Ersten, Weltkrieg, Adenauer, Vergleich, Hauptseminar, Außenpolitik, Bundesrepublik
Arbeit zitieren
Jörg Droste (Autor), 2005, Die englische Deutschlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg und in der Ära Adenauer - Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46210

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