Zu den Determinanten von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Vergleich


Bachelorarbeit, 2016
37 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Das Vorurteil
2.2. Offene und Subtile Vorurteile
2.3. Diskriminierung als Folge
2.4. GMF - Ideologie der Ungleichwertigkeit

3. Antisemitismus
3.1. Definition
3.2. Sekundärer Antisemitismus
3.3. Forschungsstand

4. Islamfeindlichkeit
4.1. Definition
4.2. Forschungsstand

5. Der Vergleich
5.1. Strukturprinzipien des Antisemitismus
5.2. Personifizierung
5.3. Manichäisches Denken
5.4. Konstruktion Kollektiver Identität
5.5. Zwischenfazit

6. Rechter und linker Antisemitismus

7. Schlussbetrachtung

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Existenz einer feindlichen Grundhaltung gegenüber Muslimen in Deutschland wird, spätestens seit der „Sarrazin-Debatte“, immer weniger in Frage gestellt. Eine Reihe von Untersuchungen (etwa die des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung) bestätigen die Akzeptanz islamfeindlicher Ressentiments durch breite Bevölkerungsschichten hinweg, nicht nur in Deutschland, sondern in großen Teilen Europas. Das aufsteigen diverser rechtspopulistischer Parteien, sei es in Deutschland die „AfD“ oder in Frankreich die „Front National“, polarisiert die Gesellschaft. Während die Muslime dabei im Rahmen der Migrations- und Flüchtlingsdebatten ins Rampenlicht gerückt werden, steigen ebenso immer mehr antisemitische Ressentiments an die Oberfläche. Studien belegen auch hier das ein (latenter) Antisemitismus in der Gesellschaft vorhanden ist. Aus der Perspektive der Vorurteilsforschung ist das Phänomen der Islamfeindlichkeit nicht nur deshalb interessant. Einige Forscher wie Wolfgang Benz gehen davon aus, dass mit Vorurteilen argumentiert wird, die aus der Antisemitismusforschung bekannt sind. Kritische Stimmen behaupten hingegen ein Vergleich dieser Phänomene sei eine Verharmlosung der deutschen Geschichte, bezogen auf den Holocaust an den Juden. Demnach besteht durchaus Anlass für eine Auseinandersetzung mit diesem Problemfeld. Ausgehend von diesem Kontext sollen beide Phänomene in Hinblick auf „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ untersucht werden. Dabei möchte ich mich auf die Determinanten der Islamfeindlichkeit und von Antisemitismus fokussieren. Hierzu soll im theoretischen Teil dieser Arbeit zunächst ein Grundverständnis von „Vorurteilen“ geschaffen werden, die verschiedene Funktionen einnehmen und in der Konsequenz zur Diskriminierung führen können. Dafür möchte ich die klassische Definition von Gordon W. Allport (1954) heranziehen, aus der hervorgeht, dass es sich bei Diskriminierung um einen sozialen Konstruktionsprozess handelt, in dem Gruppen konstruiert und voneinander unterschieden werden. Mit dem Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ werden Vorurteile und die Abgrenzung von Gruppen in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt. Dieser Grundgedanke findet sich ebenfalls bereits bei Gordon Allport wieder. Heitmeyer (2002) ist derjenige der dies aufgreift und einen Schritt weitergeht und von einer „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ als gemeinsamen Kern unterschiedlicher Vorurteile spricht.

Die Konkreten Ergebnisse seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (2002-2012) bezüglich den Elementen Islamfeindlichkeit und Antisemitismus werden beim Forschungsstand thematisiert. Beide Phänomene werden jedoch unabhängig voneinander betrachtet. Das ist zum einen der Übersichtlichkeit, zum anderen der Komplexität beider Themen geschuldet. Besonders der Antisemitismus blickt auf eine lange Tradition in der Vorurteilsforschung zurück, sodass vor allem klassischen Arbeiten wie denen von Bernstein (1926), Freud (1982, zuerst 1939) und Adorno (1955; 1971) Raum gegeben wird. Diese Autoren haben die theoretische Basis bereitet worauf viele weitere Forschungsarbeiten gefolgt sind. Auch bei der Definition greife ich auf verschiedene Autoren zurück (Benz 2004; Rommelspacher 1995) die sich auf verschiedene Dimensionen des Antisemitismus beziehen, insbesondere dem „sekundären Antisemitismus“, der in der Nachkriegszeit als eine Abwehrreaktion zur Vergangenheit entstanden ist.

Im Vergleich dazu ist die Forschung rund um Islamfeindlichkeit eher neu. Die „Runnymede Trust“ aus Großbritannien verhalf mit ihrer Publikation (1997) zur „Islamophobie“ dazu, den Diskurs anzustoßen. Auch wenn international „Islamophobie“ sich als Begriff etabliert hat, gibt es auch Kritik daran und einige Wissenschaftler plädieren eher dazu „Islamfeindlichkeit“ oder „antimuslimischen Rassismus“ zu nutzen um die Benachteiligung der Muslime zu messen. Insofern soll diese Begriffsproblematik aufgegriffen werden, bevor auf den Stand der Forschung eingegangen wird. Dort werde ich die Ergebnisse von repräsentativen Studien und Umfragen zusammenfassen, die eine Abneigung seitens der Mehrheitsgesellschaft gegen die Muslime Deutschland- und Europaweit festgestellt haben. Besonders Aussagekräftig sind auch hier die bereits genannten „Deutsche Zustände“ Studien, weil sie die Entwicklung des Meinungsbildes über Zehn Jahre verfolgten. Eine Abnahme von islamfeindlichen Einstellungen wurde allerdings nicht beobachtet. Über alle Gesellschaftsschichten hinweg bleiben islamfeindliche Ansichten konstant hoch. Die vergleichende Betrachtung erfolgt im Anschluss und erfolgt an den Kriterien von Thomas Haury, der drei Strukturprinzipien des Antisemitismus formuliert hat. Die „Personifizierung“, das „Manichäische Denken“ und die „Konstruktion kollektiver Identität“. Dadurch wird ein Vergleich erst ermöglicht. Die Ergebnisse aus der Forschung liefern Einstellungsmuster der Islamfeindlichkeit, die man an diesen Strukturprinzipien messen kann.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Das Vorurteil

In der Vorurteilsforschung werden Vorurteile als generalisierte und konsistent negative Einstellungen gegenüber Gruppen oder Personen, die eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit aufweisen, verstanden (vgl. Bergmann 2001).

Das Vorurteil drückt ferner eine soziale Bindung zu einer in-group (Eigengruppe) aus, und wird gegenüber Mitgliedern einer out-group (Fremdgruppe) artikuliert (vgl. Zick / Küpper / Heitmeyer 2011: 290). Demnach wird eine Person nicht wegen persönlicher Eigenschaften abgewertet, sondern aus dem vermeintlichen Grund, einer Fremdgruppe zugehörig zu sein. Ob sich die Person selbst als Mitglied dieser Gruppe ansieht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist allein die Zuordnung seitens der Person, der die Vorurteile hegt oder äußert (vgl. Zick/ Küpper/ Hövermann 2011: 32). Beispielsweise kann auf diese Weise eine Person als Ausländer betrachtet und fremdenfeindlichen Vorurteilen ausgesetzt sein, unabhängig davon, ob dieser die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder in Deutschland geboren und somit nie selbst eingewandert ist (ebd.).

In der Sozialpsychologie verweist der verwandte Begriff des "inter-group-bias" auf die systematische Tendenz, die Eigengruppe, oder deren Mitglieder vorteilhafter zu beurteilen als eine externe Fremdgruppe, bzw. ebenso deren Mitglieder (vgl. Turner/ Hewstone 2011: 318f)

Aus diesen Erörterungen lässt sich schließen, dass Vorurteile wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und viele weitere daher keine Charaktereigenschaften darstellen, sondern soziale Einstellungen wiederspiegeln, die durch den Kontext ihrer Träger zu verstehen sind. Dadurch erhalten Vorurteile eine kognitive sowie affektive und eventuell auch eine verhaltensbezogene Dimension. Sie sind erlernbar, aber gerade deshalb auch variabel, selbst dann wenn es sich bei fest verankerten Einstellungen als besonders schwierig erweist (vgl. Zick/ Küpper/ Hövermann 2011: 32).

Darüber hinaus existieren auch positive Vorurteile gegenüber Gruppen, die ebenso zu einer Ungleichwertigkeit beisteuern (z.B. Deutsche sind überpünktlich).

Allerdings werden sie im wissenschaftlichen Diskurs eher weniger problematisiert, weil es für die Betreffenden keinen Nachteil bedeutet. Interessant sind jedoch diejenigen Vorurteile die zwar positiv erscheinen, aber eigentlich negative Konsequenzen für die Betreffenden mit sich bringen (ebd.: 34f). Um diese Art von subtilen bzw. versteckten Vorurteilen soll es im nächsten Abschnitt gehen.

2.2 Offene und subtile Vorurteile

In der Vorurteilsforschung werden negative Einstellungen von direkten Verhaltensweisen unterschieden, weil der Zusammenhang zwischen der inneren Haltung und dem nach außen gerichteten Verhalten komplex ist. So müsse nicht jede vorurteilsbehaftete Einstellung automatisch zu einer diskriminierenden Verhaltensweise führen (vgl. Zick/ Küpper/ Heitmeyer 2011: 293). Um dieser Problematik analytisch gerecht zu werden, ermittelten Pettigrew und Mertons (1995: 57) eine dichotome, aber sich nicht gegenseitig ausschließende Subkategorisierung, die die Vorurteile in offene („blatant“) und subtile („subtle“) untergliedert.

Offene (auch traditionelle genannt) Vorurteile zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Regel eine eindeutig negative und generalisierte Einstellung ausdrücken, indem z.B. einer Gruppe negative Eigenschaften zugewiesen werden. Den Adressaten und Adressatinnen dieser Vorurteile wird beispielsweise unterstellt die Arbeitsplätze der Eigengruppe wegzunehmen. Außerdem sind weitere Schuldzuweisungen wie z.B. an Vorurteilen oder Verfolgung selbst schuld zu sein, charakteristisch. Ein weiteres Kennzeichen ist die offene Ablehnung zu privatem Kontakt zu den Mitgliedern der Fremdgruppe. Schließlich wird die Fremdgruppe sehr häufig für politische, ökonomische oder soziale Miseren verantwortlich gemacht und damit als „Sündenbock“ hingestellt (vgl. Zick et al 2011: 35). Insofern assoziieren offene Vorurteile mit stark ausgeprägten negativen Gefühlen und können auf der Verhaltensebene zur direkten Diskriminierung führen (vgl. Peterson 2008: 194).

Im heutigen Europa haben sich über die Jahrzehnte bedeutsame soziale Normen der Toleranz und des Antirassismus verbreitet, die das offene Äußern von Vorurteilen hemmen (vgl. Zick et al 2011: 36). Daraus ergeben sich „moderne Vorurteile“, die die öffentliche Norm unterlaufen und sich insbesondere dann entwickeln, wenn traditionelle Vorurteile geächtet oder gehemmt sind (vgl. Zick 1997). Sie beinhalten eher subtile, versteckte Formen der Abwertungen, die auf den ersten Blick nicht so einfach als Abwertungen erkennbar sind, bzw. über Umwege kommuniziert werden (vgl. Zick et al 2011: 36).

Subtile Vorurteile verzichten vergleichsweise auf starke Emotionen und sind eher als versteckte ideologische Strukturen zu verstehen, die sich durch drei Ebenen kennzeichnen: „die Verteidigung traditioneller Werte, die Übertreibung kultureller Unterschiede und die Verleugnung positiver Emotionen gegenüber der Fremdgruppe“ (Zick/ Küpper/ Heitmeyer 2011: 294). Dabei treten eine Reihe von Argumentationsmustern auf. So werden beispielsweise unterschiedlichen Fremdgruppen dieselben oder ähnlichen negativen Eigenschaften unterstellt: wie Faulheit, Kriminalität oder Ungepflegtheit (vgl. Zick et al: 35). Zudem drücken sich subtile Vorurteile auch in einer Doppelmoral aus. Das liegt vor, wenn das Verhalten von Fremdgruppen kritisiert, das selbe Verhalten bei der Eigengruppe aber ignoriert oder als vernachlässigbar betrachtet wird. Zum Beispiel, wenn den Muslimen vorgeworfen wird, gegen eine Geschlechtergleichstellung zu sein, aber die Befürwortung traditioneller Rollenverteilung in der eigenen Mehrheitsgesellschaft nicht kritisiert wird (ebd.).

Die negative Bewertung bestimmter Gruppen ist zumeist tief im kulturellen Gedächtnis und Wissen verankert und in die individuelle Sozialisation eingeflossen, dass negative Emotionen Bestand haben. So kommt es vor das selbst Personen, die z.B. den Antisemitismus eigentlich verurteilen, dennoch latente Vorbehalte gegenüber Juden und Jüdinnen entwickeln können, weil sie in ihrer Kindheit von antisemitischen Einstellungen ihrer Umgebung geprägt wurden (ebd.: 36). Besonders beim Antisemitismus spielen versteckte Vorurteile eine große Rolle, weil in der heutigen Gesellschaft das offene Aussprechen von Vorurteilen gegenüber Juden verpönt ist bzw. sofort sanktioniert werden. Darauf wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher eingegangen. Zuvor gilt es noch die Folgen von Vorurteilen zu thematisieren. Vorurteilsbehaftete Einstellungen können sich nach außen hin äußern, was direkte Nachteile für eine bestimmte (Fremd) Gruppe zur Folge haben kann.

2.3 Diskriminierung als Folge von Vorurteilen

Vorurteile führen nicht zwangsläufig und unmittelbar zu Diskriminierung, dennoch können sie als Grundlage und Rechtfertigung von Diskriminierung oder sogar Gewalt dienen (Zick et al 2011: 39).

Die klassische und in der Forschung noch immer einflussreiche Definition von Diskriminierung stammt von Gordon W. Allport (1954):

„ D iskriminierung liegt vor, wenn einzelnen oder Gruppen von Menschen die Gleichheit der Behandlung vorenthalten wird, die sie wünschen. Diskriminierung umfasst alles Verhalten, das auf Unterschieden sozialer oder natürlicher Art beruht, die keine Beziehung zu individuellen Fähigkeiten oder Verdiensten haben noch zu dem wirklichen Verhalten der individuellen Person.“

Hier wird insbesondere hervorgehoben, dass es sich bei Diskriminierung um einen sozialen Konstruktionsprozess handelt, in der Gruppen konstruiert und voneinander unterschieden werden. Ferner lässt sich unter Diskriminierung ein negatives, ungerechtfertigtes oder ausgrenzendes Verhalten gegenüber Mitgliedern einer Adressatengruppe verstehen, allein weil sie als Mitglied einer Gruppe ma rkiert werden (vgl. Gaertner/ Dovidio 1986).

Des Weiteren äußert sich Diskriminierung laut Zick et al (2011: 40f) in drei Formen:

An erster Stelle sei die unmittelbar diskriminierende Handlung durch einen Akteur/in genannt. Diese Form äußert sich zum Beispiel, wenn eine Entscheidung etwa bei der Arbeitsplatz- oder Wohnungsvergabe Angehörige der nationalen Eigengruppe bevorzugt und die Angehörigen der Fremdgruppe benachteiligt.

Zweitens können sich in den Strukturen von Institutionen, Organisationen oder Unternehmen Regeln oder Gesetze verbergen, die Gruppen benachteiligen. Solche strukturelle Diskriminierung wird von Menschen gestaltet und von Individuen mitgetragen, beispielsweise durch die Unterstützung von rechtspopulistischen Parteien, die gegen Einwanderer/innen agieren.

Bei der dritten Form handelt es sich um die Schikanierung und Herabwürdigung von Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit oder darum, eine Umgebung zu schaffen, die Personen aufgrund bestimmter Merkmale demütigt, verängstigt oder beleidigt (vgl. Zick et al 2011: 41).

Außerdem existieren eine Reihe von weiteren Ansätzen und Theorien in Bezug auf die Fragestellung, was die Gründe für die Existenz von Diskriminierung seien, die von Benachteiligungswahrnehmungen (relative Deprivation), Persönlichkeitsmerkmalen (Autoritarismus), Identitätsbildungsprozessen durch Abgrenzung (social identity theory) bis hin zu Machtaspekten (u.a. Theorie des realistischen Gruppenkonflikts) reichen (vgl. Petersen/Six 2008: 162).

Je nach dem welchen theoretischen und/oder methodischen Fokus man anlegt, stehen unterschiedliche Merkmale von Diskriminierung im Vordergrund. Letzten Endes wird dadurch unterstrichen, dass es sich bei Diskriminierung um ein mehrdimensionales und komplexes Phänomen handelt, dass sich aus vielen unterschiedlichen Einflussfaktoren zusammensetzt und als eine Konsequenz von Vorurteilen betrachtet werden kann. Insofern lässt sich festhalten, dass Vorurteile zur Diskriminierung und somit zur Benachteiligung und Ausgrenzung bestimmter Gruppen führen.

2.4 GMF - Die Ideologie der Ungleichwertigkeit

Als Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werden abwertende und ausgrenzende Einstellungen gegenüber Menschen aufgrund ihrer zugewiesenen Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bezeichnet (vgl. Heitmeyer 2003: 14)

In der Sozialpsychologie werden Abwertende Einstellungen gegenüber Gruppen bzw. Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit als Vorurteile angegeben (vgl. Allport 1954). Sie äußern und zeigen sich in Hass, stereotyper Wahrnehmung oder diskriminierendem Verhalten (Küpper/Zick 2015: 223). Außerdem kommt es vor, dass Vorurteile, die als überwunden galten oder in Vergessenheit gerieten, reaktiviert werden und erneut in offene Diskriminierung enden. Insbesondere bei erneuten Ausbrüchen von Antisemitismus kann man das beobachten (ebd.: 224).

So ungleich die Abwertung und Ausgrenzung verschiedener Adressatengruppen bei differenzierter Überlegung in ihrer Historie, ihrer Verbreitung und ihren Folgen sein kann, gibt es dennoch eine Gemeinsamkeit: Stets geht es um die Aufrechterhaltung und Herstellung sozialer Hierarchien. Empirisch hat sich herausgestellt, dass die Befürwortung allgemeiner Hierarchien zwischen sozialen Gruppen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit nicht nur zur Abwertung einer spezifischen Gruppe tendiert, sondern in der Regel auch zur Abwertung einer ganzen Reihe von Gruppen führt. In Hinblick darauf gehen z.B. Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit nicht selten ineinander über (vgl. Küpper/Zick 2015: 224). Dies findet sich bereits bei Gordon W. Allport:

„ [ … ] people who reject one out-group will tend to reject other out-groups. If a person is anti-Jewish, he is likely to be anti-Catholic, anti- Negro, anti any out- group.“ (1954, S. 68).

Dieses Zusammenwirken von Vorurteilen führt Heitmeyer (2003) als „Syndrom“ der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit weiter aus, dass durch einen gemeinsamen Kern zusammengehalten wird, der sich als eine„ Ideologie der Ungleichwertigkeit“ beschreiben lässt (ebd.: 18). In den „Deutschen Zuständen“ (2002-2012) werden verschiedene Elemente dieser Ideologie untersucht. Neben der Islamfeindlichkeit und dem Antisemitismus, die für die vorliegende Arbeit von Bedeutung sind, gehören auch beispielsweise Sexismus und Homophobie dazu, die allerdings in der vorliegenden Arbeit nicht näher betrachtet werden.

In den kommenden Kapiteln (3.3; 4.2) werden exemplarische Ergebnisse dieser und anderer Studien, bezüglich dem Antisemitismus und der Islamfeindlichkeit, dargestellt. Daneben gilt es zuvor die Begriffe in den historischen Kontext zu stellen und dabei die Definitionen zu behandeln. Insbesondere beim Thema Islamfeindlichkeit ist man sich innerhalb der deutschen Forschungslandschaft noch nicht gänzlich einig darüber, welcher der folgenden Begriffe am akzeptabelsten ist: Islamophobie, Islamfeindlichkeit, oder antimuslimischer Rassismus. Im Anschluss daran soll der Vergleich erfolgen.

3. Antisemitismus

3.1 Definition

Im folgenden Abschnitt soll der moderne Antisemitismusbegriff behandelt werden. Dabei ist das Ziel die wesentlichen Merkmale herauszuarbeiten, ohne dabei den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts gänzlich zu vernachlässigen, der relevant für die Entwicklung des Begriffs gewesen ist.

Antisemitismus gilt heute generell „als Oberbegriff für alle Formen von Feindschaft gegen Juden“ (Benz 2004: 10), „unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen oder sonstigen Motiven“ (Benz 2001: 129). Der moderne Antisemitismus entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und „beschreibt die Ablehnung und Diskriminierung von Menschen aufgrund dessen, dass sie Juden sind und ihnen damit bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden“ (Heyder/ Iser/ Schmidt 2005: 145).

Es wird davon ausgegangen, dass die Bezeichnung auf den deutschen Journalisten Wilhelm Marr zurückführt, der ihn 1879 als wissenschaftlichen Begriff prägte, um sich damit explizit vom nicht mehr zeitgemäßen "Judenhass", der auf der Grundlage eines religiös motivierten Antijudaismus basierte, der bis in die christliche Antike reicht, abzugrenzen (Lewis 1986). Marr nutzte die andersgeartete Verwendung des Begriffs Antisemitismus, „um die Form einer sich wissenschaftlich verstehenden und säkular begründeten Ablehnung von Juden von der alten, nur emotionalen und religiösen Antipathie abzuheben“ (Bergmann 2004: 6).

Religiöse, vermeintlich biologische und kulturelle Merkmale, aufgrund derer Menschen als Juden und Jüdinnen als Fremdgruppe kategorisiert und abgewertet werden, wurden miteinander verbunden (vgl. Zick et al 2011: 46). Dabei werden maßgeblich bedrohende „Verschwörungen“ und „Ausbeutungen“ thematisiert, wogegen man Widerstand leisten sollte (vgl. Heitmeyer 2002: 17).

Was den Juden vorgeworfen wurde, war also nicht mehr der falsche Glaube, wie in der christlichen Antike, sondern vor allem die "falsche Abstammung" (Rommelspacher 1995b). Als zentrale Motive fungierten zudem die vermeintliche Macht und Verschwörung der Juden (Benz 2004: 104), die angeblich für Juden typischen Gesichtszüge (Benz 2001: 8ff) und das Bild vom Juden als Störenfried, die ihre eigene Verfolgung gewissermaßen selbst provozierten (Benz 2004: 88).

[...]

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Zu den Determinanten von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus
Untertitel
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im Vergleich
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
37
Katalognummer
V462228
ISBN (eBook)
9783668916937
ISBN (Buch)
9783668916944
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antisemitismus, islamfeindlichkeit, rassismus, vorurteilsforschung, vorurteil, abwertung, links, rechts, vergleich
Arbeit zitieren
Yusuf Sari (Autor), 2016, Zu den Determinanten von Islamfeindlichkeit und Antisemitismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462228

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