Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur


Bachelorarbeit, 2015

51 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begrifflichkeiten
2.1 Widerstand als politischer Widerstand .
2.2 Politischer Widerstand und Widerstandsrecht
2.3 Politischer Widerstand in der Literatur

3 Empört Euch! – mehr als nur ein Aufruf zu politischem Widerstand
3.1 Aktualität von politischem Widerstand
3.2 Systematisierung von politischem Widerstand
3.2.1 Ursprung der Empörung und des politischen Widerstandes
3.2.2 Wesen der Empörung und des politischen Widerstandes
3.2.3 Umsetzung der Empörung und des politischen Widerstandes.

4 Politischer Widerstand in Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas
4.1 Politischer und (rechts-)philosophischer Entstehungskontext
4.2 Ursprung des politischen Widerstandes im Kohlhaas
4.2.1 Der konkrete Unrechtsfall: Eine „Gewalttätigkeit“
4.2.2 Zu „den Wilden der Einöde“ verstoßen – Kohlhaas’ Rechtsverständnis
4.3 Wesen des politischen Widerstandes im Kohlhaas
4.3.1 „Leidenschaftliches politisches Wollen“ oder „stockblinde Leidenschaft“?
4.3.2 Die Verantwortung des Einzelnen: „Der Welt in der Pflicht verfallen“
4.3.3 „So zweifle ich nicht“ – die implizite Hoffnung auf Erfolg
4.4 Umsetzung des politischen Widerstandes im Kohlhaas.
4.4.1 Die Versperrung des Rechtsweges: Fiat potestas et pereat iustitia
4.4.2 Gewalttätige Selbsthilfe: Fiat iustitia et pereat mundus

5 Politischer Widerstand in Friedrich Schillers Drama Die Räuber
5.1 Politischer und philosophischer Entstehungskontext .
5.2 Ursprung des politischen Widerstandes in den Räubern
5.2.1 Menschen als „Krokodilbrut“ – Familienintrige und persönliche Enttäuschung
5.2.2 Ordnungsverlust im „schlappen Kastratenjahrhundert“
5.3 Wesen des politischen Widerstandes in den R äubern
5.3.1 Leidenschaft eines „idealistische[n] Schwärmer[s]“
5.3.2 Der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet?
5.3.3 Treibende Verzweiflung statt treibender Hoffnung
5.4 Umsetzung des politischen Widerstandes in den Räubern
5.4.1 Verzweifelte und willkürliche Gewalt
5.4.2 Von der Erkenntnis der Ambivalenz zur Resignation

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“1 – mit dieser idiomatisch anmutenden, beinahe aufbegehrenden Schlussformel endet das 2010 er- schienene Essay mit dem nicht weniger fordernden Titel Empört Euch! 2, das dessen Autor, den Franzosen Stéphane Hessel, innerhalb kürzester Zeit zu einer internationalen Identifikati- onsfigur für all diejenigen avancieren ließ, die sich unzufrieden zeigen mit gegenwärtigen Zuständen in der Welt. Abgesehen davon, dass der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung 93- jährige somit zur Leitfigur hochaktueller Protestbewegungen wie der Occupy-Bewegung wurde, belegt vor allem die hohe weltweite Resonanz, die sein Essay erfuhr, die Dringlichkeit und Aktualität der aufgegriffenen Thematik rund um politischen Widerstand.3 Ob der ehema- lige Résistance-Kämpfer Hessel sich ferner über die indirekte Brücke im Klaren war, die er durch die oben aufgeführte, abschließende Phrase zwischen Widerstand und Literatur schlug, kann nur dahin gestellt bleiben; doch liegt es im Wesen von Literatur, der ausdrücklich erklär- ten Leidenschaft des in Berlin geborenen Autors,4 stets etwas Neues zu schaffen5 – sodass auch sie es auf diese Weise vermag, Widerstand zu leisten.

Diese für die vorliegende Arbeit so zentrale Begriffskombination – politischer Widerstand und Literatur – weckt zumindest im Hinblick auf deutschsprachige Literatur und spätestens seit 1945 vor allem eine konkrete Assoziation: Literatur nach und während des Zweiten Welt- krieges. Denn es ist dieser Zeitraum, in dem der Widerstandsgedanke deutschsprachiger Auto- ren weitläufig und konkret formuliert wurde:

So haben beispielsweise Max Frisch und Siegfried Lenz in programmatischen Reden ihre schrift- stellerische Arbeit in den Kontext eines allgemeinen gesellschaftlichen „Widerstands“ gestellt, ha- ben Autoren wie Peter Weiss, Gerhard Köpf oder Wolfgang Hilbig ihr Schreiben als eine Form von „Widerstand“ verstanden, haben Lyriker wie Günter Eich oder Günter Kunert das Gedicht zum Ort des „Widerstands“ schlechthin erklärt.6

Obwohl Bertram Salzmann damit zu Beginn seines Artikels Literatur als Widerstand. Auf der

Spur eines poetologischen Topos’ der deutschsprachigen Literatur nach 1945 Widerstand als

festes Schema innerhalb der deutschsprachigen Literatur identifiziert, ihm sogar zuspricht „von großer, bislang weithin übersehener Bedeutung“7 zu sein, begrenzt er seine Ausführun- gen auf literarische Arbeiten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dadurch spricht er dem oben aufgeführten Begriffspaar einen zwar unmittelbaren, aber vor allem auch exklusi- ven, zeitlich eingegrenzten Zusammenhang zu.

Wenngleich dieser Bezug offensichtlich und keinesfalls zu vernachlässigen ist, attestiert Klaus Müller-Salget dem Verhältnis von Literatur und Widerstand in seinem Buch Literatur ist Widerstand, welches eine der wenigen Monographien darstellt, die sich dem Begriffspaar explizit widmen, implizit eine weitaus größere Tragweite. Denn seiner Meinung nach wird „niemand, der mit sich, seinem Leben, mit den ihn umgebenden Verhältnissen rundum zufrie- den ist, sich aufs Schreiben verlegen [...].“8 Literatur beinhaltet für ihn somit zu jeder Zeit eine spezifische Art von Widerspruch, von Widerstand gegenüber vorherrschenden Verhält- nissen. Diese Annahme findet sowohl heutzutage Bestätigung – wenn beispielsweise Ferdi- nand von Schirach, Autor des Buches Die Würde ist antastbar, angibt, sein Schreiben gesche- he lediglich aufgrund eines „Unbehagens“9 hinsichtlich der zunehmenden Komplexität der Welt – als auch in ihrer lange zurückreichenden Gültigkeit, wenn Friedrich Schiller bereits vor über zwei Jahrhunderten erklärte, er „schreibe als Weltbürger, der keinem Fürsten dient […].“10 Und auch wenn Heinrich von Kleist davon sprach, dass der Mensch „sich mit seinem ganzen Gewicht in die Waage der Zeit werfen“11 müsse, tat er selbst dies insbesondere in Form seiner vielfältigen Veröffentlichungen. Durch eine solch große Spannweite von Lite- ratur als einer spezifischen Form von Widerstand wird allem voran eines deutlich: diese spe- zielle Beziehung kann und muss auch außerhalb des Zeitraumes um 1945 betrachtet werden. Denn sie ist ebenso aktuell – so im Falle des einleitend erwähnten politischen Essays mit Auf- rufcharakter – wie klassisch – so zum Beispiel in der Figur des wohl bekanntesten Wider- standskämpfers deutscher Literatur und Protagonisten der gleichnamigen Erzählung aus dem Jahre 1810, Michael Kohlhaas, oder im Drama Die Räuber, dessen Widerstandscharakter trotz abschwächender Änderungen im Zuge seiner Erstaufführung 1782 kaum verborgen wer- den konnte.

Die Grundidee dieser Arbeit liegt folglich darin, politischen Widerstand in der deutschspra- chigen Literatur in einem anderen Kontext als dem des Zweiten Weltkrieges zu betrachten. Er soll exemplarisch anhand der oben aufgeführten Werke Heinrich von Kleists und Friedrich Schillers zu einem anderen Zeitpunkt historischer, politischer und gesellschaftlicher Umbrü- che analysiert werden: dem der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution, des damit einhergehenden Aufbegehrens des Bürgertums, als Deutschland in zahlreiche autonome Fürstentümer gespalten war und die Na- poleonischen Kriege den sukzessiven Verfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bedingten. Denn trotz der intensiven Auseinandersetzung mit Kleists Kohlhaas und Schillers Räubern, welche beide diesem Zeitraum entspringen, steht der Aspekt des politi- schen Widerstandes kaum bis gar nicht im Mittelpunkt des sie umgebenden Forschungsdis- kurses – vielmehr sind es Themen wie Gewalt, Recht, Gerechtigkeit, Rache, Freiheit oder Selbstbestimmung, um nur einige zu nennen. Dabei wird überwiegend außer Acht gelassen, dass all diese Thematiken in engem Zusammenhang stehen mit der des politischen Wider- standes; dass beispielsweise die den Werken inhärente Gewalt ein Mittel zu dessen Umset- zung darstellt, die Verletzung einer spezifischen Rechtsauffassung dessen Ursache, das Stre- ben nach Gerechtigkeit einen Beweggrund. Von diesem Standpunkt aus scheint politischer Widerstand gar dazu geeignet, die anderen Aspekte zu subsumieren. Und obgleich es keine Publikation gibt, die sich explizit dem Phänomen des politischen Widerstandes im Werke Kleists oder Schillers widmet, ist es durch die enge Verknüpfung zu anderen Themenfeldern trotzdem indirekter Bestandteil zahlloser Forschungsarbeiten. Die kontinuierliche Präsenz der Thematik innerhalb vieler ihrer Stücke und Erzählungen kann daher kaum bestritten werden. Angesichts dieses gehäuften In-Erscheinung-Tretens bieten sich vielerlei Anknüpfungspunkte, um sich der grundlegenden Frage zu widmen, wie sich politischer Widerstand in der Literatur letztlich manifestiert. Auf welche Weise geschieht und funktioniert politischer Widerstand bei Kleist und Schiller? Was bewegt die von ihnen geschaffenen Figuren dazu, Widerstand zu leisten? Was veranlasst sie, sich trotz verschiedener Gefahren für ihre Ideale einzusetzen? Wie wird der Widerstand umgesetzt? Welcher Mittel bedienen sich die Protagonisten bei des- sen Vollzug zur Verfolgung ihrer Ziele? Die vorliegende Arbeit beinhaltet eine exemplarische Betrachtung hinsichtlich dieser Aspekte. Ausgehend von der These, dass es beim Verständnis von politischem Widerstand und dementsprechend dessen Ausgestaltung in der Literatur be- stimmte gleichbleibende Faktoren gibt, die sowohl heute aktuell sind als auch vor über zwei Jahrhunderten literarisch umgesetzt wurden, wird die zentrale Frage auf zwei Ebenen zu be- antworten gesucht: der ideengeschichtlichen und der narratologischen. Während sich erstere allem voran im konzeptionellen Rahmen der Arbeit wiederspiegelt – bereits die Kombination von Thema und Textauswahl legt einen ideengeschichtlichen Zugang nahe – wird die Umset- zung der Thematik innerhalb der ausgewählten Texte narratologisch anhand konkreter Figu- ren und deren Handeln untersucht. Dabei soll es nicht Ziel der Arbeit sein, die – keineswegs bestreitbare – fortwährende Aktualität von Werken Kleists oder Schillers aufzuzeigen; viel- mehr soll, mithilfe von Stéphane Hessels Essay als zeitgenössischer Komponente, die andau- ernde Präsenz von politischem Widerstand als Interessensgegenstand dargestellt werden, der kontinuierlich literarische Umsetzung fand und findet, und somit durchaus auch außerhalb und weit vor dem Zeitraum des ‚Dritten Reiches‘.

Um dies leisten zu können, gliedert sich die Arbeit wie folgt: Zunächst wird in Kapitel 2 das Verständnis von politischem Widerstand dargestellt, das der anschließenden Argumentation zugrunde gelegt wird. Dabei weist schon der titelgebende Aphorismus Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht 12 darauf hin, dass neben der Definition von politischem Wi- derstand aufgrund einer unmittelbaren Verknüpfung auch eine kurze Erläuterung zum Begriff des Widerstandsrechts nicht ausgeklammert werden kann. Darauffolgend wird in Kapitel 3 an- hand des Essays Empört Euch!, das zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung solch weite Wellen schlug, politischer Widerstand in Form eines durchaus pointierten, aber nicht minder charakte- ristischen Dreischritts kategorisiert, um eine Art ‚Kriterienkatalog‘ herauszuarbeiten. Dieser wiederum wird dann im eigentlichen Hauptteil der Arbeit auf die Erzählung Michael Kohlhaas in Kapitel 4 und auf das Drama Die Räuber in Kapitel 5 angewendet, um die zentrale For- schungsfrage zu beantworten und darüber hinaus zu zeigen, wie sich hochaktuellen Forderun- gen nach Empörung und dementsprechend politischem Widerstand schon vor über 200 Jahren in literarischen Werken umgesetzt finden. Innerhalb dieser zentralen Kapitel wird jeweils im zuvor erarbeiteten Dreischritt argumentiert, der Aufschluss über die verschiedenen Aspekte der Forschungsfrage geben soll und durch Parallelisierung des Fortschreitens der Ereignisse den Vergleich verdeutlicht. Zuletzt folgt die Schlussbetrachtung in Form einer zusammenfassenden Gegenüberstellung der Ergebnisse sowie eines Fazits in Kapitel 6.

2 Begrifflichkeiten

2.1 Widerstand als politischer Widerstand

Bei dem Versuch einer Annäherung an den Terminus des Widerstandes wird schnell eines deutlich: Der Sinngehalt des Begriffs ergibt sich primär aus seinem jeweiligen Bezugsrahmen. Während so auch im Bedeutungswörterbuch des Duden Widerstand zunächst aktivisch als „[d]as Sichwidersetzen, Sichentgegenstellen“ und passivisch als „[e]twas, das jeman- dem/einer Sache entgegenwirkt“ definiert wird, ohne es in einen konkreten Kontext zu setzen, ist das bereits im anschließenden Beispiel der Fall: „Der Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime […]“13, so die Erläuterung zur ersten der beiden aufgeführten Bedeutungen. Dass sich dieser Satz als passendes, assoziativ vielleicht sogar passendstes Beispiel darstellt, ver- deutlicht die enge Verknüpfung von Widerstand und Politik. Er gibt Aufschluss darüber, dass die allgemeine Verwendung von Widerstand in einem politischen Zusammenhang höchst ge- bräuchlich ist und sich das landläufige Verständnis des Begriffs primär in politischen Dimen- sionen bewegt. Weitere Hinweise darauf bietet die Brockhaus Enzyklopädie. Im Gegensatz zu knappen Einträgen in anderen Zusammenhängen wird Widerstand im politischen Sinne der Status eines Schlüsselbegriffs zugeschrieben und seiner Erläuterung eine komplette, hervor- gehobene Sektion von vier Seiten gewidmet. Dabei wird vorab folgendermaßen definiert:

Widerstand, im polit[ischen] Bereich Begriff für die vielfältigen Formen gesellschaftl[icher] Ver- weigerung aus geistiger und moral[ischer] Entscheidung bzw. polit[ischer], demokrat[ischer] oder revolutionärer Grundüberzeugung. Im engeren Sinne das aktive Sichwidersetzen gegen alle Versu- che sozialer und gesellschaftl[icher] Disziplinierung, gegen die Zwänge geschlossener polit[ischer] Systeme, also jedes von den herrschenden politisch-ideolog[ischen] Normen abweichende und persönl[iches] Risiko in Kauf nehmende Verhalten.14

Auch wenn weiter der Hinweis gegeben wird, dass eine abschließende Systematisierung des Begriffs noch ausstehe,15 werden bereits einige konstitutive Merkmale von politischem Wi- derstand genannt, die in ähnlicher Art für die weitere Arbeit von Bedeutung sein werden: grundlegend für seine Entstehung sind bestimmte fundamentale Überzeugungen, es liegt in seiner Natur, sich trotz Inkaufnahme persönlicher Gefahren einer Ungerechtigkeit entgegen- zusetzen, er findet auf verschiedenartige Weisen Umsetzung. Dabei geht es, so die Ausfüh- rungen weiter, grundsätzlich darum, sich gegen „als Verstoß gegen die Menschen- oder Bür- gerwürde gewertete staatliche Maßnahmen“16 zu stellen – eine Grundannahme, die sich be- reits im nur schwerlich übersetzbaren17 Verb des Originaltitels von Empört Euch! wiederfin- den lässt: „S’indigner: seine Würde bewahren gegen alles, was sie unterdrücken will. Nicht einfach Revolte als Selbstzweck.“18 Insgesamt sei unser heutiges Verständnis von Widerstand vor allem durch die Zeit des Nationalsozialismus geprägt,19 was durch zahlreiche Bezüge auf die Résistance ebenso in Hessels Essay deutlich wird und wiederum die enge Verbindung der Thematik zu diesem Zeitraum bestätigt. Nicht zuletzt da der Begriff aufgrund dieses Zusam- menhangs eng mit Mut und Tapferkeit Einzelner assoziiert wird („Bedeutsam wegen des viel- fach gezeigten politischen Mutes, im Unterschied zu Anpassung und Selbstunterwerfung der übergroßen Bevölkerungsmehrheit“20 ) trägt er insgesamt eine eher positive Konnotation.

Im Grimm’schen Wörterbuch mutet die Definition von Widerstand dahingegen negativer an. Beschrieben als „widerwärtigkeit, behinderung, widerstreben, gegenwehr, weigerung, fähig- keit zum widerstande; gegner“21 liegt der Fokus vornehmlich auf dessen (vermeintlich) de- struktiver Komponente. Dies gilt auch für die Stelle an der politischer Widerstand, wenn auch in anderem Zusammenhang, Erwähnung findet: „Hervorgehoben sei schlieszlich auch die juristische wendung widerstand gegen die staatsgewalt: vergehen … des widerstandes gegen die staatsgewalt.“22 Doch worauf gründet sich dieser Widerstand gegen die Staatsgewalt? Ist er tatsächlich eine ‚Widerwärtigkeit‘, ein ‚Vergehen‘? Eine solche Bewertung ist maßgeblich vom Verständnis politischen Widerstandes sowie dessen Legitimationsgrundlage abhängig.

2.2 Politischer Widerstand und Widerstandsrecht

Die Frage nach der Berechtigung von politischem Widerstand bezeichnet dessen Schnittstelle mit dem Widerstandsrecht. Obgleich dieses im Zuge der kontextuellen Einordnung der nach- folgend untersuchten Werke noch zeitspezifisch betrachtet wird, soll bereits an dieser Stelle kurz auf seine Zentralität in Zusammenhang mit politischem Widerstand verwiesen werden. Wie einleitend erwähnt wird diese Zentralität schon im Leitsatz Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht deutlich; denn obschon innerhalb der Geschichte des Wider- standsrechts nur während kurzer Episoden tatsächlich von einer Widerstands pflicht ausgegan- gen wurde,23 stellt der Satz eingängig die beiden konstitutiven Grundprinzipien von Wider- standsrecht dar. Einerseits, dass ein Mensch das Recht respektive die Pflicht zur Gegenwehr besitzt, sobald ihm oder anderen Ungerechtigkeit wiederfährt. Andererseits, und nicht minder wichtig, dass ihm dieses Recht effektiv erst ab dem Moment zusteht, in dem das Unrecht ge- schieht. Seine Legitimität erlangt der Widerstand nämlich durch den vorausgegangenen Rechtsbruch. Dieser muss sich allerdings nicht zwangsläufig in der Sphäre des positiven Rechts bewegen; auch eine staatliche Handlung, die zwar gesetzlich begründet und somit formell legal ist, kann unrechtmäßig und illegitim sein und dadurch politischen Widerstand rechtfertigen. Denn Unrecht wird nicht durch eine Institutionalisierung als Gesetz zu Recht. Diese Argumentation eines Rechts auf Widerstand in einem Raum außerhalb des positiven, von Menschenhand festgeschriebenen Rechts haben die verschiedenen Ausformungen inner- halb der langen Tradition des Widerstandsrechts seit der Antike gemein. Sowohl die christli- chen, als auch die naturrechtlichen und aufklärerischen Widerstandslehren begründen das Widerstandsrecht „aus einem dem staatlichen, positiven Recht übergeordneten, höheren […] Recht“, welches im Einzelnen dann beispielsweise in göttlichem Recht, Naturrecht, oder in Werten wie Volkssouveränität, Menschenrechten und Menschenwürde liegt.24

2.3 Politischer Widerstand in der Literatur

Ein spannendes Spezifikum hinsichtlich politischen Widerstandes speziell in der Literatur liegt darin, dass sich dieser nicht ausschließlich auf der textimmanenten Ebene vollzieht. Vielmehr gibt es drei Dimensionen, in denen sich politischer Widerstand in der Literatur be- wegt: die des Movens des Autors, der inhaltlichen Umsetzung und der Wirkung auf den Rezi- pienten.25 Damit wird im Entwurf eines literarischen Werkes, das politischen Widerstand zum Gegenstand hat, von einem in ähnlicher Art dreigliedrigen Schema ausgegangen: der jeweili- ge Autor empört sich über bestimmte Zustände seiner Zeit, entwirft daraufhin eine Figur und für diese Figur ein Umfeld, in dem er seinen Widerstand exemplarisch durchexerziert und erreicht somit eine bestimmte – vielleicht beabsichtigte, aber dennoch kaum absehbare – Wir- kung beim Rezipienten. Wenngleich nun eine Analyse zu politischem Widerstand in der Lite- ratur primär die inhaltliche Umsetzung des Forschungsgegenstandes betrachten soll, kann sowohl der dem jeweiligen Text vorausgegangene, als auch der nachgeordnete Schritt nicht komplett außer Acht gelassen werden. Denn vor allem dieses ‚Davor und Danach‘, die Inten- tion eines Textes und seine tatsächliche Wirkung, beweisen doch das reale „Widerstandspo- tential“26 von Literatur. Deshalb wird an den entsprechenden Stellen auf die Biografien der Autoren oder den Nachhall ihrer Werke zumindest verwiesen.

Insbesondere geschieht dies auch im folgenden Kapitel im Falle von Stéphane Hessels Essay, dessen Stellenwert innerhalb der Argumentation, auch oder gerade weil es sich um einen nicht-fiktionalen Text handelt, besonders durch die Autorität seines Autors sowie das immen- se globale Echo gerechtfertigt wird.

3 Empört Euch!– mehr als nur ein Aufruf zu politischem Widerstand

Er war ein Ästhet und ein Liebender, ein Widerständler und Zeitzeuge, ein Diplomat und Kunstfreund, ein Denker und ein Weltbürger, ein Weltreisender und ein Erbe, aber er wurde fast über Nacht ein Aufrührer, ein Anstifter, ein Rebell, auf den sich Protestbewegungen in aller Welt beriefen.27

Die Publikation, die den angesehenen französischen Diplomaten in der öffentlichen Wahr- nehmung unvermittelt zum Anstifter globalen Ausmaßes werden ließ, wird im Folgenden als Ausgangs- und Bezugspunkt für das Verständnis von politischem Widerstand herangezogen. Dabei beinhaltet sie auf den ersten Blick vor allem eines: Hessels dezidierten „Aufruf zur Empörung“ (E, 20). Doch wird angesichts der weitreichenden Reaktionen, die das Essay ge- radezu zu einem „planetarischen Ereignis“28 werden ließen, deutlich, dass Empört Euch! weitaus mehr enthält als lediglich die titelgebende Forderung nach politischem Engagement; es erscheint eher wie eine Dokumentation, ein Zeitzeugnis des heutigen Verständnisses von politischem Widerstand. Zudem stellt Hessel verschiedene konstitutive Charakteristika von Empörung dar, die sich in ihrer Gültigkeit einerseits durch seine „historisch legitimierte Per- sönlichkeit“29 bestätigt finden – durch seine Erfahrungen als aktiver Widerständler gegen das Nazi-Regime, der aus dem Konzentrationslager Buchenwald fliehen konnte und nach Ende des Krieges einer der Unterzeichner der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde –, andererseits durch die länderübergreifende positive Resonanz. Selbst kritische Stimmen be- mängeln nicht die Prinzipien, die Hessel in seinem Essay erläutert, sondern neben seiner dezi- dierten Parteinahme im Israel-Palästina-Konflikt hauptsächlich deren Abstraktheit.30 Doch gerade dieses Abstraktionslevel macht das Essay als eine Art ‚Grundlagenwerk‘ für die vor- liegende Untersuchung so brauchbar. Denn obwohl heutzutage andere konkrete Fälle Empö- rung hervorrufen als vor über zweihundert Jahren in Werken Kleists oder Schillers, sind die von Hessel beschriebenen Widerstandsprinzipien aufgrund ihrer Allgemeinheit gut übertrag- bar und eignen sich für einen epochenübergreifenden Vergleich des Verständnisses und folg- lich der Darstellung von politischem Widerstand in der Literatur.

Gegenstand dieses Kapitels sind deswegen die beiden Gründe, die Hessels Essay als Grundla- ge prädestinieren. Während der Zuspruch, der dem Essay zuteilwurde, und damit die Aktuali- tät der Thematik in Kapitel 3.1 nochmals herausgestellt wird, wird in Kapitel 3.2 der ‚Kriteri- enkatalog‘ für politischen Widerstand gewissermaßen ‚frei nach Hessel‘ entwickelt. Dafür werden die nachgezeichneten Prinzipien in Form eines pointierten Dreischritts systematisiert.

3.1 Aktualität von politischem Widerstand

„[…] ich wollte nie bloßer Zeitzeuge sein, ich wollte mich engagieren und habe es auf meine Weise versucht“31, schreibt Hessel im Vorwort zu Manfred Flügges Buch Stéphane Hessel – ein glücklicher Rebell im Dezember 2011. Dass dieser Versuch dem 2013 in Paris Verstorbe- nen mit der Veröffentlichung von Empört Euch! auch in seinem letzten Lebensabschnitt nochmals geglückt ist, ist kaum zu bestreiten. Das Essay wird ab Januar 2011 nach und nach in über 40 Sprachen übersetzt und bis Ende des Jahres alleine in Frankreich mehr als zwei Millionen Mal verkauft.32 Hessel selbst beschreibt diesen weltweiten Erfolg als ein „gesell- schaftliches Phänomen.“33 Mit seinem insbesondere an die Jugend gerichteten Aufruf, auf- merksam durch die Welt zu gehen, die 1948 festgehaltenen Werte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hochzuhalten und Unrecht nicht zu akzeptieren, vermag er es, die Stim- mung einer unzufriedenen, politisch zunehmend verdrossenen und frustrierten Gesellschaft zu treffen. Die kurze Publikation scheint eine beinahe „suggestive Wirkung“34 zu besitzen:

In mehreren Ländern brechen Unruhen aus, Jugendproteste vor allem. Es geht um die Arbeitslosig- keit, die Perspektivlosigkeit, die Vorherrschaft der Finanzwirtschaft, den Vertrauensverlust der tradi- tionellen Politik. Besonders heftig sind die Reaktionen in Spanien, wo das Buch unter dem Titel ¡Idignaos! erscheint und die Demonstranten nach Hessels Buch benannt werden: „Los indignados“. […] Noch verblüffender: Auch in der arabischen Welt brechen 2011 Unruhen aus. Und in der Tat haben viele Akteure des „Arabischen Frühlings“ in Tunesien Hessels Pamphlet gelesen […].35

Auch wenn es überspitzt wäre, Hessel die tatsächliche Verantwortung für das Ausbrechen derartiger Bewegungen zuzuschreiben, wird doch deutlich: seine Arbeit trifft den Zeitgeist, erreicht und inspiriert Millionen, fällt in ein Klima allgemeiner gesellschaftlicher Spannun- gen. Empörung über gesellschaftliche Zustände und in dessen Folge politischer Widerstand sind aktuelle Phänomene des 21. Jahrhunderts, die in Hessels Essay ein Fundament finden.

3.2 Systematisierung von politischem Widerstand

Ungeachtet dessen, dass Hessel nicht ausdrücklich Kriterien für politischen Widerstand auf- stellt, sind diese innerhalb des Essays durchweg präsent. Bei näherer Betrachtung lassen sie sich in drei Kategorien unterteilen: den Ursprung, das Wesen und die Umsetzung der Empö- rung beziehungsweise des politischen Widerstandes. Obwohl diese Kategorisierung nicht den Anspruch hat, erschöpfend zu sein, und auch die Kriterien keinesfalls vollständig sind, ergibt sich ein charakteristisches Gesamtbild konstitutiver Prinzipien, die Empörung und damit auch politischem Widerstand zugrunde liegen. Zudem lässt sich die enge Verbindung dieser beiden Begriffe sowie deren stellenweise synonyme Verwendung mithilfe der Systematisierung er- klären. „Widerstand kommt aus Empörung“ (E, 9) lautet so eine der Überschriften des in sie- ben Abschnitte eingeteilten Essays. Aus Empörung über inakzeptable Zustände erwächst demnach politischer Widerstand – zumindest im idealtypischen Fall, von dem innerhalb des ‚Kriterienkatalogs‘ ausgegangen wird. In letzter Konsequenz wandelt sich die Empörung selbst also zu Widerstand. Da das der Fall ist, haben sie naturgemäß den gleichen Ausgangs- punkt, denn was Empörung hervorruft, verursacht letztlich auch Widerstand; sie haben die gleiche Natur, da die grundlegenden Wesensmerkmale der Empörung zu denen des Wider- standes werden, wenn Empörung zu Widerstand wird; sie finden auf dieselbe Weise Umset- zung, da die Empörung daselbst letztlich in politischem Widerstand konkret umgesetzt wird.

3.2.1 Ursprung der Empörung und des politischen Widerstandes

Warum Empörung, warum politischer Widerstand? Auch wenn Hessel anerkennt, dass die Anlässe zur Empörung in einer Welt zunehmender Interdependenzen und komplexer werden- der Zusammenhänge nicht mehr so klar auszumachen sind (vgl. E, 11, 13) wie zu Zeiten des Nazi-Regimes, als seine Empörung erwuchs, erkennt er doch eine Reihe konkreter Missstän- de, die für ihn substanzielle Grundlagen verletzen und somit Empörung hervorrufen sollten.

Auslöser

„Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt […]. Ihr werdet auf konkrete Situationen stoßen, die euch veranlassen, euch gemeinsam mit anderen zu engagieren.“ (E, 15) Ein Kriterium hinsichtlich des Ursprungs von Empörung und damit politischem Widerstand liegt darin, dass es stets einen konkreten Auslöser gibt, der die Empö- rung hervorruft. Dabei handelt es sich um den spezifischen Unrechtsfall, der einen Menschen dazu bringt, sich aufzulehnen, und von seinem Recht auf Widerstand Gebrauch zu machen. Hinsichtlich der modernen europäischen Gesellschaft nennt Hessel einige Umstände, über die sich die Bürger seines Erachtens nach empören sollten: die Behandlung zugewanderter oder in die Illegalität gedrängter Menschen, Korruption, die Kluft zwischen Arm und Reich, am dringlichsten den bereits erwähnten Konflikt zwischen Israel und Palästina, in dem er sich deutlich auf die Seite Palästinas stellt (vgl. E, 16f.).

Ursachen und Grundlagen

Nicht zu verwechseln mit den konkreten Auslösern sind die tieferliegenden Ursachen, die politischen Widerstand hervorrufen. Während ein spezifischer Fall die oberflächliche Aus- formung des Umstandes darstellt, aufgrund dessen sich empört wird, ist mit der Ursache vielmehr die Substanz gemeint, auf der die Empörung basiert. Zur Illustration sei nochmals Hessels Beispiel der schlechten Behandlung von Zuwanderern herangezogen: diese mag zwar der spezifische Anlass zur Empörung sein – dessen tatsächliche Ursache liegt aber in der Ver- letzung grundsätzlicher Ideen und Werte wie Menschenwürde, Freiheit oder Gleichheit.

Bei der steten Berufung auf die universelle Erklärung der Menschenrechte von 1948 ist für Hessel deren erster Artikel von zentraler Bedeutung: „Alle Menschen werden frei geboren und besitzen die gleiche Würde und die gleichen Rechte.“ Hier liegt die Wurzel der Kernbegriffs der „dignité“ und der Aufforderung: „Indignez-vous“ – Empört Euch! –, wenn ihr (auch bei anderen) die Men- schenwürde verletzt seht.36

Empörung aufgrund einer grundsätzlichen Verletzung der Würde des Menschen – egal, in welcher Form dies geschieht. „Wann immer“, fordert Hessel konkret, „sie [universelle Rech- te] jemandem vorenthalten werden, und ihr es merkt: Nehmt Anteil, helft ihm, in den Schutz dieser Rechte zu gelangen.“ (E, 10) Zudem spricht er von einer „[…] Grundlage unabdingba- rer Rechte, deren Verletzung, von welcher Seite auch immer, unsere Empörung auslösen muss.“ (E, 19) Ein weiteres Kriterium politischen Widerstandes lautet demzufolge, dass seine Ursache in der Verletzung eines substanziellen Rechtsverständnisses liegt, wobei die Men- schenwürde einen besonderen Stellenwert einnimmt und als besonders schützenswert gilt. Mit dieser Ursache des Widerstandes geht auch dessen Ziel einher, die verletzten Grundlagen wieder herzustellen und dadurch für „mehr Gerechtigkeit und Freiheit“ (E, 10) zu sorgen.

3.2.2 Wesen der Empörung und des politischen Widerstandes

Was macht politischen Widerstand aus, worin liegt das Wesen, die Natur der Empörung? Für Hessel stellt letztere gewissermaßen ein ideelles Kleinod dar, etwas Wertvolles und Wün- schenswertes: „Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar.“ (E, 10) Wenn jemand nämlich ein Motiv zur Empörung finde, gliedere er sich mit vielen anderen in den Lauf der Geschichte hin zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit ein (vgl. E, 10). Die folgenden Wesenszüge stechen in seinen Ausführungen besonders hervor.

Leidenschaft

Im Wesenskern von Empörung und politischem Widerstand steht als erstes Kriterium eine gewisse Leidenschaft, sich für sein Anliegen einzusetzen. In einer alternativen, unautorisier- ten Übersetzung von Indignez-vous! ins Deutsche fällt in diesem Zusammenhang der Begriff der Herzensangelegenheit,37 der, wenn auch sehr frei übersetzt, doch den generellen Ton, den Hessel in seinem Essay anschlägt, zu treffen scheint. Denn selbst wenn dieser an einer Stelle vorgibt, dass ihn „nicht so sehr“ (E, 11) sein Gefühl zum Widerstand bewege, sprechen seine Ausführungen insgesamt eine andere Sprache; insbesondere wenn er sich zum Ende „aus gan- zem Herzen und in voller Überzeugung“ (E, 21) mit seinem Aufruf zur Empörung an seine Leser wendet. Es geht nämlich um etwas durchaus Emotionales: die Verteidigung von Idea- len, für die es sich zu kämpfen lohnt (vgl. E, 7). Dazu gehört eine Entschlossenheit, für seine Überzeugungen einzustehen (vgl. E, 11). Bereits im Aufkommen der Empörung drückt sich Leidenschaftlichkeit aus, da der Sich-Empörende Zorn empfindet über die Ungerechtigkeit, die er erkennt (vgl. E, 21). Im Gegensatz dazu steht eine Haltung der Gleichgültigkeit, die Hessel als „das schlimmste, was man sich und der Welt antun kann“ (E, 13) bezeichnet. Eine solche Einstellung bedeutet für ihn den Verlust eines wichtigen Bestandteils des Menschseins: der „Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement“ (E, 13). Der Autor spricht von einem „‚Ohne-mich‘-Typen“ (E, 13), den die Vorgänge auf der Welt nicht interessieren, was in grundlegendem Widerspruch zum nächsten Kriterium steht.

Verantwortung des Individuums

Jeder Mensch ist „selbst, allein und absolut, für die Welt verantwortlich“ (E, 11), schreibt Hessel in Anlehnung an den Philosophen Jean-Paul Sartre. Diese Verantwortlichkeit des Ein- zelnen wird im Wortlaut des Originaltextes noch deutlicher: „Sartre nous a appris à nous dire: Vous êtes responsables en tant qu‘individus“38, was wörtlich vielmehr bedeutet: „Sartre hat uns gelehrt, uns selbst zu sagen: Ihr seid in der Eigenschaft als Individuum verantwortlich.“ Es kann sich nicht auf eine höhere Macht berufen werden, kein Gott ist verantwortlich – jeder Mensch trägt selbst Verantwortung für die Zustände in der Welt und innerhalb der Gesell- schaft, sodass es an ihm liegt, sich aufgrund dieser Verantwortung zu engagieren (vgl. E, 11), wenn er die Notwendigkeit dazu erkennt. Dabei ist es wichtig, dass das Vorgehen nicht von Einzelinteressen, sondern vom Gedanken an das Gemeinwohl geleitet wird (vgl. E, 8).

Hoffnung als Triebfeder

Das letzte Kriterium hinsichtlich des Wesens von Empörung und Widerstand liegt in der ele- mentaren Triebkraft der Hoffnung. Auch diesbezüglich beruft sich Hessel auf Sartre, der von der Hoffnung als einem der großen Antriebe von Revolutionen und Aufständen spricht (vgl. E, 18). Hoffnung auf Erfolg des Vorhabens steht als treibende Kraft hinter dem Einsatz gegen Ungerechtigkeit, sie trägt politischen Widerstand, da sie den Empörten dazu anhält, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren sondern es stets klar vor sich zu sehen. Das Fehlen einer solchen Hoffnung könnte somit schwerwiegende Folgen haben, was sie als Wesensmerkmal so bedeutend macht. Dass sich auch Hessels persönliche Einstellung dadurch auszeichnet, wird im Titel der ihm 2009 gewidmeten Ausgabe der Zeitschrift Point d’Ironie, die sich stets einer Persönlichkeit des kulturellen Zeitgeschehens widmet, deutlich: La violente espérance de Stéphane, die gewaltige, drängende Hoffnung des Stéphane Hessel.39

[...]


1 Hessel, Stéphane: Empört Euch! Aus dem Französischen von Michael Kogon. 27. Auflage, Berlin 2014, S. 21, im Weiteren mit der Sigle „E“ im Fließtext und unter Angabe der jeweiligen Seitenzahl zitiert.

2 Im französischen Original Indignez-Vous! An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Verwendung eines französi- schen Textes innerhalb einer germanistischen Arbeit aufgrund des Allgemeinanspruchs des Essays sowie der heutigen, engen kulturellen Verflechtungen vor allem im europäischen Raum zu vernachlässigen ist. Es dient im Folgenden schlicht als Grundlage für ein gemeinhin anerkanntes Verständnis von politischem Widerstand.

3 Siehe dazu Kapitel 3.1.

4 Vgl. Hessel, Stéphane: Ô ma mémoire. Gedichte, die mir unentbehrlich sind. Aus dem Französischen über- tragen von Michael Kogon, Düsseldorf 2010, S. 7.

5 Selbst die Dramen des Naturalismus, die sich einer gänzlich realitätsgetreuen Darstellung der Welt verpflich-

ten, beinhalten stets einen erweiterten Horizont, produzieren „Natur + x“, vgl. Müller-Salget, Klaus: Literatur ist Widerstand. Aufsätze aus drei Jahrzehnten, Innsbruck 2005, S. 9f.

6 Salzmann, Bertram: Literatur als Widerstand. Auf der Spur eines poetologischen Topos’ der deutschsprachi- gen Literatur nach 1945, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Heft 2/2003, S. 330.

7 Ebd., S. 331.

8 Müller-Salget, Literatur ist Widerstand, S. 9.

9 Rebhandl, Bernd/Schirach, Ferdinand: Ferdinand von Schirach: „Der Leser ist der Richter.“ Interview, online abrufbar unter: <http://derstandard.at/2000004139633/Ferdinand-von-Schirach-Der-Leser-ist-der-Richter>, Stand: 09.02.15.

10 Friedrich Schiller, zit. nach: Müller-Seidel, Walter: Friedrich Schiller und die Politik. „Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe“, München 2009, S. 51.

11 Heinrich von Kleist, zit. nach: Düßner, Crescentia: Michael Kohlhaas, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. Der ewige Widerspruch, in: Katzer, Ulrich/Bruyn, Wolf- gang de/Wieners, Markus (Hrsg.): Kleist oder die Ordnung der Welt, Berlin 2008, S. 13.

12 Aufgrund der Nichtexistenz eines einschlägigen Quellenbelegs wird dieser bekannte Ausspruch nicht als Zitat angegeben. Meist wird er jedoch Johann Wolfgang von Goethe oder Bertolt Brecht zugeschrieben.

13 Duden. Das Bedeutungswörterbuch. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim 2002, S. 1047.

14 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. 21., völlig neu bearbeitete Ausgabe. Band 30, Mannheim 2006, S. 27.

15 Vgl. ebd.

16 Ebd.

17 Vgl. Flügge, Manfred: Stéphane Hessel – ein glücklicher Rebell, Berlin 2012, S. 13.

18 Ebd., S. 17.

19 Vgl. Brockhaus, Band 30, S. 27.

20 Ebd.

21 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Vierzehnter Bandes I. Abteilung 2. Teil. Bearbeitet von der Arbeitsstelle des Deutschen Wörterbuches zu Berlin, Leipzig 1960, Sp. 1262.

22 Ebd., Sp. 1270.

23 So im Mittelalter, vgl. Sachwörterbuch der Politik. Hg. von Reinhart Beck, Stuttgart 1977, S. 975.

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. Müller-Salget, Literatur ist Widerstand, S. 9.

26 Salzmann, Literatur als Widerstand, u.a. S. 346.

27 Flügge, Stéphane Hessel, S. 17.

28 Ebd., S. 13.

29 Ebd., S. 203.

30 Vgl. ebd., S. 213, 219.

31 Ebd., S. 6.

32 Vgl. ebd., S. 12.

33 Ebd., S. 214.

34 Ebd., S. 13.

35 Ebd.

36 Vgl. ebd., S. 188.

37 Vgl. Weigel, Cornelia/Kreuzeder, Friedrich: Empört Euch! Unautorisierte Übersetzung aus Indignez-Vous!, online abrufbar unter: <http://jerome-segal.de/empoert_euch.pdf>, Stand: 09.02.15.

38 Hessel, Stéphane: Indignez-Vous! Édition revue et augmentée, Montpellier 2011, S. 6.

39 Vgl. Flügge, Stéphane Hessel, S. 191.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Sprachwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
51
Katalognummer
V462235
ISBN (eBook)
9783668905856
ISBN (Buch)
9783668905863
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michael Kohlhaas, Kleist, Die Raeuber, Schiller, Politischer Widerstand, Widerstand
Arbeit zitieren
Jannike Riesch (Autor), 2015, Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462235

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