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Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur

Título: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur

Tesis (Bachelor) , 2015 , 51 Páginas , Calificación: 1,0

Autor:in: Jannike Riesch (Autor)

Filología alemana - Literatura alemana moderna
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Die Grundidee dieser Arbeit liegt darin, politischen Widerstand in der deutschsprachigen Literatur in einem anderen Kontext als dem des Zweiten Weltkrieges zu betrachten. Er soll exemplarisch anhand zweier Werke Heinrich von Kleists und Friedrich Schillers zu einem anderen Zeitpunkt historischer, politischer und gesellschaftlicher Umbrüche analysiert werden: dem der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution, des damit einhergehenden Aufbegehrens des Bürgertums, als Deutschland in zahlreiche autonome Fürstentümer gespalten war und die Napoleonischen Kriege den sukzessiven Verfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bedingten.

Denn trotz der intensiven Auseinandersetzung mit Kleists Kohlhaas und Schillers Räubern, welche beide diesem Zeitraum entspringen, steht der Aspekt des politischen Widerstandes kaum bis gar nicht im Mittelpunkt des sie umgebenden Forschungsdiskurses – vielmehr sind es Themen wie Gewalt, Recht, Gerechtigkeit, Rache, Freiheit oder Selbstbestimmung, um nur einige zu nennen. Dabei wird überwiegend außer Acht gelassen, dass all diese Thematiken in engem Zusammenhang stehen mit der des politischen Widerstandes; dass beispielsweise die den Werken inhärente Gewalt ein Mittel zu dessen Umsetzung darstellt, die Verletzung einer spezifischen Rechtsauffassung dessen Ursache, das Streben nach Gerechtigkeit einen Beweggrund. Von diesem Standpunkt aus scheint politischer Widerstand gar dazu geeignet, die anderen Aspekte zu subsumieren. Und obgleich es keine Publikation gibt, die sich explizit dem Phänomen des politischen Widerstandes im Werke Kleists oder Schillers widmet, ist es durch die enge Verknüpfung zu anderen Themenfeldern trotzdem indirekter Bestandteil zahlloser Forschungsarbeiten. Die kontinuierliche Präsenz der Thematik innerhalb vieler ihrer Stücke und Erzählungen kann daher kaum bestritten werden.

Angesichts dieses gehäuften In-Erscheinung-Tretens bieten sich vielerlei Anknüpfungspunkte, um sich der grundlegenden Frage zu widmen, wie sich politischer Widerstand in der Literatur letztlich manifestiert. Auf welche Weise geschieht und funktioniert politischer Widerstand? Was bewegt die von ihnen geschaffenen Figuren dazu, Widerstand zu leisten? Was veranlasst sie, sich trotz verschiedener Gefahren für ihre Ideale einzusetzen? Wie wird der Widerstand umgesetzt? Welcher Mittel bedienen sich die Protagonisten bei dessen Vollzug zur Verfolgung ihrer Ziele?

Extracto


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begrifflichkeiten

2.1 Widerstand als politischer Widerstand

2.2 Politischer Widerstand und Widerstandsrecht

2.3 Politischer Widerstand in der Literatur

3 Empört Euch! – mehr als nur ein Aufruf zu politischem Widerstand

3.1 Aktualität von politischem Widerstand

3.2 Systematisierung von politischem Widerstand

3.2.1 Ursprung der Empörung und des politischen Widerstandes

3.2.2 Wesen der Empörung und des politischen Widerstandes

3.2.3 Umsetzung der Empörung und des politischen Widerstandes

4 Politischer Widerstand in Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas

4.1 Politischer und (rechts-)philosophischer Entstehungskontext

4.2 Ursprung des politischen Widerstandes im Kohlhaas

4.2.1 Der konkrete Unrechtsfall: Eine „Gewalttätigkeit“

4.2.2 Zu „den Wilden der Einöde“ verstoßen – Kohlhaas’ Rechtsverständnis

4.3 Wesen des politischen Widerstandes im Kohlhaas

4.3.1 „Leidenschaftliches politisches Wollen“ oder „stockblinde Leidenschaft“?

4.3.2 Die Verantwortung des Einzelnen: „Der Welt in der Pflicht verfallen“

4.3.3 „So zweifle ich nicht“ – die implizite Hoffnung auf Erfolg

4.4 Umsetzung des politischen Widerstandes im Kohlhaas

4.4.1 Die Versperrung des Rechtsweges: Fiat potestas et pereat iustitia

4.4.2 Gewalttätige Selbsthilfe: Fiat iustitia et pereat mundus

5 Politischer Widerstand in Friedrich Schillers Drama Die Räuber

5.1 Politischer und philosophischer Entstehungskontext

5.2 Ursprung des politischen Widerstandes in den Räubern

5.2.1 Menschen als „Krokodilbrut“ – Familienintrige und persönliche Enttäuschung

5.2.2 Ordnungsverlust im „schlappen Kastratenjahrhundert“

5.3 Wesen des politischen Widerstandes in den Räubern

5.3.1 Leidenschaft eines „idealistische[n] Schwärmer[s]“

5.3.2 Der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet?

5.3.3 Treibende Verzweiflung statt treibender Hoffnung

5.4 Umsetzung des politischen Widerstandes in den Räubern

5.4.1 Verzweifelte und willkürliche Gewalt

5.4.2 Von der Erkenntnis der Ambivalenz zur Resignation

6 Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Phänomen des politischen Widerstands in der Literatur jenseits der bekannten literarischen Auseinandersetzungen mit der Zeit nach 1945 zu untersuchen. Anhand von Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" und Friedrich Schillers "Die Räuber" wird analysiert, wie politischer Widerstand vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert narratologisch und ideengeschichtlich umgesetzt wird, wobei Stéphane Hessels Essay "Empört Euch!" als systematischer Bezugsrahmen dient.

  • Die Systematisierung von politischem Widerstand anhand eines Kriterienkatalogs (Ursprung, Wesen, Umsetzung).
  • Die rechtsphilosophische Dimension von Widerstand und Widerstandsrecht im 16. und 18. Jahrhundert.
  • Der Konflikt zwischen staatlicher Rechtsordnung, individueller Moral und dem Streben nach Gerechtigkeit in Kleists "Michael Kohlhaas".
  • Die Rolle von Leidenschaft, Verzweiflung und gesellschaftlichem Umbruch in Schillers "Die Räuber".
  • Ein vergleichender Blick auf die Legitimität von Gewalt als Mittel des politischen Widerstands in der Literatur.

Auszug aus dem Buch

4.2.2 Zu „den Wilden der Einöde“ verstoßen – Kohlhaas’ Rechtsverständnis

Während das unrechtmäßige Vorgehen des Junkers und seiner Gefolgschaft den ursprünglichen Auslöser der Empörung des Kohlhaas’ darstellt, ist es ihm innerhalb des sich auftuenden Konfliktes „nicht um die Pferde zu tun“ (KH, 20), was auch seine Gleichgültigkeit jenen gegenüber beweist, nachdem sie beim Überfall auf die Tronkenburg befreit werden.62 Es geht nicht um materielle Güter – die Auseinandersetzung rund um diese bezeichnet nur die oberflächliche Ausformung des Konflikts. Die grundlegenden Ursachen seiner Empörung und des daraus resultierenden Widerstandes sind tiefschürfender. Sein Rechtsverständnis, von dem immer wieder dargestellt wird, wie sehr es ein fundamentales Charakteristikum im Konstrukt seiner Figur bildet, ist auf mehreren Ebenen verletzt worden. Einerseits sieht er sich durch das Vorgehen auf der Tronkenburg in seiner Menschenwürde verletzt, die zentral für sein Rechtsverständnis ist:63 „Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch“ (KH, 24), beklagt er gegenüber seiner Frau Lisbeth. Andererseits versagt die Justiz aufgrund ihrer verfilzten Strukturen dahingehend, seine Klage gegen den Junker anzuerkennen, seine verletzte Würde auf Rechtswegen wiederherzustellen und verfehlt damit in letzter Instanz ihre Pflicht, Kohlhaas in seinen fundamentalen Rechten als Staatsbürger zu schützen.

In dieser zweiten Ursache seiner Empörung wird die Nähe zur naturrechtlichen Position und Argumentation Rousseaus deutlich:64 „[…] weil ich in einem Lande, liebste Lisbeth, in welchem man mich, in meinen Rechten, nicht schützen will, nicht bleiben mag.“ (KH, 23f.) Die Pflicht des Staates zum Schutze seiner Bürger sieht Kohlhaas nicht erfüllt. Im ausbrechenden Kampf geht es damit nur formell um die Wiederherstellung seiner Pferde in den vorherigen Stand – die Erfüllung dieser Forderung bedeutet sinnbildlich die Wiederherstellung der verletzten Rechtsgrundlagen: seiner Menschenwürde und seiner Schutzbedürftigkeit.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Arbeit führt in das Thema ein und begründet die Analyse von politischem Widerstand in Werken von Kleist und Schiller als Ergänzung zur Literatur nach 1945.

2 Begrifflichkeiten: Es werden grundlegende Definitionen zu politischem Widerstand und Widerstandsrecht dargelegt, die als Basis für die weitere Argumentation dienen.

3 Empört Euch! – mehr als nur ein Aufruf zu politischem Widerstand: Das Essay von Stéphane Hessel wird genutzt, um einen Kriterienkatalog (Ursprung, Wesen, Umsetzung) zur Kategorisierung von politischem Widerstand zu entwickeln.

4 Politischer Widerstand in Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas: Das Kapitel untersucht anhand des entwickelten Dreischritts, wie sich Widerstand und Rechtsverständnis bei der Figur Kohlhaas manifestieren.

5 Politischer Widerstand in Friedrich Schillers Drama Die Räuber: Hier wird der Widerstand von Karl Moor analysiert, wobei besonders die Rolle von Leidenschaft, Verzweiflung und der gesellschaftlichen Umbruchszeit im Fokus steht.

6 Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse der Analysen werden zusammengeführt und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten im Umgang der beiden Protagonisten mit Widerstand gegenüber ungerechten Systemen aufgezeigt.

Schlüsselwörter

Politischer Widerstand, Literatur, Michael Kohlhaas, Die Räuber, Heinrich von Kleist, Friedrich Schiller, Empörung, Rechtsverständnis, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Widerstandsrecht, Gewalt, Selbsthilfe, Gesellschaftsvertrag, Stéphane Hessel

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das literarische Konzept des politischen Widerstands in Werken aus der Zeit um 1800, abseits der häufig untersuchten Literatur nach 1945.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentral sind die Dynamiken von Recht, Gerechtigkeit, individueller Verantwortung, Gewaltanwendung und die Reaktion auf staatliche Willkür.

Was ist die Forschungsfrage?

Die Arbeit geht der Frage nach, wie sich politischer Widerstand bei Kleist und Schiller manifestiert, was die Figuren motiviert und wie sie diesen Widerstand umsetzen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt eine ideengeschichtliche und narratologische Analyse, wobei sie ein aus Stéphane Hessels "Empört Euch!" abgeleitetes Kategorisierungsschema (Ursprung, Wesen, Umsetzung) auf die literarischen Texte anwendet.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert Heinrich von Kleists Erzählung "Michael Kohlhaas" und Friedrich Schillers Drama "Die Räuber" anhand der erarbeiteten Kriterien für Widerstand.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Neben Begriffen wie politischer Widerstand und Literatur sind Gerechtigkeit, Menschenwürde, Rechtsverständnis und Gewalt wesentliche Schlagworte.

Wie unterscheidet sich die Motivation der Figuren Kohlhaas und Karl Moor?

Kohlhaas handelt primär, um eine verletzte Rechtsordnung wiederherzustellen und sein Recht als Staatsbürger einzufordern, während Karl Moor eher aus einer tiefen, existenziellen Verzweiflung und Enttäuschung über die gesamte gesellschaftliche Ordnung heraus agiert.

Welche Rolle spielt Gewalt in den untersuchten Werken?

In beiden Werken ist Gewalt ein zentrales, jedoch ambivalentes Mittel. Sie wird als Eruption der Hilflosigkeit dargestellt, wenn friedliche Wege zur Rechtsfindung versperrt sind, und führt letztlich in eine moralische Krise der Protagonisten.

Final del extracto de 51 páginas  - subir

Detalles

Título
Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur
Universidad
University of Dusseldorf "Heinrich Heine"  (Sprachwissenschaften)
Calificación
1,0
Autor
Jannike Riesch (Autor)
Año de publicación
2015
Páginas
51
No. de catálogo
V462235
ISBN (Ebook)
9783668905856
ISBN (Libro)
9783668905863
Idioma
Alemán
Etiqueta
Michael Kohlhaas Kleist Die Raeuber Schiller Politischer Widerstand Widerstand
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Jannike Riesch (Autor), 2015, Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Eine exemplarische Analyse zu politischem Widerstand in der Literatur, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462235
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