„Langer Marsch“ ist in der Tat keine übertriebene rhetorische Floskel: 1973 wurden die „Verhandlungen über die gegenseitige Verminderung von Streitkräften und Rüstungen und damit zusammenhängenden Maßnahmen in Europa“ (Mutual Balanced Force Reductions, MBFR) in der Wiener Hofburg aufgenommen. Über 16 Jahre schleppten sie sich erfolglos dahin und scheiterten letztlich an den noch nicht zu vereinbarenden Sicherheitsinteressen von NATO und Warschauer Pakt. Im Jahr 1985 hatte Michail Gorbatschow die Führung in der Sowjetunion übernommen und damit begonnen, die außen- und sicherheitspolitischen Positionen der Sowjetunion neu zu bestimmen. Damit verbunden war die Annäherung an westliche Vorstellungen von einer europäischen Friedensordnung. Auf diesem Boden entstand eines der letzten Abkommen, das der Warschauer Pakt vor seinem Zusammenbruch noch mit der NATO abgeschlossen hatte: Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE). Die Verhandlungspartner hatten dabei auf die Erfahrungen aus den MBFR-Verhandlungen zurückgreifen können, aber gleichzeitig einen Neuanfang signalisiert. Das Vertragswerk baute schließlich das Übergewicht konventioneller Streitkräfte des damaligen Warschauer Paktes ab und stellte ein paritätisches Verhältnis auf niedrigem Niveau her. Kein Staat sollte mehr die Möglichkeit haben, in Europa Überraschungsangriffe und groß angelegte Offensiven auszulösen. Aber noch war der Vertrag von einem bündnisbezogenem Block-zu-Block-Ansatz geprägt, der erst mit dem 1999 unterzeichneten „Übereinkommen über die Anpassung des KSE-Vertrages“ aufgelöst wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Voraussetzungen für die MBFR-Verhandlungen
3. Beginn der MBFR-Verhandlungen
4. Differenzen zwischen den Verhandlungspartnern
4.1. Unterschiedliche Militärstrategien
4.2. Datenstreit
4.3. Weitere Ursachen für das Scheitern
5. Voraussetzungen für den KSE-Vertrag
5.1. Stockholmer Verhandlungen
5.2. INF-Vertrag
5.3. Wiener Mandat
5.4. Neue Militärdoktrin des Warschauer Paktes
6. KSE-Verhandlungen im Spiegel des Umgestaltungsprozesses
7. Bedeutung von Datenaustausch und Verifikation
8. Vertragsinhalt
9. Zusammenfassung und Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der konventionellen Rüstungskontrolle in Europa von den stagnierenden MBFR-Verhandlungen ab 1973 bis zum erfolgreichen Abschluss des KSE-Vertrages 1990. Dabei wird untersucht, wie veränderte weltpolitische Rahmenbedingungen und das „neue Denken“ Gorbatschows die Überwindung fundamentaler Block-Differenzen ermöglichten.
- Historische Analyse der MBFR-Verhandlungen und ihrer Hemmnisse
- Einfluss unterschiedlicher Militärstrategien auf den Rüstungskontrollprozess
- Die Rolle von Verifikation und Datenaustausch als Vertrauensbildner
- Transformation der Sicherheitsordnung durch den KSE-Vertrag
- Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auf den Abrüstungsprozess
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Langer Marsch“ ist in der Tat keine übertriebene rhetorische Floskel: 1973 wurden die „Verhandlungen über die gegenseitige Verminderung von Streitkräften und Rüstungen und damit zusammenhängenden Maßnahmen in Europa“ (Mutual Balanced Force Reductions, MBFR) in der Wiener Hofburg aufgenommen. Über 16 Jahre schleppten sie sich erfolglos dahin und scheiterten letztlich an den noch nicht zu vereinbarenden Sicherheitsinteressen von NATO und Warschauer Pakt.
Im Jahr 1985 hatte Michail Gorbatschow die Führung in der Sowjetunion übernommen und damit begonnen, die außen- und sicherheitspolitischen Positionen der Sowjetunion neu zu bestimmen. Damit verbunden war die Annäherung an westliche Vorstellungen von einer europäischen Friedensordnung. Auf diesem Boden entstand eines der letzten Abkommen, das der Warschauer Pakt vor seinem Zusammenbruch noch mit der NATO abgeschlossen hatte: Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die 16-jährige Stagnation der MBFR-Verhandlungen und kontrastiert diese mit dem erfolgreichen Abschluss des KSE-Vertrages 1990 als Wendepunkt der europäischen Sicherheitsgeschichte.
2. Voraussetzungen für die MBFR-Verhandlungen: Dieses Kapitel erläutert den Kontext der Entspannungspolitik in den 1970er Jahren und die Signale aus Reykjavik und Rom als Initiatoren des MBFR-Prozesses.
3. Beginn der MBFR-Verhandlungen: Hier werden das Ziel der Verhandlungen, die geographische Zone und die Beteiligten sowie der Grundsatz der Wahrung des militärischen Status quo dargelegt.
4. Differenzen zwischen den Verhandlungspartnern: Das Kapitel analysiert die Gründe für das Scheitern, insbesondere die unvereinbaren Militärstrategien, den Datenstreit sowie das fehlende Interesse beider Supermächte an substanziellen Abrüstungserfolgen.
5. Voraussetzungen für den KSE-Vertrag: Der Fokus liegt auf der Bedeutung des „neuen Denkens“ unter Gorbatschow, den Stockholmer Verhandlungen und der Bedeutung des Wiener Mandats als Grundlage für den neuen Verhandlungsansatz.
6. KSE-Verhandlungen im Spiegel des Umgestaltungsprozesses: Es wird dargestellt, wie die politischen Veränderungen in Osteuropa 1989/90 das Umfeld für den KSE-Vertrag schufen und diesen in eine neue Sicherheitsordnung einbanden.
7. Bedeutung von Datenaustausch und Verifikation: Das Kapitel verdeutlicht, warum Datenaustausch und gegenseitige Vor-Ort-Inspektionen essentielle Vertrauenselemente waren, um das Scheitern früherer Verhandlungen zu vermeiden.
8. Vertragsinhalt: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über die Kernziele, das erweiterte Geltungsgebiet und die spezifischen Obergrenzen für Waffensysteme des KSE-Vertrages.
9. Zusammenfassung und Resümee: Die Arbeit resümiert, dass die MBFR-Verhandlungen zwar keine Abrüstungsziele erreichten, aber als Kommunikationsforum dienten, während der KSE-Vertrag die qualitativ neue sicherheitspolitische Realität nach Ende der Blockkonfrontation widerspiegelt.
Schlüsselwörter
MBFR, KSE-Vertrag, Rüstungskontrolle, Warschauer Pakt, NATO, Abrüstung, Michail Gorbatschow, Verifikation, Datenaustausch, Militärstrategie, Entspannungspolitik, Sicherheit in Europa, Wiener Mandat, Block-zu-Block-Ansatz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und Transformation der konventionellen Rüstungskontrolle in Europa, beginnend bei der Aufnahme der MBFR-Verhandlungen 1973 bis hin zum Inkrafttreten des KSE-Vertrages 1990.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf dem Vergleich der Verhandlungsstrukturen (MBFR vs. KSE), der Rolle politischer Doktrinen (Gorbatschows „neues Denken“), der Bedeutung von Verifikationsmechanismen und der Transformation der europäischen Sicherheitsarchitektur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gründe für das Scheitern der MBFR-Verhandlungen zu identifizieren und aufzuzeigen, wie sich unter veränderten politischen Bedingungen der erfolgreiche Abschluss des KSE-Vertrages realisieren ließ.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine chronologische Analyse der politischen Ereignisse und Verhandlungsverläufe, die auf einer umfassenden Auswertung zeitgenössischer Fachliteratur und offizieller Vertragsdokumente basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der MBFR-Problematik, die Voraussetzungen für den KSE-Vertrag durch den Systemwandel in Osteuropa sowie die technische und politische Ausgestaltung des KSE-Vertragswerkes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rüstungskontrolle, Block-Konfrontation, Verifikation, militärische Parität und den Übergang von MBFR zu KSE charakterisiert.
Warum war der Datenstreit ein so zentrales Hindernis in Wien?
Der Datenstreit diente als Stellvertreterkonflikt für tieferliegende strategische Differenzen; da beide Blöcke ihre Sicherheitsbedürfnisse über das Ziel einer neutralen Datenbasis stellten, war eine Einigung ohne politisches Umdenken nicht möglich.
Inwieweit spielten die „Stockholmer Verhandlungen“ eine Vorbildrolle?
Die Stockholmer Verhandlungen etablierten erstmals das Prinzip der Vor-Ort-Inspektionen ohne Ablehnungsrecht, was als Modell für die erfolgreiche Verifikation im KSE-Rahmen diente.
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- Lutz Benseler (Author), 2004, Der lange Marsch der konventionellen Rüstungskontrolle in Europa. Vom Beginn der MBFR-Verhandlungen (1973) zum KSE-Vertrag von 1990., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46225