Möglichkeiten zur Integration hyperaktiver Kinder in der Grundschule am Modell GBS


Praktikumsbericht / -arbeit, 2016

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

l. Theorieteil
Einleitung
1. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) Begriffsdefinition
1.1 Symptomatik
1.2 Ursachen
2. Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten
2.1 Behandlungsmöglichkeiten
2.2 Pädagogischer Umgang als Behandlungsmöglichkeit
2.2.1 Pädagogischer Umgang speziell für Eltern
2.2.2 Pädagogischer Umgang für Erzieher und Lehrer

ll. Praxisteil
1. Beschreibung der Rahmenbedingungen und Beobachtungssituationen
1.1 Beschreibung der zu beobachtenden Kinder
1.2 Meine Beobachtungen der Kinder
1.2.1 Während des Unterrichts
1.2.2 Beim Freispielen im Klassenraum in der GBS
2. Angebotsplanung im Rahmen von Integrationsmöglichkeiten
2.1 Theaterkurs
2.2 Sitzrunde
2.3 Gefühle

III. Reflexion der Angebote

Fazit/Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

l. Theorieteil

Einleitung

Am 01. August 2013 begann ich meine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Ich bin als Springerin tätig und vertrete Kolleginnen und Kollegen bei Abwesenheit in ihren Gruppen. Beim Arbeiten mit der Klasse 4b fiel mir Tim (Name geändert) besonders auf. Er stand durch häufiges Stören während der Lernzeit und aggressivem Verhalten seinen Mitschülern gegenüber im ständigen Gespräch der Erzieher. Dadurch bekam er viel Ärger und erhielt Verbote. Ich erfuhr, dass dieser Junge hyperaktiv sei und die Diagnose ADHS vom Arzt erhalten habe. Auch Jason (Name geändert), welcher die gleiche Klasse wie Tim besucht, bekam die Diagnose ADHS. Dieser ist jedoch weniger herausfordernd, zieht sich eher zurück und spielt selten mit anderen Kindern. Er zeigt kein aggressives Verhalten, hat während des Unterrichts und der Hausaufgabenzeit am Nachmittag gelegentlich Schwierigkeiten sich zu kon-zentrieren und zweifelt in Leistungssituationen an sich selbst. Durch die Probleme, die Tim und Jason sowohl im Unterricht als auch in der Nachmittagsbetreuung haben, stellt sich für mich die Frage: Welche Möglichkeiten zur Integration hyperaktiver Kinder an Grundschulen gibt es? Ich werde mich hierbei auf die ganztägige Betreuung an Schulen (GBS) konzentrieren und versuchen Methoden aufzuzeigen, diese Kinder mehr in das Gruppenleben zu integrieren. Hinzukommend möchte ich die Kinder stärken, damit ihnen die Möglichkeit gegeben wird, ein positives Selbstbild und Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Mich interessiert was die Institution Schule bereits leistet. Um dieses genau beobachten zu können und das Arbeiten der Lehrer mit den Kindern zu betrachten, werde ich die 4. Klasse von Tim und Jason einige Vormittage begleiten.

Der erste Teil meiner Facharbeit bezieht sich auf theoretische Grundlagen. Hier werde ich sowohl auf die Definition von ADHS und möglichen Behandlungsweisen eingehen als auch mögliche pädagogische Umgangsformen aufzeigen. Im zweiten Teil, dem Praxisteil, werde ich von den in der Praxis durchgeführten Angeboten und Ideen berichten. Im Anschluss reflektiere ich die wesentlichen Ergebnisse meiner Arbeit und fasse in einem Fazit zusammen, was ich aus der Auseinandersetzung mit dem Thema ADHS gelernt habe und was ich daraus mitnehme.

Ich weise darauf hin, dass ich der Einfachheit halber die von mir benannten Berufsgruppen durchgängig in maskuliner Form verwende, aber damit beide Geschlechter einschließe.

1. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) Begriffsdefinition

ADHS ist die Kurzform für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung bzw. Syn- drom. Fehlt das Merkmal der Hyperaktivität, wird von einer Aufmerksamkeitsdefizit-Störung gesprochen, die Abkürzung hierfür ist ADS. Im Folgenden werde ich mich auf die Aufmerk- samkeitsstörung mit Hyperaktivität beschränken.

Unter ADHS werden bestimmte Symptome zusammengefasst, die ein Kind über eine Zeit- spanne von nicht weniger als sechs Monaten, sowohl in Gruppensituationen wie Kindergar- ten oder Schule, als auch zu Hause, aufweist.1 Die Symptome, auf welche ich im folgenden Punkt näher eingehe, sollten vor dem 7. Lebensjahr bereits deutlich ausgeprägt sein und von der altersgemäßen Entwicklung abweichen. Betroffene können Reize, die von außen auf sie einwirken nicht richtig weiterverarbeiten. Eine angemessene Reaktion hierauf ist nicht oder nur bedingt möglich.2 Es handelt sich also um eine Störung der Selbstregulierung. Schon Heinrich Hoffmann schrieb in seinem Kinderbuch Struwwelpeter (1845) über den „Zappelphi- lipp“, der statt still am Tisch zu sitzen, mit seinem Stuhl schaukelt und daraufhin mitsamt der Tischdecke und der Mahlzeit zu Boden fällt. Die hier dargestellten Verhaltensweisen ähneln einigen Symptomen, welche bei Kindern mit ADHS als typisch gelten.3

In der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter besteht die Gefahr, dass sich verminderte Leis-tungsfähigkeit und Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen zeigen. Diese resultieren häufig aus einem geringen Selbstwertgefühl. Dies kann zu Problemen und Einschränkungen führen und macht sich sowohl im Alltag, Job wie auch Privatleben und Partnerschaft bemerkbar. Hyperaktivität tritt meist in Form von innerer Unruhe, Unachtsamkeit und ablenkenden Ge- danken auf.4

1.1 Symptomatik

Die im folgenden genannten Symptome sind Kriterien nach dem Internationalem statisti- schem Diagnoseklassifikationssystem der Krankheiten und verwandter Gesundheitsproble- me, ICD-10 und dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen, DSM IV, ist.

ADHS zeichnet sich durch die drei Leitsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hy- peraktivität aus.

Unaufmerksamkeit

Es fällt den betroffenen Kindern schwer, sich zu konzentrieren und begonnene Tätigkeiten bis zum Ende auszuführen. Die Aufmerksamkeit eine längere Zeit aufrechtzuerhalten ist mit Schwierigkeiten verbunden. Somit werden Einzelheiten oftmals nicht beachtet und gerade in der Schule kommt es zu Flüchtigkeitsfehlern. Auch lassen sie sich leicht ablenken. Diese geringe Konzentrationsfähigkeit führt dazu, dass häufig Anweisungen anderer nicht zu Ende ausgeführt werden. Aufgrund der mangelnden Ausdauer, findet ein ständiger Wechsel der Tätigkeiten statt. Regelmäßig werden Materialien, die in der Schule gebraucht werden, ver- gessen oder verloren.

Impulsivität

Die Impulsivität drückt sich durch unüberlegtes vorschnelles Handeln aus, also durch eine fehlende Impulskontrolle. Konsequenzen, welche das Handeln eventuell haben könnten, werden nicht bedacht. Bemerkbar macht sich die Impulsivität der Kinder mit ADHS durch Herausplatzen von Antworten, ohne das Ende der Frage abwarten zu können. Häufig reden die Kinder übermäßig viel, ohne auf ihr gegenüber angemessen zu reagieren. Das Abwarten, bis er/sie an der Reihe ist, fällt Betroffenen schwer, dadurch wird in vielen Fällen in das Ge- schehen anderer eingegriffen und somit gestört. Alles in allem kann von einer geringen Selbstkontrolle gesprochen werden.5

Hyperaktivität

Hyperaktivität bedeutet ein übermäßiges, nicht hinreichend kontrollierbares Verhalten und eine starke körperliche Unruhe. Kinder mit ADHS zappeln häufig mit Füßen oder ihren Hän- den. Ihnen fällt es schwer ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben, wenn dies von ihnen er- wartet wird. Meist können sie sich nur für kurze Zeit an Aufforderungen halten, deshalb ste-hen sie oft auf und laufen herum.6 Der stark ausgeprägte Bewegungsdrang führt dazu, dass Betroffene auch abends schwer zur Ruhe kommen.7

Neben den eben genannten Kernsymptomen, gibt es eine Vielzahl an möglichen Begleitstö- rungen. Dazu zählen beispielsweise Lese-Rechtschreibschwächen (Legasthenie) oder Re- chenschwächen (Dyskalkulie). Zentralmotorische Koordinationsstörungen wirken sich in Form von schlechter Körperkoordination aus. Außerdem zeigen Kinder mit ADHS durch ihr schwer steuerbares Verhalten (und einem inneren Gefühlschaos) oftmals aggressive Stö- rungen. Tritt dieses aggressive Verhalten, zum Beispiel in Form von Wutausbrüchen ver- stärkt auf, wird von einer Störung des Sozialverhaltens gesprochen. Das nicht kontrollierbare Verhalten, Misserfolge und gehäufte negative Rückmeldungen können ein Gefühl des stän-digen Scheiterns auslösen. Das geringe Selbstwertgefühl und gehäufte Selbstzweifel, kön- nen unter Umständen zu Depressionen führen.8 Innere Unruhe, die ADHS Kinder erleben, kann zu Schlafstörungen führen. Diese Symptome reichen nicht selten bis ins Erwachsenen- alter. Auch wenn einige Störungen vermindert auftreten, da die Betroffenen beim Heran- wachsen lernen damit umzugehen, kommen in vielen Fällen Zwangs- und Angststörungen hinzu. Durch ihr Unruhegefühl, der Sprunghaftigkeit und Problemen in der Selbstorganisation fällt es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Bei einer Vielzahl von Erwachsenen zeigt sich ein erhöhtes Suchtpotenzial (sowohl Substanzmissbrauch, als auch Esssucht, Kaufsucht, Spielsucht).9

1.2 Ursachen

Es ist nicht klar welche Ursache für die hyperkinetische Störung (im ICD-10 wird ADHS als solches benannt) verantwortlich ist. Mögliche Ursache könnten sowohl biologische und gene- tische Faktoren als auch psychosoziale Einflüsse sein. Empirische Untersuchungen jedoch lassen Rückschlüsse zu, dass das Zusammenspiel vieler Faktoren ursächlich ist für die Symptomatik und nicht ein einzelner Faktor benannt werden kann.10

Biologische Faktoren als Auslöser von ADHS lassen sich durch einen gestörten Stoffwechsel erklären, denn bei Betroffenen besteht ein Ungleichgewicht der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin. Diese Hormone dienen im Körper als Neurotransmitter. Deren Aufgabe es ist, eindringende Reize von einer Nervenzelle zur nächsten weiterzuleiten also Informationen, beziehungsweise Befehle, zu überbrücken. Die Nervenbahnen des Gehirns sind nicht direkt miteinander verbunden, sondern durch einen kleinen Spalt getrennt. Liegt hier eine Störung vor, wie es bei Menschen mit ADHS der Fall ist, sind in dem synaptischen Spalt zu viele Transporteiweiße. Dies führt dazu, dass die Signalübertragung im Gehirn nicht ausreichend gehemmt ist. Wird das Dopamin aus einer Zelle freigesetzt, rufen es die Transporteiweiße wieder zurück. Somit kommt es zu einem Überfluss an Informationen (Reizüberflutung). Das könnte auch Auslöser für die leichte Ablenkbarkeit sein, da ADHS Betroffenen das Selektie- ren von „wichtigen“ und „unwichtigen“ Reizen überaus schwer fällt, beziehungsweise, ihnen dies nicht möglich ist.11

Genetische Faktoren betreffen die erblich bedingten Umstände und somit stellt sich die Fra- ge, ob familiäre Zusammenhänge erschlossen werden können? Hier muss beachtet werden, dass Häufungen des hyperkinetischen Syndroms eventuell darauf zurückzuführen sind, dass das besondere Verhalten erlernt wurde. Es gibt allerdings Zwillingsstudien, die herausfan- den, dass sofern eins der Kinder bereits hyperaktiv war, das andere in 50 bis 90 Prozent der untersuchten Fälle diese Störung im Laufe seines Lebens entwickelte. Dies reicht nicht aus, um die erblich bedingten Faktoren als Ursache anzusehen, macht dennoch deutlich, dass eine genetisch bedingte Anfälligkeit für ADHS besteht. Es wird vermutet, dass Kinder, wel- che mit einer entsprechenden Anlage für das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts- Störung aufgrund von Erbgut zur Welt kommen, ein erhöhtes Risiko in sich tragen, eben die- se Störung zu entwickeln.12

Unter psychosozialen Einflüssen werden Lebensbedingungen und Umweltfaktoren verstanden, welche das Kind prägen. „ Familiäre Spannungen, Armut, inkonsequente Erziehung, Unter- und Überforderung, Bewegungsmangel, Mediengewohnheiten und Ernährung und eine von Hektik geprägte Zivilisation (...)“13 zählen dazu. Bei anfälligen Kindern können un- klare, unzuverlässige, nicht strukturierte oder chaotische Familienverhältnisse, aber auch belastende Lebensereignisse, wie zum Beispiel Scheidung der Eltern, ADHS auslösen oder die Symptomatik verstärken.14

Die von Hektik geprägte Zivilisation trägt zu den Belastungen bei. Erhöhte Reizbedürfnisse entwickeln sich durch die unablässige Teilnahme an einer durch Beschleunigung und Reiz- überflutung gekennzeichneten Gesellschaft. Viele Informationen wirken auf die Kinder ein und müssen verarbeitet werden. So kann es sein, dass das Verhalten eines ADHS Kindes lediglich der Versuch ist, sich anzupassen. Oder sie sind auf die von ihnen ausgelebten Verhaltensweisen angewiesen, um ihren Stimulationsstrom zu bewahren.15

2. Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten

Die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung ist äußerst kompliziert, da sie ein multifaktorielles Problem ist. Im DSM IV und dem ICD-10 sind die Übergänge zu an- deren Störungsbildern sehr fließend, die Erkennung folgt keinen einfachen Regeln und Prin- zipien. Somit ist ein Abgrenzen von anderen Störungsbildern schwierig. Die Unterschiede der Klassifikationssysteme in Bezug auf ADHS sind gering.16

Aufgrund der Schwierigkeiten, die sich bei der Diagnostik ergeben können, ist ein Ärzteteam aus Spezialisten, das fachübergreifend arbeitet, besonders wichtig. Bei der Erstellung des diagnostischen Gesamtbildes ist die Kooperation von Erziehern oder Lehrern und der Eltern des Kindes unverzichtbar. Zur Exploration sind situationsübergreifende Beobachtungen aus dem Alltag des Kindes hilfreich für Ärzte und Therapeuten um ihren Patienten einzuschät- zen. Hierbei ist es von Vorteil, wenn Eltern, Erzieher und Lehrer mit dem Störungsbild ADHS vertraut sind.17 Für die medizinische Untersuchung wird nach einer detaillierten Anamnese (Erhebung der Leidens- beziehungsweise Krankheitsgeschichte) eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Dies ist notwendig, um mögliche Entwicklungseinschränkungen auszu- schließen. Nach einer neurologischen Untersuchung folgt die Laboruntersuchung, um etwai- ge Krankheiten ausschließen zu können. Im Anschluss einer umfangreichen Diagnose und einer Interpretierung der Ergebnisse unter Berücksichtigung der Kriterien des ICD-10 und DSM IV (unter Punkt 2.1. Symptomatik nachzulesen) erhält man ein diagnostisches Ge- samtbild. Mithilfe dieses Gesamtbildes und dem Wissen, in welchen Bereichen das Kind Un- terstützung braucht, können gezielte Therapiekonzepte erstellt und mögliche Behandlungs-ansätze besprochen werden. Diese sollten multimodal (auf mehrere Bereiche) verteilt sein.18

Im Folgenden werde ich nun auf einige Behandlungsformen eingehen.

2.1 Behandlungsmöglichkeiten

Zunächst einmal ist anzumerken, dass eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung zwar behandelt werden kann, sie jedoch nicht heilbar ist. Es gibt neben der Behandlung mit Medikamenten die Möglichkeit einer Psycho- beziehungsweise Verhaltenstherapie und die pädagogischen Maßnahmen (die ich in Punkt 3.2. näher erläutere), die das Kind unterstüt- zen, sein Verhalten zu regulieren. Aufgrund der Vielzahl an möglichen Therapien oder Behandlungen muss im Einzelfall entschieden werden welche sinnvoll sind.19

Die Medikamentöse Behandlung ist äußerst umstritten. Handelsübliche Medikamente wie beispielweise Ritalin oder Medikinet (Wirkstoff beider Mittel ist Methylphenidat) haben starke Nebenwirkungen und führen häufig zu Tics (Tics sind störende Muskelzuckungen und auffäl- lige Laut-Äußerungen wie zum Beispiel Augenzwinkern, Kopfrucken oder Räuspern), Per- sönlichkeitsveränderungen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und emotionaler Passivität. Methylphenidat führt zu einer erhöhten Freisetzung des Botenstoffes Dopamin. Dies bewirkt bei Kindern mit ADHS, dass sie ruhiger und konzentrierter werden. Aufgrund der Nebenwir- kungen sollten Medikamente die Ausnahme sein, denn sie beheben lediglich die Symptome nicht aber die Ursache.20 Lässt sich die Vergabe der Psychopharmaka nicht verhindern, muss unbedingt beachtet werden, dass die Medikation nur im Bereich einer therapeutischen Gesamtstrategie verordnet werden sollte.21 Auch ist bei der Vergabe zu berücksichtigen, dass sie in geringer Dosis über einen kurzen Zeitraum zu geben ist und möglichst häufig, beispielweise an Sonn- und Feiertagen oder Ferien (nach Absprache mit dem Arzt), abge- setzt wird. Während das Kind unter dem Einfluss der Medikamente steht, kann es keine see- lische Stabilität entwickeln und erlernen wie es sein Verhalten steuern kann.22

Ziel einer Verhaltenstherapie ist es, dispositive Verhaltensmuster, welche sich manifestiert haben, also impulsive, hyperaktive und unaufmerksame Verhaltensweisen, durch neu erlernte zu ersetzen. Oft erfolgt die Verhaltenstherapie spielerisch und ist an Entspannungs- und Konzentrationsübungen geknüpft. Die wichtigsten Aspekte sind das Erlernen von Aufgaben- bewältigung in Form von planvollem Handeln und das Entwickeln einer guten Selbstkontrol- le, das eigene Verhalten betreffend. Auch finden sich Verhaltenstherapeutische Elemente in der Ergotherapie wieder, diese sind elementare Bestandteile der Behandlung. Ziel ist es in- nere Spannungs- und Erregungszustände zu erkennen, positiv zu beeinflussen und so die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Auch sollen Ergotherapeutische Maßnahmen eine Stei- gerung des Selbstwertgefühls und das Fördern der eigenen Motivation bewirken.

Die Psychotherapie macht nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern Sinn. Da ihnen hier in einem professionellen Rahmen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Probleme zu the- matisieren. Dies kann eine erhebliche Entlastung für alle Beteiligten sein.23

Therapien machen jedoch nur Sinn, wenn ein professionell pädagogischer Umgang mit dem Kind gegeben ist und es in seiner Entwicklung unterstützt wird.24

2.2 Pädagogischer Umgang als Behandlungsmöglichkeit

Grundlage für jede Hilfe ist die (...) Herstellung einer positiv-emotionalen Bindung, auch und vor allem beim Lernen.“25

Ein ressourcenorientierter Umgang und der Blick auf die positiven Merkmale des Kindes, sind entscheidend, für das notwendige Gefühl geliebt und akzeptiert zu werden. Hier hilft es die positiven Eigenschaften hervorzuheben. Statt über die Ungeduld und das aufgedrehte Verhalten zu klagen sollte beispielweise die erfrischende Spontanität, die ansteckende Le- bensfreude und Energie, die blitzschnelle Reaktionsfähigkeit und der starke Wille nicht auf- zugeben betont werden.

Hyperaktive Kinder benötigen Strukturen und Routinen, einen verlässlichen, liebevollen aber konsequenten Umgang und eine wertschätzende Haltung. Sie benötigen in ihrem Umfeld (Kita, Schule und im Elternhaus) genügend gute Beispiele und Anregungen, also Vorbilder für das, was sie an Werten, Normen und Verhalten erwerben sollen.26 Außerdem ist ein um- fassendes Informieren darüber, was die Diagnose ADHS bedeutet und wie sie sich auswirkt, unerlässlich. Ein regelmäßiger Austausch über die Entwicklung des Kindes und eventuelle Fördermaßnahmen zwischen Eltern und Pädagogen ermöglicht ein besseres Einschätzen und die Planung des weiteren Vorgehens.27

2.2.1 Pädagogischer Umgang speziell für Eltern

Kinder mit ADHS benötigen einen strukturierten Tagesablauf, klare Regeln, eine geordnete, frei von Ablenkungen gestaltete Umgebung und sinnvolle Strukturen, um sich orientieren zukönnen. Um Überforderungen vorzubeugen sind feste Termine und Rituale, zum Beispiel für das Packen des Schulranzens und dem Zubettgehen, hilfreich. Das gemeinsame Verabre- den von Regeln ist ratsam. Wichtig hierbei, es müssen sich alle daran halten, denn Bezugs- personen sind für Kinder beispielgebend und richtungsweisend. In dem Tagesablauf eines hyperaktiven Kindes sollten stetig sowohl Möglichkeiten zur Entspannung eingebaut werden, als auch Gelegenheiten gegeben werden, ihren Bewegungsdrang ausleben zu dürfen und somit Frustrationen abzubauen. Wichtig ist, dass nicht viele Freizeitaktivitäten auf dem Wochenplan stehen, da diese zu Überforderung führen können.28

2.2.2 Pädagogischer Umgang für Erzieher und Lehrer

Gerade in pädagogischen Einrichtungen ist eine geordnete Umgebung erforderlich, damit die Kinder in ihrem Lernprozess nicht gestört und abgelenkt werden. Das Kind soll sich in seiner Umgebung wohlfühlen, deshalb ist eine sichere Bindung zu sekundären Bezugspersonen, also Erziehern oder Lehrern, wichtig. Es muss das Gefühl haben sich in seinem Umfeld aus- zukennen um Sicherheit zu entwickeln und seine Grenzen erfassen zu können. Hierfür sind klare Regeln und Strukturen erforderlich. Dies ist von großer Bedeutung, da Kinder mit ADHS ihre Welt häufig chaotisch erleben.

Bewegungsphasen sollten auch in der Schule oder Kita gezielt eingeplant werden vor allem als Ausgleich zu Konzentrationsphasen.29

Störungen dürfen nicht zu viel Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Das Kind soll mit seinem unangebrachten Verhalten nicht im Mittelpunkt stehen. Auch sollte es nicht vor ande- ren Kindern gemaßregelt werden, um es nicht bloßzustellen. Nonverbale Verhaltensformung ist eine Möglichkeit, auf unerwünschtes Fehlverhalten zu reagieren. In der Schule, bei Un- aufmerksamkeit beispielweise durch einfaches Deuten auf den Punkt im Heft an dem es weiterarbeiten soll.30 Alle Kinder haben Bereiche, in denen sie besonderes Interesse zeigen und oft überdurchschnittliches Wissen besitzen, so auch ADHS Kinder. Ein Hervorheben dieser Kenntnisse kann motivierend wirken und steigert die Lust am Lernen. Allgemein ist zu sagen, Leistungserwartungen welche an Kinder mit ADHS gestellt werden, müssen auf Einseitigkeit hin überprüft werden. Durch positive Lernerfahrungen sollten Kinder in ihren individuellen Bedürfnissen und Stärken begleitet und gefördert werden. Häufig sind die mündlichen Bei- träge hyperaktiver Kinder sehr gut und ihre schriftlichen Leistungen mangelhaft. Hier hilft es, diesen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich mündlich mehr zu beteiligen und eben diese Beiträge bei der Benotung mehr zu berücksichtigen.31

[...]


1 Vgl. Kovács, Heike et. al. 2006: Hilfe bei ADS und ADHS, S.11

2 Vgl. http://www.elternwissen.com/lerntipps/konzentration-adhs/art/tipp/adhs-symptome- sanfte-hilfen.html. Lehmhöfer, Silke: ADHS Symptome: Sanfte Hilfen, in: Elternwissen.com vom: 29.11.2015

3 Vgl. Kovács et. al. 2006, S.6

4 Vgl. http://www.adhs-ratgeber.com/adhs-hyperaktivitaet.html. o.A. Kernsymptome bei ADHS: Hyperaktivität, in: Ratgeber ADHS vom: 30.11.2015

5 Vgl. Bergmann, Wolfgang, 2010: AD(H)S in der Schule, S.17 f

6 ebd.

7 Vgl. Kovács et. al. 2006, S.35

8 Vgl. Hamburger Arbeitskreis, 2002: Leitfaden ads / adhs, S.16 ff.

9 Vgl. http://www.adhs-deutschland.de/Home/Begleitstoerungen/Die-Begleiterkrankungen- bei-ADHS.aspx. Dr Neuy-Bartmann, Astrid: Die Begleiterkrankungen bei ADHS, in: ADHS Deutschland e.V. vom: 12.12.2015

10 Vgl. Krowatschek, Dieter et. al. 2003: Das ADS-Trainingsbuch, S.15

11 Vgl. Hamburger Arbeitskreis, 2002, S.21 f.

12 Vgl. Kovács et. al. 2006, S.28 f.

13 Krowatschek et. al. 2003, S.15

14 Vgl. Hamburger Arbeitskreis, 2002, S.22

15 Vgl. Portmann, Rosemarie, 2003: ADS & Hyperaktivität auf den Punkt gebracht, S.23 f.

16 Vgl. Bergmann, 2010, S.14

17 Vgl. Hamburger Arbeitskreis, 2002, S.23 f.

18 Vgl. Kovács et. al. 2006, S.66 ff.

19 Vgl. Portmann, 2003, S.35 f.

20 Vgl. Krowatschek et. al. 2003, S.18

21 Vgl. Portmann, 2003, S.37 ff.

22 Vgl. Bergmann, 2010, S.137 f.

23 Vgl. Kovács et. al. 2006, S.75 f.

24 Vgl. Peters, Ursula, 2006: adhs, in: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, S.27

25 Bergmann, 2010, S.55

26 Vgl. Bitsch-Doll, Andrea et. al. 2012: Hyperaktivität und ADS, in: kindergarten heute, S.15

27 Vgl. Peters, Ursula, 2006, S.27

28 Vgl. Bitsch-Doll, Andrea et. al. 2012, S.15

29 ebd.

30 Vgl. Neuhaus, Cordula, o.J.: Ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom im Unterricht, S.5 f.

31 Vgl. Neuhaus a.a.O., S.10

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten zur Integration hyperaktiver Kinder in der Grundschule am Modell GBS
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V462319
ISBN (eBook)
9783668978621
ISBN (Buch)
9783668978638
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ADHS, ganztägige Betreuung an Schulen
Arbeit zitieren
Carina Albers (Autor), 2016, Möglichkeiten zur Integration hyperaktiver Kinder in der Grundschule am Modell GBS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462319

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