Die wachsende Bedeutung der Sharing-Economy und deren ökonomische Implikationen


Bachelorarbeit, 2019
43 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sharing Economy
2.1 Definition, Entwicklung und Treiber
2.2 Konzepte des kollaborativen Konsums
2.3 Geschäftsmodelle in der SE
2.4 Konsumverhalten und Nutzungsmotive
2.5 Mobilitätsentwicklungen in der Plattformökonomie

3. Analyse ökonomischer Wohlfahrtseffekte
3.1 Wettbewerbs- und Substitutionseffekte von Sharing-Plattformen
3.2 Arbeitsmarkteffekte
3.3 Nachhaltigkeit
3.4 Regulierungsperspektive

4. Fazit und Aussicht

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Übersicht über die Hauptbereiche der Sharing-Economy

Abbildung 2: Nutzungsmotive von P2P-Dienst Kleiderkreisel und Wimdu

Abbildung 3: Nutzungsmotive von flinc und Drivy

Abbildung 4: Erfahrungen befragter Personen mit anderen P2P-Diensten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In der wissenschaftlichen Literatur herrscht weitgehend Übereinstimmung in der Auf- fassung, dass das Ende des Kapitalismus kommen wird, wenn auch nur langsam, und dass die SE das bisherige Wirtschaftssystem ersetzen wird. Es gibt aber auch Stimmen, die fragen, ob eher das kapitalisiert wird, was dem Wirtschaftskreislauf bisher nicht zur Verfügung stand. Egal wer am Ende Recht behält, mit der Kernidee des gemeinschaftli- chen Konsumierens wird die Sharing Economy (SE) unser Leben von Grund auf verän- dern.1 Die Devise der SE lautet weniger „Mein“, sondern mehr „Unser“. Ressourcen und Gütern sollen in der SE intensiver und länger genutzt werden, um Effizienzsteige- rungen zu generieren. Dabei steht nicht mehr das Eigentum im Vordergrund, sondern lediglich der Zugang zu Ressourcen und Gütern. Die rasante Ausweitung der Sharing- Economy-Dienste geht mit der Entwicklung der Digitalisierung und der Verbreitung von Smartphones einher. Die Grundlage der Geschäftskonzepte von Sharing-Economy- Diensten bildet im Wesentlichen die Vermittlung von Gütern und Dienstleistungen über online-basierte Plattformen. Über diese werden Anbieter und Nachfrager direkt zusam- mengeführt, wobei zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Sharing- Plattformen unterschieden werden kann.2

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel zu überprüfen, welche ökonomischen Auswirkun- gen Plattformdienste der SE tatsächlich auf die Wirtschaft und Wohlfahrt haben. Diese Effekte werden am Beispiel von Uber, einem der größten und erfolgreichsten Plattform- Unternehmen der SE im Bereich der Transportdienstleistung analysiert und dem traditi- onellen Taximarkt gegenübergestellt.

Zu Beginn dieser Untersuchung werden die theoretischen Grundlagen der SE definiert und eingehender, um dem Leser ein für das Verständnis der vorliegenden Untersuchung unbedingt nötiges Basisverständnis zu vermitteln. In den beiden darauf aufbauenden Kapiteln wird auf den gesellschaftlichen Werte- und Einstellungswandel eingegangen, der ein wichtiger Faktor für die zunehmende Verbreitung der SE bildet. Im Hauptteil dieser Arbeit sollen durch die Auswertung der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion folgende Fragen beantwortet werden: Sind die strikten Regulierungen traditioneller Un- ternehmen im Zeitalter der SE noch zeitgemäß? Wie wird der Dienst Uber genutzt? Wird der Markteintritt neuer Transportdienste wie Uber durch Konzessionsbeschrän- kungen, Tarifpflichten etc. zusätzlich beschränkt? Welche positiven ökonomischen und ökologischen Effekte haben Vermittlungsplattformen der SE wie Uber möglicherweise auf die Wohlfahrt? Und schließlich: Was sind die Chancen und Risiken der SE?

2. Sharing Economy

2.1 Definition, Entwicklung und Treiber

„Nutzen statt besitzen“, oder „teilen anstatt haben“, das sind die Schlüsselwörter in der SE.3 Der Begriff der SE gilt als Sammelbegriff oder Überbegriff für die sogenannte Plattformökonomie, die Access Economy, die Collaborative Economy oder die Peer-to- Peer Economy, wobei diese nicht direkt als Synonyme zu verstehen sind.4

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Martin Weitzman führte im Jahre 1984 den Begriff der „SE“ in die wissenschaftliche Diskussion ein. Er hatte festgestellt, dass eine umsatzabhängige Entlohnung im Vergleich zu umsatzunabhängigen Löhnen die Arbeitslosigkeit senken und den allgemeinen Wohlstand erhöhen kann.5 Der Leitge- danke der SE hat sich inzwischen gewandelt, heute steht der gemeinschaftliche Konsum in seinem Mittelpunkt. Hierbei werden systematisch Ressourcen vermittelt, getauscht, geteilt, geliehen, vermietet oder verschenkt.6 Das Grundkonzept des Teilens ist im Prin- zip eine schon immer praktizierte Methode des Wirtschaftens7, die allerdings in frühe- ren Zeiten nur zwischen Familienmitgliedern oder Nachbarn, also unter einander ver- trauten Personen stattfand.8 Der kollaborative Konsum sowie das zeitlich begrenzte Nutzen von Ressourcen wird schon lange in der Gesellschaft in Form von z.B. Buch-, Filmverleih, Nachbarschaftshilfen, Waschsalons und Wohngemeinschaften, praktiziert.9 Der Konsument erwirbt dabei im Gegensatz zum traditionellen Konsum das Recht an dem Eigentum nur temporär. Der aus dieser Eigenart abgeleitete Begriff der „Access Economy“ bezieht sich daher vor allem auf den Zugang zu Ressourcen bei gleichzeiti- gem Verzicht auf das Eigentum.10 Der US-amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin sag- te bereits in seiner im Jahr 2000 erschienen Publikation „Access – Das Verschwinden des Eigentums“ voraus, dass für die Gesellschaft statt der Übertragung des Eigentums an Gütern der zeitlich begrenzte „Access“ (Zugriff) auf Dienstleistungen und Güter immer mehr in den Fokus rücken würde.11 Neben dem gemeinschaftlichen Teilen ist die SE auch durch diesen zentralen Wertewandel in der Gesellschaft gekennzeichnet. Danach werden zukünftig Marktransaktionen häufiger so erfolgen, dass dabei keine vollständigen Eigentumsrechte (Verfügungsrechte) mehr übertragen werden.12 Die SE kann daher eindeutig vom Erwerb von Gütern und deren Verfügungsrechten abgegrenzt werden. In der SE wird die Nutzung von Gütern oder Dienstleistungen grundsätzlich vertraglich13 und über einen bestimmten Zeitraum festgelegt.14 Der Nutzer zahlt nur für einen Gegenstand, wenn er ihn auch benutzt.15 Das Eigentum an dem genutzten Gegen- stand wird nicht vollkommen vom Markt verschwinden, sondern für einige Güter be- ständig bleiben.16 Für Jeremy Rifkin geht dieser Wertewandel einher mit immer kürze- ren Produktlebenszyklen und einer hohen Innovationsgeschwindigkeit, wodurch lang- fristig Erfahrungen und Erlebnisse mit den genutzten Gegenständen wichtiger werden als das Eigentum daran.17

Der inzwischen unbestritten wichtigste Treiber der SE ist das Internet. Durch die Ent- wicklung der Informations- und Kommunikationstechnik, von onlinebasierten Applika- tionen, dem Web 2.0, dem sogenannten „Social Web“ und den damit verbundenen neu- en Handlungsmöglichkeiten der Internetnutzer ergibt sich die Möglichkeit, Güter und Dienstleistungen schneller mit unbekannten Personen zu teilen oder gemeinsam zu nut- zen als bisher.18 Die schnelle Ausweitung des (mobilen) Internets und die Entwicklung immer leistungsfähigerer mobiler Endgeräte führten zu einer signifikanten Reduzierung von Transaktionskosten, vor allem von Informations- und Suchkosten.19 Bei Rifkin liest sich das wie folgt: „Im kommenden Zeitalter treten Netzwerke an die Stelle der Märkte, und aus dem Streben nach Eigentum wird Streben nach Zugang, Zugang auf das, was diese Netzwerke zu bieten haben.“20 Durch die Digitalisierung und die Vernetzung aller Menschen verliert nach Rifkin das Eigentum weiter an Bedeutung.21 Digitale Vermitt- lungsplattformen – oder auch „Matching-Plattformen“22 (Netzwerke) – betreiben in der SE einen zweiseitigen Markt: Als Nutzer einer Sharing-Plattform kann jeder entweder ein Angebot nutzen oder es auch selber anbieten.23 Die Plattformen vermitteln zwi- schen Produzenten und Konsumenten und vereinen diese zu sogenannten „Prosumen- ten.“24 Dabei werden die Verträge zwischen den Nutzern und Anbietern direkt über die- se Plattformen geschlossen.25

Ein wesentlicher ökonomischer Treiber der neuen Wirtschaftsform der SE war die glo- bale Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre seit 2008. Sie bewirkte einen nachhaltigen Anstieg der Zahl von Tausch- und Teilgeschäften, denn viele Menschen mussten seit- dem aus der Not heraus für sich neue Einkommensquellen generieren und ihr Konsum- verhalten verändern. Dabei wurden zuerst vor allem private Autos und Zimmer vermie- tet, typische Verdienstmöglichkeiten der heutigen SE.26 Es entstand eine Reihe heute weltweit bekannter und verbreiteter Unternehmen wie z.B. der Vermittlungsdienst U- ber, über den private Fahrer mit ihrem privaten PKW Personen befördern, oder die Vermittlungsplattform AirBnB, über die Private einander Unterkünfte vermitteln. Die Kritik am konventionellen übermäßigen Konsum und am Kapitalismus steigt seit dem Entstehen der SE kontinuierlich27, und Forderungen nach Sparsamkeit oder einem nachhaltigeren und bewussterem Konsum werden immer lauter.28

Es gibt vier Prinzipien, die die Grundlage des kollaborativen Konsums bzw. der SE bil- den. Nach Botsman und Rogers zählen dazu „Idling Capacity“, „Critical Mass“, „Belief in the Commons“ und „Trust in strangers“. Unter „Idling Capacity“ werden ungenutzte Ressourcen verstanden, wie z.B. Räumlichkeiten, Autos, Fahrräder oder Werkzeuge, aber auch Wissen, Fähigkeiten und Zeit.29 Die generelle Grundlage der SE bildet eine intensivere und effizientere Nutzung von Ressourcen, die nur selten benutzt, ungenutzt oder verschwendet werden, wie die Leerfahrten von Taxis. Weiter spielt die sogenannte kritische Masse, die „Critical Mass“ eine wichtige Rolle in der SE. Auf online-basierten Sharing-Plattformen muss ein ausreichendes Angebot vorhanden sein, damit diese überhaupt funktionieren und potentielle Nutzer einen Anreiz haben, diese zu nutzen.30 „Belief in the Commons“ schließlich bezeichnet den Glauben an das gemeinsame Gut, das für alle Menschen frei zugänglich ist.31 Zum gemeinsamen Gut zählen Dinge wie Straßen, Parks, öffentliche Gebäude, Luft, Wasser, Wissen, Kultur und Sprache. Bei deren Nutzung kann jedoch ein Konflikt entstehen, wenn jeder nur eigennützig han- delt. Effektivitätsnachteile können sich z.B. im Verkehr ergeben, wenn jeder den ver- meintlich schnellsten Weg über die Autobahn nimmt, um von A nach B zu kommen, wodurch die Autobahn wegen der dann zu hohen Verkehrsdichte für keinen Nutzer mehr die schnellste Alternative ist. Der Grundgedanke, dass von der Ressourcenteilung die Allgemeinheit profitiert, muss noch weiter zunehmen und adaptiert werden, damit das „Belief in the Commons“ gelingt. Hinz beschreibt diese Funktionsweise als „the growing significance of commmunity“.32 Das gemeinsame Teilen von Ressourcen er- zeugt „Win-Win-Situationen“, und jedes Individuum kann für die Gesellschaft einen Mehrwert schaffen.33

Unter den vier Prinzipien der SE nimmt das vierte Prinzip „Trust in Strangers“, das Ver- trauen in Fremde, eine Schlüsselrolle ein. Dieses Grundvertrauen ist unersetzlich für das Funktionieren von P2P-Plattformen, auf denen anonyme Nutzer unmittelbar miteinan- der in Kontakt treten.34 Grundsätzliches Misstrauen kann eine unüberwindbare Barriere für die Nutzung derartiger Plattformen sein. Es ist daher auch für die Betreiber dieser Plattformen wichtig, Vertrauen unter ihren Nutzern aufzubauen und Verbindlichkeit zu generieren.35 Die für die SE inzwischen wesentlichen Wirtschaftsbereiche und die be- kanntesten dort handelnden Unternehmen zeigt die folgende Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Übersicht über die Hauptbereiche der Sharing-Economy

2.2 Konzepte des kollaborativen Konsums

Die SE wird in dieser Arbeit in drei Modelle gegliedert, die sich in ihrer Art des Teilens von Konsum unterscheiden. Dabei folgt der Autor Botsman und Rogers, zwei der aner- kanntesten Wissenschaftler zum Thema „kollaborativer Konsum“. In ihrer Publikation „What`s Mine Is Yours – How Collaborative Consumption Is Changing The Way We Live“ (2011) erarbeiteten sie zur konkreten Entwicklung des Ko-Konsums drei Kern- konzepte: „Product-Service-Systems“, „Redistribution-Markets“ und „Collaborative lifestyles“.36 37

Das erste Konzept der Produkt-Dienstleistungssysteme (PPS) erfasst das professionali- sierte Angebot in der SE, wie z.B. Verleihsysteme oder Carsharing, und das Teilen von selten genutzten oder kostenintensiven Gegenständen.38 PPS bilden mit ca. 50% den größten Anteil in der SE.39 In diesem Konzept geht es vor allem statt um Besitz um den Zugang zu Ressourcen, der seinen Nutzern durch SE ermöglicht wird. Dabei kann das Verleihen oder Vermieten von Dingen zum einen durch Privatanbieter (Peer-to-Peer) aber auch durch Unternehmen (B2B und B2C) erfolgen. Mit SE befreit sich der Nutzer von teilweise hohen Anschaffungskosten und spart gleichzeitig zukünftige Instandhal- tungs- Wartungs-, Versicherungs- und Reparaturkosten. Aufgrund der intensiveren Nut- zung vorhandener Produkte werden bei SE gleichzeitig sowohl Ressourcen als auch die Umwelt geschont. Als Zusatzeffekt kann das durch SE eingesparte Geld in andere Le- bensbereiche investiert werden, wie Reisen, Kinder, Hobbys etc.40

Der Redistributionsmarkt ist vor allem gekennzeichnet durch das entgeltliche oder un- entgeltliche Kaufen, Verkaufen und Tauschen von gebrauchten Gütern, wobei das rechtliche Eigentum an diesen Gütern übertragen wird.41 Redistributionsmärkte stellen mit 38% den zweitgrößten Anteil in der SE.42 In diesem Konzept werden, wie beim PPS, zum Zweck der Verlängerung der Produktlebenszyklen allgemein die Umwelt und Ressourcen geschont, da weniger neu konsumiert und weniger Abfall produziert wird.43 Bekannte Plattformen für Redistributionsmärkte sind bspw. Kleiderkreisel und eBay (Online) oder Second-Hand-Shops und Flohmärkte (Offline).44 Auf diesen Plattformen herrscht eine große Produktvielfalt, dort werden Kleidungstücke, Fahrräder, Bücher, Accessoires und vieles mehr angeboten,45 jedoch erfüllt dieses Konzept nicht den Grundgedanken der SE „Nutzen statt Besitz“, da die Güter hier grundsätzlich ihren Ei- gentümer wechseln.

Als innovatives Konzept der SE gilt der kollaborative Lebensstil. Dabei üben Men- schen mit ähnlichen Interessen einen gemeinschaftlichen Konsum aus.46 Diese Form des Konsums sieht Heinrichs im engeren Zusammenhang mit dem Peer-to-Peer-Modell.47 Der Austausch findet sowohl auf lokaler Ebene (Essen, Güter, Gärten, Bücher, Park- plätze etc.) als auch – aufgrund der Digitalisierung – auf globaler (besonders Unterkünf- te) Ebene statt.48 Ökologische Aspekte und zwischenmenschliche Erfahrungen stehen dabei im Vordergrund.49 Das erfordert sehr viel Vertrauen unter den Sharing-Nutzern, da nicht der geteilte Gegenstand, sondern neue Bekanntschaften den Kern des Teilens bilden. Namhafte kollaborative Sharing-Plattformen sind für Unterkünfte z.B. Airbnb und Couchsurfing, für die Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten BlaBlaCar.50

2.3 Geschäftsmodelle in der SE

In der SE existieren verschiedene Handelsbeziehungen zwischen Handelspartnern, die im Folgenden näher vorgestellt werden sollen. Es gibt hier einige Sharing-Plattformen, die nach dem Business-to-Business (B2B) Prinzip handeln, andere bieten ihre Angebote nach dem Business-to-Consumer (B2C), dem Customer-to-Business(C2B) oder dem Peer-to-Peer (P2P) Konzept an.51 Dabei unterscheiden sich die Angebote in ihrer Art und ihren Preismodellen. In sozialen Bereichen, in denen vor allem Aspekte wie Um- weltschutz und Nachhaltigkeit von Bedeutung sind, wird die Dienstleistung häufig kos- tenfrei angeboten. In der Regel finanziert sich jedoch der Großteil der Plattformen und Angebote über unterschiedliche Preismodelle, oftmals in Form einer zeitabhängigen Vergütung und einer Vermittlungsprovision.52 Die P2P-Modelle machen nach Müller und Schubert mit 70% den Großteil in der SE aus.53

P2P-Plattformen sind die innovativste Form der SE, sie bilden daher den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit, und zwar am konkreten Beispiel des Fahrdienstleisters Uber. Onlinebasierte-Plattformen wie Uber dienen als intermediär, sie führen private Anbieter und private Nachfrager zusammen. P2P-Plattformen senken die Transaktionskosten erheblich und weisen hohe Skalenerträge auf. Die variablen Kosten für Vermittlungs- plattformen liegen nahezu bei null, jedoch sind die Anfangsinvestitionen für den Auf- bau dieser Applikationen sehr hoch.54 Der Kerngedanke hierbei ist es, privates Eigen- tum für andere Privatpersonen zum temporären Gebrauch zur Verfügung zu stellen, oder eine private Dienstleistung anzubieten. Beides kann entweder entgeltlich oder un- entgeltlich erfolgen. Die Nutzer dieser Plattformen stehen also im direkten Austausch zueinander,55 und deren Betreiber dienen dabei lediglich als Mittler zwischen ihnen. Jedes Mitglied der Plattformen kann einen Mehrwert schaffen und Güter oder Dienst- leistungen sowohl anbieten als auch beanspruchen.56 Dabei besteht generell die Mög- lichkeit, beim Anbieten über Miet- oder Bereitstellungsgebühren auch Einkommen zu generieren, wie bspw. beim privaten Ride-Sharing. Beim Ride-Sharing werden über Uber private Fahrer mit ihrem eigenen PKW für Fahrdienstleistungen vermittelt. Ur- sprünglich dienten P2P-Plattformen zum Austausch von Daten wie z.B. Musikfiles auf Napster.57 In einer zweiten Entwicklungsstufe erfolgte über sie der Handel von Gütern z.B. über eBay, und in einer späteren Entwicklungsstufe wurden auch Dienstleistungen, Wissen und Fähigkeiten über Online-Plattformen ausgetauscht.58

Im B2C-Modell sind die Unternehmen kommerzielle Anbieter und Eigentümer der an- gebotenen Güter. Diese werden potenziellen Nutzern temporär gegen ein Entgelt zur Nutzung angeboten.59 Im Gegensatz zum P2P-Konzept handelt es sich beim B2C- Modell um ein rein profitorientiertes Konzept, wie beim Carsharing-Dienst DriveNow. Im C2B-Konzept stellen dagegen mehrere Individuen einem Unternehmen oder einer Organisation eigene Mittel zur Verfügung, meistens Geld. Crowdfundings sind ein be- kanntes Beispiel hierfür. Beim Prosuming können Personen ihre Fähigkeiten und Wis- sen bspw. in die Produktionsentwicklung einfließen lassen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der B2B-Sektor in der SE aktuell noch eher ge- ring vertreten ist. Unternehmen teilen sich bei diesem Modell entgeltlich Ressourcen wie z.B. Maschinen, Internetserver oder Räumlichkeiten. Für letzteres sind vor allem „Co-Working-Spaces“ ein Beispiel.60 Bei dieser Art des Teilens steht das Tauschen von Ressourcen hinsichtlich Fläche, Zeit, Geld und Fähigkeiten im Mittelpunkt.61 Neben dem P2P-Modell ist das B2B-Modell der zweite große Faktor im SE.62.

2.4 Konsumverhalten und Nutzungsmotive

Die Motive für die Nutzung alternativer Besitz- und Konsumformen für P2P-Sharing- Dienste sind unterschiedlich. Es liegen inzwischen einige Studien zu den Charakteristi- ka, den Entwicklungen und möglichen Auswirkungen in dieser Wirtschaftsform vor, es mangelt aber an belastbaren empirischen Untersuchungen über das tatsächliche Nut- zungs- und Konsumverhalten.63 Scholl und andere versuchen, diese Lücke mit ihrer aktuellen empirischen Untersuchung, zu schließen. Sie befragten dazu NutzerInnen der kommerziellen P2P-Sharingplattformen „Drivy“ (privates Autoteilen), „flinc“ (Mitfahr- gelegenheiten), „Kleiderkreisel“ (Kleider-Sharing) sowie „Wimdu“ (Apartment-Sharing ähnlich wie Airbnb). Der Fokus ihrer Befragung richtete sich auf die Motive für die Nutzung der genannten Plattformen. Ergänzend dazu fragten sie auch nach den Einstel- lungen und Bewertungen der NutzerInnen und untersuchten die potentiellen Übertra- gungs-Effekte gegenüber P2P-Plattformen. Dabei wurden sowohl Peer-Anbieter als auch Peer-Konsumenten befragt. Für Kleiderkreisel wurden 4.433 NutzerInnen befragt, darunter 97% Frauen, für Wimdu 1.637, darunter 54% Frauen, für flinc 1.035, darunter 34% Frauen und für Drivy 844, mit einem Frauenanteil von 33%. Das durchschnittliche Alter der befragten NutzerInnen lag zwischen 23 und 47 Jahren.

Die Ergebnisse der Befragungen spiegeln die folgenden drei Abbildungen. Sie zeigen, dass ökonomische Nutzungsmotive, das heisst das Nutzen der Plattformen mit dem Ziel, „Geld zu sparen“ (Peer Konsument) und das Nutzen, um „Geld zu verdienen“ (Peer- Provider) bei den Plattformen Kleiderkreisel, Wimdu und Drivy, eine große Bedeutung haben. Die folgende Abbildung 2 zeigt die am häufigsten genannten Nutzungsmotive der Plattformen Kleiderkreisel und Wimdu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Nutzungsmotive der P2P-Dienste Kleiderkreisel und Wimdu64

Diese Nutzungsmotive korrelieren stark mit den in der folgenden Abbildung 3 gezeigten Motiven der Plattformen flinc und Drivy:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Nutzungsmotive von flinc und Drivy

Um mögliche sogenannte Übertragungseffekte ermitteln und nachweisen zu können, wurden die befragten NutzerInnen nach ihren Erfahrungen mit anderen P2P-Diensten befragt. Das Ergebnis dieser Befragung zeigt die folgende Abbildung 4:65

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Erfahrungen befragter Personen mit weiteren P2P-Diensten

Festhalten lässt sich aus der Befragung, dass neben rein finanziellen Motiven wie „Geld sparen“ und „Geld verdienen“ auch ökologische Motive wie „die Umwelt schonen“ und „Ressourcen besser nutzen“ eine wichtige Rolle bei der Nutzung von P2P-Plattformen spielen. Rein soziale Motive rangieren allerdings generell weit hinter den bereits ge- nannten Nutzungsmotiven, mit Ausnahme von Wimdu, wo sie vor allem bei den Peer- Providern einen etwas höheren Mittelwert erreichen.66

[...]


1 Vgl. Rifkin (2014), S. 1ff.

2 Vgl. Scholl et al. (2015), S. 21.

3 Vgl. Eichhorst/Spermann (2015), S. 4.

4 Vgl. Böckmann (2013), S. 2.

5 Vgl. Weitzmann (1984), S. 96ff.

6 Vgl. Kaup (2013), S. 4.

7 Vgl. Solmecke/Lengersdorf (2015), S. 493.

8 Vgl. Belk (2007), S. 125ff.

9 Vgl. Sikorska/Grizelj (2015), S. 503.

10 Vgl. Kaup (2013), S. 4.

11 Vgl. Rifkin (2014), S. 338ff.

12 Vgl. Bardhi/Eckhardt (2012), S. 881.

13 Vgl. Brühl (2015), S. 141ff.

14 Vgl. Kaup (2013), S. 8.

15 Vgl. ders., S. 50.

16 Vgl. Botsman/Rogers (2010), S. 98.

17 Vgl. Rifkin (2000), S. 13, S. 15, S. 34.

18 Vgl. Zentes et al. (2013), S. 4.

19 Vgl. Demary (2015), S. 4ff.

20 Vgl. Rifkin (2000), S. 13.

21 Vgl. Rifkin (2014), S. 9.

22 Vgl. Sikorska/Grizelj (2015), S. 507.

23 Vgl. Andersson et. al. (2013), S. 3.

24 Vgl. Rifkin (2014), S. 198.

25 Vgl. Hinz (2014), S. 17.

26 Vgl. Solmecke/Lengersdorf (2015), S. 493ff.

27 Vgl. Heinrichs (2013), S. 104.

28 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 32.

29 Vgl. Botsman/Rogers (2010), S. 75ff.

30 Vgl. Botsman/Rogers (2010), S. 83ff.

31 Vgl. Botsman/Rogers (2010), S. 88f.

32 Vgl. Hinz (2014), S. 16.

33 Vgl. ders., S.16 und Botsman/Rogers (2010), S. 90f.

34 Vgl. Botsman/Rogers (2010), S. 91.

35 Vgl. Hinz (2014), S. 16.

36 Vgl. Eichhorst/Spermann (2015), S. 4.

37 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 71ff.

38 Vgl. Heinrichs/Grunenberg (2012), S. 4, und Müller/Schubert (2014), S. 32f.

39 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 32.

40 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 72ff.

41 Vgl. Heinrichs/Grunenberg (2012), S. 4 und Kaup (2013), S. 7.

42 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 33.

43 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 72f.

44 Vgl. Heinrichs/Grunenberg (2012), S. 4

45 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 72.

46 Vgl. Heinrichs/Grunenberg (2012), S. 4.

47 Vgl. Heinrichs (2013), S. 103 und Müller/Schubert (2014), S. 33.

48 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 73.

49 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 33.

50 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 72 f.

51 Vgl. Kaup (2013), S. 5 f.

52 Vgl. Schneider (2013), S. 5.

53 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 33.

54 Vgl. Eichhorst/Spermann (2015), S. 6.

55 Vgl. Clement (2015), S. 953.

56 Vgl. Kaup (2013), S. 5f.

57 Vgl. Andersson et al. (2013), S. 3.

58 Vgl. Kaup (2013), S. 6.

59 Vgl. ders., S. 6.

60 Vgl. Heinrichs/Gruneberg (2012), S. 4f.

61 Vgl. Müller/Schubert (2014), S. 33.

62 Vgl. Botsman/Rogers (2011), S. 72 f.

63 Vgl. Scholl/Gossen (2017), S. 2f.

64 Abbildung aus Scholl/Gossen (2017), S. 4.

65 Abbildung aus Scholl/Gossen (2017), S. 4.

66 Abbildung aus Scholl/Gossen (2017), S. 6.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die wachsende Bedeutung der Sharing-Economy und deren ökonomische Implikationen
Hochschule
Universität zu Köln  (WiSo)
Veranstaltung
Finance
Note
2,3
Jahr
2019
Seiten
43
Katalognummer
V462336
ISBN (eBook)
9783668932104
ISBN (Buch)
9783668932111
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sharing Economy, Shareeconomy, Platformeconomy, Teilen, sharing
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die wachsende Bedeutung der Sharing-Economy und deren ökonomische Implikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462336

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