Thomas Hobbes und der Realismus der Internationalen Beziehungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thomas Hobbes
2.1. Erkenntniskonzeption
2.2. Leviathan
2.2.1. Naturzustand und Menschenbild nach Hobbes
2.2.2. Der Vertrag

3. Die politische Strömung des Realismus
3.1. Der weltweite Naturzustand
3.2. Das Sicherheitsdilemma
3.3. Der Welt-Leviathan als Lösungsansatz

4. Hobbes Einfluss auf den Realismus im aktuellen Kontext

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen und gilt als zentrale Aufgabe eines Staates. Internationale Beziehungen dienen dazu, Konflikte in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, aber vor allem in politischer Hinsicht zu erfassen und zu kontrollieren.

Im Zuge der Globalisierung gewannen die internationalen Beziehungen immer mehr an Bedeutung. Im Bildungsbereich wächst die Anzahl der internationalen Austauschprogramme. Immer mehr Schülerinnen und Schüler bewegen sich in transnationalen Bildungsräumen und auch die Lehrpläne passen sich dem Wandel an (Reding, 2003). Im Wirtschaftsbereich wächst die Anzahl der Vernetzungen verschiedener Märkte und die internationalen Wirtschaftsbeziehungen entwickeln sich rasant (Bundeszentrale für politische Bildung , 2008).

Dagegen zeigt jedoch das Konfliktbarometer 2017 des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung auf, dass die Zahl der Kriege weltweit gestiegen ist. Ende 2017 waren über 68 Millionen Menschen auf der Flucht – das ist die bislang höchste, durch den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen festgestellte Flüchtlingszahl (Heidelberger Institute for International Conflict Research, 2017).

Diese Diskrepanz zwischen politischer Realität und der Sehnsucht des einzelnen nach Sicherheit, Friede, Freiheit und Besitz ist auf den ersten Blick nicht zu erklären, existieren doch auch im Bereich der Politik weitreichende internationale Beziehungen.

In den zurückliegenden Jahrhunderten haben sich Philosophen und Politikwissenschaftler damit beschäftigt, in welcher Form Menschen zusammenleben können und hierbei insbesondere damit, was ein Staat ist, welche Aufgaben er hat und wie er diese wahrnehmen kann. Einer der wichtigsten Staatstheoretiker seiner Zeit war Thomas Hobbes. Seine Ideen und Gedankenmodelle flossen zu großen Teilen in den Realismus als politische Strömung (Heisterhagen, 2013).

Ob und inwieweit die internationalen Beziehungen von Hobbes´ Theorien tatsächlich beeinflusst werden, soll mit dieser Hausarbeit untersucht werden.

2. Thomas Hobbes

Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) erlebte im Laufe seines Lebens unter anderem den englisch-spanischen Krieg (1585-1604) und den Kampf gegen die Pest (Partschefeld & Amend). Der 1642 ausgebrochene englische Bürgerkrieg, welcher mit der Enthauptung Karl II. 1649 seinen Höhepunkt fand und die Abschaffung der Monarchie zur Folge hatte, versetzte die Gesellschaft in Aufruhr; es musste schnellstmöglich eine neue Staatsform etabliert werden (Schröder, 2010). Hier setzte Hobbes an und stellte sich die Frage, wie ein Staat die Sicherheit seiner Bürger bestmöglich sicherstellen könne. Seine Gedanken hierzu fasste er in seinem Werk „Leviathan or The Matter, Forme and Power of a Common Wealth Ecclesiasticall and Civil” zusammen. Es erschien 1651, zwei Jahre nach Ende des Bürgerkrieges (Partschefeld & Amend).

Um Hobbes´ Theorie besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, zuerst deren Entstehung zu betrachten.

2.1. Erkenntniskonzeption

Bei seiner Erkenntniskonzeption arbeitet Hobbes von der Materie ausgehend. Um den Untersuchungsgegenstand – bei Hobbes ist das der Staat – in seine Einzelteile zu zerlegen, verknüpft er drei Untersuchungskomponenten: Analyse, Erforschung der Beschaffenheit der Grundbausteine und Studium des Aufbaus des komplexen Untersuchungsgegenstandes. Erste überspringt Hobbes in seiner Ausführung; doch er geht von ihrer Richtigkeit aus, um den Rest seiner Anthropologie und seine weiteren philosophischen Betrachtungen zulassen zu können.

Bei der Analyse wird der Staat in seine nicht weiter reduzierbaren Bestandteile zerlegt. Dafür ist ein Gedankenexperiment notwendig: der Staat wird aus dem menschlichen Leben herausgenommen. Zuerst alle Institutionen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse ordnen (= der äußere Staat), und anschließend alle Faktoren, die das Denken der Menschen beeinflussen und seine Überzeugungen und Erwartungen formen (= der innere Staat). Das, was übrigbleibt, ist der natürliche Mensch.

Bei der Erforschung der Beschaffenheit der Grundbausteine beschreibt Hobbes den natürlichen Menschen, denn die Eigenschaften und Verhaltensweisen des Ganzen sind durch die Eigenschaften und Verhaltensweisen seiner Teile bestimmt. Der Mensch, den Hobbes beschreibt, hat noch nie existiert und wird in dieser Form auch nie existieren. Um seine weiterführenden Gedanken zu legitimieren ging Hobbes jedoch davon aus, dass jeder, der sein Gedankenexperiment durchführt, ebenfalls zum Bild dieses natürlichen Menschen gelangt.

Im letzten Schritt, dem Studium des Aufbaus des komplexen Untersuchungsgegenstandes, wird deutlich gemacht, wie und warum Menschen sich zu einem Staat zusammenschließen und welche Verfassungsstruktur daraus erwächst (Kersting, 1994). Verfassungsstruktur meint dabei die „geschriebenen oder ungeschriebenen grundlegenden Rechtssätze über Organisation und Funktionsweise der Staatsgewalt und die Rechtsstellung des Einzelnen“ (Bundeszentrale für politische Bildung)

2.2. Leviathan

2.2.1. Naturzustand und Menschenbild nach Hobbes

„[…] [D]ie Menschen [befinden sich] während der Zeit, in der sie ohne eine allgemeine, sie alle im Zaum haltende Macht leben, […] in einem Zustand […], der Krieg genannt wird, und zwar in einem Krieg eines jeden gegen jeden.“ (Hobbes, Leviathan, 1987). So definiert Thomas Hobbes den Naturzustand, mit dem er seine Staatstheorie beginnt. Es handelt sich um eine gesetzlose Welt ohne staatliche Ordnung in der - ähnlich wie im Bürgerkrieg - jeder gegen jeden kämpft. Dort gelten lediglich die sogenannten natürlichen Gesetze, die nach Hobbes dem Selbsterhalt der Menschen dienen. (Kersting, 1994). „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, wie Hobbes bereits 1642 in seinem Werk „De Cive“ mit der Formulierung „homo homini lupus“ feststellt (Hobbes, Elementa Philosophica de Cive, 1657). Jeder Mensch ist also zuerst auf die Sicherstellung der eigenen Interessen bedacht. Nach Hobbes führt dieses Streben nach Selbsterhaltung zu einem unausweichlichen Konflikt zwischen den Menschen. Sie treten miteinander in einen Wettbewerb und kämpfen um den Zugang zu im anarchischen Zustand beschränkten Ressourcen (Hobbes, Leviathan, 1987).

Eine anarchische Gesellschaft wird dabei definiert als eine „Gesellschaft, in der Anarchie herrscht; sie ist eine Gesellschaft, in der niemand das Sagen hat. Hier gibt es keine staatliche Gewalt und keine gewählten Volksvertreter in einem Parlament. Es gibt auch keine Monarchie oder irgendeine sonstige Herrschaftsform“ (Schneider & Toyka-Seid, 2017).

Diejenigen, die in dieser Situation skrupellos genug sind, um andere Menschen präventiv und hinterhältig anzugreifen, haben den größten Vorteil. So müssen die Menschen im Naturzustand ständig misstrauisch sein und mit dem Schlimmsten rechnen, denn auf die Friedfertigkeit der anderen zu vertrauen wäre irrational. Eine friedliche Koexistenz im Naturzustand schließt Hobbes aus (Hobbes, Leviathan, 1987). Das Leben im anarchischen Naturzustand ist „einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz“ (Hobbes, Leviathan, 1987, S. 96).

Viele der Aussagen von Hobbes implizieren ein negatives Menschenbild. Für Hobbes liegt die Ursache für den Kriegszustand jedoch nicht darin, dass der Mensch von Natur aus boshaft ist. Vielmehr sieht er die Wurzel für die drei Konfliktursachen Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht darin, dass im Naturzustand keine Normen des Guten und Bösen gelten. Das Leben im Naturzustand ist mit permanenter Angst und Gefahr verbunden.

Hobbes sieht den Menschen als triebgesteuertes Wesen. Der bereits erwähnte Selbsterhaltungstrieb ist eng verbunden mit dem Machttrieb, denn Macht gibt Sicherheit und Kontrolle über andere.

Des Weiteren spricht Hobbes von einer natürlichen Gleichheit. Für ihn sind die Menschen alle gleich begabt. Er verkennt dabei nicht, dass die Menschen mit unterschiedlichen geistigen und körperlichen Fähigkeiten ausgestattet sind, sondern betont, dass es der Geist ist, der die körperlichen Schwächen ausgleichen kann. „Denn was die Körperstarke betrifft, so ist der Schwächste stark genug, den Stärksten zu töten - entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen, die sich in derselben Gefahr wie er selbst befinden“ (Hobbes, Leviathan, 1987, S. 94).

2.2.2. Der Vertrag

Hobbes führt sein Gedankenexperiment mit einem Gesellschaftsvertrag weiter und betont die Notwendigkeit einer Staatsgründung als Folge des Naturzustandes. Der Mensch soll einsehen, dass sein Verhalten zu einem ewigen Kriegszustand führt und somit nicht mit dem Anspruch auf Selbsterhalt übereinstimmt. Die Menschen streben nach Sicherheit und kommen zu der Einsicht, „dass die Triebe und Seelenregung der Menschen von irgendeiner Macht in Schranken gehalten werden müssen, weil die Menschen sich sonst gegenseitig bekämpfen und bekriegen würden“ (Hobbes, Grundzüge der Philosophie. Vom Körper, vom Menschen, vom Bürger, 2017). Diese Erkenntnis treibt die Menschen an, ihr Recht auf alles, welches sie im Naturzustand zwangsweise haben, aufzugeben und einen Souverän dazu zu verpflichten, dem Einzelnen Schutz zu bieten und das Leben zu sichern. Es wird also ein Gesellschaftsvertrag mit einem Souverän auf freiwilliger Basis geschlossen, um den von Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägten Naturzustand zu überwinden. Die Machtmittel des Souveräns sind nahezu grenzenlos, so lange er für Sicherheit sorgt. Ein Widerstandsrecht gegenüber dem Souverän ist nur erlaubt, wenn dieser die Sicherheit der Menschen nicht mehr garantieren kann (Hobbes, Leviathan, 1987). Hobbes definiert das Wesen des geschlossenes Staates (civitas) als „eine Person […], bei der sich jeder einzelne einer großen Menge durch gegenseitigen Vertrag eines jeden mit jedem zum Autor ihrer Handlungen gemacht hat, zum dem Zweck, daß sie die Stärke und Hilfsmittel aller so, wie sie es für zweckmäßig hält, für den Frieden und die gemeinsame Verteidigung einsetzt“ (Hobbes, Leviathan, 1987, S. 134f).

3. Die politische Strömung des Realismus

Thomas Hobbes Überlegungen beziehen sich primär auf die nationale Ebene, wobei die Feststellung des Krieges aller gegen alle auch auf die internationale Politik übertragbar ist (Heisterhagen, 2013).

Der politische Realismus ist eine Denkschule aus dem Bereich der internationalen Beziehungen und entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Protestbewegung zum Idealismus (Masala, 2005). Nach den zwei Weltkriegen gewann die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung der Staaten an Bedeutung (Lehmkuhl, 2001).

Hans Joachim Morgenthau (1904-1980) entwarf mit seinem Werk „Politics Among Nations“ als einer der ersten einen systematischen Gegenentwurf zum Idealismus und berief sich bei der Entwicklung des klassischen Realismus u.a. auf die politischen Theorien von Thomas Hobbes. Er sah den Ursprung der Politik in der menschlichen Natur. Sein Menschenbild ist – ähnlich wie bei Hobbes – von Selbsterhaltungs- und Machttrieb bestimmt. (Rohde, 2004).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Thomas Hobbes und der Realismus der Internationalen Beziehungen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V462395
ISBN (eBook)
9783668906419
ISBN (Buch)
9783668906426
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische Theorie, internationale Beziehungen, Realismus, Thomas Hobbes, Hobbes, Hausarbeit, Masterarbeit, Seminararbeit, Politik, Theorie
Arbeit zitieren
Julia Kunz (Autor), 2018, Thomas Hobbes und der Realismus der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462395

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