Rezeptionsästhetische Analyse der Angst und des Angstkranken in "Angst 2" von Elfriede Jelinek


Hausarbeit, 2018
14 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Rezeptionsästhetischer Ansatz

3. Analyse von „Angst 2“
3.1. Definition der Angst aus verschiedenen Perspektiven
3.2. Sprachliche Analyse von „Angst 2“
3.3. Autobiografischer Bezug
3.4. Medialität bei „Angst 2“
3.5. Gesellschaftskritik bei „Angst 2“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

«Ich habe natürlich Angst. Ich bin jetzt fast 70, und ich denke jeden Tag an den Tod. Ich würde sogar sagen, dass Angst mich definiert, und nicht nur die vor der Zukunft, die ja nicht mehr sehr lang sein wird, was mich betrifft.»1 - Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart. Sie schreibt über jegliche Themen der Menschheit, z.B. über Politik, Kapitalismus, Kinderarbeit, Mode, Sexualität, Feminismus, Religion, Antisemitismus, Naturkatastrophen, Gefühle, etc.2

Der Höhepunkt ihres Erfolges war die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahre 2004.3 Sie nahm den Preis nicht persönlich entgegen, weil sie sich aus Angst nicht in die Öffentlichkeit begeben wollte. Mit ihrer Angsterkrankung geht sie offen um, indem sie darüberschreibt und spricht.4 Im einleitenden Zitat geht sie soweit, dass sie sagt, dass Angst sie definiert.

Durch ihren offenen Umgang mit ihrer Vergangenheit in ihren Werken, gewährt sie den Lesern einen Einblick in ihre Kindheit und Jugendzeit.

Es ist bekannt, dass Elfriede Jelinek keine glückliche Kindheit verbracht hat. Sie litt unter dem Druck ihrer Mutter, denn sie erzog ihre Tochter zu einem Wunderkind, welches verschiedene Instrumente spielen sollte. „Mit sieben Jahren hatte ich schon einen ausgefüllten Tag. Neben der Schule habe ich ein komplettes Musikstudium absolviert. Mein Tag war verplant von sechs Uhr früh bis zehn Uhr abends.“5 Jelinek litt nicht nur unter einer dominanten Mutter, sondern auch unter einem dementen und psychisch labilen Vater. Unter dem ganzen Druck isolierte sich Jelinek und hatte mehr und mehr Angst vor der Außenwelt. Ihr Studium der Kunstgeschichte/Theaterwissenschaften hat sie wegen Angstzuständen abgebrochen. Ein Jahr lang isolierte sie sich und verblieb nur zu Hause. Genau in dieser Zeit fing sie an zu schreiben.6 Anscheinend bewegt bzw. motiviert dieser Gefühlszustand einen Menschen.7

Schließlich ist das Gefühl Angst auch ein „aktuelles“ Gefühl, welches ihren Niederschlag in der Literatur wiederfindet.8 Nicht umsonst wird unsere Zeit als Zeitalter der Angst bezeichnet.9 Es gibt Verschiedenes, wovor der Mensch Angst hat. Man findet lange Listen von Phobien, bei denen die Phobien alphabetisch sortiert sind.10 Nach dieser Erkenntnis verwundert es nicht, dass Elfriede Jelinek Angst hat und dies in ihren Werken verarbeitet.

In der mir vorgelegten Arbeit werde ich die Thematisierung der Angst aus der rezeptionsästhetischen Sicht analysieren. Dazu habe ich den Text "Angst 2" von Elfriede Jelinek ausgewählt. Ich habe mich für das Thema "Angst" deshalb entschieden, weil es einerseits menschlich ist Angst zu haben11 und weil es andererseits eine universale Emotion ist.12 Meistens möchte man das Gefühl der Angst vermeiden oder verdrängen, hier in diesem Beispiel werden wir mit diesem Gefühl konfrontiert. Hierbei hoffe ich mir einerseits zu untersuchen, inwieweit die Autorin es schafft ein abstraktes Gefühl zu beschreiben und wie es beim Leser ankommt. Andererseits interessiert mich auch die mögliche autobiografische Verbindung zum Text.

Dafür wird zunächst der rezeptionsästhetische Ansatz vorgestellt. Dann wird der Text „Angst 2“ zusammengefasst und in einem weiteren Schritt wird das Gefühl Angst aus verschiedenen Perspektiven definiert. Anschließend wird „Angst 2“ sprachlich analysiert. Bei der sprachlichen Analyse liegt der Fokus bei der Wiederholung und Negation, da sie sehr häufig im Text vorkommen. Um den Text besser zu verstehen wird in einem weiteren Schritt der autobiografische Bezug hergestellt. Als letzte Punkte werden die Medialität und die Gesellschaftskritik in „Angst 2“ herausgearbeitet. Die Arbeit wird mit einem Fazit beendet, worin die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst werden.

2. Rezeptionsästhetischer Ansatz

„Der Rezipient erwartet eine Botschaft und wird mit einer Attacke auf den Erwartungshorizont konfrontiert.“13

Die Rezeptionsästhetik ist ein literarisch-theoretischer Ansatz, der Ende der 1960er Jahre durch die Konzentration auf die Rolle des Lesers, entstand. Sie konzentriert sich auf die Wirkungen von literarischen Werken auf den Leser. Wichtige Vertreter dieses Ansatzes sind u.a. H.R. Jauß und W. Iser. Nach Jauß liefern die Erwartungshorizonte den Lesern die notwendigen Wertmaßstäbe zur Beurteilung literarischer Werke. Diese Erwartungshorizonte der Leser können sich mit der Zeit ändern, also kann die Bedeutungen der Texte ebenfalls einen Wandel erfahren. Also hat ein Text keine endgültige Bedeutung. Diese Ansicht vertritt auch W. Iser. Nach Iser wird der reale, historische Leser die Unbestimmtheiten eines Textes nur aus seinem historischen Erwartungshorizont heraus konkretisieren können.14 Also entsteht die Bedeutung eines Textes zum einen während des Lesens und zum anderen kann er sich von Leser zu Leser unterscheiden. Jeder Leser hat eine andere Erwartungshaltung an einen Text, die sich auch wiederrum verändern kann. Letztendlich bleibt die Wirkung eines Textes dynamisch. Mit diesem theoretischen Hintergrund wird nun die Wirkung von „Angst 2“ untersucht.

Es ist aus der Metaebene interessant zu reflektieren, mit welcher Lesehaltung man als LeserIn an einen Text rangeht. Auch ist es interessant zu sehen, was für eine Auswirkung z.B. eine Überschrift auf die Erwartungshaltung hat. Das oben ausgeführte Zitat fasst die Leserreaktion auf ein Jelinek-Text zusammen. Im Grunde genommen trifft die Leserreaktion auch auf „Angst 2“ zu. Yasmin Hoffmann spricht in ihrem Buch: „Elfriede Jelinek. Sprach- und Kulturkritik am Erzählwerk“ vom Widerstand, auf der man bei der Rezeption der Texte stoße. Im Bewusstsein oder Unbewusstem des Lesers wären Widerstände angesiedelt.15 Bei der Rezeption des Textes „Angst 2“ wird der Leser vermutlich auf Widerstand stoßen, weil der Leser sich höchstens fürchten möchte und nicht direkt mit Angst konfrontiert werden möchte. Um Hoffmanns These zu belegen wird nun ein Blick auf die frühen Erfahrungen der Menschen mit der epischen Literatur geworfen: auf das Märchen.

Viele Menschen auf der ganzen Welt wachsen mit den Märchen der Brüder Grimm auf.16 Durch Märchen lernt ein Mensch, ob jung oder alt, eine Moral der jeweiligen Geschichte kennen. Es gibt von Anfang an das Gute und das Böse. Oft geht in Verbindung mit dem Bösen eine Grundemotion einher: die Angst. Angst findet man z.B. im Märchen Hänsel und Gretel. Hänsel und Gretel, die Protagonisten des Märchens, haben Angst z.B. vor der Dunkelheit, vor dem Verhungern, vor der Hexe, etc.17 Aufgrund der Tatsache, dass viele Menschen mit den gleichen Märchen erzogen wurden bzw. aufgewachsen sind, kann man in Bezug der Angstwahrnehmung annehmen, dass Menschen sehr früh für Angst in der Literatur sensibilisiert werden. Man kann noch ein Schritt weitergehen und sagen, dass man nicht nur sensibilisiert ist, sondern sich auch die sog. Angstlust entwickelt.18 Dies wäre ein weiteres Argument dafür, dass das oben einleitend angeführte Zitat für den Text „Angst 2“ passt.

[...]


1 https://www.welt.de/regionales/bayern/article154435547/Elfriede-Jelinek-hat-Angst-vor-dem-Tod.html [Abrufdatum: 29.07.2018 um 21:21 Uhr]

2 https://www.sueddeutsche.de/kultur/elfriede-jelinek-zum-vom-wunderkind-zur-wutfrau-1.3212640-2 [Abrufdatum: 30.07.2018 um 15:38 Uhr]

3 Vgl. Schütte-Weißenborn, Birgit: Jelinek, Elfriede. In: Lutz, Bernd [Hrsg.]. (2010). Metzler-Lexikon Autoren: Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart (4., aktualisierte und erw. Aufl. ed.). Stuttgart [u.a.]: Metzler. S. 378

4 Vgl. https://www.sueddeutsche.de/kultur/elfriede-jelinek-zum-vom-wunderkind-zur-wutfrau-1.3212640-2 [Abrufdatum: 30.07.2018 um 16:17 Uhr]

5 Degner, Uta: Biographische Aspekte und künstlerische Kontexte. In: Janke, Pia [Hrsg.]. (2013). Jelinek-Handbuch. Stuttgart [u.a.]: Metzler. S. 4. (Degner zitiert nach Presber, 1988)

6 Vgl. Schütte-Weißenborn, Birgit: Jelinek, Elfriede. In: Lutz, Bernd [Hrsg.]. (2010). Metzler-Lexikon Autoren: Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart (4., aktualisierte und erw. Aufl. ed.). Stuttgart [u.a.]: Metzler. S. 376

7 Vgl. „Außerdem kann Angst der Motivation dienen“ In: Becker, Eni Sabine. (2011). Angst. München [u.a.]: Reinhardt. S. 7

8 Vgl. „Die zeitgenössische Literatur ist Angst-Literatur“ In: https://www.zeit.de/1981/32/die-zeitgenoessische-literatur-ist-angst-literatur [Abrufdatum: 30.07.2018 um 15:58 Uhr]

9 Fritz Stern: „Ich glaube, wir stehen vor einem Zeitalter der Angst, der weit verbreiteten Angst, der von rechts aus gesehen politisch ausgenutzten Angst.“ In: https://www.tagesspiegel.de/politik/historiker-fritz-stern-im-interview-wir-stehen-vor-einem-zeitalter-der-angst/12890328.html [Abrufdatum: 30.07.2018 um 16:09 Uhr] und Paul Lendvai: „Wir leben in einem Europa der Angst.“ In: https://derstandard.at/2000074591608/Zeitalter-der-Angst [Abrufdatum: 30.07.2018 um 16:13 Uhr]

10 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Phobien [Abrufdatum 30.07.2018 um 17:05 Uhr]

11 Vgl. https://www.welt.de/wissenschaft/article1958002/Warum-Angst-fuer-den-Menschen-so-wichtig-ist.html oder https://merkurist.de/mainz/interview-es-ist-menschlich-dass-die-leute-angst-haben_PsI [Abrufdatum: 09.06.2018 um 20:00 Uhr ]

12 Becker. 2011. S.7

13 https://jelinetz.com/2007/12/10/monika-szczepaniak-ich-rede-und-rede-tagungsbericht/ [Abrufdatum: 05.07.2018 um 12:06 Uhr]

14 Vgl. Antor, Heinz. Rezeptionsästhetik. In: Nünning, Ansgar [Hrsg.]. (2013). Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze - Personen – Grundbegriffe (5., aktualisierte und erw. Aufl. ed.). Stuttgart [u.a.]: Metzler. S. 650-651

15 Vgl. Hoffmann, Yasmin. (1999). Elfriede Jelinek, Sprach- und Kulturkritik im Erzählwerk. Opladen [u.a.]: Westdt. Verl. S. 11

16 Wolfgang Mieder: „Es gibt kaum ein Land, in dem die klassischen Märchen der Grimm Brüder nicht zu finden sind" In: https://www.dw.com/de/m%C3%A4rchen-als-der-schl%C3%BCssel-zur-welt/a-16212037 [Abrufdatum: 09.08.2018 um 18:27 Uhr]

17 Vgl. https://theses.cz/id/jq5yk8/Die_Mrchen_der_Brder_Grimm__Eine_psychologische_Analyse_.pdf S. 19-22

18 Vgl. Anz, Thomas: Angstlust. In: Koch, Lars [Hrsg.]. (2013). Angst: Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart [u.a.]: Metzler. S. 206

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Details

Titel
Rezeptionsästhetische Analyse der Angst und des Angstkranken in "Angst 2" von Elfriede Jelinek
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V462616
ISBN (eBook)
9783668910379
ISBN (Buch)
9783668910386
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeptionsästhetische, analyse, angst, angstkranken, elfriede, jelinek
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Rezeptionsästhetische Analyse der Angst und des Angstkranken in "Angst 2" von Elfriede Jelinek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462616

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