Disziplin in der Montessori-Pädagogik


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Überwachen und Strafen - pädagogische Kontroll- und Sanktionsformen im Wandel

1. Einleitung

2. Begriffserklärung Disziplin

3. Die Montessori-Pädagogik
3.1 Maria Montessori: Biographischer Hintergrund
3.2 Die Montessori-Pädagogik

4. Disziplin in der Montessori-Pädagogik

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit untersucht die Anwendung und den Stellenwert von Disziplin in der Montessori-Pädagogik und geht der Frage nach, ob es mit den moralisch-ethischen Grundprinzipien und Gedanken der Montessori-Pädagogik überhaupt vereinbar ist, Disziplin aufzuerlegen, durchzusetzen bzw. von den Schülerinnen und Schülern1 zu verlangen. Dazu werden zunächst der Begriff 'Disziplin' und die damit verbundenen Vorstellungen im Kontext der Erziehungswissenschaften näher betrachtet, um so eine Arbeitsdefinition zu erhalten, von der ausgehend zu überprüfen ist, ob und wie die Montessori-Pädagogik auf disziplinarische Maßnahmen zurückgreift. Eine kurze biographische Einführung zu Maria Montessori soll einen Hintergrund zu ihren pädagogischen Konzepten und deren Verbreitung liefern. Anschließend folgt eine eingehende Erläuterung der Montessori-Pädagogik und ihren Methoden der Erziehung. Im Analyseteil der Arbeit wird daraufhin die spezifische Anwendung von Disziplin in der Montessori-Pädagogik untersucht, um so im Schlussteil ein Fazit in der anfänglichen Fragestellung ziehen zu können, ob und inwieweit Maßnahmen der Disziplin in dieser Form der Erziehung angewendet werden.

2. Begriffserklärung Disziplin

Laut Duden stammt der Begriff Disziplin von den lateinischen Wörtern discipulus und disciplina, die übersetzt Schüler bzw. Wissenschaft und schulische Zucht bedeuten. Per Definition des Dudens ist Disziplin „das Einhalten von bestimmten Vorschriften, vorgeschriebenen Regeln oder Ähnliches: das Sicheinfügen in die Ordnung einer Gruppe.“ (Duden 2006, S. 431) Außerdem bedeutet Disziplin „das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen.“ (ebd. S.431)2 Auch in Friedrich Kluges etymologischen Wörterbuch wird der Begriff der Disziplin mit den lateinischen Wörtern dicipulus und disciplina in Verbindung gebracht, allerdings assoziiert der Sprachwissenschaftler Disziplin auch mit Zucht und Ordnung. (vgl. Kluge 2002) Es wird schnell deutlich, dass es schwierig ist, eine allgemein gültige Definition von Disziplin wiederzugeben, da viele Bereiche in Betracht gezogen werden müssen, und der Disziplinbegriff sowohl subjektiv als auch fachspezifisch und kontextuell unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Viele PhilosophInnen und AutorInnen haben sich bereits mit diesem Problem auseinandergesetzt und versucht, sich durch Eingrenzen und genaue Analysen der Idee von Disziplin zu nähern. So unterscheidet der Erziehungswissenschaftler Antonius Wolf in seinem Aufsatz „Disziplin und Disziplinierung“ gezielt zwischen Disziplin, Zucht und Ordnung. Disziplin ist für ihn „das einer (sachlichen und sittlichen) Ordnung gemäße Handeln.“ (Wolf 1987, S 58) Im Gegensatz zu Drill, benötigt Disziplin die Einwilligung der SuS, um Erfolge zu erzielen. Aufmerksame SuS arbeiten aus eigenem Antrieb heraus, weil sie etwas lernen möchten. So ist diszipliniertes Arbeiten und Lernen vor Allem dann möglich, wenn Disziplin nicht von außen auferlegt, sondern durch Selbstbestimmung der SuS zum Einsatz kommt. (vgl. Wolf 1987)

Im Gegensatz dazu beschreibt der französische Kulturwissenschaftler Michel Foucault in seinem Text „Die Mittel der guten Abrichtung“ eine beispielhafte erfolgreiche Disziplinareinrichtung aus der Perspektive des 17. Jahrhunderts, in der Disziplin von außen auferlegt und mittels Überwachung aufgezwungen wird. Demnach formt Disziplin die zu Erziehenden, „sie ist die spezifische Technik einer Macht, welche die Individuen sowohl als Objekte wie als Instrumente behandelt und ersetzt.“ (Foucault 1976, S 199) Hieran ist zu sehen, dass sich der Disziplinbegriff über die Zeit weiterentwickelt und verändert hat.

Auch der Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke geht in seinem Aufsatz „Disziplinieren“ auf den Disziplinbegriff ein und erläutert, wie dieser von verschiedenen Personen anderweitig ausgelegt werden kann. So ist für den Theologen und Pädagogen Bernhard Bueb Disziplin

„das ungeliebte Kind der Pädagogik und verkörpere alles, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneten Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens.“ (Radtke 2011, S. 162)

Das bedeutet, er sieht Disziplin als eine von außen auferlegte Macht oder Kraft gegen den eigenen Willen an. Radtke geht auch auf den Philosophen Immanuel Kant und dessen Werk über die Erziehung ein, in dem es heißt, dass die Pädagogik lernen müsse,

„den Zwang zu legitimieren, der im Interesse des zu Erziehenden offenbar angewendet werden muss, um ihm zu Autonomie, Urteilsfähigkeit und Mündigkeit zu verhelfen, ihn also zu lehren, seine Freiheit gut zu gebrauchen.“ (Radtke 2011, S. 162)

Anscheinend sieht auch Kant Disziplin als von außen auferlegt an, allerdings ist sie für ihn ein Mittel, um SuS zu mündigen und selbstbestimmten Erwachsenen zu erziehen. Sie wird nicht mit etwas Schlechtem assoziiert, sondern als notwendig dargestellt.

Zusammenfassend ist der Disziplinbegriff nur schwer eingrenzbar, da er von Epoche zu Epoche unterschiedlich ausgelegt wurde und jeder Autor eine eigene Definition mit eigenen Begründungen zu haben scheint. Die Autoren sind sich jedoch einig, dass Disziplin das Handeln nach einer bestimmten Ordnung beziehungsweise nach gewissen Regeln ist. Dabei kann es zu unterschiedlichen Auslegungen kommen, ob das Befolgen dieser Anweisungen aus innerem Antrieb geschieht oder von außen mit Macht, Druck oder sogar Gewalt durchgesetzt wird.

3. Die Montessori-Pädagogik

3.1 Maria Montessori: Biographischer Hintergrund

Die Gründerin der Montessori-Pädagogik, Maria Montessori, wurde 1870 in Chiaravalle bei Ancona in Italien geboren. Zu dieser Zeit war es für Mädchen nicht üblich, eine höhere Schule zu besuchen, doch Montessori darf aufgrund ihrer Begabung für Mathematik auf eine Technische Schule gehen. Ursprünglich beabsichtigt sie, Mathematik zu studieren, laut Überlieferung u.a. nach Paul Oswald verwirft sie diesen Plan jedoch wieder, ausgelöst durch eine Begegnung mit einer obdach- und mittellosen Frau und ihrem kranken Kind in Rom. Daraufhin fasst sie den Entschluss Medizin zu studieren. (vgl. Oswald 2008) Eine weibliche Ärztin ist zu dieser Zeit nur schwer vorstellbar, aber ihre Mutter unterstützt Montessori bei ihrem Wunsch, aus den geltenden typischen Rollenverteilungen auszubrechen. Trotz zahlreicher Benachteiligungen von Seiten der Universität gegenüber ihren männlichen Kommilitonen, schließt sie ihr Medizinstudium im Alter von 26 Jahren ab. (vgl. Hedderich 2005) Damit ist sie in Italien die erste Frau, die Medizin studiert.

Von der Medizin kommt Montessori nun zur Pädagogik, weil sie in der psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik arbeitet und dort vermehrt mit geistig behinderten Kindern in Kontakt kommt. (vgl. Kramer 1995) Während die bisherigen Betreuer in ihnen nichts anders sehen als „Tiere“ (Hedderich 2005, S. 13), erkennt Montessori ihr Bedürfnis an, sich geistig zu betätigen. Sie entwickelt die Schriften von Jean Marc Gaspard Itard und Eduard Seguin zur Erziehung geistig behinderter Kinder weiter, die auch heute noch als das sogenannte Montessori-Material in Kinderhäusern zum Einsatz kommen.

Wenig später übernimmt Montessori die Planung und Konzeptionierung für Wohnungen für bedürftige Familien, welche in einem armen Viertel in Rom entstehen, und kann dort ihr Erziehungswerk an nicht geistig behinderten Kindern mit großem Erfolg testen. 1909 schreibt sie ihr erstes Pädagogik-Buch und gibt wenig später ihren Arztberuf auf, um sich nur noch auf die Ausbildung von ErzieherInnen zu konzentrieren. Sie setzt sich mit Engagement für ihre Idee ein und sorgt bis zu ihrem Tod 1952 für deren Verbreitung. (vgl. Hedderich 2005)

3.2 Die Montessori-Pädagogik

Die Montessori-Pädagogik unterscheidet sich wesentlich von den anderen Erziehungsformen ihrer Zeit, man bezeichnet sie deshalb als Reform-Pädagogik. Sie besteht in ihrer von Maria Montessori begründeten Form auch heute noch. Sie enthält im Wesentlichen zwei Ziele: Die wissenschaftliche Erforschung und die Förderung der Entwicklungspotenziale des Kindes sowie die Integration des Kindes als sozialem Wesen in eine bereits bestehende organisch gewachsene soziokulturelle Umwelt. Die Montessori-Pädagogik möchte vor diesem Hintergrund die SuS zu selbstständigem Arbeiten und autonomen Lernen animieren. Dabei verzichtet sie idealerweise auf das Eingreifen eines Lehrers3 oder Erziehers, da das Kind aus eigenem Antrieb heraus die Lernmaterialen aussuchen und sich selbst aneignen soll. (vgl. Fuchs 2003)

Nach Montessori kann man die Entwicklung eines Kindes in drei Abschnitte unterteilen, nämlich den ersten Entwicklungsabschnitt (0-6 Jahre), denn sie als wichtigsten Teil der Entwicklung wahrnimmt, da die sie hier quasi von Null an beginnt. Der zweite Entwicklungsabschnitt (6-12 Jahre) ist geprägt von dem Wunsch des Kindes, seinen Aktionsradius zu erweitern, Vorstellungskraft zu entwickeln und moralische Fragen zu stellen. Diese Zeit bezeichnet Montessori auch als die Zeit der Gesundheit und der Stabilität. Der dritte Entwicklungsabschnitt (12-18 Jahre) sticht durch starke Veränderungen in der Psyche hervor und wird von Ängsten und Unsicherheiten bestimmt. Damit werden der erste und dritte Abschnitt als labile Phasen begriffen, während die zweite eine stabile Phase ist. (vgl. Klein-Landeck 1998)

Die Erziehung muss laut Montessori eine Art Hilfestellung zur Entwicklung des Kindes sein, die dieses je individuell durchläuft. Dabei wird bei ihrer Idee nicht von einer einfachen, „bestimmten Erziehungsmethode, sondern von einem umfassenden pädagogischen Konzept“ (Hammerer 2004, S.12) gesprochen. Der Erzieher soll nicht „Diener des Kindes, sondern Diener des kindlichen Geistes“ (ebd. S. 13) sein. Das bedeutet, er soll das Kind nicht auf vorgefertigte Lösungen aufmerksam machen, sondern ihm lediglich das potentiell anzustrebende Ziel zeigen, dem Kind jedoch selbst überlassen, auf welchem Wege es dorthin gelangt. Der Erzieher hilft den SuS dabei, ihre Aufgabe selbstständig zu erledigen und bereitet sie so auf das spätere Leben vor: Die „Montessori-Pädagogik ist Hilfe zur Selbsthilfe.“ (ebd. S. 13) Das Kind ist ein aktives Wesen, das vom Lehrer nur das Lernmaterial zur Verfügung gestellt bekommen soll und gegebenenfalls die Möglichkeit zur Nachfrage. Der Erzieher sollte daraufhin passiv abwarten und dem Kind nicht vorweg zur Lösung helfen, sondern eben nur einschreiten, wenn dieses um Hilfe bittet. Der Lehrer hat auch die Aufgabe, das Kind aufzumuntern und zu motivieren, selbst auf Lösungen zu kommen und eigene Antworten zu finden. Außerdem muss die Würde des Kindes zu jeder Zeit gesichert und geschützt werden, sowohl von geistig behinderten wie nicht behinderten Kindern.

Eines der wichtigsten Phänomene der Montessori-Pädagogik ist die Polarisation der Aufmerksamkeit. Dabei konzentriert sich das Kind beim Spielen oder Arbeiten aus eigenem Antrieb heraus auf eine bestimmte Sache und kann diese dabei einfacher begreifen und beschreiben, weil es sich selbst dafür interessiert. Dafür ist es wichtig, eine geeignete Lernumgebung und geeignete Materialien zur Verfügung zu stellen, was wiederum Aufgabe des Lehrers ist. (vgl. Hammerer 2004)

Ein weiterer bedeutender Punkt der Montessori-Pädagogik ist die Freiheit des Kindes. Während die Jungen eines Tieres bereits naturgebunden und mit Überlebensinstinkten auf die Welt kommen, brauchen Menschenbabies in den ersten Lebensjahren einen Versorger, der nach ihnen schaut, sind damit aber gleichzeitig auch frei von der Notwendigkeit, sich von Anfang an zielgerichtet zu verhalten. Diese Art von ‚Unbeschriebenheit‘ macht es dem Menschenkind möglich, völlig unvoreingenommen auf alle Eindrücke zu reagieren. Darin liegt also kein Nach- sondern ein Vorteil, weil der Mensch so eine Entwicklungschance bekommt, die Welt offen und lernbegierig kennenzulernen, ohne bereits gegebene Einschränkungen, die die Wissensaufnahme blockieren. Da

„Menschen weltoffen und entscheidungsfrei geboren werden, müssen wir alles lernen, uns ist nichts angeboren. Dieses Lernen ist nur in Freiheit möglich. Freiarbeit ist eine notwendige Folge dieser conditio humana.“ (Hammerer 2004, S. 16)

Das heißt, der Mensch kommt ohne vorgefertigtes Wissen auf die Welt, er / sie muss sich alles aneignen und beibringen und kann dabei aufgeschlossen die Eindrücke der Welt wahrnehmen. Dies geschieht am Effektivsten durch freie Arbeit, in der sich die Kinder selbst aussuchen dürfen wie lange, auf welche Weise und vor allem mit welchen Lernmaterialien sie sich beschäftigen.

[...]


1 Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

2 Disziplin kann auch eine gänzlich andere Bedeutung haben, nämlich ein Lehrfach oder einen Teilbereich einer Sportart. Da diese Definition für diese Hausarbeit jedoch nicht von Bedeutung ist, wird sie im weiteren Verlauf ignoriert.

3 Aufgrund der besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit, wird für Lehrerinnen und Lehrer beziehungsweise Erzieherinnen und Erzieher nur die maskuline Form verwendet.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Disziplin in der Montessori-Pädagogik
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Überwachen und Strafen
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V462669
ISBN (eBook)
9783668922709
ISBN (Buch)
9783668922716
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montessori, Montessori-Pädagogik, Disziplin, Erziehen, Überwachen, Strafen, Pädagogik, Maßnahmen, disziplinarische Maßnahmen, Erziehungswissenschaft, Bildungswissenschaft
Arbeit zitieren
Christoph Schrank (Autor), 2016, Disziplin in der Montessori-Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462669

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