Ein Bild von Weiblichkeit im Roman "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg

Eine mediävistisch-literarische Untersuchung


Hausarbeit, 2018

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Weiblichkeit in positiver Darstellung
2.1 Flôrîe
2.2 Larie
2.3 Nereja

3. Die Weiblichkeit in negativer Darstellung
3.1 Ruel- Das Waldweib
3.2 Japhite- Die Heidin

4. Die Amazone Marine- Ein Sonderfall

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie leben in einer Zeit, welche von #MeToo- Debatten, Gleichberechtigungs- bzw. Frauenrechten und der Forderung nach Frauenquoten in Aufsichtsräten geprägt wird. Kaum eine Diskussion wird bereits so lang geführt wie die, der Gleichberechtigung der Frauen und in welchem Verhältnis sie zum Mann dargestellt werden.

Wie lang diese Überlegungen jedoch bereits existieren ist unergründlich. Jedoch gibt die Literatur Hinweise auf die kontroverse Thematik und ihre facettenreiche Diskussion. So sind die Romane des Mittelalters, anders als auf den ersten Blick vorstellbar, nicht nur von Rittern, Monstern und höfischen, untergebenen und wunderschönen Damen geprägt. Bereits zu dieser Zeit waren Themen wie Andersartigkeit, ungewöhnliches körperliches Auftreten und die Interaktion zwischen Mann und Frau ein sehr vielseitiges Konstrukt. Ein Paradebeispiel für die unterschiedlichen Darstellungen, ob nun bezogen auf das optische Auftreten oder die Gründe für höfisches oder unhöfisches Verhalten, bildet Wirnt von Grafenbergs Wigalois.

Es ist durchzogen von konventionellen wie unkonventionellen weiblichen Figuren. Diese sollen im Folgenden vorgestellt und näher erläutert werden. Die Gründe für ihr Handeln und die möglichen Hintergedanken, die Wirnt von Grafenberg dabei hegte, sollen dabei erarbeitet und genannt werden. So soll es eine Gegenüberstellung der guten Damen mit den schlechten geben. Ebenso soll eine innovative Darstellung, die durch das sehr ungewöhnliche Auftreten der Figur einen Sonderfall darstellt, Beachtung finden.

Dies soll unter dem Gesichtspunkt der triuwe geschehen, da diese bei fast allen Situationen von großer Bedeutung ist. So gilt nach damaliger Ansicht eine Frau, die sich komplett unter den Willen ihres Mannes stellt als das Ideal einer guten Dame. Sofern möglich oder angebracht soll der Einfluss der jeweiligen Damen auf den titelgebenden Helden, Wigalois, genannt und erörtert werden.

2. Die Weiblichkeit in positiver Darstellung

Die Darstellung der positiv konnotierten Damen lässt sich häufig daran erkennen, dass sie mit großer Schönheit und Tugend ausgestattet sind und auch so beschrieben werden. (GILOY-HIRTZ 1994: S. 63) So soll beginnend eine Figur behandelt werden, welche diesem Ideal sehr nahekommt, aber dennoch kleine Makel aufweist. Bei dieser Dame handelt es sich gleichzeitig auch um die Mutter des Helden, namens Flôrîe.

2.1 Flôrîe

Ihre Gestalt und ihre Kleidung werden in mehreren Versen von Wirnt von Grafenberg sehr detailliert beschreiben. (V. 742- 952) Dies kann, wie bereits erwähnt, als Indiz auf ihren guten Charakter verstanden werden, da in höfischen Dichtungen ein schönes Antlitz als Hinweis auf ein tugendhaftes Verhalten verstanden werden kann. (GILOY-HIRTZ 1994: S. 63) Sie wird als unbeschreibliche Schönheit dargestellt, in welche sich ihr baldiger Gatte Gawein auf den ersten Blick verliebte. (V. 726-729)

Jedoch wird die Ehe, welche Flôrîe mit Gawein eingeht nicht durch die Eheleute selbst, sondern durch ihren Onkel beschlossen. (LEIDINGER 2013: S. 407) Dieser holt sich vor der Eheschließung nur die Einwilligung Gaweins, ohne seine Nicht in diese Entscheidung mit einzubeziehen. (V. 960-964)

Dies erweckt den Gedanken, dass Flôrîe der Besitz ihres Onkels und später ihres, ihr bisher unbekannten, Ehemanns sei. Während der Trauung weint sie dann. (V. 1009) Ob vor Freude oder Trauer darüber, mit einem Fremden vermählt zu werden, wird nicht näher berichtet. Dieser Eindruck wird jedoch relativiert, da sich auch bald bei Flôrîe Gefühle für ihren Mann einstellen.

Doch nur ein halbes Jahr später verlässt Gawein seine Frau bereits, um zurück zum Artushof zu kehren. Ihre Liebe und ihr Vertrauen war dabei jedoch so groß, dass sie ihren Gatten ohne Auflagen ziehen ließ. Deshalb war sie sich auch sicher, dass er gestorben sei, als er auch nach Jahren nicht zu ihr zurückgefunden hatte. (STANGE 2012: S. 131)

Dies vermittelte sie so auch ihrem Sohn Wigalois. Dieser hat in den Jahren, in denen er ohne Vater groß werden musste, dennoch nur positive Eindrücke von seinem Vater, durch seine Mutter, erfahren. (STANGE 2012: S. 131)

Eine weitere Auszeichnung ihrer Tugend erlangt Florie durch ihre Art wie sie Wigalois erzieht.

So zieht sie ihn von klein auf größtenteils allein bzw. mit der Hilfe ihrer Hofdamen groß. Seine Ausbildung zum Ritter lässt sie von den besten Gefolgsleuten ausführen. (V. 1221- 1243) Diese Fürsorge ist ein weiterer Beweis für ihre Größe und tugendhafte Art. So lässt sich ihre Rolle als wegweisend für Wigalois bezeichnen. Ohne ihren Auftrag zur Ritterausbildung und ohne die Ausstattung ihres Sohns mit dem magischen Gürtel etc., wäre sein weiterer Werdegang wohl nicht ansatzweise so verlaufen, wie er es tat. (STANGE 2012: S. 141)

Doch nicht nur durch die Übergabe des mächtigen Gürtels, sondern auch mit ihren Gebeten, bevor sie auch von Wigalois verlassen wird, zeichnet sie sich erneut mit wahrer Tugendhaftigkeit aus. Doch im selben Gebet bittet sie um die schnelle Heimkehr ihres geliebten Sohns. (STANGE 2012: S.132)

Das zeigt auf, dass Flôrîe neben ihrem tadellosen Verhalten auch Charakterzüge aufweist, welche leicht vom Idealbild der höfischen Dame abweichen. Wie ihren Sohn wollte sie zuvor auch Gawein dazu bewegen am Hof zu bleiben, da sie schwanger ist und kurz vor der Geburt ihres gemeinsamen Sohns steht. (V. 1076-1086)

Hierbei kann man ihr eine gewisse Naivität vorwerfen, da sie einer Notlüge Gaweins Glauben schenkt. Hierbei wird kritisiert, dass sie die Umstände seiner Lüge durchschauen müsste. Ebenso beklagt sie die Entscheidung Wigalois' und möchte ihn zum Bleiben bewegen. (V. 1316-1349)

Nach diesen beiden Verlusten, welche sie nicht verhindern konnte, empfindet sie ihr weiteres Leben als unnütz, ungeachtet all ihrer Tugend und Schönheit. (V 1391-1396) Die nächste Erwähnung, nach der Abreise Wigalois', soll Flôrîe erst am Ende der Erzählung erfahren, wenn ein Bote ihrem Sohn und ihrem Mann die Nachricht ihres Todes überbringt. (Stange 2012: S. 131)

Ir schœnen lîp hât si verlorn, daz wizzet, von den beiden: daz ein was daz scheiden daz von ir tet ir lieber man, nâch des minne ir herze bran; daz ander daz si iuch verlôs. Von disem leide si erkôs den tôt mit jæmerlîcher klage. (V. 11344-11351)

Dies bewegt Wigalois und Gawein dazu, Flôrîe als „Ideal an triuwe und Opferbereitschaft“ zu titulieren. Sie stellt für ihren Mann und Sohn also in beiden Bereichen, sowohl als trauernde Frau als auch als Mutter, die vollkommenste aller Frauen dar. (STANGE 2012: S. 131)

Die Bedeutung Flôrîes wird auch in Gaweins Aussage, dass er immer frohen Mutes für sie gekämpft hat, verdeutlicht. So sah er den Sinn seines Lebens darin, für Florie zu kämpfen und will dies fortan nicht mehr bzw. nur in Notsituationen tun. Ebenso will er nicht erneut heiraten. (V. 11379- 11386)

Dies verdeutlicht nicht nur den Stellenwert Flôrîes für Gawein, sondern auch die Einheit, welche durch die Ehe geschlossen wurde. Diese Einheit kann auch durch den Tod nicht aufgehoben werden. So stirbt Flôrîe den, als tugenhaft geltenden, Trauertod, aus Sehnsucht nach ihrem Gatten und Sohn.

Somit lässt sich feststellen, dass Flôrîe, bis auf ihre Versuche Gawein und Wigalois vom Gehen abzuhalten, das Bild der unterwürfigen und von ihrem Mann abhängigen Frau vollends erfüllt. Sie ist allerdings in fast allen Belangen ein vorbildliches Beispiel für eine treue und liebende Ehefrau und Mutter. Sie hat nicht nur Gaweins Herz vollends eingenommen, sondern auch Wigalois mit allem ausgestattet, um ein großer Held zu werden. Dies tat sie in dem Wissen, dass sie damit auch ihren Sohn für immer verlieren könnte. Dennoch prägt sie das Bild der Dame, welche fast keine eigenen Entscheidungen treffen kann, ohne dabei von einem Mann übervorteilt zu werden.

Dieser Figur ähnlich, aber doch ein, mit entscheidenden Unterschieden behafteter Charakter, ist Wigalois‘ spätere Frau Larie.

2.2 Larie

Während Flôrîe ihren Ehemann vor der Vermählung nicht kannte und auch keinen Einfluss auf die Wahl ihres Onkels hatte, wählte Larie bewusst Wigalois aus. So sagt sie in ihrer Hochzeitsansprache:

herre, ich hân iuch mir nâch got ze trôste mînem lîbe erkorn; swaz ich vreuden hân verlorn, der mugt ir wol ergetzen mich. herre, nu tuot alsô daz ich und ir mit triuwen sîn enein sô daz diu herze under uns zwein stæte liebe einander tragen. des leit ich wil mit leide klagen und des freude ich vrô wil sîn, daz sît ir; ich tuon iu schîn daz iuwer minne mir nâhen gêt. In iuwerm gebot mîn lîp hie stêt; swaz ir welt, daz will ouch ich. (V. 9396 ff.)

Es wird beschreiben, dass er völlig von ihr eingenommen war. Diese Gegebenheit lag allerdings nicht nur an Laries, mehrfach erwähnter, großer Schönheit. Laries Plan bestand darin, den Ritter zu beeindrucken, sodass er sich ihrer Sache anschließen möge und ihr Land zurückerobert.

Dies sollte durch 50 schöne Damen gelingen, welche sich wohl zu kleiden wussten (V. 4101- 4106)

Aus diesen 50 Damen stach Larie mit ihrer überragenden Schönheit heraus, was Wigalois Aufmerksamkeit auf sie lenkte. (V. 4127)

Dies lässt erkennen, dass Wirnt Frauen auch eine gewisse Intelligenz zuschreibt, wenn sie ein bestimmtes Ziel verfolgen. In diesem Fall ist es die Rückeroberung Laries Heimat. Damit dieses Vorhaben gelingt, setzt sie ihre eigenen Reize und die ihrer Damen ein. Es kann also eine Instrumentalisierung des Helden erkannt werden, die Larie mit sexuellen bzw. optischen Anreizen zu erwecken sucht. Das lässt eine Art Abhängigkeit des Helden der Dame gegenüber erkennen.

Dieser Umstand scheint sich jedoch durch die Ehe zu wandeln. her Gwîgalois, mîn amîs, sît ir nu tragt den hœsten prîs v on iuwer ellenthafter hant, sô nemt die krône und mîn lant und mînen lîp in iuwer gebot. (V. 9391- 9395)

Mit der Vollendung ihres ursprünglichen Ziels, der Zurückerlangung ihrer Heimat, gibt sich Larie vollends ihrem Ritter und Gatten hin. Sie gibt ihm dabei nicht nur ihr Land in seine Hand, sondern auch sich selbst.

So lässt sich dennoch sagen, dass die Frau als Herrscherin sehr wohl geeignet ist und auch mit List und strategischen Überlegungen ihr Land und ihre Leute zu beschützen weiß. Diese Fähigkeiten verlieren aber scheinbar mit der Ehe an Bedeutung, da die Aufgaben, welche die Herrin bis zu diesem Zeitpunkt selbst innehatte, an den Gatten über gehen.

Es kann dennoch ein gewisser Grad an Emanzipation in der Figur Larie erkannt werden, da sie nicht nach einem Mann suchte der anschließend ihre Heimat zurückgewinnen sollte. Sie wollte sich erst in den Status der ergebenen und unterwürfigen Frau begeben, als ihre Mission erfüllt war.

Eine wichtige und sehr entscheidende Rolle dabei spielte jedoch eine andere Frau. Als weitere sehr emanzipiert wirkende Dame trat bereits vor Larie Nereja auf, welche auf Anweisung ihrer Herrin als treue Gefolgsfrau handelt.

2.3 Nereja

So ist nicht etwa Larie, sondern ihre treue Botin die erste Frau, die es für Wigalois zu überzeugen gilt. Kommt Nereja als sehr freundliche junge Dame an der Artushof, so offenbart sie bald schon ihre ungestüme und aufbrausende Seite. Bei der Bitte um einen Ritter geht sie noch den höfischen Traditionen nach sehr höflich vor. (STANGE 2012: S. 134) Sie berichtet davon, dass ihre Herrin in Not ist und sich Hilfe von einem Ritter erhoffe. Bemerkenswert ist hierbei, dass es sich um einen reinen Hilfeersuch handelt. Wigalois erklärt sich also bereit mit ihr zu kommen, ohne von der Aussicht auf eine mögliche Ehe mit Larie zu wissen. (LEIDINGER 2013: S. 411)

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Details

Titel
Ein Bild von Weiblichkeit im Roman "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg
Untertitel
Eine mediävistisch-literarische Untersuchung
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V462678
ISBN (eBook)
9783668920408
ISBN (Buch)
9783668920415
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bild, weiblichkeit, roman, wigalois, wirnt, grafenberg, eine, untersuchung
Arbeit zitieren
Michael Müller (Autor), 2018, Ein Bild von Weiblichkeit im Roman "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462678

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