Die Sprache des Musikjournalismus. Metaphern in Online-Tonträgerrezensionen der Populärmusik


Bachelorarbeit, 2016
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3.Das Textkorpus

4. Theoretische Grundlage
4.1 Zur Textsorte „Musikrezension“ oder „Musikkritik“
4.2 Zur Bildfeldtheorie Harald Weinrichs

5. Analyse: Metaphorische Bildfelder in Online-Tonträgerrezensionen aus der Populärmusik
5.1 Bildspendende Bereiche
5.1.1 Mensch/Organismus
5.1.2 Raum/Gestalt/Form
5.1.3 Unbelebte Natur
5.1.4 Stoffbeschaffenheit
5.1.5 Militär/Kampf
5.1.6 Kulinarik
5.2 Bildempfangende Bereiche
5.2.1 Einzelne/s Lied/er allgemein
5.2.2 Instrumentarium
5.2.3 Stil/Genre
5.2.4 Tonträger/Album allgemein

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis
7.1 Primärquelle
7.2 Sekundärliteratur

8. Anhang: Metapherntabelle

1. Einleitung

Musik ist seit jeher ein fester Bestandteil unseres Alltagsdiskurses. Sei es das sowohl intensive, als auch extensive Hören, das Praktizieren oder die journalistische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung in Form von Beschreibung und Bewertung – Musik als künstlerische Ausdrucksform und das Reden darüber sind fest verankerte Kulturgüter der früheren Menschheitsgeschichte. Insbesondere durch die mediale Vermittlung über die vorherrschenden Kommunikationskanäle Internet, Fernsehen, Hörfunk und Presse wird der Stellenwert von Musik konsequent aufrechterhalten – ein Fakt, der auch in absehbarer Zukunft Fakt bleiben wird.

Begleiterscheinung dieser medialen Dominanz sind logischerweise Institutionen und Persönlichkeiten, die als Vermittlungsinstanz von Musik fungieren und das Kommunizieren von Musik über die Zeit hinweg als populäres journalistisches Ressort etabliert haben. Der Musikjournalismus und insbesondere die in dieser Arbeit behandelten Ausdrucksformen Musikkritik oder Musikrezension blicken dabei auf eine – medienwissenschaftlich betrachtet – lange Geschichte zurück. Bereits im frühen 19. Jahrhundert haben sich Persönlichkeiten, die sich als „privilegierte Hörer“ inszenierten, in Form von Kommentaren oder anderen subjektiven Darstellungsformen mit der Beschaffenheit der Musik ihrer Zeit beschäftigt1. Anfangs noch in Zeitungen erscheinend, hat sich das Spektrum der Musikkritik über den Hörfunk bis hin zum aktuell stark expandierenden Online- Journalismus, der im Fokus dieser Bachelorarbeit stehen soll, erstreckt. Gerade dieser wirft durch seine Vielfalt an Möglichkeiten der journalistischen Darstellungsformen und seinen hohen Grad an Autonomie zahlreiche sprach- und medienwissenschaftliche Fragen auf, die vor allem aufgrund der Aktualität und der unüberschaubaren Expansion des Mediums Internet noch kaum Eingang in den Forschungsdiskurs gefunden haben. Diese Vielfalt äußert sich nicht zuletzt auch in neuen Vermittlungsformen wie dem Online-Blog.2 Das Publizieren von Musik thematisierenden Texten ist nicht mehr an praktisch ausgebildete JournalistInnen, die ihre Fachkundigkeit quasi zertifiziert vorlegen können, gebunden. Die von Individuen, aber auch durch vollständige Redaktionen geleiteten Online-Blogs ermöglichen es auch vermeintlichen Laien, ihre Beschreibung und Bewertung von Musik in textlicher Form zu publizieren. Diese Entwicklung beleuchtet einen Aspekt, der eine grundsätzliche Problematik bei der Untersuchung von Musikkritiken darstellt – die Parameter „professionelle/r RezensentIn“ oder „professionelle/r AutorIn“ werden dadurch, dass sich prinzipiell jede/r HörerIn kritisch über Musik äußern und dies als textliches Erzeugnis über die Plattform Internet an RezipientInnen vermitteln kann, untergraben.3 Die Musikkritik im Kontext des Online- Journalismus ist somit ein Paradebeispiel dafür, dass das Beschreiben und Interpretieren von Musik immer von starker Subjektivität begleitet ist– vor allem, weil das Kommunizieren über das Hören und Erleben von Musik als ein „in Worte fassen, was nicht gesagt werden kann“4 gilt.

Ziel dieser Bachelorarbeit soll daher nicht sein, Online-Tonträgerrezensionen nach vermeintlichen Qualitätsmerkmalen zu untersuchen oder eine Abgrenzung zwischen dem als professionell deklarierten Musikjournalismus und dem aufkeimenden Laienjournalismus durch Online-Vermittlungsformen zu schaffen. Vielmehr liegt der Fokus dieser Analyse in der Betrachtung der Art und Weise, wie RezensentInnen auf den Plattformen des World Wide Webs Musik beschreiben, analysieren, interpretieren und beurteilen. Präziser ausgedrückt liegt das Interesse bei der Analyse von Online-Tonträgerrezensionen aus der Populärmusik gezielt auf der sprachlichen Ausdrucksform der Metapher, die als Stilmittel ein grundlegendes Element der „Beschreibung und Bewertung tönenden Geschehens“ 5 darstellt. Die Metapher bietet sich als sprachliches Analysekriterium vor allem deshalb an, da sie als beliebtes Instrument für die sprachliche Umsetzung musikalischer Eindrücke gilt und komplexe Fachtermini, die sich möglicherweise als kontraproduktiv für die Verständlichkeit des Textes erweisen, ersetzen kann. Darüber hinaus ist sie ein maßgebliches Charakteristikum der Textsorte Musikkritik oder Musikrezension, da sie die Textfunktionen Information und Bewertung in kombinierter und verschmolzener Form inne trägt.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen fünfzig per Zufall ausgewählte Musikkritiken von fünf verschiedenen deutschsprachigen Publikationsapparaten (www.zeit.de, www.intro.de, www.plattentests.de, www.musikexpress.de, www.laut.de) auf ihre metaphorischen Elemente im Text untersucht werden. Bei den Rezensionen handelt es sich ausschließlich um Texte über Tonträger aus dem Bereich der Populärmusik, die allesamt im Zeitraum zwischen Oktober und November 2016 veröffentlicht worden sind. Nach quantitativer und induktiver Methode sollen deren metaphorische Elemente erfasst und nach der theoretischen Grundlage kategorisiert werden, um schlussendlich wissenschaftliche fundierte Aussagen über die in Tonträgerrezensionen vorherrschenden Ausprägungen von metaphorischen Elementen treffen zu können.

2. Forschungsstand

Linguistische Auseinandersetzungen mit der Metapher in der Musikrezension nehmen bis dato einen äußerst geringen Teil des Gros an Publikationen mit journalistischem Textkorpus ein.6 Vor allem Untersuchungen, die sich mit Online-Rezensionen beschäftigen, sind bis heute praktisch nonexistent. Dennoch wurden in der Vergangenheit einige wenige Beiträge publiziert, die als fruchtbringend und orientierend für diese Bachelorarbeit bezeichnet werden können und im Folgenden angeführt werden.

In erster Linie zu nennen ist dabei Gabriele Böheims Zur Sprache der Musikkritiken. Ausdrucksmöglichkeiten der Bewertung und/oder Beschreibung aus dem Jahr 1987. Dabei handelt es sich um einen überarbeiteten Teil ihrer Dissertation Untersuchungen zum Wortschatz der Musikberichterstattung in österreichischen Tageszeitungen.7 Der „Ebene der Stilfiguren“ (S.212-280) – also der der der Metaphern und Vergleiche - ist dabei ein umfangreiches Teilgebiet ihrer Untersuchung, die sich darüber hinweg auch mit andere Faktoren wie Wortklassen, Syntax und Morphologie von Rezensionen beschäftigt, gewidmet.8

Als Textkorpus dienen Böheim dabei die Feuilletonteile fünf ausgewählter österreichischer Tageszeitungen.9 Böheim beschränkt sich jedoch im Vergleich zu dieser Arbeit auf Rezensionen zur sogenannten E-Musik.10

Im Gegensatz dazu führt Lorelies Ortner in ihrer überarbeiteten Dissertation Wortschatz der Pop-/Rockmusik im Bereich Metaphern und Vergleiche (S.286- 316) Beispiele für Metaphern anhand eines an Populärmusik orientiertem Korpus aus sieben Musikzeitschriften im Zeitraum 1973-1974 auf.11 Dennoch stellen die Metaphern nur einen kleinen Teil ihrer umfangreichen Wortschatzanalyse dar. Auffallend dabei ist, dass beide Werke ähnliche Bildfelder verwenden, um die Metaphern zu kategorisieren.12 Im Zentrum der Analyse steht die Metapher bei Thomas Störels Metaphorik im Fach. Bildfelder in der musikwissenschaftlichen Kommunikation (1997), die sich mit der Metapher im fachsprachlichen Kontext auseinandersetzt. Störels Korpus besteht dabei jedoch nur zu einem Teil aus Musikkritiken, die von anderen Textsorten wie Aufführungskritiken oder Festschriften ergänzt werden.13

Den drei Veröffentlichungen ist gemein, dass sie sich bei der Beschreibung und Analyse der Metaphern an der Bildfeldtheorie Harald Weinrichs und dessen Termini Bildspender und Bildempfänger orientieren, um diese zu kategorisieren.14 Diese Methodik wird auch in dieser Arbeit zur Analyse herangezogen. Die teils kognitive und teils sprachliche Metapherntheorie Harald Weinrichs wird in Kapitel 4 Theoretische Grundlagen explizit aufgearbeitet. Dennoch unterscheidet sich diese Analyse insofern, als dass sie im Gegensatz zu den genannten Werken ein Korpus aus dem Fundus der Online- Zeitschriften und Blogs verwendet, die sich von den Korpora der Printmedien unterscheiden, weil das Kriterium „journalistische Profession“ zur Erstellung der Textsorte Rezension in diesem Fall nicht als Parameter für die Korpusauswahl dienen kann.15 Diese Unterscheidung und die unzureichende Aktualität dieser Publikationen sind grundlegende Motivationen für die Anfertigung dieser Bachelorarbeit.

Zuletzt soll zusätzlich auf eine medienwissenschaftliche Meta-Analyse von Gunter Reus aus dem Jahr 2008 Bezug genommen werden, um die Mangelhaftigkeit des Forschungsstands zu untermauern. In seinem Artikel Musikjournalismus – Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Forschung zeigt Reus, dass sich Monografien und Aufsätze mit der Thematik Musikjournalismus zum Großteil mit E-Musik beschäftigen, während die Populärmusik eher einen marginalen Teil Forschungsergebnisse einnimmt.16 Er weist außerdem darauf hin, dass die 270 Monografien und Artikel bezüglich des Mediums, über welches Musikjournalismus vermittelt wird, in erster Linie Textkorpora aus den Printmedien (62%) besitzen, während keines dieser Werke Texte aus dem Internet behandelt:

„Analog zum verschwindend geringen Interesse an Musikmoderation finden sich kaum Fachtitel (5 Prozent), die dem Musikjournalismus in Hörfunk und Fernsehen nachgehen, vom Internet (0 Prozent) ganz zu schweigen.“ 17

Darüber hinaus spricht er das bereits erwähnte Phänomen an, dass sich der Musikjournalismus aufgrund des aufkeimenden Laienjournalismus im Internet in einer Wandlungsphase befindet, die sowohl von der linguistischen, als auch der publizistischen Forschung bis dato kaum erfasst wurde.18 Diese relativ aktuelle Conclusio bietet eine willkommene Grundlage für die Erstellung des auf Online-Rezensionen basierenden Korpus, dessen Beschaffenheit im folgenden Kapitel erläutert wird.

3. Das Textkorpus

Die Auswahl des Textkorpus für die Metaphernanalyse hat sich aus drei grundlegenden Kriterien ergeben:

1. Abdeckung des Spektrums zwischen den vermeintlich graduellen Grenzen „professioneller“ und „Laien“- Journalismus.
2. Auswahl von Rezensionen mit höchster Aktualität und geringem chronischen Abstand zur möglichst synchronen Bestandsaufnahme.
3. Auswahl von Rezensionen, die musikstilistisch betrachtet aus dem Bereich der Populärmusik stammen.19

Um den ersten Unterpunkt dieser Kriterien zu erfüllen, wurden sowohl aus unabhängigen Online-Blogs, als auch aus den Online-Repräsentationen von Zeitschriften und Zeitungen zehn Tonträgerrezensionen gewählt. Zu den „reinen“ Online-Blogs zählen die Websites http://www.plattentests.de, ein „Internet-Musikmagazin für Tonträger-Rezensionen aus dem Bereich Rock und Independent“20, das 1999 gegründet worden ist und http://www.laut.de, dem „mit rund 800.000 Lesern im Monat populärsten Musikmagazin im deutschen Sprachraum“ (Gründung 1998).21 Die Redaktionen beider Magazine sind sowohl mit ausgebildeten JournalistInnen, als auch mit unabhängigen redaktionellen MitarbeiterInnen besetzt.22 Hinzu kommen die beiden Musikfachzeitschriften Musikexpress (Gründung 1997) und Intro (Gründung 1992), aus deren Internetpräsenzen http://www.musikexpress.de und http://www.intro.de die Texte entnommen wurden. Zuletzt sollte auch mit dem im Wochenturnus online erscheinenden Blog Tonträger der im deutschsprachigen Raum populären Wochenzeitung Die Zeit der Bereich der traditionellen Printmedien und ihren Online-Repräsentationen erfasst werden.

Um dem Faktor „Aktualität“ gerecht zu werden, wurden lediglich Rezensionen ausgewählt, die zwischen dem 13. Oktober und dem 18. November 2016 auf den Websites veröffentlicht wurden.23 Sie wurden dabei nach Zufallsprinzip ausgewählt.24

Um Kriterium drei zu erfüllen, wurde sich an den Genrevorgaben oder den Leitsätzen im Impressum der Internetpräsenzen orientiert.

Im gesamten Korpus wurden insgesamt 760 Metaphern oder Metaphernkomplexe markiert. Diese verteilen sich folgendermaßen auf die jeweiligen Plattformen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten25

4. Theoretische Grundlagen

4.1 Zur Textsorte „Musikrezension“ oder „Musikkritik“

Für eine linguistische Untersuchung auf textueller Ebene ist es obligatorisch, den untersuchten Gegenstand definitorisch und kategorisch klar abzustecken. Daher bietet sich eine überblicksartige Einordnung der Rezension oder der Kritik im Kontext der Textsortenforschung an. Da es sich um eine rein sprachlich-stilistische Analyse handelt, wird der linguistische Begriff Textsorte bevorzugt, während das literarisch geprägte „Genre“ außen vor gelassen wird.

Über die Differenzierung von Kritik und Rezension besteht in der Forschung kein allgemein gültiger Konsens. Beile vertritt die Ansicht, dass die Musikkritik eine Ausprägung der Textsorte Rezension darstellt.26 Zur Argumentation zieht sie dabei diverse Übereinstimmungen zwischen der Buchrezension und der Musikkritik heran. So besteht die Kommunikationsfunktion der Buchrezension primär darin, die LeserInnen über das Werk zu informieren und es gleichzeitig zu beurteilen.27 Diese Grundcharakteristika lassen sich auf die Musikkritik übertragen. Hooffacker teilt diese Auffassung, wobei sie diesen Kriterien noch den Aspekt Service hinzufügt, da es die Intention der RezensentInnen ist, eine „praktische Entscheidungshilfe“ zu liefern.28 Beile nennt zudem formale Aspekte wie den „informativen Vorspann“ und die „Nennung des Autoren“.29 Vor allem aber weist sie auf die den beiden Textsorten inhärente dritte Kommunikationsfunktion der Unterhaltung durch die Ästhetik der verwendeten Sprache hin.30 Für die folgende Analyse gilt dieses Kriterium als essentiell, da sich diese Funktion besonders am Beispiel der Metapher im Text manifestiert. Schlussendlich ordnet Beile die Musikkritik als neben der Buch-, Theater- oder Filmkritik stehenden Unterpunkt der Fachtextsorte Rezension ein.

In der Domäne des Journalismus wird die Rezension mit der Kritik oft synonym verwendet und - im Kontrast zu den informierenden Textsorten wie Nachricht, Bericht oder Reportage - in die Klasse der meinungsbetonten Textsorten eingeordnet.31 Diese Abgrenzung wird jedoch der Textsorte nicht gerecht. So La Roche:

„Kritiken und Rezensionen verquicken in aller Regel Unterrichtung und Beurteilung. [...] Die Trennung von Bericht und Meinung gilt im Kulturteil für alle jene Ereignisse nicht, über die Kritiken bzw. Rezensionen erscheinen.“32

Auch Zillig distanziert sich in seinen Ausführungen von dieser strikten Trennung, indem er zwischen Information und Bewertung differenziert. So sei die Kritik zwar eine bewertende Handlung, die aber die Komponente der Information als subsidiäre Handlung inne trägt.33

Thim-Mabrey hingegen sieht die Musikkritik als Untertextsorte sogenannter „kritischer Besprechungen“, die sich durch ihre Textfunktion (Deklaration des öffentlichen Rangs eines musikalischen Ereignisses) und Texthandlung (EmittentIn verleiht mittels eines Textes einem öffentlichen musikalischen Ereignis einen bestimmten Rang X) definiert.34

Trotz der Fassbarkeit dieser Definitionen bleibt dennoch offen, wie sich die Kritik von der Rezension unterscheidet. Hierzu statiert Stegert:

„Die Rezension ist eine Beitragsform, die Kritik zunächst einmal eine sprachliche Handlung, die Teil des Rezensierens sein kann, aber auch in alltäglichen Gesprächen, Büchern Interviews, etc. Ihren Platz hat. Die Rezension ist nur ein möglicher Ort der Kritik.“35

Stegert sieht in der Kritik also keine unabhängig definierte Textsorte, sondern eine sprachliche Ausdrucksform, die in der Rezension angewendet wird. Damit überschneidet sich seine Auffassung mit Thim-Mabrey, die in der Kritik nur die Subkategorie der weiträumigeren kritischen Besprechung sieht. Überträgt man die bis an diesen Punkt dargestellten Auffassungen auf die Begrifflichkeiten Tonträgerrezension und Tonträgerkritik, die in dieser Arbeit als Termini für den Untersuchungsgegenstand fungieren, kann statuiert werden:

- Die Tonträgerkritik und die Tonträgerrezension sind Unterkategorien der „kritischen Besprechung“ im musikalischen Kontext.
- Mit „Kritik“ ist die sprachliche Handlung innerhalb des Textes gemeint, während die „Rezension“ die Textsorte als Solches bezeichnet.
- Der Ausdruck „Kritik“ bezieht mit ein, dass der Handlung der kritischen Äußerung auch ein subsidiärer informativer Charakter inhärent ist.

4.2 Zur Bildfeldtheorie Harald Weinrichs

Metaphern gelten als essentielles Stilelement zur Beschreibung und Beurteilung in journalistischen Texten. Dies gilt insbesondere für den Kontext der fachsprachlichen Vermittlung von Musik. Die Metaphernverwendung erfolgt demnach „sowohl fachsprachlich, als auch medienbedingt.“36 So bemerkt Claus Spahn:

„Auf Metaphern ist die Musikkritik wohl immer bis zu einem bestimmten Maß angewiesen. Manche interpretatorische oder kompositorische Besonderheit läßt sich eben am besten mit einem bildhaften Vergleich einfangen.“37

Auch laut journalistischen Lehrbüchern wie Stilistik für Journalisten gelten bildliche Vergleiche und Metaphern als wichtige Tropen, die die Verständlichkeit des Textes fördern, „ästhetisches Vergnügen“38 schaffen, die LeserInnen zur kognitiven Arbeit fordern und auch zum Ausdruck von Werturteilen dienen.39

Dass die Metapher ein nicht unerhebliches Element der sprachlich-stilistischen Ausdrucksweise von JournalistInnen darstellt, steht also außer Frage. Um aber eine genauere Kategorisierung der verschiedenen metaphorischen Konzepte zu eruieren, ist es nötig, eine theoretische Grundlage zu schaffen, die auf die Analyse angewendet werden kann. Aus dem weitreichenden Fundus der Metaphertheorien wird für die Analyse in dieser Arbeit die sogenannte Bildfeldtheorie Harald Weinrichs gewählt. Weinrich untersucht den sprachinternen Zusammenhang der Metapher auf synchroner Ebene.40 Im Kontext der Semantik führt er als Pendant zu dem von Jost Trier etablierten Begriff semantisches Wortfeld das Bildfeld mit den Subtermini Bildspender und Bildempfänger ein.41 Laut Weinrich ist die Metapher demnach eine „Verbindung jeweils zweier Bedeutungsfelder“42 – und somit eine Verbindung zwischen einem bildspendenden und einem bildempfangenden Bereich. Um die Metapher zu verstehen, ist es nötig, eine Verknüpfung zwischen diesen Bereichen zu schaffen, was er als analogiestiftenden Akt 43 bezeichnet. In diesem Akt wird ein spezifisches Element des bildspendenden Bereichs extrahiert und auf den Bildempfänger übertragen. Die Metapher dient also dazu, zwei im Normalfall unvereinbare semantische Bildfelder miteinander zu verknüpfen. Dadurch erfolgt eine Projektion von einem Herkunftsbereich auf einen Zielbereich, der auch in anderen Metaprntheorien als Quintessenz der Metapher gilt. So besteht beispielsweise ein Ähnlichkeitsverhältnis zwischen den Termini Bildspender und Bildempfänger und den in der kognitiven Metapherntheorie gängigen source domain und target domain44, was in folgendem Beispiel aus dem Korpus veranschaulicht wird:

„Ganz anders der total verstrahlte Opener "Hide in plain sight", der stets bedrohlich brodelnd kurz vor der Explosion zu stehen scheint und dann doch ganz gemächlich ausflackert.“45

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Beispiel wird dem bildspendenden Bereich Feuer die Komponente „Intensität“ entnommen, die durch den analogiestiftenden Akt auf den Bildempfänger, in diesem Falle den Song selbst, projiziert wird. Die Vergleichsebene der Metapher wird somit ersichtlich, was gezeigt werden kann, indem man den Satz zu einem Vergleich mit „wie“ umstellt: Der Titel „Hide in plain sight“ verläuft wie ein Feuer, das zuerst brodelt und dann langsam ausflackert. Dieses Erfassen der Vergleichsebene durch einen kognitiven Akt bildet das Zusammenspiel zwischen der oberflächlichen Textualität der Metapher und ihrem kognitiven Grundkonzept. Weinrichs Theorie zeichnet sich somit aus, als dass er die Metapher zwar auf sprachlicher und insbesondere textueller Ebene behandelt (Weinrichs Korpus besteht ausschließlich aus literarischen Texten), aber die kognitive Komponente (durch Beschreibung des analogiestiftenden Aktes) dabei nicht außer Acht lässt.

Weinrich besagt in seiner Theorie ebenfalls, dass die in einem Text verwendeten Bildfelder eine „überindividuelle Bildwelt als materialen Metaphernbesitz einer Gemeinschaft“46 schaffen. Diese Vorstellung von einer überindividuellen Bildwelt bietet die hypothetische Grundlage für die folgende Analyse – es soll untersucht werden, durch welche gemeinsamen Bildfelder sich eine übergeordnete Metaphernwelt der Tonträgerrezensionen innerhalb der „Gemeinschaft“ der Online-JournalistInnen herauskristallisieren und beschreiben lässt.

5. Analyse: Metaphorische Bildfelder in Online-Tonträgerrezensionen aus der Populärmusik

Die in diesem Kapitel ausgearbeitete Analyse beschäftigt sich mit der Einordnung der im Textkorpus markierten Metaphern in verschiedene bildspendende und bildempfangende Bereiche.47 Terminologisch orientieren sich die in dieser Analyse verwendeten Kategorien der bildspendenden Bereiche an den Ausführungen von Thomas Störel und Gabriele Böheim, wobei sie dabei teilweise umbenannt wurden.48 Bei der Benennung der Bildempfänger wurden eigene Subklassen verwendet, da sich der bildempfangende Bereich zwischen der bei Böheim und Störel behandelten E-Musik und der Populärmusik stark unterscheidet.

Im Laufe der Analyse sollen zunächst die zentralen und statistisch dominanten bildspendenden Bereiche anhand von Beispielen veranschaulicht werden. Außerdem erfolgt eine Beschreibung des jeweiligen tertium comparationis49, das die Analogie zwischen Bildspender und Bildempfänger stiftet. Im Rahmen des selben Prinzips wird dieses Analyseverfahren im Anschluss auf die Bildempfänger angewandt.

[...]


1 Vgl. Dernbach 2010, S.194. Anmerkung: Zur Verbesserung des Leseflusses werden AutorInnennamen und Ergänzungen lediglich in den Fußnoten angeführt und auf Verweise innerhalb des Haupttextes verzichtet.

2 Vgl. Mast, S.353. Definition des Blogs: „Weblogs, kurz Blogs (das Wort ist eigentlich ein Neutrum, zunehmend verbreitet aber auch Maskulinum), sind eine Weiterentwicklung des Tagebuchs unter einer Web- Oberfläche. Hauptkennzeichen ist die chronologische Anordnung: Das Neueste steht zuoberst“. (Hooffacker 2016, S. 191).

3 Vgl. Dernbach 2010, S.195.

4 Reus 2008, S.85.

5 Böheim 1987, S.213.

6 Vgl. Störel 1997, S.45.

7 Böheim 1987, S.2.

8 Vgl. Ebd., S.1.

9 Vgl. Ebd., S.12.

10 Definition E-Musik: „Die ernste Musik, im Unterschied zur Unterhaltungsmusik (U-Musik). Die Aufteilung entstand in den 1920er- Jahren aus verwaltungstechnischen Gründen bei der Wahrung von Urheberrechten, zum Beispiel bei GEMA und Rundfunk. […].“ (Brockhaus 2006, S.179).

11 Vgl. Ortner 1982, S.15.

12 Vgl. Störel 1997, S.48

13 Vgl. ebd., S.52.

14 Weinrich 1996, S.327.

15 Zu dieser Auffassung vgl. Hänecke 1992, S.9.

16 Reus 2008, S.88.

17 Reus 2008, S.88.

18 Vgl. ebd., S.98.

19 Definition Populärmusik: „[…] So kann Pop ein Synonym für alle populäre Musik in massenhafter Verbreitung sein, oder es ist ein Etikett für Erscheinungen aus dem Bereich der Unterhaltungsmusik mit dem Anspruch des „up to date“. In den 60er/70er Jahren diente es vor allem zur Bezeichnung der Rock Music mit ihrer Attitüde von Extravaganz, Subkultur und Protest.“ (Hunkemöller 1998, S.828).

20 Siehe http://www.plattentests.de/impressum

21 Siehe http://www.laut.ag

22 Armin Linder, Chefredakteur von plattentests.de, schreibt beispielsweise auch für die TZ. (siehe http://www.plattentests.de/impressum)

23 Die genauen Veröffentlichungsdaten der Rezensionen sind im Quellenverzeichnis vermerkt. Einzig www.laut.de gibt im Paratext lediglich das Veröffentlichungsdatum des Tonträgers selbst an – was allerdings keinen Einfluss auf das diachrone Spektrum nimmt, da die Rezensionen praktisch immer unmittelbar nach Veröffentlichungsdatum erscheinen.

24 Prinzip: „Jede zweite“ Musikrezension, geordnet nach Aktualität.

25 Es ist möglich, dass die hier angegeben Werte nicht die tatsächlichen Anzahl an Metaphern oder ähnlichen sprachlich-stilistischen Ausdrucksmitteln wiederspiegeln. Das liegt daran, dass stark habitualisierte Metaphern, metaphorische Fachtermini (z.B. Genrebezeichnungen), sowie metaphorische Ausdrücke, die sich nicht auf Musik thematisierende Bildempfänger beziehen, von der Analyse ausgeschlossen wurden.

26 Vgl. Beile 1997, S.45.

27 Vgl. ebd., S.46.

28 Vgl. Hooffacker 2016, S.123.

29 Beile 1997, S.46.

30 Vgl. ebd., S.47.

31 Vgl. Lüger 1995, S.139.

32 LaRoche 1991, S.151, zitiert nach Stegert 1997, S.91.

33 Zillig 1982, S.200, zitiert nach Thim-Mabrey 2001, S.41.

34 Thim-Mabrey 2001, S.42-44

35 Stegert 1997, S.99.

36 Ortner 2001, S.298.

37 Spahn 1997, S.112.

38 Kurz/Müller/Pötschke/u.a. 2010, 166f.

39 Vgl. Ebd., S.310.

40 Vgl. Störel 1997, S.27.

41 Kohl 2007, S.118.

42 Weinrich 1976, S.326, zitiert nach Störel 1997, S.27.

43 Ebd.

44 Vgl. Kohl 2007, S.118.

45 PT#5. PT= Kürzel für die Veröffentlichungsplattform. #5: Nummer, die der Rezension im Quellenverzeichnis zugeordnet wurde. Alle Textbelege aus dem Korpus werden ab dieser Stelle auf diese Weise vermerkt. In den Beispielen werden die jeweiligen metaphorischen Lexeme unterstrichen. Musikdiskursive Fachbegriffe und Eigennamen werden in kursiver Schrift angezeigt.

46 Weinrich 1976, S.277, zitiert nach Störel 1997, S.27.

47 Die Metaphern aus dem Textkorpus wurden auch nach anderen Kategorien wie „grammatischen Form“ (Substantiv-; Adjektiv; Verb-; Partizip-; Kompositumsmetapher und metaphorischer Phraseologismus) und „Konventionalität“ eingeordnet (konventionell vs. frisch). Diese Kategorien dienen der Analyse jedoch nur als optionale Hilfsmittel und wurden daher nicht berücksichtigt. Sie sind dennoch in der im Anhang aufgeführten Excel-Tabelle einsehbar.

48 Z.B. wurde Böheims Bildfeld „Gastronomie“ (S.249) durch den umfangreicheren Begriff „Kulinarik“ ersetzt.

49 Vgl. Weinrich 1996, S.338.

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Details

Titel
Die Sprache des Musikjournalismus. Metaphern in Online-Tonträgerrezensionen der Populärmusik
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V462896
ISBN (eBook)
9783668911178
ISBN (Buch)
9783668911185
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Metaphern, Musik, Rezension, Journalismus, Publizistik, Weinreich, Tonträger, Pop, Popmusik, Populärkultur, Linguistik, Metaphorik, Metapher
Arbeit zitieren
Maximilian Eberle (Autor), 2016, Die Sprache des Musikjournalismus. Metaphern in Online-Tonträgerrezensionen der Populärmusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/462896

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