Was Mary nicht wußte. Frank Jacksons "Knowledge Argument" und Brain Loars Kritik daran


Essay, 2018
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Was Mary nicht wusste

Frank Jacksons Knowledge Argument und Brain Loars Kritik daran

Was Mary nicht wusste - Das Knowledge Argument

„[...] there are certain features of the bodily sensations especially, but also of certain perceptual experiences, which no amount of purely physical information includes. Tell me everything physical there is to tell about what is going on in a living brain, the kind of states, their functional role, their relation to what goes on at other times and in other brains, and so on and so forth, and be I as clever as can be in fitting it all together, you won't have told me about the hurtfulness of pains, the itchiness of itches, pangs of jealousy, or about the characteristic experience of tasting a lemon, smelling a rose, hearing a loud noise or seeing the sky. “

Frank Jackson (2006, 127)

Wie in diesem Eingangszitat von Jackson zum Ausdruck kommt, scheint es bestimmte Eigenschaften korperlicher, sinnlicher oder kognitiver Erfahrung zu geben, die in ihrer Ganze nicht durch physikalische Informationen beschreibbar sind, d.h. jede noch so vollstandige Beschreibung einer solchen Erfahrung lasst immer bestimmte phanomenale Erlebnisqualitaten auBen vor. Wenn allerdings der Physikalismus behauptet, eine umfassende Theorie der Wirklichkeit schlechthin zu sein, so mussen seine Erklarungen eben solche Aspekte einschlieBen konnen. Diesen Punkt verdeutlicht Jackson in seinem Aufsatz „Epiphenomenal Qualia“ anhand des Gedankenexperiments der Wissenschaftlerin Mary.

Die brillante Wissenschaftlerin Mary verfugt uber alle physikalischen Informationen uber Farbwahrnehmungen, die es gibt (einschlieBlich noch zu gewinnender Erkenntnisse), hat aber ihr gesamtes Leben in einer schwarz-weiBen Labor-Umgebung verbracht und nie ein Farberlebnis gehabt. Eines Tages gelangt sie nach drauBen und macht zum ersten Mal die Erfahrung, wie es ist, etwas Farbiges zu sehen. Damit lernt sie etwas Neues uber die Welt, erwirbt also zusatzliches Wissen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie zuvor nicht alle Tatsachen, die Farbwahrnehmungen von Menschen betreffen, kannte. Folglich gibt es - so lautet das Argument - mehr in der Welt als physikalische Tatsachen. Wenn der

Physikalismus allerdings die Theorie ist, dass alle Tatsachen physikalische Tatsachen sind, und Mary etwas Neues uber die Welt gelernt hat, dann ist der Physikalismus also falsch.

Das Argument kann in folgende Form gebracht werden:

(P1) Mary hat volle Kenntnis uber alle physikalischen Tatsachen uber Farbwahrnehmung.

(P2) Der Physikalismus ist wahr, genau dann, wenn alle Tatsachen physikalisch erklarbar sind.

(P3) Wenn Mary ihren Raum verlasst und die Welt in Farbe wahrnimmt, lernt sie etwas Neues.

(K) Der Physikalismus ist falsch.

Jacksons Schluss aus dem Gedankenexperiment - was spater als „Wissensargument“ beruhmt wurde - ist also, dass Mary in dem Moment, als sie die Erfahrung der Farbwahrnehmung macht, eine neue Tatsache uber die Welt kennenlernt und diese deshalb nicht zu den physikalischen Tatsachen gehoren konnte, da sie diese bereits alle kannte. Da aber - dem Physikalismus folgend - alle Tatsachen der Welt durch ihn beschreibbar sind, ist der Physikalismus zuruckzuweisen.

Loars Antwort auf das Knowledge Argument

Loar akzeptiert zwar die intuitive Annahme, dass phanomenale Konzepte irreduzible Bestandteile der Wirklichkeit sind, bestreitet aber, dass eben diese Aspekte des Mentalen ein Problem fur die These darstellt, dass sich diese grundlegend von Physischen unterscheiden. Seiner Auffassung nach konnen wir sowohl an der begrifflichen Irreduziblitat phanomenaler Qualitaten festhalten, sowie sie gleichzeitig - im Einklang mit Erkenntnissen der gegenwartigen Hirnforschung - mit physisch-funktionalen Eigenschaften identifizieren, wenn wir der Argumentation die basale Unterscheidung zwischen Begriffen und Eigenschaften zugrunde legen.

Zu diesem Zwecke fuhrt er folgendes Beispiel an: Es sei durchaus vorstellbar, dass man von einer vor einem stehenden Flasche weiB, dass sie CH3-CH2-OH enthalt, ohne gleichzeitig zu wissen, dass es sich dabei um die Substanz Alkohol handelt. Nachdem man den Begriff „Alkohol“ erworben hat, wurde also eine neue Tatsache uber die Welt erworben. Jacksons Wissensargument folgend, musste es sich dabei aber um eine grundlegend andere Tatsache handeln, weshalb es paradoxerweise nicht moglich ware, davon zu sprechen, dass Alkohol mit der chemischen Zusammensetzung CH 3-CH 2-OH identisch ware.

Ebenso konnte man sich vorstellen, dass man von der Substanz in einer Flasche weiB, dass es sich um die lebenswichtige Flussigkeit Wasser handelt, ohne gleichzeitig zu wissen, dass es die chemische Zusammensetzung H2O hat, eine Tatsache, die erst durch Erkenntnisse im Bereich der Chemie erworben wurde. Es scheint also durchaus vorstellbar, dass die Identitat einer Substanz und beispielsweise ihrer chemischen Zusammensetzung a priori nicht wissbar ist aber trotzdem wahr ist. D.h. die Tatsache, dass man nicht weiB, dass Wasser die chemische Verbindung H2O aufweist oder etwa eine Flussigkeit der Zusammensetzung CH 3-CH 2-OH das ist, was wir unter dem Begriff „Alkohol“ kennen, lasst uns nicht ihre Identitat leugnen, was wir aber dem Wissensargument von Jackson folgend tun mussten.

Loar lost dieses Problem, indem er behauptet, dass der Erkenntniszuwachs, den wir durch unser epistemisches Wissen erwerben, nicht aus neuen Tatsachen besteht, sondern in verschiedenen Gegebenheitsbeschreibungen. Eine physikalische Eigenschaft kann demnach zwei Gegebenheitsbeschreibungen aufweisen - eine a priori und eine a posteriori - und ihre Identitatsbehauptung kann trotzdem wahr sein.

Mit den von Loar angefuhrten Gegebenheitsbeschreibungen verhalt es sich ahnlich wie Freges Beispiel der Venus. Sowohl der Terminus „Abendstern“ als auch der Terminus „Morgenstern“ beziehen sich auf die Venus, unterscheiden sich aber darin, dass sie die Venus in einer anderen Gegebenheitsweise herausgreifen. Wahrend der Begriff „Abendstern“ sich auf das Gestirn bezieht, das abends als erstes am Himmel zu erkennen ist, referiert „Morgenstern“ auf das hellste vor Sonnenaufgang hervortretende Gestirn. Es handelt sich also um zwei Gegebenheitsweisen derselben Entitat, die klarerweise kontingent sind. Die Tatsache, dass wir nicht a priori einsehen konnen, dass beide Gegebenheitsweisen denselben Referenten haben, bedeutet allerdings keinesfalls das diese Identitatsbehauptung falsch ist. Wir konnen sie nur a priori nicht erkennen.

Analog dazu verhalt es sich - Loar zufolge - mit dem Begriff Wasser, der ebenso auf kontingente Gegebenheitsweisen referiert. D. h. die Identitatsaussage H2O = Wasser mag ebenso wenig a priori einsehbar sein, wie die Aussage, dass sowohl Abendstern und Morgenstern auf die Venus referieren, da wir uns vorstellen können, dass es a priori nicht erkennbar sein könnte, dass H₂0 das ist, was die „Wasserrolle“ spielt. Zudem drückt der Begriff „Wasser“ eine kontingente Gegebenheitsweise aus, da wir uns andere mögliche Welten vorstellen könnten, in denen Wasser etwa eine andere Oberflächenstruktur aufweist. Jedoch ist die Identität dieser Aussage a posteriori wahr. Wir konnten uns – in unserer kognitiven Beschränktheit – nur zuvor keinen Begriff davon machen. Das heißt, selbst wenn wir wissen, was H₂0-Sein bedeutet, schaffen wir es nicht, daraus a priori abzuleiten, dass es auch die entsprechenden Oberflächenstruktur aufweist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Was Mary nicht wußte. Frank Jacksons "Knowledge Argument" und Brain Loars Kritik daran
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philososches Seminar)
Veranstaltung
Das Körper-Geist Problem
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
7
Katalognummer
V463070
ISBN (eBook)
9783668926431
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissensargument, knowledge argument, Brian Loar, Frank Jackson, Wissenschaftlerin Mary, Frege, Epiphenomenal Qualia, Physikalismus, Gegebenheitsbeschreibungen.
Arbeit zitieren
Marieke Jochimsen (Autor), 2018, Was Mary nicht wußte. Frank Jacksons "Knowledge Argument" und Brain Loars Kritik daran, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463070

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was Mary nicht wußte. Frank Jacksons "Knowledge Argument" und Brain Loars Kritik daran


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden