Aufwachsen in Armutsgefährdung in Deutschland als pädagogische Herausforderung


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 2,0
Marleen Schulz (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Armutsdefinition

3. Auswirkungen der Armut auf die pädagogischen Bereiche der Kinder
3.1 Bildung
3.2 Sozialisation
3.3 Erziehung

4. Pädagogischer Handlungsrahmen
4.1 Bildungsmaßnahmen
4.2 Sozialisationsmaßnahmen
4.3 Erziehungsmaßnahmen

5. Fazit

1. Einleitung

Nach wie vor ist Kinderarmut in Deutschland ein präsent diskutiertes und bedeutendes Thema, denn noch immer wachsen in der westlichen Welt zu viele Kinder und Jugendliche in Armut auf. Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 5. November 2015 lebten im Jahr 2014 durchschnittlich 15,1% der unter 18-jährigen im armutsgefährdeten Bereich. Als armutsgefährdet gilt hier, wer „über weniger als 60 % des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt“ (Pressemitteilung Statistisches Bundesamt 2015, S.1).

Doch häufig ist nicht die Armut an sich das Problem, sondern die Ausprägungen, die diese mit sich bringt. So sammeln sich bereits seit Jahrzehnten Forschungen und Publikationen an, um die Armutslage der Minderjährigen in Deutschland zu erfassen und daraus Handlungs- und Lösungswege abzuleiten und dennoch ist die Armutssituation ein beständiges Problem.

Um genauer zu verstehen, welche pädagogische Handlungsnot hier besteht und auch, in wie weit die Standbeine der Erziehungswissenschaft - Erziehung, Sozialisation und Bildung - von der Kinderarmut in Deutschland betroffen sind, werde ich mich in dieser Hausarbeit mit folgender Frage auseinandersetzen: „Welche pädagogischen Herausforderungen stellt das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im armutsgefährdeten Bereich in Deutschland dar?“

Weil die Kinder ihre Situation nicht selbst wählen können, wird ihre Lebenslage maßgeblich von der finanziellen und sozialen Situation der Eltern bestimmt. So sind sowohl ihr Wohnungsumfeld, ihr soziales Umfeld, ihre Bildungsmöglichkeiten und ihre Möglichkeit zum Statuserwerb stark vom Elternhaus geprägt und sollten diese im armutsgefährdeten Bereich liegen, haben die Kinder häufig mit Nachteilen zu rechnen. Dies ist eine soziale Ungleichheit, welche Aufarbeitung und Lösungsansätze zum Entgegenarbeiten fordert.

2. Armutsdefinition

Um zu verstehen, was es für Kinder und Jugendliche bedeutet in Armut aufzuwachsen, muss zunächst einmal geklärt werden, was unter Armut in Deutschland verstanden wird. Zunächst gibt es auf der übergeordneten Ebene die Unterscheidung in absolute und relative Armut, wobei die absolute Armut einen Zustand beschreibt, in dem ein Mensch sich die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nicht leisten kann, die in Deutschland, zumindest in der Theorie immer geleistet sein sollte (vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Armut). Also bezieht sich der Armutsbegriff in Deutschland auf die relative Armut, also Armut im Verhältnis zur Gesellschaft und zum Lebensumfeld des Menschen (ebd.).

Geht man nun weiter in der Armutsdefinition, so findet sich häufig die Definition zur Armutsgefährdung, welche die Schwelle bezeichnet bei der die Grenze zur Armut bei weniger als 60% des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung liegt (vgl. Pressemitteilung Statistisches Bundesamt 2015, S.1). Da dies nach meinen Recherchen zwar keine allgemeine und pauschal gültige Definition ist, sie jedoch in einem Großteil der Forschungen genutzt wird, werde ich mich, wenn im Nachfolgenden von Armut oder einem armutsgefährdeten Bereich gesprochen wird, auf diese Definition beziehen.

Dennoch ist es des Weiteren wichtig, die verschiedenen Dimensionen von Armut zu beleuchten, denn dort spiegeln sich die Auswirkungen der Armut am deutlichsten wieder. UNICEF hat daher folgende Kategorien aufgestellt: materielle Situation, Gesundheit und Sicherheit, Bildung, Familie und Umfeld, Verhalten und Risiken (vgl. unicef.de 2013, S. 3-6).

Betrachtet man also zunächst die materielle Situation, also die finanziellen bzw. ökonomischen Gegebenheiten, so gelten besonders Alleinerziehende, ALG-II-Empfänger, Hartz-4-Empfänger, gering Qualifizierte oder Erwerbstätige in Niedriglohnjobs als gefährdet, in den armutsgefährdeten Bereich zu rutschen (vgl.Hardung/Demmelhuber/Eklkofer 2013, S. 3-5).

Analysiert man den Gesundheitszustand von Kindern in Armut, so kommen Studien zu dem Ergebnis „dass das Erleben von materiellen Einschränkungen häufig mit subjektiven Belastungen verbunden ist, die sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken [...].Diese äußern sich in typischen altersspezifischen psychosomatischen Symptomen wie Einnässen, Bauch- und Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Unkonzentriertheit, Nervosität, depressive Symptomatiken etc.“ (Laubstein/Holz/Seddig 2016, S.66) und zu dem weisen Kinder mit niedrigem Sozialstatus „das Risiko von psychischen Auffälligkeiten und psychosozialen Beeinträchtigungen auf“, (ebd., S.67). Somit lässt sich festhalten, dass Armut nicht nur äußerlich Auswirkungen auf das Kindeswohl hat, sondern auch zu entsprechenden individuellen gesundheitlichen Einschränkungen führen kann.

Als einer der aus pädagogischer Sicht wichtigsten Punkte kann die durch Armut benachteiligte Bildung gesehen werden. Denn „Einerseits besteht das erhöhte Risiko, dass Armut über die Beziehung und das Handeln von Eltern und Kindern zu einem Familienklima führt, das die kindliche Entwicklung insgesamt und weiter die soziale Einbindung in die Kita-/Klassen-/Schulgemeinschaft sowie in der Schule die Schulleistungen negativ beeinflussen kann. Andererseits kann Armut dazu führen, dass Eltern/Familien weniger Zugang zu und damit Teilhabe an allgemeinen Bildungsangeboten erhalten, unter anderem, weil ihnen die finanziellen Ressourcen fehlen“ (Laubstein/Holz/Seddig 2016, S.54). Aber auch weiterführend fehlt ökonomisch schwachen Familien häufig das Geld, um Zusatzausgaben zu finanzieren. So dürfte es schwer für sie sein, beispielsweise lange Ausbildungszeiten, Nachhilfe, ein eigenes Zimmer als ruhigen Lernort oder teure Materialien zu finanzieren. Somit haben die Kinder, welche in Armutsgefährdung leben, einen realen Bildungsnachteil gegenüber Familien aus finanziell besser gestellten Lebenslagen.

Doch auch die Familie und das Umfeld üben einen großen Einfluss auf die Kinder aus. So spielen zum Beispiel die jeweilige Wohnsituation oder die schwer zu erfassende physische Gewalt eine Rolle (vgl. unicef.de 2013, S.6). Zu dem greifen hier auch indirekte Belastungen innerhalb der Familie. So kann es einerseits innerhalb armer Familien zu Belastungen durch die Arbeitslosigkeit kommen, welche zur Eskalation und so zur Auflösung der Partnerschaft führen können. Andererseits kann es auch zur Belastung durch Überforderung der Kinder und Jugendlichen kommen, besonders wenn die Eltern erwerbstätig sind und die Kinder so eine Rolle übernehmen müssen, für die sie noch gar nicht bereit sind und dann zum Beispiel den Haushalt organisieren oder jüngere Geschwister versorgen und erziehen (vgl. Laubstein/Holz/Seddig 2016, S. 51).

Als letzte Dimension wird Verhalten und Risiken aufgeführt. Hier werden Faktoren wie körperliche Auseinandersetzungen, Mobbing, Tabakkonsum, Teenagerschwangerschaften, Übergewicht, ausgewogene Ernährung, Alkoholkonsum und regelmäßige Bewegung berücksichtigt (vgl. unicef.de 2013, S. 9). Negativ auffällig waren hier der hohe Anteil an übergewichtigen Kindern, vermutlich verbunden mit dem geringen Anteil der Kinder, welche sich ausgewogen ernähren oder sich regelmäßig bewegen (ebd.).

Es lässt sich also festhalten, dass Armut sich in vielfältige Lebensbereiche auswirkt und langfristige und sich reproduzierende Folgen für die betroffenen Kinder mit sich bringt.

3. Auswirkungen der Armut auf die pädagogischen Bereiche der Kinder

Doch Armut ist ein Problem, welches nicht nur gesamtgesellschaftlich zu verstehen ist, sondern auch die pädagogische Betrachtungsweise ist zum Verständnis der Folgen maßgeblich. Geht man von der Definition der Pädagogik, beziehungsweise auch der Erziehungswissenschaft aus, so stößt man häufig auf die drei Säulen der Erziehungswissenschaft: Erziehung, Bildung und Sozialisation (vgl. Universität Bielefeld, Studieninformation). Diese Standbeine sind dabei sowohl bei der individuellen Betrachtung von Kindern nötig, verändern sich aber auch je nachdem, welches gesellschaftliche Phänomen durch sie betrachtet wird. So hat auch die Armut und das Leben im armutsgefährdeten Bereich Auswirkungen auf die Sozialisation, die Bildung und die Erziehung bei Kindern.

3.1 Bildung

Betrachtet man zunächst die Bildung der Kinder, welche in Armutsgefährdung leben, so ist hier ein deutlicher sozioökonomischer Einfluss zu verzeichnen. So heißt es aktuell „PISA 2015 zeigt, dass der sozioökonomische Status der Schüler oder ein etwaiger Migrationshintergrund in den meisten Teilnehmerländern und Volkswirtschaften mit erheblichen Unterschieden bei den Schülerleistungen assoziiert sind. Beispielsweise schneiden sozioökonomisch benachteiligte Schülerinnen und Schüler im OECD-Durchschnitt in Naturwissenschaften um 88 Punkte schlechter ab als sozioökonomisch begünstigte Schülerinnen und Schüler.“ (PISA 2016, S. 6/8). Doch dieses Ergebnis wird nicht nur durch PISA im naturwissenschaftlichen Bereich und den allgemeinen OECD-Ländern gestützt. Auch in der IGLU-Studie von 2006 lässt sich ein Zurückbleiben der Kinder aus niedrigen sozialen Lagen gegenüber den Kindern aus höheren sozialen Lagen nachweisen. Nach Auswertung der Statistiken heißt es: „Auch bei deutschen Viertklässlerinnen und Viertklässlern findet sich ein im internationalen Vergleich relativ enger Zusammenhang zwischen Sozialschicht und Lesekompetenz. Zwar schafft es die Grundschule in Deutschland, bei den Schülerinnen und Schülern am Ende der vierten Jahrgangsstufe ein hohes Leseniveau zu erreichen und insbesondere den Anteil der ‚Risikokinder‘ (unter Kompetenzstufe III) gering zu halten, doch gelingt es ihr nicht zufriedenstellend, bestehenden sozialen Ungleichheiten kompensierend zu begegnen.“ (IGLU 2007, S.31). Doch auch hier ist es wichtig, nicht nur das Ergebnis der ökonomisch schwachen Familien betrachten. Denn es spielen nicht nur die bereits erwähnten schlechten Umstände der Kinder, wie der geringe Wohnraum, die mangelnden Rückzugsorte und die Kosten einer langen und hohen Ausbildungsqualität eine Rolle, sondern es besteht auch ein Problem der Reproduktion. Denn „Bildungschancen werden weiterhin „sozial vererbt“. So weist der Armutsbericht aus, dass die Chancen für eine Gymnasialempfehlung für ein Kind aus einem Elternhaus mit hohem Sozialstatus fast dreimal so hoch wie die eines Facharbeiterkindes sind. Und Kinder aus gutverdienenden Elternhäusern haben sogar eine 7,4-fach größere Chance ein Studium aufzunehmen (vgl. Armutsbericht 2004)“ (Stompe, 2005, S.132). Auf Grund dieser Erkenntnis lässt sich auf eine beunruhigende Abwärtsspirale schließen, in der es für armutsgefährdete Kinder noch schwerer ist, sich aus ihr zu befreien. Somit sind Kinder in Armut in Deutschland mehrfach benachteiligt. Zum einen haben sie häufig ein schlechteres Lernumfeld und schneiden auch real in vergleichenden Studien schlechter ab, als Kinder höherer ökonomischer Schichten. Zu dem können sich die Eltern häufig keinen Ausgleich, zum Beispiel durch Nachhilfe leisten. Zum anderen besteht aber auch eine Chancenungleichheit, so dass die Kinder ihrer prekären Lebenslage schwerer entfliehen können.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Aufwachsen in Armutsgefährdung in Deutschland als pädagogische Herausforderung
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V463132
ISBN (eBook)
9783668922440
ISBN (Buch)
9783668922457
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Herausforderung, Armutsgefährdung, Deutschland, Aufwachsen, Bildung, Sozialisation, Erziehung, Handlungsrahmen, Defintion
Arbeit zitieren
Marleen Schulz (Autor), 2017, Aufwachsen in Armutsgefährdung in Deutschland als pädagogische Herausforderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463132

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