Kann Papst Franziskus als Reformer gesehen werden?

Eine sozialpsychologische Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung

2 Zur Person und Gruppe(n)
2.1 Jorge Mario Bergoglio
2.2 Papst Franziskus
2.3 Gruppe I: Das Konklave
2.4 Gruppe II: Katholische Glaubensgemeinschaft

3 Theorie I: Prototypikalität
3.1 Anwendung

4 Theorie II: Idiosynkrasie-Kredite
4.1 Anwendung

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Zu Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit stehen Autorinnen und Au- toren vor der Herausforderung, die Aktualität und die Relevanz ihres Forschungsthemas dazulegen. Im vorliegenden Fall erscheint dies be- sonders schwierig: Der Papst, also aktuell Papst Franziskus - und der Katholizismus an sich, scheinen einem Forschungsinteresse im Jahre 2019 nicht gerecht zu werden. Es darf zu Recht die Frage gestellt wer- den, inwiefern ein Thema relevant ist, dass offensichtlich seit Jahren an Relevanz verliert - wenden sich doch sehr viele Katholiken, auch im Zuge zunehmender Säkularisierung von „ihrer“ Kirche und damit dem Kirchenoberhaupt ab.

Dennoch ist die Rolle des Papstes, und somit die Bedeutung und Stellung Franziskus, auch heute eine weltweit einzigartige:

Zum einen nimmt die Bedeutung des Katholizismus nur aus westli- cher Sicht ab. Weltweit betrachtet steigt die Zahl der Mitglieder der Katholischen Kirche besonders dort stark, wo seit Jahrzehnten hohe Bevölkerungswachstumsraten zu verzeichnen sind. Allen voran sind hier Afrika und Asien zu nennen (siehe Sala Stampa della Santa Sede 2016). In Summe wächst die katholische Glaubensgemeinschaft also sogar und umfasst aktuell 17,8% der globalen Bevölkerung (ebd.).

Zum anderen muss man vor diesem Hintergrund die Stellung des Papstes innerhalb der Organisationsstruktur betrachten. Der Papst ist geistliches Oberhaupt von fast jedem fünften Menschen der Welt - unfehlbar und absolut. Viel wichtiger ist jedoch, dass er diese Macht ganz unabhängig von territorialen oder nationalstaatlichen Grenzen inne hat.1 Der Publizist und Schriftsteller Avro Manhattan fasst diese Einzigartigkeit des Papstamtes in dieser Hinsicht wie folgt zusammen:

„Die katholische Kirche [ist], im Unterschied zum Protes- tantismus und zu anderen Religionen, auf eine gewalti- ge, über den ganzen Erdbal l reichende religiöse Organisa- tion [ge]stützt. An der Spitze dieser Organisation steht der Papst. [...] Bei der katholischen Kirche haben wir es also mit einem religiösen Block zu tun, dem wirksamsten und kämpferischsten Block seiner Art in der modernen Welt“ (Manhattan 1984, 2)

Zusammenfassend lässt also sich sagen, dass die Macht und der Ein- fluss des Papstes, auch im 21. Jahrhundert, ihresgleichen sucht. Somit stellt auch Papst Franziskus eine relevante Person für die (sozialpsy- chologische) Forschung dar.

1.1 Fragestellung

Trotz ihres Wachstums hat die katholische Kirche, mitsamt ihres Ober- hauptes, massive Probleme. Egal ob im Umgang mit den Missbrauchss- kandalen, der Überalterung der Gemeinden im europäischen Raum oder die Reformbestrebungen einzelner Akteure: die katholische Kir- che steht wohl vor einer Zerreißprobe. Im öffentlichen Diskurs gilt Papst Franziskus oft als Hoffnungsträger was die Bewältigung dieser Herausforderungen angeht.

Die vorliegende Arbeit will mittels sozialpsychologischer Theorien versuchen zu beantworten, ob und in wie weit Franziskus tatsächlich für Reformen und einen Neuanfang steht.

Hierzu wird in den Abschnitten 2.1 und 2.2 zunächst kurz dargelegt werden, wer Papst Franziskus vor seiner Amtseinführung war und wel- che grundlegenden Eigenschaften und Handlungen ihn als neugewähl- ten Papst charakterisieren. Im Anschluss wird in den Abschnitten 2.3 und 2.4 kurz der Unterschied zwischen den beiden Bezugsgruppen des Papstes, der Konklave und der katholischen Glaubensgemeinschaft, skizziert.

Zur Beantwortung der Fragestellung, befassen sich die beiden theo- retischen Teile (in den Abschnitten 3 und 4) mit folgenden Themen (sowie deren praktischer Anwendung):

Protot ypikalität

Wie lässt sich die Wahl von Franziskus zum Papst, vor dem Hintergrund seiner nicht-prototypsichen Herkunft, erklären?

In wie fern ist Papst Franziskus typisch für seine Gruppe(n)? Be- steht ein Unterschied zwischen der Prototypikalität Franziskus’ zwischen Konklave und katholischer Glaubensgemeinschaft? Ge- hört Franziskus der Mehrheit oder der Minderheit innerhalb der Gruppen an?

Idiosynkrasie-Kredite

Wie hat Papst Franziskus seine Idiosynkrasie-Kredite erworben? Nutzt Papst Franziskus Idiosynkrasie-Kredite um Reformen in- nerhalb der katholischen Kirche voranzutreiben? Wenn ja, wie?

Abschließend fasst die Arbeit die Erkenntnisse der Theorien, bezug- nehmend auf Papst Franziskus, in einem Fazit (Abschnitt 5) zusam- men und versucht, die Fragestellungen mittels der gewonnenen, sozi- alpsychologischen Erkenntnisse zu beantworten.

2 Zur Person und Gruppe(n)

2.1 Jorge Mario Bergoglio

Jorge Mario Bergoglio, geboren am 17. Dezember 1936 in Buenos Ai- res, wächst in bürgerlichen Verhältnissen mit vier Geschwistern auf und erwirbt zunächst ein Diplom als Chemietechniker, bevor er sich für das Priestertum entscheidet und in das Diözesanseminar von Villa Devoto geht. Nach seiner Zeit als Novize der Gesellschaft Jesu Christi und einer kurzen Phase als Professor für Literatur und Psychologie im Kolleg der Immaculata von Santa Fé, studiert er bis 1970 eben- da Theologie (siehe Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl 2017).

Auf seinem Weg bis zu seiner Wahl als Papst, seien im Folgenden die wichtigsten Etappen dargestellt: Nach seiner Weihe zum Priester 1969, wird er 1973 wieder Professor - nun aber an der theologischen Fakultät, und steigt zum Rektor des Kollegs San José auf. Papst Jo- hannes Paul II ernennt ihn 1992 zum Titularbischof von Auca2 und Weihbischof in Buenos Aires. Innerhalb weniger Jahre wird er vom Bischof zum Generalvikar und nach dem Tod seines Vorgängers, Kar- dinal Quarracino, zum Erzbischof von Argentinien.

In das höchste Gremium der katholischen Kirche, das Konklave, steigt er durch die Ernennung zum Kardinal durch Johannes Paul II am 21. Februar 2001 auf (ebd.).

2.2 Papst Franziskus

Bereits im Konklave 2005 war Jorge Mario Bergoglio ein Favorit auf das Papstamt. Gewählt wurde Bergoglio jedoch erst am 13. März 2013, nach dem Rücktritt seines Vorgängers Papst Benedikt XVI. Papst Franziskus deutete schon mit seiner Namenswahl, in Anlehnung an den Heiligen Franz von Assisi an, dass er sich von seinen Vorgängern sichtbar abgrenzen will. Auch ist er der erste Papst der diesen Na- men trägt und wird deswegen nicht als „Franziskus I“ sondern nur als „Papst Franziskus“ bezeichnet (vgl. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl 2017).

Ferner, in seinem Lebensstil als Papst, versucht er klar sich von seinen Vorgängern abzugrenzen. So wohnt Papst Franziskus nicht in der abgeschotteten Wohnung im Apostolischen Palast, sondern im Gä- stehaus des Vatikans. Er begründet dies damit, näher an den Mitglie- dern der Geistlichkeit sein zu wollen (vgl. Kasper 2014). Der deut- sche Kardinal Kasper Walter beschreibt die weiteren, sofort mit dem Amtseintritt einhergehenden, Veränderungen wie folgt:

„ Franziskus war, das war sofort klar, nicht nur ein Na- me, Franziskus war ein Programm. [...] Von Anfang an drückte der neue Papst seinem Amt seinen Stil und seinen Stempel auf: in der Kleidung (nur weißer Talar, schlich- tes Metal lkreuz), in der Sprache (Buona sera) und in der Gestik ohne jede Theatralik. [...] Das war ein neuer Stil.“ (Kasper 2014, 5)

Es lässt sich also vorerst festhalten, das Franziskus zu Beginn seiner Amtszeit als Papst für Veränderung und Reformwillen steht, oder dies zumindest versucht nach außen zu kommunizieren.

2.3 Gruppe I: Das Konklave

Betrachtet man die Gruppenzugehörigkeit des Papstes, ergibt es Sinn diese noch einmal zu unterteilen. Zum einen in das Konklave, welches den Papst wählt, ihm also somit seine Macht überträgt. Zum anderen in die katholische Glaubensgemeinschaft, über die er Macht ausübt.

Das Konklave, welches Franziskus zum Papst wählte, bestand aus 115 Kardinälen. 61 dieser stimmberechtigten Kardinäle kamen aus Eu- ropa. Hiervon kommen 28 der Kardinäle allein auf Italien. Die zweit- größte Gruppe innerhalb des Konklave besteht aus Kardinälen aus Ländern der beiden amerikanischen Kontinente. 19 hiervon entfallen auf Lateinamerika. Die restlichen 23 Kardinäle kommen aus Asien und Australien (mit 12 Kardinälen) und aus Afrika (mit 11 Kardinälen) (siehe Sala Stampa della Santa Sede 2013).

[...]


1 Den Vatikanstaat mit seiner Bevölkerung und seinem Staatsgebiet einmal ausgenommen; jedoch kämen hierbei noch weitere völkerrechtliche sowie diplomatische Befugnisse und Machtoptionen des Papstamtes hinzu (vgl. Rossi 2005, 18; vgl. Ring-Eifel 2006).

2 Titularbischöfe empfangen zwar die Bischofsweihe, sind aber mit andern (oft diplomatischen) Funktionen betraut (vgl. Martin 2005, 85).

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Details

Titel
Kann Papst Franziskus als Reformer gesehen werden?
Untertitel
Eine sozialpsychologische Analyse
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V463306
ISBN (eBook)
9783668917316
ISBN (Buch)
9783668917323
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franziskus, Papst, Vatikan, Idiosynkrasiekredite, Konformität, Macht, Prototypikalität, Konklave
Arbeit zitieren
Marius Rosenthal (Autor:in), 2019, Kann Papst Franziskus als Reformer gesehen werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463306

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