Eine psycholinguistische Erklärung der besonderen Qualität schriftsprachlicher Produkte


Hausarbeit, 2017
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Grundlagenklärung
2.1 Das Vier-Phasen-Modell nach Levelt
2.2 Das Logogenmodell nach Morton
2.3 Innere Lexika

3. Kognitive Instanzen in der Sprachproduktion
3.1 Arbeitsgedächtnis
3.2 Zentrale Kontrolle

4. Das systemische Verhältnis von Sprechen und Schreiben

5. Schreiben und Sprechen im kritischen Vergleich
5.1 Pragmatik
5.2 Inhaltsvalidität
5.3 Komplexität

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während in der Psycholinguistik Lesen und Hören in einem einander ähnlichen Umfang thematisiert werden, findet sich in Bezug auf die Sprachproduktion ein starkes Ungleichgewicht, d.h. eine Konzentration der Forschung auf das Sprechen, und darüber die deutliche Vernachlässigung des Schreibens.

Ein Grund dafür mag lange Zeit gewesen sein, dass die schriftliche Sprachproduktion sich vom Sprechen, Hören und auch Lesen insofern unterschied, dass sie gesellschaftlich eigentlich keine Kernkompetenz darstellte. Die grundlegende Fähigkeit des Schreibens wurde zwar allgemein vermittelt, eine regelmäßige Ausübung fand sich allerdings auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt, v.a. solche mit akademischem Hintergrund, entweder im universitären Kontext selbst, oder indem entsprechend Ausgebildete ihre erworbenen Fähigkeiten als Dienstleistung zur Verfügung stellten. Zur Form der Sprachproduktion galt außerdem, dass die schriftliche im Gegensatz zur dialogischen mündlichen üblicherweise nur monologisch auftrat.1

Durch die rasante Entwicklung neuer Medien, insbesondere im vergangenen Jahrzehnt, und die damit einhergehende Etablierung von Schriftlichkeit in Alltagssituationen und -kommunikation darf diese Einschätzung allerdings als überholt angesehen werden. Ob als Kurznachrichten an Einzelpersonen und spezifische oder unspezifische Personengruppen, in Form eingeschränkt oder öffentlich zugänglicher Kommentare zu jedweden Inhalten, oder als eigenständiges Postulat – Schreiben ist für die breite Gesellschaft inzwischen längst selbstverständliche Ausdrucksform. Und obwohl die technischen Möglichkeiten sie überhaupt nicht mehr voraussetzen – man denke zum Beispiel an unaufwendig versendbare Sprachnachrichten, oder an Informationsvideos, wie es sie auf vielen Internetseiten gibt – hält der Großteil der Menschen an der eigentlich umständlichen Schriftlichkeit fest, denn sie bietet ihnen Ausdrucksmöglichkeiten, die mündlich nicht zur Verfügung stehen. Aber warum ist das so?

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit schriftlicher Sprachproduktion in Bezug auf diejenigen Aspekte, die sie wesentlich von der mündlichen unterscheiden. Das Ziel ist, die unterschiedliche Form und Qualität schriftsprachlicher Produkte zu erklären. Dabei gehe ich wie folgt vor:

Zunächst kläre ich einige psycholinguistische Grundlagen zur Sprachproduktion. In diesem Rahmen führe ich zwei Modelle ein, auf die ich mich im Verlauf der Arbeit stützen werde.

Eine wesentliche Rolle bei der Sprachproduktion spielt das Arbeitsgedächtnis. Auf seine Funktionsweise und Grenzen gehe ich im zweiten Teil der Arbeit ein.

Im dritten Teil arbeite ich die besonderen systemischen Eigenschaften schriftlicher Sprachproduktion und ihre Unterschiede zur mündlichen heraus.

Aufbauend auf den bisherigen Arbeitsergebnissen erkläre ich im vierten Teil das Auftreten formaler und qualitativer Unterschiede zwischen mündlichen und schriftlichen Sprachprodukten. Im Detail widme ich mich außersprachlichen Aspekten wie dem Sprechkontext und dem Adressaten, außerdem der Art und Weise der Planung und Konstruktion einer Äußerung und ihrer Komplexität.

Schließlich fasse ich die Ergebnisse meiner Arbeit zusammen.

2. Grundlagenklärung

Um die Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Sprachproduktion zu verstehen, müssen wir zunächst einige Grundlagen klären, die die Mechanismen der Sprachproduktion und der Sprachverarbeitung betreffen.

Die vorliegende Arbeit stützt sich wesentlich auf das Sprachproduktionsmodell nach Levelt. Aufgrund seiner Differenzierung zwischen den verschiedenen Modalitäten von Sprache beziehe ich mich außerdem auf das Logogenmodell nach Morton. Beide werden im aktuellen Kapitel vorgestellt.

Um die Schnittstelle zwischen den beiden Modellen zu erklären, gehe ich außerdem auf die Modellvorstellung innerer Lexika ein.

2.1 Das Vier-Phasen-Modell nach Levelt

Ein 1989 von Willem Levelt veröffentlichtes Modell, das die Psycholinguistik nachhaltig prägte, unterscheidet vier Phasen, die eine Nachricht im Prozess der Sprachproduktion durchläuft. Sie belaufen sich auf Konzeptualisierung, Formulierung, Artikulation und Selbst-Überwachung.2

Im Zuge der Konzeptualisierung wird anhand des Gesprächsmusters und unter Einbezug von Kontext- und Weltwissen eine vorsprachliche Nachricht generiert.

In der Phase der Formulierung wird Zugriff auf das innere Lexikon genommen. Unter Abruf der darin gespeicherten Lemmata, d.h. Wortbedeutung und Syntaxinformationen, wird der Nachricht durch grammatische Verschlüsselung zunächst eine Oberflächenstruktur gegeben. Auf dieser baut die phonologische Verschlüsselung auf, die dazu auf das ebenfalls im Lexikon gespeicherte morphologische und phonologische Wissen Zugriff nimmt.

Der Weg von der grammatischen in die phonologische Codierung ist allerdings keine Einbahnstraße. Unter Umständen, zum Beispiel weil das für die vorhandene Oberflächenstruktur benötigte morphologische Wissen seitens des inneren Lexikons nicht vorhanden ist, ist eine grammatische Neucodierung nötig.

Die in der Formulierung entstandene phonetische Skizze, die Levelt auch innere Sprache nennt, geht nun in die Phase der Ausführung über, bezogen aufs Sprechen also in die Artikulation.

Während der Sprechende die Nachricht äußert, hört er sich gleichzeitig selber dabei zu. Dadurch erhält die Äußerung Eingang in sein eigenes Sprachverständnissystem, in dem sie unter erneutem Zugriff auf das innere Lexikon analysiert und zergliedert wird. Die so gewonnen Informationen werden in der abschließenden Phase der Selbst-Überwachung mit der ursprünglichen Konzeption der Nachricht verglichen. So erhält der Sprechende Rückmeldung über das Produkt des gesamten Prozesses, und hat dadurch die Möglichkeit, auf etwaige Fehler zu reagieren.

Natürlich bezieht sich das Vier-Phasen-Modell, wie Levelt es darstellt, hauptsächlich auf die Produktion mündlicher Sprache. Dennoch ist es auch für das Verständnis schriftlicher Sprachproduktion unerlässlich. Es bedarf allerdings der Erweiterungen durch andere Modelle, die sich mit dem Unterschied mündlicher und schriftlicher Sprache genauer beschäftigen.

2.2 Das Logogenmodell nach Morton

Ein wesentliches Modell, das sich mit schriftlicher Sprache – wenn auch vorwiegend mit Sprachverständnis und nicht mit Sprachproduktion – beschäftigt, wurde in den sechziger Jahren vom Briten John Morton entwickelt.3 Mit ihm lässt sich zum Beispiel erklären, warum einem Sprechenden nicht jederzeit die Bedeutungen aller ihm bekannter Wörter vor Augen stehen, sondern sie erst im Zuge des Sprachverständnisprozesses einigermaßen kontrolliert wachgerufen werden. Insbesondere macht Mortons Modell plausibel, warum kompetente Leser einer in einem Text auftretenden Wortform i.d.R. nur die angemessene Bedeutung zusprechen, und nicht alle für diese Wortform möglichen Bedeutungen in Betracht ziehen – was das Verständnis arg erschweren würde.4

Das zentrale Element in Mortons Modell ist eine abstrakte Einheit, das sogenannte Logogen.

The logogen is a device which accepts information from the sensory analysis mechanisms concerning the properties of linguistic stimuli and from context-producing mechanisms. […] Each logogen is in effect defined by the information which it can accept and by the response in makes available.5

Es ist also abhängig vom Erreichen eines spezifischen Schwellenwerts, der durch visuelle oder auditive Stimulation, Kontext und Wortwiederholung dahingehend verschoben wird, dass die Aktivierung eines Logogens wahrscheinlicher wird, ob ein Logogen das im kognitiven System gespeicherte Wissen über die Bedeutung einer Wortform tatsächlich zugänglich macht. Wird der Schwellenwert erreicht, gelangt das Wissen über die Wortbedeutung nicht sofort ins Bewusstsein des Lesers. Sie wird zunächst von einem Puffer abgefangen, der sie unter Umständen in einer Wiederholungsschleife an das Logogensystem zurückgibt. Durch die mehrfache Verarbeitung wird der Effekt auf das Logogen verstärkt und der Schwellenwert nachhaltig gesenkt. Ähnlich wie in Levelts Sprachproduktionsmodell die Rückgabe innerhalb des Formulators, minimiert der Output-Puffer bei Morton aber ebenfalls die Fehler im Ergebnis des Verständnis- bzw. Produktionsprozesses. Erst, wenn die semantische Information den Output-Pfuffer passieren konnte, wird sie dem Sprecher bewusst.

Eine Besonderheit an Mortons Modell ist, dass visuelle und auditive Stimuli nicht nur unterschiedlichen Quellen entspringen, sondern zunächst auch getrennt verarbeitet werden. Erst im Logogensystem treffen ihre Attribute aufeinander und auf jene semantischen Attribute, die mit dem Kontextsystem einem weiteren Kanal entspringen. Die unterschiedlichen Attribute haben jeweils einen eigenen Effekt auf das Logogen; gemeinsam ist dieser Effekt natürlich besonders stark, und macht die Aktivierung des Logogens sehr wahrscheinlich. Der wesentliche Aspekt für diese Arbeit ist allerdings, dass Mortons Modell eine Erklärung dafür bietet, warum die Modalität der Sprachverarbeitung bisweilen darauf Einfluss hat, ob wir die Bedeutung einer analogen Wortform verstehen oder nicht verstehen: Getrennte Verarbeitungswege mit getrennten Wortformlexika.

2.3 Innere Lexika

Sprecher verfolgen in ihrem Umgang mit Sprache, Sprachproduktion und Sprachverständnis das Ziel, Bedeutungsinhalte zu kommunizieren, und nutzen dazu das Mittel bedeutungstragender Einheiten. Wenn ein Sprecher eine Nachricht konstruiert, wählt er die Wörter nach ihrem Inhalt aus – allerdings ist der Ausdruck an eine bestimmte konventionalisierte Form gebunden, über die er ebenfalls Kenntnis benötigt. Sprache setzt deshalb voraus, dass Wörter im Gehirn auf zwei Arten gespeichert sind: „einmal nach ihrer Bedeutung und einmal nach ihrer Form. Man kann sagen, dass es ein semantisches und ein phonematisches Lexikon gibt und dass die beiden miteinander so verbunden sein müssen, dass jedes Wort von einem Lexikon ins andere übertragen werden kann.“6

Neben der Lautsprache beherrschen die meisten erwachsenen Sprecher des Deutschen allerdings noch ein weiteres Sprachformsystem: Die Schrift. Schriftliche Sprache ist von manchen Psycholinguisten als eine Symbolisierung zweiter Ordnung gesehen worden, eine Symbolisierung der Lautsymbole.7 Diese Auffassung ist aber „nicht richtig, denn diese isolierten Laute sind als Segmente im phonetischen Signal nicht vorhanden.“8 Die Schreibweise von Wörtern lässt sich aus ihrer phonetischen Erscheinung nicht fehlerfrei schließen, denn sie folgt eigenen Regeln. Dies wirkt sich auch auf den Schriftspracherwerb aus.

[D]urch den weiteren, stärker werdenden Einfluss des Schriftspracherwerbs [bei Kindern], vor allem des Lesens, ändert sich die phonetische Orientierung in die für ein weitestgehend phonologisches Schriftsystem nötige phonologische Analyse. Da das deutsche Schriftsystem überwiegend phonemisch bestimmt ist, kann es nicht darauf ankommen, bei den Schreibenlernenden eine sehr detaillierte, exakte Analyse der tatsächlichen Lautqualitäten auszubilden, dies wäre unfunktional, sondern es ist die Fähigkeit wichtig, die Phoneme in dem Fluß gesprochener Sprache zu erkennen.9

Um mit Schriftlichkeit adäquat umgehen zu können, benötigt ein Sprecher neben dem semantischen und dem phonetischematischen also auch ein orthografisches Lexikon, das seinerseits ebenfalls mit den anderen beiden verbunden ist.10

Die Dreiteilung des inneren Lexikons in einen Bedeutungs-, einen phonematischen und einen orthografischen Teil ist auch mit Blick auf die oben eingeführten Modelle nach Morton und Levelt sinnvoll.

In Levelts Modell findet der Zugriff aufs semantische Lexikon offensichtlich in der ersten, der Zugriff aufs orthografische oder phonematische Lexikon im Zuge der zweiten Phase statt.

Im Falle von Mortons Logogenmodell entscheidet natürlich der einleitende Stimulus, ob die Wortform mittels Informationen des phonematischen oder des orthografischen Lexikons analysiert werden muss. Ein besonderes Augenmerk verdient allerdings das Logogensystem selbst. In ihm findet sich die genaue Erklärung desjenigen Mechanismus, der die Verbindungen der unterschiedlichen Lexika miteinander regelt. Dies ist ein für die vorliegende Arbeit wesentlicher Aspekt – sie stützt sich also nämlich auf eine Kombination von Levelts bewährtem Vier-Phasen-Modell mit einer Detailergänzung durch Mortons Logogenmodell.

Bevor auf dieser Grundlage die Unterschiede zwischen der Produktion mündlicher und schriftlicher Sprache herausgearbeitet werden können, ist zunächst allerdings noch eine weitere Grundlagenklärung nötig. Das nachfolgende Kapitel behandelt wesentliche Aspekte derjenigen kognitiven Instanzen, die an der Sprachproduktion beteiligt sind.

[...]


1 Vgl. Heinz-Unterberg 1988: 152

2 Vgl. dazu Levelt 1989: 9ff.

3 Vgl. zum Modell Morton 1969: 165ff.

4 Zur besseren Erläuterung des Phänomens betrachte man den folgenden englischen Beispielsatz: „The acid output was calculated by taking the mean of all three samples.“ Ein kompetenter Sprechender des Englischen versteht auf Anhieb, dass „mean“ an dieser Stelle „Mittelwert“ bedeutet, und zwar obwohl die gleiche Wortstruktur als Adjektiv oder als Verb bekannt ist. Mortons Modell ist in der Lage zu erklären, warum aus dieser Mehrdeutigkeit keine Verwirrung entsteht.

5 Morton 1969: 165

6 Goldenberg 2007: 73

7 Vgl. Wild 1980: 43

8 Heinz Unterberg 1988: 149

9 Ebd. 170

10 Vgl. Goldenberg 2007: 76

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Eine psycholinguistische Erklärung der besonderen Qualität schriftsprachlicher Produkte
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V463595
ISBN (eBook)
9783668913806
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"klar gegliedert, präzise, fachwissenschaftlich einwandfrei" (Gutachterin)
Schlagworte
Psycholinguistik, Vier Phasen Modell, Levelt, Morton, Innere Lexika, Sprachproduktion, Arbeitsgedächtnis, Logogenmodell, Logogen, Schriftsprachlichkeitsüberlegenheitseffekt
Arbeit zitieren
Raven E. Dietzel (Autor), 2017, Eine psycholinguistische Erklärung der besonderen Qualität schriftsprachlicher Produkte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463595

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