Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit schriftlicher Sprachproduktion in Bezug auf diejenigen Aspekte, die sie wesentlich von der mündlichen unterscheiden. Das Ziel ist, die üblicherweise höhere Qualität schriftsprachlicher Produkte zu erklären, und dabei unter Einbezug der klassischen Modelle nach Morton und Levelt ein eigenes Modell zur Erklärung des Schriftsprachlichkeitüberlegenheitseffekts zu entwickeln.
Während in der Psycholinguistik Lesen und Hören in einem einander ähnlichen Umfang thematisiert werden, findet sich in Bezug auf die Sprachproduktion ein starkes Ungleichgewicht, das heißt eine Konzentration der Forschung auf das Sprechen, und darüber die deutliche Vernachlässigung des Schreibens. Ein Grund dafür mag lange Zeit gewesen sein, dass die schriftliche Sprachproduktion sich vom Sprechen, Hören und auch Lesen insofern unterschied, dass sie gesellschaftlich eigentlich keine Kernkompetenz darstellte. Die grundlegende Fähigkeit des Schreibens wurde zwar allgemein vermittelt, eine regelmäßigen Ausübung fand sich allerdings auf bestimmte Berufsgruppen beschränkt, vor allem solche mit akademischem Hintergrund, entweder im universitären Kontext selbst, oder außerhalb davon, indem akademisch Ausgebildete ihre erworbenen Fähigkeiten entgeltlich zur Verfügung stellten. Zur Form der Sprachproduktion galt außerdem, dass die schriftliche im Gegensatz zur dialogischen mündlichen üblicherweise nur monologisch auftrat.
Durch die rasante Entwicklung neuer Medien insbesondere im vergangenen Jahrzehnt, und die damit einhergehende Etablierung von Schriftlichkeit in Alltagssituationen und -kommunikation darf diese Einschätzung allerdings als überholt gesehen werden. Ob als Kurznachrichten an Einzelpersonen und spezifische oder unspezifische Personengruppen, in Form eingeschränkt oder öffentlich zugänglicher Kommentare zu jedweden Inhalten, oder als eigenständiges Postulat – Schreiben ist für die breite Gesellschaft inzwischen längst selbstverständliche Ausdrucksform. Und obwohl die technischen Möglichkeiten sie überhaupt nicht mehr voraussetzen – man denke zum Beispiel an unaufwendig versendbare Sprachnachrichten, oder an Informationsvideos, wie es sie auf vielen Internetseiten gibt – hält der Großteil der Menschen an der eigentlich umständlichen Schriftlichkeit fest. Der Grund dafür ist, dass sie ihnen Ausdrucksmöglichkeiten bietet, die mündlich nicht zur Verfügung stehen. Aber warum ist das so?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagenklärung
2.1 Das Vier-Phasen-Modell nach Levelt
2.2 Das Logogenmodell nach Morton
2.3 Innere Lexika
3. Kognitive Instanzen in der Sprachproduktion
3.1 Das Arbeitsgedächtnis
3.2 Zentrale Kontrolle
4. Das systemische Verhältnis von Sprechen und Schreiben
5. Schreiben und Sprechen im kritischen Vergleich
5.1 Pragmatik
5.2 Inhaltsvalidität
5.3 Komplexität
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die psycholinguistischen Unterschiede zwischen schriftlicher und mündlicher Sprachproduktion. Das primäre Ziel ist es, die Gründe für die oft höhere formale und inhaltliche Qualität schriftsprachlicher Produkte zu erklären, indem kognitive Modelle und Instanzen der Sprachverarbeitung miteinander verknüpft werden.
- Psycholinguistische Modelle der Sprachproduktion (Levelt & Morton)
- Die Rolle kognitiver Instanzen wie Arbeitsgedächtnis und Zentrale Kontrolle
- Systemischer Vergleich von Sprech- und Schreibprozessen
- Analyse der Qualität schriftsprachlicher Produkte im Vergleich zum Sprechen
- Einflussfaktoren wie Kontext, Planung und Zeit auf die Sprachausgabe
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Arbeitsgedächtnis
Die Ausführung von Sprache unterliegt naturgemäß einer chronologischen Beschränkung – es kann immer nur ein Wort nach dem anderen gesprochen oder geschrieben werden. Deshalb braucht es für die Produktion von Sätzen eine Instanz, in der „alle Wörter des Satzes so lange gespeichert werden, bis der gesamte Satz seine Bedeutung entfaltet hat.“
Grundlegend ist es egal, ob eine Information der externen Wahrnehmung entspringt oder aus dem Gedächtnis eines Menschen aufsteigt – um bewusst bearbeitet zu werden, ist es nötig sie im Arbeitsgedächtnis abzulegen. Auf Inhalte die sich hier befinden, herrscht direkter Zugriff. Allerdings sind die Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses begrenzt. Ein Inhalt, der nicht bewegt wird, versickert nach kurzer Zeit wieder. Außerdem werden gegenwärtige Informationen von neu ankommenden verdrängt.
Das Arbeitsgedächtnis ist aufgeteilt in mehrere Subsysteme, die sich hinsichtlich der Form der Gedächtnisinhalte unterscheiden, nicht aber hinsichtlich ihrer Aufgaben. Das bedeutet, dass das verbale Subsystem neben der Speicherung der phonetischen Skizze im Sprachproduktionsprozess auch verantwortlich für alle perzepierten, als sprachliche Formen identifizierten Inhalte ist. Das betrifft nicht nur externe phonetische Ketten, denn zum Zweck der Selbst-Überwachung nehmen ja auch die eigenen sprachlichen Äußerungen nach der Artikulation noch Platz im Arbeitsgedächtnis ein, da sie ja ebenfalls einer Analyse durch das Sprachverarbeitungssystem unterzogen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Vernachlässigung der Schriftsprachforschung in der Psycholinguistik und skizziert das Ziel, die Qualitätsunterschiede zwischen schriftlichen und mündlichen Sprachprodukten zu ergründen.
2. Grundlagenklärung: Dieses Kapitel führt zentrale theoretische Modelle ein, insbesondere das Vier-Phasen-Modell nach Levelt und das Logogenmodell nach Morton, sowie das Konzept der inneren Lexika.
3. Kognitive Instanzen in der Sprachproduktion: Hier werden das Arbeitsgedächtnis und die Zentrale Kontrolle als wesentliche steuernde und speichernde Instanzen im Prozess der Sprachproduktion detailliert vorgestellt.
4. Das systemische Verhältnis von Sprechen und Schreiben: Der Autor analysiert hier die systemischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Modalitäten, insbesondere hinsichtlich der Lese- und Schreibpraxis.
5. Schreiben und Sprechen im kritischen Vergleich: Dieses Kapitel kontrastiert beide Produktionsformen hinsichtlich Pragmatik, Inhaltsvalidität und Komplexität, um die Überlegenheit schriftlicher Produkte zu erklären.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, wobei das entstandene Kombinationsmodell als hilfreicher Rahmen für die Erklärung der Qualität schriftsprachlicher Äußerungen hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Sprachproduktion, Psycholinguistik, Schriftsprache, Levelt, Logogenmodell, Arbeitsgedächtnis, Zentrale Kontrolle, Inhaltsvalidität, Sprachmodalität, Kognition, Artikulation, Lexikon, Sprachverarbeitung, Schriftlichkeit, Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die psycholinguistischen Prozesse hinter der schriftlichen Sprachproduktion und erklärt, warum sich diese in ihrer Qualität oft von der mündlichen Sprachproduktion unterscheiden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der kognitiven Architektur der Sprachverarbeitung, der Funktion des Arbeitsgedächtnisses und dem Vergleich zwischen mündlicher und schriftlicher Ausdrucksweise.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die besonderen Eigenschaften und die höhere Qualität schriftlicher Sprachprodukte durch ein theoretisches Modell zu erklären, das bestehende Ansätze von Levelt und Morton kombiniert.
Welche wissenschaftlichen Modelle werden verwendet?
Die Arbeit nutzt hauptsächlich das Vier-Phasen-Modell von Levelt zur Sprachproduktion und das Logogenmodell von Morton zur Erklärung der Wortverarbeitung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den kognitiven Voraussetzungen wie dem Arbeitsgedächtnis, der Zentralen Kontrolle sowie einem kritischen Vergleich von Sprechen und Schreiben hinsichtlich pragmatischer und inhaltlicher Aspekte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachproduktion, Schriftsprachlichkeit, kognitive Instanzen, Arbeitsgedächtnis und der Vergleich von Sprachmodalitäten.
Warum ist das Arbeitsgedächtnis für das Schreiben so wichtig?
Es bietet den notwendigen Zwischenspeicher, der durch die Entlastung von sofortigem Artikulationsdruck komplexere und inhaltlich validere Sprachstrukturen ermöglicht.
Was versteht der Autor unter dem "Schriftlichkeitsüberlegenheitseffekt"?
Damit ist die Beobachtung gemeint, dass schriftliche Wissenswiedergaben bei Experimenten oft vollständiger und inhaltlich korrekter sind als mündliche, da der Schreibprozess eine längere Bearbeitung durch kognitive Instanzen erlaubt.
- Citation du texte
- Raven E. Dietzel (Auteur), 2017, Eine psycholinguistische Erklärung der besonderen Qualität schriftsprachlicher Produkte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463595