Gegenwartsdiagnosen auf dem Prüfstand. Leistung und Erschöpfung

Burnout. Ein Phänomen unserer Zeit?


Ausarbeitung, 2019
12 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1 Fragestellung

2. Strukturwandel der Arbeit – Entgrenzung und Subjektivierung
2.1 Entgrenzung und Subjektivierung als Stressfaktoren
2.2 Selbstbestimmung und Selbstüberlastung

3. Burnout als Ausweg aus der Belastungssituation

4. Fazit

Quellenverzeichnis

„Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber auszuführen sind,

und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht ausgeführt sind …“

(Thomas Buddenbrook/ Mann 1967, 150)

1. Einführung

Ausgangspunkt der vorliegenden Ausarbeitung soll die von SIGHARD NECKEL und GRETA WAGNER als „soziales Leid“ (Neckel/Wagner 2014, 536) bezeichnete Erschöpfung bilden, die im Rahmen des Themas psychische Erkrankungen im Zusammenhang mit der Arbeitswelt – zumeist unter der Bezeichnung „Burnout“ – seit etwa 2004 zunehmend in der Fachöffentlichkeit dokumentiert und diskutiert wird (vgl. Roschker 2014, 7).

Laut einer auf Grundlage der Befragung von 9,7 Millionen Versicherten erarbeiteten Studie der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) aus dem Jahr 2011 ist die Zahl der Burnout-Fehltage zwischen 2004 und 2010 auf nahezu das Neunfache angestiegen. Burnout kann von den Ärzt_innen zwar nicht als eigenständige psychische Erkrankung codiert werden, wird jedoch zunehmend als Zusatzinformation angegeben und von den Krankenkassen als Zustand physischer und psychischer Erschöpfung unter der Diagnosegruppe „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ erfasst, wobei die Diagnose zu der Gruppe jener Faktoren zählt, „die den Gesundheitszustand beeinflussen“. Im Jahr 2010 wurden einer Pressemitteilung des wissenschaftlichen Instituts der AOK zufolge etwa 100.000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen wegen eines Burnouts krankgeschrieben (vgl. Wido 2011, 1).

Nicht zuletzt dieses rasche Anwachsen der Fallzahlen zeichnet verantwortlich für die Interpretation von Burnout als „Volkskrankheit“ (vgl. z.B. Astheimer 2012) oder „Epidemie“ (vgl. z.B. Kratzer 2012), aber auch für die etwas abschätzige Bezeichnung als „Modeerscheinung“ (vgl. Kury 2013, 107) oder gar „Fehldiagnose“ (vgl. Kratzer 2012). Eben diesem Spannungsfeld soll sich in den folgenden Kapiteln gewidmet und die Frage behandelt werden, inwieweit es sich beim Burnout um ein Phänomen unserer Zeit handelt und welche Ursachen sich in diesem Fall hierfür ausmachen ließen.

1.1 Fragestellung

Auffallend häufig wird die Zunahme psychischer Erkrankungen und insbesondere das BurnoutSyndrom mit „neuartigen Anforderungen der Arbeitswelt“ (Voss/Weiss 2013, 29), „mit gesteigertem Anpassungsdruck und gewachsenen Belastungen in Verbindung gebracht“ (Kury amerikanischen Soziologen RICHARD SENNETT kritisch mit der „schöne[n] neue[n] Arbeitswelt“ (Simonelli 2014, 12), beleuchtet moderne Unternehmensmodelle sowie die Rolle der dort Beschäftigten und hält fest, dass es sich bei Arbeit längst nicht mehr um eine lebenslange Aktivität, sondern vielmehr um ein „Übergehen von Aufgabe zu Aufgabe, von Job zu Job, von Ort zu Ort“ handelt (Sennett zit. n. Simonelli 2014, 12), wodurch auch das Privatleben zunehmend fragmentiert werde (vgl. Simonelli 2014, 13).

Im Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung sollen eben diese Eigenschaften und Anforderungen insbesondere der (Arbeits-)Welt im 20./21. Jahrhundert in den Fokus genommen werden. Um festzustellen, ob sie als Erklärung für den Anstieg der Burnout-Fälle herangezogen werden können – oder ob es sich beim Burnout doch eher um eine Modeerscheinung, ein Symptom „einer Art postindustriellen Wehleidigkeit“ (Kury 2013, 107) handelt – gilt es dabei die Auswirkungen, die diese „neuartigen Anforderungen“ (Voss/Weiss 2013, 29) auf das alltägliche Leben der Menschen haben, zu betrachten.

Hierfür soll im folgenden Kapitel mithilfe eines kurzen historischen Rückblicks zunächst der Strukturwandel von Arbeit nachgezeichnet und sollen auf diese Weise die Veränderungen der Arbeitswelt, insbesondere in Bezug auf die Anforderungen an die Arbeitenden1, aufgezeigt werden.

2. Strukturwandel der Arbeit – Entgrenzung und Subjektivierung

Seit den 1970er Jahren vollzieht sich in der Arbeitswelt ein grundlegender Strukturwandel. Nicht zuletzt durch computergestützte Technologien und die Einführung des Mikrochips verlor die sich zuvor u.a. durch örtliche und zeitliche Kontinuität auszeichnende Arbeitsund Lebensstruktur zunehmend an Bedeutung, während Mobilität und Flexibilität zu immer wichtigeren Fähigkeiten wurden (vgl. Kocka/Offe zit. n. Rentz 2016, 161). Diese „Entgrenzung der Arbeit“ (Voss/Weiss 2013, 30) wird laut den Autor_innen G. GÜNTER VOSS und CORNELIA WEISS als zentrales Moment dieses umfassenden Strukturwandels diskutiert (vgl. Voss/Weiss 2013, 30).

Mussten die meist gering qualifizierten Lohnarbeiter der Frühindustrialisierung an sechs Tagen in der Woche jeweils bis zu 16 Stunden schwere körperliche Arbeit leisten und waren sie zudem einer rigiden Kontrolle unterworfen, so sorgten technische Fortschritte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem rationalen, von naturwissenschaftlichem Gedankengut geprägten Konzept der Betriebsführung und einem Verständnis vom Unternehmen als einer Maschine, die möglichst konfliktfrei und selbststeuernd funktionieren sollte. Arbeiter wurden in diesem Gedankenmodell als kleine, Anordnungen ausführende Rädchen verstanden, deren Arbeitsschritte das Management plante und überwachte und die durch (meist materielle) Anreize zu besseren Leistungen motiviert werden konnten (vgl. Stadler 2004, 64). Diese gegenüber den Lohnarbeitern über deutlich verbesserte und standardisierte Qualifikationen sowie erweiterte „Arbeitstugenden“ (z.B. Fleiß, Pünktlichkeit etc.) verfügenden Arbeitnehmer des Fordismus unterlagen also keiner direkten repressiven Kontrolle mehr, sondern waren vor allem dem Takt der technisierten Produktion und den Anforderungen bürokratischer Organisationen unterworfen (vgl. Voss/Weiss 2013, 41).

Die Arbeitswelt der Industriegesellschaft zeichnete sich durch eine hierarchische Gliederung der Unternehmen sowie einigermaßen dauerhafte Arbeitsverhältnisse aus, sodass das Individuum laut der Beraterin und Management-Trainerin Dr. GUDRUN VOGGENREITER „darin seine Mitte finden konnte“ (Voggenreiter 2014, 7). Zudem hatte sich mit der Industrialisierung eine Trennung von Arbeit und Leben weithin durchgesetzt (vgl. Voss/Weiss 2013, 31).

Bezeichnend für die (in den westlichen Industrienationen) gegenwärtige postfordistische Periode des modernen Kapitalismus ist nun das – auch als Entgrenzung bezeichnete – zumindest teilweise Verschwimmen dieser einstigen Grenze zwischen Arbeitsund Privatleben (vgl. Voss/Weiss 2013, 31). So werden Arbeitszeiten und Betriebsstrukturen flexibler, werden Beschäftigungsformen und ihre Sicherung dereguliert, gehen berufliche Spezialisierungen zurück und steigen Mobilitätsanforderungen an (vgl. Voss/Weiss 2013, 30). Für die Arbeitnehmer_innen hat dies so weitreichende wie widersprüchliche Konsequenzen, bieten sich doch für manche Gruppen nun größere Chancen, ihre jeweiligen Tätigkeiten selbstbestimmt zu gestalten, während für andere mit den immer offeneren Strukturen der Zwang einhergeht, ihre Arbeit eigenverantwortlich zu strukturieren, ohne dass dieses betrieblich als Leistung gewürdigt oder die persönliche Autonomie erweitern würde. Diese arbeitssoziologisch unter dem Begriff der „Subjektivierung von Arbeit“ (vgl. Moldaschl et al. 2003, zit. n. Voss/Weiss 2013, 31) diskutierte Selbstzuständigkeit beschreibt darüber hinaus eine tiefergehende betriebliche erforderlichen hinausgehen, wie z.B. Kreativität oder Sozialkompetenzen (vgl. Voss/Weiss 2013, 31f).

Im Folgenden sollen die mit dieser zunehmenden Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit in Zusammenhang gebrachten Belastungen für die Arbeitnehmer_innen näher beleuchtet werden.

2.1 Entgrenzung und Subjektivierung als Stressfaktoren

Waren unter den Lohnarbeitern der Frühindustrialisierung angesichts der prekären Arbeitsund Lebensbedingungen Erkrankungen des Muskelund Skelettapparates, Lungenund Infektionserkrankungen sowie Mangelerscheinungen üblich, so litten die (in vielen Bereichen noch zu findenden) Arbeitnehmer_innen des Fordismus vermehrt unter stressinduzierten HerzKreislauf-Erkrankungen und, wohl als Resultat der verbesserten Ernährungsund Wohnsituation, an „Wohlstandskrankheiten“ wie Diabetes, Magen-Darm-Beschwerden und Übergewicht (vgl. Voss/Weiss 2013, 41).

Die typischen Beschäftigten des Postfordismus sind aufgrund der im vorherigen Kapitel geschilderten Anund Herausforderungen nun ihrerseits mit spezifischen gesundheitlichen Belastungen konfrontiert. So wird der steigende Zeitund Leistungsdruck wie auch die Notwendigkeit der selbstverantwortlichen Steuerung der Arbeit zum Nährboden für Selbstüberforderung und somit zu einer Zunahme des individuellen Stressempfindens sowie zu dem Gefühl „nicht abschalten“ zu können. Die flexibilisierten Arbeitszeiten gehen allzu oft mit reduzierten Pausen, deutlich mehr Arbeitsstunden sowie einer verringerten oder unregelmäßigen Inanspruchnahme von Urlaubstagen einher, haben also eine insgesamt kürzere Erholungszeit zur Folge (vgl. Voss/Weiss 2013, 42). Die Möglichkeit, jenseits eines festen Ortes arbeiten zu können, kann ebenfalls zur gesundheitlichen Belastung werden, handelt es sich hierbei doch für die meisten Erwerbstätigen schlicht um die Notwendigkeit „mobil“ zu sein und lange Arbeitswege auf sich zu nehmen oder Reisebereitschaft zu zeigen. Diese Mobilität wiederum trägt zur räumlich-zeitlichen Entgrenzung von Berufsund Privatleben bei und kann sich in Verbindung mit der erwarteten ständigen Erreichbarkeit sowohl als kontraproduktiv für die individuelle Erholung herausstellen wie auch die familiären und sonstigen außerberuflichen sozialen Beziehungen der Arbeitnehmer_innen beeinträchtigen. Nicht zuletzt sind prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitoder Leiharbeit sowie das Risiko der Arbeitslosigkeit als belastende Faktoren zu nennen (vgl. Voss/Weiss 2013, 42).

[...]


1 Anmerkung: In der vorliegenden Arbeit wird auf das generische Maskulinum verzichtet, sofern sich inhaltlich auf die Gegenwart bezogen wird. Bezugnehmend auf z.B. die Frühindustrialisierung jedoch wird die Begriff „Lohnarbeiter“ verwendet, da er angesichts des Kontextes als angemessener empfunden wird.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Gegenwartsdiagnosen auf dem Prüfstand. Leistung und Erschöpfung
Untertitel
Burnout. Ein Phänomen unserer Zeit?
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V463720
ISBN (eBook)
9783668929098
ISBN (Buch)
9783668929104
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gegenwartsdiagnosen, prüfstand, leistung, erschöpfung, burnout, phänomen, zeit
Arbeit zitieren
Frauke Oberländer (Autor), 2019, Gegenwartsdiagnosen auf dem Prüfstand. Leistung und Erschöpfung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463720

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