Darstellung von Raum und Zeit im Kontext von Romantik und Naturalismus am Beispiel von Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" und Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturgeschichtlicher Kontext
2.1 Romantik und Eichendorff
2.2 Naturalismus und Hauptmann

3. Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts
3.1 Das Wandermotiv
3.2 Die Ferne

4. Raum und Zeit in Bahnwärter Thiel
4.1 Das Wärterhäuschen und Thiels Haus
4.2 Einfluss der Industrialisierung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zwischen der Veröffentlichung der Novellen Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff (1826) und Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann (1888) liegen über 60 Jahre. Wie hat sich die Darstellung von Raum und Zeit in der Literatur während dieser Zeitspanne gewandelt und inwiefern lässt sich das in die jeweiligen Literaturströmungen jener Zeit einordnen? Was ist charakteristisch für Eichendorffs romantischen Raum und wo liegen die Unterschiede zum vom Naturalisten Hauptmann aufgezeichneten Raum? Eine Betrachtung lohnt sich deshalb, weil diese unbedingt vor dem Hintergrund kultureller, politischer und technischer Entwicklungen im 19. Jahrhundert geschehen muss. Sowohl der Mensch selbst als auch die durch ihn gemachte Technik haben zu jener Zeit einen Wandel erfahren, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. In gewisser Weise war die Französische Revolution 1789 ein Vorläufer unserer heutigen Demokratie und der technische Fortschritt beschäftigt Gesellschaft und Forscher gleichermaßen nach wie vor.

Aus dem Leben eines Taugenichts und Bahnwärter Thiel sind herausragende Werke ihrer Epochen. Es macht deshalb Sinn zu überprüfen, ob sich in der Raum- und Zeitdarstellung dieser Werke Hinweise auf einen den Menschen in seiner Wahrnehmung beeinflussenden Wandel finden lassen, wie diese sich unterscheiden und welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen. Dazu wird es zunächst einen groben literaturgeschichtlichen Überblick geben, der die für diese Arbeit wichtigsten Schlagworte nennt. In der Folge wird die Chronologie der hier gegenständlichen Erzähltexte eingehalten und deshalb zunächst Aus dem Leben eines Taugenichts auf seine Darstellungsformen von Raum und Zeit überprüft. Wichtige Motive werden dabei das Wandern sowie die Ferne sein. Im Anschluss werden Raum und Zeit im Bahnwärter Thiel unter der Berücksichtigung von Technik und Natur analysiert sowie gleichzeitig Parallelen und Unterschiede zum Taugenichts aufgezeigt. Stets berücksichtigt werden mögliche Charakteristika der Romantik und des Naturalismus.

Die hier beanspruchte Primärliteratur sowie ihre Autoren sind Gegenstand fortdauernder Forschung. Auch im Hinblick auf die Landschaften gibt es zu beiden Autoren zahlreiche Publikationen. Im Falle von Eichendorff werden immer wieder die Ausführungen von Lothar Pikulik und Richard Alewyn aufgegriffen. So auch von Uwe Grund, der einen zentralen Aufsatz zu dieser Thematik verfasst hat. Ein Standardwerk zu Hauptmann stammt von Peter Sprengel. James M. van der Laan hat in der jüngeren Forschung einen Aufsatz zur Technologie in Bahnwärter Thiel veröffentlicht.

2. Literaturgeschichtlicher Kontext

Für die Arbeit ist es notwendig, die beiden Werke und ihre Autoren in aller Kürze in den literaturgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Es werden nur die wichtigsten Schlagworte, die für die Beantwortung der Ausgangsfrage von Bedeutung sind, genannt.

2.1 Romantik und Eichendorff

Die Epoche der Romantik hat ihren Beginn am Ende des 18. Jahrhunderts um zirka 1790 herum.1 Sie liegt somit in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu einem bedeutenden historischen Ereignis, nämlich zur Französischen Revolution 1789. Der damit einhergehende Wandel auf politischer und wirtschaftlicher Ebene lässt die Literatur nicht unberührt. Wichtig, auch im Hinblick auf Eichendorffs Taugenichts, ist das Gefühl, dass der Mensch für sein Schicksal selbst verantwortlich, seine Stellung nicht mehr vorherbestimmt ist.2 Themen in der Literatur sind unter anderem Seltsames und Fernes, Volkstümliches und Kindliches sowie Märchenhaftes und Wunderbares.3 Joseph von Eichendorff wird allgemein der Spätromantik zugeordnet, die von der mit dem Wiener Kongress 1815 beginnenden Restaurationszeit, welche die Wiederherstellung der fürstlichen Macht beabsichtigte, mitbeeinflusst wurde.4 Eichendorff wurde 1788 auf dem Schloss Lubowitz geboren und wuchs in der dortigen Idylle des Adels auf. „Diese Idylle gerät in seinem Werk in Kontrast zu der von revolutionären Erschütterungen bestimmten Gegenwart, die die alte organische Ordnung auflöste“, meint Hans Schumacher.5 Monika Schmitz-Emans erkennt in der Spätromantik eine Tendenz zu Verklärung der Vergangenheit, ein Merkmal, das im Folgenden noch aufgegriffen wird.6

2.2 Naturalismus und Hauptmann

Die Zeit des Naturalismus ist weniger durch politische als durch technische Entwicklungen geprägt, die zum Ende des 19. Jahrhunderts dafür sorgten, dass die industrielle die agrarische Produktion überholte. Nicht zuletzt veränderte sich auch die räumliche Umgebung, vor allem der Ausbau des Eisenbahnnetzes sorgte für einen Wandel in der Infrastruktur.7 In diese Phase, zirka von 1880 bis 1895, fällt die Epoche des Naturalismus, mit der so Begriffe wie Naturerkenntnis oder Naturgefühl assoziiert werden.8 In der Literatur wenden sich die Autoren dabei vermehrt unteren sozialen Schichten und Randgruppen zu. Die Probleme in der einfachen Bevölkerung und der Arbeiterklasse werden zum Thema und sollen zur kritischen Auseinandersetzung mit dem sozialen Milieu führen.9 Diese Elemente wird man auch in Gerhart Hauptmanns 1888 veröffentlichten Bahnwärter Thiel finden.

3. Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts

Für die Beantwortung der Fragestellung ist es nicht so sehr von Bedeutung, die einzelnen Orte zu analysieren und dass, wie Uwe Grund festgestellt hat, die Kapitel eins und zwei sowie neun und zehn einen „einen durchaus topographisch fixierbaren und dabei räumlich identischen Rahmen für die dazwischenliegenden sechs Kapitel […].“10 bilden. Interessanter ist eine Auseinandersetzung mit dem Wandermotiv und mit dem Motiv der Ferne, die nachfolgend vorgenommen wird. Dabei wird auch der Faktor Zeit immer wieder mit einbezogen.

3.1 Das Wandermotiv

Maßgeblich beeinflusst sind Raum und Zeit in Aus dem Leben eines Taugenichts durch das Wandermotiv. In seinen Ausführungen zur Gattungsfunktion des Reiseberichts sagt Peter Brenner, dass die Gattung sich zur Zeit der Jahrhundertwende des 18./19. Jahrhunderts – also in der Zeit, in der auch der Taugenichts entstand – in einer Phase des Umbruchs befunden habe.11 Einen besonderen Typus repräsentiert laut Brenner Eichendorffs Taugenichts, der eine „Ausfahrt in die Utopie“ sei und sich als Kritik an den traditionellen Reiseformen lesen lasse.12 Eichendorff verfasste mit seiner Harzreise zwar selbst einen der wenigen romantischen Reiseberichte, die in ihrer Form tatsächlich das Reisen in den Mittelpunkt stellen. Die Reiseauffassung der Romantiker lässt sich allerdings anhand des Taugenichts besser beschreiben. Brenner liest aus den literarischen Texten der Romantiker folgendes Reiseideal: „Der Planung und Zielorientierung wird die Improvisation gegenübergestellt. Der Romantiker läßt sich seinen Weg vom Zufall vorgeben und ist bereit, auf jede Ablenkung einzugehen.“13 Schon im ersten Kapitel des Taugenichts erfüllt die Novelle diese Kriterien einer romantischen Reiseauffassung: „Wenn ich ein Taugenichts bin, so ist’s gut, so will ich in die Welt gehen und mein Glück machen.“14 Den Protagonisten zieht es hier „in die Welt“, ein konkretes Ziel gibt es zunächst nicht. Zudem geschieht die Reise nicht aus eigenem Antrieb, sondern sein Vater, der ihn vor die Tür setzt, gibt ihm den Impuls dazu. Die Reise ist daher spontan und ungeplant. Die Stadt Wien wird nur zufällig sein erstes Ziel. Als ihn zwei Damen aus einem Wagen heraus fragen, wohin er reist, ist der Taugenichts aufgrund seiner Ziellosigkeit peinlich berührt und antwortet daher spontan, dass er „nach W.“ wolle.15 Im dritten Kapitel ist zwar Italien schnell als Reiseziel ausgemacht. Jedoch: „Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, dass ich eigentlich den rechten Weg nicht wusste.“16

Während der Reiseweg einerseits zufällig improvisiert ist, so bleiben andererseits seine topographischen Eigenschaften außen vor. Eichendorff skizziert eine abstrakte und beliebige Landschaft, die „arm an gegenständlichen Inhalt und körperlicher Kontur“ ist.17 Zu Beginn des neunten Kapitels heißt es: „Ich stand auf einem hohen Berge, wo man das erste Mal nach Österreich hineinsehen kann […].“ Interessant ist hier, dass der Taugenichts erst wenige Zeilen zuvor Rom verlassen hatte.18 Wer auf eine Landkarte blickt, der sieht, dass es ein langer Weg bis zu jenem offenbar zu den Alpen gehörenden Berg sein muss, von dem aus der Blick nach Österreich möglich ist. Diese Strecke, also die raumüberwindende Bewegung, ist jedoch nicht Teil der Erzählung.19 Im vierten Kapitel, während der Fahrt mit dem Postillon, geriet der Taugenichts „in ein solches entsetzliches und unaufhaltsames Schlafen, dass gar kein Rat mehr war. […] So war ich, ich weiß selbst nicht wie, durch halb Welschland, das sie dort Lombardei nennen, durchgekommen […].“20 Hier verschläft der Taugenichts die Reise, über die daher nicht weiter berichtet wird. An anderen Stellen ist von Tälern, Dörfern, Wäldern die Rede. Sie alle werden jedoch nicht weiter beschrieben. Wenn also Geographie und Topographie während der Reise ausgespart bleiben, ist es einzig das Subjekt, das in den Mittelpunkt gerückt wird. Das romantische Individuum ist auf seiner Reise vollkommen frei und ist für sein Schicksal selbst verantwortlich. In den Ausführungen zur Romantik wurde oben bereits festgestellt, dass dies charakteristisch für die Romantik ist. Ergänzend dazu sagt Peter Brenner: „Der Romantiker erlebt im literarisch dargestellten Wandern eine andere als die rationalisierte bürgerliche Wirklichkeit; mehr noch: er entwirft ausdrücklich ein Gegenbild zu ihr.“21 Brenners Ausführungen greift Ernst Grabovszki auf. Er sagt, der Reisende sei durch sein Verhalten und durch seine Eigenschaften gegenüber den „Anderen“ charakterisiert. Grabovszki hält Bipolarität für eine typische Eigenschaft in der romantischen Literatur und führt Eichendorffs Taugenichts als Beleg an. Die Bipolarität zwischen dem eigenen selbst (hier: der Taugenichts) und den „Anderen“ rühre daher, dass die „Anderen“ einzig und allein als Medium kultureller Authentizität dienten, die der Entwicklung der Personalität und der Erweiterung des kulturellen Horizonts dienen könne.22 Das Streben nach einem fernen Glück, dorthin aufzubrechen und neue kulturelle Erfahrungen zu machen, das ist der Hauptantrieb für das Wandermotiv in der Romantik.

[...]


1 Schmitz-Emans, Monika: Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt 2009, S. 7.

2 Ebd., S. 17.

3 Ebd., S. 8.

4 Schmitz-Emans, Monika: Einführung in die Literatur der Romantik, S. 20.

5 Schumacher, Hans: Romantik (1788-1835), in: Balzer, Bernd u.a. (Hrsg.): Deutsche Literatur in Schlaglichtern. Mannheim 1990, S. 278f.

6 Ebd., S. 24.

7 Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung (Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte), München 1984, S. 15f.

8 Hartmann, Karl-Heinz: Naturalismus (1880-1895), in: Balzer, Bernd u.a. (Hrsg.): Deutsche Literatur in Schlaglichtern. Mannheim 1990, S. 326f.

9 Ebd., 227f.

10 Grund, Uwe: Erzählmuster und Raumdarstellung. Zu den Italien-Kapiteln von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“. In: Ders. (Hrsg.): Literatur an der Grenze. Saarbrücken 1992, S. 170

11 Brenner, Peter J.: Der Reisebricht in der deutschen Literatur: Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 2. Sonderheft), Tübingen 1990, S. 320.

12 Ebd., S. 226.

13 Ebd., S. 230f.

14 Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eins Taugenichts, S. 5, Z. 15f.

15 Ebd., S. 6, Z.31.

16 Ebd., S. 27, Z. 5f.

17 Alewyn, Richard: Eine Landschaft Eichendorffs, in: Stöcklein, Paul (Hrsg.): Eichendorff Heute. Stimmen der Forschung mit einer Bibliographie, Darmstadt 1966, S. 42.

18 Joseph Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, S. 81, Z. 13ff.

19 Vgl. Grund, Uwe: Erzählmuster und Raumdarstellung, S. 167f.

20 Joseph Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, S. 41, Z. 18ff.

21 Brenner: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, S. 331.

22 Grabovszki, Ernst: Doubling, doubles, duplicity, bipolarity, in: Gerald Gillespie u.a. (Hrsg.): Romantic Prose Fiction, Amsterdam/Philadelphia 2007, S. 167-182.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Raum und Zeit im Kontext von Romantik und Naturalismus am Beispiel von Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" und Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V463744
ISBN (eBook)
9783668907317
ISBN (Buch)
9783668907324
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, raum, zeit, kontext, romantik, naturalismus, beispiel, joseph, eichendorffs, leben, taugenichts, gerhart, hauptmanns, bahnwärter, thiel
Arbeit zitieren
Marcel Kling (Autor), 2016, Darstellung von Raum und Zeit im Kontext von Romantik und Naturalismus am Beispiel von Joseph von Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" und Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/463744

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