Erklärungsmuster und Begründungsfiguren in pädagogischen Ratgebern


Diplomarbeit, 2005

129 Seiten, Note: 2,9


Leseprobe

Inhalt

(A) Einleitung
1. Hinführung zum Thema und Aufgabenstellung
2. Aufbau der Arbeit

(B) Ratgeber
1. Die literarische Einordnung der Erziehungsratgeber
2. Die Geschichte der Ratgeber
2.1. Die Ratgeberliteratur vor dem 20. Jahrhundert
2.1.1. Ratgeberliteratur bis zur Aufklärung
2.1.2. Ratgeberliteratur ab dem 18. Jahrhundert
2.2. Ratgeberliteratur zu Beginn des 20. Jahrhunderts
2.3. Die Entwicklung der Ratgeberliteratur während der Weimarer Republik
2.4. Die Ratgeberliteratur während dem Nationalsozialismus
2.5. Die Entwicklung der Ratgeberliteratur seit 1945
2.5.1. Ratgeber in der DDR
2.5.2. Ratgeber in der BRD
3. Zusammenfassung

(C) Erziehungsratgeber
1. Pädagogische Alltagstheorie vs. erziehungswissenschaftliche Theorie
2. Merkmale der Erziehungsratgeber
2.1. Merkmale des erziehungswissenschaftlichen Wissens in Ratgebern
2.1.1. Kausalzwänge
2.1.2. Breite und Verwendungsdichte
2.2. Allzuständigkeit
2.3. Patente Lösungen
2.4. Unkorrigierbarkeit

(D) Umgang mit Aggressionen bei Kindern
1. Beschreibung der Ratgeber
2. Aggression und ihre Subtypen aus wissenschaftlicher Sicht
2.1. Subtypen
2.2. Die Entwicklung „normaler“ Aggressionen
3. Aggressionsformen aus der Ratgeberperspektive
4. Ursachen und Entstehungsmodelle von Aggressionen aus wissenschaftlicher Sicht
4.1. Lern- und Verhaltenstheorien
4.1.1. Die klassische Konditionierung
4.1.2. Die Operante Konditionierung
4.1.3. Lernen durch Beobachtung
4.2. Triebtheorien
4.3. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese
4.4. Die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung
4.5. Risikofaktoren als Ursache / Verstärker aggressiven Verhaltens
5. Welche Ursachen werden von den Ratgeber-Autoren genannt?
5.1. Ursachen aufgrund der Entwicklung des Kindes
5.2. Ursachen, die sich aus dem direkten Erziehungsgeschehen ergeben
5.3. Ursachen, die sich aus der Interaktion mit dem sozialen Umfeld ergeben
6. Interventionsmöglichkeiten
6.1. Das Kontingenz-Management
6.2. Der familienbezogene Ansatz (Parental Management Training)
6.3. Der kognitiv-behaviorale Ansatz
6.4. Das Training sozialer Kompetenzen
6.5. Der psychodynamische Ansatz
6.6. Grenzen der Ansätze
7. Mit Aggressionen umgehen – die Ratgeberperspektive
7.1. Kurzzeitstrategien
7.2. Langzeitstrategien
8. Zwischenfazit

(E) Grenzen setzen und Regeln lernen
1. Die Notwendigkeit von Grenzen in der Erziehung
1.1. Die Erziehungsunsicherheit bezüglich dem ‚Grenzen setzen’
1.2. Grenzen als Orientierung
1.3. Die Grenzen als Schutz
1.4. Die Grenze als Chance zur Entwicklung
2. Welche Grenzen und Regeln gibt es?
2.1. Nicht-verhandelbare Grenzen und Regeln
2.2. Verhandelbare Grenzen und Regeln
3. Wie lernt ein Kind die Regeln und Grenzen?
3.1. Was ist zu beachten?
3.2. Welche Lerntheorien werden dargelegt?
3.3. Dargestellte Erziehungsstile
4. Zwischenfazit

(F) Fazit

(G) Anhang

(H) Literatur

(A) Einleitung

1. Hinführung zum Thema und Aufgabenstellung

Erziehung scheint heute schwieriger geworden zu sein, als sie es früher noch war – das wird zumindest von den Medien und Erziehungsratgebern vermittelt.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts galten allgemein anerkannte Erziehungsziele, wie zum Beispiel Gehorsam, Disziplin und Fleiß und es herrschte Konsens darüber, mit welchen Methoden dem Kind die allgemeinen Spielregeln des sozialen Gefüges, die Normen und Werte der Gesellschaft verdeutlicht werden sollten. Doch die Vorstellungen von Kindheit, Erziehung, den Erziehungszielen und –methoden haben sich parallel zum gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrhunderte verändert und spiegelten die Ergebnisse der gesellschaftlichen Prozesse und die neuen Erkenntnissen aus der Wissenschaft wieder. Doch der gesellschaftliche Wandel, verbunden mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert und der Globalisierung im 20. Jahrhundert, begünstigte den Wegfall eines allgemeingültigen autoritären Erziehungsstils, beeinflusst durch die patriarchalischen Familienstrukturen, und einer ,mittlerweile wieder hinfällig gewordenen, Neuorientierung erzieherischen Denkens hin zu einem antiautoritären Erziehungsstil in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heute gibt es eine Vielzahl von Differenzierungen erzieherischen Handelns zwischen den beiden Extremen von autoritärer und antiautoritärer Erziehungshaltung, was die Eltern bezüglich der zu vermittelnden Werte und Normen verunsichert. Diese Verunsicherung zu beheben wird von den Autoren der Erziehungsratgeber als erklärtes Ziel betrachtet.

Ratgeber sind technologische Sachbücher, da der Leser nicht nur über Sachverhalte informiert wird, sondern ihm auch Verfahrensweisen und Techniken dargelegt werden, mit deren Hilfe ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll (vgl. Höffer-Mehlmer, 2003, S. 10). Erziehungsratgeber widmen sich demzufolge dem Themengebiet der Erziehung. Sie richten sich ausschließlich an Eltern oder sonstige Sorgeberechtigte und behandeln Fragen der Kindererziehung und –pflege, der Entwicklung eines Kindes und Fragen bezüglich der zu vermittelnden Normen und Werte. Ihr erklärter Zweck besteht in der Beratung der Eltern im Erziehungsgeschehen (vgl. ebd. S. 7ff).

Diese Inhalte der Ratgeber unterliegen einem permanenten Wandel, d.h. dass sie ebenso von gesellschaftlichen Veränderungen beeinflusst werden, wie von neu gewonnen Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung. Da die Autoren der heutigen Erziehungsratgeber aufgrund ihrer Ausbildung eine bestimmte wissenschaftstheoretische Perspektive in ihre Arbeit einfließen lassen, ist anzunehmen, dass in ihren Ausführungen zu Erziehungsproblemen und den Handlungsanweisungen, wie diese zu beheben sind, implizit Theorien über Kindheit und die kindliche Entwicklung enthalten sind.

Daher soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden: Welche Erklärungsmuster und Begründungsfiguren werden in pädagogischen Ratgebern verwendet?

Die Grundlage dieser Ausführungen bilden Erziehungsratgeber aus den Bereichen ’Umgang mit Aggressionen beim Kind’, ‚Grenzen setzen’ und ‚Regeln lernen’. Sie wurden zufällig aus dem Angebot eines Onlinebuchhandels ausgewählt und die überwiegende Mehrzahl erschien bzw. wurde in den Jahren 2003 / 2004 neu aufgelegt. Somit stellen sie eine aktuelle und repräsentative Auswahl der für Eltern zugängigen Ratgeber dar. Ergänzt wurden diese in Buchform vorliegenden Erziehungsratgeber durch diverse Ratgebertexte aus dem Internet, als besondere Quelle sei hierbei die Zeitschrift ‚Eltern’ und das ‚Online-Familienhandbuch’ zu nennen. Auch bei diesen Texten liegt das primäre Ziel in der Beratung der Eltern im Erziehungsalltag und aufgrund der Bedeutung, die dem Internet als Informationsmedium zukommt, und der einfachen Zugänglichkeit dieser Quellen für Eltern, wurden diese Texte zu den Ratgeberbüchern als Grundlage der Arbeit mit hinzugenommen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass nur sehr selten die immanenten wissenschaftstheoretischen Annahmen der Autoren in den Ratgebern explizit genannt werden, sondern dass die eigentliche Aufgabe der Arbeit darin bestand, diese Theorien transparent zu machen. Dies ergab sich in erster Linie daraus, wie die einzelnen Probleme und deren Lösungen, sowie die Erziehungsvorstellungen der Autoren in den Erziehungsratgebern beschrieben werden.

2. Aufbau der Arbeit

Im Kapitel (B) ‚Ratgeber’ soll zu Beginn dieser Arbeit eine kurze literarische Einordnung der Erziehungsratgeber erfolgen, da sie aufgrund bestimmter Merkmale, wie z.B. verwendbares Wissen und Handlungsanleitungen, einem bestimmten Typus literarischer Gattungen zu geordnet werden können.

Da Erziehungsratgeber den Leser in seinen Vorstellung von Kindheit und Erziehung sowie den zu vermittelnden Normen und Werte beeinflusst, jedoch selbst in Inhalt und Form dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen, ist es notwendig die Geschichte des Ratgebergenres zu betrachten. Nur so kann deutlich werden, wie sich Ratgeber und deren Inhalte im Laufe der Geschichte veränderten: von dem Ratgeber, welcher nur für spezielle Zielgruppe gedacht war[1], hin zu einem massemedialen Objekt. Die heutigen Erziehungsratgeber lassen sich mit Stichworten wie internationale Verbreitung, vereinzelt sehr hohe Auflagenzahlen, eine breite Zielgruppe und mit überwiegend psychologisch orientierten Ratschlägen charakterisieren. Wie es zu dieser Entwicklung kam, soll daher im geschichtlichen Abriss des Ratgebergenres ersichtlich werden.

Da die Inhalte der Erziehungsratgeber sowohl von gesellschaftlichen Veränderungen als auch vom jeweils aktuellen pädagogischen Diskurs und den pädagogischen Wissensbeständen beeinflusst werden, soll im Kapitel (C) ‚Erziehungsratgeber’ die Rezeption wissenschaftlichen Wissens in die Ratgeberliteratur thematisiert werden.

An dieser Stelle soll aufgezeigt werden, dass es sich bei der Rezeption nicht nur die bloße Übernahme von Wissen, sondern auch um eine Transformation des Wissens handelt. Die wissenschaftstheoretischen Konstrukte müssen zum einen selektiert und in die individuellen Begriffssysteme und subjektiven Theorien der Autoren übernommen und zum anderen für den potentiellen Abnehmer (die Zielgruppe der Ratgeber) ‚brauchbar’ gemacht werden, was eine Einbettung in den alltagstheoretischen Kontext notwendig werden lässt. Daher soll nachfolgend eine Gegenüberstellung der pädagogischen Alltagstheorie und erziehungswissenschaftlichen Theorie erfolgen, um somit aufzeigen zu können, wie Ratgeberautoren wissenschaftliche Erklärungsmuster und Begründungsfiguren für ihre Leser verständlich machen.

Danach sollen die Merkmale der Erziehungsratgeber, Oelkers kritischen Ausführungen folgend, mit den Stichworten Allzuständigkeit, patente Lösungen, Unkorrigierbarkeit der Ratschläge und Kausalzwänge beschrieben werden. Anhand dieser Ausführungen wird erkennbar werden, dass nicht nur das in den Ratgebern enthaltene erziehungswissenschaftliche Wissen Kausalzwängen unterworfen und Erziehung als ein lineares Geschehen gedacht wird, sondern dass in der heutigen Zeit jedes soziale Problem pädagogisiert wird. Dies schafft einerseits den Ratgebern einen immer größer werdenden Raum der Verbreitung und hat andererseits enorme Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Ratschläge formuliert werden.

Nach dem geschichtlichen Überblick, aus dem erkennbar wurde, wie sich die heutige Form der Ratgeber entwickelte und nach der Darstellung dieser Merkmale, sollen im Kapitel (D) ‚Umgang mit Aggressionen beim Kind’ die immanenten Theorien, die hinter den Aussagen und Ratschläger der Autoren stehen, herauskristallisiert und sichtbar gemacht werden.

Um die Frage der Arbeit nach den Erklärungsmustern und Begründungsfiguren in pädagogischen Ratgebern zu klären, werden die Erziehungsratgeber dieses Themenfeldes auf folgende Fragen hin untersucht:

(1) Was verstehen die Autoren unter ‚aggressivem Verhalten bei Kindern’? Hier wird das Augenmerk darauf gerichtet, welche Verhaltensweisen die Autoren als aggressives Verhalten beschreiben, wie sie den Begriff der Aggression erklären und welche Subtypen des aggressiven Verhaltens sie aufzeigen. (2) Welche Ursachen legen die Autoren diesem Verhalten zu Grunde? (3) Nach der Beschreibung aggressiven Verhaltens und seinen möglichen Ursachen soll dann der Frage nachgegangen werden, welche Interventionsmöglichkeiten die Autoren für notwendig erachten.

Es ist notwendig, jeweils vor Beantwortung dieser Fragen die wissenschaftliche Perspektive darzustellen, um die hinter den Erklärungen und Ratschlägen stehenden Theorien der Ratgeberautoren besser verdeutlichen zu können.

Das Kapitel (E) ‚Grenzen setzen und Regeln lernen’ dient ebenfalls dazu, die Frage nach den Erklärungsmustern und Begründungsfiguren, welche die Ratgeber verwenden zu klären. Daher werden die Ratgeber auf folgende Aspekte hin untersucht:

(1) Warum besteht in der Erziehung die Notwendigkeit, dem Kind Grenzen zu setzen und ihm die dazu gehörigen Regeln zu vermitteln? Hier wird seitens der Autoren besonders die Erziehungsunsicherheit der Eltern und die damit verbundenen Probleme beim Setzen von Grenzen betont. Auch die Frage welche Funktionen Grenzen und Regeln im Leben eines Kindes haben, soll an dieser Stelle beantwortet werden. (2) Welche Grenzen und Regeln gibt es und (3) wie können diese vermittelt werden? Auch hier sollen aufgrund der Aussagen, die die Autoren treffen, die dahinter stehenden wissenschaftstheoretischen Annahmen sichtbar gemacht werden.

Im anschließenden Gesamtfazit soll die Frage der Arbeit nach den Erklärungsmustern und Begründungsfiguren in pädagogischen Ratgebern erneut aufgegriffen, um die gewonnen Erkenntnisse zu resümierend. Es soll vor allem dargestellt werden, auf welche hauptsächlichen Theorien die Autoren sich berufen und wie sie diese darstellen.

(B) Ratgeber

Erziehungsratgeber sind mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Buchmarktes geworden. In Buchhandlungen füllen sie ganze Regalreihen, meist sortiert nach Altersstufen, Themenbereichen oder Problematiken (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 7). Scheinbar sind sie ebenso nicht aus den Bücherregalen vieler Eltern wegzudenken, da laut Rigos allein im Jahr 1997 in Deutschland ein Umsatz von rund 1,5 Milliarden DM mit Erziehungsliteratur erzielt wurde (vgl. Rigos 1998, S. 112).

Wer sich einen ersten Überblick über die Ratgeberliteratur verschafft, dem fällt die enorme Vielfalt der Themen und Akzentuierungen auf (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 7). „Kompendien der Pflege und Erziehung finden sich hier neben Spezialratgebern, in denen eng eingegrenzte Erziehungsprobleme behandelt werden (ebd., S. 7). So reicht die Palette von Ratgebern, die sich allgemein mit Erziehung von Jungen und/oder Mädchen beschäftigen über Ratgeber, die an den einzelnen Entwicklungsstufen von Geburt bis Pubertät orientiert sind, bis hin zu Ratgebern mit speziellen Problematiken wie zum Beispiel Adoption und Pflegekinder, Kinder und Gewalt, Sauberkeits- oder Medienerziehung. Einige Ratgeber, so schreibt Höffer-Mehlmer, entwickeln sich zu Bestsellern, werden mehrfach neu aufgelegt, in mehrere Sprachen übersetzt und bleiben über Jahre hinweg im Sortiment der Buchhandlungen[2], während andere hingegen nur eine Auflage erleben, um dann wieder aus dem Sortiment zu verschwinden (vgl. ebd., S. 7).

Nachfolgend soll die literarische Einordnung der Ratgeber erfolgen und die geschichtliche Entwicklung betrachtet werden.

1. Die literarische Einordnung der Erziehungsratgeber

„Unter Ratgebern werden (…) Bücher verstanden, in denen Fragen der Kindererziehung und –pflege behandelt werden. Sie sind direkt an Eltern bzw. Mütter oder Väter gerichtet. Ihr erklärter Zweck besteht in der Beratung bei der Pflege und Erziehung von Kindern bzw. Heranwachsenden“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 7f).

Im deutschen Sprachraum wird eine Unterscheidung zwischen Fachbuch, Sachbuch und Belletristik vorgenommen, denen die einzelnen Publikationen mehr oder weniger deutlich zugeordnet werden können. Als Sachbuch gilt „jedes allgemeinverständliche und weitverbreitete Buch, das einen bestimmten Tatsachengehalt aus Natur- und Geisteswelt (…) in zugleich belehrender und unterhaltsamer Form, übersichtlich, leichtverständlich und geschickt aufgemacht darstellen und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in kleiner Scheidemünze weiterreichen will“ (Wilpert 1979, S. 708). Die Ratgeber stellen eine Untergruppe der Sachbücher dar, hier geht es nicht um Wissen zur Information, sondern um verwendbares Wissen. Es finden sich in dieser Gruppe neben Erziehungsratgebern, Ratgeber zur Lebensführung, zum Thema Recht, sowie Ratgeber über Ernährung und Gesundheit[3] (vgl. www.amazon.de).

Sowohl in den pädagogischen Ratgebern, als auch in nicht-pädagogischen Ratgebern, wird der Leser nicht nur über Sachverhalte informiert, sondern es werden auch Verfahrensweisen und Techniken angeboten, mit deren Hilfe bestimmte Ziele erreicht werden sollen. Damit handelt es sich bei diesen Ratgebern um technologische Sachbücher (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 10).

„Eine Technologie ist ein System von Sätzen, die darüber informieren, welche Mittel angewendet werden können, um bestimmte Wirkungen zu erreichen, die als Ziele (oder Zwecke) gesetzt werden. Die kürzeste Ausdrucksform für technologische Lehrsätze sind Regeln (Vorschriften oder technologische Normen) von folgender Art: ‚Wenn du das Ziel x erreichen willst, dann handle so!’“ (Brezinka 1995, S. 32).

In Erziehungsratgebern, die sich fast ausschließlich an Eltern und Sorgeberechtigte richten, werden neben Erziehungsfragen auch Themen der Umgangsformen, der Entwicklung von Kindern oder der zu vermittelnden Normen und Werte angesprochen. Es geht zwar auch „um die Beeinflussung anderer Menschen, die es beispielsweise durch Gesprächs- und oder Redegestaltung für etwas (…) einzunehmen gilt, doch ist Erziehung eine besondere Form sozialen Handelns, der Versuch, Kinder bzw. Heranwachsende in der Herausbildung ihrer Persönlichkeit zu beeinflussen“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 10).

Erziehungsratgeber beeinflussen den Leser in seinen Vorstellungen über Erziehung und den zu vermittelnden Normen und Werte. Jedoch werden Erziehungsratgeber, wie jeder andere Ratgeber auch, in Form und Inhalt von den gesellschaftlichen Meinungen und in diesem Fall von Vorstellungen über Kindheit und Erziehungsgeschehen von den gesellschaftlichen Veränderungen geprägt. Daher ist es an dieser Stelle sinnvoll die Geschichte des Ratgebergenres zu beleuchten um somit deutlich zu machen, wie sehr sich die Ratgeber selbst und deren Inhalte im Laufe der Geschichte veränderten.

2. Die Geschichte der Ratgeber

Im Folgenden soll die Geschichte der Ratgeber dargestellt werden. Hierbei findet eine primäre Orientierung an M. Höffer-Mehlmer ‚Elternratgeber. Zur Geschichte eines Genres’ statt, da sich dieser in umfassender Weise diesem Thema gewidmet hat.

2.1. Die Ratgeberliteratur vor dem 20. Jahrhundert

2.1.1. Ratgeberliteratur bis zur Aufklärung

Die Wurzeln der Ratgeberliteratur lassen sich bis weit in die Vergangenheit zurückverfolgen. So lassen sich zum Beispiel in der philosophischen und theologischen Literatur vielfältige Stellungsnahmen und Ratschläge zu Fragen der Erziehung finden, besonders da, „wo im Kontext ethischer Überlegungen die Ziele der Erziehung wie auch die Pflichten Erziehender behandelt wurden oder über das Verhältnis zwischen der einzelnen Familie bzw. dem einzelnen Haushalt und dem politischen Gemeinwesen nachgedacht wurde“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 38). Es wurden allerdings nicht nur allgemeine Grundfragen der Erziehung geklärt, sondern es wurden auch ‚technische’ Ratschläge bezüglich der Pflege und Ernährung der Kinder angesprochen.

Die Verbreitung dieser Ratschläge war, solange nur wenige Menschen lesen konnten, an Mittelspersonen wie Priester oder Ärzte gebunden. Die von ihnen vollzogenen Predigten über Fragen der Kindererziehung, bei denen meist auch ein Bezug auf die Haustafeln des neuen Testamentes stattfand, hatten in der Familie eine besondere Bedeutung (vgl. ebd., S. 38).

„Neben den Predigten über Ehe- und Haushaltsführung sowie über Kindererziehung stellen die Erziehungslehren für die Nachkommen der jeweils herrschenden Schichten eine weitere Gruppe der Vorläufer von Erziehungsratgebern dar. Hierzu zählten u.a. die lehrhaften Spruchdichtungen, wie sie im deutschen Sprachraum seit dem frühen 13. Jahrhundert entstanden“ (ebd., S. 38).

Diese Spruchdichtungen behandelten u.a. Fragen der ritterlichen Lebensführung und der Erziehung. Sie skizzierten z.B. das Idealbild eines Herrschers und galten zum Teil auch als praktische Erziehungslehren für zukünftige Fürsten im Mittelalter. Das wohl bekannteste und am meisten verbreitete Werk war „De regimine principum“. Es zeigte auf, wie ein König in erster Linie sich selbst, zum zweiten seine Familie und zum dritten seinen Staat regieren sollte (vgl. Kaufmann 1904 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 39).

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert verbreitete sich in Deutschland die so genannte „Hausväterliteratur“, die als Ratgeber für das ‚ganze Haus’ galt. Diese Literatur richtete sich an die ‚Hausväter’, Besitzer großer Bauernhöfe oder Handwerksbetriebe, und beriet sie neben handwerklichen oder agrarischen Fragen auch zu Fragen der Kindererziehung im Kontext allgemeiner Haushalts- und Familienfragen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 40). Insgesamt war die Kindererziehung daraufhin ausgerichtet, dass das Kind einen festen Platz innerhalb der Familie und neben dem Gesinde, also in der häuslichen Gemeinschaft, einnahm. Die Erziehung und die Pflege von Kleinkindern gehörten nach Aussage der Hausväterliteratur in die Hände der Mütter, manchmal auch in die von Ammen (vgl. ebd., S. 47). Allerdings wurde „auf deren Auswahl, Anleitung und Überwachung dann meist genauer eingegangen“ (ebd., S. 47). Die Hausväterliteratur galt als Ratgeber für alle Lebensbereiche und war für alle Lebenslagen zu nutzen. Wittmann schreibt, dass dieser Art von Ratgeber-Kompedium ein bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts verbreitetes Leseverhalten, dem ‚exemplarischen Lesen’, entspricht. (vgl. Wittmann 1991, S.172).

„Nur eine kleine Auswahl an Bücher oder gar nur ein einziges wurde ein Leben lang immer wieder gelesen, als Reproduktion eines im Gedächtnis bereits vorgegebenen Inhalts, im rückversichernden und verstärkenden Nachvollzug vertrauter Orientierungsmuster zur Bewältigung weltlicher und geistlicher Probleme. (…) Das Buch, oft über Generationen vererbt und verehrt, besaß zeitlose Autorität; es wurde als unmittelbar praxisbezogene, normative Anleitung konsultiert.“ (Wittmann 1991, S. 172).

Durch die Veränderungen der Haushalte, durch die Auflösung des ‚ganzen Hauses’ als Wirtschafts- und Lebensform zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Hausväterliteratur die Grundlage und der Bezugspunkt entzogen und damit einher ging auch das Ende der Blütezeit dieser Ratgeberliteratur (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 46).

Die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, die beginnende Aufklärung und auch die Tatsache, dass sich die Lesefähigkeit in Deutschland verbreitete, man Abschied vom Lateinischen als vorrangige Schriftsprache nahm und nicht zuletzt die Entwicklung des Buchdrucks und des Verlagswesen trugen im wesentlichen zu der Entstehung dieser breit gefächerten Ratgeberliteratur bei, wie wir sie heute im 21. Jahrhundert vorfinden (vgl. ebd., S. 38).

2.1.2. Ratgeberliteratur ab dem 18. Jahrhundert

Als Folge der Aufklärung wurde Erziehung in einem umfassenden Sinn als Vorbereitung und Notwendigkeit der Lebenstauglichkeit, Erziehungsfähigkeit und –bedürftigkeit verstanden, allerdings nicht nur intellektuell-kognitiv, sondern auch senso-motorisch und sittlich-ästhetisch (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 48). Kindheit wurde in einem stärkeren Maße als eigenständige Lebensphase gesehen.

„Rousseau, der in ‚Emil’ die „Eigengesetzlichkeit der Kindheit und ihrer stufenmäßigen Entwicklung in wachsenden Kreisen herausarbeitete“ (Röhrs, 1957, S.189), gilt vielfach als der „Entdecker des Eigenrechts des Kindes“ (Blankertz 1992, S. 29), doch war seine Grundannahme, „Erziehung müsse nicht immer nur den Mann im Kinde suchen“ (Rousseau 1993, S. 5), eine Gemeinüberzeugung der Aufklärung.“ (Höffer-Mehlmer 2003, S.48).

In Folge dessen, dass der Erziehung nun eine so große Bedeutung beigemessen wurde und eine Vielzahl von Beiträgen und Projekten zur Verbesserung der Erziehung beitragen sollten, bezeichneten die zeitgenössischen Autoren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem beginnenden 19. Jahrhundert diesen Zeitabschnitt als ‚pädagogisches Jahrhundert’. Das ‚pädagogische Jahrhundert’ wurde zugleich auch zum ‚Jahrhundert der Erziehungsratgeber’, da die Erziehungsratgeber zwei wesentliche Ziele verfolgten: „Zunächst eine der Aufklärung verpflichtete Beeinflussung der Eltern und dann die Erziehung der Kinder und Jugendlichen im gleichen Sinne“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 49).

In dieser Zeit expandierte der Literaturmarkt und auch für Interessierte wurde es zunehmend schwieriger, die stetig wachsende Zahl von veröffentlichter pädagogischer Literatur, zu überblicken. So erschien 1790 S. Bauers Werk „Charakteristik der Erziehungsschriftsteller Deutschlands“ und bildete somit den ersten Metaratgeber, mit dem eine Orientierungshilfe auf dem pädagogischen Literaturmarkt gegeben werden sollte (vgl. ebd., S. 49).

Die Ratgeberliteratur dieser Zeit kann laut Höffer-Mehlmer nach Themenbereichen und den Berufen der Autoren in vier Gruppen unterteilt werden:

- „Von Ärzten verfasste Bücher über die Pflege und Ernährung von Kindern[4],
- Ratgeber über psychische und die sittlich-intellektuelle Erziehung, die von Pädagogen, Ärzten oder Theologen stammten[5],
- Von Theologen geschriebene Bücher über die religiöse Erziehung[6],
- Ratgeber für den Lese- und Schreibunterricht, die von akademisch gebildeten Lehrern verfasst wurden[7] “ (ebd., S. 50f).

Allerdings gab es auch immer wieder Überschneidungen, bedingt einerseits durch das Selbstverständnis der Autoren und andererseits durch die verschiedenen Aufgabenstellungen und Themen der Ratgeber.

Für die ländliche Bevölkerung wurden die so genannten Volksbücher angefertigt, aufklärerische Ratgeber die zum Teil der Tradition der Hausväterliteratur folgten. Das bekannteste Ratgeberwerk dieser Zeit war das ‚Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute’, herausgegeben 1788 von Rudolph Zacharias Becker. Der Erfolg dieses Buches, bis 1811 gab es bereits eine Million verkaufte ‚Hülfsbüchlein’, lag wohl darin, dass Becker nicht wie die Autoren der Hausväterliteratur nur für begüterte Großbauern schrieb, sondern für das einfache Landvolk (vgl. ebd., S. 51).

Auch Pestalozzis ‚Lienhard und Gertrud’, welches ab 1781 in mehreren Teilen und Neufassungen veröffentlicht wird, gehört zur Kategorie der aufklärerischen Volksbücher. In diesem Dorfroman treten die verwertbaren Ratschläge, wie sie in Beckers ‚Noth- und Hülfsbüchlein’ zu finden sind, hinter der erzählenden Handlung zurück. In seinem Werk versuchte er die Ursachen des dörflichen Elends aufzuzeigen, um sich im Anschluss dessen, der Besserung der Zustände durch das Zusammenwirken von Gesetzgebung und Erziehung, zu zuwenden (vgl. ebd., S. 52).

Neben, solchen Erziehungsratgebern gab es auch allgemeine Erziehungslehren. Besonders bekannt in dieser Kategorie ist Rousseaus ‚Emile’, der zwar als Erziehungsratgeber begonnen wurde, aber letztendlich als eine Abhandlung, mit dem Grundtenor der Erziehungs- und Gesellschaftskritik, verfasst wurde (vgl. ebd., S. 52f).

B. Marré untersuchte in ihrem Buch „Bücher für Mütter als pädagogische Literaturgattung und ihre Aussagen über Erziehung“ Mütter-Ratgeber aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die meisten Ratgeber wurden zu dieser Zeit von Männern verfasst. So finden sich neben 36 männlichen Autoren, meist Ärzte, Theologen oder Pädagogen, nur vier weibliche Autorinnen, ohne Berufsangabe, unter den von ihr untersuchten Ratgebern (vgl. Marré 1986, S. 12). Neben den beruflichen Erfahrungen spielen bei den Autoren/innen meist eigene Erfahrungen mit familiärer Kindererziehung eine Rolle. Da die Hauptzielgruppe der Ratgeber die Frauen/Mütter waren und vorrangig eine Beschäftigung mit dem mütterlichen Erziehungshandeln statt fand, kam es zu einer besonderen Konstellation von Autor und Leser. „Der durch Berufswissen zum Ratschlag legitimierte Mann mahnt die Frauen, ihrer natürlichen Bestimmung als Mutter gerecht zu werden und berät sie beim Erziehungswerk“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 54).

Wichtige Ratgeber waren zu dieser Zeit medizinisch-pflegerische Ratgeber, da die Angst der Eltern vor Krankheit und Tod des Kindes ein elementarer Bestandteil im ausgehenden 18. Jahrhundert war, da zu dieser Zeit die Säuglingssterblichkeit sehr hoch war[8]. Viele Ärzte verfassten Ratgeber, um die Erkenntnisse der Kinderheilkunde zu popularisieren. Laut Höffer-Mehlmer sind prominenten Autoren u.a. C.W. Hufeland (‚Guter Rat an Mütter über die physische Erziehung der Kinder’ 1800), A.C.H. Henke (‚Taschenbuch für Mütter über die physische Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren und über Verhütung, Erkentniß und Behandlung der gewöhnlichen Kinderkrankheiten’ 1810) und C.A. Struve (‚Ueber die Erziehung und Behandlung der Kinder in den ersten Lebensjahren. Ein Handbuch für Mütter, denen die Gesundheit ihrer Kinder am Herzen liegt’ 1803) (vgl. ebd., S. 57f).

Aber nicht nur als Förderer der medizinisch-pflegerischen Aufklärung sahen sich die pädiatrischen Ratgeber-Autoren, sondern sie äußerten sich auch ausdrücklich zu Fragen der Kindererziehung. Hierbei wurde häufig der Begriff der ‚physischen Erziehung’ verwendet, ein Begriff, der von J. Locke 1693 in ‚Some Thoughts concerning Education’ eingeführt wurde. Mit physischer Erziehung war hier eine, der Natur des Kindes, gemäßen körperlichen und seelischen Erziehung gemeint.

„Man hat sich der Natur wieder genähert, von der man sich so schrecklich entfernt hatte, und man ist nun überzeugt, daß, um aus Kindern gesunde und brauchbare Menschen zu bilden, der einzige Weg sei, sie frühzeitig mit den Elementen und Einflüssen bekannt zu machen, in denen sie einst leben sollen, allen Zwang, Künstelei und alles, was zu schnelle Reifung bewirken könnte zu vermeiden, den Geist nicht auf Kosten des Körpers auszubilden, und mit einem Wort die solange verkannten Rechte der Natur und der Kindheit zu respektieren“ (Hufeland 1800 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 66).

Neben den medizinisch-pflegerischen Ratgebern spielte im 18./19. Jahrhundert die pädagogische Ratgeberliteratur, die sich der Erziehungstechnologie des Erzählens bediente, eine große Rolle (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 70ff). Einer der bekanntesten Autoren aus dieser Kategorie ist C.G. Salzmann, der neben seiner Erziehungstätigkeiten, erst in Basedows Philanthropin und später in einer von ihm selbst geleiteten Anstalt, mehrere volkstümlich-aufklärerische Werke veröffentlichte. Neben seinem ’Ameisenbüchlein’ (1806), welches er nur für Erzieher, nicht aber für Eltern geschrieben hatte, zählen zu seinen bekanntesten Werken das ‚Krebsbüchlein oder die Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder’ (1780) und ‚Konrad Kiefer oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Kinder’ (1796).

In seinem ‚Krebsbüchlein’ stellte er die möglichen Erziehungsfehler von Eltern vor, um an Negativbeispielen richtiges Erziehen deutlich zu machen. Gegenteilig konzipiert, nämlich auf Positivbeispielen beruhend, allerdings den gleichen Erziehungsvorstellungen folgenden, ist das Werk ‚Konrad Kiefer`. Salzmann wendete sich mit dieser Erzählung an die Landbevölkerung, um diese mit der moralisch vorbildhaften Erzählung zum richtigen Erziehung zu bewegen (vgl. ebd., S. 73). Durch den erzählenden Vater – die Hauptfigur – wurden direkt verwertbare Ratschläge zur Pflege und Ernährung des Kindes verbreitet, die den gängigen Ratschlägen der medizinisch-pflegerischen Ratgeber der Zeit folgten. Während allerdings Ernährung und Pflege relativ kurz abgehandelt wurden, widmet Salzmann der geistigen bzw. geistig-körperlichen oder sensomotorischen Entwicklung und der darauf abgestimmten Erziehung großen Raum. So bot also Salzmann folgend die Natur die beste Gewähr für die richtige Entwicklung des Kindes, „der natürliche Bewegungs- und Entdeckungsdrang des Kindes auf der einen, die natürliche Umgebung mit ihren Anreizen und Anforderungen auf der anderen Seite“ (ebd., S. 74). Die Förderung des Kindes, gemäß dem Alter und der Entwicklung, solle überwiegend spielerisch erfolgen. Die Betonung des Spiels bei Salzmann entsprach der Bedeutung, die Philanthropen dem Spiel bei der Entwicklung des Kindes zumaßen und dabei den Ansatz von Rousseau aufgriffen, welcher im Spiel des Kindes „das pädagogisch gesuchte Verhalten“ sieht, „nämlich inmitten einer erfüllten Gegenwart, doch zugleich (unbewusst) für die Zukunft zu arbeiten“ (Blankertz 1982 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 75f)

Während sich Salzmann mit seinen Werken an die Landbevölkerung wandte, war der Ratgeber ‚Levana’ von J.P. Richter eher an die gehobenen, bürgerlichen oder adligen Kreise gerichtet. Zu Beginn seiner Ausführungen ging er auf Grundfragen der Erziehung ein, um im Anschluss dessen sich verschiedenen Einzelfragen der Entwicklung und Erziehung von Jungen und Mädchen und der ästhetischen Bildung zu zuwenden. Obwohl er seine Ratschläge nicht wie Salzmann anhand eines roten Fadens in einer Erzählung eingebettet entwickelte, verfolgte er doch die gleichen Ziele: Er verstand sich selbst als Ratgeber-Autor und wollte durch Belehrung der Eltern die Erziehung verbessern (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 83). Auffällig wird hier, dass er aus den komplementären Geschlechtscharakteren der Menschen unterschiedliche Erziehungsziele für Jungen und Mädchen ableitete und damit einer polaren Geschlechteranthropologie folgte. Somit bestimmt er auch die Orte des Aufwachsens und des Erziehens von Kindern: Mädchen wachsen vor allem im Haus voran, da es die Häuslichkeit zu fördern gilt; Jungen sollten überwiegend im Freien aufwachsen, da es bei ihnen die Weltzuwendung zu fördern gilt (vgl. ebd., S. 89).

Diese Polarisierung der Geschlechter, wie sie bei J.P. Richter, aber auch bei anderen Autoren, vorzufinden ist, entspricht dem sich im Laufe des 19. Jahrhundert durchsetzenden Leitbild der bürgerlichen Familie. Dies ist jedoch keine Neuerfindung dieser Zeit, sondern es ließen sich schon bei früheren Ratgebern, bis auf Aristoteles zurückführend, weitere polare Geschlechterzuschreibungen finden (vgl. ebd., S. 91). In dieser Zeit „gewinnen die Zuschreibungen und Funktionsverteilungen zwischen den Geschlechtern mit dem räumlichen Auseinandertreten von Haushalt und Erwerb und der gestiegenen Bedeutung häuslicher Erziehungsarbeit an Bedeutung“ (ebd., S. 91)

2.2. Ratgeberliteratur zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die tief greifenden wirtschaftlichen, politischen und sozialen Veränderungen führten dazu, dass sich auch die Familienform und die Bedingungen, unter denen Kinder künftig erzogen wurden, veränderten. Die Verstädterung führte dazu, dass der Anteil der Landbevölkerung in kurzer Zeit stark dezimiert wurde, der Anteil der Stadtbewohner stark anstieg und die Gesamtbevölkerung Deutschlands allein im Zeitraum von 1880 bis 1910, bedingt durch eine sinkenden Säuglings- und Kindersterblichkeit und einer Verlängerung der durchschnittlichen Lebenszeit, von 45 Millionen auf 65 Millionen Menschen stieg. Durch die Industrialisierung veränderten sich die Formen des Zusammenlebens insofern, als das nun Wohn- und Arbeitsort räumlich voneinander getrennt waren und auch die Frauenerwerbstätigkeit nötig und damit auch üblich wurde. Es setzt sich also im Laufe des 19. Jahrhunderts die moderne Kleinfamilie als dominante Familien- und Haushaltsform durch, die Erwerbstätigkeit fand außerhalb des Haushaltes statt, welche in erster dem Mann Linie oblag. Die Frau war für die Haushaltsführung und die Kindererziehung zuständig, zum Teil aber auch für die zusätzliche Erwerbstätigkeit (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 91f).

Diese Aufteilung wurde mit dem im Jahre 1900 in Kraft tretenden Ehe- und Familienrecht die Norm. Zwar erhielt die Frau, ebenso wie das Kind mehr Rechte, so bekam sie zum Beispiel die volle Geschäfts- und Prozessfähigkeit und die Volljährigkeit des Kindes wird mit dem 21. Lebensjahr erreicht, allerdings ist die Privilegierung des Ehemanns und Vaters weiterhin in den meisten Gesetzen klar erkennbar (vgl. ebd., S. 92). Die gesellschaftliche Modernisierung hatte aus der Perspektive der Kinder erhebliche Fortschritte für ihr Aufwachsen gebracht[9].

Das Bestreben der Ratgeber der Aufklärung, durch sachkundige Beratung zur Vergrößerung der (Über-)Lebenschancen beizutragen, fand sich auch in den Ratgebern des beginnenden 20. Jahrhunderts. Besonders die medizinischen Fortschritte, Erkenntnisse und Behandlungsmethoden sollten weiterhin verbreitet werden. Dies zeigte sich beispielhaft an dem von P. Biedert (Professor der Kinderheilkunde) 1906 heraus gegebenen Sammelband ‚Das Kind. Seine körperliche und geistige Pflege von der Geburt bis zur Reife’, in dem er sich mit Fragen der Geburt, Ernährung, Pflege in den verschiedenen Altersstufen, aber auch mit Krankheiten, ihren Symptomen und Heilmöglichkeiten beschäftigte (vgl. ebd., S. 95). „Hier wird erkennbar, dass angesichts der fortgeschrittenen Differenzierung und Spezialisierung ‚Popularisierung’ nicht nur Verbreitung wissenschaftlichen Wissens an Laien bedeutet, sondern auch als Information über die Expertensysteme an Bedeutung gewann“ (ebd., S. 95).

Im Gegensatz zu den früheren Ratgebern, die sich überwiegend mit medizinisch-pflegerischen Themen beschäftigten, aber dennoch Themen der intellektuellen und sittlichen Erziehung behandelten, werden diese Themen in den medizinischen Ratgebern des beginnenden 20. Jahrhunderts weitestgehend ausgeklammert (vgl. ebd., S. 96).

Mit der Entwicklung des schulischen Bildungswesens fand ebenso wie im medizinischen Bereich eine Expansion und Differenzierung der Professionellen statt. Die Herausbildung eines fachlich ausgebildeten, wirtschaftlich und sozial abgesicherten Berufsstands des Lehrers war ein wichtiger Bestandteil der Gesamtentwicklung. Neben der expandierenden Fachliteratur veröffentlichten Vertreter dieser Disziplin auch immer wieder Sachbücher, darunter auch Ratgeber über die Familienerziehung. Ein Beispiel hierfür ist das Werk von K. Oppelmann ‚Buch für Eltern. Praktische Anleitung zur häuslichen Erziehung der Kinder beiderlei Geschlechts vom frühen Alter bis zur Selbständigkeit’ (1905) (vgl. ebd., S. 69).

Um die Jahrhundertwende gab es bereits neben allgemeinen Erziehungsratgebern oder auch allgemeinen Erziehungswerken[10] spezielle Ratgeber, die sich mit der Auswahl geeigneter Schulen oder mit der Erziehung von Schwererziehbaren beschäftigten und sich nicht nur an Eltern sondern an alle Interessierten richteten (ebd., S. 100).

2.3. Die Entwicklung der Ratgeberliteratur während der Weimarer Republik

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges und der Gründung der Weimarer Republik stellte das Jahr 1918 eine deutliche Zäsur dar. Dieses Jahr wurde nur selten thematisiert und wenn, dann wurde es als Jahr der nationalen Niederlage bezeichnet, nach der nun die Familienerziehung aufgerufen wurde, „ihren Beitrag zum Neuaufstieg und zur Tilgung der Schmach zu leisten“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 139). Für die Familie und die Familienerziehung galt das Jahr 1918 insofern als Einschnitt, als dass nun neue rechtliche und politische Bestimmungen in der Weimarer Verfassung in Kraft traten. Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz, welches 1922 in Kraft trat, sollte die erziehungsrechtliche Position des Kindes gegenüber den Eltern stärken. Aber auch in bildungspolitischer Hinsicht gab es weit reichende Festlegungen, so zum Beispiel die Ausdehnung der Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr oder die Verpflichtung, „für den Zugang der Minderbemittelten zu den mittleren und höheren Schulen (…) öffentliche Mittel bereitzustellen“ (Deutsche Verfassungen 1972, S. 98 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 140).

Bei der Gesamtbetrachtung der Ratgeberliteratur dieser Zeit, fällt auf, dass die Debatte und den Stellenwert und Grenzen der elterlichen Autorität und Strafbefugnisse, so wie sie vor dem Krieg schon über Ellen Key´s „Jahrhundert des Kindes“ geführt wurde, wieder auflebte. So ist es vor allem die Prügelstrafe, die innerhalb der Debatten für eine Position als selbstverständliches Erziehungsinstrument zählte, während es hingegen von anderen Positionen vehement abgelehnt wurde (Vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 142f).

In Anlehnung an die Arbeiter- und Soldatenräte wurden nach der Novemberrevolution 1918 Elternräte gegründet, mit deren Hilfe bildungspolitische Forderungen durchgesetzt werden sollten (vgl. Wagner-Winterhager, L.: Schule und Erziehung in der Weimarer Republik. 1979 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 144). Sie entfalteten über ihre politische Interessenvertretung hinaus publizistische Aktivitäten aus denen sich Ratgeberreihen und ein neuer Typus von Elternzeitschriften entwickelten, „die thematisch im Überschneidungsbereich von Schule und Elternhaus angesiedelt sind und die Anliegen katholischer (‚Elternhaus, Schule und Kirche. Blätter für die katholische Familie und Schule’), evangelischer (‚Haus und Schule’) oder sozialistischer (‚Die freie weltliche Schule’) Verbände vertreten werden“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 144)[11].

Die Psychologie als Bezugswissenschaft und Psychologen als Autoren von Erziehungsratgebern erlangten zu dieser Zeit an wesentlicher Bedeutung, besonders in einem Feld, welches vorher von Ärzten und Lehrern dominiert wurde. Da auch die Mehrzahl der, im Rahmen dieser Arbeit untersuchten, Ratgeber sich überwiegend mit entwicklungs- oder lernpsychologischen Wissen beschäftigen, soll an dieser Stelle nur auf die von Psychologen verfassten Erziehungsratgeber betrachtet werden[12].

Psychologen als Autoren von Erziehungsratgebern traten erst seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf, seit sich die Psychologie als eigenständige Disziplin entwickelt und etabliert hat. Die empirische Erforschung der psychischen Entwicklung des Kindes begann Ende des 19. Jahrhunderts, obwohl die Forderung, Erziehungsgrundsätze aus der Natur des Kindes und seiner Entwicklung abzuleiten, schon u.a. von Comenius, Pestalozzi und Rousseau gestellt wurde.

Das Buch von W.T. Preyer ‚Die Seele des Kindes’, welches 1882 erschien, gilt als „Eröffnungswerk der modernen Kinderpsychologie“ (Stern 1930, S. 4 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 169) und basiert auf den systematischen Beobachtungen der Entwicklung des Sohnes von Preyer von der Geburt bis zur Vollendung seines dritten Lebensjahres. Er knüpfte dabei an die Tradition des Tagebuchs über die kindliche Entwicklung an, wie es vor ihm schon D. Tidemann oder Pestalozzi traten. In Deutschland waren es besonders die Werke von W. und C. Stern[13], sowie von E. und G. Scupin[14], die eine große Bekanntheit erlangten. Sie richteten sich mit ihrer Veröffentlichung nicht nur an das psychologische Fachpublikum, sondern auch an interessierte Eltern, getreu dem Motto der Aufklärung folgend, zu einer tieferen Einsicht über die Natur des Kindes zu gelangen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 170). Die meisten Ratgeber dieser Zeit folgten dem behavioristischen[15] oder dem entwicklungspsychologischen[16] Ansatz.

Die behavioristisch ausgerichteten Ratgeber traten für eine „naturwissenschaftlich ausgerichtete, am beobachtbaren Verhalten und seiner Beeinflussung statt an einer Introspektion orientierten Psychologie ein“ (ebd., S. 170). So verfolgte Watson in seinem Werk das Grundziel, das elterliche Erziehungshandeln wissenschaftlich zu fundieren und zu regulieren und folgte einer Vorstellung einer unbegrenzten Form- und Erziehbarkeit von Kindern, was mit dem Wunsch einer unbegrenzten Einflussnahme auf die Erziehung korrespondierte. So spricht er den Eltern grundsätzlich jede Erziehungsfähigkeit ab und entwarf ein Idealbild, bei dem eine professionelle Anstaltserziehung anstelle der Familienerziehung tritt (ebd., S. 176). Dieser, heute sehr exotisch bis utopisch anmutende Gedanke ist nicht neu in der Geschichte der Erziehung, so fand er sich bereits bei Platon[17], Rousseau[18] oder Fichte[19]. Watson folgte in seinen Ausführungen dem Gedanken einer unbegrenzten Plastizität und Erziehbarkeit eines Kindes und lastete damit den Eltern die alleinige Verantwortung auf, räumte ihnen aber andererseits unbegrenzte Möglichkeiten ein, so das ihr Erziehungsbemühen von Erfolgt gekrönt sein würde, wenn die Eltern seinen Ratschlägen folgten (ebd., S. 177). Wie in den nachfolgenden Kapiteln (Ratgeber) zu sehen sein wird, ist diese selbstverordnete Allmacht der Autoren in Erziehungsfragen auch heute noch gegenwärtig, getreu dem Motto ‚Achte auf meine Ratschläge und deine Anstrengungen werden von Erfolg gekrönt sein; Beachtest du sie nicht wirst du selbstverschuldeten Misserfolg erleben!’. Wie Ratschläge Watson erscheinen auch diese in der Gestalt einer unfehlbaren Technologie, derer sich Eltern oder Erzieher sich nur zu bedienen brauchen (vgl. ebd., S. 178).

2.4. Die Ratgeberliteratur während dem Nationalsozialismus

Der Machtantritt der Nationalsozialisten stellt für die Erziehungsratgeberliteratur einen deutlichen Einschnitt dar, denn nun wurde versucht, den Buchmarkt mit Zensurmethoden „im Sinne nationalsozialistischer Anschauungen und Zielsetzungen zu kontrollieren und zu steuern“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 182). So wurden zunächst Buchhandels- und Bibliotheksbestände mit Hilfe schwarzer Listen von politisch unerwünschter Literatur ‚gesäubert’, ergänzt durch Verkaufs-, Publikations- und Betätigungsverbote. Auch interne Anweisungen, etwa die Werbung für einen bestimmten Autor zu unterlassen, Benachteiligungen bei der Zuteilung von Papierkontingenten oder auch Förderungen regimekonformer Bücher mittels Auszeichnungen, Empfehlungslisten oder Werbemaßnahmen steuerten den Büchermarkt (ebd., S. 182f).

Mit einem Blick auf die Gleichschaltungsbestrebungen ab 1933 lassen sich die verbreiteten Ratgeber in drei Gruppen unterteilen.

„Einige Erziehungsratgeber, die erstmals während der Weimarer Zeit erschienen waren, werden weiterhin vertrieben und neu aufgelegt, so etwa Marie Coppius’ Erziehungsbeobachtungen aus dem Kindergarten ‚Pflanzen und Jäten in Kinderherzen’, Hildegard Hetzers ‚Seelische Hygiene – Lebenstüchtige Kinder. Richtlinien für die Erziehung im Kleinkindalter’ oder die von Johannes Prüfer herausgegebene ‚ Neue Elternbücherei’. (…)

Unter den neu erscheinenden Werken wurden vor allem diejenigen gefördert, die von nationalsozialistischen Vorstellungen geprägt waren. So (…) [zum Beispiel, K.S.] Gerhard Pfahlers „Warum Erziehung trotz Vererbung?“ (…) [und, K.S.] die Bücher die Münchner Kinderärztin Johanna Haarer.

Nach 1933 erscheinen aber auch neue Ratgeber, die keine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus aufweisen, vor allem deshalb, weil sie, der Tradition der Ratgeberliteratur folgend, Familienerziehung als Privatsache behandeln. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel für diesen Typus ist das Buch ‚Katholische Familienerziehung’ des Pädagogik-Professors Friedrich Schneider.“ (ebd., S. 183f).

Ein wesentliches Ziel der nationalsozialistischen Familienpolitik bestand darin, die Schrumpfung der Familie, die der nationalsozialistische Pädagoge Ernst Krieck in seiner kulturkritischen Klage über den Verfall der Familie zu Ausdruck bringt, aufzuhalten. Daher werden schon bald nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten Maßnahmen zur Geburtenförderung eingeleitet, verbunden mit einem wichtigen Kernelement der vorherrschenden Familienideologie, der Rückkehr zur traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Allerdings steht die Förderung der Familie, zum Beispiel mit Ehestandsdarlehen und Kinderbeihilfen, als Erziehungsinstanz dem grundsätzlichen Misstrauen, der Familie als Zufluchtsstätte vor den erzieherischen Ansprüchen es Regimes, gegenüber. Der institutionalisierte Ausdruck dieses Misstrauens ist die Hitlerjugend mit ihren Teilgliederungen in Deutsches Jungvolk, Jungmädel, Bund deutscher Mädel und Hitlerjugend (vgl. ebd., S. 186ff). „Der umfassende „körperliche, geistige und sittliche“ Erziehungsanspruch „im Geiste des Nationalsozialismus“ wird im Gesetz über die Hitler-Jugend vom Dezember 1936 festgeschrieben. Dieser Anspruch führt immer wieder zu Konflikten mit den Erziehungsinstanzen Schule und Familie. (Boberach 1990 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 189). Diese Konflikte sollten durch Erziehungsratgebern, in denen die nationalsozialistischen Vorstellungen in Erziehungsratschläge übersetzt wurden, verringert bzw. behoben werden.

Als ein typischer Ratgeber seiner Zeit, kann das Buch der Münchner Fachärztin Johanna Haarer ‚Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind’ genannt werden, welches bereits nach seinem Erscheinen 1934 sehr hohe Auflagenzahlen erreichte[20]. Wie der Titel des Ratgebers bereits erahnen lässt, wendet sich die Autorin an Mütter, die ihr erstes Kind erwarten oder erst kürzlich zur Welt gebracht haben. Sie behandelt darin die Zeit vor und nach der Geburt sowie Fragen zur Erziehung und Pflege von Säuglingen. Sie gibt praktische Ratschläge zu Fragen der Ernährung und Kleidung während der Schwangerschaft, wie auch zur Erstausstattung des Kindes. Im Wesentlichen folgt der Ratgeber der chronologischen Entwicklung von Schwangerschaft, Entbindung bis hin zum älteren Säugling (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 190ff).

Die Autorin ging in ihrem Ratgeber auch ausführlich auf die nationalsozialistische Familien- und Bevölkerungspolitik ein, indem sie sich für die ‚Verhütung erbkranken Nachwuchses’ und gegen die ‚willkürliche Verhütung erbgesunden Nachwuchses’ einsetzte, und auch ‚die riesenhafte Gefahr des Volkstodes’ propagierte. Der nationalsozialistischen Familienpolitik folgend sprach sie davon, dass Ein-Kind-Ehen untragbar, Zwei-Kind-Ehen nur in Ausnahmefällen ausreichend seien und Kinderreichtum das grundsätzliche Ziel einer Ehe sein sollte (Haarer 1937 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 192).

Johanna Haarer war, nach Aussage von Höffer-Mehlmer, die erfolgreichste Ratgeberautorin der NS-Zeit bzw. der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieser Erfolg gründete nicht nur auf der nationalsozialistischen Ausrichtung ihrer Ratgeber, sondern auch auf der Art und Weise, wie sie ihre Leserinnen ansprach. Die Fülle von Informationen und Ratschlägen waren direkt verwertbar und ausdrücklich für eine breite Zielgruppe gedacht. So gab sie zum Beispiel möglichst preiswerte und praktikable Lösungen für Pflege, Ernährung, Spielzeug und Bekleidung. Auch nach der NS-Zeit konnte sie mit ihrem Ratgeber, allerdings nun mit dem neuen Titel ‚Die Mutter und ihr erstes Kind’, weitere Verkauferfolge erzielen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 203).

2.5. Die Entwicklung der Ratgeberliteratur seit 1945

Die Produktion der Ratgeber wurde sehr bald nach Ende des Krieges wieder aufgenommen, unterlag jedoch wie alle Massenmedien der Kontrolle der alliierten Besatzungsmächte. Auch die Medienentwicklung war von den Entnazifizierungsbemühungen betroffen, so dass auch hier wieder mit Vergabe von Lizenzen, Papierzuteilungen und einer Genehmigungspflicht, gearbeitete wurde, um diese Entwicklung nachhaltig zu beeinflussen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 211).

In der Ratgeberliteratur der ersten Nachkriegsjahre wurde das Ende des Nationalsozialismus meist nicht thematisiert, da sich die Autoren auf die in Privathaushalten stattfindende Kindererziehung konzentrierten: wie es vorherrschende Tradition der Ratgeberliteratur ist. Die Familie wurde als Zuflucht vor staatlichen und parteilichen Zugriffen beschworen, „in der es gelingt, ‚ewige Werte’ aufzubewahren, von denen aus die Traditionslinien ’christlich-abendländischer Gemeinsamkeit’ nun aufgenommen und fortgesetzt werden“ (ebd., S. 215) konnten. Die Autoren versuchten die Kriegs- und Nachkriegsfolgen in ihren Ratgebern nicht zu thematisieren, was ihnen jedoch nicht immer gelang. So geht zum Beispiel die Autorin Charlotte Kühl von Kalckstein[21], trotz ihrer Hinwendung zu einer gutbürgerlichen Familie, auf Kinder die infolge des Krieges ihre Väter verloren haben und auf Einquartierung familienfremder Personen in die eigene Wohnung ein.

„Nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR im Jahr 1949 entwickelte sich auch die Ratgeberliteratur in West und Ost recht unterschiedlich, nicht zu letzt deshalb, weil sich ein marktwirtschaftliches System von Buchproduktion und –vertrieb ohne Lizenzen und Zensur und ein staatlich kontrolliertes System gegenüberstanden“ (ebd., S. 217).

2.5.1. Ratgeber in der DDR

Nach dem Artikel 38 der Verfassung der DDR unterstanden Ehe, Familie und Mutterschaft dem besonderen Schutz des Staates[22]. Ihnen wurde als Institution also eine grundlegende Bedeutung zugesprochen. Diese Gesetzeslage stand jedoch im Widerspruch zum ausdrücklich erklärten Ziel der sozialistischen Gesellschaftsform. „Die Familie herkömmlichen Zuschnitts war dort aufgrund ihrer Verbindung mit am Privateigentum ausgerichteten Gesellschaftsformen, ihrer Gesellschaftsferne und der Rollen- und Machtverteilung zwischen Mann und Frau umstritten“ (vgl. Busch 1972 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 217). Hinsichtlich der Familie wurde nun an eine Entwicklung angeknüpft, die die ‚sozialistische Familie’ als eine Familie neuen Typs betonte. Es wurde versucht, sich von einer Gesellschaft der sozialen Ungleichheit und antagonistischer Interessen zu trennen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Interessen der Werktätigen völlig mit den Interessen der Gesellschaft übereinstimmen (vgl. Vier 1983 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 217f).

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der DDR und der BRD war die Sicherung der politischen Einflussnahme auf die Erziehung, die durch den frühen und umfassenden Ausbau der außerhäuslichen Erziehungsinstitutionen wie Kindergärten, -krippen und Horten gewährleistet werden sollte. Diese staatlich eingerichteten und allgegenwärtigen Erziehungsinstitutionen, in der die Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden sollten, führten dazu, dass die Familien quantitativ[23] und auch qualitativ eine geringere Bedeutung für die Erziehung der Kinder hatten (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 217ff.).

Über die Erziehungsratgeberliteratur lässt sich sagen, dass sie leicht überschaubar und das Angebot nicht sonderlich groß bzw. ausführlich war[24]. Weiterhin ist das was erscheint, genau geplant und auf eine weite Verbreitung hin angelegt. Die Ursachen dafür lassen sich in der staatlichen Kontrolle der Medien suchen, da einerseits mehr als drei viertel aller Verlage in staatlichem Besitz waren und auch Zuteilung von Papierkontingenten, Lizenzen- und Druckgenehmigungen die Veröffentlichungen reglementierten (vgl. ebd., S. 220). In den Anfangsjahren der DDR fand eine Beschränkung im Wesentlichen auf die Herausgabe sozialistischer Klassiker über Fragen der Familienerziehung und Übersetzungen aus der Sowjetunion statt.

Ein ‚Klassiker’ unter den Erziehungsratgebern der DDR ist die Ratgeberreihe ‚Zur Erziehung in der Familie’, welches Mitte der sechziger Jahre veröffentlicht wurde und in vier Bänden[25] Erziehungsfragen verschiedener Altersstufen behandelte. Die Reihe wurde bis weit in die achtziger Jahre hinein immer wieder bearbeitet und neu aufgelegt.

Ziel dieser Reihe wie auch aller anderen Erziehungsbemühungen war die Erziehung des Kindes zum ‚sozialistischen Mensch’ (Siebert 1971 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 223). Dieser sollte ausgeprägte soziale, innerweltliche und produktionsrelevante Tugenden besitzen und gesellschaftlich bzw. kulturell aktiv statt komplementiv sein. Er sollte sich mit dem eigenen Gesellschaftssystem identifizieren und das kapitalistische System grundsätzlich ablehnen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 223f). Die Autoren der Reihe gingen stilistisch gesehen mit altbewährten Mitteln vor: Sie wendeten sich direkt an die Eltern[26] und bezogen sie immer wieder pronomial ein[27]. Die Autoren richteten sich in ihren Ratschlägen nach dem ‚Bildungs- und Erziehungsplan des Kindergartens’, welcher die Grundlagen für den Erfolg in den ersten Schuljahren schaffen soll. (vgl. ebd., S. 224f).

Grundsätzlich wurde Erziehung als Erziehung für und in eine Gesellschaft bzw. als Anpassung an sie verstanden, die sich selbst als die bestmögliche betrachtete (vgl. ebd., S. 227).

2.5.2. Ratgeber in der BRD

Ein wesentlicher Unterschied der Entwicklung des Ratgebergenres zwischen DDR und BRD war die große Menge der erschienen Ratgeber seit den fünfziger Jahren, was den Überblick über diese Literaturkategorie wesentlich erschwert.

Die politische, soziale und kulturelle Entwicklung der Nachkriegszeit wurde in der BRD mit den Stichworten ‚Restauration und Neubeginn’ beschrieben, wobei Restauration am ehesten die Entwicklung der Familie beschreibt. Anfang der fünfziger Jahre begann eine Phase mit einer hohen Zahl von Eheschließungen und Familiengründungen, die Hinwendung zu patriarchalischen Familienstrukturen[28] und einem christlich geprägten Leitbild der Familie. Die späten fünfziger Jahre waren jedoch auch von einem raschen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandel geprägt, welcher auch innerfamiliäre Veränderungen mit sich zog. „… Auch in das Familienleben drangen (…) partnerschaftliche, liberale und demokratische Komponenten ein…“ (Neidhart 1975 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 230.) Dieser Einfluss führte dazu, dass in den Familien ein Trend von der patriarchalischen zur partnerschaftlichen Familie einsetzte (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 228ff.).

Auch die Ratgeberliteratur der fünfziger Jahre war, mit dem Stichwort der Restauration beschreibend, eher von traditionellen Mustern geprägt, als das sie sich mit den neuen Bedingungen von Erziehung beschäftigte, die sich nicht zuletzt auch aus der nun vorherrschenden Demokratie ergaben. Es „fällt auf, dass der Typus des allgemeinen Erziehungsratgebers vorherrscht, mit dem umfassende und universell verwendbare Ratschläge vermittelt werden sollen“ (ebd., S. 231). Einige Ratgeber, die bereits vor 1945 erschienen, wurden neu aufgelegt, so z.B. Friedrich Schneiders ‚Katholische Kindererziehung’ oder auch die überarbeitete Fassung von J. Haarers Erziehungsratgeber mit nun veränderten Titel ‚Die Mutter und ihr erstes Kind’ (vgl. ebd., S. 231). Die NS-Vergangenheit wird in den Ratgebern sehr selten und wenn dann nur sehr vage angesprochen. So werden die Auswirkungen von Krieg und Vertreibung auf Kinder und Familien angesprochen, jedoch wird die politische Vergangenheit nicht thematisiert.

Ende der fünfziger Jahre tauchte ein neues Phänomen auf: Das der Ratgeberübersetzungen aus anderen Ländern. Es gab zwar bereits vorher die Verbreitung deutscher Ratgeber im Ausland oder die Übersetzung und Publikation ausländischer Ratgeber in Deutschland, aber diese blieben eher Einzelfälle. Die Internationalisierung beginnt in Deutschland mit dem sehr erfolgreichen Werk von B. Spock ‚Dein Kind – Dein Glück’[29] im Jahr 1952. Es ist nach Angaben der Zeitschrift ‚Parenting’ nach der Bibel das meist verkaufte nicht-fiktionale Buch der Welt, welches bis 1998 eine Gesamtauflage von mehr als 50 Millionen Exemplaren erreichte (vgl. ebd., S. 234f).

Ein weiteres Phänomen in den fünfziger Jahren in Deutschland sind die psycho-analytisch orientierten Erziehungsratschläge. In den Folgejahren bis heute trat die Psychoanalyse ihren Siegeszug an, in dem sie zu einem der am häufigsten genutzten Erklärungs- und Deutungsmodellen der Ratgeberliteratur wurde (vgl. ebd., S. 235f).

Einen großen Einfluss auf das Ratgebergenre hatten die politischen und kulturellen Entwicklungen ab 1968, als bisher Selbstverständliches in Frage gestellt und Konventionen aufgekündigt wurden und über weitreichende gesellschaftliche Veränderungen bis hin zur Revolution debattierte wurde. In der Erziehung wurde ein grundlegender Wandel der Erziehungsabsichten und die Abkehr von autoritären Strukturen und Verhaltensweisen gefordert. „Das mit Abstand erfolgreichste Werk jener Zeit ist die ‚Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summer Hill’ von Alexander Sutherland Neill“ (ebd., S. 238f). Er verwendet Ratgebertypische Stilmittel, in dem er mit exemplarischen Geschichten auf Erziehungsprobleme und ihre Lösungen eingeht. Dabei verwendet er die Psychoanalyse als Bezugstheorie. Neill diagnostiziert die allgemeine Lage der Gesellschaft und Erziehung[30] und ruft zu Veränderungen durch Erziehungs- und Bildungsreformen auf sowie zu einer Veränderung des vorherrschenden Persönlichkeitsideals[31] (vgl. ebd., S. 239ff).

In den siebziger Jahren fand eine Neuorientierung auf dem Büchermarkt statt. So veröffentlichten die Verlage nicht mehr nur Bücher über Erziehungsfragen für Fachwissenschaftler und akademisch ausgebildete Erzieher, sondern wandte sich mit ihren Veröffentlichungen an alle, die sich für Erziehung interessierten (vgl. Hefft 1978 vgl. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 242). Mit typischen Titelformulierungen, wie z.B. „Moderne Erziehung“, „Moderne Eltern“ oder „Kindererziehung auf neuen Wegen“, werden der Veränderungs- und Ratschlagsbedarf jener Zeit angesprochen. Die meisten Autoren folgen der eingeschlagenen Richtung von Neill und fordern ein permissiveres Erziehungsverhalten und betonen die Wechselseitigkeit des Erziehungsverhältnisses[32]. Auch die Gegenstimmen, die für ein gewisses Maß an Autorität plädieren[33], behalten nach dem Abklingen der antiautoritären Welle ihre Aktualität. Auch in den heutigen Ratgebern[34] werden Fragen nach dem Ausmaß und den Grenzen elterlicher Autorität behandelt (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 244ff). „In Teilen der Ratgeberliteratur zeigt sich (…) eine gewisse ‚Therapeutisierung’. Die Autoren treten in diesen Fällen nicht nur als Popularisierer psychologischer Theorien auf, (…) sondern bieten ihren Lesern Übungs- oder Lösungsprogramme für die Bewältigung von Erziehungsproblemen“ (ebd., S. 244).

Nicht nur eine Liberalisierung der vorgetragenen Erziehungsvorstellungen prägt die Ratgeberentwicklung seit den sechziger Jahren, sondern auch die bis heute stetig wachsende Zahl der Neuveröffentlichungen, die zu einer zunehmenden Differenzierung[35] und Pluralisierung[36] des Erziehungsratgeber-Genres führten.

3. Zusammenfassung

Die Geschichte der Erziehungsratgeber spiegelt auch die Geschichte des Erziehungsverständnisses wieder. „Jedes Nachdenken über Erziehung, jede Weitergabe von Erfahrungen und Vorschlägen beinhaltet auch immer das, was als Kern des Ratgebens bezeichnet werden kann, Erziehende bei ihrem Tun (und Lassen) zu beeinflussen.“ (Höffer-Mehlmer 2003, S. 246).

Die Geschichte des Erziehungsratgebers, als weitere Variante neben einer Vielzahl von medialen, personalen und institutionalisierten Möglichkeiten der Beeinflussung von Erziehenden in ihrem Handeln, wurde in den vergangenen Kapitel erläutert und soll nun zusammenfassend dargestellt werden.

Solange nur wenige Menschen lesen konnten, war die Verbreitung der schriftlichen Ratschläge an Lesekundige gebunden, z. B. Priester, Ärzte oder Angehörige der oberen Schichten, die als Multiplikatoren fungierten.

Die ‚Hausväterliteratur’ des 16. – 18. Jh. stellte eine sehr frühe Form der Ratgeberliteratur dar, die direkt an den ‚lesenden Endverbraucher’ (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 246) gerichtet war. Hier wurden nicht nur Fragen der Kindererziehung behandelt, sondern es fand auch eine umfassende Beratung der Ratsuchenden in handwerklichen oder agrarischen Fragen statt.

Durch die Veränderung der allgemeinen Lebensformen im 18. Jh., der Entwicklung des Buchdrucks und dem Verlagswesen und damit einer folgenden Abkehr vom Lateinischen als Schriftsprache wurde die Basis für ein breit gefächertes Ratgebergenre, wie wir es heute kennen, geschaffen. Mit der Entdeckung der Kindheit als eigene Lebensphase und damit einer verstärkten Beschäftigung mit Erziehung und Bildung im Zuge der Aufklärung änderte sich die Zielgruppe der Ratgeber insofern, als dass nun nicht mehr nur Kreise der gebildeten Bessergestellten angesprochen werden sollten, sondern auch die breite Masse des Volkes.

Beeinflusst durch die Aufklärung und einer wachsenden Bedeutung der Naturwissenschaften spielten im 18./19. Jh. medizinisch-pflegerische Ratgeber, in denen Erkenntnisse der Kinderheilkunde[37] popularisiert wurden, eine wesentliche Rolle. Die pädiatrischen Ratgeberautoren äußerten sich auch zu Fragen der Kindererziehung und vertieften/verbreiteten den Begriff ‚physische Erziehung’, welcher von J. Locke 1693 eingeführt wurde.[38]

[...]


[1] Einzelne Zielgruppen waren beispielsweise die gebildete lesekundige Oberschicht oder der Klerus, später die Hausväter.

[2] bspw. Steve Biddulph: „Das Geheimnis glücklicher Kinder“, 14. Auflage

[3] Entsprechende Einblicke und Überblicke lassen sich in Buchmärkten im Internet finden, wie www.amazon.de oder www.libri.de

[4] Als Beispiele dafür nennt der Höffer-Mehlmer die Autoren Frank (1794), Henke (1810), Struve (1803).

[5] Vertiefend dazu Salzmann (1780), Richter (1806/1910) und Wedag (1795).

[6] Bedeutende Werke dazu von Sickel (1835) und Busch (1835).

[7] Hervorzuheben sind an dieser Stelle die Ausführungen von Basedow (1773) und Pestalozzi (1801).

[8] Jedes zweite lebendgeborene Kind starb während seiner ersten Lebensjahre und erst Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein deutlicher Rückgang der Säuglingssterblichkeit ein (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 55)

[9] So bedingten die verbesserte medizinische Forschung mit ihren neuen Erkenntnissen und die Versorgung der Säuglinge (durch eingerichtete Säuglingsfürsorgestellen) einen Rückgang der Säuglingssterblichkeit. Weitere Faktoren waren verbesserte hygienische Maßnahmen und Ernährung, sowie verstärkte Aufklärungsbemühungen über Kinderpflege. Auch schafften die Schulpflicht und der Kinderarbeitsschutz Schonräume für die Kinder, die prinzipielle die Chancen des Aufwachsens von Kindern vergrößerten (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 94).

[10] Hier bspw. Ellen Key ‚Jahrhundert des Kindes’, deren deutsche Erstausgabe 1902 erschien.

[11] Eine große Bedeutung für die Ratgeberliteratur erlangte auch Johannes Prüfers mitgegründete und geleitete ‚Deutsche Gesellschaft für die Förderung häuslicher Erziehung’. Er veröffentlichte neben Arbeiten zur Kleinkinderziehung, mehrere Ratgeber, arbeitete als Herausgeber der Zeitschrift ‚Eltern und Kind’ und ‚Deutsche Elternbücherei’. Ein wesentliches Ziel, welches er und die Deutsche Gesellschaft verfolgte, bestand darin, den Austausch von Erfahrungen zwischen Eltern und die Verbreitung von Erziehungswissen systematisch zu fördern ( vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 145)

[12] Neben diesem Typus der Elternratgeber fanden sich weiterhin medizinische Ratgeber, welche sich mit Fragen der Kleinkinderziehung beschäftigen, Ratgeber von sozialistischen Autoren, die sich speziell mit der Kindeserziehung in Arbeiterhaushalten beschäftigen, sowie Ratgeber, die Erziehungsfragen in einem katholischen oder evangelischen Kontext thematisierten.

[13] William Stern; Clara Stern: „Psychologie der frühen Kindheit. Bis zum sechsten Lebensjahre.“ 1. Auflage 1923

[14] Ernst Scupin; Gertrud Scupin: „Bubis erste Kindheit. Ein Tagebuch über die Entwicklung eines Knabens während der ersten drei Lebensjahre.“ 1907 und „Bubi im vierten bis sechsten Lebensjahr. Ein Tagebuch über die geistige Entwicklung eines Knabens während der ersten sechs Lebensjahre.“ 1910

[15] J.B. Watson: „Psychological care of infants and child” 1928, Erziehungsratgeber für Eltern, der 1930 auch in Deutschland veröffentlich wurde

[16] H. Hetzer: „Seelische Hygiene – lebenstüchtige Kinder“. 8. Aufl., 1947

[17] Gemeint ist Platons Gedanke der Herschererziehung außerhalb der Familie (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 177).

[18] Rousseaus Überlegungen zu einem Bruch mit den traditionellen Unzulänglichkeiten mittels öffentlicher Erziehung (vgl. ebd., S. 177).

[19] Fichtes Gedanken zur Nationalerziehung: Zur Überwindung der alten Standeserziehung forderte er die Bildung des ganzen Menschen, mit Betonung der Charakter- und Willensbildung, zur Selbsttätigkeit und des Dienstes in der Gemeinschaft (vgl. ebd., S. 177).

[20] 1937 waren es bereits 60.000 Exemplare, 1938 wurden bereits mehr als 100.000 Ausgaben gedruckt und 1940 war die Auflage bereits über 300.000.

[21] C. Kühl von Kalckstein: „Jugend zwischen zwölf und siebzehn. Häusliche Erziehungslehre“ 1947.

[22] Verfassung der DDR. 1968

[23] Die quantitativ geringere Bedeutung der Familie auf die Erziehung ihrer Kinder bezieht Höffer-Mehlmer auf das Zeitbudget der Kinder. (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 218f)

[24] Zu diesem Schluss kommt Busch in seiner Untersuchung über die Familienpädagogik in der DDR Anfang der siebziger Jahre (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 220).

[25] Die vier Bände waren: Neubert, R.: Das Kleinkind. Zur Erziehung in der Familie. Berlin : Volk und Wissen 1967. Neubert, R.: Das Vorschulkind. Zur Erziehung in der Familie. Berlin : Volk und Wissen 1964. Neubert, R.: Das Schulkind von sechs bis zehn. Zur Erziehung in der Familie. Berlin : Volk und Wissen 1965. Neubert, R.: Der Schüler von zehn bis sechzehn. Zur Erziehung in der Familie. Berlin : Volk und Wissen 1965.

[26] „Wir wollen dazu beitragen, daß sie ihr Vorschulkind besser kennenlernen, um es besser zu fördern und so gut auf die Schule vorzubereiten.“ (Neubert 1964 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 224)

[27] „Ehe unser Kind richtige Arbeiten ausführen kann, muß es lernen, selbständig zu sein“ (Neubert 1964 zit. n. Höffer-Mehlmer 2003, S. 224)

[28] Der berufstätige Mann steht an der Spitze der Familie und die Frau, auf Haushalt und Kindererziehung festgelegt, ist ihm untergeordnet. Die Frauen wurden nach einer Phase der kriegs- und nachkriegsbedingten Erwerbstätigkeit wieder in ihre Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt

[29] Der Originaltitel des Ratgebers lautet ‚The comon-sense book of baby and child care’ und wurde erstmals 1946 veröffentlicht.

[30] Er spricht sich für eine freie Erziehung aus, bei der das Kind nicht durch Regeln, Zwang und Konventionen erzogen wird, sondern in seiner eigenständigen Entwicklung gefördert werden soll. (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 239)

[31] Der erwachsene Mensch als Ziel der freien Erziehung sollte nicht nur sexuell genussfähig, monogam und heterosexuell sein, sondern auch selbstbewusst und flexibel Anforderungen und Mitmenschen begegnen können

[32] Fürst 1971 „Eltern erziehen ihre Kinder, Kinder erziehen ihre Eltern“.

[33] Christa Meves 1970 „Mut zur Erziehung“; Ullrich Beer 1977 „Beers Elternbuch. Der bekannte Fernsehpsychologe berät Eltern und Erzieher“.

[34] Nitsch 2004 „Kindern Grenzen setze – wann und wie?“; Rogge 2003 „Eltern setzen Grenzen“; Kast-Zahn 2004 „Jedes Kind kann Regeln lernen“.

[35] So erscheinen heute viele Spezialratgeber zu Einzelfragen und –problemen in der Kindererziehung, z.B. Drogenmissbrauch, Hochbegabung, Hyperaktivität, Stottern, Übergewicht, etc.

[36] Bereits in der thematischen Auffächerung lässt sich die Pluralisierung erkennen. Wenn Abweichungen von Normen der Entwicklung oder des Verhaltens zum Thema eigener Ratgeber gemacht werden, lässt sich dies als eine gewisse Normalisierung von Abweichungen interpretieren. Besonders deutlich zeigt sich die Pluralisierung am Thema ‚Trennung und Scheidung’. Früher wurde es in allgemeinen Ratgebern nur sehr selten erwähnt, ab den siebziger Jahren finden sich dann verstärkt spezielle Ratgeber, die sich mit diesem Thema beschäftigen (vgl. Höffer-Mehlmer 2003, S. 245).

[37] C.W. Hufeland ‚Guter Rat an Mütter über die physische Erziehung ihrer Kinder’ (1800); C.A. Struve ‚Ueber die Erziehung und Behandlung der Kinder in ihren ersten Lebensjahren. Ein Handbuch für Mütter, denen die Gesundheit ihrer Kinder am Herzen liegt’ (1803)

[38] Mit physischer Erziehung war eine, der Natur des Kindes entsprechende, körperliche und seelische Erziehung gemeint.

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Erklärungsmuster und Begründungsfiguren in pädagogischen Ratgebern
Hochschule
Universität Trier
Note
2,9
Autor
Jahr
2005
Seiten
129
Katalognummer
V46385
ISBN (eBook)
9783638435888
ISBN (Buch)
9783640319213
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erklärungsmuster, Begründungsfiguren, Ratgebern
Arbeit zitieren
Kathrin Schneider (Autor), 2005, Erklärungsmuster und Begründungsfiguren in pädagogischen Ratgebern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46385

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