Die Krankenhauskapelle Bergmannsheil. Analyse der innerräumlichen Diskurse


Forschungsarbeit, 2016
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Theorieansatz und Mittel
1.2. Anstaltsseelsorge und Krankenhausseelsorge

2. Räumliches Umfeld und Kontext
2.1. Außengelände und Umfeld
2.2. Bauproblematik
2.3. St. Barbara
2.4. Gemeindeeinbettung

3. Innenraum
3.1. Architektonische Einordnung
3.2. Grundriss / Räumlichkeit
3.3. Wand- und Deckengestaltung
3.4. Bodengestaltung
3.5. Fenstergestaltung
3.6. Liturgische Hauptelemente

4. Diskursebenen
4.1. Sakral und profan
4.2. Ost- und Westkirche und die Ökumene
4.3. Krankheit und Heilung

5. Fazit
5.1. Innerräumliche Diskurse
5.2. Krankenhauskapelle in der Literatur

Literaturverzeichnis

Weblinks

1. Einleitung

Krankenhauskapellen als sakrale Bauelemente im öffentlich-säkularen Raum sind heutzutage allgegenwärtig. Der Bedarf nach Räumen, in denen man sich aus dem Klinikalltag zurückziehen kann um innezuhalten, ist ungebrochen. Seit einigen Jahren finden vermehrt Bestrebungen statt, religionsneutrale und gemischtreligiöse Räumlichkeiten einzurichten, um dem gewachsenen multikulturellen Bedarf gerecht zu werden. Christliche Krankenhauskapellen sind jedoch bereits seit langem ein fester Bestandteil der baulichen Gesamtkonzeption, auch wenn sie in bekenntnisgebundenen Krankenhäusern häufiger vorkommen als in Krankenhäusern nicht- konfessioneller Träger.

Die Kapelle des Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil in Bochum war das Ziel einer kleinen Feldforschung im Dezember 2015. Ihre architektonischen und gestalterischen Besonderheiten verweisen auf einen starken regionalen und kulturellen Bezug zum Ruhrgebiet und seiner Bergbautradition. Da es insgesamt sehr wenig Literatur zu Krankenhauskapellen oder vergleichbaren Einrichtungen gibt, habe ich mich zu einer eigenen Analyse des Bauwerks entschlossen. Dabei hat sich die Fragestellung einer Analyse der dort wahrnehmbaren Diskurse ergeben. Diese werde ich nach einer Beschreibung der vorgefundenen wichtigen räumlich-kontextuellen, baulichen und gestalterischen Elemente im Einzelnen besprechen.

1.1. Theorieansatz und Mittel

Die Kapelle Bergmannsheil ist ein sakrales Bauwerk der modernen Architektur der 1980er Jahre, welche ein hervorragendes Beispiel für innerräumliche Diskurse bietet. An diesem Beispiel möchte ich neben den baulichen Elementen ebenfalls die Diskursebenen des Profanen im Gegensatz zum Sakralen, der verschiedenen Elemente der christlichen Ökumene und von Krankheit und Genesung besprechen.

Zur Durchführung dieser Forschung wurde vor Ort eine Stativkamera, einen elektronischen Laserdistanzmesser und einen Kompass benutzt. Ich wurde technisch von Hans-Joachim Hartung unterstützt. Sämtliche mit Copyright gekennzeichneten Fotographien wurden von mir im Zuge der Feldforschung erstellt und sind mein geistiges Eigentum. Bildmaterial anderer Urheber ist entsprechend gekennzeichnet.

1.2. Anstaltsseelsorge und Krankenhausseelsorge

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland regelt den gesetzlichen Rahmen zur Wahrung des Rechtes auf freie Religionsausübung innerhalb staatlich geführter Anstalten. Der Paragraph 140 GG bestätigt die Gültigkeit der Artikel 136, 137, 138, 139 und 14 der Weimarer Verfassung (WRV) vom 11. August 1919. Die relevante Passage1 legt fest, dass auf Wunsch der betroffenen Person die Durchführung religiöser Handlungen u.a. in Krankenhäusern zuzulassen sind. Dies, und der Absatz zur internen Selbstorganisation der Kirchen2 bilden den gesetzlichen Rahmen, in dem die Durchführung der Krankenhausseelsorge umgesetzt wird. Im Regelfall erfolgt dies durch seelsorgerisches Personal der jeweils benötigten Konfessionen. Wo die finanziellen und räumlichen Möglichkeiten gegeben sind und ein Bedarf als gesichert gilt, werden Krankenhauskapellen unterhalten. Das Personal zur Durchführung der Gottesdienste und Veranstaltungen wird im Regelfall aus der Gemeinde gestellt, in der sich das Krankenhaus räumlich befindet. Im Fall eines ökumenischen Betriebs, wie er bei der Krankenhauskapelle Bergmannsheil vorliegt, können mehrere Gemeinden eingebunden sein. Seit einigen Jahren werden vermehrt Bestrebungen unternommen, auch nichtchristlichen Religionen die Ausübung ihres Glaubens zu ermöglichen, z.B. im Rahmen muslimischer Gebetsräume oder multikonfessioneller „Räume der Stille“.

2. Räumliches Umfeld und Kontext

Das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil gilt als älteste Unfallklinik der Welt. Es wurde ca. 1890 gebaut als Reaktion auf die stetig steigende Zahl bergbaubedingten Arbeitsunfälle, die im Ruhrgebiet an der Tagesordnung waren. Es wurde 1944 vollständig zerstört und infolge dessen wiederaufgebaut. Seit 1977 hat es den Status einer Universitätsklinik. Das Klinikgelände ist dicht bebaut und geprägt von ständigen Baumaßnahmen, die sowohl Gebäudeabrisse, -sanierungen als auch Neubauten beinhalten. Dadurch ergibt sich ein Bild aus stilistisch sehr unterschiedlichen Gebäuden und Gebäudeabschnitten auf engstem Raum. Die Kapelle ist ein in sich geschlossenes Einzelgebäude mit ursprünglich zwei Zugangsmöglichkeiten. Derzeit ist eine davon begehbar.

2.1. Außengelände und Umfeld

Der Bereich um die Kapelle ist ebenerdig begrünt. Ein gepflasterter Fußweg aus roten Ziegeln führt direkt auf den derzeitigen Haupteingang zu. Sitzbänke befinden sich in direkter Nähe beim Haupteingang zu Haus 1. Eine Statue der Heiligen Barbara ist in die Begrünung eingebettet. Außerhalb der Kapelle kann man das Umfeld derzeit als unruhig bezeichnen, da tagsüber mit Störungen durch Baulärm zu rechnen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Außengelände der KHK Bergmannsheil © Simone Lohmeier 2015

Die Kapelle ist von außen mit roten Blendziegeln verkleidet, was sie optisch von ihrem Umfeld stark abhebt. Sie ähnelt in ihrer Optik damit den Industriegebäuden des späten 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre.

2.2. Bauproblematik

Zum Zeitpunkt der Feldforschung fand in unmittelbarer Umgebung ein Bauprojekt statt. Haus 2, welches ursprünglich direkt baulich an die Kapelle angrenzte, wurde im Zuge eines Neuprojektes abgerissen. Dadurch wurde eine behindertengerechte Zugangsmöglichkeit, welche überdacht war und direkt von Haus 2 zur Kapelle führte, unzugänglich gemacht. Aus Sicherheitsgründen wurde der ehemalige Durchgang mit einer improvisierten Bretterwand gesperrt. Ebenfalls wurden die vormals vorhandenen Besuchertoiletten gesperrt, da sich hinter den Türen derzeit eine größere Ausschachtung befindet.

Der derzeit einzige Zugang ist der ehemalige Notausgang, welcher improvisiert beschildert wurde. Er besitzt keinen automatischen Türöffner, was die ursprünglich beabsichtigte Barrierefreiheit einschränkt.

2.3. St. Barbara

Barbara von Nikomedien wird im römisch-katholischen Glauben als Heilige verehrt. Ihr Martyrium wird im 3. Jahrhundert nach Christus verortet, ihre Existenz gilt jedoch nicht als historisch gesichert. Sie gilt unter anderem als Schutzpatronin der Bergleute und Artilleristen. In der Vergangenheit waren in Bergwerksstolen nicht selten Nischen oder kleine Schreine mit Abbildern der Heiligen zu finden. Ihre Verehrung ist ein fester Bestandteil des Brauchtums in Bergbauregionen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Sankt Barbara © Simone Lohmeier 2015

Die Statue der Heiligen Barbara ist linksseitig vom Fußweg in eine Grünfläche eingebettet. Die Installation besteht aus zwei Teilen: erstens einem rudimentär aus Stahlstreben dargestellten Förderturm, welcher sich hinter der Statue befindet und zweitens der Statue selbst. Die Statue ist so positioniert, dass der angedeutete Seilscheibenstuhl, der durch kreuzförmige Verstrebungen innen verstärkt wird, gleichzeitig als Heiligenschein wahrgenommen werden kann. Diese Ambiguität in der Wahrnehmung der beiden Elemente der Statue ist das einzige sakrale Merkmal. Die Installation ist in sich durch die Verwendung gradliniger Stahlelemente sehr schlicht gehalten. Ebenso fällt auf, dass die Statue selbst sehr minimalistisch wirkt. Sie besteht aus bildhauerisch bearbeitetem Gussbeton. Gliedmaßen, Gesichtszüge und körperliche Merkmale sind bestenfalls angedeutet; die in Heiligendarstellungen oft vorhandenen Insignien fehlen vollständig. Da jedoch der Turm das bekannteste Symbol der Heiligen Barbara ist (der aber in der Regel als Wachturm dargestellt wird), wurde dieses Element durch die Verwendung unterschiedlicher Materialien bei Statue und Turm und durch die räumliche Trennung gezielt optisch abgesetzt.

2.4. Gemeindeeinbettung

Durch die ökumenische Konzeption der Kapelle ist diese in mehrere Gemeinden eingebettet. Die katholische Seelsorge wird von Pfarrer Harald Kallweit gestellt, welcher auch die katholischen Gottesdienste sonntags morgens um 09:00 Uhr durchführt. Ökumenische Gottesdienste unter Leitung der evangelischen Kirche finden sonntags morgens um 10:30 Uhr statt. Die zuständige evangelische Pfarrerin ist Manuela Theile. An den Gemeindenachrichten beteiligen sich insgesamt fünf Institutionen: St. Meinolphus-Mauritius, St. Anna, St. Antonius, St. Marienstift und die Propstei St. Peter und Paul.

3. Innenraum

Betritt man vom Vorraum der Kapelle aus den Innenraum, fällt zunächst auf, dass es sich um einen einzelnen, sehr großzügig gestalteten Raum handelt, der keinerlei räumlich getrennte Nischen besitzt. Es sind zwar eine Ost- und Westnische vorhanden, diese sind jedoch baulich nicht abgetrennt. Jeder Bereich des Kapellenraums ist auf den ersten Blick einsehbar. Erst auf einen zweiten Blick war erkennbar, dass es einen angegliederten Wirtschaftsraum gibt (Teeküche und Aufenthaltsraum), dessen Zugang in die Buntglasgestaltung integriert ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Altarbereich © Simone Lohmeier 2015

Der Raum selbst wirkt sehr offen und geradlinig. Im Eingangsbereich finden sich ein Regal mit verschiedenen Schriftstücken der betreuenden Gemeinden und rechter Hand, nah am Eingang, die Orgel und eine offen zugängliche Bibel in der Einheitsübersetzung.

Geradeaus bis zur Altarerhöhung verbleibt der Raum frei. Das Kirchengestühl ist rechts und linksseitig des Altars in jeweils 3 Reihen angeordnet und bietet Platz für insgesamt 34 Besucher. Der Altar ist nach Norden ausgerichtet. Westlich und östlich des Altars befindet sich jeweils ein Bereich aus tragenden Wänden, der entsprechend bestimmter Parameter organisiert und dekoriert ist, was ich im Abschnitt „Diskursebenen“ näher erläutern werde.

3.1. Architektonische Einordnung

Die 1980er Jahre bedeuteten einen architektonischen Umbruch. Der in den 60er Jahren dominierende Stil des Brutalismus hatte seine Blütephase bereits überschritten, der Postmodernismus noch nicht begonnen. Oftmals wurden Gebäude in stilistischen Mischformen errichtet. Die in der Kapelle am deutlich sichtbarsten Stile sind der International Style durch die Verwendung von segmentartigen Elementen ohne regionale oder kulturelle Eigenheiten und der ausgehende Brutalismus durch die großflächige Verwendung von sichtbaren Betonelementen. Insgesamt wirkt das Gebäude sehr gradlinig, geometrisch und modern. Beton, Kalksandstein und Schiefer dominieren das Bild unter Verwendung weiterer Materialien in kleinerem Umfang.

3.2. Grundriss / Räumlichkeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Grundriss der Kapelle http://www.glasmalerei- ev.de/pages/b1534/b1534_g.jpg

Der Grundriss der Kapelle ist als symmetrischer achtstrahliger Stern konzipiert. Grundlage hierfür bilden zwei ineinander konstruierte Quadrate, welche gegeneinander um 45 Grad verdreht wurden. Das kleinere Quadrat hat eine Wandseitenlänge von 8,08 Metern, das größere eine Seitenlänge von 8,98 Metern. Von außen wirken die Sternspitzen absolut identisch. Die Unterschiede in der Größe sind der Dicke der Wand geschuldet und nur innen und bei exakter Messung wahrnehmbar. An der Fassade wechseln sich tragende Wände und Glasfassade regelmäßig ab.

Die Proportionen des Innenraums erwecken nicht den Eindruck, als sei es beabsichtigt, das Körpergefühl des Besuchers zu verändern, was die Wahrnehmung der eigenen Körpergröße angeht. Im Gegenteil ist das Raumgefühl eher von Harmonie geprägt. In der christlichen Symbolik steht die Zahl acht für Vollkommenheit3 während der Stern neben einer Vielzahl von möglichen symbolischen Verwendungen im Christentum unter anderem als Repräsentation für Jesus Christus selbst verstanden wird4. Der Raum ist für eine Kapelle großzügig gestaltet, was vermutlich der Größe des Krankenhauses selbst geschuldet ist. Alle Bereiche sind ebenerdig oder höchstens – wie im Falle der Altarerhöhung – durch eine einzelne Stufe begehbar. Es ist ausreichend Platz vorhanden, um alle Bereiche auch mit Gehhilfen oder Rollstuhl zu erreichen. Das Kirchengestühl besteht aus einzelnen Stühlen, die jederzeit umgeräumt werden können.

Da der Raum durch seinen sternförmigen Grundriss keine lineare Bewegungsführung fordert und auch keine Dekorationen angebracht sind (wie z.B. ein Kreuzweg oder Säulen), die eine gezielte Bewegungslenkung verursachen, betritt der Besucher den Raum, ohne vorerst in eine bestimmte Richtung gezogen zu werden. Allein die Linien aus eingelegtem Marmor im Bodenbelag legen subtil nahe, dass es eine Raumaufteilung gibt. Die natürlichsten Bewegungsrichtungen hier sind:

- Auf das links- oder rechtseitige Gestühl zu
- Direkt auf den Altar zu
- Westnische, Fürbittenbuch und Opferstock
- Ostnische, Tabernakel und Ikonenmalerei

Alle anderen zugänglichen Bereiche laden eher nicht zum Verweilen ein, da sie zu Funktionsbereichen wie der Orgel oder der Teeküche führen. Die Regale mit den Schriftstücken sind im Eingangsbereich zwar gut einsehbar, aber eher am Rand des Blickwinkels angebracht – sie wirken beim Verlassen der Kapelle einladender als beim Betreten.

Insgesamt konnten drei Besucher während des Forschungszeitraumes beobachtet werden. Zwei davon strebten gezielt auf die Bestuhlung der Westnische zu um dort eine Weile zu verweilen und zu beten. Eine ältere Dame, mit der später ein kurzes Gespräch zustande kam, ging gezielt zum Opferstock der Westnische, um dort Materialien aus der Regalauslage zu bezahlen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Artikel 141, WRV: „Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.“

2 Artikel 137 (2) WRV

3 Forstner, Dorothea: Die Welt der Christlichen Symbole, 3. Aufl., Innsbruck, Wien, München: Tyrolia-Verlag 1977, S. 54.

4 Forstner: Die Welt der Christlichen Symbole, 103.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Krankenhauskapelle Bergmannsheil. Analyse der innerräumlichen Diskurse
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (CERES)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V464272
ISBN (eBook)
9783668932661
ISBN (Buch)
9783668932678
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapelle, Bergmannsheil, Ökumene, Sakralarchitektur
Arbeit zitieren
Simone Lohmeier (Autor), 2016, Die Krankenhauskapelle Bergmannsheil. Analyse der innerräumlichen Diskurse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464272

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