Das Böse als personifizierte Kraft ist in allen abrahamitischen Religionen bekannt. Während das Judentum zwar schon in frühen Quellen über dämonologische Ausarbeitungen verfügt, wird der Satansbegriff im Alten Testament noch vielseitig und nicht zwingend religiös belegt verwendet und findet selten eine direkte Erwähnung. Apokryphe Quellen und spätere christliche Lehren hingegen haben dieses Bild weiterentwickelt und den Luzifer-Mythos geschaffen. Diese narrative Figur ist im Islam unter dem Namen Iblis bekannt und bereits mehrfach im Koran erwähnt. In dieser Arbeit sollen nicht nur die Grundzüge des im Islam beschriebenen Iblis vorgestellt werden; vielmehr ist es die Absicht der Autorin, seine spezifische Rolle in der islamischen Mystik, dem Sufismus zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Iblis – Grundlagen und erste Quellen
2.1. Iblis im Koran
2.2. Iblis in den Ahadith
2.3. Die Rolle des Iblis im Islam
3. Iblis im Sufismus
3.1. Iblis als Teil des Menschen selbst
3.2. Das Eingreifen des Iblis in das menschliche Handeln
3.3. Iblis als Sünder: Stolz und Ungehorsam
3.4. Iblis als Modellcharakter des Mystikers
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifische Rolle der Figur des Iblis innerhalb der islamischen Mystik, dem Sufismus, und analysiert dabei sowohl dessen Verständnis als eigenständiges Wesen als auch als internalisierter Bestandteil der menschlichen Psyche.
- Grundlagen und koranische sowie hadithische Darstellung der Figur Iblis
- Wahrnehmung von Iblis als Teil des Menschen (nafs)
- Mechanismen der Einflussnahme von Iblis auf das menschliche Handeln
- Reinterpretation von Iblis als Modellcharakter und Monotheist in sufischen Strömungen
Auszug aus dem Buch
3.1. Iblis als Teil des Menschen selbst
Es ist weniger die Herkunft des Iblis, seine genaue Zuordnung innerhalb der göttlichen Schöpfung oder seine Geschichte, mit der sich die sufischen Gelehrten auseinandersetzen; die Beziehung des Iblis zum Menschen hingegen wird zu einer primären Fragestellung erhoben. Dabei unterteilt sich die Wahrnehmung des Iblis in zwei Hauptaspekte: einerseits seine Existenz als ein reales, eigenständiges Wesen, welches die Fähigkeit hat, durch verschiedene Kanäle zu einem festen Bestandteil des Menschen selbst zu werden, andererseits jedoch ebenfalls seine ursprüngliche Natur als vorausgesetzter Bestandteil der menschlichen Psyche und Seele seit Adams und Evas Vertreibung aus dem Paradies. Diese Unterscheidung hat zur Konsequenz, dass die Empfehlungen der Gelehrten ebenfalls verschiedene Methoden zur Abwehr dieser Inbesitznahme enthalten.
Diese Lehren basieren im Grundsatz auf Ableitungen aus den Ahadith. So findet sich bei Ahl eine angeführte Hadith-Passage, welche beschreibt, dass jedem Menschen – inklusive des Propheten – ein eigener shaitan zugewiesen sei. Jedoch findet sich an anderer Stelle eine besonders häufig zitierte Zeile:
„It is plain that for the Sufis Eblīs, as the agent of temptation, has a real existence external to man. Many of his characteristics are, however, identical with those of the nafs, the unredeemed self, and certain utterances of the Sufis suggest that Eblīs is indistinguishable from the sinful inclinations of man and is therefore internal to him. Thus Najm-al-Dīn Kobrā says, “Know that the nafs, Satan and angels are not things external to you; rather you are they. ...” (Die Fawaʾeḥ al–jamāl, p. 32), and human shortcomings such as egoism were seen by Bahāʾ-al-Dīn Walad as equivalent to Eblīs (Maʿāref, p. 364). The perspectives of externality and internality are, however, ultimately reconcilable in view of the hadith, frequently quoted by Sufis, that “Satan flows in man’s bloodstream” (Boḵārī, IV, p. 150).“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung verortet das Konzept des Bösen im abrahamitischen Kontext und formuliert das Ziel der Arbeit, die Rolle des Iblis speziell im Sufismus zu beleuchten.
2. Iblis – Grundlagen und erste Quellen: Dieses Kapitel analysiert die koranischen Grundlagen sowie die Erwähnungen in den Ahadith und untersucht die theologischen Debatten um die Natur des Iblis als Engel oder Djinn.
3. Iblis im Sufismus: Der Hauptteil differenziert zwischen Iblis als externalem Wesen und als internalisiertem Anteil der menschlichen Seele und beleuchtet dessen Funktion als Verführer sowie als mystischen Modellcharakter.
4. Fazit: Die Zusammenfassung resümiert die vielfältige, aber nicht abschließende Auseinandersetzung des Sufismus mit Iblis und hebt die Bedeutung des Themas für die mystische Praxis hervor.
Schlüsselwörter
Iblis, Sufismus, islamische Mystik, Koran, Ahadith, Satan, nafs, Triebseele, Gehorsam, Stolz, Monotheismus, al-Hallaj, Erlösung, Theodizee, spirituelle Praxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle und Deutung der Figur des Iblis innerhalb der islamischen Mystik (Sufismus) auf Basis religiöser Quellen und gelehrter Interpretationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Ambivalenz des Iblis, seine Beziehung zum Menschen als externaler Verführer oder internalisierte Triebseele (nafs) sowie seine Rolle als provokanter Modellcharakter.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Analyse, wie der Sufismus das Bild des Iblis über die standardisierten Erzählungen des Ungehorsams hinaus in seine spirituelle Psychologie integriert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, primär basierend auf koranischen Texten, Ahadith-Sammlungen und der Forschungsliteratur von Experten wie Peter J. Awn.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Dualität des Iblis, sein Einfluss auf menschliche Handlungen, seine Rolle als Symbol für Stolz und Egoismus sowie die radikalen Reinterpretationen als „wahrer Monotheist“ diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Iblis, Sufismus, nafs, spirituelle Reinheit, Stolz, göttliche Liebe und mystische Modellbildung geprägt.
Was bedeutet Iblis als "wahrer Monotheist" im Sufismus?
Einige sufische Denker wie al-Hallaj interpretierten Iblis’ Weigerung, sich vor Adam zu verbeugen, als Beweis seiner unerschütterlichen Liebe zu Gott, da er sich weigerte, einem anderen als Allah zu huldigen.
Wie unterscheidet der Sufismus zwischen dem Iblis als Wesen und als Teil des Menschen?
Der Sufismus erkennt Iblis sowohl als eigenständiges, vom Menschen getrenntes Wesen an, als auch als Entsprechung zur menschlichen Triebseele (nafs), wobei beide Ebenen durch spirituelle Praxis adressiert werden müssen.
Welche Rolle spielen Träume und Bazaare bei der Einflussnahme des Iblis?
Die Arbeit führt aus, dass sufische Traditionen Iblis als Verführer im Schlaf und im Wirtschaftsleben (Marktplätze) sehen, da diese Bereiche als Orte der Ablenkung und der menschlichen Gier gelten.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Forschungslage?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Thema noch nicht abschließend bearbeitet ist und insbesondere die großen Ahadith-Sammlungen aufgrund fehlender Themenindizes eine systematische Forschung erschweren.
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- Simone Lohmeier (Author), 2017, Die Rolle des Iblis im Sufismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464274