Kriemhilts Übermuot im "Rosengarten zu Worms"

Analyse der Strophen 169-188


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Übersetzung Der Rosengarten zu Worms Strophe 169 – 188

2. Einordnung/ Erläuterung der Strophen 169 – 188

3. Interpretation der Strophen 169 - 188
3.1 Übermuot – Der Begriff
3.2 Judith Klinger – Kriemhilds Rosen
3.3 Bedeutung des Übermuotes für den weiteren Textverlauf
3.4 Kriemhilts Charakterisierung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Übersetzung Der Rosengarten zu Worms Strophe 169 – 188

169 Sie [Kriemhilt] sagte: „Lieber Vater, hast du nicht gehört,
dass der edle Fürst von Bern im Land angekommen ist?
Reite ihm entgegen, das gehört sich so,
mit einigen Rittern, wie du sie reichlich hast.“

170 „Du hast mir das Richtige geraten, meine liebe Tochter.
Fünfhundert tapfere Ritter sollen sofort bereitstehen,
gekleidet in besonders edlen purpurroten Gewändern, wie wir sie reichlich haben.
Wir wollen Herrn von Bern unsere Pracht nicht vorenthalten.“

171 Nun war der König Gibeche so voller Ehre.
Fünfhundert edle Ritter wurden sofort bereitgestellt,
gekleidet in Purpurrot und Hermelin, was den großen Reichtum zeigte.
Sie empfingen Herrn von Bern und alle seine Männer angemessen.

172 Er [König Gibeche] empfing Herr Dietrich von Bern mit offenen Armen,
wodurch König Gibeche sehr großzügig wirkte.
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173 Da sprach der Herr von Bern: „Wir müssen euer Gespött sein,
dass wir wegen Rosen an den Rhein gekommen sind
und wegen einem solchen Ereignis kämpfen.
Das mache ich mit Stolz, für eure Tochter Kriemhilt.

174 Dass sie gegenüber edlen Kämpfern so betrügerisch sein muss!
Warum lasst ihr ihr ihren Willen? Zu was habt ihr sie erzogen?
Wollt ihr ihr auf diese Weise Folge leisten, so werdet ihr einige Männer einbüßen
und zuletzt wird es auch an euer Leben gehen.“

175 „Sie kann es schaffen, denn sie hat viele Krieger,
die alle gerne kämpfen. Wettkämpfe sind ihr Vergnügen.
Das lässt sie sich durch niemanden und von keiner Hand verbieten.
Sobald sie kämpfen dürfen, sind sie glücklich.“

176 Da sagte der Berner: „Ihr habt viele tapfere/ starke Kämpfer,
wodurch ihr alle anderen Könige wegen eures Übermuts beleidigt.
Ich muss auch unter meinen Männern beweisen, ob ich irgendwelche Kämpfer habe.
Ihr redet so, als ob keiner von uns gewinnen kann.

177 Da begaben sich die Wülfinge nach Worms auf das Feld.
Für Herrn von Bern schlug man einige prächtige Zelte auf.
Die stolzen Nibelungen mussten indes zugeben,
dass sie solche herrlichen Zelten nie wiedergesehen hatten.

178 Kriemhilt, die Königin, vergaß nie ihren Stolz.
Sie sprach zu ihren Jungfrauen: „Richtet euch besser schön her.
Ich muss zu Herrn von Bern auf das grüne Feld,
denn ich will ihn und alle seine Männer empfangen.“

179 Da waren einige schöne Frauen prachtvoll geschmückt.
Und manche schöne Jungfrau, erzählte man sich,
war mit leuchtendem Gold und Edelsteinen geschmückt.
Dreihundert Frauen standen vor der Königin.

180 Die ehrenvolle Königin war prächtig geschmückt:
Man setzte ihr eine edle Krone auf den Kopf,
die von Gold und Edelsteinen leuchtete.
Da sagte Wolfhart, der Mutige: „Ich sehe die Königin herkommen.

181 Durch ihren großen Hochmut bin ich ihr nicht zugetan.
Sie glaubt, wir haben noch nie Edelsteine und Gold gesehen.
Würde ich ihr nahekommen, gäbe ich ihr eine Ohrfeige (Backenstreich),
damit sie sich für immer an mich erinnern würde.“

182 Da sagte Hiltebrant, der Weise: „Nein, sei nicht zornig.
Würdest du die Königin schlagen, wäre deine Ehre verloren.
Räche dich an ihren Kämpfern, sie hat dir nichts getan,
dann wird man dich als Ehrenmann ansehen.“

183 Da sprach der Herr von Bern: „Ihr hochgeachteten Kämpfer,
wenn ihr die Frauen mit Anstand behandelt,
wird euch auch die Königin freundlich behandeln.
Sie soll nicht glauben, dass wir Narren sind.“

184 Das gelobten ihm die Kämpfer. Sie waren zuversichtlich.
Da kamen die Königin und einige schöne Jungfrauen:
„Seid willkommen, Herr von Bern, berühmter Fürst
und alle diese Herren, deren Namen ich nicht kenne.

185 Ich höre seit deiner Kindheit viele Lieder und Geschichten über dich.
Du hättest in dieser Zeit viele Kämpfer besiegt.
Es erfüllt mich mit Freude,
dass ihr der Tapferste aller Fürsten seid“, sagte die Königin.

186 „Ich bin nicht der Tapferste, edelste Königin,
genauso will ich unter den Kämpfern auch nicht der Beste sein.
Jeden, der nicht so denkt, bedauere ich.
Euer Hochmut wird so manchem Ritter Unheil bringen.“

187 So sagte Herr von Bern, der mutige Held:
„Ich bin durch kämpferische Herausforderung in dieses Land gekommen.
Ihr seht gerne den Kämpfern dabei zu, wie sie unerschrocken töten.
Ich will euch ungern bitten, königlichste Jungfrau.

188 Ihr erbietet euren Trotz mir und meinen Männern,
aber wir werden euch niemals etwas zu Leide tun.
Eher dass ich das ertragen würde, das will ich euch sagen,
würden ich und meine Kämpfer lieber getötet werden.

2. Einordnung/ Erläuterung der Strophen 169 – 188

In den Strophen 169 bis 188 von „Der Rosengarten zu Worms“, welche im Folgenden eingeordnet und erläutert werden sollen, tauchen fünf Personen namentlich auf, welche näher erläutert werden sollten.

Die wahrscheinlich wichtigste Figur dieser Textstelle ist Dietrich von Bern. Er kommt aus der Stadt Bern, welche heutzutage als Verona bekannt ist, um im Rosengarten zum Kampf anzutreten. Im finalen Kampf gewinnt er zwar gegen Sîvrit1, doch was in der Textstelle deutlich wird, ist, dass er anfangs nicht viel von Kriemhilts Vorhaben hält. Wie er sagt: „Euer Hochmut wird so manchem Ritter Unheil bringen“2, missfällt ihm Kriemhilts Hochmut, denn er sieht die Kämpfe nicht als Vergnügen, wie es Kriemhilt tut (RG 175), sondern fürchtet dadurch Schaden und den Verlust vieler Leben.

Kriemhilt ist die Tochter des Königs von Worms. Sie zählt zu einer der zentralen Figuren des Rosengartens, denn sie ist der Auslöser, der zu den Kämpfen im Rosengarten führt, da sie ihren Verlobten Sîvrit gegen Dietrich von Bern antreten lassen möchte. Im entscheidenden Kampf tritt sie dazwischen, um Sîvrit das Leben zu retten.3

Kriemhilt wird oft bereits Königin genannt, obwohl dies offiziell noch nicht der Fall ist.

Vermutlich hat dies aber etwas damit zu tun, dass sie bereits so viel Macht am Hof hat und alle auf ihre Anweisungen hören.

Ihr Vater König Gibeche ist der König von Worms, welches am Rhein liegt. Er selbst tritt ebenfalls zum Kampf an, wird aber von seinem Gegner Hiltebrant besiegt.4

Hiltebrant ist auf Seiten der Berner. Er ist Begleiter und treuer Berater Dietrichs, weshalb er wahrscheinlich in Strophe 182 auch der Weise genannt wird. Im Rosengarten tritt er, wie bereits erwähnt, gegen König Gibeche höchstpersönlich an und gewinnt das Duell. Er ist außerdem Wolfharts Onkel.5

Wolfhart, der in Strophe 180 auch der Mutige genannt wird, ist ebenfalls einer von Dietrichs Männern. Er kämpft gegen den Riesen Pûsolt und gewinnt diesen Kampf ebenfalls.6

In der besagten Textstelle wird Dietrich von Bern mit seinen Männern, unter anderem Hiltebrant und Wolfhart, am Hof des Königs von Worms empfangen. Kurz zuvor hatten die Berner die Nachricht von Kriemhilt erhalten, sich für die Kämpfe im Rosengarten nach Worms zu begeben und sich somit entschieden, in den Kampf zu ziehen. Die Berner werden mit großem Aufwand begrüßt. Dietrich appelliert in einem Gespräch an Gibeche, wie er es so weit kommen lassen konnte, dass Kriemhilt die Kämpfe im Rosengarten stattfinden lassen darf. Doch dieser erwidert, dass keiner seine Tochter hätte stoppen können (RG 174). Auch hier wird wieder deutlich, dass Dietrich Kriemhilts Charakter missfällt und er ihr Vorhaben nicht unterstützt. Doch Kriemhilts Übermut lässt sich auch durch ihren Vater nicht zähmen.

Schließlich begrüßt auch Kriemhilt die Männer, welche jedoch alle nicht viel Wert auf sie legen. Wolfhart will ihr sogar eine Ohrfeige verpassen, wird aber von Dietrich davon abgehalten (RG 181).

Kriemhilt lobt Dietrich in den höchsten Tönen, doch er selbst widerspricht ihr. Er sieht sich nicht als einer der besten Kämpfer. Auf die Textstelle folgt zunächst eine Zeit des Friedens, denn Kriemhilt gewährt den Bernern nach ihrer Reise zehn Tage der Ruhe. Am zehnten Tag jedoch beginnen die Kämpfe im Rosengarten, bei denen jeweils ein Wormser gegen einen Berner antritt und der Gewinner mit einem Kuss Kriemhilts und einem Rosenkranz belohnt wird.

Die zentralen Themen der Textstelle bilden die Begrüßung der Berner, die Macht und der Reichtum, welche durch die prachtvolle und pompöse Begrüßung auf Seitens Gibeche und Kriemhilt zur Schau gestellt wird und die Diskussion über die Moral der Kämpfe, denn Dietrich und die Berner zweifeln am Sinn Kriemhilts Entscheidung und sind entsetzt über ihre Freude an den Kämpfen und dem Töten unschuldiger Männer. Der Aspekt, welcher immer wieder auftaucht und in dieser Textstelle zum ersten Mal erwähnt wird, ist Kriemhilts Übermuot. Im Folgenden soll dieser Charakterzug näher betrachtet werden, wobei vor allem auf die Frage nach der Bedeutung für den weiteren Textverlauf des Rosengartens und Kriemhilts Charakterisierung Wert gelegt wird.

3. Interpretation der Strophen 169 - 188

„Übermut tut selten gut“ ist ein altes Sprichwort. Diese Worte können als Moral des Rosengartens angesehen werden, in dem der Übermuot Kriemhilts eine entscheidende Rolle spielt. Wie es das Sprichwort besagt, steht die Charaktereigenschaft Übermut oder Übermuot, wie es im Mittelhochdeutschen heißt, eher in einem negativen Licht. Auch der Übermuot Kriemhilts bringt Unheil über das Wormser Königreich und den Rosengarten Kriemhilts.

Im Folgenden soll dieser Aspekt näher betrachtet werden. Der Fokus der Arbeit soll dabei auf die Fragen nach der Bedeutung des Übermuots Kriemhilts für den Handlungsverlauf des Rosengartens und der Funktion für Kriemhilts Charakterisierung gelegt werden. Zunächst wird jedoch der Begriff Übermuot und dessen Bedeutungswandel geklärt. In einem Fazit sollen schließlich die Ergebnisse zusammengefasst und die Fragen bestmöglich beantwortet werden.

3.1 Übermuot – Der Begriff

Im Mittelhochdeutschen tragen viele Wörter eine andere Bedeutung als im Neuhochdeutschen. Was wir heute als Übermut bezeichnen ist nicht exakt dasselbe, was damals mit dem Begriff Übermuot gemeint war.

Im aktuellen Duden online heißt es: „1. Ausgelassene Fröhlichkeit, die sich in leichtsinnigem, mutwilligem Verhalten ausdrückt, 2. (veraltend) Selbstüberschätzung zum Nachteil anderer“7. Wie hier bereits deutlich gemacht wird, variiert die heutige und die veraltete Bedeutung des Wortes. Die erste und moderne Bedeutung steht dabei in einem positiveren Licht als die veraltete, wobei auch der Aspekt des Leichtsinns in der heutigen Definition eine eher negative Eigenschaft daraus macht. Letztere Bedeutung stimmt überein mit Beate Hennigs Definition des Übermuots: „Hochmut, Überheblichkeit, Vermessenheit“8. Dies ist die Bedeutung, welche Kriemhilts Übermuot im Rosengarten trägt. Kriemhilt wirkt oft überheblich, sieht sich selbst als etwas Besseres. Gerade diese falsche Selbsteinschätzung bzw. Überschätzung macht Übermuot zu einer problematischen Charaktereigenschaft. Vor allem aber bildet Kriemhilts Übermuo t den Hintergrund der Kämpfe. Sie setzt das Leben der Männer aufs Spiel, um für sich selbst einen Vorteil zu gewinnen und nimmt dabei keine Rücksicht auf das Leid anderer. Für die Männer gibt es als Belohnung Küsse von Kriemhilt persönlich und Rosenkränze, was im Vergleich zu dem Leid, welches sie ertragen müssen, gar lächerlich erscheint. Der Übermut Kriemhilts zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung des Rosengartens. In der ausgewählten Textstelle wird dieser Charakterzug das erste Mal von Dietrich und seinen Männern angesprochen und bewertet. Doch auch im weiteren Verlauf beeinflusst dieser Charakterzug Kriemhilts die Handlungen und Geschehnisse im Rosengarten.

[...]


1 George T. Gillespie, A catalogue of persons named in german heroic literature. Oxford 1973, S. 27.

2 Die Gedichte vom Rosengarten zu Worms (A), hg. Georg Holz, Halle/Saale 1893, Strophe 186. Wird im Folgenden mit RG und der entsprechenden Strophenzahl abgekürzt.

3 Gillespie, A catalogue of persons, a.a.O., S. 19.

4 Ebd., S. 51.

5 Ebd., S. 75.

6 Ebd., S. 151.

7 Duden online, Stand: 20.02.2017

8 Beate Hennig, Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Nördlingen 2014, S. 335.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kriemhilts Übermuot im "Rosengarten zu Worms"
Untertitel
Analyse der Strophen 169-188
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
German literature
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V464327
ISBN (eBook)
9783668928640
ISBN (Buch)
9783668928657
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriemhilts, übermuot, rosengarten, worms, analyse, strophen
Arbeit zitieren
Julia Straub (Autor), 2017, Kriemhilts Übermuot im "Rosengarten zu Worms", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464327

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