St. Pauli genießt den Ruf eines Amüsierviertels, der Prostitution, der Armut und der Gefahr, aber auch der Heterogenität, Toleranz und Vielfalt. Der Begriff St. Pauli wird selten ohne Wertung genannt. Mit dem Viertel wird einerseits sozialer Abstieg, aber auch Lebensqualität verbunden.
"Ort und Identität im Hamburger Hafenviertel St. Pauli - Die Talstraße" ist der sehr persönlich gehaltene Bericht eines ethnologischen Feldforschungspraktikums für die Universität Hamburg. Ich führte es im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft im September/Oktober 2002 und Februar/März 2003 in dem Hamburger Hafenviertel St. Pauli durch. Der Text, fertiggestellt im August 2003, stellt zum einen den Forschungsprozess einer kleinrahmigen, ethnologischen Feldstudie aus studentischer Sicht dar, zum anderen gibt die Verbindungen von Ort und Identität am Beispiel einer Straße auf dem Hamburger Kiez wieder.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Teil I – Die Vorbereitungen
I.1. Vorbereitungen: St. Pauli statt Amazonas – Von Tagträumen zum Feldforschungspraktikum
I.2. Vorgedanken zur Forschung in der eigenen Stadt
I.3. Die St. Pauli AG
I.4. Thema und Themenfindungsprozess
I.4.1. Zur Wahl der InformantInnen – Anmerkungen zur Talstraße
I.5. Zur Auswahl der Methoden und Vorgehensweisen
I.6. Arbeitsbegriffe im Rahmen des Feldforschungspraktikums
Teil II – St. Pauli: Wohnviertel, Amüsiermeile und ethnologisches Forschungsfeld
II.1. Zur Geschichte St. Paulis
II.2. Die Straße als Forschungsschwerpunkt
II.3. Zwei Wahrnehmungsspaziergänge durch die Talstraße
II.4. Das Problem, InformantInnen zu finden
II.4.1. Der „indirekte“ Weg
II.4.2. Der „direkte“ Weg
II.4.3. Bürokratie und Feldforschung
II.5. Zur Auswahl der InformantInnen
II.5. 1. InformantInnenaufstellung
II.5.2. Nicht aufgeführte InformantInnen
Teil III – Auswertung
III.1. Materialaufstellung
III.2. Die Durchführung der Methoden: Vorgehen, Resultatbeispiele und Reflexion
III.2.1. Interviews
III.2.1.1. Grand-Tour Interviews
III.2.1.2. Leitfragengestützte Interviews
III.2.3. Atlas ti
III.2.4. Schlagwortsortierungen
III.2.5. Mental Maps
III.2.6. Teilnehmende Beobachtung
III.2.7. Wahrnehmungsspaziergänge
Teil IV - Forschungsergebnisse
IV.1. Warum St. Pauli? - „…hier ist keine heile Welt!“
IV.2. Eigenschaften St. Paulis und der PaulianerInnen: Der Titel „Paulianer“
IV.3. Selbst- und Fremdzuschreibungen in Konflikt: Ruf und Mythos St. Paulis
IV.3.1. Der Mythos in Hinblick auf Prostitution & Gefahr: Realität und Klischees
IV.4. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold –Erwünschtes Verhalten auf St. Pauli
IV.5. Der Unterschied als Gemeinsamkeit – Oberfläche und Untertöne St. Paulis
IV.6. Zur Datenauswertung und dem Berichtschreiben – Reflexion
Forschen in der eigenen Stadt - Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die komplexen Wechselbeziehungen zwischen dem räumlichen Kontext und der Identitätsbildung im Hamburger Hafenviertel St. Pauli, insbesondere anhand des Straßenzuges der Talstraße, ethnologisch zu untersuchen und zu analysieren.
- Konstruktion lokaler Identität und Ortsbezogenheit
- Die Talstraße als heterogener Forschungsraum
- Selbst- und Fremdzuschreibungen im Kontext von Mythos und Ruf
- Die Bedeutung von Nachbarschaftlichkeit und Sicherheit
- Methoden der qualitativen Stadtforschung in der eigenen Stadt
Auszug aus dem Buch
NACHMITTAG
Es ist heiß in Hamburg, mehr als 30 Grad und die Stadt scheint zu ruhen. Auch in den Straßen St. Paulis staut sich die Hitze. Der untere Abschnitt der Talstraße ist durch den Schatten einiger Bäume noch relativ kühl, aber sobald ich die Simon-von-Utrecht überquert habe, ist die Hitze wieder da. Auf der rechten Seite, zur Schmuckstraße hin, sitzen einige der „Alkis“ an die Litfasssäule gelehnt – die Gesichter rot von Sonne und Alkohol. Ein leichter Müllgeruch kommt mir entgegen, wenn sich die Luft doch ein wenig bewegt. Die Türen einiger Geschäfte stehen offen, BesitzerInnen nicken mir zu, während sie in den Eingängen stehen, sich leise unterhalten, lachen oder doch nur träge vor sich hin stieren […]
Vor der lokalen Kneipe sitzen auf rustikal-spießigen Holzstühlen Männergruppen und trinken Bier. Mittelalte, für mich normalbürgerlich wirkende Männer an dem einen Tisch, ein Mix aus Jüngeren und einigen Transis an dem anderen - hin und wieder werden zwischen den Tischen Worte gewechselt und Sprüche ausgetauscht. Man scheint sich zu kennen [ …]
Auf einmal wird es lauter, eine Frau ruft vom Balkon herunter, das Essen sei fertig. Niemand reagiert. Kurz darauf erscheint ein Junge von ca. 9 Jahren und will einen Mann anscheinend abholen – doch der möchte nicht, er wird laut: „Ich esse wann ich will, ich will in Ruhe mein Bier trinken, mir befiehlt keiner…!!!“ Immer mehr steigert er sich in seine Tiraden hinein. Sein Tischnachbar beschwichtigt ihn mit einem „Sie meint es doch nur gut!“ Der Junge verschwindet, Ruhe kehrt ein. Eine offensichtlich sehr junge Hochschwangere im Jogginganzug erscheint, wechselt ein paar Worte. Sie geht. Die Männer trinken weiter, kommentieren die Schwangerschaft der Frau. Vom Balkon hört man Geschirrgeklapper, eine Kinderstimme und Essensgerüche wehen herüber.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Beschreibung des Forschungsrahmens des Praktikums sowie der Zielsetzung, Zusammenhänge von Raum und Identität in St. Pauli zu untersuchen.
Teil I – Die Vorbereitungen: Darlegung der theoretischen Vorüberlegungen, der Themenfindung und der Auswahl der ethnologischen Methoden innerhalb der Arbeitsgemeinschaft.
Teil II – St. Pauli: Wohnviertel, Amüsiermeile und ethnologisches Forschungsfeld: Historische Einordnung des Stadtteils und detaillierte Beschreibung der Talstraße als zentralem Untersuchungsort.
Teil III – Auswertung: Detaillierte Darstellung des Auswertungsprozesses, unterteilt nach den angewandten qualitativen Methoden wie Interviews, Mental Maps und Beobachtungen.
Teil IV - Forschungsergebnisse: Analyse der empirischen Daten zu Identitätskonzepten, dem Mythos St. Pauli sowie den gelebten Verhaltensmustern der BewohnerInnen.
Forschen in der eigenen Stadt - Schlussbemerkung: Reflexion über die methodischen Herausforderungen und die persönliche Erfahrung ethnologischer Forschung im eigenen Lebensumfeld.
Schlüsselwörter
St. Pauli, Ethnologie, Feldforschung, Talstraße, Identität, Raumwahrnehmung, Community Studies, Stadtforschung, Mental Maps, qualitative Interviews, Nachbarschaft, Mythos, Gentrification, Heterogenität, Sozialraum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser ethnologischen Arbeit?
Die Arbeit dokumentiert ein Feldforschungspraktikum in Hamburg St. Pauli, bei dem die komplexen Zusammenhänge zwischen urbanem Raum und individueller Identität untersucht wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Forschung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Ortsbezogenheit, der Mythos des Stadtteils, gelebte Nachbarschaftlichkeit sowie die Abgrenzungsmechanismen zwischen verschiedenen Akteursgruppen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, wie BewohnerInnen und dort Beschäftigte den Raum St. Pauli in ihre eigene Identität integrieren und wie dies auf engem Raum trotz großer Heterogenität funktioniert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine qualitative ethnologische Untersuchung. Zum Einsatz kamen unter anderem leitfadengestützte Interviews, Grand-Tour-Interviews, Mental Maps, Pilesortierungen sowie teilnehmende Beobachtungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorbereitung im Feld, die Beschreibung von St. Pauli als Sozialraum, die methodische Auswertung der gewonnenen Daten und die abschließende Darstellung der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: St. Pauli, Ethnologie, Feldforschung, Identität, Raumwahrnehmung, Nachbarschaft und Mythos.
Warum spielt die Talstraße eine so zentrale Rolle für die Autorin?
Die Autorin wählte die Talstraße als geographischen Schwerpunkt, da sie als hochgradig heterogener Raum viele gegensätzliche Eigenschaften St. Paulis auf engstem Raum widerspiegelt.
Wie definiert die Arbeit den Begriff des „Paulianers“?
Der Begriff wird nicht als fester Titel verstanden, sondern als ein prozesshaftes Konzept, das stark an lange Wohnzeit im Viertel und eine spezifische Haltung gegenüber dem lokalen Milieu geknüpft ist.
Welchen Einfluss hatte der Mythos St. Pauli auf die Forschung?
Der Mythos fungiert als ständig präsente Kulisse, mit der sich die Befragten auseinandersetzen, ihn jedoch meist als ein von außen (Medien/Tourismus) konstruiertes Bild distanziert betrachten.
- Quote paper
- Julia Dombrowski (Author), 2004, Ort und Identität im Hamburger Hafenviertel St. Pauli - Die Talstraße, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46471