Konversion im Englischen. Strukturelle und kognitive Modellierungen im Überblick

Zur Bildung morphologisch komplexer Worte


Bachelorarbeit, 2018
35 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Konversion im Englischen
2.1 Herkunft des Begriffes
2.2 Definition(en)
2.3 Historische Ursachen der Konversion
2.4 Haupttypen der Konversion
2.5 Semantische Betrachtung von Konversion

3 Modellierungsansätze aus struktureller Sicht
3.1 Traditionelle Perspektive
3.1.1 Nullmorpheme
3.1.2 Analogie zur Suffigierung
3.1.3 Marchands Wortbildungssyntagmen
3.1.4 Syntaktische Transposition und partielle Konversion
3.2 Syntaktische Perspektive
3.2.1 Wortbildung und Syntax
3.2.2 Der Wortsyntax-Ansatz
3.2.3 Konversion als Inkorporation

4 Modellierungsansätze aus der kognitiven Perspektive
4.1 Grammatische Unbestimmtheit
4.1.1 Allgemeine Eigenschaften der N/V-Alternationen nach Farrell
4.1.2 Farrells Analyse von N/V-Alternationen
4.2 Metonymie
4.2.1 Kognitive Linguistik
4.2.2 Metonymie und Konversion

5 Diskussion der Theorien
5.1 Morphologisch vs. syntaktisch
5.2 Kognitiv

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Neben den typischen morphematischen Wortbildungsverfahren, wie Komposition, Präfigierung und Suffigierung, gibt es noch andere Wege, morphologisch komplexe Wörter zu bilden. Die Sprecher im Englischen benutzen z.B. das Substantiv water auch als Verb, wie in John waters his flowers every day (Beispiel aus Plag 2018, S. 12). Dieser Prozess wird als Konversion (engl. conversion) bezeichnet. In der englischen Alltagssprache werden Wörter wie Google oder access mit Leichtigkeit sowohl als Verben als auch als Substantive verwendet. Es ist ein augenscheinlich einfaches Sprachphänomen, das zu dem sehr produktiv eingesetzt wird (vgl. Schönefeld 2005, S. 132). Es dient zur Wortschatzerweiterung, aber vor allem zur Bildung von Verben. Das Beispiel lässt erkennen, dass die Wortklasse ohne eine Veränderung an der morphologischen Form geändert wird. Bei den typischen morphematischen Wortbildungsmustern werden hingegen Basen und Affixe wie in einer Kette zusammengefügt, um ein neues Lexem zu bilden, wie z. B. das suffigierte Wort development (aus develop und dem Morphem - ment). Die Morphologie befasst sich mit der Analyse und der internen Zusammensetzung von Wörtern in ihren kleinsten bedeutungstragenden Elementen. Sie wird in die Flexionsmorphologie und in die Derivationsmorphologie, auch Wortbildung genannt, unterteilt. Die Konversion, bei der sich am Bau der Wörter nichts Sichtbares ändert, zeigt, dass Morphologie aus mehr als nur Wortbildung bestehen kann und Wortbildung aus mehr als aus Morphologie. Da die Wortbildung ohne den Gebrauch von morphologischen Bausteinen neue Wörter bilden kann, wird die Konversion meistens im Rahmen der Wortbildung behandelt. Die weitverbreitete Verwendung im heutigen Englisch macht die Konversion zu einem interessanten Forschungsthema und bietet Einblicke an der Schnittstelle von Morphologie, Syntax und Semantik.

In der theoretischen Betrachtung wird Konversion kontrovers diskutiert, darum gibt es keine einheitliche Terminologie. Unter denjenigen Linguisten, die das Sprachphänomen als Wortbildungsverfahren behandeln, gibt es wiederum eine Unklarheit, wie es theoretisch aufzufassen und zu bezeichnen ist. Entweder wird mit dem Begriff Konversion (conversion) oder mit dem Begriff Nullmorphemableitung bzw. Nullableitung (zero-derivation) gearbeitet. Der morphologische Teil dieser Arbeit wird sich auf die Literatur insbesondere von Ingo Plag (2018), Hansen et al. (1985), Quirk et al. (1985) und Marchand (1969) stützen.

Neben der lexikalischen Betrachtung der Konversion ist eine syntaktische Sichtweise zur Erklärung der Beziehung zwischen der Basis und dem abgeleiteten Verb möglich. Hierfür werden die Literatur und die Theorie von Hale und Keyser (1993), Spencer (2005) und Plag (2018) für den Wortsyntax-Ansatz verwendet.

Einen anderen Ansatz, der nicht strukturell vorgeht, bietet die kognitive Linguistik. Dabei sind mentale Strukturen und Prozesse, die von der Umgebung wahrgenommen werden, relevant und wie Sprache diese widerspiegeln können. Zwei der Vertreter der kognitiven Grammatik bzw. Linguistik sind Patrick Farrell (2001) und Doris Schönefeld (2005).

Da keine übereinstimmende Meinung besteht, in welches Teilgebiet der Linguistik die Konversion einzuordnen ist, wird diese Arbeit sich mit der Einordnung der Konversion beschäftigen. Diese Arbeit soll insbesondere untersuchen, ob der Konversion ein morphologischer, syntaktischer oder sogar ein kognitiver Prozess zugrunde liegt und inwieweit eine Festlegung auf einen dieser Ansätze möglich ist. Dazu werden die theoretischen Ansätze der obengenannten Autoren zu Rate gezogen.

Zur Beschreibung der sprachlichen Strukturen wird eine synchrone Sichtweise eingenommen, d. h., Sprachbeispiele werden aus heutiger Zeit analysiert. Eine kurze diachrone (sprachhistorische) Beschreibung der Konversion wird ausschließlich im Kapitel 2.3 erfolgen. Es ist für den heutigen Sprecher des Englischen nicht relevant, welches Wort das Primäre oder das Sekundäre, also später gebildet wurde, ist. Außerdem wird der Schwerpunkt bei der Analyse auf den am häufigsten auftretenden Typ von Konversion gelegt, welcher der zu Verben bildende Typ bzw. Verbkonversion ist.

Die Arbeit beginnt in Kapitel 2 mit einer allgemeinen Übersicht des Begriffes Konversion, dabei werden auch die einzelnen Typen von Konversion beschrieben. In Kapitel 3 wird der traditionelle morphologische Ansatz von Konversion beschrieben und die strukturelle Sicht aus der Syntax, insbesondere den Wortsyntax-Ansatz und die Inkorporation. Die Theorien aus der kognitiven Linguistik erfolgen in Kapitel 4. Den Schluss bildet eine Diskussion über die vorgestellten theoretischen Ansätze.

2 Konversion im Englischen

2.1 Herkunft des Begriffes

Der Begriff Konversion wurde zuerst in der Grammatik von Sweet (1900, S. 38 ff.) benutzt. Darin beschreibt er, dass ein Wort in eine andere Wortart oft ohne eine Modifikation oder Hinzufügung – außer den notwendigen Flexionsendungen – konvertieren kann. Er bezeichnet das Nomen walk in he took a walk oder three different walks of life als „converted noun“ und den Prozess von dessen Entstehung als „conversion“. Nach Sweet gelten Wörter als konvertiert, wenn sie alle formalen Eigenschaften der neuen Wortklasse, d. h., die Flexionsendungen wie beim Nomen walk, der Artikel the oder der Plural – s verwendet werden , zulassen (vgl. Sweet 1900, S. 39).

2.2 Definition(en)

Der Terminus Konversion, wie bei Sweet, wird auch von vielen anderen Linguisten eingesetzt. Aufgrund der unterschiedlichen theoretischen Annahmen gibt es keine einheitliche Terminologie von Konversion. In diesem Kapitel sollen die beiden meist verwendeten Begriffe Konversion und Nullmorphemableitung definiert werden. Am Ende dieses Kapitels wird auch eine minimale Definition von Konversion gegeben.

Zunächst werden in (1) bis (5) einige Wortpaare von englischer Konversion gegeben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diejenigen Linguisten, die das Sprachphänomen als ein Wortbildungsverfahren betrachten, verwenden entweder die Begriffe Konversion (conversion) oder Nullableitung (oder auch Nullmorphemableitung oder zero-derivation genannt). Diesen beiden Ansätzen ist gemein, dass sie als ein direktionaler Prozess verstanden werden, in dem zur vorhandenen Mitgliedschaft in einer Wortklasse eine oder mehrere hinzukommen.

Eines der stärker ausgeprägten Beispiele für dieses Sprachphänomen ist die Wortform round, die synchron betrachtet in nicht weniger als fünf verschiedenen Wortklassen vorkommt (als Adjektiv, Verb, Präposition, Adverb und Nomen). In diesen Wortklassen hat die Wortform jeweils unterschiedliche Bedeutungen und wird daher in vielen Wörterbüchern mit eigenständigen Einträgen geführt.

Plag definiert Konversion als „ derivation of a new word without any overt marking “ (2018, S.105). Er versteht Konversion als ein derivationales Wortbildungsmuster ohne eine sichtbare Markierung. Ebenfalls Quirk et al. (1985) verwenden den Begriff Konversion und verstehen ihn ebenso als „ derivational process whereby an item is adapted or converted to a new word class without the addition of an affix. In this way, conversion is closely analogous to suffixation (as distinct from prefixation).“ (Quirk et al. 1985, S. 2558). Ebenso bei dieser Sichtweise wird Konversion als Derivation ohne Affigierung angesehen, aber mit dem Hinweis zur Ähnlichkeit zur Suffigierung aufgrund des Wortklassenwechsels.

Konversion wird traditionell auch Nullableitung oder zero-derivation genannt, was auf einer anderen theoretischen Grundannahme basiert. Die prominentesten Vertreter dieses Ansatzes sind Marchand (1969) und Hansen et al. (1985). Der Name Nullableitung deutet schon daraufhin, dass erstens dieses Sprachphänomen auch in die Wortbildung eingeordnet wird und impliziert, zweitens, das Vorhandensein eines Morphems. Das Morphem wird phonologisch nicht realisiert, formal als „zero“ betrachtet und deshalb als Zero-Morphem bzw. Nullmorphem bezeichnet. Hansen et al. (1985) betrachten Konversion als einen Sonderfall der Suffigierung und erläutern, dass „der komplexe Charakter des abgeleiteten Wortstammes bei ihr nicht explizit in dessen Form zum Ausdruck gelangt, da seine funktional und semantisch dem Suffix entsprechende Konstituente gleichsam mit der Form -Ø auftritt.“ (1985, S. 124). Sie rechtfertigen die Ansetzung des Nullmorphems mit der erkennbaren Parallele zur Suffigierung. Diese traditionelle Theorie zur Konversion wird in Kapitel 3.1 näher beschrieben.

Wie die verschiedenen Definitionen zeigen, wird die Konversion im Englischen in der Literatur nicht einheitlich bewertet. Es kann aber festgestellt werden, dass Konversion auf eine minimale Definition heruntergebrochen werden kann, nämlich, dass das Wortpaar dieselbe linguistische Form hat und in semantischer Beziehung zueinandersteht. Das obige Beispiel (1) zeigt, dass das Nomen the bottle in der Bedeutung des Verbes to bottle mit ‚to put into a bottle‘ enthalten ist. In dieser Arbeit wird der Terminus Konversion zumeist eingesetzt, da er auch von vielen anderen Linguisten als theoretisch relativ neutral bewertet wird.

2.3 Historische Ursachen der Konversion

Englisch schöpft sein Potenzial bei der Verwendung eines Wortes in einer oder mehreren Wortklassen in hohem Maße aus. Ein Grund für die Leichtigkeit, mit der in Englisch ein Wort in unterschiedlichen Wortklassen vertreten sein kann, ist, dass das moderne Englisch relativ wenig wortartspezifische Flexionsendungen hat. Dementsprechend sind englische Wörter in verschiedenen Wortklassen typischerweise nicht mit kategorie-spezifischen Flexionsendungen gekennzeichnet. Dieser heutige Zustand hat historische Ursachen und ist, diachron betrachtet, das Ergebnis eines Flexionsverfalls ab dem Mittelenglischen (vgl. Schönefeld 2005, S. 132). Das Altenglische (ca. 450–1100 n. Chr., OE) besaß noch eine Vielfalt an Formen von Flexionssuffixen. Da Sprachen mit ausgeprägten Flexionsausgängen, wie z.B. das moderne Deutsche, auch Konversionen bilden, kann dies nicht der alleinige Grund sein. Koziol (1972) beschreibt eine andere Entwicklung im späteren Mittelenglischen (ca. 1100–1500 n. Chr., ME) – den Verlust von wortklassenspezifischen Affixen, d. h., Affixe, die einmal charakteristisch für eine spezielle Wortart waren. Er betont das Auftreten von formal identischen Formen (fill, heap, wateren) von unterschiedlichen Wortklassen in großer Anzahl, wie die Beispiele (1)–(3) illustrieren:

(1) ME fill (Nomen und Verb) < OE fyllu (fullness – N), fyllan (fill –V)
(2) ME heap (Nomen und Verb) < OE heap (heap – N) heapian (heap up – V)
(3) OE waeterian (ein denominales Verb) > ME wateren > ModE to water (gegenüber water – N)

(vgl. Koziol 1972, S. 281)

Koziol erläutert zu dieser Entwicklung seit dem Mittelenglischen außerdem:

Nach dem Muster dieser zahlreichen Fälle der Formgleichheit von Wörtern verschiedener Wortarten, also grammatischer Homonymie, wurde nun auch in vielen anderen Fällen eine Wortform ohne Veränderung auch als ein einer anderen als der ursprünglichen Wortart angehörendes Wort verwendet. Durch diese ‚Konversion‘ entstanden jeweils zwei, manchmal auch mehrere, gleichlautende Wörter. Seit der mittelenglischen Zeit hat sich vor allem die Zahl der durch Konversion entstandenen Verba und Substantiva ständig vergrößert. (Koziol 1972, S. 281).

Nach Ansicht von Marchand (1969) hat sich zero - derivation im größeren Umfang am Anfang des 13. Jahrhunderts, als Wortendungen noch unterschiedlich waren, entwickelt. Er denkt nicht, dass der Verlust von Flektionen der einzige Grund ist und er etwas mit dem Problem der Nullmorphemableitung zu tun hat (vgl. Marchand 1969, S. 363).

Er fügt jedoch hinzu, dass nicht bestritten werden kann, dass die Bandbreite von Ableitungen im Englischen (besonders die von denominalen Verben), verglichen zu anderen Sprachen, sehr groß ist. Als Erklärung gibt er an, dass Englisch, im Gegensatz zu Sprachen wie Latein, Französisch, Spanisch oder Deutsch, keine konkurrierenden Typen hatte, wenn das Altenglische ausgeklammert wird. Bestand die Notwendigkeit einer Ableitung von Nomina, wurde das einzig existierende Muster verwendet, das der Ableitung durch ein Nullmorphem (vgl. Marchand 1969, S. 363 ff.). Das Nullmorphem wird im Kapitel 3.1.1 näher beschrieben.

2.4 Haupttypen der Konversion

Marchand (1969) wies darauf hin, dass die Produktivität von Ableitungen, insbesondere denominale Verben, im Vergleich zu anderen Sprachen sehr viel größer ist. In diesem Kapitel werden die wichtigsten Muster der Konversion vorgestellt. Die Wörter, die durch Konversion abgeleitet werden, sind hauptsächlich Nomen, Adjektive und vor allem Verben. Wie in der folgenden Darstellung nach Quirk et al. (1985, S. 1560 ff.) dargestellt wird, sind die denominalen Verben (1) und deverbalen Nomina (2) am produktivsten. Zu jedem Typ sind die wesentlichen semantischen Typen und daneben einige Beispiele angegeben (zusammengefasste Übersicht nach Quirk et al. 1985, S. 1560 ff.).

(1) deverbale Nomina:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(2) denominale Verben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(3) deadjektivische Verben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ebenfalls Hansen et al. (1985) sind der Ansicht, dass Konversion das sprachliche Mittel im modernen Englisch zur Verbbildung ist, da die anderen Wortbildungsmuster (z. B. Suffigierung) kaum relevant bzw. überwiegend auf den Bereich des Fachvokabulars beschränkt sind. Die Autoren sagen, dass die meisten abgeleiteten Wörter Verben sind und weniger Nomina, da für die Bildung von Nomina produktivere Typen der Suffigierung vorhanden sind. Typischerweise werden die verbalen Nullableitungen von einfachen Nomina abgeleitet, wie z. B. hammer oder saddle. Hingegen kommen suffigierte Nomina meist nicht vor, weil sie deutlich nominal gekennzeichnet sind und sich als Ableitungsbasen nicht eignen (vgl. Hansen etal. 1985, S. 127 ff.).

2.5 Semantische Betrachtung von Konversion

Im letzten Abschnitt wurden die am häufigsten auftretenden Typen von Konversion mit ihren Bedeutungen vorgestellt. Es soll in diesem Anschnitt das Wortpaar (Beispiele aus Kapitel 2.2) genauer betrachtet werden, denn aufgrund der Konversion stehen beide Wörter in Beziehung zueinander. Aus den Strukturen der Bedeutungen der beiden Wörter können die Ableitungsbasis und das abgeleitete Wort bestimmt werden. Der Begriff „Basis“ (base) wird in der Derivationsmorphologie verwendet und ist der Teil eines Wortes, an welches Affixe angefügt werden können.

Wie aus der Darstellung der Haupttypen im vorangegangen Kapitel hervorgeht, trägt im Allgemeinen das konvertierte Wort nicht die gesamte semantische Bandbreite, die es in der ursprünglichen Wortart hatte. Dies wird am deutlichsten bei den denominalen Verben, die meist nur eine der Bedeutungen des Nomens beinhalten (vgl. Quirk et al. 1985, S. 1560).

Die Beziehung des Wortpaares zwischen der Ableitungsbasis und dem abgeleiteten Wort ist, dass das abgeleitete Wort sekundären Charakter trägt und aufgrund der enthaltenen Bedeutung des primären Wortes komplexer ist. Am Beispiel des Verbes to dirty lässt sich diese Beziehung zeigen: Es trägt die Bedeutung ‚to make dirty‘, welche eine komplexere Struktur als die Ableitungsbasis darstellt, gleichzeitig ist diese Basis (Adjektiv) enthalten.

Die oben angegebenen Typen von Konversionen bilden außerdem bestimmte Regelmäßigkeiten in Bezug auf deren Bedeutungen. Am Beispiel der denominalen Verben ergibt sich meist die Art der Handlung aus dem semantischen Charakter des Nomens, z. B. kann die Bedeutung des Nomens hammer der semantischen Klasse ‚Instrument‘ zugeordnet werden und das abgeleitete Verb gehört entsprechend zu diesem Typ hammer. Die denominalen Verben bezeichnen somit meist Handlungen, die von dem Nomen semantisch abhängig sind. Hansen etal. argumentieren, dass die unterschiedlichen Bedeutungen und Typen vom Hörer und Leser trotz des Fehlens formaler sprachlicher Kennzeichnung verstanden werden (vgl. Hansen et al. 1985, S. 126 ff.).

Plag (2018) beobachtet bei Verbkonversionen im modernen Englisch die unterschiedlichen Bedeutungen, die im Gegensatz zu den restriktiveren Bedeutungen von offen markierten Verbsuffigierungen stehen (Plag 2018, S. 111):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem, so Plag (2018), können Verbkonversionen idiosynkratische Bedeutungen haben, wie z. B. to crew, welches zum einen bedeuten kann ‚act as a (member of a) crew‘ und zum anderen ‚assign to a crew‘. Es lässt sich also feststellen, dass die durch Konversion gebildeten Wörter einerseits in Beziehungen zueinanderstehen und eine Vielfalt von Bedeutungen aufweisen, und andererseits idiosynkratische, d. h., nicht-transparente, Wortbedeutungen, auftreten können. In Kapitel 5 wird darauf noch einmal eingegangen.

3 Modellierungsansätze aus struktureller Sicht

3.1 Traditionelle Perspektive

Konversion wird, wie im letzten Kapitel bereits erwähnt, auch als zero-derivation bezeichnet. Die Bezeichnung Derivation im Terminus zero-derivation weist schon daraufhin, dass das Sprachphänomen in dieser Theorie der Morphologie zugeordnet wird und setzt bestimmte theoretische Grundannahmen voraus. Der Begriff impliziert das Vorhandensein eines Morphems, das als formal nicht gekennzeichnet, also „zero“ (‚Ø‘), angenommen wird.

Als die wichtigsten Vertreter dieses Ansatzes sind Marchand (1969) und Hansen et al. zu nennen. Der morphologische Ansatz wird durch eine Analogie zum typischen Wortbildungsmuster der Suffigierung gerechtfertigt, worauf in Kapitel 3.1.2 Bezug genommen wird. So argumentiert Marchand (1969), dass es eine grammatische Parallele zwischen den offen markierten Suffigierungen (Adjektiv à Verb) und den nicht markierten Wortklassenwechsel gibt. Außerdem gibt es eine semantische Parallele zwischen Suffigierung und Nullableitung (vgl. Marchand 1969, S. 359). Zunächst soll im nächsten Abschnitt auf das mutmaßliche Nullmorphem eingegangen werden.

3.1.1 Nullmorpheme

Seit den 1940er (z. B. Jespersen 1942) werden Nullmorpheme als theoretische Konstrukte für die Bildung von denominalen Verben eingesetzt. Nullmorpheme sind eher untypische linguistische Formen, da ihre Realisation ‚zero‘ ist. Ein Nullmorphem ist ein gebundenes Morphem (Affix), das an Wortstämme angefügt werden kann. Es hat zwar keine lautliche oder orthografische Form, aber dem Nullmorphem wird eine Bedeutung bzw. Funktion zugeschrieben. Es ist beliebt, da es die Funktion übernehmen kann, die sonst durch Elemente mit formaler Markierung erfüllt werden. So hat es die wichtige Funktion, die Wortklasse des gesamten komplexen Lexems zu verändern, wie bei der Suffigierung. Darauf wird unter Marchands Syntagma-Ansatz Bezug genommen. Marchand (1969) definiert das Nullmorphem so: „ As a sign is a two facet linguistic entity, we say that the derivational morpheme is (phonically) zero marked in the case of clean ‚make clean‘. We speak of zero-derived deadjectival verbs.“ (Marchand 1969, S. 359).

In der Tradition von Saussure sind Morpheme sprachliche Zeichen mit zwei Seiten (Inhalt- und Formseite), ebenso fasst Marchand Nullmorpheme als zweiseitige Zeichen ohne formale Markierung auf. Ein derivationales Morphem mit der Form Ø kommt beim Wort clean (Adjektiv) hinzu und wird zum Verb to clean. Dies geschieht, um Wortbildung bzw. Morphologie konsistent beschreiben zu können. Nullmorpheme werden eingesetzt, um die Definition von einem Morphem als sprachliches Zeichen mit einer Form und einer Bedeutung aufrechtzuhalten. Plag argumentiert, dass es Probleme bei der Verwendung des Terminus Morphem gibt. Es müsste sich genauer um ein zero-morph (morph für Form) handeln, denn die Form ist ‚null‘, aber die Bedeutung ist nicht ‚null‘ (vgl. Plag 2018, S. 22).

3.1.2 Analogie zur Suffigierung

Entscheidend für die Verwendung eines Nullmorphems ist die schon beschriebene Analogie zur Suffigierung. Charakteristisch für die Suffigierung ist, dass durch einen direktionalen Prozess ein Lexem von einer Ausgangs- in eine Zielwortklasse durch formale morphologische Kennzeichnung (mit einem Affix oder derivationalen Morphem) wechselt. Aufgrund dieser funktionalen Ähnlichkeit zur Suffigierung wird Konversion traditionell als Ableitungsverfahren klassifiziert, obwohl sich auf der Wortebene nichts Sichtbares verändert. Für Marchand (1969) ist das Kriterium nach der Wortart bzw. der Wortklassenwechsel relevant, weshalb er die Konversion in die englische Wortbildung integriert hat:

By derivation by a zero-morpheme I understand the use of a word as a determinant in a syntagma whose determinatum is not expressed in phonic form but understood to be present in content, thanks to an association with other syntagmas where the element of content has its counterpart on the plane of phonic expression. (Marchand 1969, S. 359)

Marchand ist der Ansicht, dass die Assoziationen von Wortsyntagmen mit morphologischen Strukturelementen (d. h. Suffixen) und denen ohne formale Kennzeichnung parallel sind. Dies verdeutlicht er anhand von deadjektivischen Verbsuffigierungen in (1) mit den morphologisch nicht markierten Konversionen in (2) (vgl. Marchand 1969, S. 359 ff.):

(1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Außerdem, so Marchand, sind die semantischen Muster bei beiden Ableitungsformen dieselben: Die Adjektive (Adj) sind in die syntaktische Kategorie Verb konvertiert (transposed) mit der Bedeutung ‚make or render clean, dirty, tidy‘ oder auch bei den offen markierten Verbsuffigierungen ‚make or render legal, national, sterile‘. Marchand verwendet in diesem Zusammenhang auch den Begriff funktionale Verschiebung bzw. Transposition. Weiterhin verweist er darauf, dass das Nullmorphem nur dann angesetzt werden darf, wenn ein offen markiertes Zeichen mit derselben Funktion existiert.

3.1.3 Marchands Wortbildungssyntagmen

Marchand (1969) beschreibt Wörter als verkürzte Sätze und verwendet den Begriff Syntagma (Wortbildungssyntagmen), dessen Grundstruktur eine Determinans-Determinatum-Beziehung darstellt (auch modifier - head Beziehung genannt, vgl. Marchand 1969, S. 2).

Bei solchen Wortsyntagmen ist in der Regel das erste Element das Determinans (Bestimmendes) und das zweite Determinatum (Bestimmtes). Diese Struktur von grammatischen Einheiten, wie z. B. Nominalphrasen, hat Marchand auf die Wortbildung übertragen, d. h., auch auf Ableitungen bzw. Nullableitungen.

Bei den Ableitungen ist die Position des head für die Wortklasse des Syntagmas verantwortlich und wird von einem gebundenen Morphem festgelegt – bei Nullableitungen sogar von einem Nullmorphem. Im Gegensatz dazu ist die head -Position bei der Komposition (z. B. the black board) charakteristisch durch Nomina belegt und die modifier -Position von Adjektiven, deshalb fasst Marchand Ableitungen als Transposition des head auf. Das Morphem (ein freies Morphem), das eher für die Funktion des head eingesetzt werden kann, erhält die für ihn untypische Rolle des modifier (vgl. Marchand 1969, S. 11–13).

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Konversion im Englischen. Strukturelle und kognitive Modellierungen im Überblick
Untertitel
Zur Bildung morphologisch komplexer Worte
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,2
Autor
Jahr
2018
Seiten
35
Katalognummer
V464917
ISBN (eBook)
9783668933811
ISBN (Buch)
9783668933828
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konversion, englischen, strukturelle, modellierungen, überblick, bildung, worte
Arbeit zitieren
Caterina Jarke (Autor), 2018, Konversion im Englischen. Strukturelle und kognitive Modellierungen im Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/464917

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