Der Brexit. Welche Auswirkungen könnte er auf den Industriestandort Deutschland haben?

Eine Medienanalyse


Bachelorarbeit, 2018
58 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung, aktueller Forschungsstand und Aufbau der Arbeit

2 Theorie
2.1 Was ist die Europaische Union?
2.2 Aktuelle wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem VK und Deutschland
2.3 Begriffsdefinition Brexit und denkbare Szenarien

3 Empirie
3.1 Forschungsdesign
3.1.1 Qualitative Forschung und Giitekriterien
3.1.2 Experteninterview
3.1.3 Auswahl des Experten und Durchfiihrung des Experteninterviews
3.2 Qualitative Inhaltsanalyse: inhaltliche Strukturierung
3.2.1 Durchfiihrung der Methode
3.2.2 Charakterisierung und Auswahl der Untersuchungsgegenstande im medialen Kontext
3.2.3 Charakterisierung und Auswahl der Untersuchungsgegenstande im wissenschaftlichen Kontext
3.2.4 Untersuchungszeitraum
3.2.5 Leit- bzw. Forschungsfragen
3.2.6 Durchfiihrung der Analyse
3.2.7 Entwicklung und Erklarung des Kategoriensystems
3.3 Quantitativ-formale Inhaltsanalyse

4 Ergebnisse, Diskussion und Ausblick
4.1 Folgen des Brexit - Zusammenfassung der Effekte
4.1.1 Wechselkurseffekte
4.1.2 Direktinvestitionseffekte
4.1.3 Zolleffekte
4.1.4 Arbeitnehmerfreiziigigkeitseffekte
4.1.5 Auswirkungen auf EU-Fordermittel und der europaischen Regionalpolitik
4.2 Folgen eines EU-Austritts des Vereinigten Konigreichs fiir die Wirtschaft Deutschlands nach Sektoren
4.2.1 Folgen des Brexit fiir die deutsche Automobilindustrie
4.2.2 Folgen des Brexit fiir die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie
4.2.3 Folgen des Brexit fiir die deutsche Metallbau- und Maschinenbauindustrie
4.2.4 Folgen des Brexit fiir die Dienstleistungs- und Finanzindustrie
4.3 Fazit

5 Quellenverzeichnis

6 Anlagen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Europaische Union (Die EU Karte der Mitgliedsstaaten) (WEBSTART Service 2018)

Abbildung 2 -Europaische Union: Anteile der Mitgliedsstaaten am Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 (Statista 2018)

Abbildung 3 - GrofSbritannien als Handelspartner (Statistisches Bundesamt 2018b)

Abbildung 4 - Aus- und Einfuhr (AufSenhandel): Kraftwagen. Selbsterstellte Grafik

Abbildung 5 - Aus- und Einfuhr (AufSenhandel) Erzeugnisse der Vorleistungsgiiterproduzenten. Selbsterstellte Grafik (Statistisches Bundesamt 2018d)

Abbildung 6 - Anteile der einzelnen Zeitung an der Berichterstattung (Eigene Darstellung)

Abbildung 7 Das britische Pfund auf Talfahrt (Frankfurter Allgemeine Zeitung 2018b)

1 Einleitung

In einem Referendum am 23. Juni 2016 stimmten 51,89 Prozent der Briten, die von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten, fiir den Brexit (72,2% Wahlbeteiligung), also gegen den Verbleib des Vereinigten Konigreichs in der Europaischen Union. Die Einwohner Nordirlands und Schottlands haben jedoch mehrheitlich gegen den Austritt aus der Europaischen Union gestimmt, weshalb daraufhin regelmafSig Forderungen aufkamen, sich von dem Vereinigten Konigreich abzuspalten. Dennoch erklarte das Vereinigte Konigreich (VK) am 29. Marz 2017 offiziell ihren Austrittswillen aus der Europaischen Union nach Artikel 50 des EU-Vertrags. Angestrebt wird nach dem Ausstieg eine alternative Art der wirtschaftlichen Kooperation zwischen der Europaischen Union und dem Vereinigten Konigreich. Dies stellt einen Prazedenzfall in der Historie der Europaischen Union dar (vgl. Da Costa et. al. 2017 S.2).

Um eine neue Kooperationsgrundlage zu schaffen beziehungsweise ein Austrittsabkommen zu verhandeln, haben die Verhandlungspartner insgesamt zwei Jahre Zeit. Bis Marz 2019 ist das VK jedoch verpflichtet, den aktuell bestehenden Vertragen mit den EU-27 nachzukommen. Danach endet die Mitgliedschaft der Briten in der Europaischen Union. Nach Ablauf dieser Frist sind die bisher getroffenen Vereinbarungen nicht mehr giiltig. GrofSbritannien scheidet aus dem europaischen Binnenmarkt aus und bekommt fiir die Europaische Union den Status eines Drittlandes. Um zu klaren, wie die zukiinftigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Konigreich und den 27 in der EU verbleibenden Mitgliedsstaaten gestaltet werden sollen, befindet man sich aktuell in entsprechenden intensiven Verhandlungen (vgl. ebd.).

Hierzu veroffentlichte die britische Regierung bereits am 29.03.2017 einen Brief an den Prasidenten der Europaischen Union. Dieser kommuniziert einen ,Zwolf-Punkte Plan". Dieser gibt an, dass die Regierung unter Theresa May vor allem die Aufhebung der Mitgliedschaft im europaischen Binnenmarkt und auch den Ausstieg aus der Zollunion anstrebt. Dies wiirde die volle okonomische Autonomie GrofSbritanniens gegeniiber der EU bedeuten. AufSerdem mochte die britische Regierung nicht weiter der Rechtsprechung des Europaischen Gerichtshofs unterliegen und besonders die Wanderungsfreiheit einschranken (vgl. May T. 2017).

Dennoch ist weiterhin offen, zu welchem Verhandlungsergebnis die beiden Parteien kommen werden. Ist ein harter Brexit, also der komplette Ausstieg ohne anschliefSendes Handelsabkommen und einer kompletten Umorientierung des Vereinigten Konigreichs realistischer oder kann doch mit einer weitest gehenden Aufrechterhaltung der aktuellen wirtschaftlichen Interaktion in Form eines Soft-Brexit, ahnlich dem Schweizer Modell (sektorales Handelsabkommen), gerechnet werden (vgl. Weerth C. 2017)?

Zu welchem Ergebnis die Verhandlungen in spatestens zwei Jahren kommen werden, ist derzeit nicht vorhersehbar. Lediglich verschiedene Szenarien und deren Auswirkungen wurden bereits in Aussicht gestellt. In jedem Fall sind besonders die potentiell tiefgreifenden wirtschaftlichen Auswirkungen eines Ausstiegs fiir Deutschland, GrofSbritannien sowie fiir alle weiteren Mitgliedstaaten der EU ein zentraler Punkt der ,Brexit"-Debatte (vgl. ebd.).

Nachdem das Referendum im Mai 2015 durchgefiihrt wurde, kam es vermehrt zur Publizierung von themenrelevanten Studien. Diese untersuchen anhand verschiedener Simulationsmodelle, wie sich die teilweise oder komplette Abspaltung des VK aus der Zollunion und dem Binnenmarkt okonomisch auswirken konnte. Derzeit stellen die Briten die zweitgrofSte Volkswirtschaft nach Deutschland in der EU dar. Sie entrichten weiterhin den drittgrofSten Nettobeitrag in den EU-Haushalt. Dieser Verlust ware laut der entsprechenden Studien und Publikationen aus wirtschaftlicher Perspektive fiir alle EU-27 und vor allem fiir Deutschland spiirbar (vgl. Becker J.; von Ondarza N. 2016 S.10).

1.1 Zielsetzung, aktueller Forschungsstand und Aufbau der Arbeit

Das Ziel dieser Arbeit ist es, in Form einer Medienanalyse aufzuzeigen, welche okonomischen Effekte fiir den Untersuchungsraum und weltweit bedeutenden okonomischen Standort Deutschland nach dem Austritt des Vereinigten Konigreichs tatsachlich wahrscheinlich waren. In dieser Arbeit wird von einem hartenjsauberen Brexit ausgegangen. In diesem Kontext ergeben sich folgende Fragen.

Wie intensiv ist die deutsche Wirtschaft mit der britischen Okonomie verflochten und wie wiirden sich neue Handelshindernisse auf bestehende Netzwerke auswirken?

Mit welchen direkten oder indirekten wirtschaftlichen Auswirkungen beziehungsweise Effekten ist nach dem Brexit zu rechnen?

Sind neben den vielen zu erwartenden Risiken auch Chancen identifizierbar?

Auf welche Veranderungen miissen sich einzelne Wirtschaftssektoren beziehungsweise Teilbranchen jetzt einstellen und wie sollen sich die Unternehmen auf den kommenden Brexit vorbereiten?

Konnen verschiedene Meinungsstromungen und Erwartungen in den Medien registriert werden und wie weit gehen diese auseinander?

Wie zuvor in der Einleitung angedeutet, sind im aktuellen wissenschaftlichen Betrieb mogliche Auswirkungen in verschiedenen Studien bereits ausgiebig diskutiert worden. Diese scheitern jedoch oftmals daran, die tatsachlich denkbaren Auswirkungen sichtbar zu machen, weshalb der Grundtenor innerhalb der Industrie und Wirtschaft noch immer durch Unsicherheit gekennzeichnet ist.

Ausgehend von den eroffneten Fragestellungen soll nachfolgend dargestellt werden, wie diese Arbeit im weiteren Verlauf aufgebaut ist.

Zunachst soll herausgearbeitet werden, welche Vorteile die Europaische Wirtschaftsgemeinschaft den Akteuren aktuell bietet und welche politischen und okonomischen Grundpfeiler das Wesen der EU beschreiben.

Folgend soll die aktuelle wirtschafts- und handelsspezifische Beziehung zwischen dem Vereinigten Konigreich und Deutschland beschrieben werden. Hier wird besonderes Augenmerk auf das Giiterhandeln in den Sektoren der Automobil-, der Pharma- und Chemie- sowie der Elektro- und Metallindustrie gelegt. Auch der tertiare Sektor wird in die Betrachtung mit einbezogen.

Nachdem die aktuellen Beziehungen zwischen den Verhandlungspartnern dargestellt wurden, soll im Anschluss der Begriff ,Brexit' definiert sowie wichtige Szenarien kurz dargelegt werden.

Der sich auf den theoretischen Teil der Arbeit anschliefSende empirische Abschnitt gilt dem methodischen Vorgehen. Danach werden die einzelnen Schritte nach dem Vorbild der angewandten Methodik durchgefiihrt. Die Darstellung der Ergebnisse sowie ein Fazit schliefSen die vorliegende Arbeit ab.

2 Theorie

2.1 Was ist die Europaische Union?

"Die Europaische Union ist durch die Einfilhrung des Euro und den Wegfall von Grenzkontrollen zu einer unmittelbar erfahrbaren Realitat geworden." (Herz D.; Jetzlsperger J. 2018 S.1)

Die Europaische Union (EU) ist ein Staatenverbund, der aktuell aus 28 Mitgliedsstaaten besteht (siehe Abbildung 1) und in dem insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Einwohner gezahlt werden. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (rund 15,3 Billionen Euro in 2017) ist der europaische Binnenmarkt aktuell der grofSte gemeinsame Wirtschaftsraum der Erde und hat einen entsprechend grofSen internationalen wirtschaftlichen und politischen Einfluss (vgl. Bundesministerium fiir Wirtschaft und Energie 2017).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Europaische Union (Die EU Karte der Mitgliedsstaaten) (WEBSTART Service 2018)

Die fiinf wirtschaftsstarksten Mitgliedsstaaten der Europaischen Wirtschaftsgemeinschaft sind Deutschland mit 21,14% am BIP der EU, GrofSbritannien mit 15,97% am BIP der EU, Frankreich mit 15,01% am BIP der EU, Italien mit 11,28% am BIP der EU sowie Spanien mit 7,52% am BIP der EU (siehe Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 -Europaische Union: Anteile der Mitgliedsstaaten am Bruttoinlandsprodukt (BlP) im Jahr 2016 (Statista 2018)

Nach dem Bundesministerium fiir Wirtschaft und Energie fallen iiber 60% des gesamten Handels der EU-Mitgliedstaaten allein auf den Handel zwischen den Mitgliedstaaten. Innerhalb der Europaischen Union profitieren aus wirtschaftlicher Perspektive also vor allem die Mitgliedsstaaten und Unternehmen selbst von der Union und den vier Grundfreiheiten. Jene bezeichnen den freien Warenverkehr, die Personenfreiziigigkeit, die Dienstleistungsfreiheit sowie den freien Kapital- und Zahlungsverkehr. Diese Grundfreiheiten bilden die Grundlage des Binnenmarkts der EU (vgl. Die Europaische Union 2017).

Der gemeinsame Binnenmarkt fordert eine effizientere Arbeitsteilung und eine ziigige Verbreitung von modernen Technologien sowie eine vielfaltigere Produktvielfalt und bietet den Unternehmen einen grofSeren Absatzmarkt. Im Vergleich zu protektionistischen nationalen Wirtschaften sorgt der starkere Wettbewerbs- bzw. Konkurrenzdruck innerhalb des riesigen Binnenmarktes fiir ein attraktives Preis- Leistungsverhaltnis und initiiert Spezialisierungseffekte (wie z.B. GrofSbritanniens intensiver Fokus auf Dienstleistungen), die es der Europaischen Union ermoglicht, besser mit anderen supranationalen Wirtschaftszonen in Konkurrenz zu treten. Der verstarkte Wettbewerb kann jedoch auch zu BetriebsschliefSungen oder zu einem Riickgang der Investition in Innovationen fiihren (vgl. Heinemann F.; Schmuck O. 2015).

Mit der Bildung einer Zollunion wird aufSerdem gewahrleistet, dass die Mitglieder dieselben Zolltarife auf Waren aus Drittlandern anwenden, jedoch untereinander keine Zolle erheben. Die Zollunion fungiert weiterhin als protektives System, das die Akteure vor extremen aufSereuropaischen Preisdruck schiitzt und aufSerdem den intra- europaischen Handel starkt (vgl. ebd.).

2.2 Aktuelle wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem VK und Deutschland

Um zu klaren, welche Bedeutung ein Austritt GrofSbritanniens aus der Europaischen Union (Brexit) auf den Standort Deutschland haben konnte und welche Auswirkungen und Effekte erwartet werden konnen, sollen im Folgenden zuerst die derzeitigen Handelsbeziehungen zwischen beiden Landern genauer erlautert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 - GroSbritannien als Handelspartner (Statistisches Bundesamt 2018b)

Der bilaterale Handel Deutschlands mit dem Vereinigten Konigreich ist fiir beide Partner aus makrookonomischer Sicht von aufSerst grofSer Bedeutung, da hier besonders enge Handelsverflechtungen bestehen (siehe Abbildung 3).

Das Vereinigte Konigreich ist mit insgesamt 121,6 Mrd. Euro gehandeltem Warenwert im Jahr 2016 unter den fiinf wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Ahnlich intensive Handelstatigkeiten sind nur zwischen Deutschland und der Volksrepublik China, Frankreich, den Vereinigten Staaten von Amerika sowie den Niederlanden festzustellen (vgl. Statistisches Bundesamt 2018a).

Aus Sicht der Exporttatigkeiten aller Art ist das Vereinigte Konigreich drittgrofStes Empfangerland von Waren aus Deutschland (86 Mrd. € j 2,6% des deutschen BIPs), wahrend Deutschland Waren im Wert von rund 38 Mrd. € aus GrofSbritannien importiert. Fiir die Bundesrepublik stellt der Giiterhandel mit dem VK den grofSten bilateralen Uberschuss von ca. 50 Mrd. € dar. Dieser hat sich seit dem Jahr 2008 mehr als verdoppelt. Regelungen hinsichtlich eines Freihandelsabkommen sind daher fiir Deutschland als Exportweltmeister unabdingbar (vgl. Statistisches Bundesamt 2018a). Ursache der engen wirtschaftlichen Verflechtung ist zum einen die geographische Nahe, die unter anderem Transportkosten senkt und somit den Handel attraktiver macht, aber auch die Teilnahme beider Handelspartner an einem wirtschaftlichen Integrationsabkommen, wie zum Beispiel das der Europaischen Union (vgl. Busch B. 2015 S.49).

Derzeit konnen circa 2500 deutsche Unternehmen mit Niederlassungen in GrofSbritannien gezahlt werden. Diese Firmen beschaftigen dort rund 400.000 MitarbeiterInnen. Weiterhin existieren deutsche Unternehmensbeteiligungen in GrofSbritannien von rund 121 Mrd. €. Umgekehrt haben sich circa 1.300 britische Unternehmen in Deutschland niedergelassen und stellen 220.000 Arbeitsplatze (vgl. EY 2017 S.5).

Im Giiteraustausch zwischen beiden Landern spielen drei Sektoren eine besonders wichtige Rolle. Hierzu gehoren zum einen der Sektor der Automobilindustrie, der der medizinischen und pharmazeutischen Erzeugnisse sowie der Sektor des Maschinenbaus. In Abbildung 4 ist visuell verdeutlicht, wie sich der Handel zwischen beiden Handelspartnern in den letzten 5 Jahren im Wirtschaftszweig Kraftwagen und Kraftwagenteile intensiviert hat. So konnte die Exporttatigkeit aus dem Jahr 2012 von ca. 19 Mrd. € auf ca. 27 Mrd. € im Jahr 2016 gesteigert werden. Dies ist ein Anstieg der Exportleistung von 45%. Der Import in diesem Bereich aus dem Vereinigten Konigreich nach Deutschland stieg im Gegensatz in gleicher Zeitspanne um 16% von 5 Mrd. € auf 6 Mrd. €. Im Jahr 2016 ergab sich fiir die Bundesrepublik dadurch also ein Exportiiberschuss von 21.124.076€ im Bereich der Kraftwagen und Kraftwagenteile.

Im selben Jahr wurden ca. 3 Millionen neue Kraftwagen in GrofSbritannien zugelassen. Besonders deutsche Marken wie Volkswagen, BMW und Daimler sind dort von grofSer Beliebtheit, weshalb 20 Prozent der gesamten deutschen Exporte im Kraftwagensektor in das Vereinigte Konigreich exportiert werden. Damit ist GrofSbritannien nicht nur der zweitgrofSte Markt fiir Kraftwagen in Europa, sondern auch der wichtigste auslandische Automobilabsatzmarkt fiir Deutschland. Rund 60.000 Arbeitsplatze produzieren derzeit Kraftwagen fiir den britischen Markt. Analog dazu wiirde ein Brexit mit eventuellen Beschrankungen hinsichtlich des Warenverkehrs die deutsche Wirtschaft aufSerordentlich negativ treffen, da gerade der Sektor der Automobilindustrie stark durch die Einfuhr von Vorleistungen gepragt ist (vgl. Deloitte 2017b S.4). Welche Auswirkungen ein Brexit jedoch genau haben konnte, soll in spateren Kapiteln im Detail beleuchtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 - Aus- und Einfuhr (AuSenhandel): Kraftwagen. Selbsterstellte Grafik (Statistisches Bundesamt 2018c)

Da der Anteil des Dienstleistungssektors im Vereinigten Konigreich traditionell aufSerst hoch angesiedelt ist, kann gesagt werden, dass sich die Struktur des Handels Deutschlands mit dem VK hinsichtlich der Dienstleistungen im Vergleich zum Giiterhandel grundlegend unterscheidet. Im Gegensatz zum Giiterhandel weist das Vereinigte Konigreich eine positive Dienstleistungshandelsbilanz auf. Hier exportiert Deutschland aus dem VK ungefahr 16 Mrd. €, wahrend es 21 Mrd. € importiert. Dies resultiert in einem Handelsdefizit von schatzungsweise 5 Mrd. € (vgl. Felbermayr et al. 2017a S.4). Hinsichtlich des Warenverkehrs zwischen dem Vereinigten Konigreich und Deutschland muss jedoch stets beriicksichtigt werden, dass die reinen Zahlen des AufSenhandels nie konkrete Erkenntnisse dariiber liefern, ob es sich um Vorleistungen innerhalb einer Wertschopfungskette oder um Endprodukte handelt (vgl. Busch B. 2015 S.48).

Aufgrund der geographischen Nahe beider Lander sowie durch das Bestehen des Freihandelsabkommen innerhalb der Europaischen Union konnten sich komplexe und dynamische wirtschaftliche Produktionsnetzwerke zwischen Deutschland und GrofSbritannien bilden. Der Transfer von Vorleistungen aus dem Vereinigten Konigreich nach Deutschland und umgekehrt ist fiir beide Partner makro- und mikrookonomisch von hochster Relevanz (vgl. Busch B. 2015 S.49).

In den wichtigsten deutschen Sektoren, sowohl aus industrieller, als auch aus Sicht der Dienstleistungen, macht die britische Wertschopfung zwischen 1% und 3% aus. Deutsche multinationale Konzerne erwirtschaften ungefahr 8% (150 Mrd. €) im Vereinigten Konigreich. Auch hinsichtlich der Produktionsnetzwerke und Wertschopfungsketten ist der Automobilsektor die umsatzintensivste Sparte mit einem Umsatz von rund 40 Mrd. €, was analog dazu einem Umsatzanteil von 5,6% entspricht (vgl. Deloitte 2017a S.18).

Besonders im Flugzeugbau ist eine britische Wertschopfung von 3,3% hervorzuheben. Der Anteil deutscher Wertschopfung an der sektoralen Wertschopfung in GrofSbritannien ist im Vergleich jedoch z.B. mit 7,1% im Kraftfahrzeugsektor und im Sektor der chemischen Erzeugnisse mit 5,3% entscheidend hoher (vgl. Felbermayr et al. 2017a S.5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 - Aus- und Einfuhr (AuSenhandel) Erzeugnisse der Vorleistungsgiiterproduzenten. Selbsterstellte Grafik (Statistisches Bundesamt 2018d)

2.3 Begriffsdefinition Brexit und denkbare Szenarien

Der Begriff ,Brexit" ist ein Kunstwort, das aus ,Britain' und ,Exit' konstruiert wird und fiir den Austritt des Vereinigten Konigreichs (United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland) aus der Europaischen Union steht.

Der geographische Begriff der britischen Inseln beinhaltet auch die irische Insel und mithin Irland, jedoch wird dieses Land nicht die EU verlassen (vgl. Weerth C. 2017).

Je nachdem, welche Ergebnisse die Verhandlungen zwischen GrofSbritannien und den EU-27 ergeben, werden jeweils mogliche Optionen unterschieden. Man unterscheidet neben mehreren Zwischenszenarien, insbesondere zwischen zwei Hauptszenarien, namlich dem ,harten" beziehungsweise ,sauberen" und dem ,weichen" Brexit.

Unter einem ,hartenjsauberen Brexit" versteht man einen klaren Bruch mit der Europaischen Union. Das Vereinigte Konigreich scheidet also aus dem Binnenmarkt und der Zollunion der EU aus und verliert Zugang zu den vier Grundfreiheiten der Gemeinschaft. Notig ware ein Freihandelsabkommen, damit auf Waren und Dienstleistungen keine Zolle erhoben werden. Ansonsten wiirden sich die okonomischen Beziehungen auf die Vereinbarungen der WTO stiitzen.

Geht man von einem ,weichen Brexit" aus, spricht man von einer weiterhin engen Anbindung des Aussteigers an die Europaische Union, ahnlich wie dies bei Norwegen der Fall ist. Norwegen ist kein Mitglied der Staatengemeinschaft, hat dennoch uneingeschrankten Zugang zum Binnenmarkt und ist im Gegenzug verpflichtet, finanzielle Beitrage in den EU-Haushalt zu leisten, den EU-Biirgern uneingeschrankte Wanderungsfreiheit zu garantieren und auch viele Aspekte der EU-Gesetzgebung zu iibernehmen. Weitere denkbare ,weiche" Brexit-Szenarien sind unter anderem das Korea-Szenario, das Tiirkei-Szenario oder das Schweizer Szenario (vgl. Haas J. 2017 S.6). Auf diese Moglichkeiten soll in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden.

3 Empirie

Im Folgenden wird das methodische Vorgehen beziehungsweise das Forschungsdesign, das fiir diese Arbeit zur Anwendung kommt, beschrieben.

Dabei werden als erstes die Forschungsinstrumente vorgestellt. Es folgen Angaben zur Durchfiihrung des Experteninterviews und anschliefSend soll der Ansatz der Datenerhebung und der Datenauswertung hinsichtlich der durchlaufenen Dokumentenanalyse beschrieben werden. Letztlich werden generelle Aussagen zur Aussagekraft der Daten, die mit den Forschungsmethoden in Verbindung stehen, getroffen.

3.1 Forschungsdesign

Fiir die empirische Arbeit ist es notwendig, eine geeignete Methodik zu finden, die aussagekraftige Ergebnisse liefert, um die Leitfrage und weitere formulierte Unterfragen bestmoglich beantworten zu konnen. Um dies zu gewahrleisten, wird ein Methodenmix angewandt. Dafiir wird ein Interview mit einem Experten hinzugezogen, wobei zur weiteren Vertiefung des Sachverhalts sowie zur Klarung der Forschungsleitfrage eine qualitative Inhalts- bzw. Dokumentenanalyse zum Einsatz kommt, bei dessen Verfahren auf Dokumente zugegriffen wird, die bereits vorher und unabhangig vom Forschungsprozess angefertigt wurden. Beide verwendeten Methoden sind demzufolge qualitativ (vgl. Doring N.; Bortz J. 2016, S. 533).

Der Methodenmix der vorliegenden Schrift kann als sequentielles Design bezeichnet werden, bei dem die verwendeten Methoden zeitlich aufeinanderfolgend zur Verwendung kommen (vgl. Flick U. 2011 S. 81).

3.1.1 Qualitative Forschung und Giitekriterien

Bei der empirischen Forschung sind zwei wesentliche Formen der Herangehensweise zu nennen. Es handelt sich hierbei um die qualitative und quantitative Methodik. Die letztgenannte arbeitet mit Zahlen, GrofSen, Diagrammen oder standardisierten Fragebogen. Das macht die Ergebnisse direkt vergleichbar.

Als Gegensatz dazu ist die qualitative Methodik zu nennen. Mit dieser lassen sich komplexere Sachverhalte analysieren und subjektive Wahrnehmungen mit aufnehmen. Dies ermoglicht also, dass verstanden werden kann, welche Handlungen und Denkweisen zu bestimmten Entscheidungen gefiihrt haben.

Wie in der gangigen Literatur festzustellen ist, ist die qualitative Forschung nicht weniger aufwandig, als quantitative Forschungsmethoden. Zeitaufwand fiir die Erhebung und Auswertung eines Interviews oder einer Dokumentenanalyse sollten nicht unterschatzt werden und vor allem die Vergleichbarkeit erweist sich stets als komplexe Aufgabe (vgl. Girtler R. 2002 S.35).

Der deutsche Soziologe Philipp Mayring nennt zur Absicherung der Qualitat der Forschungsergebnisse insgesamt sechs allgemeingiiltige Giitekriterien die dem Forschungsdesign entsprechend angepasst sein sollen. Diese werden im Folgenden naher beschrieben und liegen dieser Arbeit als Vorlage zugrunde (vgl. Mayring P. 2002. S.142).

Das erste von Mayring beschriebene Giitekriterium ist die Verfahrensdokumentation, die besagt, dass die zur Analyse erarbeiteten Methoden stets detailgetreu schriftlich festgehalten werden miissen, damit eine ,Nachvollziehbarkeit' gegeben ist.

Als zweites Kriterium wird die ,argumentative Interpretationsabsicherung' angefiihrt. Sie gibt an, dass Interpretationen in sich schliissig und argumentativ begriindet sein sollen (vgl. Mayring P. 2008 S. 109).

Von grofSer Bedeutung ist aufSerdem die ,Regelgeleitetheit'. Demnach soll sich die qualitative Forschung an bestimmte Vorgehensweisen, Regeln und an ein systematisches Vorgehen halten. Einzelne Analyseeinheiten sind festzulegen, die dann systematisch und schrittweise bearbeitet werden (vgl. ebd. S.111).

Durch moglichst nahes Arbeiten an der Realitat, als auch durch die enge Zusammenarbeit und die Ubereinstimmung der Forschungsinteressen soll die ,Nahe zum Gegenstand' ermoglicht werden (vgl. ebd. S.111).

,Kommunikative Validierung' soll durch die Rekapitulation der Ergebnisse des Beforschten erreicht werden. Wird nach einer durchgefiihrten Medienanalyse beispielsweise ein Interview mit einem Beteiligten der Thematik gefiihrt und dieser kann sich in entsprechenden Resultaten der Forschung wiederfinden, kann man davon ausgehen, dass diese Ergebnisse eine gewisse Giiltigkeit besitzen (vgl. ebd. S.112).

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Der Brexit. Welche Auswirkungen könnte er auf den Industriestandort Deutschland haben?
Untertitel
Eine Medienanalyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Geographisches Institut der Humboldt-Universität zu Berlin)
Note
2,5
Autor
Jahr
2018
Seiten
58
Katalognummer
V465032
ISBN (eBook)
9783668964365
ISBN (Buch)
9783668964372
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brexit, Deutschland, UK, UnitedKingdom, Medienanalyse
Arbeit zitieren
Daniel Wischnewski (Autor), 2018, Der Brexit. Welche Auswirkungen könnte er auf den Industriestandort Deutschland haben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465032

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