Historische Textanalyse am Beispiel des Schapherders Kalenders


Hausarbeit, 2016
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kalender als Forschungsgegenstand
2.1 Geschichte des Kalenders
2.2 Das Weltbild im Mittealter
2.2.1 Astronomie und Astrologie
2.2.2 Das humorale Viererschema
2.2.3 Vermittlung des Wissens zwischen Religion und Magie
2.2.4 Aderlass und Schröpfen
2.3 Forschungsstand
2.4 Fazit

3. Theoretische und methodische Grundlegung
3.1 Einige Begriffe: Textsorten und Texte
3.1.1 Die Textsorten
3.1.2 Die Differenzierung der medizinischen Texte
3.1.3 Die Textklasse Instruktionstext
3.2 Die Problematik der historischen Textanalyse
3.3 Erläuterung der Analysemethode

4. Historische Textanalyse
4.1 Makroanalyse
4.1.1 Äußere Struktur und Aufbau des Kalenders
4.1.2 Beschreibung der interaktiven Einbettung und der Textfunktion
4.1.3 Das Titelblatt
4.1.4 Annäherung an die Intention des Verfassers
4.2 Exemplarische Analyse
4.2.1 Der Textabschnitt und die Übersetzung
4.2.2 Annäherung an die Intention des Verfassers und die Textfunktion
4.2.3 Informationsgliederung, thematische Entfaltung und Formulierungsmuster
4.2.4 Ermittlung der Akzeptanz und verständnissicheren Verfahren
4.3 Überprüfung der Hypothesen und das Zwischenergebnis

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Innerhalb weniger Jahrtausende haben die Menschen Systeme und Instrumente entwickelt, um ihre Zeit immer besser und genauer zu messen. Um das Prinzip Kalender zu verstehen, muss man festhalten, dass es sich hier um ein gedankliches Schema handelt, „das sich allmählich herausbildet, und dem verschiedene Motivationen wechselweise oder auch gleichzeitig zugrundeliegen.“1

Die Geschichte des Kalenders ist so alt wie die Geschichte der Menschheit und kulturell sehr unterschiedlich. Das Wort „Kalender“ entstammt dem lateinischen calare und bedeutet ausrufen. Ausgerufen wurde von Calendae, dem ersten Tag des Monats selbst. An diesem Tag wurden Darlehen ausgezahlt und Zinsforderungen fällig. Calendarium heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung das Schuldbuch.2 Es gibt verschiedene Kalendersysteme, heute ist weltweit der gregorianische Kalender in Gebrauch. Der Begriff des Kalenders umfasst die gedruckten Verzeichnisse der Zeitrechnung nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, mit denen wir ständig umgehen. Vorab aber wird das System der Zeitgliederung im Rahmen eines Jahres erfasst. Die ältesten heute noch bekannten Kalender stammen aus den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens.

Die Untersuchung dieser Arbeit beschäftigt sich mit den Texten des Schapherders Kalenders, dabei wird an einigen Textbeispielen historische Analyse durchgeführt. Mit dem Druckjahr 1523 ist der Text des Schapherders Kalenders als ein Dokument der mittelalterlich- frühneuzeitlichen Fachprosa einzuordnen.

Der Verfasser eines Fachprosatextes dieser Zeit verfolgte mit einem in der Volkssprache verfassten Text ein Ziel, nämlich die Darstellung der Inhalte aus einer bestimmten Perspektive.3 Der Adressat des Fachtextes bleibt dabei weitgehend anonym, welche Rolle ihm zugesprochen wird, lässt sich aber aus der Intention des Autors erschließen. Dem Leser werden bestimmte Interessen und das Vorwissen zugeschrieben, auf die der Autor im Vorwort seines Werkes einzugehen verspricht. Die historischen Fachtexte sind in einer Vielzahl von Textsorten überliefert, die noch nicht systematisch beschrieben sind.4 Die Textorganisation der historischen Fachprosa wird durch eine appellative Ausrichtung geprägt, die zwischen der informativen und appellativen Textfunktion rangiert.

So geht die zentrale Fragestellung dieser Arbeit davon aus, dass diese zwei Textfunktionen auch im Text des Schapherders Kalenders vorhanden sind. Es wird angenommen, dass es sich um einen Instruktionstext handelt, deren Erscheinung in der Volkssprache darauf schließen lässt, dass der Kalender als ein Gebrauchstext für Laien gedacht war. Unter Berücksichtigung der Problematik der historischen Textanalyse wird die Erforschung dieser Frage am Beispiel der Textstellen erfolgen.

In dem zweiten Kapitel der Arbeit wird der Kalender zunächst als Objekt der Forschung dargestellt, dabei wird auf die Geschichte des Kalenders eingegangen, das Weltbild und die Medizin im Mittelalter. Im Anschluss wird der Forschungsstand zum Thema „Kalender“ kurz skizziert, wobei auf die wichtigsten Forschungsarbeiten zu den Kalendern im deutschsprachigen Raum geachtet wird.

In dem dritten Kapitel werden die theoretischen und methodischen Grundlagen der Arbeit vorgestellt. Unter diesem Aspekt wird auf einige Begriffe zu den Textsorten5 eingegangen und auf die Problematik der historischen Textanalyse.6

Die Methode der Untersuchung richtet sich nach der Herausarbeitung zur Textsortenbestimmung von Britt-Marie Schuster7. Bei der Untersuchung erfolgt die Beschreibung der interaktiven Einbettung und der Textfunktion, Annäherung an die Intention des Verfassers, Informationsgliederung, thematische Entfaltung und Formulierungsmuster, sowie Ermittlung der Akzeptanz und verständnissicheren Verfahren. Im Anschluss an die Analyse werden die Hypothesen überprüft und das Zwischenergebnis zusammengefasst.

In dem vierten Kapitel der Arbeit werden die präsentierten Texte auf der Mikroebene untersucht. Dieses erfolgt im Anschluss auf die Makroanalyse, wobei die äußere Struktur des Kalenders und das Titelblatt untersucht werden.

Bei der Analyse auf Makroebene und besonders bei der exemplarischen Analyse wird darauf geachtet, die Merkmale eines Instruktionstextes8 festzustellen. Ein Instruktionstext zeichnet sich durch kontaktive Komplementärfunktion, syntaktische Formen des Appellierens und Formen der Chronologiesicherung. In dem fünften Kapitel der Arbeit werden die Ergebnisse der durchgeführten historischen Textanalyse zusammengefasst dargestellt.

2. Der Kalender als Forschungsgegenstand

Bei dem Phänomen „Kalender“ ging die Forschung zunächst von der Volkskunde aus, erst im Zug der Entwicklung der Sozial- und Mediengeschichte nahm die Literaturwissenschaft den Kalender in den Blick.9 Nach dem einleitenden Abschnitt zur Geschichte des Kalenders wird in diesem Kapitel die Annäherung an das Weltbild des Mittealters erfolgen, besonders an die Astrologie und Medizin. Im Anschluss darauf wird der Kalender aus der Sicht der Forschung betrachtet, wobei einige Forschungsarbeiten zu den Kalendern aus dem deutschen Sprachraum vorgestellt werden.

2.1 Geschichte des Kalenders

Vor gut fünf Jahrtausenden und ungefähr gleichzeitig mit der Schaffung erster Schrift- und Ziffersysteme, begannen die Menschen damit, deutliche Gliederung und auch die Messung der Zeit zu suchen. Die Begründer des Kalenders sind Ägypter, die im Jahr 4236 vor Christus wegen der wiederkehrenden Überflutung des Nils ihren Kalender eingeführt haben.10 Mit dem ägyptischen Kalender wurde die Zeit von Überflutung zu Überflutung gemessen. Dieser Kalender ist ein reiner Mondkalender und richtet sich nach dem Zyklus des Mondes. Das Jahr beginnt im März, hat 304 Tage, die auf zehn Monate verteilt sind.

Der christliche Kalender als Zeitweiser lässt sich bis auf die `Depositio Martyrum`von 354 zurückverfolgen.11 Der am weitesten verbreitete Kalender des Mittelalters ist der immerwährende12 Kalender `Cisiojanus`. Die zentralen Bestandteile dieses Kalenders sind im `Calendarium oeconomicum et perpetuum`(1591) enthalten: Die `Practica` hat die Vorausdeutungen aller Art, überwiegend auf die Witterung, aber auch auf Himmelserscheinungen und politische Ereignisse ausgerichtet. Dem Inhalt war auch Aderlassmännlein angefügt und eine Tafel mit den geeigneten Tagen zum Aderlass, sowie Hinweise auf Diätetik, Medikation und Kindersorge. Der zweite Teil des Kalenders enthält Anweisungen für Landbau und Haushaltsführung und ist damit der Hausväterliteratur zuzuordnen.13

Neben dem immerwährenden Kalender werden noch vier weitere bedeutsame Typen von Kalendern unterschieden: Der `Bauernkalender`, der `Historische Kalender`, der `Volkskalender` und nach Themen und Berufsgruppen spezialisierter Kalender.14

2.2 Das Weltbild im Mittealter

2.2.1 Astronomie und Astrologie

Die Welt des Mittelalters wurde von der Auffassung geprägt, in der das Weltbild als ein geschlossenes System verstanden wurde.15 Man hat angenommen, dass die Erde im Zentrum der konzentrischen Kugeln, der Sphären liegt und von denen eingeschlossen ist. Das ganze System wurde als eine riesige, aber nicht unendliche Weltzwiebel vorgestellt, die im wahrsten Sinne des Wortes in Gott geborgen war, der noch die äußerste Sphäre dieser Weltzwiebel „in seiner Unendlichkeit umgab.“16

Die Annahme von der Erde als Mittelpunkt des Planetensystems und damit des Kosmos stammt aus der griechischen Astronomie , die seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert zwei in sich unterschiedliche geozentrische Modelle entwickelt hat. Das eine dieser beiden Sphärenmodelle war das homozentrische Sphärenmodell, welches von völlig konzentrischen Kugelschalen ausging, die sich um die Erde drehen. Das andere war das sogenannte Exzenter-Epizykelmodell, das die Unregelmäßigkeiten der Planetenbahnen durch Sphären mit unterschiedlichen Mittelpunkten zu begründen versuchte. Ab dem 12. Jahrhundert und besonders im Spätmittelalter begann das zweite Modell das gängige erste Modell zu ergänzen.17 Auf der Seite 59 des Schapherders Kalenders ist die Zeichnung der Spera Mundi18 abgebildet, wo die Erde, umgeben von den Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn dargestellt wird.

Im Mittelalter wurde Astronomie hoch angesehen, sie gehörte zu einer der wichtigsten Bildungsdisziplinen an den Universitäten. „Diese Disziplin lag dem Göttlichen am nächsten, waren doch die göttlichen Himmelskörper und die Struktur des in der Bibel beschriebenen Sechstagewerkes ihr direkter Gegenstand.“19

Astronomie beobachtet die Planeten am Himmel und beschäftigt sich somit mit dem großen Makrokosmos. Als Gegenstand der Astrologie bezeichnet man dagegen den menschlichen Mikrokosmos, in dessen Bereich auch die Lehre von den zwölf Sternzeichen, auch Zeichen des Zodiakus genannt, gehört. Durch die Sternzeichen und deren Häuser werden Makro- und Mikrokosmos als miteinander verknüpft angesehen. Die Welt und der Mensch in dieser Welt werden als eine Einheit vorgestellt, wobei der Mensch im Zentrum der Welt steht.20

2.2.2 Das humorale Viererschema

Die mittelalterliche Medizin beruht in ihren Grundsätzen auf der antiken Heilkunde, deren bestimmendes Element die sogenannte Humoralpathologie oder die Viersäftelehre ist. Erstmals wurden diese Grundsätze im Hippokrates Corpus Hippocraticum dargelegt und von Galen, Theophilus, Philaterus, Johannitus u.a. weiterentwickelt.21 Die Viersäftelehre besagt, dass sich im menschlichen Körper die vier Flüssigkeiten Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle in einem ganz bestimmten, ausgewogenen Verhältnis zueinander befinden. Diese Kardinalsäfte werden als die physiologischen Entsprechungen der vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft angesehen und mit den Qualitäten Trockenheit, Feuchtigkeit, Wärme und Kälte in Verbindung gebracht. Laut Humoralpathologie, befinden sich bei einem gesunden Menschen die vier Lebenssäfte, das sind Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle im Gleichgewicht. Wenn dieses Gleichgewicht auseinander gerät, wird der Mensch krank.22 Dementsprechend war die Aufgabe der Heilkundigen „für die gesunde Säftemischung zu sorgen und die Medikamente nach ihren dominierenden Qualitäten oder Komplexionen zu verordnen.“23

Für die Therapie sind daher die ableitenden Maßnahmen typisch, mittels derer die „ungesunde“ Flüssigkeit ausgeschieden (Aderlass, Schröpfen) bzw. abgeführt wird (Klistier). Als Arzneien stehen dabei Abführ-, Brech- und schweißtreibende Mittel im Vordergrund. Im Rahmen einer Wissensordnung der Ähnlichkeit sind die vier Säfte in endlose Analogieketten, die Elemente (Erde, Luft, Wasser, Feuer), Qualitäten (warm, kalt, trocken, feucht), Charaktertypen, bzw. Temperamentenlehre (Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker, Melancholiker) umfassen, eingebunden.24

Die Medizin im Mittelalter gehörte zu den unfreien Künsten. Die Stellung des Arztes wurde von den antiken und römischen Vorstellungen, sowie des Christentums geprägt. Trotz der hohen gesellschaftlichen Stellung wissenschaftlich ausgebildeter Ärzte in Rom, vor allem im Umkreis vom Kaiserhof, war die soziale Stellung des Arztes den unteren sozialen Klassen zugehörenden Handwerkers gleich.25 Nach dem Niedergang des römischen Reiches und in den ihm folgenden Germanenreichen blieb das soziale Ansehen des Arztes prinzipiell unverändert. Die universitäre Ausbildung der Ärzte erfolgte seit dem 11. Jahrhundert in der Medizinschule zu Salerno und später in der Medizinschule zu Montpellier.

2.2.3 Vermittlung des Wissens zwischen Religion und Magie

Heutzutage gibt es keine Definitionen, die den Sinn der mittelalterlichen Vorstellungen vollständig wiedergeben können. Die Forschung kann lediglich „ein brauchbares Analyseraster zur Verfügung stellen.“26

Die Besonderheiten der medizinischen Heilverfahren bestehen darin, dass ihre Wirkung über die direkte Stoffverbindung entfaltet wird, ihre Anwendungen wurden aus Beobachtungen erschlossen, spirituelle Kräfte werden als nicht relevant erachtet, die Wirkung der Mittel ist an die Befolgung der Rituale (Festlegung der Zeit, des Ortes, der Handlung) gebunden.27 Dabei lassen sich die Unterschiede zwischen den religiösen und magischen Praktiken feststellen. Die Umsetzung des eigenen Willens durch sympathetische Verknüpfung war im magischen Verfahren grundlegend, im religiösen dagegen – war der menschliche Wille dem Glauben an Gott unterworfen. Dabei wurden Gesundheit und Krankheit als „in Gottes Hand gestellt“28 angesehen. Als Mittel der Prophylaxe und Therapie dienten bei dem religiösen Verfahren die Gebete zu Gott und die Ausrufungen der Heiligen.

Bei der Wissensvermittlung der religiösen und magischen Verfahren ist wichtig festzuhalten, was „erlaubt“ und was als „verboten“ angesehen wurde. Alles, was von der Kirche sanktioniert und im Vertrauen auf Gottes Hilfe angesehen wurde, zählte zu den legitimen Handlungen. Die Berufung auf Dämonen, die Verwendung von Zeichen und Texten, die von Christentum abweichen, wurde dagegen als illegitimer Aberglaube betrachtet. Die schulmedizinischen Praktiken werden im Mittelalter durch natürliche Zusammenhänge begründet, unter anderem durch die Einnahme der Arzneimittel, die aus den materiellen Stoffen bestehen. Für die religiösen Heilmethoden sind das Christentum und das Gottesbild ausschlaggebend. Die magischen Praktiken beruhen auf der Vorstellung von der Sympathie und Analogie im Kosmos, dabei werden sowohl im religiösen als auch im magischen Bereich die sprachlichen Handlungen als medizinisch wirksam angesehen.

2.2.4 Aderlass und Schröpfen

Im Lexikon des Mittelalters wird Aderlass als „partielle Lehnübersetzung“ von lateinischem Wort venaesectio definiert und eines der „geläufigsten therapeutischen Verfahren“29 der mittelalterlichen Heilkunde bezeichnet. Bereits in der Zeit vor Salerno verfügt die antike Medizin über mehrere Aderlaßtraktate, deren Zahl im Laufe der Zeit stark anwächst und seit dem 14. Jahrhundert das Aderlaßbüchlein prägt, jenes Taschenbuch des Heilkundigen, das auf Krankenbesuche mitgenommen wurde. Der Aderlass ist topgrafisch festgelegt und wurde an bestimmten Stellen durchgeführt, angebunden an die Zeichnungen der Venen, die schematisch an der Figur des Männleins dargestellt wurden. Das Aderlassmännlein erleichterte dem Heilkundigen das Finden der Vene. Die Stellen, an denen das Blut gelassen wurde, waren auf Organe oder Regionen bezogen und wurden in das System der Humoralpathologie eingebunden. Die Indikationsstellung war der lunaren, zodiakalen und jahreszeitlichen Rhythmen zugeordnet. Die Listen der Verworfenen Tage und Erwägungen der Komplexionen- sowie Lebensalter-Lehre machten den Aderlass immer komplexer, sodass im Spätmittelalter Aderlasskalender entstanden. Der Aderlass wurde sowohl therapeutisch als auch prophylaktisch durchgeführt und spielte eine besondere Rolle bei der Pesttherapie. Die Blutentnahme berücksichtigte den Krankheitsablauf und wurde in der Blutschau ausgewertet. Die von der Binde aufgestaute Vene öffnete man mit einem speziellen medizinischen Werkzeug30, das Blut lief in ein Gefäß rein und wurde aufgefangen.

Als eine Form des Blutentlassens entwickelte sich neben dem Aderlass auch das Schröpfen. Als Methode der örtlichen Blutableitung bekannt, gehört das Schröpfen zum geläufigsten von insgesamt acht Verfahren der Humoralpathologie.31 Beim Schröpfen wollte man dem Körper mit dem Blut ungesunde Säfte entziehen. Als Therapie ist das Schröpfen bereits im Altertum bekannt und wurde von den griechischen und ägyptischen Ärzten angewendet. Für die Schröpfstellen gab es seit dem 13. Jahrhundert bildliche Darstellungen nach der Art des Aderlassmännleins (für das Nass-Schröpfen) bzw. nach der Art der Brennstellen-Schemata (für das Trocken-Schröpfen). Seit Beginn des 14. Jahrhundert sind die Schröpfstellentabellen bekannt, die sowohl in Latein als auch in der Volkssprache abgefasst wurden und für Bader und Barbiere bestimmt waren.

2.3 Forschungsstand

Bereits 1852 beschrieb Wilhelm Heinrich Riehl den Inhalt und die Funktion der Kalender, er betrachtete die Kalender „als offensichtliche Zeichen für die Mentalität und Bedürfnisse der Benutzer.“32 Die spätere Forschung ging zunächst von der Volkskunde aus, die Literaturwissenschaft nahm das Phänomen „Kalender“ erst im Zug der Entwicklung der Sozial- und Mediengeschichte in den Blick. Dabei wird nach Produktion und Distribution gefragt sowie nach sozialen und historischen Kontexten und Rezeptionsverläufen.

In seiner 1905 erschienenen Studie untersucht Paul Heitz hundert Kalender-Inkunabeln33 und stellt fest, dass die in der Volkssprache erfassten Kalenderblätter in Deutschland am weitesten verbreitet waren.34 Heitz bestätigt den großen Anteil des astrologischen und medizinischen Wissens in den Inhalten der Kalender. Die Verfasser der ersten Kalender sieht Heitz eher in der Berufsgruppe der Ärzte.35

In chronologischer Reihenfolge untersucht Adolf Dressler in seiner 1972 erschienenen Studie Kalender-Kunde verschiedene Arten von Kalender. Die ersten deutschen Kalender beschreibt er als „kunstlose Vierzeiler“36, in denen „auf die Monatsbilder“ „die Bilder der Tierkreiszeichen und der Planeten“37 folgen. Dresler ist der Meinung, dass Ärzte den medizinischen Teil in den Einblattkalendern verfasst haben.38 Als mögliche Verfasser neben den Ärzten nennt Dresler die Astronomen. In seinem Buch Kalendergeschichte und Kalender (1978) untersucht Ludwig Rohner die Geschichte der deutschen Kalender. Der Autor ist der Meinung, dass die Verfasser der Kalender möglicherweise Ärzte, Astronomen und Liebhaber der magischen Künste sind.39 Rohner weist auf die Problematik des Kalenders hin und betont, dass der Kalender als Teil der Verbrauchliteratur meistens nur auf ein Jahr begrenzte „Haltbarkeit“ hatte und danach entsorgt wurde, sodass es oft sehr schwierig ist, alte Exemplare zu finden. Die frühen Kalenderzentren vermutet Rohner in Nürnberg und Augsburg.40

In ihrer 1981 erschienenen Studie Medizinisch-astrologische Volkskalender untersucht Maria Mitscherling die Handschrift eines Volkskalenders aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert und stellt fest, dass der Kalender als eine Art des Hausbuches gesehen werden kann.41 „Immer wieder neu versucht unsere Handschrift Antwort zu geben auf die Frage, welches Wissen dem Menschen nützlich sein könnte für die Bewältigung seines Alltags.“42

Helma Reimöller zählt in ihrer Studie Lehren für Hausherren: Kalender im späten Mittelalter (1991) die Kalender zu einer Art Hausbuchliteratur43 und betont dabei die unmittelbare Gebrauchsorientierung für den ländlichen Bereich.

Stephan Giess untersucht in seinem 1999 erschienenen Aufsatz die Wissensvermittlung im Volkskalender des 18. Jahrhundert und stellt fest, dass „astrologisch berechnete Empfehlungen, Wettervorhersagen und der Aderlassmann blieben bis weit ins 19. Jahrhundert unverzichtbare Bestandteile eines jenen Kalenders, der ein größeres Publikum erreichen wollte.“44 Das Wissen, dass im Kalender vermittelt wird, ordnet der Autor dem ländlichen Bereich zu.

2.4 Fazit

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die meisten Autoren den großen Umfang des astrologischen und medizinischen Wissens in den in den Inhalten der Kalender bestätigen. Der mittelalterliche Kalender steht dem Begriff Hausväterliteratur sehr nahe, das Wissen ist stark auf den ländlichen Bereich ausgerichtet, die Verfasser der Kalender werden unter Ärzten und Astrologen vermutet.

Die mittelniederdeutschen Kalender sind noch sehr wenig erforscht. Die Untersuchung dieser Arbeit soll ein Beitrag zur historischen Textanalyse der mittelniederdeutschen Kalender sein, besonders des Schapherders Kalenders und in diesem Zusammenhang des wissensvermittelnden Textabschnittes zum Aderlass und Schröpfen. Die Untersuchung der Arbeit versucht festzustellen, mit welchen sprachlichen Mitteln der Verfasser des vorliegenden Textabschnittes das medizinische Wissen an einen, räumlich und zeitlich von ihm getrennten Gesprächspartner zu vermitteln versuchte.

[...]


1 Wendorff 1993, S. 9.

2 Vgl. Rösch 2000, S. 214.

3 Habermann 2014, S. 22.

4 Vgl. ebd. S. 20.

5 Vgl. Brinker 2010, S. 125.

6 Vgl. Pfefferkorn 1998, S. 399-415.

7 Vgl. Schuster 2004, S. 43-65.

8 Vgl. Möhn 1991, S. 200-202.

9 Vgl. Rösch 2000, S. 216.

10 Vgl. Dunkan 1999, S. 7.

11 Vgl. Rösch 2000, S. 215.

12 Als drehbare Scheibe oder Tabelle gestaltetes Instrument, womit die Tage des Jahres sowie die Planetensymbole im Voraus bestimmt werden konnten.

13 Vgl. Rösch 2000, S. 215.

14 Vgl. Rösch 2000, S. 214.

15 Vgl.Simek 1992, S. 16.

16 Simek 1992, S. 16.

17 Vgl Simek 1992, S. 17.

18 Spera Mundi: die Weltsphären

19 Hamel 2006, S. 54.

20 Vgl. Finkh 1999, S. 441.

21 Vgl. Assion 1973, S. 133.

22 Vgl. Schröder 2012, S. 349.

23 Assion 1973, S. 134.

24 Vgl. Derschka 2013, S. 15.

25 Vgl. Baeder 1980, S. 1098.

26 Schröder 2003, S. 13.

27 Rotschuh 1978, S. 9, Schröder 2003, S. 13.

28 Schröder 2003, S. 14.

29 Keil 1980, S. 151.

30 der Fliete

31 Keil 1995, S. 1571.

32 Rösch 2000, S. 216.

33 Frühe Erzeugnisse des Buchdrucks mit beweglichen Lettern.

34 Heitz 1905, S. 2.

35 Vgl. Heitz 1905, S. 13.

36 Dressler 1972, S. 26.

37 Dresler 1972, S. 26.

38 Vgl. Dresler 1972, S. 19.

39 Vgl. Rohner 1978, S. 31.

40 Vgl. Rohner 1978, S. 21.

41 Vgl. Mitscherling 1981, S. 9.

42 Vgl. Mitscherling 1981, S. 18.

43 Vgl. Reimöller 1991, S. 190.

44 Giess 1999, S. 38.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Historische Textanalyse am Beispiel des Schapherders Kalenders
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
30
Katalognummer
V465544
ISBN (eBook)
9783668923966
ISBN (Buch)
9783668923973
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schapherders Kalender, Linguistische Textanalyse, mittelniederdeutsche Kalender, Mittelniederdeutsch
Arbeit zitieren
Olga Gärtner (Autor), 2016, Historische Textanalyse am Beispiel des Schapherders Kalenders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465544

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