"Die soziale Wirklichkeit der Symbole". Ernst Cassirers Kulturphilosophie im Reflex auf die gegenwärtige Kommunikationsgesellschaft


Bachelorarbeit, 2011
45 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort - Allgemeine Intention der Arbeit

1 Uberblick: Problemaufbau und methodisches Vorgehen

2 Uber Symbole und symbolische Formen
2.1. Zur allgemeinen Systematik des Symbolbegriffs
2.2 Die Welt im Verstandnis Ernst Cassirers

3 Symbolwelten - Das Leben in Symbolnetzen
3.1 Kulturelle Programmierung
3.1.1 Die Begrenzung des Ich im Erkennen des kollektiven Wir
3.1.2 Soziales Handeln in symbolischen Erlebniswelten
3.2 Inhalt und Wandel (in) der Zeit
3.2.1 Revolution der Abstraktion
3.2.2 Die symbolische Befreiung uber die Medien

4 Die Macht der neuen Wahrnehmung
4.1 Die Herauslosung des Ich in der aktuellen Symbolwelt
4.1.1 Das Ersetzen von Emotionen in der Abstraktion der Wirklichkeit
4.1.2 Das Soziale Netzwerk als medial inszenierter Handlungsraum
4.2 Wirklichkeitskonstruktionen einer Medienkultur
4.2.1 Bewusstsein uber den und im Umgang mit Symbolen
4.2.2 Das Logo als Beispiel einer gezielt eingesezten Symbolisierung

5 Wege / Wagnis einer neuen sozialen Wirklichkeit
5.1 Die Kraft der Gedanken - Praktische Symbolgenerierung (Exkurs)
5.2 Inszenierte Gottlichkeit - Ideen zu Suggestion und Manipulation

6 Fazit in visionarer Absicht
6.1 Ergebnisdarstellung in Anlehnung an Alfred North Whitehead
6.2 Zusammenfassende Betrachtungen zum gedanklichen Ausbau

Zitierte Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Allgemein semiotisches und semantisches Dreieck bei Frege, in Ansatzen zusammenfuhrend ubernommen: siehe online unter Semiotik bei Wikipedia, SteinundBaum (2011), URL: [http://de.wikipedia.org/w/index.php? title=Datei:Semiotischesdreieck.jpg&filetimestamp=20in013201316]; Hartmann, Lutz: Semantisches Dreieck nach Gottlob Frege, online unter URL:[http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Semantisches_Dreieck_Fre ge.jpg&filetimestamp=20070202092419] (2.2.2007)

Abbildung 2: Prasentative und diskursive Symbole bei S. K. Langer (1957) in Erweiterung der Subkategorisierung durch Lorenzer (1984), ubernommen aus Anderson, Stefan: Rituale in der religiosen Erziehung und Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung.Einfuhrungsvortrag fur das 3.Treffen des Forum Religionspadagogik & Geistigbehindertenpadagogik, gehalten am 27.Mai 1999, Lubeck

Abbildung 3: Komplexitat der Logoentstehung - Personlichkeitskonstruktion von Unternehmen im vergleichender Darstellung mit den identitatsbildenden Symbolisierungsprozessen zur Konstitution des menschlichen Ichs (eigene Darstellung)

Abbildung 4: Schematische Darstellung des Cassirerschen Theoriekonstruktes, ubernommen von Pochat, Gotz:Symboltheorien und Weisen der Welterzeugung.In: Institutionalitat und Symbolisierung: Verstetigung kultureller Ordungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart / im Auftr. des SFB 537 hrsg. von Gert Melville. - Koln; Weimar; Wien: Bohlau 2001. S.80

Abbildung 5: Interdisziplinare Ansatz- und Bezugspunkte hinsichtlich der Nutzung von Symbolen (eigene Darstellung)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beispielhafte Darstellung der grundlegenden geistigen Funktionalitaten und moglicher Erkenntnisausrichtungen in ihrer entsprechenden Zuordnung zu wesentlichen symbolischen Formen

Tabelle 2: Schematischer Entwurf zur Zusammenfassung der prozessualen Erfassungsebenen des Symbolischen und dessen Bedeutungszusammenhangs in der Verbindung der beiden Theoriekonstrukte Cassirers und Whiteheads (eigene Darstellung)

Vorwort - Allgemeine Intention der Arbeit

Die Motivation zu dieser Arbeit entwickelte sich im Verlaufe meines Universitatsstudiums, aus einer resumierenden Einsicht in ein interdisziplinares Feld wissenschaftlicher Erkenntisse. Dabei lasst sich ihre Ausrichtung, unter dem Faktum eines vorarangestellten Medieninteresses, grundlegend an den Bereichen der philosophischen und kulturellen Kommunikationsforschung bestimmen. Ihre erkenntnissbringende Entsprechung soll als Offerte eines, empirisch fundierten und trotzdem neuartigen Wirklichkeitsentwurfes verstanden werden, den es weiterzuentwickeln gilt.

In einem ganzheitlichen Panorama der Welt konstatiert sich, hinsichtlich der Existenz einer Vielzahl menschlicher Individuen, die Tatsache, dass ein gemeinschaftliches Leben moglich ist. In einem Prozess naturlicher Notwendigkeit hat sich unsere Welt zu einem Ort entwickelt, an dem das kollektive Sein in, mehr oder weniger, geordneten Wegen verlauft. Dieser Umstand lasst erkennen, dass es, in Hinblick auf die gesellschaftliche Dimension jenes Zusammenlebens, zum Ausbau gewisser soziokultureller Strukturen gekommen sein muss. Die soziale Wirklichkeit lasst somit auf die Annahme einer ihr inharenten Dynamik schlieBen. Die Art subjektiver Orientierung unterliegt dabei einerseits der historischen Rahmung durch kulturell vermittlte Inhalte, birgt jedoch, in ihrer spontanen Einzigartigkeit, auch eine Menge an praktischen Fragehorizonten.

Solch ein komplexes Prinzip der gesellschaftlichen Entwicklung obliegt allerdings auch dem treibenden Element einer Kommunikation, die als Trager einer derartigen sozialen Ordnung fungiert.1 So enthalt diese, wenn man so will den existenziellen Ansatzpunkt, um die individuellen und sozialen Relationen des Menschen und dessen Eingepasstheit in die Dimensionen des Weltlichen erfassen und letztendlich verstehen zu konnen.

Dieses Ausgangspunktes bedient sich auch Ernst Cassirer in seiner Philosophic der symbolischen Formen2 und begrundet daruber eine neue Auffassung der Welt, deren „[...]ermoglichende Bedingung [sich darin auftut] die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Erfahrungsformen zur Einheit zu bringen, jedoch ohne die Differenzen letztendlich endgultig aufzuheben.“3 Wobei er das Symbol als den Schlussel, sprich eben das Element herausstellt, das uns den Zugriff zu dieser Pluralitat welterschlieBender menschlicher Funktionen ermoglicht.

Ausgehend von der Annahme, dass uns Menschen die, uns umgebende Realitat, sei sie nun naturlicher, kunstlicher oder sozialer Beschaffenheit, nur durch die Verwendung von Symbolen zuganglich ist, soll sich diese Arbeit entlang des Gedankens Ernst Cassirers entwickeln. Desweiteren sieht dieser die Verankerung jener Symbolisierungsprozesse im Begriff des Geistes, sprich dem menschlichen Denken4 und dahingehend stellt sich erneut die Frage einer weiteren pragmatischen Anwendung.

Denn wurde das nicht bedeuten, daB eine Wirklichkeit bestehend aus Symbolen, die wir uns selbst erschaffen, die Moglichkeit oder sogar das bedingende Element einer subjektiven Steuerung enthalt? Inwieweit ist es dann dem Menschen moglich sich diese der bewussten Kontrolle zu unterwerfen?

Im Zentrum dieser Arbeit soll, in gegenwartiger Betrachtungsweise, dargestellt werden an welchem Punkt sich die soziale Welt, in Einsicht dieser Anschauungsgrundlage, befindet und inwiefern sich der bewusste Umgang damit in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft niederschlagt. Dabei lag eine besondere Herausforderung in der Erfassung der Interdisziplinaritat, deren vielseitige Verwendungen dieses Verstandnisses, es in der Ganzheit einer geisteswissenschaftlichen Vision zusammenzufugen galt.

1 Uberblick: Problemaufbau und methodisches Vorgehen

Zielsetzung der Arbeit ist es, uber die FuBstapfen Ernst Cassirers hinaus, den Menschen, als sinnliches Zentrum eines ubergeordneten symbolischen Netzwerkes zu betrachten, zu begreifen und verstehen zu lernen, inwiefern es der Macht des einzelnen Subjekts unterliegt, sich, in Auseinandersetzung mit dieser Positionierung, seine soziale Wirklichkeit selbst zu erschaffen.

In gegenwartigem Bezug zu einer, bis dato entwickelten Medienkultur, interessiert dabei, vor allem anderen, in wie weit sich eine solche, doch eher philosophische Betrachtungsweise, fur die Koordinierung individuellen, sowie kulturellen Handelns zu Nutze gemacht werden kann und bereits zu Nutze gemacht wird.

So soll diese Arbeit dem Leser einerseits, als eine Ubersicht uber eine wissenschaftsubergreifende und abstrakt konzipierte Weltanschauung dienen, die den Menschen in einem ubergeordneten Sinnzusammenhang setzt. Daruberhinaus soll ihm das Tor zu einem Denken geoffnet werden, das ihm, uber die Mittel einer bewusst eingesetzten Kommunikation, aktiven Zugang zu dieser verschafft.

Ein weiteres kontextuellen Bestreben dieser Arbeit besteht darin, hinsichtlich der vorherrschenden Kommunikationsverhaltnisse, eine zukunftsweisende Diskussionsgrundlage zu erschaffen, auf deren Fundament sich weiterfuhrende Gedanken und Ideen entwickeln lassen. Eine Gewahrleistung dessen macht es zwingend erforderlich, in einem ersten theoretischen Schritt, den konzeptuellen, sowie terminologischen Bezugsrahmen so gezielt, wie nur moglich abzustecken.

Der erste Teil der Arbeit dient demnach, in analytisch-programmatischer Ausrichtung, der Festlegung und Eroffnung des Zugangs zur Thematik an sich, auf den sich dann die philosophische Bearbeitung des praktischen Fragehorizontes anschlieBen kann. Vor diesem Hintergrund sollen dabei, im ersten Arbeitsteil, die kulturphilosophischen Ausfuhrungen Cassirers, als empirischer Forschungsansatz dienen.

Der darin enthaltene Gegenstandsbereich der symbolischen Form, wie er ihn insbesondere in seinem drei-bandigen Werk zur Philosphie der symbolischen Formen, als eine Reorganisationsmoglichkeit der Weltbetrachtung konzipiert, soll, dabei Dreh-und Angelpunkt des Argumentationsaufbaus der folgenden Uberlegungen werden. So dient der erste Abschnitt als Einstieg in die thematische Fragestellung und entfaltet sich uber den Symbolbegriff, wie ihn auch Cassirer explizit macht.

Ganz im Sinne der darin verhafteten progressiven Wirklichkeitsreflexion, ist es Ziel diesen ersten Abschnitts, die komplexe Systematik fur die darauf folgenden Untersuchungen einzugrenzen und entsprechend greifbar zu machen. Die Cassirersche Idee einer Wirklichkeitsbetrachtung, in welcher es gleichzeitig moglich ist, die Einheitlichkeit der Erfahrungsformen einzufangen und (beziehungsweise gerade erst mit einer solchen Bestimmung) einzelne Facetten dieser herauszustellen, ohne dem Grad ihrer Differenzierung aufhebend entgegenzuwirken, dient somit als Nahrboden und kunftiger Interpretationsrahmen. Gekoppelt an die Frage nach dem Verortung des verwendeten Symbolbegriffs5 wird somit zunachst dessen Zusammensetzung und Bedeutung fur die Eigenart menschlichen Seins und ein folglich behandeltes Programm kulturellen Denkens erlautert.

Die Aufgabe des nachsten Schrittes besteht nun in der Instrumentalisierung jener Erkenntnisgrundlage. Um dem Argumentationsgang entsprechen zu konnen, bedarf es nun einer Ausweitung des eben rekonstruierten thematischen Zugangs. Das Symbolverstandnis, im engeren Sinne, soll deswegen, durch Einbettung in eine soziale Wirklichkeitsbetrachtung, erweitert und vervollstandigt werden. Darauf aufbauend wird, im folgenden, eine gegenwartig verhaftete Kulturanalyse im angestrebten Begreifen der Symbolwelten moglich.

Mittels ausgewahlter Beispiele soll im dritten Abschnitt dann ein Bild der Welt entworfen werden, wie es nur angesichts des Bewusstseins uber die Existenz jener Symbolnetzwerke sichtbar wird. Es geht um das Verstandnis des Menschen, als Teil einer Kultur, die sich unbewusst, aber auch, und vor allem, bewusst uber die vorher erlauterten Symbolisierungsmechanismen und einen gezielt gesetzten Umgang damit konzipiert und weiterentwickelt.

Im Anschluss an die gewonnenen Erkenntnisse, werden vermeintlich darin enthaltene Problematiken noch einmal einer spezifischeren Betrachtung unterliegen .

Im Sinne einer schemenhaften Zusammenfuhrung der Ergebnisse mit anderen fachubergreifenden Ansatzen soll die Arbeit dann vervollstandigt werden. Daraufhind wird, in einem visionar gehaltenen Fazit, der Diskussionsansatz moglicher Losungs- und

Entwicklungswege fur die kulturelle Praxis im allgemeinen, sowie das soziale Handeln im einzelnen den Abschluss der Arbeit bilden.6

2 Uber Symbole und symbolische Formen

Dieses Kapitel stellt, hinsichtlich der Zielsetzung, einen der Eckpfeiler der Arbeit, bei der Ausarbeitung der wissenschafts-theoretischen Analysegrundlage, dar. Es beschafftigt sich mit dem Begriff des Symbols, wie wir ihn, in seinem gesamtheitlichen Bedeutungsumfang, auch in der Anwendung durch Ernst Cassirer erfahren.

Wenn wir uns, darauf aufbauend, einer Betrachtung sozialer Praxis, in irgendeiner Art und Weise nahern wollen, ist es unumganglich, in Vorraussetzung dazu, den entsprechenden Interpretationsrahmen zu bestimmen. Besonders wenn es sich um einen so weitlaufigen Begriff, wie den des Symbols handelt. Dass es sich bei dieser Aussage um eine Tatsache handelt, offenbart sich in seiner so differenzierten Verwendung durch die verschiedensten Fachgebiete. So findet er unter anderem Anwendung in der Religion, der Wirtschaft oder den Bereichen der Naturwissenschaft. Einer allgemeinen Annaherung an den intendierten Begriffsrahmen, in welcher Bezug auf angrenzende Forschungsfelder genommen wird, folgt die Spezifizierung durch den Begriff der symbolischen Formen, wie ihn Ernst Cassirer entwickelt.

2.1 Zur allgemeinen Systematik des Symbolbegriffs

Unbedeutend in welcher Auslegung man den Begriff des Symbols betrachtet, grundet er sich doch immer auf den Gebrauch als Bedeutungstrager, als ein representatives Sinnbild, das in darstellender Weise, dem Ausdruck geistiger Funktion unterliegt. Dabei steht ein Symbol, seiner Beschaffenheit nach, stets in funktionaler Verbindung, zum Begriff der Identitat. Hinsichtlich der reprasentativen Vermittlung einer solchen verweist er daruberhinaus auf einen orientierungsschaffenden Prozess, den existenziellen Vorgang der unserer Welt zu einer Ordnung verhilft.

Inwiefern sich im Symbolbegriff eine derartige Systematik offenbart, soll die folgende Abbildung noch einmal verdeutlichen. Die Semiotik, an welche die Darstellung anlehnt, richtet den Fokus dabei auf die informative, kommunikative und deutende Zeichenfunktionalitat, die ihm innewohnt und erfasst ihn intentionell, indem sie ihren Untersuchungsgegenstand als „einen zentralen Bereich der Kultur“7 versteht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

In ihrer Wesensausrichtung lieBen sich Symbole zum Beispiel auch allgemein gliedern in:

-logische/wissenschaftlich-mathemathische (Begriffe, Bezeichnungen)
-sprachliche (sinnhaltige Wortzusamenschlusse/-verwendungen)
-asthetische (Form, Struktur, Fluktuation)
-mythische (darunter kulturelle und religiose Symboliken)
-soziale. (darunter wirtschaftliche, politische oder rechtliche Symboliken)8

In den historisch-vergleichenden Forschungsbeitragen eines Sonderbereichs des Dresdener Forschungsverbundes zur Institutionalisierung und Geschichtlichkeit (SFB 537), nimmt Karl- Siegbert Rehberg in einer einleitenden Darstellung zur Systematik des Buches daruberhinaus, eine Einteilung moglicher Symbolformen am Beispiel von Typen institutioneller

Verkorperung vor. Er unterscheidet dabei, in oberster Instanz der institutionellen geselschaftlichen Instrumentalisierung, folgende Kategorien:

-Leib-Symbole
((a) in personeller Hinsicht: Korperinszenierungen durch Kleidung oder Ritual)
((b) in uberpersoneller Verkorperung: charismatische Krafte)
- Ding-Symbol (beispielsweise in Bedeutung von Grabbeigaben manifestiert)
- Raum-Symbole (architektonische Bauwerke, etwa Parlamentsgebaude)
- Zeit-Symbole (in Deutungserkennung geschichtlicher Konstruktionen)
- Text-Symbole (schriftlich fixierte Form, etwa in Verfassungen)9.

Rehberg schafft in Form dieser uberreiBenden Kategoriesierung sozusagen einen makrokosmologischen Uberblick uber die Bedeutung der Symbolizitat fur den Menschen und das, ihn umgebende, soziale Netzwerk der Gesellschaft. Dieses Prinzip der Symbolbedeutung lasst sich nun, in diesem Zusammenhang bis in die mikrokosmologische Dimension des individuellen menschlichen Subjekts weiterverfolgen. So lassen sich hier, bis in die kleinsten personellen Interpretationsgefilde, die Symbolisierungsmechanismen des Menschen erklaren, wie sie etwa unter den Begrifflichkeiten von Macht- oder Stautsymbolen anzusiedeln sind.10

Die Zusammenstellung der Forschungsergebnisse des SFB 537 konstituieren sich damit in systematischer und interdisziplinarer Weise auf einem Begriff des Symbols, wie ihn auch (und vor allem) Ernst Cassirer, in seinen Studien zu dieser Thematik, herausgearbeitet hat.11 Die Verbindung zu den, in dieser Arbeit vorliegenden, Bestrebungen, bringt Rehberg mit dem folgenden Satz zur Symbologie auf einen zusammenfassenden Punkt: „Aber Symbole vermittelten immer nicht nur Welterkenntnis, sondern ermoglichen auch Weltbeeinflussung.“12

Ausgehend davon unternimmt Susanne K.Langer in ihrer Untersuchung eine weitaus grobere Differenzierung. Die Darstellung moglicher Erfassungshorizonte des verwendeten Symbolbegriffs soll damit, an dieser Stelle, auch zum Abschluss gebracht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

2.2 Die Welt im Verstadnis Ernst Cassirers

Die Ubernahme des Cassirerschen Gedankens, in bedingender Vorraussetzung dieser Arbeit, erklart sich aus drei wesentlichen Gesichtspunkten. Diese sollen, dem benotigten Symbolverstandnis, systematisch zu einer abschlieBenden Rahmung verhelfen sollen :

Zum einen stellt der konstitutive Symbolbegriff Ernst Cassirers eine Moglichkeit zur Uberwindung des dualistischen Substrats intendierten Realitatserfassungen dar. Er richtet den Blick auf die Gesamtheit menschlicher Ausdrucksformen, so wie sie, das Feld interdisziplinarer anthropologischer Forschung, bisher noch nicht hinterfragt hat. So grenzt sich sein Weltverstandnis dahingehend von den metaphysischen Daseinsbetrachtungen ab, daB er nicht einer zwiespaltigen Tendenz erliegt. Es ist nicht sein Anliegen den Gehalt der Wahrheit, in sich geschlossen, entweder an der einen, fur uns gegenstandlichen Welt oder in der rein geistigen des Bewusstseins auszumachen. Der Symbolbegriff besitzt fur ihn einen energetischen Gehalt, den er zwischen uns und die Gegenstande setzt. Das Symbol wird als das Medium herausgestellt, das uns zu subjektiver, sowie kultureller Erkenntnisubermittlung uberhaupt erst befahigt.

Desweiteren gelangt man mit dem Begriff der Form, wie ihn Cassirer, herausarbeitet zu einer Gewichtung der gegenwartigen Instanz zeitlicher Reflexion. Diese umfasst eine Verortung der raum-zeitlichen Gegebenheiten, wie sie auch in der vorliegenden Arbeit von besonderer Bedeutung sein wird.

„Aller geistiger Inhalt ist fur uns notwendig an die Form des Bewuhtseins und somit an die Form der Zeit gebunden. Er ist nur sofern er sich in der Zeit erzeugt, und er scheint sich nicht anders erzeugen zu konnen, als dadurch, dah er sogleichwieder verschwindet, um der Erzeugung eines anderen neuen Raum zu geben. So steht alles Bewuhtsein unter dem Heraklitschen Gesetz des Werdens.[...] Es kann sich von der Zeitform als solcher nicht befreien, denn in ihr besteht und auf ihr beruht ihre eigentliche Wesenheit. Und doch soll andererseits in dieser Form ein Gehalt nicht nur entstehen, sondern erstehen; aus dem blohen Werden soll sich ein Gebilde, eine Gestalt, ein >>Eidos<< losringen.“13

Jede Fixierung einzelner Wahrnehmungsinhalte vollzieht sich eigens, indem das entsprechend objektivierte Gefuhl in eine Form ubertragen wird, die wiederum uber sich hinaus weist. Sodann geht jede Perspektivierung von sinnlichen Einzelmomenten, soll sie zu Bestand in der erfassten Welt gelangen, einher mit der Einbettung in ein Sinnganzes.

„Die Gegenwart des Jetzt empfangt den Charakter nur durch den Akt der Vergegenwartigung, durch den Hinweis auf Vergangenes und Kunftiges, den sie in sich schliefit. Hier tritt demnach die >>Reprasentation<< nicht zur >>Prasentation<< hinzu, sondern sie ist es die den Gehalt und Kern der >>Prasenz<< selber ausmacht.“14

Mit der Nutzungszuweisung des Bildungsprozesses symbolischer Formen, als dem menschlichen Zugang zur Lebenswelt, stellt Cassirer demnach eine neue Art von Gegenwartsbezug her. In Gedachtnis, Anschauung und Erwartung werden hier alle zeitlichen Seinsmodi miteinander vereint. Anhand von Symbolen ist dem Menschen neben dem faktischen, damit auch einer ideeler Entwurf, eines Weltbildes moglich, der allein auf der abstrakten Vorstellung grundet. So ist er, im reinen Denken, befahigt neben dem lebensweltlichen auch andere, wie etwa den mathemathischen Raum zu entwickeln. Er vermag, durch die Symbolisierung der Relation an sich, Modellen zur einer Gestalt verhelfen, die auherhalb der konkreten Wirklichkeit existieren konnen.

Ein drittes Korrelat der Theorie Ernst Cassirers befindet sich im Aspekt, welchen Oswald Schwemmer, in dem Begriff der kulturelle[n] Existenz des Menschen15 verankert. In der kulturphilosophischen Erweiterung der anthropologischen Definition des Menschen, als ein organisches und daruber hinaus vernunftbegabtes Wesen, eroffnet Cassirer noch eine weitere Dimension des Weltzugangs. Er halt den „[...]Begriff der Vernunft [fur] hochst ungeeignet, die Formen der Kultur in ihrer Fulle und Mannigfaltigkeit zu erfassen[...]“16 und appelliert dazu „[...]den Menschen nicht als animal rationale, sondern als animal symbolicum [zu] definieren.“17 Mit den Worten Epiktets: „Nicht die Dinge verstoren und beunruhigen den Menschen[...]sondern seine Meinungen und Vorstellungen von den Dingen“18 fasst Cassirer hier seine Gedanken zusammen und lasst die Wirkungsdimensionen seiner Theorie erahnen.

Hier erschlieBt sich die besondere praktische Ausrichtung, welche der Cassirerschen Weltauffassung innewohnt. Das Erlebnis der physikalischen Wirklichkeit erfolgt nicht in einer uberwaltigenden Macht emotionaler Unmittelbarkeit. Durch die Zwischenschaltung der Symbole, denen das menschliche Subjekt sich bedient, um seine Umwelt zu erfassen, und die es wiederum zu Mittelpunkt seines eigenen realitatsschaffenden Prozesses werden lassen, erhebt sich, in der Distanz, eine neue Form der Freiheit. Indem namlich alle ,,[...]physische Realitat [...]in dem Mafie zuruckzutreten [scheint], wie die Symboltatigkeit des Menschen an Raum gewinnt“19 wird dieser zum ausschlaggebenden Moment individueller und universeller Kulturentwicklung.

3 Symbolwelten - Das Leben in Symbolnetzen

In Anschluss an das Symbolverstandnis soll nun die Entstehung einheitlicher Gesellschaftsstrukturen, auf einer Basis individueller Symbolisierungsmechanismen, erlautert werden. Cassirer spricht, in diesem Zusammenhang auch von der Entstehung eines Kosmos, den er folgendermaBen rekonstruiert:

„Ein Kosmos, eine objektive Ordnung und Bestimmtheit, ist uberall dort vorhanden, wo verschiedene Subjekte sich auf eine „gemeinsame Welt“ beziehen und denkend an ihr teilhaben. Dies ist nicht nur dort der Fall, wo wir uns durch das Medium der sinnlichen Wahrnehmung das physisches Weltbild aufbauen. Was wir als „Sinn“ der Welt erfassen, das tritt uns uberall dort entgegen, wo wir uns, statt uns in die eigene Vorstellungswelt zu verschlieBen, auf ein Uber-Individuelles, Allgemeines, fur alle Gultiges richten.“20

Er geht dabei von einem synthetischen Weltbild aus, in welchem der Ordnungsbegriff dem des Seins vorangestellt wird, der Funktionsbegriff dem der Substanz.

[...]


1 vgl. Jorissen, Benjamin: Beobachtungen der Realitat: die Frage nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Kommunikation. Bielefeld: transcript Verlag 2007. S.201. (in Anlehnung an die medientheoretischen Erkenntnisse Marshall McLuhans)

2 Cassirer, Ernst: Die Philosophie der symbolischen Formen, Bde.1-3, Berlin 1923 (Bd.1 Die Sprache), 1925 (Bd. 2 Der Mythos), 1929 (Bd. 3 Die Phanomenologie der Erkenntnis). Es gilt anzumerken, daB sich der Titel „Die Philosophie der symbolischen Formen“ nicht nur auf das sogenannte 3-bandige Werk bezieht, sondern die Philosophie Cassirers im Ganzen umspannt.

3 GroB, Stefan: Ernst Cassirer: Die Philosophie der symbolischen Formen. Online nachzulesen unter URL: [http://sammelpunkt.philo.at:8080/139/1/hogrebe2.html]

4 Im ersten Teil des 3-bandigen Werkes „Die Philosophie der symbolischen Formen“ stellt Cassirer, in Gebrauch des Goetheschen Ausdrucks der sinnlichen Phantasie und dessen Anwendung auf „[...]die verschiedensten Gebiete geistigen Schaffens[...]“ in einer metaphorischen Einleitung in die Thematik fest: „In ihnen allen zeigt sich in der Tat dies als das eigentliche Vehikel ihres immanenten Fortganges, daB sie neben und uber der Welt der Wahrnehmung eine eigene freie Bildwelt entstehen lassen: Eine Welt, die ihrer unmittelbaren Beschaffenheit her noch ganz die Farbe des Sinnlichen an sich tragt, die aber eine bereits geformte und somit eine geistig beherrschte Sinnlichkeit darstellt. Hier handelt es sich nicht um ein einfach gegebenes und vorgefundenes Sinnliches, sondern um ein System sinnlicher Mannigfaltigkeiten, die in irgend einer Form freien Bildens erschaffen werden“ Cassirer, Ernst: Die Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache (Berlin 1923), Hamburg: Felix Meiner Verlag 2010. S.17ff.

5 Welcher hier seine Terminologie und Beschaffenheit anhand der Verknupfung einer subjektiv sinnlichen Wahrnehmung mit einer intersubjektiven Wahrheit der sozialen Welt erlangt.

6 Um nun, in Hinblick auf das Forschungsinteresse der Ausarbeitung, den gesetzten Arbeitsrahmen nicht zu uberschreiten, verzichtet die methodische Darstellung fortwahrend auf die Vertiefung von einzelner Themenbereichen. Es finden sich jedoch im Text vermehrt Hinweise auf verwendbare Quellen zur weiteren Ausarbeitung und Spezifizierung der einzelnen Thematiken.

7 Sottong, Hermann /Muller, Michael: Zwischen Sender und Empfanger. Eine Einfuhrung in die Semiotik der Kommunikationsgesellschaft. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1998. S. 11f.

8 Vgl. dem Begriff „Symbol“ im Online-Lexikon, siehe Eisler, Rudolf: Worterbuch der philosophischen Begriffe (1904). [http://www.textlog.de/5157.html] ( © textlog.de 2004 • 29.11.2011 14:24:24 )

9 Aufzahlung unter Beispielangabe: siehe Rehberg, Karl-Siegbert: Reprasentanz und Verkorperung, Institutionelle Analyse und Symboltheorien-Eine Einfuhrung in sytematischer Absicht. In: Institutionalitat und Symbolisierung: Verstetigung kultureller Ordnungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart / im Auftr. des SFB 537 hrsg. von Gert Melville. - Koln; Weimar; Wien: Bohlau 2001. S. 4ff.

10 Unter der Betrachung symboltheoretischer Traditonen schreibt Rehberg dazu: „In einer - vor allem an die platonische Philosophie[...]geht es nicht nur um benennende Verweisungen, sondern um Identitat und substantielle Stellvertretung (Verkorperung, Prasenz, Sichtbarkeit, Emantation)[...]Die symbolischen Gestalten der Welt zeigen sich in Affmitaten, Metamorphosen und Wiederholungen. Aber auch entwicklungsgeschichtliche Motive lassen sich „symbolisch“ codieren.[...]In diesem Sinne kann auch der Mensch als Mikrokosmos, als vollstandige Strukturgestalt der Weltordnung im Kleinen verstanden werden.“ Ebd., S.22.

11 Zur Vertiefung dieses Abschnitts empfiehlt sich, auch in Bezug auf das gewahlte Arbeitsthema, das Forschungsprogramm des SFB 537 des Dresdner Forschungsverbundes, weil die einzelnen Bearbeitungsschritte auch mit der umfangreicher Zitation der Erkenntnisse Ernst Cassirers arbeiten.

12 Ebd., S.23.

13 Cassirer, Ernst: Schriften zur Philosophie der symbolischen Formen. Hrsg. von Marion Lauschke. Hamburg: Meiner 2009.

14 Cassirer, Ernst: Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil: Phanomenologie der Erkenntnis. Hamburg: Meiner 2010, S.193.

15 Schwemmer, Oswald: Die kulturelle Existenz des Menschen. Berlin: Akademie Verlag 1997.

16 Cassirer, Ernst: Versuch uber den Menschen. Einfuhrung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg: Meiner 2007. S.51. Im voranstehenden Kapitel dieses Buches „Die Krise der menschlichen Selbsterkenntnis“ manifestiert er diese Behauptung darin, daB der menschliche Geist nicht in der Lage dazu ist, sich selbst zu erfassen.(Ebd., S.15-46.)

17 Ebd., S.51.

18 Zitiert nach Cassirer, Ernst (Ebd., S.50.)

19 Ebd., S.50.

20 Cassirer, Ernst: Zur Logik der Kulturwissenschaften. Funf Studien. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1971. S.13.

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Details

Titel
"Die soziale Wirklichkeit der Symbole". Ernst Cassirers Kulturphilosophie im Reflex auf die gegenwärtige Kommunikationsgesellschaft
Autor
Jahr
2011
Seiten
45
Katalognummer
V465734
ISBN (eBook)
9783668947986
ISBN (Buch)
9783668947993
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirklichkeit, symbole, ernst, cassirers, kulturphilosophie, reflex, kommunikationsgesellschaft
Arbeit zitieren
Luise Ebermann (Autor), 2011, "Die soziale Wirklichkeit der Symbole". Ernst Cassirers Kulturphilosophie im Reflex auf die gegenwärtige Kommunikationsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465734

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