Deutsche Sportart Handball. Barrieren und Möglichkeiten für den Einstieg türkischstämmiger Jungen in den Handballverein


Bachelorarbeit, 2018

52 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Situation in Deutschland
2.1 Menschen mit Migrationshintergrund im Sportverein
2.2 Türkischstämmige Jungen im Sportverein

3 Beschreibung des Phänomens

4 Ebenen-Theorie: Exklusion im Sport
4.1 Fremdexklusion
4.2 Selbstexklusion

5 Forschungsmethode: Vorbereitung der empirischen Studie
5.1 Wahl der Forschungsmethode
5.2 Auswahl der Probanden
5.3 Beschreibung des Vorgehens
5.4 Auswertung der Ergebnisse

6 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
6.1 Berührungspunkte mit dem Handball(verein)
6.2 Kulturelle Faktoren
6.3 Soziale Faktoren
6.4 Rassismus

7 Fazit und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang

1 Einleitung

„ Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind weniger in den Sportvereinen unseres Landes vertreten als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund“.

Diese These galt lange Zeit als richtig und ist in vielen Teilen der Bevölkerung anerkannt. Die Realität ist dennoch eine andere. Eine Studie nach Kleindienst-Cachay, Cachay und Bahlke über Inklusion und Integration aus dem Jahr 2012 hat erwiesen, dass gerade türkischstämmige Jungen mindestens genauso aktiv sind wie Jungen ohne Migrationshintergrund. Der Zugang zu den Sportvereinen ist nach dieser Studie vor allem von türkischstämmigen Jungen durchaus gewünscht. In der vorliegenden Arbeit werden demnach zunächst die Situationen von Menschen mit Migrationshintergrund und spezifischer von türkischstämmigen Jungen in Deutschland und in den Sportvereinen dargestellt (Kap. 2), um einen Überblick über das Vorkommen dieser Gruppen in den Sportvereinen Deutschlands zu schaffen.

Das Interesse an einer Teilhabe an Sportvereinen gilt allerdings nicht jeder Sportart. Während die meisten Jungen mit Migrationshintergrund in Fußballvereinen und im Kampfsport aktiv sind, bleiben für diese Gruppe andere Sportarten außerhalb des Blickfelds. Sportarten wie Handball, Hockey oder Tennis kommen für Jungen mit Migrationshintergrund und besonders für Jungen mit türkischen Wurzeln weniger infrage. Trotz der kulturellen Vielfalt in Deutschland gibt es Sportvereine, deren Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund und spezifischer: an Menschen mit türkischen Wurzeln verschwindend gering ist. Dem Handball als der zweitpopulärsten Ballsportart Deutschlands gelingt es somit offenbar nicht, diese verschiedenen Gruppen von Kindern und Jugendlichen für sich zu gewinnen. In Kapitel 3 soll die zuvor herausgestellte Abstinenz des Großteils türkischstämmiger Jungen aus den Handballvereinen dargestellt werden und aufbauend auf den Theorien Kleindienst-Cachays et al. (2012) erste Barrieren, die den Eintritt türkischstämmiger Jungen in den Handballverein verhindern können, herausgestellt werden.

Die Abstinenz türkischstämmiger Kinder und Jugendlicher, etwa in Handballvereinen, führt dazu, dass die Jugendbereiche der Vereine auszusterben drohen, da die Bevölkerung nur in geringem Maße angesprochen wird. (vgl. Cachay 2015 ). Es stellt sich momentan so dar, dass sich mehrheitlich Bürger der Mittel- bzw. Oberschicht ohne Migrationshintergrund den Handballvereinen anschließen. Eine Sportart jedoch, die nur aus Sportlern ohne Migrationshintergrund besteht, widerspricht den Grundwerten der modernen Gesellschaft sowie unserer Kultur der Vielfalt und Anerkennung. Darüber hinaus wird aufgrund der zurückgehenden Geburtenrate von Kindern ohne Migrationshintergrund, die Anzahl potentieller Handballspieler immer geringer.

Schafft es der Handball folglich nicht, Kinder bzw. Jugendliche mit Migrationshintergrund zu rekrutieren, verkleinern sich die Vereine immer mehr und werden letztlich dazu gezwungen, aufgrund des Mangels an Sportlern Spielgemeinschaften zu schließen.

Die Frage, die ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit beantworten möchte, ist daher, welche Faktoren aus Sicht der männlichen Kinder und Jugendlichen mit türkischer Abstammung dazu führen, dass so wenige von ihnen am Angebot der Handballvereine partizipieren, obwohl das Interesse dieser Gruppe für ein Engagement in Sportvereinen nachweislich groß ist, und welche Beitrittsgründe es demgegenüber für diese Gruppe gibt.

Aufbauend auf den Forschungsergebnissen von Kleindienst-Cachay et al. (2012) versuche ich herauszufinden, welche Gründe für Jungen der zuvor genannten Gruppe ausschlaggebend für die Beteiligung bzw. Nichtbeteiligung an einem Handballverein sind. Hierfür wurden Interviews entwickelt, die auf den Theorien der zuvor genannten Autoren basieren. Insgesamt werden zwei Fallbeispiele untersucht, wofür ein türkischstämmiger Junge, der in einem Handballverein aktiv ist, und ein weiterer türkischstämmiger Junge, der repräsentativ für die Mehrheit der türkischstämmigen Jugendlichen in Bezug auf die Teilhabe am Handballverein stehen soll, interviewt wurden (Kap. 5.2). Entsprechend handelt es sich hier in erster Linie um eine empirische Arbeit.

Es wird untersucht, inwiefern soziale und kulturelle Faktoren, Rassismus, organisatorische Rahmenbedingungen sowie verschiedene Rekrutierungsversuche (Kap. 4.) aus der Sicht der Befragten eine Rolle für die Exklusion bzw. Inklusion dieser Gruppe spielen können. Darüber hinaus soll herausgefunden werden, inwiefern sich türkischstämmige Jungen selbst aus den Handballvereinen exkludieren und in welcher Form sich diese Selbstexklusionsmechanismen äußern können (Kap. 4.2). Auf der anderen Seite werden durch das Interview mögliche Formen der Fremdexklusion untersucht, die den Eintritt türkischstämmiger Jungen in den Handballverein erschweren bzw. verhindern (Kap. 4.1). Um herauszufinden welche Möglichkeiten es für türkischstämmige Jungen gibt mit dem Handball in Kontakt zu treten, wird neben den zuvor herausgestellten Faktoren untersucht, welche Berührungspunkte es zwischen dieser Gruppe und dem Handball bzw. Handballverein gibt. Dies soll über die Auswertung der Ergebnisse der Befragungen herausgefunden werden, welche auf der Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2008) durchgeführt wird. Dabei werden die Ergebnisse der Befragung strukturiert und aus dem vorhandenen Material, Kategorien gebildet (Kap. 5).

Anschließend werden die aus dem Datenmaterial gewonnenen und den Kategorien zugewiesenen Antworten der Probanden gegenübergestellt bzw. miteinander verglichen (Kap. 6). Um herauszufinden was türkischstämmige Jungen aus den Handballvereinen exkludiert und welche Faktoren sich positiv auf den Eintritt in den Handballverein auswirken, liegt der Schwerpunkt bei der Gegenüberstellung der Ergebnisse auf den zuvor herausgestellten Faktoren.

Die Auswertung der Befragungsergebnisse soll abschließend Im Kapitel „Fazit und Ausblick“(Kap.7) zusammengefasst werden und aufzeigen, welche Faktoren die türkischstämmigen Jungen motivieren bzw. davon abhalten, den Handballvereinen in Deutschland beizutreten.

2 Zur Situation in Deutschland

2.1 Menschen mit Migrationshintergrund im Sportverein

In der Bundesrepublik Deutschland lebten im Jahr 2009 bereits ca. 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund: „Diese Gruppe stellt weltweit die zweitgrößte Migrantenpopulation nach der in den Vereinigten Staaten dar“ (Hausmann 2009, S.24). Dementsprechend hat nahezu jeder fünfte Mensch in Deutschland einen Migrationshintergrund. Durch den hohen Anteil der Geburten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, ist zukünftig ebenfalls von einer Steigerung der Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland auszugehen: „Denn obwohl die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland nur 18,6 Prozent ausmachen, bekommen sie ein Drittel aller Kinder“ (Hausmann 2009, S. 25). Die größte Gruppe der Zuwanderer besaß im Jahr 2004 die türkische Staatsangehörigkeit (vgl. Frevel 2004, S. 18). Nimmt man die Menschen mit türkischem Migrationshintergrund und der deutschen Staatsangehörigkeit hinzu, wird klar welche Bedeutung diese Gruppe für die Bundesrepublik Deutschland einnimmt. Ausgedrückt in Zahlen bedeutet dies für die Gruppe türkischstämmiger Menschen, dass diese bereits im Jahr 2011 mit 2,5 Millionen Menschen ca. 3 % der Gesamtbevölkerung in Deutschland ausmachen (vgl. Hanhörster 2014, S.19).

Zu der Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen gibt es noch keine verlässlichen Daten. Es lassen sich jedoch Tendenzen aufzeigen, inwieweit verschiedene Gruppen, unterschieden nach Merkmalen wie Geschlecht, Nationalität, Alter etc., allgemein in Sportvereinen aktiv sind und welche Sportarten sie ausüben. Breuer und Wicker beschreiben in ihrer Studie aus dem Jahr 2009, dass sich die Zahl der in Sportvereinen aktiven Menschen mit Migrationshintergrund auf 2,8 Millionen beläuft (vgl. 2009, S.77). Das bedeutet, dass von dem Gesamtanteil der Migranten (18,4%) nur 10,1% im Sportverein aktiv sind. Diese Zahlen sind jedoch „mit einer Fülle von Unwägbarkeiten behaftet“ (Kleindienst-Cachay et al. 2012, S.33) und nicht differenziert in Geschlecht, Alter und Nationalität:

„So scheinen nämlich im Vergleich insbesondere Mädchen und Frauen sowie ältere Menschen mit Migrationshintergrund - bei Letzteren dann sowohl Frauen als auch Männer – weitaus seltener einem Sportverein anzugehören, während sich für junge männliche Personen mit Migrationshintergrund eher ähnliche, wenn nicht gar höhere Partizipationsraten abzeichnen“ (ebd.).

Somit bieten die zuvor genannten Zahlen über Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen, nur einen groben Einblick in die Thematik. Es zeigt sich demnach, dass große Teile der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, aus den Sportvereinen exkludiert sind und dass es Barrieren gibt, die den Einstieg von Menschen mit Migrationshintergrund in die Sportvereine verhindern: „Sieht man an dieser Stelle einmal vom Spitzenbereich des Wettkampfsports ab,[…] erweist sich der Sport also in der ganzen Breite seiner Organisation keineswegs als kulturneutral“ (ebd., S.77). Besonders betroffen von der Exklusion aus den Sportvereinen ist die Gruppe der Mädchen mit Migrationshintergrund. Es zeigt sich darüber hinaus, dass der Zugang für Mädchen mit Migrationshintergrund stark vom eigenen Bildungsniveau abhängt (vgl. ebd. S.40). Innerhalb der Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund, gibt es ebenfalls erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Partizipation am Angebot der Sportvereine. Dabei ist der Faktor Geschlecht besonders hervorzuheben.

In Bezug auf die Teilhabe von männlichen Personen mit Migrationshintergrund lässt sich demnach sagen, dass diese, ein großes Interesse am organisierten Sport zeigen und im Gegensatz zu anderen Gruppen mit Migrationshintergrund in hohem Maße am Angebot der Sportvereine partizipieren. Inwiefern sich diese Aussage auf die Gruppe der türkischstämmigen Jungen beziehen lässt, soll im Folgenden herausgestellt werden.

2.2 Türkischstämmige Jungen im Sportverein

Während sich mit Blick auf die gesamte Gruppe der Migranten in Deutschland demnach sagen lässt, dass noch ein großer Teil aus den Sportvereinen exkludiert ist, gibt es Gruppierungen, welche mindestens genauso aktiv im Sportverein sind wie die Menschen ohne Migrationshintergrund, „[…] während sich für junge männliche Personen mit Migrationshintergrund eher ähnliche, wenn nicht gar höhere Partizipationsraten abzeichnen“ (Kleindienst-Cachay et al. 2012, S.33).

Folgt man der NRW-Kinder-und-Jugend-Sport Studie aus dem Jahr 1992, zeigen vor allem die Jungen türkischer Herkunft mit 50,9% ein großes Interesse an der Beteiligung in Sportvereinen und waren somit nur geringfügig weniger dort aktiv als die deutschen Jungen mit 53,7% (vgl. ebd. S.35).

Eine Studie nach Schmidt aus dem Jahr 2006 bestätigte wiederum die Tendenz einer zunehmenden Partizipation türkischstämmiger Jungen in Sportvereinen, die in diesem Fall bei „61,6% liegt und die Zahl der deutschen Jungen (56,8%) in Sportvereinen übertrifft“ (ebd., S.38). Darüber hinaus stellte diese Studie heraus, dass die türkischstämmigen Jungen, die zum „größten Teil im Fußballverein und mit Abstrichen im Kampfsport aktiv sind, mit 75,4% die größte Teilhabe an Sportvereinen aufweisen“ (ebd., S.38).

Dementsprechend gibt es ein großes Interesse der türkischstämmigen Jungen daran, in Sportvereinen aktiv zu werden. Dieses beschränkt sich jedoch zum größten Teil auf den Fußball. Andere Sportarten dagegen scheinen, was die Anzahl der Mitglieder betrifft, weitestgehend von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund dominiert zu werden.

Untersuchungen haben ergeben, dass es für türkischstämmige Jungen zu den beliebten Sportarten – Fußball und Kampfsport – keine wirkliche Alternative zu geben scheint. Während 57% der befragten Menschen mit Migrationshintergrund im Fußballverein aktiv sind, betreiben 14 % der Befragten einen Kampfsport. Beliebte Sportarten deutscher Jugendlicher wie Handball finden bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit 3 % wenig bis keine Beachtung (vgl. ebd., S.129). Besonders prekär ist dabei, dass der Handball es schafft viele Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund zu begeistern und dass dennoch überwiegend Menschen der gleichen Altersklasse, mit Migrationshintergrund, aus den Vereinen exkludiert sind.

Tabelle 1 : Von Migrantinnen und Migranten in Sportvereinen am häufigsten betriebene Sportarten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (Kleindienst-Cachay 2013)

Trotz des hohen Anteils männlicher Migranten in Sportvereinen spielen eigenethnische Vereine keine übergeordnete Rolle bei ihrer Auswahl:

„[E]s sprechen auch ansonsten die Vergleichszahlen kaum dafür, von einer quantitativ allzu großen Bedeutung der eigenethnischen Sportvereine für junge männliche Migranten auszugehen.“ (ebd., S.42)

Das allgemeine Interesse am Sport und an der Teilhabe an Sportvereinen ist demnach kaum an die Zugehörigkeit zur eigenen Ethnie geknüpft, sondern davon unabhängig. Besonders die türkische Gruppe ist mit einer Teilhabe von nur 24% an eigenethnischen Sportvereinen offen für ein Engagement in „deutschen“ Sportvereinen (vgl. ebd. S.42). Für Sportvereine bedeutet dies, dass vor allem männliche Migranten und somit auch türkischstämmige Jungen offen sind, in die Sportvereine einzutreten, und dass Sportvereine auf dieses Interesse eingehen sollten, wenn sie neue Sportler für sich gewinnen möchten. Insbesondere gilt es somit für Handballvereine, die einen geringen Anteil an Sportlern mit Migrationshintergrund aufweisen, auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einzugehen.

Im folgenden Kapitel soll das Problem der mangelnden Partizipation türkischstämmiger Jungen am Angebot der Handballvereine präzise dargestellt werden und ein erster Eindruck über mögliche Barrieren, die den Einstieg für diese Gruppe in den Handballverein erschweren können, geschaffen werden.

3 Beschreibung des Phänomens

In Handballvereinen sind laut der Studie von Kleindienst-Cachay et al. ca. 3% der in Deutschland lebenden Migranten aktiv. Die Zahl der türkischen Jugendlichen, speziell die der Jungen, ist aufgrund des außergewöhnlich hohen Interesses an der Teilhabe an Fußballvereinen noch niedriger anzusetzen (vgl. ebd. S.129). Der Fußball ist sowohl in Deutschland, als auch in der Türkei die populärste Sportart und weist dementsprechend die höchsten Mitgliederzahlen von Menschen mit Migrationshintergrund und spezifischer Menschen mit Wurzeln in der Türkei auf. Dabei ist das Motiv Profi zu werden und sein Geld mit dem Fußball zu verdienen, vor allen Dingen bei türkischstämmigen Jungen groß, da sie in Deutschland und in der Türkei die Chance sehen, höherklassig zu spielen (vgl. ebd. S.130). Diese Möglichkeiten gibt es in den anderen Sportarten nicht. Der Handball in der Türkei nimmt im Gegensatz zu dem Handball in Deutschland eine untergeordnete Rolle ein und wird weniger mit Erfolg und Reichtum in Verbindung gebracht als der Fußball: „Neben einer stark divergierenden allgemeinen Wertschätzung des Sports lassen sich zwischen einzelnen Herkunftsländern aber auch Unterschiede hinsichtlich der bevorzugten Sportarten ausmachen“ (ebd. S.77).

Abgesehen von dem großen Interesse am Fußball, welches scheinbar die Partizipation an anderen Sportarten verhindert, werden weitere Faktoren für eine Exklusion aus Handballvereinen oder anderen Sportarten genannt:

„Hinzu kommt, dass auch das Sozialmilieu und das niedrige Bildungsniveau vieler Migrantenfamilien bei der Wahl anderer Sportarten als Fußball und Kampfsport sozial exkludierend wirken dürften, insbesondere bei männlichen Jugendlichen“ (ebd., S. 130).

Handballvereine wirken demnach für Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Milieus abschreckend, da ihre Mitglieder oftmals aus sozial höher gelagerten Schichten stammen. Insbesondere bei Familien mit Migrationshintergrund ist „der soziale Status sowie das Bildungsniveau aus diversen Gründen niedriger anzusiedeln“ (ebd.) als das der Mitglieder von Handballvereinen. Dabei kann ein „Fremdheitsgefühl“ entstehen, welches dafür sorgt, dass sich Kinder und Jugendliche, die sich für die Sportart interessieren, ausgegrenzt fühlen. Das Bildungsniveau von „Ausländern“ kann demzufolge einen ernstzunehmenden Faktor für die Exklusion männlicher Migranten und spezifischer türkischstämmigen Jungen darstellen: „Festzustellen bleibt hierbei allerdings, dass die Hauptschule überproportional von „Ausländern“ besucht wird“ (ebd. S.38).

Dennoch zeigen Untersuchungen, dass sich ein „Engagement der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Bereichen Handball, Turnen etc. allmählich erhöht“ (ebd., S.131). Dies könnte zum einen daran liegen, dass Bildungs- und Sozialstatus der immigrierten Familien zunehmen, aber auch an dem wachsenden Bewusstsein der Integration von Jugendlichen auf Seiten der Vereine. Ein Indiz für den steigenden Bildungs- und Sozialstatus stellt auch das vermehrte Gesundheitsbewusstsein von Menschen mit Migrationshintergrund dar, die sich vermehrt im Fitness- und Gesundheitssport finden lassen: „es zeigt sich aber, dass sich auch Fitness- und Gesundheitsangebote durchaus einer gewissen Akzeptanz bei Migrantinnen und Migranten erfreut“ (ebd.). Dieses erhöhte Interesse für den Fitness- und Gesundheitssport wird unter anderem auch mit der Vielseitigkeit und den geringen Beitragskosten begründet (vgl. ebd. S.132). Ein weiterer Grund für Menschen mit Migrationshintergrund sich einer Sportart bzw. einem Verein anzuschließen, stellt die Autorität eines Arztes dar, der den Sport wie eine Medizin verschreibt (vgl. ebd.). Für den Handball kann dies bedeuten, dass durch die Empfehlung einer autoritären Person wie z.B. eines Arztes oder eines Lehrers, der Einstieg in den Handballverein für Menschen mit Migrationshintergrund und in Bezug auf die Fragestellung, für türkischstämmige Jungen erleichtert werden kann.

Allgemein lässt sich sagen, dass die verschiedenen Sportarten immer mehr Aufmerksamkeit bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und auch bei der türkischen Gruppe finden, jedoch schaffen es gerade die Handballvereine nicht, gemessen an dem allgemein großen Interesse am wettkampforientierten Sport in Deutschland, diese Gruppen für sich zu gewinnen: „Das verbreitete Bild über die Einseitigkeit der Sportartinteressen von Migrantinnen und Migranten scheint also nicht mehr ganz zuzutreffen.“(ebd., S. 132). In Bezug auf den Handball sind die Partizipationsraten aber dennoch so gering, dass ein Nachholbedarf besteht.

Einen weiteren Beleg für das allgemeine Interesse von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund stellt die hohe Partizipationsrate von 63% der im Wettkampfsport aktiven Jugendlichen dar (ebd. S.133). Insbesondere Jugendliche sind folglich gewillt, sich in der Institution Sportverein zu messen und zeigen ein erhöhtes Interesse an Sportvereinen zu partizipieren: „[…] dass die Jugendlichen generell – ein enormes Interesse am Sporttreiben an den Tag legen und dass hierzu der Sportverein ein äußerst beliebtes Setting darstellt“ (ebd. S.39). Durch die verbindliche Teilnahme am Training und an Wettkämpfen ist die Chance auf Integration besonders hoch. Durch den regelmäßigen Kontakt zu den Vereinsmitgliedern, durch das Training und die Spiele werden Berührungspunkte geschaffen und Beziehungen zu Trainern, Betreuern und Mannschaftskameraden hergestellt. Der Handball stellt somit eigentlich optimale Bedingungen bereit, um Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund bzw. türkischstämmige Jungen zu integrieren, da diese sich in einem besonderen Maße für den Wettkampfsport interessieren.

Trotz der Grundlage, die der Handball für eine Integration diverser Jugendgruppen in Vereine bietet, sind ganze Bevölkerungsgruppen aus ihnen exkludiert. Diese Exklusionsmuster gilt es genauer zu untersuchen, um herauszustellen, welche Barrieren den Einstieg türkischstämmiger Jungen in den Handballverein behindern können.

4 Ebenen-Theorie: Exklusion im Sport

Um den Begriff der Exklusion zu erklären, bedarf es der Erläuterung des Gegenbegriffs der Inklusion. In beiden Fällen setzt man sich mit der „Differenz sozialer Gruppen auseinander“ (ebd., S.68). Dementsprechend werden bestimmte kollektive Merkmale einer Gruppe definiert, die sich von denen der zweiten Gruppe unterscheiden. In dieser Bachelorarbeit wird unterschieden zwischen den Merkmalen türkischstämmiger Jungen und denen der im Handballverein aktiven Jungen ohne Migrationshintergrund. Dementsprechend soll untersucht werden, inwiefern diese unterschiedlichen Merkmale zu einer Exklusion aus den Handballvereinen führen können bzw. wie die Gruppe türkischstämmiger Jungen, trotz unterschiedlicher Merkmale zu der Gruppe der im Handballverein aktiven Menschen, am Angebot der Handballvereine partizipieren kann.

Inklusion bzw. Exklusion lässt sich mit der „Teilhabe bzw. Nichtteilhabe von Personen an spezifischen Kommunikationszusammenhängen beschreiben“ (ebd.). Soziale Differenz ist demnach abhängig von einem Persönlichkeitsmerkmal und einem bestimmten Kommunikationszusammenhang, der variabel an die jeweilige Situation anzupassen ist. In Bezug auf die Fragestellung bedeutet dies, dass das Persönlichkeitsmerkmal „türkischstämmiger Junge“ und diverse Kommunikationszusammenhänge in einem Handballverein zusammengefasst die soziale Differenz beim Zugang in den Handballverein darstellen können. Kommunikationszusammenhänge können sich in verschiedenen Formen äußern. Das soziale Milieu kann sich dabei beispielsweise als Kommunikationszusammenhang erweisen, der eine soziale Differenz zwischen den Mitgliedern eines Handballvereins und der Gruppe türkischstämmiger Jungs darstellt und folglich für die Exklusion dieser Gruppe aus den Handballvereinen verantwortlich sein kann.

Exklusion ist dabei nicht als Ungerechtigkeit zu verstehen, sondern bezeichnet nur den Umstand, dass ein Individuum oder eine Population in den Kommunikationsprozessen eines sozialen Systems aufgrund eines Merkmals nicht berücksichtigt, bezeichnet oder adressiert wird und somit aus ihnen herausfällt (vgl. ebd., S.68). In Bezug auf die Teilhabe von türkischstämmigen Jungen am organisierten Handballverein zeigt sich, dass diese in einem bestimmten Maße und gegensätzlich zu den Merkmalsträgern der Gruppe ohne Migrationshintergrund partizipieren. Die Studie von Kleindienst-Cachay et al. (2012) hat ergeben, dass gerade türkischstämmige Jugendliche nach diesem Verständnis von Exklusion aus den Handballvereinen exkludiert sind. Die Leitfrage, die sich bei der Untersuchung auftut, ist, auf welcher Ebene die Exklusion dieser Gruppe stattfindet und welche Faktoren dabei ausschlaggebend sind (vgl. ebd., S.69).

Grundgedanke der modernen Gesellschaft ist die Inklusion. Der Zugang für alle, ungeachtet der Ethnizität, Religion oder der Hautfarbe, steht im Vordergrund und gilt als „Normalfall“ (ebd.). Nach diesem Verständnis kann Exklusion nicht auf gesellschaftlicher Ebene stattfinden, da die Inklusion als fester Bestandteil der Gesellschaft angesehen wird. Inklusion erfolgt im Sinne der modernen Gesellschaft „jenseits persönlicher Herkunft“ und bietet somit jedem Mitglied die Gelegenheit einer Teilhabe an gesellschaftlichen Kommunikationen (vgl., S.70). Auch das Sportsystem der Gesellschaft zeigt, dass eine Exklusion aufgrund von ethnischen Merkmalen nicht mit der Grundidee übereinstimmt: „Prinzipielle Gleichheit im Sinne einer Inklusion für „jedermann“ ist damit auch für das Sportsystem kennzeichnend“ (ebd., S.70). Entscheidend für die Teilhabe an Sportvereinen sollten demnach nur sportliche Kriterien sein. Faktoren wie Hautfarbe, soziales Milieu oder Bildungsgrad spielen nach diesem Verständnis für das Sportsystem der Gesellschaft keine Rolle. Kleindienst-Cachay et.al. (2012), bezeichnen die gleichartige Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund am Sport als grundlegend für die Integration in die Aufnahmegesellschaft:

„In diesem Sinne bezeichnet also im Vergleich zur autochthonen Bevölkerung gleichartige Partizipation der Migrantenbevölkerung am Sport einen idealen, mithin anzustrebenden Zustand der Integration in die Aufnahmegesellschaft, vor dessen Horizont ein sukzessiver Abbau sichtbarer Differenzen zugleich als Integrationsprozess aufgefasst werden kann“ (ebd. S.48).

Der Sport eignet sich demnach im besonderen Maße für die Inklusion, da er einen „globalen und transnationalen, kultur- wie schichtübergreifenden Charakter“ (ebd. S.70) hat.

Der Sport als solcher sowie die Gesellschaft scheinen keine Exklusionsmuster aufzuweisen. Der Tatsache, dass dennoch viele Kinder und Jugendliche, die bestimmten Gruppen angehören, aus bestimmten Sportvereinen exkludiert sind, muss demnach eine andere Ursache zugrunde liegen.

4.1 Fremdexklusion

Im Folgenden gilt es, spezifischer zu untersuchen, welche Faktoren der Fremdexklusion den Kommunikationsprozess zwischen türkischstämmigen Jungen und Sportvereinen bzw. Handballvereinen stören können. Darüber hinaus sollen soziale- und kulturelle Faktoren auf der Ebene der Fremdexklusion dargestellt und Fragen für das Leitfadeninterview in Bezug auf verschiedene Barrieren und Möglichkeiten für den Eintritt türkischstämmiger Jungen herausgearbeitet werden.

Besonders deutlich werden Exklusionsmuster auf der Ebene der Organisation in Sportvereinen (Kleindienst-Cachay et al. 2012, S.71). Exklusion kann demnach über die spezifischen Mitgliedschaftsbedingungen der Vereine stattfinden, welche den Zugang verschiedener Gruppen in den Sportverein regulieren:

„Dabei zielt nicht zuletzt deren Formalisierung darauf ab, Mitgliedschaftsrollen zu spezifizieren und die Bedingungen des Zu- und Austritts von Personen festzulegen […]“(ebd.).

Bei der Entwicklung von Mitgliedschafts- bzw. Eintrittsbedingungen können bestimmte Gruppen der Gesellschaft explizit ausgegrenzt werden. Eine direkte Fremdexklusion seitens der Vereine liegt dann vor, wenn „bestimmte Merkmale von Personengruppen […] respektive Merkmalskombinationen explizit als Ausschlusskriterien benannt werden“ (ebd.).

Direkte Fremdexklusion kann aber nicht nur durch die Bestimmung von Merkmalsbedingungen, sondern auch und vor allem mittels der Bestimmung von Mindeststandards erfolgen. Es werden demnach nicht explizit die Mitglieder genannt, die Merkmalsträger für die Nichtteilhabe am Sportverein sind, sondern die Merkmalsträger, welche die Kriterien für die Inklusion in den Sportverein erfüllen:

„Letzteres- also die ausdrückliche In- und nicht etwa die ausdrückliche Exklusion sozialer Merkmalsträger- bezeichnet beim gegenwärtigen Stand der Entwicklung moderner Gesellschaften, die sich an Menschenrechten und Demokratie orientieren sowie an der systemfunktionalen Erfüllung von Leistungsrollen interessiert zeigen, den Regelfall direkter Fremdexklusion durch Organisationen“ (ebd., S.72).

Der Vereinsbeitrag stellt demnach beispielsweise einen solchen Mindeststandard da, durch den bestimmte Personengruppen, Berechtigung für den Eintritt in den Handballverein finden. Damit einher geht jedoch, dass alle Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen, automatisch exkludiert werden. Sportarten wie Golf, Tennis oder Segeln weisen eben diese festgelegten Mindeststandards auf, die das Einkommen oder den Berufs- und Bildungsstand ihrer Mitglieder festlegen und somit als Sport höher gelagerter Schichten anzusiedeln sind. Bezogen auf die Fragestellung dieser Arbeit gilt es demnach herauszufinden, ob und inwiefern Exklusion im Handballverein durch Rahmenbedingungen, zum Beispiel den Vereinsbeitrag, erfolgen kann und ob diese evtl. ähnlich wie beim Golf, Tennis oder Segeln, den höheren Berufs- und Bildungsstand der Mitglieder regeln, sollen. Für den Leitfaden des Interviews ergibt sich somit die Fragestellung: „Gab es finanzielle Hürden, die den Eintritt in den Handballverein erschwert haben?“ Sollten ganze Gruppen durch die Mindeststandards der Handballvereine exkludiert sein, so muss man auch nach der sozialen Schichtung in Handballvereinen fragen, um Barrieren auf dieser Ebene ausfindig zu machen: „Welcher sozialen Schicht würden Sie den Großteil der Handballer im Verein zuordnen?“ Darüber hinaus muss, um herauszufinden welche Rolle die Schichtzugehörigkeit bei der Exklusion von Menschengruppen spielt, gefragt werden, welcher Schicht sich der Proband zugehörig fühlt und welchen Einfluss dies auf den Kontakt zu den Sportlern aus dem Handballverein hat: „Würden Sie sich der gleichen Schicht zuordnen, und wie ist der Kontakt zu den anderen Sportlern entstanden?“ Kleindienst-Cachay et.al. (2012) zeigen weiterhin auf, dass das Merkmal „Migrationshintergrund oftmals mit sozial-strukturellen Faktoren einhergeht, dies gilt im besonderen Maße für die türkischstämmigen Migranten:

„ Das Merkmal „Migrationshintergrund“ ist demnach also immer auch im engen Zusammenhang mit anderen Merkmalen, insbesondere den sozio-kulturellen und sozial-strukturellen (finanziellen) Ressourcen und dem Bildungshintergrund der Familie zu sehen, was vor allem für die Gruppe der türkischen Migranten gelten dürfte, bei der in besonderem Maße niedrige Einkommens- und Bildungsverhältnisse vorliegen“ (ebd., S.82)

Des Weiteren gilt es, auf den Kontakt türkischstämmiger Jungen mit anderen Jungen aus den Handballvereinen, die vermeintlich höheren Schichten angehören, näher einzugehen, um zu erfahren wie der Dialog zwischen diesen Parteien zustande kommen kann bzw. was diesen verhindert. Im Falle des Probanden A., der im Handballverein aktiv ist (Kap. 5.2), muss die Frage nach dem Kontakt bzw. dem Verhältnis zu den anderen Handballern wie folgt lauten: „Wie ist das Verhältnis zu den anderen Vereinsmitgliedern, und wie war es vor dem Eintritt in den Handballverein?“ Um herauszustellen wie der Eintritt eines türkischstämmigen Jungen in den Handballverein gelingen kann und welche Unterschiede in Bezug auf verschiedene Exklusionsmuster zu einem Handballabstinenten bestehen, eignet sich folgende Frage für das Interview mit A.: „Sie sind als türkischstämmiger Jugendlicher ein Einzelfall, was hat bei Ihnen den Ausschlag für den Eintritt in den Handballverein gegeben?“ Auf der anderen Seite gilt es, anhand des Falles eines handballabstinenten, türkischstämmigen Jungen, herauszufinden, in welchen Situationen man als türkischstämmiger Junge mit dieser Sportart in Kontakt kommt: „Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit dem Handball gemacht?“ Um klären zu können, wie der Kontakt zwischen türkischstämmigen Jungen und den Sportlern im Handballverein zustande kommen kann und ob bzw. welche Berührungspunkte es zwischen diesen beiden Gruppen gibt, eignet sich die folgende Frage des Leitfadeninterviews: „Wie ist das Verhältnis zu Sportlern aus dem Handballverein?“ Anhand dieser Frage lassen sich darüber hinaus mögliche Barrieren bzw. Möglichkeiten ausmachen, die den Einstieg türkischstämmiger Jungen in den Handballverein verhindern oder begünstigen können.

Neben den direkten Mechanismen der Fremdexklusion, etwa den finanziellen Rahmenbedingungen der Vereine, kann diese auch indirekt auftreten.

Im Gegensatz zur direkten Fremdexklusion kommt die indirekte nicht über festgelegte Standards der Sportvereine, sondern über die verallgemeinernden gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zustande (vgl. ebd. S.72). Dabei können Geschlechts- und Altersstereotype genauso exkludierend auf verschiedene Gruppen der Gesellschaft wirken wie verschiedene kultur-, milieu- oder gruppenspezifische Verhaltens- und Merkmalscodizes (vgl. ebd.).

Diese indirekten Formen der Fremdexklusion können sich als ebenso große Barrieren für die Inklusion ganzer Gruppen in den Sportverein herausstellen wie die der direkten. Entscheidend für die Fremdexklusion von Menschengruppen ist der Horizont, in dem man sich als „erwünscht“ bzw. „unerwünscht“ wahrnimmt (vgl. ebd., S. 73). Es muss demnach untersucht werden, ob und welche Vorurteile bzw. Erwartungshaltungen seitens der Vereine und seiner Mitglieder für die Abstinenz türkischstämmiger Jugendlicher in den Handballvereinen eine Rolle spielen. Für die Probanden B. und A. ergibt sich daraus folgende Frage für das Leitfadeninterview: „Haben sie Erfahrungen im Handballverein oder mit Handballern, in denen Sie sich aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion, benachteiligt oder ausgegrenzt fühlten gemacht?“ Fremdexklusion wird in Form dieser Frage auch mit kulturellen Faktoren verbunden und es sollen somit evtl. Situationen und Erfahrungen aufgezeigt werden, in denen Vorurteile und Erwartungshaltungen seitens der Handballvereine und seiner Mitglieder, als Barriere für den Eintritt in den Handballverein für den Probanden B. gesorgt haben und evtl. Erfahrungen A.s herausgestellt werden, die den Eintritt in den Handballverein hätten verhindern können bzw. diesen erschwert haben.

Auf der anderen Seite soll herausgefunden werden, welche Erwartungshaltungen auf Seiten der türkischstämmigen Jungen selbst oder deren Familien dazu führen können, dass der Eintritt in den Handballverein verhindert wird.

4.2 Selbstexklusion

Neben Einflüssen der Fremdexklusion kann Exklusion auch aus eigenem Antrieb erfolgen. Personen, die sich aufgrund verschiedener Merkmalskombinationen einer Gruppe zuordnen, können diverse Kommunikationszusammenhänge für sich ablehnen und sich somit selbst ausschließen (vgl. ebd. S.73). Welche Rolle die Familien bei dieser Selbstexklusion durch Vorurteile und die Zuordnung zu einer anderen Gruppe spielen, soll anhand der folgenden Frage untersucht werden: „Gab es Vorurteile, Befürchtungen seitens Ihrer Familie in Bezug auf den Eintritt in den Handballverein?“ Auf der Suche nach dem Stellenwert der Eltern für die Selbstexklusion aus dem Handballverein, eignet sich in B.s Fall folgende Fragestellung, um die Antwort möglichst offen zu halten und den Probanden in keine bestimmte Richtung zu lenken: „Welches Bild hat ihr Umfeld, also Freunde, Familie etc. von Menschen die im Handballverein aktiv sind?“ Darüber hinaus wird hinterfragt, inwiefern sich türkischstämmige Jungen selbst exkludieren, weil sie Merkmalskombinationen ablehnen: „Wie denken sie über Personen, die in Handballvereinen aktiv sind?“ Aus welcher Motivation die Selbstexklusion erfolgt, ist bisher noch ungeklärt, sodass Kleindienst-Cachay et al. (2012, S.73) hier nur vermuten können, dass Faktoren wie „Ungleichbehandlung“, „Ungerechtigkeit“ und der „Wunsch nach kollektiver Identität“ eine Rolle spielen. Um herauszufinden, inwiefern sich türkischstämmige Jungen ungerecht behandelt bzw. benachteiligt fühlen und sich somit selbst aus den Handballvereinen ausschließen, ergibt sich die folgende Frage für den Leitfaden des Interviews: „Gab es Situationen, in denen Sie sich aufgrund ihrer Herkunft oder Religion benachteiligt, ausgegrenzt oder anders fühlten?“ Ob bzw. welche Vorurteile seitens der türkischstämmigen Jungen eine Selbstexklusion hervorrufen können, soll der im Handball aktive Proband A. herausstellen, da er evtl. persönliche Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht hat, die sich widerlegt haben und auf der anderen Seite Barrieren, die den Großteil der türkischstämmigen Jungen aus den Handballvereinen exkludieren, ausmachen kann: „können Sie sich vorstellen welche Vorurteile den Eintritt von türkischstämmigen Jungen verhindern können?“ Darüber hinaus sollten durch die Frage „Woran könnte es liegen, dass so wenige Türkischstämmige den Weg in den Handballverein finden?“ mögliche Formen der Selbstexklusion durch Erfahrungswerte herausgestellt werden und weitere Gründe für die Exklusion der türkischstämmigen Jungen aus den Handballvereinen ausgemacht werden.

Die Selbstexklusion resultiert nach diesem Verständnis immer aus eigenem Antrieb und wird von den betreffenden Personen durch verschiedene Begründungshorizonte legitimiert (vgl. ebd.). Herauszufinden inwiefern sich das Fremdheitsgefühl durch ein Gefühl der Ungleichbehandlung oder Ungerechtigkeit entwickelt und wie und in welchen Situationen sich diese Gefühle äußern können, ist für die Untersuchung der Selbstexklusion türkischer Jungen unabdingbar. Für das Interview ergibt sich demnach erneut die Frage: „Haben sie Erfahrungen im Handballverein oder mit Handballern, in denen Sie sich aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion, benachteiligt oder ausgegrenzt fühlten gemacht?“ Darüber hinaus kann es sein, dass die Option einer Teilhabe von bestimmtem gesellschaftlichen Mitgliedern an bestimmten Kommunikationszusammenhängen gar nicht wahrgenommen wird, da diese nicht „im Prospekt eigener gesellschaftlicher Teilhabe enthalten ist“ (ebd.).

Neben Faktoren wie „Ungleichbehandlung“, „Ungerechtigkeit“ und „kollektive Identität“ sind Aspekte der Individualisierung und Herausbildung gesellschaftlicher Teilsysteme mit für die Selbstexklusion verantwortlich, da der Sport als Teilsystem „weder hinsichtlich der Leistungs- noch der Publikumsrolle“ notwendig für die Individuen einer Gesellschaft ist (ebd. S.73). Dementsprechend kann eine Nichtteilhabe an diversen Sportvereinen mit der Wahlfreiheit begründet werden und schließt somit andere Faktoren wie soziales Milieu, ethnische Herkunft etc. bei der Suche nach den Gründen für die Abstinenz bestimmter Personengruppen im Sport aus. Um herauszufinden inwiefern Aspekte der Individualisierung und Herausbildung gesellschaftlicher Teilsysteme verantwortlich für die Exklusion des Handballabstinenten Probanden verantwortlich sind, ergibt sich folgende Fragestellung für das leitfadeninterview: „Warum sind sie dann zum Fußball gegangen?“ Hier können auch kulturelle Faktoren als Gründe für die Wahl genannt werden: „Entsprechend finden in den vorherrschenden Inklusions-Exklusions-Mustern immer auch die unterschiedlich überlieferten Sportverständnisse verschiedener Herkunftskulturen ihren Ausdruck […]“ (ebd. S.77). Ob der Stellenwert des Handballs in der Türkei mit der geringen Teilhabe von türkischstämmigen Jungen zusammenhängt und welche Rolle die Bedeutung des Fußballs in der Türkei bzw. in Deutschland für die geringe Teilhabe türkischstämmiger Jungen an Handballvereinen einnimmt, gilt es anhand der zuvor herausgestellten Frage herauszufinden.

Neben den Aspekten der Individualisierung und der Herausbildung von Teilsystemen können jedoch genau die zuvor aufgeführten Faktoren, wie soziales Milieu, ethnische Herkunft, Organisation der Vereine etc. eine übergeordnete Rolle für die Fremd- bzw. Selbstexklusion spielen. Neben der Organisation der Sportvereine kann auch die Organisationsumwelt exkludierend auf Personengruppen wirken:

„… Geschlechter- und Altersstereotypen, ethnisch, kulturell, aber auch sozial-ökonomisch konnotierte Körperbilder (…) - nehmen demnach Einfluss auf die Inklusions-Exklusions-Muster…“ (ebd. S.74).

Inklusions- bzw. Exklusionsmuster sind nach dem Verständnis der Selbstexklusion und in Bezug auf die Teilhabe am Sportverein, Ergebnisse der Anerkennung bzw. Ablehnung einer Person bzw. einer Personengruppe von Sportvereinen für den eigenen Lebensstil. Wird der Sportverein als unpassend, bezogen auf den eigenen Lebensstil, erachtet, exkludiert sich diese Personengruppe selbst aus den Vereinen:

„Leitend bleibt dabei der Gedanke, dass der Sport im Allgemeinen oder spezifische Sportarten nicht als zum eigenen Lebensstil bzw. den derzeitigen Lebenszielen passend vorgestellt wird, oder aber, dass die Teilnahme an einem deutschen Sportverein abgelehnt wird, weil die Organisationskultur deutscher Sportvereine als „fremd“ angesehen wird“ (ebd. S.83).

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Deutsche Sportart Handball. Barrieren und Möglichkeiten für den Einstieg türkischstämmiger Jungen in den Handballverein
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
52
Katalognummer
V465769
ISBN (eBook)
9783668957138
ISBN (Buch)
9783668957145
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, sportart, handball, barrieren, möglichkeiten, einstieg, jungen, handballverein
Arbeit zitieren
Marc Dyck (Autor), 2018, Deutsche Sportart Handball. Barrieren und Möglichkeiten für den Einstieg türkischstämmiger Jungen in den Handballverein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465769

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