Die literarische Figur "Jesus". Ein modernes Jesusbild in "Große Freiheit – die Geschichte des Wasserwandlers"


Bachelorarbeit, 2019

52 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religion und Literatur
2.1 Zur Beziehung von Religion und Literatur
2.2 Kriterien für einen gewinnbringenden Dialog zwischen Theologie und Literatur
2.3 Jesus in der Literatur
2.3.1 Umriss der jüngeren Entwicklungsgeschichte
2.3.2 Das Genre des Jesusromans
2.3.3 Jesusbilder

3. Der JesusromanGroße Freiheit - die Geschichte des Wasserwandlers “.
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Erzählanalyse und Zuordnung des Jesusromantypus
3.3 Charakterisierung der literarischen Figur ‚Jesus’
3.4 Vermitteltes Jesusbild

4. Analyse der romanhaften Jesusdarstellung im theologisch - literarischen Dialog
4.1 Gewinndimensionen des Jesusromans und seiner Jesusdarstellung
4.1.1 Textspiegelung
4.1.2 Sprachsensibilisierung
4.1.3 Erfahrungserweiterung
4.1.4 Wirklichkeitserschließung
4.1.5 Möglichkeitsandeutung
4.2 Gegenüberstellung des möglichen Verlusts und Gewinns der Jesusdarstellung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Mythische oder religiöse Gestalten in Form von Romanfiguren aufzugreifen und neu zu deuten, ist keine Innovation der letzten Jahrzehnte. Jedoch erfreut sich diese Idee insbesondere in der zeitgenössischen, postmodernen Literatur einer großen Beliebtheit: So wird Jahr für Jahr eine Vielzahl an literarischen Produkten veröffentlicht, welche sich explizit oder implizit, „[...] kritisch-satirisch oder anerkennend aus dem religiösen Repertoire der Jahrtausende [bedient; P.A.]“[1].[2] Trotz dessen, dass der Alltag vieler nur wenig mit Religiösem zu tun zu haben scheint, greifen Autoren und Autorinnen gerne auf religiöse Motive in ihren Erzählungen, Gedichten und Romanen zurück.[3] Hierbei bleibt insbesondere die Faszination für Jesus Christus unangefochten: „Alle sechs Stunden, 365 Tage im Jahr [erscheint im Durchschnitt; P.A.] ein Buch über ihn.“[4] Vielerlei Autoren und Autorinnen reizte es bereits, Jesus als literarische Figur aufzuarbeiten und eine ganz persönliche Interpretation seiner Gestalt sowie seiner christlichen Botschaft in einem Werk, einem sog. Jesusroman, zu fixieren. Doch was können ebensolche literarischen Erzeugnisse heutzutage insbesondere hinsichtlich ihrer Darstellung Jesu Christi leisten? Steht einzig der Unterhaltungsfaktor oder gar eine relevante ‚Neuauslegung’ des Gottessohnes im Vordergrund?

In der vorliegenden Bachelorarbeit werde ich am Beispiel eines aktuellen Stellvertreters des Genres ‚Jesusroman’ eine moderne[5] Interpretation Jesu, welche im Roman in Form einer literarischen Figur vorliegt, untersuchen. Hierfür muss jedoch zunächst die Beziehung zwischen Literatur und Religion bzw. Theologie definiert und dargestellt werden, d.h. es muss erörtert werden, wie sich diese beiden Größen im Allgemeinen zueinander verhalten. Anhand eines kurzen Überblicks über den wissenschaftlichen Diskurs – insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts – soll zudem die Entwicklung dieses Verhältnisses nachvollzogen werden. Daran anschließend erfolgt eine Darstellung der von Georg Langenhorst aufgestellten Chancen eines gewinnbringenden Austausches von Literatur und Theologie, welche anhand von fünf Kriterien überprüfbar seien. Nachdem das Verhältnis von Religion und Literatur im Allgemeinen dargestellt worden sein wird, wird das Genre des Jesusromans beleuchtet. Hierbei sollen dessen allgemeine Charakteristika sowie seine spezifischen Ausprägungen vorgestellt werden. Im Anschluss daran folgt ein Überblick über einige, in der Literatur beliebte Jesusbilder. Der Hauptteil dieser Bachelorarbeit soll sich der Analyse der Jesusfigur innerhalb des Romans „ Große Freiheit - die Geschichte des Wasserwandlers “ von Matthias Lemme und Susanne Niemeyer widmen. Hierfür wird zunächst der Inhalt des Romans zusammengefasst und der Text im Hinblick auf seine Erzählperspektive untersucht. Danach wird eine Einordnung des Romans entsprechend der zuvor vorgestellten Ausprägungen der Jesusromane erfolgen. Anschließend wird die Romanfigur ‚Jesus’ mithilfe einer literarischen Darstellungsweise, der Charakterisierung, detailliert betrachtet. Auf der Basis dieser sowie der zuvor vorgestellten literarischen Jesusbilder soll folglich das für den Rezipierenden vermittelte Jesusbild des Romans skizziert werden. Nachdem der Jesusroman im Allgemeinen sowie auch die Jesusfigur im Expliziten eingeordnet worden sind, folgt eine Analyse des Romans in Bezug auf die von Georg Langenhorst konstatierten fünf Gewinndimensionen. Hierbei soll durch die Anwendung und Überprüfung ebendieser Dimensionen der Mehrwert des Romans sowie insbesondere seiner Jesusdarstellung im Rahmen eines theologisch-literarischen Dialogs herausgestellt werden. Der herausgearbeitete Mehrwert soll abschließend den möglichen ‚Gefahren’ einer solchen Interpretation gegenübergestellt werden. Zum Schluss sollen die Ergebnisse zusammengetragen und es soll die Frage beantwortet werden, welches Jesusbild in dieser literarischen Figur vermittelt wird und welche Vor- und Nachteile ebendiese Darstellung mit sich bringt.

2. Religion und Literatur

2.1 Zur Beziehung von Religion und Literatur

Religion und Literatur stellen zwei Größen dar, welche seit jeher in einer Wechselbeziehung – einer Art Interdependenz – zueinander stehen.[6] So berufen sich die Weltreligionen wie das Christentum, das Judentum oder der Islam auf heilige Schriften, welche wiederum als bedeutende Werke der Weltliteratur anzusehen sind.[7] Die Literatur als Bestandteil der Kultur wurde über einen langen Zeitraum stets im direkten Rückbezug auf Religion und religiöse Traditionen verfasst.[8] Dies bedeutet, dass literarische Erzeugnisse instrumentalisiert wurden, um Religion zu illustrieren und im nächsten Schritt zu legitimieren.[9] Folglich waren Literatur und Religion lange Zeit als untrennbare Einheit und nur im direkten Wechselspiel zu verstehen.[10]

Im 17. Jahrhundert änderte sich dies jedoch: Ein schleichender Loslösungsprozess wurde eingeleitet, welcher erst im 19. Jahrhundert vollzogen war.[11] Das Ergebnis war eine Unabhängigkeit der Kultur – und demnach auch der Literatur – von der Religion.[12] Diese Loslösung bedeutete jedoch keine zwangsläufige Beziehungslosigkeit der beiden Größen: Das daraus resultierende Verhältnis war vielmehr als spannungsgeladenes, auf Austausch angewiesenes zu beschreiben.[13] Literatur wurde nun vermehrt dazu genutzt, um Religion zu interpretieren.[14] Diese Entwicklung stellte das Fundament für eine eigenständige, produktive Auseinandersetzung mit Religion anhand von literarischen Werken dar.[15] Einerseits profitierte die christliche Theologie hiervon, da sie durch die Literatur stets zur Überprüfung und Weiterentwicklung angeregt wurde.[16] Andererseits war eine solche Beziehung ebenfalls gewinnbringend für die Literatur, welche ihre christliche Verwurzelung für kreatives Schaffen und Themeninspirationen nutzen konnte.[17] Bis heute benötigt der Rezipierende oftmals ein bestimmtes Vorwissen über die Inhalte biblischer Schriften und christlicher Traditionen, um literarische Werke verstehen zu können.[18] Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm die evangelische Seite hinsichtlich dieses Abkopplungsprozesses zunächst die Position ein, dass autonome kulturelle Errungenschaften und Produkte wie bspw. die Literatur mit deutlichem Misstrauen betrachtet wurden: Man vertrat die Auffassung, dass „Literatur [...] bestenfalls einen Wert darstellen [könne; P.A.], wenn sie Ausdruck christlichen Lebens sei.“[19] Ab Mitte desselben Jahrhunderts verbreitete sich jedoch der sog. Kulturprotestantismus als konträre Position.[20] Anhänger dieser Position vereinte der Grundgedanke, dass eine innere Verbundenheit zwischen künstlerischem und religiösem Erleben vorherrsche.[21] Als bekanntester Anhänger des Kulturprotestantismus ist bspw. Paul Tillich zu nennen. Mitte der 1970er-Jahre etablierte sich schließlich eine unabhängige Disziplin von Theologie und Literatur, welche nun in einem Dialogfeld stehen sollte.[22] Infolgedessen wurde die Beziehung der beiden Größen in Augenschein genommen und systematisch analysiert. Diese Neuorientierung und -bestimmung des Verhältnisses von Theologie und Literatur sollte insbesondere im Paradigma des Dialogs stehen.[23] Zunächst musste hierfür die doppelte Vorgabe gesetzt werden, dass Literatur nicht vereinnahmt und theologisch „verzweckt“[24], sondern ihre Autonomie und ihr Selbstwert uneingeschränkt akzeptiert werden müsse.[25] Weiterhin bedürfe es einer dialogischen, kreativen und prozessorientierten Ausein-andersetzung zwischen den beiden Wissenschaften, so Langenhorst.[26] Im Folgenden werden drei Theologen vorgestellt, welche eine dialogische Neubestimmung der Beziehung von Literatur und Theologie vorantrieben. Zu allererst ist die evangelische Theologin und Literaturwissenschaftlerin Dorothee Sölle zu nennen, welche 1973 den zentralen Anstoß zu der Neuauslegung des literarisch-theologischen Verhältnisses gab.[27] Ihre Arbeit hinsichtlich der theologischen Deutung von Dichtung basierte auf dem Grundbegriff der Realisation.[28] Hierunter verstand Sölle die gezielte Wahrnehmung der literarischen Art und Weise, vom Menschen zu sprechen.[29] Sie forderte, dass sich die theologische Sprache auf die poetische Sprache der Literatur einlassen müsse, um weltlich wirken zu können.[30] Ähnlich wie Sölle setzte sich Dietmar Mieth auf der katholischen Seite in den 1970ern mit einer Verhältnisbestimmung von Literatur und Theologie auseinander.[31] Diese fand jedoch aus einer deutlich ethisch basierten Perspektive heraus statt. So lehnte er es ab, die Rolle der Autoren mit der eines Propheten gleichzusetzen und befand Sölles Realisationsbegriff als unzulängliches „[...] theologisches Kriterium der Literaturinterpretation“[32].[33] Mieth entwickelte ein vierschrittiges Verfahren, welches zur Verhältnisbestimmung von Theologie – genauer Ethik – und Literatur beitragen sollte.[34] Der erste Schritt bestand darin, die Funktion von Literatur mithilfe der Kategorien Teilerfahrung und Möglichkeit zu definieren.[35] Erstere setze sich daraus zusammen, dass Dichtung als Komponente menschlicher Erfahrung angesehen werden müsse, jedoch keinen Ersatz für die Theologie darstelle.[36] Die Möglichkeit hingegen stelle heraus, dass die literarisch-fiktive Wirklichkeit nicht mit der göttlichen verwechselt und literarische Figuren vielmehr als „konkrete Utopien“[37] anstatt als eine Realität verstanden werden dürften.[38] Im zweiten Schritt würden, laut Mieth, die strukturellen Entsprechungen und Analogien zwischen Dichtung und christlichem Glauben in Form eines „Beziehungsgefüges eigener Ordnung“[39] offengelegt werden können.[40] Weiterhin könne man nach Mieth die dichterische Strukturierung als eine lobpreisende deuten, weshalb er den dritten Schritt seines Verfahrens als doxologische Relation betitelte.[41] Im letzten Punkt solle dann der Beitrag von Dichtung zu einer theologischen Ethik bestimmt werden, indem sie als argumentative Präzision von verbindlichen Werten der Menschen interpretiert werde.[42] Da sich dieses Verfahren insbesondere der Lyrik widmete, weitete Mieth später seine Forschung auf Prosa – genauer Romane – aus.[43] Diese könnten als Ethik verstanden werden, wenn sie erzählend Moral reflektierten, d.h. dem Lesenden einen „[...] ethischen Lebensentwurf in ästhetischer Authentizität“[44] anbieten würden.[45] Hierbei interpretiert Mieth Moral – die noch unreflektierte Ethik – als ein „Bindeglied zwischen autonomer Literatur und Theologie“[46].[47] Ebenfalls auf der katholischen Seite forschte der studierte Theologe und Germanist Karl-Josef Kuschel an dem Dialogfeld von Literatur und Theologie. Mit seiner 1978 erschienenen Dissertation „ Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur “ prägte er das Forschungsfeld nachhaltig.[48] Im Fokus seiner Arbeit stehe, laut Kuschel, die Annahme der gegenseitigen Herausforderung überall „[...]dort, wo man sich vielfach überschneidet: in der Darstellung der Wirklichkeit des Menschen und seiner Welt.“[49] So führte Kuschel ein Verständnis der kritischen Korrektive ein.[50] Hierbei agiere auf der einen Seite die Literatur als kritisches Korrektiv „[...]gegenüber der theologischen Sprache, die die Wirklichkeit des Menschen oft durch hohle, abgegriffene Unantastbarkeit und Unveränderlichkeit beanspruchende Formeln verstellte, statt sie zu erhellen“[51]. Auf der anderen Seite stehe die Theologie als kritisches Korrektiv, welches die Literatur herausfordere,

„[...]die Frage nach dem Menschen, [...] nach dem Zustand der Welt, wie sie ist, [...] nach dem Ganzen von Mensch und Welt in Raum und Zeit, in den vielfältigen Dimensionen der Wirklichkeit offen zu halten“[52].

Kuschel betont zudem die gleichwertige Relevanz dieser beiden Korrektivfunktionen. Für die Theologie erhoffe er sich dadurch, dass sie die Literatur als eine Art „Seismograph“[53] nutze, um „[...] religiöse Erschütterungen und Bewegungen der Menschen [...]“[54] erspüren zu können[55]. Mithilfe einer Analyse literarischer Texte hinsichtlich derer religiöser Elemente können Literaturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sowie Autoren und Autorinnen die Funktionen und Bedeutungen dieser Elemente ermitteln und religiöse Fragestellungen in literarischen Werken aufdecken.[56] Im Gegensatz zu den vorher genutzten Grundmodellen[57] werfe Kuschel nun einen Doppelblick auf Entsprechungen und Entfremdungen, um das Verhältnis von Literatur und Theologie zu bestimmen.[58] Dieses strukturell-analoge Denken verhelfe zu einer Wahrnehmung des Bekanntem im Fremden, anstatt eine strikte Abgrenzung der Ebenen Mensch und Gott vorzunehmen.[59] In der jüngeren Entwicklung des Forschungsfeldes fällt zudem auf, dass das zuvor eher systematisch-theologische Interesse in Form von einem hermeneutischen Fokus nun in eine Verlagerung zur Praxis – insbesondere in Bezug auf religiöse Lernprozesse – umschwenkt.[60] Im folgenden Unterkapitel soll ein Vertreter aus der praktischen Theologie und seine prozessorientierte Perspektive auf das Dialogfeld Theologie-Literatur vorgestellt werden.

2.2 Kriterien für einen gewinnbringenden Dialog zwischen Theologie und Literatur

Der Theologe und Germanist Georg Langenhorst arbeitete im Rahmen eines produktiven Dialogs von Theologie und Literatur fünf potentielle Gewinndimensionen heraus, welche als Kriterien bei einer theologisch-literarischen Analyse genutzt werden können.[61] Hierbei handelt es sich um strukturelle Orientierungshilfen, welche die praktische Anwendung von Literatur im religiösen bzw. theologischen Rahmen vereinfachen sollen.[62] Als grundlegende Basis hierfür dient die zuvor festgelegte Voraussetzung, dass die Autonomie der Theologie sowie der Literatur anerkannt werden müsse. Das erste von den von Langenhorst aufgestellten Kriterien ist die sog. Textspiegelung. Hierunter versteht er, dass in einem literarischen Text religiöse Bezüge zu Prätexten der Bibel bspw. durch Zitate, Anspielungen, Motive, spezifische Sprachformen oder Stoff- und Handlungsgefüge hergestellt werden.[63] Die Auseinandersetzung mit dieser sog. Intertextualität kann auf theologischer Ebene zu einem Erkenntnisgewinn führen, wenn diese mithilfe von literaturwissenschaftlichen Methoden und Begriffen eingefangen werde.[64] Auf der Ebene der Literatur bzw. Literaturwissenschaft könne eine Analyse von religiösen und theologischen Traditionen dazu beitragen, dass erkannt werden könne, warum und wie diese verarbeitet worden sind.[65] Hierbei böten die Theologie und Religionswissenschaft eine Grundlage an Wissen für ein ebensolches Verständnis. Demnach würden mithilfe einer Textspiegelung die zwei Dimensionen ‘literarischer Text‘ und ‘angelehnte Texttradition‘ gegenübergestellt.[66] Eine weitere Gewinndimension sieht Langenhorst in einer sog. Sprachsensibilisierung. So betont er, dass Schriftsteller und Schriftstellerinnen ein ausgeprägtes Empfinden für die Verwendung von Sprache und die mögliche Wirkung dieser besäßen.[67] Für Theologen und Theologinnen könne die Wahrnehmung der sprachlichen Besonderheiten zeitgenössischer Literatur als Anregung zur Reflexion des religiösen bzw. theologischen Sprachgebrauchs dienen.[68] Aber auch auf literarischer Ebene könnten durch die Auseinandersetzung mit der theologischen bzw. religiösen Sprachtradition Erkenntnisse dazugewonnen werden, da Literatur oftmals auf dem produktiven Erbe der religiösen Sprache aufbaue und Literaturgattungen präge.[69] Die dritte Dimension betitelt Langenhorst als Erfahrungserweiterung. Hierbei handelt es sich zunächst um die Erkenntnis, dass Autoren und Autorinnen sich selbst, ihre Zeit und Gesellschaft erfahren sowie diese Erfahrungen und Eindrücke in Form von literarischen Erzeugnissen fixieren.[70] Folglich werde den Rezipierenden ein indirekter Zugang auf die Erfahrungen der Verfassenden ermöglicht, da diese bereits gefiltert bzw. gedeutet wurden.[71] Für die literarische bzw. literaturwissenschaftliche Ebene wäre es demnach von Vorteil, wenn sie den Erfahrungskontext hinsichtlich religiöser Sozialisationsspuren oder religiöser Lektüren, die auf das literarische Werk einwirkten, untersuchten.[72] Aus der theologischen Perspektive könne zudem ein Abrufen und Überprüfen eigener Erfahrungen durch die Schilderung religiöser Erfahrungen anderer stattfinden.[73] Hierdurch könne ein moralisches und religiöses Identitätswachstum unterstützt werden.[74] Eine weiterführende Gewinndimension der Erfahrungserweiterung stellt die Wirklichkeitserschließung dar. Nach Langenhorst können mithilfe einer Textrezeption neue Perspektiven hinsichtlich möglicher Erfahrungen eröffnet werden.[75] So werde sowohl in der Theologie als auch in der Literatur versucht, mittels Sprache die Wirklichkeit abzubilden.[76] Demnach ständen die Texte selbst repräsentativ für die Wirklichkeit.[77] Literarische Texte würden zudem „ [...] als konkurrierende Wirklichkeitsdeutungen eigene Realitätsebenen [...]“[78] erschließen.[79] Die letzte Gewinndimension im literarisch-theologischen Dialog ist die Möglichkeitsandeutung. Hierbei stehe im Fokus, dass Literatur als Medium fungiere, welches die Sehnsüchte, Träume und Visionen der Menschen entfalte und fixiere.[80] „Es ist das ‚als ob’ und das ‚was sein könnte’, die oft die Faszination literarischer Texte ausmachen.“[81] So biete diese Dimension eine „[...]Lernchance [...], in der letztlich auch die theologischen Aussagen über Gott beheimatet sind.“[82] Sowohl die literarische als auch die theologische Sprache „transzendieren Wirklichkeit“[83], wobei diese auf religiöser Ebene stets auf Gott ausgerichtet sei und das Transzendieren als ein von Gott gestatteter „Prozess des menschlichen Sich-Öffnens“[84] interpretiert werden müsse. Demnach stehe bei dieser Dimension im Vordergrund, dass ein nicht-religiöses Verständnis von Möglichkeiten sowie umgekehrt auf literaturwissenschaftlicher Ebene ein religiöses Verständnis des Möglichkeitssinns kennengelernt werde.[85] Langenhorst ordnet diese fünf Gewinndimensionen unter dem Aspekt der Korrelation ein. Diese interpretiert er als kritische, aber produktive Wechselbeziehung zwischen den Erfahrungen, die in biblischen Büchern und bedeutenden kirchengeschichtlichen Werken die Beziehung zu Gott beschrieben und dokumentiert hätten, sowie den Erfahrungen, die in zeitgenössische Literatur flössen.[86]

2.3 Jesus in der Literatur

2.3.1 Umriss der jüngeren Entwicklungsgeschichte

Seit Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts konnte ein starker Anstieg der Bücherveröffentlichungen über Jesus verfolgt werden.[87] Darunter waren jedoch nicht nur Werke der theologischen Fachliteratur, sondern auch viele Bücher, welche sich an ein größeres Publikum als Adressaten richteten wie bspw. Christuslyrik oder auch Jesusromane.[88] Ebendieser Anstieg deutet auf ein großes vorhandenes Interesse an der Gestalt Jesu hin, welches zudem über die „kirchliche Sphäre“[89] hinausging.[90] Als möglichen Grund für diese nicht abklingen wollende Wissbegier hinsichtlich der Geschichte Jesu Christi wurde oftmals die Besonderheit derer angeführt. Kuschel stellte diesbezüglich heraus: „Es gibt nur wenige archetypische, also in Raum und Zeit universale Gestalten der Literatur der Welt“[91]. All diesen wohne der Aspekt inne, dass sie

„[...] Grundsituationen der Menschen wie die Verführbarkeit, die Angewiesenheit auf Liebe und Hoffnung, eine unablässige Sinnsuche, rastloses Streben nach Heimat, Tragik und Widerstandsbereitschaft [thematisieren und deuten; P.A]“[92].

Jesus stellt eine ebendieser Figuren dar, deren Geschichte stets prägend für unsere heutige Kultur ist sowie von all dem erzählt, was das Dasein der Menschen bewegt. Kuschel geht diesbezüglich sogar noch einen Schritt weiter und behauptet: „Niemand in der Weltliteratur verkörpert wie er die Dialektik von Ohnmacht und Macht, Scheitern und Sieg, Niederlage und Größe.“[93] Zudem komme es in der Geschichte Jesu, laut Kuschel,

„ [...] zu einer einzigartigen Verbindung von Utopie, Liebesbotschaft, Hinrichtung und Aufrichtung; von Hoffnung, Ausrottung und unausrottbarer Hoffnung. Diese Trias macht die spezifische Grundstruktur des Jesus-Dramas aus.“[94]

So stellt die Rezeptionsgeschichte Jesu eine der meistuntersuchtesten Fragen im Forschungsfeld ‚Theologie und Literatur’ dar.[95] Im deutschen Sprachraum werde hierbei insbesondere die Rezeption des Menschen ‚Jesus’ und sein Wirken auf Erden sowie innerhalb der unterschiedlichen Zeiträume und Epochen untersucht.[96]

2.3.2 Das Genre des Jesusromans

Das Aufblühen der Jesusliteratur stellt nach Elisabeth Hurth eine direkte Reaktion auf das in der Exegese Albert Schweitzers festgelegte Ende der ‚Leben-Jesu-Forschung’ dar.[97] Ebendiese Absage an die Forschung fungierte im zweiten Abschnitt des 19. Jahrhunderts als Sprungbrett für Schriftsteller und Schriftstellerinnen und ihre Fiktion.[98] Als inhaltliche Vorlage oder Anknüpfungspunkt für die Romane dienten oftmals die kanonischen Evangelien. Die künstlerische Freiheit des Autors oder der Autorin bestand oftmals darin, hinsichtlich der Romankomposition und der erzähltechnischen Verbindung der Handlungsstränge kreativ zu werden.[99] So stellte Kuschel heraus:

„Es ist weniger der geschichtliche Jesus, dessen Geschichte Schriftsteller zur Nacherzählung reizte, als der Jesus, dessen Universalität dort aufscheint, wo er mit all den Namenlosen, Unbekannten, Verfolgten und Verachteten, welche die moderne Literatur bevölkern, identifiziert werden kann.“[100]

Um das neuerwachte Interesse an der Fiktion zum Ausdruck zu bringen, wurde insbesondere das Genre des Romans genutzt, infolgedessen wurde eine Reihe von sog. ‚Jesusromanen’ verfasst und veröffentlicht. Bei ebendiesen Jesusromanen handelte es sich zunächst größtenteils um Formen des historischen Romans.[101] Dieser spezifische Romantypus thematisiert im Allgemeinen authentische historische Persönlichkeiten oder beglaubigte Ereignisse aus der Vergangenheit und

„[...] [gibt; P.A] je nach Art des gewählten Stoffes und der Darstellungsweise einen individuellen Lebenslauf oder ein allgemeines Geschichtsbild, [...] das jedoch wegen dichterischer Freiheiten nicht immer das wissenschaftlich anerkannte, sondern auch ein intuitiv erfühltes, doch glaubwürdiges oder nach ästhetischen Gesichtspunkten umgestaltetes sein kann.“[102]

Im Folgenden entstand die erste Ausprägung der Jesusromane, der sog. traditionelle Jesusroman. Hierbei handelte es sich um romanhafte Leben-Jesu-Darstellungen, welche als fiktionale Biographien Jesu angelegt waren.[103] Die Romanhandlung wurde in die Zeit Jesu gelegt und mithilfe eines allwissenden, auktorialen Erzählers wiedergegeben.[104] Im traditionellen Jesusroman wurde zudem die Form der direkten Darstellung gewählt, sodass die Figur ‚Jesus’ als Subjekt in einer „[...]romanhaft-fiktiven, den räumlichen Kontext des historischen Jesus rekonstruierende[n; P.A.] Handlung [...]“[105] erlebt werden konnte.[106] Die Intention eines solchen Romans war eindeutig: Die konkret biblischen Gestalten und Geschehnisse sollten abgebildet werden.[107] Alles in allem sei der klassische Jesusroman aus theologischer Perspektive als eine Ausdrucksweise des Glaubensbekenntnisses anzusehen, da in ihm oftmals ein traditionelles Christusbild skizziert werde, welches sich, laut Kuschel, nicht in die wissenschaftlichen Ergebnisse der Exegese einfüge.[108] Auch auf literarischer Ebene biete dieser Romantypus kaum einen Mehrwert, da er oftmals zu eindimensional und primär monoperspektiv erzähle, wodurch kaum eine differenzierte Wirklichkeitswahrnehmung erzielt werden könne.[109] Neben der bereits erwähnten historisierenden Nacherzählung innerhalb der traditionellen Jesusromane, entstanden seit Ende des 19. Jahrhunderts Jesusromane eines neuen Typus, die als indirekte Jesusromane betitelt wurden.[110] Hierbei sollte Jesus mithilfe von Spiegelfiguren skizziert werden.[111] Dieser Zugang über biblische oder fiktive Nebenfiguren verschob die Roman- bzw. Figurenperspektive auf die jeweilige Nebenfigur, welche die Geschehnisse um Jesus erzählte.[112] Eine solche Darstellungsweise verfügte über glaubwürdigere und stimmigere Erzähler, mit denen sich die Rezipierenden meist besser identifizieren konnten.[113] So wurde der Schwerpunkt der Erzählung nicht derart stark auf die Schilderung von historischen Ereignissen, sondern vielmehr auf die der persönlichen Wahrnehmungen und Reflexionen der Geschehnisse gelegt.[114] Bei den Nebenfiguren kann es sich zudem um Zeitzeugen handeln, welche nicht im direkten Kontakt zu Jesus stehen.[115] Diese erzählen von ihm und spiegeln die gesellschaftliche Wahrnehmung dessen in Form von Briefen, Notizen oder Berichten wider.[116] Diese Darstellungsweise wird auch als Collagetechnik beschrieben.[117] Eine solche indirekte Darstellungsweise ermöglicht ebenfalls die Umdeutung von Überlieferungsgeschehen.

Zur gleichen Zeit entwickelte sich zudem eine dritte Ausprägung des Jesusromans, welche eine literarische Neugestaltung bzw. Aktualisierung des Leben Jesu thematisierte.[118] Hierunter fiel u.a. die Jesustransfiguration.[119] In dieser Form des Jesusromans werden bestimmte Wesenseigenschaften Jesu auf eine literarische Figur übertragen.[120] Hierbei spielt die Handlung oftmals nicht in der Zeit Jesu, sondern in der jeweiligen Gegenwart.[121] So wird intendiert, heutige Ereignisse und Charaktere mit Jesus und seiner Zeit zu kontrastieren, in Verbindung zu setzen sowie moderne Problematiken kritisch zu spiegeln.[122] Dies geschieht oftmals durch den gezielten Einsatz von direkter und indirekter Darstellung, Perspektivwechsel sowie Ort- und Zeitverschiebungen.[123] Zudem wird mit „[...]Prinzipien der Entmythologisierung, Entkleidung aller historischen Kostüme und Reduzierung des Geschehens oder einer Gestalt auf wenige wesentliche Grundzüge [gearbeitet; P.A.]“[124] Wenn jedoch nicht nur einige Eigenschaften Jesu auf eine Figur übertragen werden, sondern Jesu gesamte Lebensgeschichte an einem verwandten Schicksal erneut erlebt wird, wird von dem Motiv der Imitatio gesprochen.[125]

[...]


[1] https://www.br.de/themen/religion/religion-im-roman-spiritualitaet-und-moderne-literatur-100.html (letzter Zugriff: 27.02.19;15:43 Uhr)

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Backhaus 2003, S.124

[5] Die Bezeichnung ‚modern’ wird von mir im Folgenden im Sinne von ‚zeitgenössisch’ verwendet.

[6] Vgl. Langenhorst 2001, S.13

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd., S.14

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Langenhorst 2005, S.507

[20] Vgl. ebd.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl, ebd., S.513

[23] Vgl. ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Sölle 1973

[28] Vgl. ebd.,31

[29] Vgl. ebd. 29

[30] Vgl. ebd.

[31] Vgl. Langenhorst 2005, S.515

[32] Mieth 1976, S.87

[33] Vgl. Langenhorst 2005, S.516

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl ebd.

[37] Ebd.

[38] Vgl. ebd.

[39] Mieth 1976, S.96

[40] Vgl. Langenhorst 2005, S.516

[41] Vgl. ebd.

[42] Vgl. ebd., S.517

[43] Vgl. ebd.

[44] Ebd.

[45] Vgl. ebd.

[46] Mieth 2000, S.80

[47] Vgl. Langenhorst 2005, S.517

[48] Kuschel 1978: Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

[49] Kuschel 1978, S.4

[50] Vgl. ebd. S.4f.

[51] Ebd., S.5

[52] Ebd.

[53] Ebd. S.11

[54] Ebd.

[55] Vgl. ebd.

[56] Vgl. ebd., S.18

[57] Korrelations- und Konkurrenzmodell

[58] Vgl. ebd., S.5

[59] Vgl. ebd.

[60] Vgl. Langenhorst 2016, S.23

[61] Vgl. ebd., S.20

[62] Vgl. ebd.

[63] Vgl. ebd.

[64] Vgl. ebd.

[65] Vgl. ebd.

[66] Vgl. ebd.

[67] Vgl. ebd.

[68] Vgl. ebd.

[69] Vgl. ebd. S.20f.

[70] Vgl. ebd., S.21f.

[71] Vgl. ebd.

[72] Vgl. ebd.

[73] Vgl. ebd.

[74] Vgl. ebd.

[75] Vgl. ebd., S.22f.

[76] Vgl. ebd.

[77] Vgl. ebd.

[78] Ebd., S.22

[79] Vgl. ebd.

[80] Vgl. ebd., S.23

[81] Zimmermann 2016, S.4

[82] Ebd.

[83] Langenhorst 2001, S.24

[84] Ebd.

[85] Vgl. ebd.

[86] Vgl. Langenhorst 2016, S.24

[87] Vgl. Langenhorst 1998, S.41

[88] Vgl. Hurth1993b, S.3

[89] Langenhorst 1998, S.27

[90] Vgl. ebd.

[91] Kuschel 2010, S.18

[92] Ebd.

[93] Kuschel 2010, S.20

[94] Ebd.

[95] Vgl. Langenhorst 2005, S.96

[96] Vgl. ebd.

[97] Vgl. Hurth 1993b, S.2f

[98] Vgl. Kuschel 1978, S.49

[99] Vgl. ebd.,S.44

[100] Kuschel 2010, S.14

[101] Vgl. Langenhorst 1998, S.44

[102] Wilpert 2001, S.44.

[103] Vgl. Langenhorst 1998, S.26

[104] Vgl. Kuschel 1978, S.39f.

[105] Ebd.

[106] Vgl. ebd.

[107] Vgl. Langenhorst 1999, S.33

[108] Vgl. Kuschel 1978, S.40

[109] Vgl. Langenhorst 1998, S.33

[110] Vgl. ebd., S.28

[111] Vgl. ebd.

[112] Vgl. ebd.

[113] Vgl. ebd., S.28f.

[114] Vgl. Langenhorst 1998, S.28f.

[115] Vgl. ebd., S.133f.

[116] Vgl. Langenhorst 2001,S.6

[117] Vgl. ebd,

[118] Vgl. Hurth 1993a, S.8

[119] Vgl. Langenhorst 1998, S.29

[120] Vgl. ebd.

[121] Vgl. ebd.

[122] Vgl. ebd.

[123] Vgl. Langenhorst 2001,S.6f.

[124] Motté 1996, S.51

[125] Vgl. Hurth 1993a, S.8

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Details

Titel
Die literarische Figur "Jesus". Ein modernes Jesusbild in "Große Freiheit – die Geschichte des Wasserwandlers"
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
52
Katalognummer
V465921
ISBN (eBook)
9783668942721
ISBN (Buch)
9783668942738
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jesus, Kuschel, Langenhorst, Jesusroman, Jesusfigur, Jesusbild, Literatur und Religion, Matthias Lemme, Susanne Niemeyer, Hamburg, große Freiheit, Figurenportrait
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Pia Abdin (Autor), 2019, Die literarische Figur "Jesus". Ein modernes Jesusbild in "Große Freiheit – die Geschichte des Wasserwandlers", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465921

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