Das Leben der Jerusalemer Urgemeinde nach Apostelgeschichte 1-6

Zwischen Geschichtsschreibung und Verkündigung


Bachelorarbeit, 2018

71 Seiten, Note: 1,15


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Apostelgeschichte
2.1. Das lukanische Doppelwerk
2.2. Verfasser, Zeit und Ort der Abfassung
2.3. Zur Quellenlage
2.4. Zur Gattung
2.5. Die Antike Geschichtsschreibung
2.5.1. „Wie man Geschichte schreiben soll“
2.5.2. Die Apostelgeschichte im Kontext antiker Geschichtsschreibung
2.6. Zusammenfassung und Ausblick auf die folgenden Kapitel

3. Die Jerusalemer Urgemeinde
3.1. Das Wachstum der Gemeinde (Apg 2,41.47; 4,4; 5,14; 6,1.7)
3.2. Das Leben der Gemeinde
3.2.1. Die Orte der Gemeinde (Apg 1,13; 2;46; 3,1–2; 5,12.42)
3.2.2. Das gemeinsame Mahl (Apg 2,42.46)
3.2.3. Die Taufe (Apg 1,5; 2,37–41)
3.2.4. Die Gütergemeinschaft (Apg 2,44–45; 4,32–37)
3.3. Wundertaten der Apostel am Beispiel der Heilung des Gelähmten (Apg 3,1–10)
3.4. Hebräer und Hellenisten (Apg 6, 1–7)

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Beschäftigung mit Fragen rund um die Geschichte des Frühen Christentums sehen sich Theologen[1] und Forscher mit „der Bruchstückhaftigkeit und Zufälligkeit der uns erhaltenen Quellen“[2] konfrontiert. Nicht ohne Grund wird diese Zeit bezüglich ihrer mangelnden Zahl an Quellen auch als dunkles Zeitalter bezeichnet. Bei meinem Bestreben das Leben der Jerusalemer Urgemeinde zu erkunden, muss zunächst erkannt werden, dass es nur wenige Quellen gibt, die über das Leben der Gemeinde berichten. Die Apostelgeschichte beinhaltet wichtige Aussagen über die Jerusalemer Urgemeinde, weswegen diese im Zentrum der Arbeit steht. Die Frage ist jedoch, inwiefern die Apostelgeschichte verwendet werden kann, um historische Aussagen treffen zu können. Denn nicht selten begegnen dem Leser der Apostelgeschichte romantische Darstellungen wie diese: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele [...]“ (Apg 4,32). Wie kann mit diesen Passagen umgegangen werden? Können solche vom Verfasser getätigten Aussagen überhaupt ernst genommen werden? Was kann mit Sicherheit über die Jerusalemer Urgemeinde erfahren werden? Um Informationen aus dem Text entnehmen zu können, muss der „Text, die Gattung und die Erzählabsicht des lukanischen Geschichtswerks wahr und ernst“[3] genommen werden. Konkret erfordert dies eine Auseinandersetzung mit der Quelle an sich, bevor die Inhalte des Textes erschlossen werden können. Dieser Gedanke führt zu einer zweiteiligen Gliederung der vorliegenden Arbeit. Im Ersten Schritt sind notwendige Grundlagen zu klären. Dazu gehören die Fragen nach dem Verfasser, zur Zeit, zum Ort der Abfassung sowie zur Quellenlage. Diese wesentlichen Aspekte sind nicht als Einleitung in die Apostelgeschichte, sondern als Hinleitung in die folgende thematische Auseinandersetzung zu verstehen. Denn danach wird sich der Diskussion über die Gattung der Apostelgeschichte gewidmet. Unter Einbezug der Lukianischen Schrift „Wie man Geschichte schreiben soll“, wird darauf einzugehen sein, wie die Apostelgeschichte im Kontext der antiken Geschichtsschreibung zu verstehen ist. Dieser Aspekt wird vor allem für den zweiten Schritt der Arbeit wichtige Erkenntnisse mit sich bringen und die Unterschiede zwischen heutigem und antikem Verständnis von Geschichtsschreibung erkennbar machen. Denn die Frage nach dem historischen Wert der Apostelgeschichte geht mit der Frage einher, was von einem antiken Historiker seiner Zeit zu erwarten ist.[4] Auf Grundlage der zuvor gesammelten Erkenntnisse, erfolgt im zweiten Teil eine Auseinandersetzung mit dem Text. Nachdem eine kurze Erklärung zum Begriff der „Urgemeinde“ gegeben wird, folgt der inhaltliche Einstieg in den Text. Dabei werden sowohl die historische Plausibilität, als auch die lukanische Intention betrachtet. Zunächst werden die Wachstumsnotizen näher beleuchtet, danach wir das Leben der Urgemeinde im Zentrum der Untersuchung stehen. Dazu zählen die Orte der Gemeinde, mögliche erste Rituale sowie die Art des Zusammenlebens. Zuletzt wird die Aufmerksamkeit auf die Wundertaten der Apostel gerichtet sowie auf die Unterscheidung zwischen Hebräern und Hellenisten. Durch den relativ geringen Umfang der Arbeit, im Vergleich zu der Größe der Thematik, erfolgt eine bewusste Beschränkung auf diese Schlüsselstellen/-themen der ersten sechs Kapitel. Damit der Leser den Argumentationen besser folgen kann, werden zu Beginn eines jeden Kapitels die zu betrachtenden Textstellen wiedergegeben.

Im Fazit kann dann die Frage beantwortet werden, was die Apostelgeschichte über die Urgemeinde berichtet und viel wichtiger noch, was davon als historisch glaubwürdig angesehen werden kann. Dabei ist es unerlässlich, die Absichten des Lukas vor Augen zu haben und diese bei der Beantwortung der Frage zu berücksichtigen.

2. Die Apostelgeschichte

Die Apostelgeschichte kann aus verschiedenen Blickwinkeln gegliedert werden. Bei der Betrachtung der agierenden Personen ist in zwei Teile zu unterteilen, den Petrusteil und den Paulusteil.[5] Hinsichtlich der geographischen Ausbreitung des Christentums lassen sich drei Teile identifizieren. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Ausbreitung des Christentums in Jerusalem unter den Judenchristen, der zweite Teil behandelt die Ausbreitung in den umliegenden Gebieten Judäa / Samaria und im dritten Teil wird die Ausbreitung unter den Heidenchristen bis nach Rom geschildert.[6] Bei der Beschränkung meiner Bachelorarbeit auf Apg 1,1–6,7 wurde die geographische Gliederung berücksichtigt. Ab Kapitel 6 wird eine neue Personengruppe, die Hellenisten, in das Blickfeld gerückt, die eine wichtige Funktion für die Ausbreitung des Christentums über Jerusalem hinaus hat.[7] Ab Apg 6,8 ist ein Umbruch erkennbar. Ab diesem Moment ist das Handlungsfeld nicht mehr auf Jerusalem beschränkt. Apg 6,7 bildet somit die letzte zu betrachtende Stelle in Bezug auf die Jerusalemer Urgemeinde.

Nicht nur in Bezug auf die Gliederung begegnen einem in der Forschungsliteratur verschiedenste Ansichten. Insgesamt kann bei der Auseinandersetzung mit der Apostelgeschichte auf eine lange und vielfältige Auslegungsgeschichte zurückgeblickt werden. In der Wende zum 3. Jahrhundert gewann die Apostelgeschichte kanonisches Ansehen. Mit Origenes[8], dessen Kommentierung nur noch bruchstückhaft vorliegt, begann die Auslegung der Apostelgeschichte.[9] Für den Einstieg in diese Arbeit sind die Entwicklungen der letzten hundert bis hundertfünfzig Jahre als besonders spannend zu erachten. Denn bis heute lassen sich die großen, damals entstandenen Linien zurückverfolgen. Beginn dieser neuzeitlichen Entwicklung war die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entzündete Frage nach der Faktentreue. Mit der Ansicht, dass in der Apostelgeschichte keine rein-objektive Darstellung vorzufinden und den Paulusbriefen insgesamt ein höherer Stellenwert zuzuschreiben ist, wurde Ferdinand Christian Baur zum Wegbereiter der radikalen Lukaskritik. Mit Franz Overbeck spitzte sich diese so weit zu, dass die Apostelgeschichte als eines der „armseligsten und ärmsten Bücher“[10] bezeichnet wurde. Doch diese Art der Auslegung erhielt keineswegs nur Zustimmung. Zu den prominentesten Verteidigern der Apostelgeschichte zählt Adolf von Harnack.[11] Die radikal kritische Haltung wurde heute weitestgehend abgelegt. In der deutschen Forschung gibt es vor allem mit Martin Hengel, Nachfolger der Harnackschen Linie, die zunehmende Tendenz ein höheres Vertrauen in den Quellenwert der Apostelgeschichte zu setzen und ihren historischen Wert positiv einzuschätzen. Mit Martin Dibelius und Henry J. Cadbury lässt sich jedoch auch die Baur-Linie noch heute erkennen.[12] Neuere Auseinandersetzungen mit der Apostelgeschichte zeigen ein zunehmend historisch-kritisches Interesse. Diese sind zumeist geprägt von der Annahme, dass jede Geschichtsdarstellung einen konstruktiven Charakter besitzt und historische Objektivität als solches ein unerreichbares Ideal ist.[13] In den folgenden Kapiteln werden deswegen unter anderem aktuelle geschichtstheoretische Diskussionen miteinbezogen.

2.1. Das lukanische Doppelwerk

Im Proömium der Apostelgeschichte kann diese als Teil eines Doppelwerkes identifiziert werden, so die Meinung vieler Theologen.[14] In Apg 1,1 ist zum einen von einem vorhergehenden ersten Bericht die Rede. Zum anderen wird die Apostelgeschichte erneut an Theophilus gerichtet, wie bereits in Lk 1,3. Nur einige Wenige drücken diese Vermutung vage aus und sprechen von einer möglichen literarischen Einheit.[15] Den stärksten Einwand gegen diese These stellt die abweichende Wiedergabe der Himmelfahrt in Lk 24,44–53 und Apg 1,4–12 dar. Die Unterschiede betreffen vor allem die Datierung (Ostern – nach 40 Tagen) und die Verortung des Geschehens (Betanien – Ölberg).[16] Für die Spannungen bestehen jedoch einige Erklärungsversuche, sodass diese Differenzen letztendlich kein Argument gegen die Annahme eines Doppelwerkes liefern. So könnten die Unterschiede aus dem zeitlichen Abstand der jeweiligen Abfassungszeit folgen[17] oder aufgrund der unterschiedlich starken Bindung an vorgegebene Traditionen und Quellen zustande gekommen sein, die im Evangelium offenbar größer war.[18] Neben der grundsätzlichen Annahme eines lukanischen Doppelwerkes, gibt es außerdem eine Übereinstimmung über die Reihung der beiden Teile. Dabei wird die Apostelgeschichte prinzipiell als zweiter Teil angesehen und bildet somit die Fortsetzung des Evangeliums.[19] Ob das lukanische Werk von Anfang an als Doppelwerk geplant war, wird unterschiedlich eingeschätzt. Aufgrund der Tatsache, dass sich das Evangelium nicht auf den zweiten Teil bezieht, wird argumentiert, dass Lukas nicht von Beginn an den Plan eines Fortsetzungsbandes hatte.[20] Demgegenüber wird anhand des Proömiums in Lk 1,1–4 begründet, dass es von Anfang an für beide Bücher des Doppelwerks gelte. Die Argumentationen stützen sich unter anderem auf Lk 1,2 wo neben der Augenzeugenschaft auch das Dienen am Wort erwähnt wird und somit ein Verweis auf die Apostelgeschichte sein könnte.[21]

Im Folgenden wird die Apostelgeschichte als Teil des lukanischen Doppelwerks verstanden. Der Prolog des Lukasevangeliums gilt somit ebenfalls für die Apostelgeschichte.[22] Zudem wird an der üblichen Reihung (Lk–Apg) festgehalten. Das bereits während der Abfassung des Lukasevangeliums ein zweites Werk in Planung stand wird als unwahrscheinlich angesehen, jedoch nicht für gänzlich unmöglich gehalten.

2.2. Verfasser, Zeit und Ort der Abfassung

Der Verfasser der Apostelgeschichte ist in heutiger Sprachkonvention durchweg als Lukas bekannt. Zurückzuführen ist dies auf die altkirchliche Tradition, in der der Verfasser als Lukas, der Arzt (Kol 4,14) und Mitar­beiter von Paulus (Phlm 24; 2 Tim 4,11), identifiziert wurde. Allerdings ist festzustellen, dass in keinem der beiden Teile des Doppelwerkes der Verfasser namentlich genannt wird. Dass Lukas der Verfasser ist, wurde vor allem mit den sogenannten „Wir-Berichten“ begründet, die ein direktes Indiz für die Mitarbeit des Lukas auf paulinischen Missionsreisen darstellen sollten.[23] In der heutigen Forschung wird diesen Argumentationsgängen nicht mehr gefolgt. Als mitunter stärkstes Gegenargument gilt die Tatsache, dass der Verfasser Paulus den Aposteltitel vorenthält[24], obwohl Paulus selbst größten Wert auf diesen Titel legte. Zudem existieren noch weitere Unstimmigkeiten. So war Paulus laut dem Galaterbrief ein einziges Mal nach dem Apostelkonzil in Jerusalem, während der Verfasser der Apostelgeschichte ihn im selben Zeitraum zweimal nach Jerusalem reisen lässt. Ein anderes Beispiel ist die Beschneidung des Timotheus durch Paulus (Apg 16,3), und das obwohl sich Paulus in Gal 2,3; 5,2–6 gegen die Beschneidung äußert. Außerdem ist auffällig, dass in den Reden des Paulus innerhalb der Apostelgeschichte die spezifischen Züge der paulinischen Theologie kaum zu erkennen sind. Aus diesen Gründen wird der Verfasser heute nicht mehr als Begleiter des Paulus angesehen.[25] In heutiger Sprachkonvention hat sich trotzdem der Name Lukas für den Verfasser der Apostelgeschichte durchgesetzt[26], sodass dieser im weiteren Verlauf der Arbeit als Lukas bezeichnet wird, ohne ihn jedoch als Begleiter des Paulus zu verstehen. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Lukas ein Heidenchrist war. Einige Theologen bezeichnen diese Tatsache gar als „zweifellos“[27]. Anhand der großen Bedeutung des Paulus innerhalb der Apostelgeschichte sei zudem zu erkennen, dass der Verfasser womöglich aus einer Gemeinde des paulinischen Missionsgebietes stammt. Die umfassende Nutzung der Septuaginta (LXX) macht deutlich, dass er aus Kreisen des Heidentums kam, die mit dem Judentum sympathisierten. Zeitgleich führt diese Tatsache aber auch zu der Annahme, dass Lukas womöglich ein Gottesfürchtiger war. Unabhängig davon, ob Lukas als Heidenchrist oder als Gottesfürchtiger angesehen wird, ist zur Kenntnis zu nehmen, dass dieser über außerordentliches Wissen bezüglich jüdischer Traditionen verfügt. Zudem wird anhand der gehobenen Sprache deutlich, dass Lukas über eine hellenistische Bildung verfügte.[28] Lange Zeit herrschte Einigkeit über die Zeit der Abfassung. Die Standarddatierung 80–90 n. Chr. spiegelte die Meinung vieler Theologen wider.[29] Verfechter der Frühdatierung (Mitte der sechziger Jahre n. Chr.) begründeten ihre Meinung mit dem abrupten Ende der Apostelgeschichte, das mit der römischen Haft des Paulus (63/64 n. Chr.) in Verbindung gebracht wurde. Jedoch spricht hiergegen, dass der erste Teil des lukanischen Doppelwerkes, also das Lukasevangelium, nach dem Jahr 70 n. Chr.[30] geschrieben wurde. Die Datierung der Apostelgeschichte in die sechziger Jahre, ist mit der Datierung des Lukasevangeliums nicht zu vereinbaren. Da grundsätzlich davon ausgegangen wurde, dass dem Verfasser das Corpus Paulinum nicht vorlag, schied auch die Spätdatierung Anfang des 2. Jahrhunderts lange Zeit aus.[31] Somit galt die Datierung auf 80–90 n. Chr. am wahrscheinlichsten. Seit kurzem ist jedoch die Diskussion um die Datierung der Apostelgeschichte neu entbrannt. Kritische Stimmen monieren, dass die Stärke der Standarddatierung vor allem darin lag, dass „nichts Ernstes gegen sie“[32] sprach.

In seinem Aufsatz „Zur Datierung der Apostelgeschichte. Ein Ordnungsversuch im chronologischen Chaos“[33] kommt Knut Backhaus zu der Erkenntnis, dass die Datierung der Apostelgeschichte ein „dankloses Unterfangen“[34] und eine prägnante Zeitangabe kaum möglich sei. Es gelingt ihm jedoch das Festlegen des terminus ad quem in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts und die Bestimmung verschiedener termini post quos, sodass er letztendlich eine relative Spätdatierung (100-130 n. Chr.) als am tragfähigsten ansieht.[35] Obwohl es lange Zeit eine übereinstimmende Meinung über die Abfassungszeit gab, kann die Diskussion momentan nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Nach wie vor sind viele Theologen Verfechter der Standarddatierung, jedoch gehen neuere Ansichten und Argumentationen tendenziell von einer Spätdatierung aus. Grundsätzlich kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass von einer frühen Datierung abgesehen werden kann. Die Apostelgeschichte wurde auf jeden Fall nach der Tempelzerstörung verfasst. Am wahrscheinlichsten ist eine Einordnung in die 3./4. Generation. Bezüglich des Ortes der Abfassung gibt es vereinzelte Stimmen, die Versuche unternehmen, die Abfassung auf bestimmte Orte und Gebiete einzuschränken. So stehen zum Beispiel Ephesus oder Philippi[36], Antiochia[37], oder der Nordwesten Kleinasiens[38] zur Debatte. Alles in allem gilt jedoch, dass es für eine eindeutige Ortsbestimmung schlichtweg zu wenige Indizien gibt. Daher ist es nicht möglich den Ort der Abfassung auszumachen.[39]

2.3. Zur Quellenlage

Die Frage nach den verwendeten Quellen soll an dieser Stelle nur kurz aufgegriffen werden, da sie nur wenige Erkenntnisse in Bezug auf das Forschungsziel bringt. Bei der Arbeit mit der Apostelgeschichte darf sie trotzdem nicht gänzlich vernachlässigt werden. Während beim Lukasevangelium von den Quellen Mk und Q ausgegangen werden kann, ist die Quellenlage in der Apostelgeschichte trotz umfangreicher quellenkritischer Arbeit nicht geklärt.[40] Dass Lukas die LXX umfassend verwendet, wurde bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt. Welche weiteren Quellen er konkret nutzte, ist unklar. Selbst ihr Umfang und Charakter, ob sie in schriftlicher oder mündlicher Form vorlagen, ist nicht bekannt. Zweifelsohne hatte Lukas keinen Bericht von den Anfängen der ersten Gemeinde bis hin zur Mission in Rom vorliegen. Grundsätzlich ist festzustellen, dass Lukas in irgendeiner Form Quellen vorliegen hatte. Diese wurden aber nicht nach heutigem Verständnis von historischer Objektivität verwertet, sondern erfuhren eine Bearbeitung durch Lukas.[41] In der Fachliteratur lassen sich dennoch viele verschiedene Theorien über die genutzten Quellen finden. Seien es „absurde“[42] Versuche die Apostelgeschichte auf Augenzeugenberichte des Philippus und Timotheus zurückzuführen[43], oder jene, die auch heute noch ihren Stellenwert im Rahmen der Forschungsdiskussion haben. Dabei existieren für die zwei Hauptteile (Petrus- und Paulusteil) der Apostelgeschichte je eigene Theorien, die sich in gewisser Weise etabliert haben. Zum einen die Unterscheidung von drei Quellen (eine jerusalemisch-cäsareenische, eine legendarische und eine antiochenische Quelle) durch Harnack in den Kapiteln 1–15. Zum anderen die von Dibelius begründete Annahme einer Art Reisetagebuchs oder auch „Itinerar“ für die Kapitel 13–21.[44] Die Existenz solcher Quellen lässt sich nur sehr schwer bestimmen. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass es solche vorliegenden Quellen gab. In der Antike war es üblich, dass der Autor seine Quellen so sehr bearbeitete, dass die Vorlage kaum mehr ersichtlich war, die Handschrift des Autors dafür umso mehr.[45] Letztendlich kann an dieser Stelle kein sicherer Standpunkt bezüglich der genutzten Quellen eingenommen werden. Die Diskussion um die Quellen der Apostelgeschichte führte bislang zu keinem allgemein anerkannten Ergebnis. Für den weiteren Verlauf der Arbeit ist von Bedeutung, dass Lukas die genutzten Quellen für seine Zwecke bearbeitet hat. In Bezug auf die vielen Reden innerhalb der Apostelgeschichte kann gesagt werden, dass diese, so wie in der antiken Geschichtsschreibung üblich, schriftstellerische Produkte sind und somit von Lukas persönlich kommen.[46] Schließlich ist festzustellen, dass Lukas, als Verfasser des Doppelwerkes, für die Gesamtkonzeption der Apostelgeschichte verantwortlich ist. Unabhängig von den möglichen genutzten Quellen.[47]

2.4. Zur Gattung

Im Folgenden soll die Gattung der Apostelgeschichte als Ganzes, aber auch die verschiedenen Gattungen innerhalb der Apostelgeschichte kurz dargestellt werden. Im Erzählverlauf begegnen dem Leser verschiedene Gattungen. Als besonders charakteristisch gelten die Reden, die immer wieder in das Geschehen eingefügt werden, vor allem an markanten Wendepunkten. Reden sind in der biblischen und außerbiblischen Literatur ein beliebtes Stilmittel und dienen dazu, die Erzählung dramatisch und lebendig zu gestalten. Der Leser wird durch die Reden in das Geschehen versetzt und kann sich selbst als Adressat dieser verstehen. Ein weiteres wesentliches Merkmal der Apostelgeschichte sind die Summarien, kleine Sammelberichte, in denen das bereits Erzählte auf das Wesentliche konzentriert und typisiert wird.[48] Nach Ulrich Wendel sind Summarien wie folgt zu definieren:

„Summarien sind Texte, die keine Einzelereignisse, sondern über einen längeren Zeitraum andauernde (durative) Zustände oder innerhalb eines längeren Zeitraumes stets wiederkehrende (iterative) Ereignisse beschreiben. Diese Zustände oder Ereignisse sind mit dem aktuellen Erzählverlauf gleich.“[49]

In den Summarien der Apostelgeschichte zeichnet Lukas das nach, was er für das Leben der Urgemeinde als charakteristisch und bedeutsam empfindet. Dabei fasst er verschiedene erzählte Begebenheiten innerhalb der Summarien zu einem übergreifenden Wesensbild der Jerusalemer Urgemeinde zusammen. Durch diese Darstellung entsteht das Bild einer kontinuierlichen Entwicklung.[50] Die drei großen Summarien in der Apostelgeschichte (Apg 2,42–47; 4,32–35; 5,11–16) handeln von der Urgemeinde und somit von einem bestimmten Thema.[51] Die Summarien sind ein Beleg für die eng beieinander liegenden schriftstellerischen, geschichtlichen und theologischen Interessen des Lukas, die im weiteren Verlauf der Arbeit tiefergehend thematisiert werden.[52] Neben den Reden und Summarien begegnen dem Leser zudem Briefe, Gebete und die sogenannten „Wir-Berichte“, die allesamt die schriftstellerische Variationsfähigkeit des Lukas verdeutlichen.[53]

In Bezug auf die Gattung der Apostelgeschichte in ihrer Gesamtheit, wäre es ein großer Irrtum diese als ausgrenzbaren Sonderfall und isoliert von jeglicher zeitgenössischen Literatur zu lesen.[54] Bereits im Proömium kündigt Lukas an, dass er eine Erzählung von Ereignissen darstellen will, und gibt damit zu erkennen, dass es sich bei dem nachfolgenden Werk um ein historiographisches Werk handelt.[55] Die Auseinandersetzung mit der Apostelgeschichte im Kontext der antiken Geschichtsschreibung ist in der aktuellen Forschung eine weithin geteilte Annahme.[56] Die Idee die Apostelgeschichte im Rahmen der antiken Historiographie einzuordnen bekam durch Eckhard Plümacher ihren Anstoß.[57] Eine favorisierte Spezifizierung, unter anderem von Plümacher und Hengel, ist die historische Monographie[58], eine Untergattung der Historiographie. Die historische Monographie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie als Spezialgeschichte über ganz beschränkte Themen berichtet, wie zum Beispiel Völker, Heiligtümer oder einzelne Provinzen.[59] Im Falle der Apostelgeschichte ist jenes beschränkte Thema die Ausbreitung des Evangeliums. Trotz der momentanen Beliebtheit dieser Annahme muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass es sich bei der historischen Monographie um eine relativ unbestimmte Spezifizierung handelt. Eine solche Präzisierung ist nicht von Nöten und könnte gar eine ungeeignete Zuspitzung darstellen.[60] Grundsätzlich reicht es zunächst aus, die Apostelgeschichte im Kontext der antiken Geschichtsschreibung zu sehen und zu interpretieren. Dabei sollte der Apostelgeschichte ihr eigener, charakteristischer Platz in diesem Zusammenhang nicht abgesprochen werden.[61] Zudem ist zu beachten, dass die Einordnung in den Kontext antiker Geschichtsschreibungen längst keine Auskunft über den historischen Wert der Apostelgeschichte gibt. Die antike Geschichtsschreibung umfasst ein so großes Spektrum an verschiedenartiger Literatur, dass mit Hilfe dieser Einordnung nur wenig über den tatsächlichen Charakter der Apostelgeschichte gesagt werden kann.[62] Aufgrund des stark betonten Aspektes der Geschichte und ihrer Deutung innerhalb der Apostelgeschichte, ist es naheliegend diese in Tradition zur hellenistisch-römischen und biblisch-frühjüdischen Geschichtsschreibung zu sehen.[63] Von einer weiteren Präzisierung wird an dieser Stelle abgesehen. Welche Besonderheiten im Kontext der antiken Geschichts­schreibung zu beachten sind, wird im Folgenden geklärt.

2.5. Die Antike Geschichtsschreibung

Die antike Geschichtsschreibung unterscheidet sich wesentlich von dem heutigen Verständnis von Geschichtsschreibung. Keinesfalls darf der moderne, historisch interessierte Leser Lukas sein eigenes historisches Verständnis unterstellen oder diesem abverlangen. Bei der Frage nach etwas rein Historischem muss deshalb beachtet werden, dass dies nicht das Interesse des Verfassers darstellte.[64] Aber was kennzeichnete die antike Geschichtsschreibung? Wo liegen Unterschiede im Vergleich zu dem heutigen Verständnis?

Bereits in der Antike gab es Maßstäbe zum Verfassen von Geschichte. Einen voll­ständigen Bericht zur Abfassung von Geschichte verfasste Lukian, der Satiriker. Dieser ist um 120 n. Chr. in Samosata am Euphrat an der Ostgrenze des römischen Reiches geboren. In seinen satirischen Schriften macht er sich über die Bildungsansprüche seiner Zeitgenossen lustig.[65] Da Lukians Schrift „Wie man Geschichte schreiben soll“ die einzig erhaltene Darstellung zu den Verfahren der Geschichtsschreibung ist und in dieser die Historiographie als eigene Disziplin gewürdigt wird, kommt dieser ein besonderer Stellenwert zu. Deswegen wird sie im Folgenden genauer betrachtet.[66] Lukian folgt der von Thukydides[67] begründeten und auch von Polybios[68] vertretenen, pragmatischen Sichtweise auf die Geschichtsschreibung. Demgegenüber steht die mimetische Historiographie, in der das Geschehen durch verlebendigende Nachahmung verdeutlicht wird.[69] Zwar entstand die lukianische Schrift erst nach der Verfassung der Apostelgeschichte und ist für die hellenistisch-römischen Geschichtsschreiber bestimmt, es ist aber davon auszugehen, dass auch Lukas mit der Diskussion über die Maßstäbe der Verfassung von Geschichtswerken vertraut war.[70]

Im Folgenden wird zunächst das antike Verständnis von Geschichtsschreibung näher beleuchtet. Danach wird auf aktuelle Forschungsbeiträge eingegangen, um die Besonderheiten der antiken Historiographie aus heutiger Sichtweise darzustellen. Im letzten Schritt werden die gesammelten Erkenntnisse auf Lukas und seine Apostelgeschichte bezogen, damit diese im Kontext antiker Geschichtsschreibung besser verstanden werden kann.

2.5.1. „Wie man Geschichte schreiben soll“

Als Satiriker macht Lukian es sich zur Aufgabe, die Fehler der zeitgenössischen Geschichtsschreiber auf satirische Art und Weise darzustellen.[71] Dennoch sieht Lukian seine Schrift als einen Ratgeber, in dem er zum einen darstellt, was bei der Verfassung eines Geschichtswerks zu befolgen ist und zum anderen festlegt, was gemieden werden soll. Dabei ist er sich bewusst, dass das Schreiben eines Geschichtswerks keineswegs ein leichtes Unterfangen darstellt, weswegen er selbst den sichereren Weg wählt und lediglich Ratschläge verteilt. Lukian zieht eine klare Trennlinie zwischen der Lobrede und Dichtung auf der einen Seite sowie der Ge­schichtsschreibung auf der Anderen. Zu passenden Gelegenheiten könne auch in der Geschichtsschreibung Lob enthalten sein, in erster Instanz gehe es aber um das Berichten von Ereignissen und der Wahrheit.[72] An mehreren Stellen seiner Schrift betont Lukian, dass Geschichte nicht für die Gegenwart und den eigenen Vorteil geschrieben werden soll.[73] Viel wichtiger sei das Verfassen eines zuverlässigen Berichtes für die späteren Leser. Der eigentliche Ruhm besteht nach Lukian darin, von der Nachwelt für den unerschrockenen Dienst an der Wahrheit geehrt zu werden.[74] Den Verfasser eines Geschichtswerks charakterisiert Lukian als innerlich unabhängig, unbestechlich und furchtlos. Ein Geschichtsschreiber solle nicht für die Gunst der Herrscher schreiben. Er brauche eine gute Auffassungsgabe und die Fähigkeit des Darstellens. Die verwendete Sprache soll nach Lukian klar und sachlich sein und frei von rhetorischen Ausschmückungen. Lediglich in Reden sei es dem Verfasser erlaubt, seine rednerische Kunst zu entfalten. Der Geschichtsschreiber müsse die dargestellten Informationen immer wieder überprüfen. Am besten sind laut Lukian Ereignisse darzustellen, die der Verfasser als Augenzeuge verfolgte. Zunächst sollen die Ereignisse gesammelt und geordnet werden. Dabei müsse der Geschichtsschreiber selbst entscheiden, welche Ereignisse als notwendig erachtet werden und somit eine Auswahl treffen. Die ermittelten Tatsachen sollen in einem ersten Entwurf verarbeitet werden. Erst im zweiten Schritt rücke die Form der Darstellung in den Vordergrund, in dem sich der Geschichtsschreiber um die Schönheit der Sprache zu kümmern habe. Auch wenn Lukian immer wieder die klare und sachliche Darstellung einfordert, scheint ihm die Notwendigkeit der literarischen Gestaltung durchaus bewusst zu sein, die sich nach seinen Vorgaben vor allem in Reden offenbaren sollte.[75] Nach Lukian hat der Geschichtsschreiber zusammengefasst „nur eine Aufgabe: nämlich zu melden, wie ein Ereignis verlaufen ist“[76], dabei darf er „nur der Wahrheit huldigen; [...]; es kann für ihn nur einen Maßstab und nur eine Richtlinie geben: nämlich nicht auf die Zuhörer von Heute sein Augenmerk zu richten, sondern auf die, die sich später mit dem Werk beschäftigen werden.“[77]. Dieser Regelkanon entspricht dem Idealbild der antiken Geschichtsschreibung, stellte jedoch keineswegs die gängige Praxis dar.[78] Durch die ironische Darstellungsart Lukians wird deutlich, dass nicht die durch Thukydides und Polybios vertretene pragmatische Richtung der Geschichtsschreibung praktiziert wurde, sondern vor allem die mimetische.[79] Dennoch wird durch das Werk von Lukian deutlich, dass es schon in der Antike Diskussionen um die Art und Weise von Geschichtsschreibung gab.

Nach Lukian ist die einzige Aufgabe von Historiographen die klare und sachliche Wiedergabe von Ereignissen. Das deutende Urteil des Historikers soll demgegen­über zurücktreten.[80] Auf den ersten Blick scheinbar plausibel und einfach. Bei genauerer Betrachtung ist dies jedoch nicht so leicht. Lukian versucht seine Forderung mittels einer Metapher darzustellen: dem Blick in den Spiegel.[81] Die Ereignisse sollen wie das Spiegelbild klar und genau zentriert, weder verfärbt noch verformt wiedergegeben werden. Unbeabsichtigter Weise zeigt Lukian mit dieser Metapher genau das Problem der gängigen antiken Geschichtsschreibung auf. Denn wer in einen Spiegel schaut, sieht nicht das Ereignis, sondern eigentlich sich selbst. Damit sei nicht gesagt, dass die Verfasser bewusst Ereignisse verdrehen oder falsch darstellen. Vielmehr besitzen sie eine fiktionale Art des Erzählens, das dem antiken Selbstverständnis des Wirklichkeitsbegriffes der Historiographie entspricht. Nach diesem lassen sich die zu dokumentierenden Gegebenheiten nur in einem konsistenten literarischen System fassen. Dabei entstehen durch das stetige Kreuzen von Konstruktion und Rekonstruktion gewisse Spielräume der Wahrheit. So wird in der Progymnasmata des Aelius Theon, ein Rhetoriker und wahrscheinlich Zeitgenosse des Lukas, Geschichte als „eine entfaltende Darlegung über Dinge, die geschehen sind oder als wären sie geschehen“[82] definiert. Um verständlich zu werden, muss die Geschichte in gewisser Weise nach Fiktion streben. Anders als von Lukian erfordert, erkennt Backhaus darin einen unmittelbaren Gegenwartsbezug in der Geschichtsschrei­bung. Er sieht in der Geschichtsschreibung vor allem ein bedeutungsstiftendes Ordnungshandeln.[83]

Zudem beschränkt sich die Fiktion keineswegs nur auf Reden. Trotzdem taten die imaginativen Konkretisierungen dem Wahrheitsanspruch des antiken Lesers keinen Abbruch. Vielmehr waren diese fast selbstverständlich und erwartungsgemäß. Der Leser bekam den Anschein, als wäre er bei dem Geschehnis selbst dabei gewesen. Dies wurde durch die erlebnisförmigen Inszenierungen und Ausschmückungen möglich und machte die Geschichte dadurch verständlich. Im Kontext der antiken Geschichtsschreibung kann weder von reiner Rekonstruktion noch von reiner Konstruktion gesprochen werden.[84] Die heute selbstverständliche Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion, scheint in der Antike weitaus weniger Relevanz gehabt zu haben. Die Spielräume der Wahrheit waren abhängig von dem jeweiligen Darstellungsinteresse des Verfassers. Grundsätzlich galt, dass die Vergangenheit insoweit bekannt sein musste, dass sie auf die Möglichkeiten der Gegenwart zu lief. Sobald die Geschichte den Bereich dessen, was möglich war, berührte, war jene noch so fiktive Darstellung wenig verwerflich. Wenn sie dann noch der Gegenwart diente, wurde sie ganz im Sinne der Weisheit „Se non è vero, è molto ben trovato“[85] (zu deutsch: Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden) als passend angesehen. Keineswegs soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass der Historiograph sämtliches Detail frei erfinden konnte. Vielmehr wird daran aber deutlich, dass er im Rahmen seiner Interpretationsvollmacht jegliche Freiheit zum Detail besaß. Dabei galt, dass eine zu genaue Rekonstruktion gar zur Ernüchterung beitragen konnte.[86] Eine wertfreie oder kritisch-historische Einsicht in Ereignisse ist somit eine Idee der Neuzeit und hatte zur Zeit der antiken Geschichtsschreibung keine Relevanz. Es war nicht von Nöten, das eigene Vorverständnis oder Interesse zu leugnen.[87]

2.5.2. Die Apostelgeschichte im Kontext antiker Geschichtsschreibung

Tatsächlich sind ein paar der von Lukian genannten Aspekte in der Apostelgeschichte wiederzufinden. Zunächst ist festzustellen, dass längst nicht in allen Berichten innerhalb der Apostelgeschichte die Verpflichtung auf Wahrheit angemessen umgesetzt wird. Die engen Berührungspunkte zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung sind vor allem in wunderhaften Vorgängen, wie zum Beispiel bei der Heilung durch den Schatten des Petrus, zu erkennen. Die zur Beglaubigung dienende Augenzeugenschaft ist ebenfalls in der Apostelgeschichte zu entdecken. Zu den bekanntesten Stellen des lukanischen Doppelwerks, die eine Augenzeugenschaft bezeugen, gehören zum einen der Prolog des Lukasevangeliums sowie die sogenannten „Wir-Berichte“ in der Apostelgeschichte. Als letztes zu erkennendes Merkmal ist die literarische Gestaltung zu nennen. Lukian verweist in diesem Kontext vor allem auf die Gestaltung von Reden. Diese sind bei Lukas besonders ausgestaltet und machen deutlich, dass auch ihm scheinbar bewusst war, wie er durch gestalterische Tätigkeiten dem Geschehen Bedeutung zuschreiben konnte.[88]

Im Kontext der antiken Geschichtsschreibung ist die Apostelgeschichte als einzig­artig wahrzunehmen. Denn mit dem Verfassen der Apostelgeschichte verfolgte Lukas zwar ein theologisches Interesse, was zugleich aber auch ein geschichtliches Interesse war. Zeitweilig erkannte die neutestamentliche Wissenschaft klare und unüberbrückbare Gegensätze zwischen Geschichte und Kerygma. Frühchristlichen Geschichtsschreibern wurde unterstellt, dass sie eigentlich keine Geschichte schreiben wollten, sondern nur ein theologisches Interesse verfolgen würden. Dass Lukas zu Unrecht eine solche Denkweise zugewiesen wurde, ist heutzutage bewusst. Denn in der Apostelgeschichte wird gerade dadurch verkündigt, dass das Handeln Gottes innerhalb eines konkreten Zeitraums, an einem bestimmten Ort und durch wirkliche Menschen als Geschichtsbericht dargestellt wird. Die Darstellung der Geschichte ist bei Lukas Inhalt der Verkündigung.[89] Mit seinen Darstellungen bewegt sich Lukas zwischen den Polen Geschichtsschreibung und Verkündigung.[90] Lukas „ist als Theologe Erzähler und als Erzähler Theologe“[91]. Er stellt die Zeit des Frühen Christentums so dar, dass diese als Bestandteil des Geschichtsplanes Gottes interpretiert werden kann. Die Geschichte der entstehenden Kirche kann als Fortsetzung der Geschichte Israels verstanden werden. Durch diese Darstellung erweckt Lukas das Bild einer kontinuierlichen ersten Phase. Dieser größere Zusammenhang stellt den Interpretationshorizont der Apostelgeschichte dar. Im Kontext der antiken Historiographie kann dem Werk nur richtig begegnet werden, wenn der Richtungssinn beachtet wird, der darin liegt, die Ausbreitung der Christusbotschaft zu beschreiben.[92] Bei der Auseinandersetzung mit der Apostelgeschichte ist eine gewisse Bereitschaft zum offenen Entdecken der mitgeteilten Sache gefordert. Die Aussagen eines jeden Textes müssen ernst genommen und von ihrem inneren Anliegen her verstanden werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine rein wertfreie und historisch-kritische Erkenntnis geschichtlicher Ereignisse eine neuzeitliche Errungenschaft ist und keineswegs die Intention antiker Historiographie darstellt.[93] Die antike Geschichtsschreibung war vorrangig eine Art Ausmalung, Retusche inbegriffen, von Überlieferungen und sah sich vor allem durch fiktionale Darstellungselemente als überlieferungsfähig an. Es muss also mit Ausschmückungen, übertreibenden Darstellungen und frei Erfundenem innerhalb der Apostelgeschichte gerechnet werden. Die Frage wird im Folgenden nicht sein, ob Lukas beim Verfassen seiner Apostelgeschichte konstruiert hat, sondern mit welcher Intention er dies tat.[94] Der historische Wert der Apostelgeschichte muss stets im Zusammenhang mit der Absicht und Darstellungsweise interpretiert werden. Im Kontext der antiken Historiographie lässt sich festhalten, dass in der Apostelgeschichte ein eigenes Verhältnis von dokumentarischem Anspruch und Entwurf eines Geschichtsbildes vorliegt. Dies ergibt sich daraus, dass die Apostelgeschichte ein fundierender Text ist, der dem werdenden Christentum einen Vergangenheitsraum zur Verfügung stellen will.[95]

[...]


[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit werden in der vorliegenden Arbeit Personenbezeichnungen in ihrer maskulinen Form verwendet. Die Aussagen beziehen sich dabei stets auf Männer und Frauen.

[2] Hengel, Geschichtsschreibung, 11.

[3] Vouga, Einheit, 50.

[4] Vgl. Frey, Fragen, 9.

[5] Vgl. Pesch, Apostelgeschichte (EKK NT 5/1), 37.

[6] Vgl. Roose, Testament, 107.

[7] Näheres dazu wird in Kapitel 3.4. folgen.

[8] Origenes war einer der wichtigsten Gelehrten des christlichen Altertums und der führende Bibeltheologe sowie Schriftausleger seiner Zeit. Vgl. Scholten, Origenes, 1.

[9] Vgl. Müller-Abels, Umgang, 347-348.

[10] Overbeck zit. nach Plümacher, Testament, 109.

[11] Vgl. Frey, Fragen, 5-6.

[12] Vgl.Lüdemann, Jahre, 162-167; vgl. Horn, Gütergemeinschaft, 370.

[13] Vgl. Frey, Fragen, 10-11.

[14] Vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 1; vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3.2), 7; vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThK NT 5), 76-78; vgl. Pesch, Apostelgeschichte (EKK NT 5/1), 24.

[15] Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 348.

[16] Vgl. Pesch, Apostelgeschichte (EKK NT 5/1), 24.

[17] Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThK NT 5), 78.

[18] Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 348.

[19] Vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 1; vgl. Backhaus, Datierung, 229-230.

[20] Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThKNT 5), 81.

[21] Vgl. Zmijewski, Apostelgeschichte (RNT), 17-19.

[22] Vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3.2), 7.

[23] Vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 2.

[24] Lediglich in Apg 14,4.14 wird Paulus als Apostel genannt. Der Vorenthalt des Aposteltitels im Rest des Werkes, lässt sich mit dem lukanischen Apostelkonzept verständlich erklären. Näheres dazu in Kapitel 3.4..

[25] Vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 2-5; vgl. Weiser, Apostelgeschichte (ÖTK 5/1), 39-40. An dieser Stelle sei anzumerken, dass es nach wie vor Theologen gibt, die in Lukas den Begleiter des Paulus erkennen. So zum Beispiel Jervell, Apostelgeschichte (KEK 3), 83.

[26] In der Fachliteratur begegnet auch der Terminus „auctor ad theophilum“. So zum Beispiel in dem Sammelband „Die Apostelgeschichte im Kontext antiker und frühchristlicher Historiographie“ von J. Frey, C. K. Rothschild und J. Schröter.

[27] Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3.2), 17; vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 4.

[28] Vgl. Weiser, Apostelgeschichte (ÖTK 5.1), 40; vgl. Frey, Fragen, 18-20.

[29] Vgl. Jervell, Apostelgeschichte (KEK 3), 86; vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThK NT 5), 121; vgl. Zmijewski, Apostelgeschichte (RNT), 15; vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 6.

[30] Diese Datierung geht auf das Nutzen des Markusevangeliums zurück, welches um 70 n. Chr. erschien sowie das Zurückblicken auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. in Lk 21,20-24; 19,43-44; 23, 28-30. Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThK NT 5), 119 Fußnote 85.

[31] Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThK NT 5), 118-121.

[32] Backhaus, Datierung, 213.

[33] Im Rahmen dieser Bachelorarbeit werde ich nicht näher auf die Argumentation Backhus‘ eingehen können. Es empfiehlt sich jedoch den Aufsatz zu lesen, da Backhus in diesem die aktuelle Diskussion um die Datierung aufgreift und dabei auf die verschiedenen Möglichkeiten der Datierung und die Argumentationsfelder eingeht.

[34] Backhaus, Datierung, 257.

[35] Vgl. Backhaus, Datierung, 257-258.

[36] Vgl. Conzelmann / Lindemann, Arbeitsbuch, 360.

[37] Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThk NT 5), 121.

[38] Vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3.2), 17.

[39] Vgl. Weiser, Apostelgeschichte (ÖTK 5/1), 40; vgl. Zmijeswski, Apostelgeschichte (RNT), 16; vgl. Jervell, Apostelgeschichte (KEK 3), 86.

[40] Vgl. Schneider, Apostelgeschichte (HThk NT 5), 83.

[41] Vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3,2), 15.

[42] Schneider, Apostelgeschichte (HThk NT 5), 85.

[43] Vgl. Resenhöfft, Apostelgeschichte, 11-13.

[44] Vgl. Weiser, Apostelgeschichte (ÖTK 5/1), 36-37.

[45] Vgl. Hengel, Jesus, 6.

[46] Vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3,2), 16.

[47] Vgl. Molthagen, Apostelgeschichte, 165.

[48] Vgl. Hoppe, Apostelgeschichte, 13.

[49] Wendel, Gemeinde, 13.

[50] Vgl. Roloff, Apostelgeschichte (NTD 5), 65.

[51] Vgl. Wendel, Gemeinde, 53.

[52] Vgl. Zmijewski, Apostelgeschichte (RNT), 161-163.

[53] Vgl. Hoppe, Apostelgeschichte, 13.

[54] Vgl. Schröter, Stellung, 27; vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 23.

[55] Vgl. Wolter, Proömien, 477.

[56] Vgl. Schröter, Stellung, 27; vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 23.

[57] Vgl. Bauspieß, Geschichte, 166.

[58] Vgl. Plümacher, Testament, 115; vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 37.

[59] Vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 19.

[60] Vgl. Frey, Fragen, 17-18.

[61] Vgl. Molthagen, Geschichtsschreibung, 259.

[62] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 28-29.

[63] Vgl. Hoppe, Apostelgeschichte, 14; vgl. Kollmann, Hinführung, 116.

[64] Vgl. Schmithals, Apostelgeschichte (ZBK.NT 3,2), 15.

[65] Vgl. Nesselrath, Lukian, 367.

[66] Vgl. Porod, Schrift, 7; vgl. Free, Geschichtsschreibung, 1-3.

[67] Thukydides von Athen wurde um 460/455 v. Chr. in Athen geboren und starb nach 400 v. Chr., vermutlich auch in Athen. Er war ein Athener Heerführer und bedeutender antiker griechischer Historiker. Sein Hauptwerk ist die „Geschichte des peloponnesischen Krieges“. Vgl. Panagl / Nesselrath, Thukydides, 251-253.

[68] Polybios von Megalopolis wurde um 200 v. Chr. in Megalopolis geboren und starb um 120 v. Chr., vermutlich auch in Megalopolis. Er war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber. Durch sein Hauptwerk Historiai (zu deutsch Geschichte), welches am Ende 40 Bücher umfasste, wurde er berühmt. In dem Werk bearbeitet er die Geschichte Roms vom Ersten Punischen Krieg bis nach der Zerstörung Karthagos und Korinths. Vgl. Mannsperger / Nesselrath, Polybios, 141-142.

[69] Vgl. Schröter, Konstruktion, 205-207.

[70] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 37.

[71] Vgl. Free, Geschichtsschreibung, 3.

[72] Vgl. Homeyer, Lukian, 95-105; vgl. Schröter, Apostelgeschichte,36.

[73] Vgl. Homeyer, Lukian, 111-113.

[74] Vgl. Homeyer, Lukian, 111.147.163; vgl. Schröter, Apostelgeschichte,36-37.

[75] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 38-39; vgl. Homeyer, 139-165.

[76] Homeyer, Lukian, 145.

[77] Homeyer, Lukian, 147.

[78] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 40; vgl. Holloway, Truth, 421.

[79] Vgl. Schröter, Konstruktion, 207.

[80] Vgl. Schröter, Konstruktion, 206.

[81] Vgl. Homeyer, Lukian, 155.

[82] Aelius Theon zit. nach Backhaus, Spielräume, 5.

[83] Vgl. Backhaus, Spielräume, 1-5.

[84] In diesem Kontext schlägt Backhaus vor, von „rhetorischer Re-Imagination“ zu sprechen. Vgl. Backhaus, Spielräume, 12.

[85] Giordano Bruno zit. nach Backhaus, Spielräume, 26.

[86] Vgl. Backhaus, Spielräume, 7-29.

[87] Vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 47.

[88] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 37-39.

[89] Vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 42-45.

[90] Vgl. Frey, Fragen, 15.

[91] Frey, Fragen, 20.

[92] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 46-47.

[93] Vgl. Hengel, Geschichtsschreibung, 47-52.

[94] Vgl. Backhaus, Lukas, 31; vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 39.

[95] Vgl. Schröter, Apostelgeschichte, 34-35; vgl. Backhaus, Lukas, 32.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Das Leben der Jerusalemer Urgemeinde nach Apostelgeschichte 1-6
Untertitel
Zwischen Geschichtsschreibung und Verkündigung
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,15
Autor
Jahr
2018
Seiten
71
Katalognummer
V465948
ISBN (eBook)
9783668941151
ISBN (Buch)
9783668941168
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lukas, Antike Geschichtsschreibung, Wachstumsnotizen, Brotbrechen, Taufe, Gütergemeinschaft, Apostel, Apostelgeschichte, Wundertaten, Wunder, Lukian, Das lukanische Doppelwerk, Hebräer und Hellenisten
Arbeit zitieren
Carina Schwantje (Autor), 2018, Das Leben der Jerusalemer Urgemeinde nach Apostelgeschichte 1-6, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465948

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