Übergänge gestalten und Rituale im Grundschulunterricht

Der Morgenkreis als etabliertes Ritual und seine Umsetzungsmöglichkeiten in der Grundschule


Hausarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionsansätze zum Begriff „Ritual“

3. Funktionen von Ritualen in der Schulpädagogik

4. Morgenkreis als ritualisierter Einstieg

5. Morgenkreis im Deutschunterricht & Deutsch als Zweitsprache - Unterricht

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spricht man von Ritualen wird häufig als aller erstes an spirituelle oder religiöse Rituale gedacht. Jedoch lassen sich heutzutage immer mehr Rituale auch in einem schulischen Kontext beziehungsweise explizit in der Schulpädagogik wiederfinden, sodass sich ein gewisser anerkannter Stellenwert von Ritualen in der Schulpädagogik entwickelt hat (vgl. Kaiser 2007, S. 21ff).

Eine große Frage, die sich die Wissenschaftler und Pädagogen in der heutigen Zeit stellen, ist die nach dem pädagogischen Nutzen von Ritualen in der (Grund-)Schule. Der Einsatz von Ritualen und die Auswahl dieser kann auf unterschiedlichste Art und Weisen bekräftigt und begründet werden, was jedoch zu einer Vielfalt an verschiedenen didaktischen Ansätzen geführt hat.

Was sich allerdings allgemein zum Thema „Rituale“ sagen lässt, ist das Rituale in einer traditionalen Gesellschaft das Leben stark regeln und strukturieren. Blickt man nach Afrika, so entdeckt man dort ein gesellschaftliches Zusammenleben verschiedenster Gruppen, die von Ritualen stark geprägt sind. Aber auch im europäischen Raum lassen sich unterschiedliche Rituale wiederfinden. So treten Rituale „im Verlauf eines individuellen Lebens […] zur Markierung und zur Feier von Übergängen“ (Kaiser 2007, S. 6) immer wieder auf. Diese Übergänge, auch Transitionen genannt, sind „komplexe ineinander übergehende und überblendende Wandlungsprozesse, die sozial prozessierte, verdichtete und beschleunigte Phasen eines Lebenslaufes in sich verändernden Kontexten darstellen“ (Welzer 1993, S.37).

Griebel und Niesel definieren Transitionen als „Lebensereignisse, die Bewältigung von Diskontinuitäten auf mehreren Ebenen erfordern, Prozesse beschleunigten und intensivierten Lernens anregen und als bedeutsame biografische Erfahrungen von Wandel in der Identitätsentwicklung wahrgenommen werden“ (Griebel / Niesel 2011).

Zu den klassischen Transitionen, auch „große Übergänge“ genannt, zählen beispielsweise der Schuleintritt, der Schulwechsel und weitere identitätsverändernde Situationen innerhalb eines individuellen Lebens. Diese großen Übergänge werden nicht konkreter thematisiert, da der Fokus dieser Arbeit auf den kleinen Übergängen innerhalb einer Grundschule liegt und sie somit nur zur Vervollständigung dieses Themenbereiches angesprochen wurden.

Zunächst versucht diese Arbeit einige Definitionsansätze zum Begriff „Ritual“ zu erläutern, bevor es konkreter an die einzelnen Funktionen von Ritualen geht. Darauffolgend wird das Ritual des Morgenkreises aus der Schulpädagogik etwas genauer charakterisiert, sodass anschließend daran Anwendungsbeispiele des Morgenkreises in den Fächern Deutsch und Deutsch als Zweitsprache erläutert und auf ihre Funktion und den pädagogischen Hintergrund untersucht werden können.

2. Definitionsansätze zum Begriff „Ritual“

Befasst man sich mit dem Begriff „Ritual“ nur oberflächlich, so wird dieser anfangs häufig bruchstückhaft gedeutet. Wer an Rituale denkt, assoziiert direkt die klassischen religiösen oder spirituellen Rituale, welche in der heutigen Zeit nur noch von einem kleinen Teil der Gesellschaft vollzogen werden. So sollen beispielsweise religiöse Rituale in traditionellen Gesellschaften „den Menschen immer wieder bewusst machen, dass Abweichungen von der überlieferten Lebensweise keine Überlebenssicherheit bieten und daher nicht geduldet werden dürfen“ (Kött 2003, S. 323).

Aktuell hat der Begriff „Ritual“ unterschiedliche Akzente entwickelt. Fernab von den alten Definitionsansätzen, ohne den Bezug zu Riten oder Neigungen zum Mystizismus, wird das Ritual als solches immer sachlicher betrachtet, sodass es in der Fachliteratur unzählige Definitionsansätze gibt. Ein möglicher Ansatz von Wimmer und Schäfer verdeutlicht, dass das Ritual eine „besondere, sozial gestaltete, situative und aktionale Ausdrucksformen von Kultur“ (Wimmer/Schäfer 1998, S. 10 zit. n. Kaiser 2007, S. 3) ist. Hierbei sind die soziale, situative und aktionale Ausdrucksform das Hauptaugenmerk von Ritualen einer bestimmten Kulturtechnik und Gesellschaft. Pfütze definiert den Begriff „Rituale“ noch objektiver, sodass er Rituale als „geschlossene Erlebnisse, die durch wiederholende Handlungen, einen erkennbaren szenischen Aufwand und eine Aufmerksamkeit für Details im Ablaufgeschehen wie auch der räumlichen Kontextgestaltung eines Rituals zum Ausdruck kommen“ beschreibt (Pfütze 1996, S. 96 zit. n. Kaiser 2007, S. 3). Bereits diese zwei Ansätze zeigen deutlich, dass Rituale eine große Breite an Definitionen umfassen und somit unterschiedlich aufgefasst werden können. Konkretisiert man nun die Definitionen auf den schulpädagogischen Bereich so erhält man wiederum neue Definitionsansätze, die einen anderen Grundgedanken und eine andere Sichtweise auf Rituale besitzen.

In der Schulpädagogik gibt es bisher nur wenig Fachliteratur zum Thema „Rituale in der Grundschule“ sprechen viele Wissenschaftler von einer Wiedergewinnung von Ritualen. Besonders nach den viele Reformversuchen erlebten Rituale eine Art positives Comeback (vgl. Kaiser 2007, S. 3). Auch in diesem pädagogischen Kontext lassen sich verschiedene Definitionen finden. Beispielsweise fokussiert sich Piper auf die vereinheitlichende Wirkung von Ritualen.

„Rituale sind für alle Teilnehmenden gleichartige Handlungsformen, durch deren Mitvollzug sie ihre Zugehörigkeit darstellen. Das Ritual stiftet einen gemeinsamen Bezugspunkt […], der die Teilnehmenden als Einheit zusammenfasst.“ (Piper 1996, S. 48 zit. nach Kaiser 2007, S. 3). Auch Meier ist der Ansicht, dass Rituale „wiederkehrende, gestaltete Handlungen [sind], die in einer gewohnten Ausprägung und Reihenfolge der Bestandteile ablaufen“ (Meier 1993, S. 28 zit. nach Kaiser 2007, S. 3).

Blickt man nun auf alle genannten Definitionen und ihre Ansätze zurück, so fällt einem relativ schnell auf, dass ein Teilaspekt immer wieder auftaucht. Pädagogische Formen und Methoden müssen wiederkehrend sein, um als Ritual bezeichnet werden zu können. Ein einmaliges Auftreten einer pädagogischen Form reicht noch nicht aus, um ins schulische Leben integriert zu werden. Diese pädagogischen Formen müssen einen festen, unverzichtbaren Platz in der jeweiligen Schulkultur erhalten (vgl. Kaiser 2007, S. 4).

Doch nicht nur der Aspekt der Wiederholung ist von großer Bedeutung bei der Definition von Ritualen im pädagogischen Kontext, sondern auch der sichtbare Unterschied zwischen den pädagogischen Ritualen und dem „richtigen“ Unterricht. Gleichzeitig besitzen wiederkehrende Rituale in der Schule einen besonderen Charakter, der den Schülerinnen und Schülern ein Gefühl vermittelt, eine Verbindung zwischen ihrer alltäglichen Lebenswelt und der Schule schaffen zu können. Hierzu schreibt Hinz, dass das „Ritual […] von der Wirklichkeit, der Wiederholbarkeit und von Formen der Partizipation [lebt]. Es muss sichtbar, hörbar, erfahrbar, also auch sinnlich sein. Es benötigt besondere Arrangements oder sogar eigene Räume […]“ (Hinz 1999, S. 22 zit. nach Kaiser 2007, S. 5), um die zuvor ausgewählte Leitidee, welche durch das Ritual eine pädagogische Umsetzungsmöglichkeit erhält, zu realisieren. Besonders dieser von Hinz beschriebene Aspekt der Erfahrbarkeit und des Arrangements ist bei den unterschiedlichen Funktionen von Ritualen ein wichtiger Bestandteil.

3. Funktionen von Ritualen in der Schulpädagogik

Während eines Schultages erleben die Schülerinnen und Schüler viele unterschiedliche kleine Übergänge von einer Situation in eine andere. So zählt der Wechsel des Faches, das Hereinkommen von einer Hofpause zurück in den Klassenraum oder aber auch einfach der Wechsel der Lehrkraft zu den häufigsten Übergängen im Schulalltag. Meist sind diese Situationen relativ unübersichtlich, unorganisiert und laut. Um die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrkraft in diesen Situationen zu entlasten, werden häufig Rituale eingesetzt, die die Situationen strukturieren und den Schülerinnen und Schülern als Hilfestellung sollen.

Um diese Vielzahl für den Schulalltag und den didaktischen Nutzen strukturieren zu können, unterteilt Kaiser (2007) fünf verschiedene Dimensionen, die jeweils einen bestimmten Aspekt der Funktion abdeckt.[1]

Eine der Dimensionen nach Kaiser ist die sprachliche Dimension. Diese sieht feststehende Handlungssequenzen vor, die nach bestimmten Sprachmustern ablaufen. Hierbei werden oftmals wiederkehrende Floskeln oder Sätze mit einer bestimmten Bedeutung genutzt, um sie sich besser einprägen zu können (vgl. Kaiser 2007, S. 21). Dies lässt sich häufig im Morgenkreis wiederfinden, da so der alltägliche Satzbau präzisiert und der Wortschatz ausgebaut wird.

Die emotionale Dimension hat durch den verlässlichen Ablauf bestimmter Handlungen als Mittelpunkt den Schülerinnen und Schülern Sicherheit zu geben (vgl. Kaiser 2007, S. 21). Rituale, welche sich besonders in dieser Dimension wiederfinden lassen, besitzen einen starken Einfluss auf die Emotionen und Gedanken der Schülerinnen und Schüler und geben ihnen gleichzeitig den Freiraum diese mit den anderen teilnehmenden Personen soweit zu teilen, wie es für sie in Ordnung ist. Ein mögliches Ritual, welches in diese Dimension fällt, wäre der sogenannte Kummerkreis (vgl. Kaiser 2007, S. 97f). In diesem Ritual haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit all ihre Sorgen und Ängste den anderen teilnehmenden Mitschülerinnen und Mitschülern sowie der Lehrkraft mitzuteilen und ein wenig Trost zu erfahren, wodurch sich wiederum eine gewisse Sicherheit in der Gemeinschaft entwickelt.

Rituale, die hauptsächlich als Strukturierungshilfen dienen und bei der Organisation von Abläufen eine Hilfe für die Schülerinnen und Schüler sind, lassen sich in die kognitive Dimension nach Kaiser einordnen (vgl. Kaiser 2007, S. 21). Hierunter fallen zum Beispiel die dargelegte Stunden-, Tages- und Wochentransparenz durch Bildkarten oder ähnliches. Auch die typischen eingeteilten Klassendienste und deren Aufgaben werden durch eine ritualisierte Darstellungsweise ebenfalls verdeutlicht, sodass alle teilnehmenden Personen eine strukturierte und symbolische Einteilung erhalten, an denen sie sich orientieren können.

Ein weiterer zentraler Punkt bei der Einschätzung, beziehungsweise bei der Funktionsweise bestimmter Rituale, ist die soziale Dimension. Diese sieht Rituale als automatisierte Abläufe, die für alle eine feste soziale Platzierung, gerade in der Klassengemeinschaft, ermöglichen (vgl. Kaiser 2007, S. 21). In dieser Dimension finden Rituale wie etwa der Klassenrat ihren Platz. Auch im Morgenkreis lassen sich bestimmte Handlungssequenzen einbeziehen, die ihren Ursprung in der sozialen Dimension haben. So nennt Kaiser beispielsweise viele unterschiedliche Geburtstagsrituale (vgl. Kaiser 2007, S. 83ff) und auch andere Rituale wie etwa das Klassentagebuch, in welchem die gemeinsam erlebten Ereignisse der Klasse von den Schülerinnen und Schülern festgehalten werden (vgl. Petersen 1997 in: Kaiser 2007, S. 82f).

Die letzte Dimension nach Kaiser ist die motorische Dimension. Diese lässt sich in Ritualen wiederfinden, die bestimmte Verhaltens- und Handlungsmuster wiederholend von den Schülerinnen und Schülern ausüben lassen (vgl. Kaiser 2007, S. 21). Hierbei können die Schülerinnen und Schüler beispielsweise bestimmte Bewegungen oder ähnliches nutzen, um ihre motorischen Fertigkeiten gemeinsam zu fördern. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Klatschrhythmen, bei denen die Lehrkraft anfängt und so lange den Rhythmus hält, bis alle Schülerinnen und Schüler im gleichen Takt dabei sind.

[...]


[1] Damit diese Hausarbeit sich nicht zu sehr mit religiösen, spirituellen oder anderen Ritualen befasst und sich vielmehr auf die schulischen und didaktischen Rituale fokussieren kann, werden die Funktionen der religiösen, spirituellen oder anderen Rituale nicht weiter thematisiert (Anmerkung der Verfasserin).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Übergänge gestalten und Rituale im Grundschulunterricht
Untertitel
Der Morgenkreis als etabliertes Ritual und seine Umsetzungsmöglichkeiten in der Grundschule
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Erziehungswissenschaften Abteilung Schulpädagogik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V465967
ISBN (eBook)
9783668941793
ISBN (Buch)
9783668941809
Sprache
Deutsch
Schlagworte
übergänge, rituale, grundschulunterricht, morgenkreis, ritual, umsetzungsmöglichkeiten, grundschule
Arbeit zitieren
Julia Kruck (Autor), 2019, Übergänge gestalten und Rituale im Grundschulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465967

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