Erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1 Inhalt

2 Einleitung

3 Erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf

4 Die Entwicklung der Sorge um Andere (Development of Concern for Others)
4.1 Grundlagen
4.2 Die Methode
4.2.1 Die Stichprobe
4.2.2 Überblick über das Verfahren
4.2.3 Beobachtungstraining
4.2.4 Imitationstraining
4.2.5 Verschlüsselung und Reliabilität
4.2.6 Einschätzung der Selbsterkennung
4.3 Ergebnisse
4.3.1 Beschreibende und sich entwickelnde Muster
4.3.2 Reaktionen auf vorgetäuschte Stresssituationen und auf zufällig auftretendes Leid
4.3.3 Geschlechtsunterschiede bezogen auf die Reaktionen auf fremdes Leid
4.3.4 Grad der Reaktion auf Stresssituationen
4.3.5 Selbsterkennung und Reaktionen auf Leid
4.3.6 Beurteilung der Gültigkeit der Ergebnisse

5 Entwicklungsmuster im frühen empathischen Verhalten (Patterns of development in early empathic behavior)
5.1 Kurzdarstellung
5.2 Die Entwicklung der Empathie
5.2.1 Definition
5.2.2 Entwicklung Empathie
5.2.3 Mütterliche Ausdrucksweise
5.2.4 Familiäre Umwelt
5.2.5 Kindliches Temperament
5.2.6 Das Geschlecht
5.2.7 Hypothesen
5.3 Methode
5.4 Verfahren
5.5 Messung
5.6 Ergebnisse
5.6.1 Mütterlicher Stil
5.6.2 Familiäres Umfeld
5.6.3 Kindliches Temperament und emotionale Ausdrucksweise
5.7 Zusammenfassung

2 Einleitung

„Als wir an dem Nachmittag nach Hause kamen, rutschte ich aus und fiel auf die Nase. Es tat weh und ich setzte mich in den Schaukelstuhl in J.´s Zimmer und rieb mir die Nase. J. war sehr mitfühlend. Er tat das für mich, was ich sonst für ihn tue, wenn er sich verletzt. Er umarmte und tätschelte mich und bot mir sogar seine Decke an, die er nimmt, wenn er sich weh getan hat oder müde ist. Er schien sehr besorgt meinetwegen.“ (Harris 1992, S.36)

An diesem Beispiel kann man sehen, dass J. empathisches Verhalten zeigen konnte. Ist das ein Einzelfall oder sind alle Kleinkinder zwischen ein und zwei Jahren in der Lage Mitgefühl zu zeigen? Ist das sozialisationsbedingt oder Veranlagung?

Mit diesen Fragen haben sich schon viele Forscher beschäftigt. Unter anderem auch Carolyn Zahn-Waxler und ihr Forschungsteam und JoAnn L. Robinson und ihr Team. Im Folgenden werden zwei Studien vorgestellt, die sich mit der Entwicklung von Mitgefühl im Kleinkindalter beschäftigen.

Zunächst werden ein paar grundsätzliche Dinge über erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf veranschaulicht. Anschließend werden die Studien „Development of concern for others“ und „Patterns of development in early empathic behavior“ mit ihren Ergebnissen vorgestellt. Abschließend sollen beide Studien kurz verglichen werden.

3 Erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf

Um über Mitgefühl zu sprechen muss zunächst der Begriff geklärt werden. Nach Wispé ist Mitgefühl die „erhöhte Empfänglichkeit für das Leiden einer Person, das als etwas zu Linderndes empfunden wird.“ (Wispé 1991, S.68)

Einige Forscher haben sich über das Auftreten von Mitgefühl im frühen Kleinkindalter Gedanken gemacht. So resümierte Schmidt-Denter, dass Kinder der leidenden Person Dinge bringen, Hilfe holen, das Opfer aggressiv verteidigen, Sympathie verbalisieren und versuchen, die Gefühlslage des Opfers zum Positiven zu verändern. (vgl. Schmidt-Denter 1988, S.243)

Misslingt einer dieser Versuche suchen die Kinder nach Alternativen. „Dieses Ziel-Mittel-Verhalten impliziert, dass Kinder das Leid der anderen Person als ein zu lösendes Problem ansehen.“ (Ulich, Kienbaum, Volland 2000, S.113) Jedoch ist die Reaktion auf Leid nicht immer positiv oder angemessen. In einigen Fällen reagieren die Kinder auch mit Flucht, Vermeidung oder Angriff. (vgl. Ulich, Kienbaum, Volland 2000, S.113)

4 Die Entwicklung der Sorge um Andere (Development of Concern for Others) (1992)

Carolyn Zahn-Waxler, Marian Radke-Yarrow, Elizabeth Wagner, Michael Chapman

4.1 Grundlagen

In dieser Studie wurde die Entwicklung prosozialer und wiedergutmachender Verhaltensweisen wurde untersucht, indem die Reaktionen von 2-jährigen auf die Leiden anderer Personen, welche vorgespielt wurden bzw. zufällig auftraten, überprüft wurden. Dabei zeigten sich prosoziale Verhaltensweisen erstmals im Alter von 1-2 Jahren. Sie steigen in ihrer Häufigkeit und Vielfalt an, je älter die Kinder werden. Diese Verhaltensweisen wurden mit Ausdrücken der Sorge und Bemühungen, die Notlage des Anderen zu verstehen und zu erfahren, verbunden. Das Älterwerden in dieser Phase der moralischen Entwicklung gehen einher mit sozial-kognitiven Veränderungen der Selbsterkennung. Wenn Kinder als Zuschauer eingreifen werden Konstrukte wie prosoziales Verhalten, Empathie, Sympathie, Mitleid und Altruismus sichtbar. Diese wurden benutzt um das Verhalten der Kinder und ihre Emotionen zu beschreiben.

Wenn Kinder solche, oder Ähnliche Verhaltensweisen gegenüber einer Person zeigen, die sie geschädigt haben, so sind die Ursachen dafür meist schlechtes Gewissen, Schuldgefühle, Wiedergutmachung oder Reue.

Zum Einstieg in die Studie beschäftigten sich die Forscher mit verschiedenen Theorien über die Entwicklung der Sorge um Andere im frühen Kindesalter. Einen kurzen Abriss über die Ergebnisse werde ich im Folgenden erläutern.

Viele Jahre lang glaube man, dass kleine Kinder nicht üb er solche kognitiven, sozialen und emotionalen Verhaltensweisen verfügen. In den psychoanalytischen Theorien nach Freud und den sozial-kognitiven Theorien nach Piaget werden kleine Kinder als hauptsächlich egozentrisch, anstrengend, abhängig und sozial unbeholfen dargestellt. Das Erlangen der Fähigkeit zur Sorge um Andere, genau wie zur Sorge um sich selbst, wurde ungefähr in der Mitte der Kindheit angesiedelt.

Nach Kagan bekommen Kinder mit circa 2 Jahren einen Sinn für Moralität, nämlich dann, wenn das Festhalten an Normen für sie wichtig wird. In dieser Zeit entwickelt sich auch ein Sinn für Autoritäten, das Selbstbewusstsein und moralische Emotionen werden durch Rollenübernahme reflektiert.

Auch Hoffman beschäftigte sich mit dem Auftreten von Mitgefühl in der frühen Kindheit. Er sprach sich dafür aus, dass Kinder biologisch auf empathisches Verhalten vorbereitet sind. Obwohl diese Theorie nicht auf Daten basiert gibt es empirische Befunde dafür, dass Säuglinge auf Emotionen anderer reagieren. Imitationen anderer gibt es schon in den ersten Lebenstagen. Dies lässt sich auf eine biologische Veranlagung zurückführen.

Die Anfänge darstellender Gedanken im zweiten Lebensjahr und der Gebrauch von Symbolen weisen auf die Fähigkeit hin, sich in die Perspektive und Gefühle anderer hinein zu versetzen. In dieser Zeit entwickeln sich Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zwischen sich und anderen zu differenzieren. Die Kinder beginnen eine emotionale Sprache zu verwenden, um sowohl die Gefühle anderer, als auch die eigenen zu beschreiben.

Aus all diesen untersuchten Dokumenten lässt sich erschließen, dass zweijährige die drei folgenden Dinge besitzen:

a) das kognitive Vermögen, physische und psychische Zustände Anderer zu interpretieren.
b) die emotionale Fähigkeit auf den Zustand des Anderen zu reagieren.
c) ein Verhaltensrepertoire, mit dem sie in der Lage sind, das Leid Anderer zu lindern.

Aufgrund dieser Erkenntnisse versuchten die Forscher herauszufinden, ob frühere Untersuchungsergebnisse über prosoziale Verhaltensweisen von Kindern in einer zweiten Sichtprobe von Kindern wiederholt überprüft werden können, wenn mehr Methoden und Werkzeuge eingesetzt werden.

Grundsätzlich stellten sich die Forscher die Frage, in welchem Alter Kinder zum ersten Mal Mitgefühl und prosoziales Verhalten zeigen. Die Reaktionen von Kindern auf Notlagen Anderer, die zufällig auftraten oder inszeniert waren, wurden in einer Längsschnittstudie von 1-2 Jährigen untersucht. Dabei wurden die Daten, welche von den Müttern aus nicht-überprüfbaren Situationen berichtet wurden, mit unabhängigen Videobeobachtungen verglichen.

Um einer Einseitigkeit beim Familientyp vorzubeugen wurden sowohl Kinder von psychisch normalen, als auch von depressiven Müttern untersucht.

4.2 Die Methode

4.2.1 Die Stichprobe

Die Stichprobe bestand aus 30 Müttern von 1-Jährigen Kindern. Dabei waren 24 weiße Kinder, 2 schwarze Kinder und ein eurasiatisches Kind. Drei der 30 Mütter schieden aus privaten Gründen aus.

4.2.2 Überblick über das Verfahren

Die Mütter der 12 – 13-monatigen Kinder wurden im Beobachten der Kinder geschult. Die Studie wurde aufgeteilt in 3 mal 3 Monatsperioden. Die erste Periode war vom 13. – 15. Lebensmonat, die zweite vom 18. – 20. und die dritte Periode vom 23. – 25. Lebensmonat. In dieser Zeit beobachteten und berichteten die Mütter emotionale Verhaltensweisen der Kinder, verbunden mit Ereignissen, die entweder zufällig auftraten oder von der Mutter inszeniert wurden.

Bei den inszenierten Situationen spielte die Mutter den Kindern eine Emotion vor (z.B. Schluchzen) und nahm die Reaktion des Kindes auf.

Einmal im Monat kam ein Besucher ins Haus. In der zweiten Untersuchungsperiode spielte die Mutter eine Stresssituation vor, während der Besucher da war. Dieser nahm alles mit der Kamera auf. Im alter von 2 Jahren wurde den Kindern in Untersuchungslaboren eine Situation vorgetäuscht und die Reaktion wurde wiederum auf Video festgehalten.

4.2.3 Beobachtungstraining

Die Mütter wurden beauftragt, die Ereignisse in einem detaillierten, aufeinanderfolgenden Bericht festzuhalten. Ihre Beobachtungen diktierten sie dabei in einen Kassettenrecorder. Die Reihenfolge der anzugebenden Dinge war genau festgelegt:

a) Datum und Zeit der Begebenheit
b) Ereignisse und Atmosphäre vor Auftreten der Stresssituation
c) Aufenthaltsort des Kindes
d) Beschreibung der Gefühle und Emotionen während der Stresssituation und Ausdrucksweise des Kindes
e) Exakte Reaktion des Kindes (Wörter, Handlungen, Emotionen) oder eventuell Angabe darüber ob eine Reaktion ausgeblieben ist
f) Reaktion Anderer in der Situation

Die Mütter simulierten die Emotionen nach einem genauen Ablaufplan um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleisten zu können. Dabei wurden sie angehalten auch positive Situationen vorzutäuschen, um ein ausgeglichenes Grundgerüst zu gewährleisten. Es wurden jedoch nur die negativen Ereignisse beschrieben und analysiert.

4.2.4 Imitationstraining

Der Hausbesucher, der einmal monatlich in die Familien kam, lehrte die Mütter spezielle Emotionen zu simulieren. Um diesen Unterricht zu ergänzen wurden auch Skripte und Anweisungen in einem Lehrbuch veröffentlicht.

Es gab vier Situationen, die die Mütter simulieren sollten:

a) Atemnot (5-10 s)
b) Schmerz durch Anstoßen des Fußes oder Kopfes (10-15 s)
c) Teilnahmslosigkeit (apathisches Schweigen) (10-15 min)
d) Traurigkeit, Schluchzen (5-10 s)

Die Mütter wurden angehalten eine Emotion pro Woche vorzutäuschen.

4.2.5 Verschlüsselung und Reliabilität

Die Verschlüsselung wurde sowohl für zufällig auftretende, als auch für simulierte Stresssituationen durchgeführt. Dabei entschied man sich für 7 verschiedene Indikatoren:

1. Prosoziales Verhalten – Inwieweit zeigt das Kind spontane Verhaltensweisen, die dazu dienen, die Situation zu verändern, den Stress zu lösen oder sich anders zu Gunsten des Opfers zu verhalten?
2. Einfühlendes Verstehen – Inwieweit zeigt das Kind emotionale Verhaltensweisen, welche eine verständnisvolle Sorge für das Opfer wiederspiegelt?
3. Versuch, die Situation zu verstehen – Inwieweit versucht das Kind die Situation zu identifizieren oder zu verstehen? Dies reicht von einfachen, mündlichen Äußerungen bis hin zu komplexeren Schlussfolgerungen.
4. Rückbezügliches Verhalten – Inwieweit imitiert das Kind das Leid des Anderen bzw. setzt es um?
5. Sorge – Inwieweit zeigt das Kind Emotionen, die durch das Leiden des Anderen erwachen und sehr intensiv oder negativ sind und das Leid wiederspiegeln?
6. Aggressives Verhalten – Inwieweit zeigt das Kind aggressive oder ärgerliche Reaktionen gegenüber dem Opfer?
7. Positive Effekte – Inwieweit lächelt das Kind, ist amüsiert oder lacht während der Stresssituation?

4.2.6 Einschätzung der Selbsterkennung

Zwischen dem 12. und dem 14. und zwischen dem 18. und 24. Monat wurden visuelle Selbsterkennungsaufgaben an die Kinder gestellt. Man untersuchte die Reaktion auf das eigene Spiegelbild.

Der Zweck dieser Tests ist es, zu erfahren, ob das Kind zwischen sich selbst und Anderen unterscheiden kann. Denn nur wenn das möglich ist kann ein Kind in einer Stresssituation helfen und angemessen reagieren.

4.3 Ergebnisse

Ganz allgemein konnten Frau Zahn-Waxler und ihre Mitarbeiter zwischen acht verschiedenen Arten prosozialen Verhaltens unterscheiden:

1. Physisches Trösten (Umarmen, Streicheln…)
2. Verbales Trösten („Alles ok?“)
3. Verbaler Ratschlag („Sei vorsichtig!“)
4. Helfen (z.B. schreiendem Geschwister die Flasche geben)
5. Indirektes Helfen (z.B. Vater holen, wenn es der Mutter schlecht geht)
6. Teilen (z.B. mit schreiendem Geschwister Spielzeug teilen)
7. Ablenken (z.B. Bild wegbringen, welches Mutter traurig macht)
8. Schützen und verteidigen (z.B. jemanden vor Angriff warnen)

(vgl. Ulich, Kienbaum, Volland 2000, S.115)

Es bestand kein Hinweis auf eine Beeinflussung der Reaktion der Kinder durch mütterliche Depressionen.

4.3.1 Beschreibende und sich entwickelnde Muster

Die Kinder zeigten merkliche Verwicklungen in das Leben Anderer. Sie drücken Sorge aus und versuchen das Geschehene zu verstehen. Weiterhin zeigen sie Verhaltensweisen, die darauf abzielen dem Gegenüber den Schmerz zu nehmen.

Kurz nach dem ersten Geburtstag haben mehr als die Hälfte der Kinder mindestens eine prosoziale Verhaltensweise gezeigt.

Zwischen dem 13. und dem 15. Monat konnten vorwiegend physische Verhaltensweisen (Streicheln…) beobachtet werden. Mit 18 – 21 Monaten konnten alle acht Typen prosozialen Verhaltens wahrgenommen werden. Zwischen dem 23. und dem 25. Monat zeigten alle, bis auf ein Kind, prosoziales Verhalten.

Allgemein lässt sich feststellen, dass je älter die Kinder sind desto mehr prosoziales Verhalten zeigen sie und auch das einfühlende Verstehen nimmt mit dem Alter zu.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V465974
ISBN (eBook)
9783668927995
ISBN (Buch)
9783668928008
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erste, äußerungen, mitgefühl, entwicklungsverlauf
Arbeit zitieren
Lydia Rössel (Autor), 2007, Erste Äußerungen von Mitgefühl im Entwicklungsverlauf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/465974

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