Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem. Eine Untersuchung von Schülern mit Migrationshintergrund


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stand der Forschung

3. Die Faktoren für den Bildungsmisserfolg allochthoner SchülerInnen im deutschen Bildungssystem und die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule
3.1 Der Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen
3.1.1 Die institutionelle Diskriminierung - Definition
3.1.2 Die institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulsystem
3.2 Der Einfluss familiärer Paradigmen
3.2.1 Die Bildungsambition der Familie als Einfluss auf die Bildungsperformanz der Kinder
3.2.2 Das Kulturkapital und das kulturelle Defizit als Einfluss auf die Bildungsperformanz der Kinder
3.2.3 Beispiele erfolgreicher Migrantenkinder im deutschen Schulsystem

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Hans Traxler, Chancengleichheit

1. Einleitung

Der „PISA-Schock“ aufgrund des auffallend schlechten Abschneidens deutscher SchülerInnen im internationalen Vergleich führte zunächst dazu, dass ausschließlich den SchülerInnen mit Migrationshintergrund dieses schlechte Ergebnis ungerechterweise zugeschrieben wurde. Zugleich führte es jedoch auch durch eine neue öffentliche Aufmerksamkeit auf die Bildungssituation dieser Kinder zu zahlreichen Studien und Forschungen, die der Chancenungleichheit der allochthonen und stark benachteiligten SchülerInnen eine neue Erklärungsperspektive verliehen: Wo die Ursache für die niedrigere Leistungsperformanz dieser Kinder zuvor stets in familiären Begebenheiten und vermeintlichen kulturellen Defiziten gesucht wurde, trat nun die Theorie der Diskriminierung seitens der Institutionen in den Vordergrund. Sicherlich war dieser Sichtwechsel ein Schritt in die richtige Richtung zur Bekämpfung der Benachteiligung der Migrantenkinder, doch die unterdurchschnittliche Partizipation und Bildungsperformanz von SchülerInnen mit einem Migrationshintergrund im Schulwesen und später auch im Berufsleben hat sich in der deutschen Gesellschaft schon längst zu einem Dauerproblem verfestigt (Vgl. Gomolla 2013, S.87f.). Daher muss, um die institutionelle Diskriminierung, aber auch den familiären Einfluss zu definieren, eine konkrete Auseinandersetzung mit den Barrieren, die den Kindern im Weg stehen, erfolgen. Es wird das primäre Ziel dieser Arbeit sein, sowohl in den institutionellen Rahmenbedingungen als auch in den familialen Sozialisationserfahrungen die Gründe für die Benachteiligung allochthoner Schüler im Vergleich zu autochthonen zu suchen. Nach einer Wiedergabe des aktuellen Forschungsstands wird zunächst die institutionelle Seite betrachtet, indem eine allgemeine Definition gegeben wird und folglich die Problempunkte des Schulwesens erläutert werden, an denen eine tatsächliche Diskriminierung erfolgt. Ferner werden die verschiedenen Theorien bezüglich des familiären Einflusses auf die Bildung der Kinder mit Migrationshintergrund analysiert und kritisch beleuchtet.

2. Stand der Forschung

Nachdem die Situation der allochthonen SchülerInnen im deutschen Schulwesen nach den erschreckenden PISA-Ergebnissen in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesse rückte und der häufige Vorwurf hörbar wurde, dass das schlechte Abschneiden sei vor allem diesen SchülerInnen zuzuschreiben sei, wurden die tatsächliche Art und das Ausmaß der Nachteile der SchülerInnen mit Migrationshintergrund untersucht. Dabei wurden in der Forschung wiederholt eine Vielzahl von Nachteilen ausländischer SchülerInnen aus Migrantenfamilien gegenüber deutschen SchülerInnen sowohl im Bereich vorschulischer institutioneller Betreuung als auch in den Bereichen der Primar- und Sekundarschulbildung festgestellt (Vgl. Diefenbach 2010, S.225f.). Statistisch gesehen sind die allochthonen SchülerInnen bei den „niedrigeren“ Bildungsabschlüssen über- und bei den „höheren“ Abschlüssen unterrepräsentiert sind: Die ausländischen Schulentlassenen im Jahre 2000 stellten bei einem Gesamtanteil von 8,3 Prozent aller Schulentlassenen nur 3,3 Prozent der AbiturientInnen, aber 13,1 Prozent aller HauptschulabsolventInnen und sogar 17,9 Prozent aller SchülerInnen, die die Schule ohne einen Abschluss verlassen haben (Vgl. Schulze und Soja 2006, S. 195). Auf der anderen Seite sind die Bildungsabschlüsse der allochthonen Jugendlichen im Verlauf der letzten Jahrzehnte kontinuierlich gestiegen, so wie sich die Zahl der Studierenden türkischer Herkunft sich an deutschen Hochschulen vom Jahr 1975 bis 1997 verfünffachte. Auch wenn das eine Verbesserung der Bildungsabschlüsse der allochthonen Jugendlichen bedeutet, wird zugleich eine gegenläufige Entwicklung erkennbar im Bezug auf den Anteil allochthoner SchülerInnen an den Sonderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Reimer Kornmann kam durch den „Relativen Risiko-Index“ zum Ergebnis, dass das Risiko der Migrantenkinder im Deutschland durchschnittlich doppelt so hoch ist, auf eine Sonderschule verwiesen zu werden (Vgl. Kornmann 2013, S.75). Des weiteren wurde wiederholt festgestellt, dass Migrantenkinder deutlich häufiger als deutsche Kinder eine Grundschulempfehlung für die Hauptschule und deutlich seltener als deutsche Kinder eine Empfehlung für die Realschule oder das Gymnasium erhalten und daraufhin auch tatsächlich häufiger in eine Hauptschule und deutlich seltener als deutsche Kinder in eine Realschule oder ein Gymnasium übertreten und die dementsprechenden Abschlüsse absolvieren. Außerdem haben Migrantenkinder unabhängig von ihrem Geburtstort und der Länge des Aufenthalts in Deutschland eine deutlich geringere Lesekompetenz als deutsche Kinder und wiederholen Klassen bedeutend häufiger als deutsche SchülerInnen (Vgl. Diefenbach 2010, S. 225f.).

3. Die Faktoren für den Bildungsmisserfolg allochthoner SchülerInnen im deutschen Bildungssystem und die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule

3.1 Der Einfluss institutioneller Rahmenbedingungen

3.1.1 Die institutionelle Diskriminierung - Definition

Bei der Verwendung des Begriffs der institutionellen Diskriminierung wird der in dieser Arbeit erläuterte „Rassismus“ und - ginge man weiter - Sexismus (wie beispielweise die Mehrheit an Frauen in Abgrenzung zu den Männern, die Gymnasien besuchen) als Resultat sozialer Prozesse gesehen. Dabei bestimmt der Begriff „institutionell“ das organisatorische Handeln in zentralen gesellschaftlichen Institutionen als Ursache einer solchen Diskriminierung und Ungleichheit. Dabei genügt es jedoch nicht, Organisationen wie Schulhäuser und Schulämter als separate Einrichtungen anzusehen, um sich mit der Diskrimierung zu beschäftigen. Vielmehr ist stets ein Zusammenhang zwischen größeren sozialen Prozessen und organisatorischen Entscheidungsmethoden, welche zu einer Benachteiligung beim Erhalten von Belohnungen und Leistungen einer bestimmten sozialen Gruppe im Vergleich zu einer anderen klar identifizierten Gruppe führen, herzustellen (Vgl. Gomolla 2013, S.88f.). Das Ziel ist zu erläutern, inwiefern organisatorische Prozesse, in denen bestimmte Minderheiten weniger bekommen als das, was ihnen normativ zusteht, in bestimmten Institutionen gebilligt werden und zu untersuchen, welche institutionellen und organisatorischen Faktoren -wie hier beispielsweise pädagogische Deutungsmuster - dazu beitragen, dass die ungleichen und für eine bestimmte ethnische Gruppe ungerechten Entscheidungen häufig von allen Beteiligten als adäquat und fair empfunden werden.

Möglich ist hier eine analytische Trennung zwischen direkter und indirekter institutioneller Diskriminierung: Dabei werden unter direkter institutioneller Diskriminierung regelmäßige beabsichtigte Handlungen in Organisationen verstanden, sowie routinierte hochformalisierte, gesetzliche Regelungen oder auch informelle Praktiken. Der Begriff der indirekten institutionellen Diskriminierung beschreibt dagegen die gesamte Bandbreite institutioneller Maßnahmen, die - sei es absichtlich oder nicht - Angehörige bestimmter Gruppen unverhältnismäßig stark negativ betreffen. Die Mechanismen indirekter Diskriminierung ergeben sich oft aus der Anwendung gleicher Regeln oder Aufgaben, die bei verschiedenen Gruppen mit unterschiedlicher Voraussetzungen generell ungleiche Chancen ihrer Erfüllung als Resultat haben (Vgl. Gomolla 2013, S.90). Fereidooni dagegen unterscheidet hier anders: die institutionelle Diskriminierung sei von einer direkten zu unterscheiden. Sie ist in ihrer Entstehungs- und Wirkungsform eine weitaus komplexere Diskriminierung als die direkte, da die diskriminierenden Personen nicht mutwillig die Benachteiligung bestimmter Gruppen bewirken. Die ungleiche Behandlung geht nämlich nicht von einzelnen Agierenden wie Politikern, Beamten, Lehrern oder Unternehmern aus, sondern von dem Netz von Institutionen, deren Vorkehrungen in der Erziehung und Rechtsprechung gemeinsam eine rassistische und ethnische Diskriminierung verursachen. Daher könne man die institutionelle auch indirekte oder versteckte Diskrimierung nennen, da die Benachteiligung hier eben nicht aufgrund von Einzelhandlungen, sondern von Organisationsprozessen in Institutionen zustande kommt. Somit ist dieser indirekten auch wesentlich schwieriger entgegenzuwirken als einer offenen und direkten Diskriminierung, die mit der bewussten unterschiedlichen Behandlung von Gesellschaftsmitgliedern gleichzusetzen ist, während eine indirekte Diskriminierung schon entstehen kann, wenn alle Personen trotz ungleicher Vorraussetzungen gleich behandelt werden (Vgl. Fereidooni 2011, S.23f.). Ganz Definiere man es wie Gomolla oder wie Fereidooni - fest steht, dass die institutionelle Diskrimierung durch festgesessene und nicht auf die Vorraussetzungen des Individuums eingehende Verhaltensmuster oft unbewusst dieselbe Minderheit stark benachteiligt.

3.1.2 Die institutionelle Diskriminierung im deutschen Schulsystem

Könnte man also behaupten, dass sich die Theorie der institutionellen Diskriminierung tatsächlich im deutschen Bildungssystem widerspiegelt? Und wenn dies der Fall ist: Wie genau zeigen sich die Wirkungsweisen der Herabsetzung allochthoner SchülerInnen im Schulwesen?

Betrachtet man die Tatsache, dass die Schule die entscheidende Institution ist, wenn es um die Vergabe von Startpositionen geht, ist hier die Frage zu stellen, ob es eine bewusste Selektion und Benachteiligung der SchülerInnen mit bestimmten sozialen und ethnischen Hintergründen gibt. Die Selektion im System Schule erfolgt durch Notenvergabe, Übergangsempfehlungen an weiterführende Schulen und damit zusammenhängend die Ausstellung verschiedener Bildungszertifikate. Den Ausgangspunkt der Behauptung, allochthone Schüler seien Opfer einer Herabwürdigung im deutschen Schulwesen, bilden Leistungsuntersuchungen wie PISA und IGLU. Zusätzlich wird betont, dass diese Diskriminierung trotz guter Absichten der Lehrkräfte erfolgt. Begründet werden die nachgewiesenen schlechten Leistungen dieser Schüler durch die Leistungsunterschiede, welche laut OECD jedoch nicht aufgrund verschiedener Fähigkeiten, sondern vielmehr wegen der Funktionsweise der Schulen, wegen rechtlicher Rahmenbedingungen und Deutungsmustern zustande kommen. Und an diesem Punkt ist die institutionelle Diskriminierung zu beobachten: Die SchülerInnen nicht-deutschstämmiger Familien sind nicht grundsätzlich weniger leistungsfähig, sondern werden überproportional häufig an Förderschulen für Lernbehinderte geschickt und dort unterrichtet (Vgl. Fereidooni 2011, S.24). Und die Ursache dafür ist wiederum nicht eine Förderbedürftigkeit dieser Schüler wegen kognitiver Defizite, sondern eben eine institutionelle: Zum einen sind es die mangelhafte Sprachvermittlung der deutschen Schulen, die negativen ethnisch-kulturellen voreingenommenen Haltungen seitens der Lehrer und lokale institutionelle Umstände: Allochthone SchülerInnen werden im Sinne der Bestandssicherung von den von Großteilen der Gesellschaft minder angesehenen Bildungsinstitutionen systematisch häufiger als deutschstämmige Kinder an Förderschulen überwiesen, um die bestehenden schulischen Kapazitäten zu erhalten oder Schulschließungen von Schulen dieser Art zu verhindern. Man könnte demnach behaupten, dass hier eine eindeutige institutionelle Diskriminierung der Schüler mit Migrationshintergrund erfolgt, die sich durch die „Unterschichtungsthese“ genauer erklären lässt: Demnach haben die Schulen innerhalb einer Bildungshierarchie nur eine gewisse Anzahl an Plätzen zu vergeben, wobei der „Gewinn“ oder Aufstieg des einen zwangsläufig den Misserfolg des anderen bedeutet. Bezogen auf die Praxis bedeutet dies, dass die Migrantenkinder bewusst im Durchschnitt die unteren Plätze der Bildungspyramide besetzen müssen, um den deutschen SchülerInnen zunehmend den Aufstieg zu ermöglichen. Diese These bringt einem ebenfalls der Frage näher, wieso allochthone SchülerInnen trotz derselben Leistungen und sogar oft einem gleichen sozialen Hintergrund wesentlich seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als deutschstämmige SchülerInnen (Vgl. Fereidooni 2011, S.24). Ein aber ebenso wichtiger Punkt ist, dass neben der dieser ungleichen Behandlung die Gleichbehandlung ebenso diskriminierend ist: Denn indem die verschiedenen Voraussetzungen der SchülerInnen nicht berücksichtigt und an alle SchülerInnen dieselben Erwartungen gesetzt werden, kommt es häufig zu einer Bildungsbenachteiligung bestimmter Beteiligten. Beispielsweise zeigt sich dies häufig in der Erwartungshaltung der Lehrer und der Institution Schule im Allgemeinen an Schüler eine multilingualen Klasse, das Standard-Deutsch zu beherrschen, was eine wichtige Grundlage und einen normativen Maßstab zu Bewertung ihrer sprachlichen Leistung oder auch mündlichen Beteiligung darstellt (Vgl. Fereidooni 2011, S.25.). Passend zu diesem Punkt spiegelt eine Karikatur Hans Traxlers die oft vergessene Tatsache, dass auch eine Gleichbehandlung eine Diskrimierung bedeutet, da nicht alle Beteiligten dieselben Voraussetzungen mitbringen, treffend wieder.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem. Eine Untersuchung von Schülern mit Migrationshintergrund
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V466002
ISBN (eBook)
9783668941656
ISBN (Buch)
9783668941663
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chancenungleichheit, bildungssystem, eine, untersuchung, schülern, migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Luisina Nunez (Autor), 2016, Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem. Eine Untersuchung von Schülern mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/466002

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