Die Verschmelzung zwischen Rolle und Identität im Lauf des Lebens


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung der Arbeit

1. Wir alle spielen Theater

2. Identitätsbildung

3. Rollenänderung im Laufe des Lebens

4. Entstehung einer rahmenden Rolle

5. Verschmelzung zwischen Rolle und Identität

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Wir alle spielen Theater

Auf Basis der Lektüre „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman wird in dieser Hausarbeit anhand eines Beispiels eine Hypothese aus dem Zusammenhang zweier Attribute entwickelt, der individuellen Identität eines Menschen und seiner ausgesuchten Rolle. Diese basiert auf den soziologischen Grundannahmen des Buches zur Mikroebene der Gesellschaft, die besagen, dass jede Handlung eine Interpretation des Gegenübers bezweckt, die ein gewolltes Bild der handelnden Person vermittelt. Man ist also der Darsteller einer Rolle, die auf Normen und eigenen Vorstellungen basiert und dazu dient, in der Gesellschaft zu überleben. Die Interaktionen zwischen mindestens zwei Akteuren werden im Buch als Vorführung der Darsteller gegenüber dem Publikum bezeichnet, wobei der Ort der Vorstellung, also die Bühne der Gesellschaft, das Theater ist. Erarbeitet werden soll die Frage, wie die Identität und die Rolle aufeinander wirken, sich gegenseitig beeinflussen und sich unterscheiden. Veranschaulicht wird dies am Verhalten eines Akteurs, das seine Rolle widerspiegelt, im Rahmen verschiedener Situationen.

Die Rollenbildung auf Basis einer Identität umfasst mehr als nur die unpersönliche Rolle als Schaubild auf einer Bühne. Zur Darstellung einer Person gehören verschiedene Rollen in unterschiedlichen Situationen, die Darstellung anhand eines Bühnenbildes und einer Fassade, Erscheinung und Verhalten, die oftmals durch Mystifikation unterstützte Idealisierung, der Glaube an die eigene Rolle, das damit verbundene aufrichtige Rollenspiel, das unterschiedliche Verhalten auf Vorder- und Hinterbühne und vor allem die Gewöhnung an die Rolle. Auf diese Aspekte wird im Laufe der folgenden Kapitel unterschiedlich intensiv eingegangen werden. Als Grundlage für die Theorie werden Goffmans Forschungen über Sozialisation und die darauf aufbauende Selbstdarstellung im Alltag zusammengefügt. Dabei geht man von Identitätsbildung aus zur Rollenänderung im Laufe des Lebens, darüber zur Entstehung einer rahmenden Rolle und deren Folgen. Die endgültige Hypothese wird zum Schluss daraus abgeleitet, zusammengefasst und erklärt.

2. Identitätsbildung

„Es ist wohl kein historischer Zufall, dass das Wort Person in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske bezeichnet. (…) Wir kommen als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen.“

Robert Ezra Park 1950

Die Identitätsbildung einer Person ist ein langwieriger Prozess, der an sich nie ganz abgeschlossen ist. Nach Goffman besteht die grundlegende Identität eines Individuums aus drei Teilen: der sozialen, der persönlichen und der Ich-Identität. Die soziale Identität wird dem Menschen demnach von seiner Umgebung anhand seiner sozialen Gruppe zugeteilt. Sie besteht aus der virtuellen und der tatsächlichen Identität, die beschreiben, wie eine Person aufgrund askriptiver Merkmale sein sollte bzw. wie sie tatsächlich ist (Goffman 1963: 9 ff.). Diese askriptiven Merkmale kann der Mensch teilweise selbst beeinflussen, teilweise nicht – sein Erscheinungsbild anhand von Kleidung, Verhalten und Körperkultur bietet jedoch dabei den einprägendsten Teil und ist auch am leichtesten veränderbar. Dieser veränderbare Teil ist seine selbst ausgesuchte Rolle. Daher hat der Mensch hierbei großen Einfluss darauf, was seine Umgebung denkt, wie er sein sollte, und hat ebenso in der Hand, ob er auch so sein möchte oder nicht. Ein Black Metaller beispielsweise, den wir hier anhand seines Musikgeschmackes als solchen identifizieren, den ihm aber keiner ansieht, hat die Wahl, ob er auch als solcher anhand von Bandshirts und langen schwarzen Mänteln nach außen erscheinen möchte oder nicht, und kann ebenso frei entscheiden, ob er den Vorurteilen bezüglich seines Verhaltens auch entsprechen möchte.

Die persönliche Identität wird einer Person anhand ihrer Biographie nachgesagt (Goffman 1963: 56 ff.). Wenn nun also die Gemeinde um eine tragische Kindheit des Black Metallers weiß, schreibt sie ihm Charakterzüge wie etwa Traurigkeit zu. Vielleicht ist er aber ein ganz lebensfroher Mensch und er weiß das. Wieder liegt es an ihm, ob er die Gesellschaft daran teilhaben lässt oder nicht, was er anhand seiner Rolle steuern kann.

Die Ich-Identität schließt den Umgang mit den beiden anderen Identitäten sowie das Bewusstsein der Person von sich selbst mit ein und hat daher den schwammigsten Übergang zur Rolle (Goffman 1963: 132 ff.). Nun ist der Black Metaller also eine fröhliche, weltoffene Person – wird aber von seiner Umgebung nicht so behandelt. Vielleicht hat dies zur Folge, dass er tatsächlich zu einem traurigen Menschen wird und hat deswegen nicht nur eine nach außen hin schwarze soziale und persönliche, sondern auch eine tiefschwarze Ich-Identität. Oder, im umgekehrten Falle, hat er schwarze soziale und persönliche Identitäten, aber trotzdem eine komplett andere Ich-Identität.

Der Black Metaller kann also seine Wirkung nach außen durch das Spielen seiner Rolle, die er von der Funktion her gesellschaftlich zugeschrieben bekommt, den persönlichen Teil aber selbst bestimmt, in einem gewissen Rahmen beeinflussen. Die ihm zugeschriebene Rolle ist beispielsweise der Schüler. Im Rahmen dieser Rolle muss er sich an bestehende Regeln halten und ein allgemeingültiges Verhalten an den Tag legen, in dem er sich nicht wesentlich von den anderen Schülern unterscheidet. Dennoch hat er etwa durch die Wahl seiner Kleidung oder sein Verhalten in den Pausenzeiten oder gegenüber Mitschülern oder durch seine Art der Einbringung in den Unterricht Möglichkeiten, seine Rolle individuell im Sinne seiner persönlichen Rolle des Black Metallers auszuschmücken und zu individualisieren. Dabei baut die Rolle jedoch immer auf seiner grundlegenden Identität auf. Diese ist die Voraussetzung dafür, dass er überhaupt auf die Idee kommt, Black Metaller zu werden, es umsetzt und dabei bleibt. Sie ist praktisch sein wahres Ich, während seine Rolle sein erträumtes, gespieltes Ich ist, das er erreichen will. Aufgrund verschiedener Identitäten treffen Menschen verschiedene Entscheidungen bezüglich ihrer Rollen.

Der Black Metaller spielt und perfektioniert also eine auf seiner gegebenen Identität aufbauende Rolle, die er sich selbst ausgesucht hat und die seinem persönlichen Ideal entspricht, das er durch Idealisierung immer zu erreichen versucht. Seine grundlegende Identität ist dabei, vor allem durch das Zusammenspiel mit seiner individuellen Rolle, beliebig beeinflussbar, sowohl in Form des Erscheinungsbildes nach außen als auch als wandelbarer Charakter, wie sich zeigen wird.

3. Rollenänderung im Laufe des Lebens

"Wer ist nur die Form als Konsequenz der Funktion des Was. Und was ich bin, das ist ein Mann mit Maske! […] Ich […] stelle nur fest, wie paradox es ist, einen maskierten Mann zu fragen, wer er ist."

aus „V wie Vendetta“

Natürlich hat eine Person im Laufe ihres Lebens nicht immer dieselbe Rolle inne. Sie entwickelt sich geistig weiter und durchlebt ganz unterschiedliche Formen der Idealisierung. So passt sie ihre Rolle immer wieder sowohl dem Alter und der geistigen Entwicklung entsprechend als auch an verschiedene Situationen an, in denen jeweils andere Rollen erwartet und verlangt werden, wie beispielsweise im Unterschied zwischen der Schule und unter Freunden. Im Laufe seines Lebens war unser Black Metaller wahrscheinlich mal aus Sicht der Gesellschaft „normal“. Irgendwann wurde er dann zum Rocker, dann ein bisschen dunkler zum Metaller und schließlich zum Black Metaller. Als er eine Frau findet und Kinder bekommt, folglich wieder ein Stückchen älter ist, sind Grundthemen des Metals wie Festivals und Bier nicht mehr ganz der Mittelpunkt seines Lebens und er gibt sich wieder etwas durchschnittlicher. Die Außenwelt nimmt ihn dabei immer zum Zeitpunkt des Geschehens genau so wahr, wie er gerade auftritt. Spielt er seine Rolle überzeugend, so zweifelt trotz der natürlichen Schwankung zum Zynismus niemand an, dass er immer aufrichtig ist und tatsächlich der ist, der er zu sein vorgibt (Goffman 1983: 20 ff.). Seine Fassade, die aus Erscheinung und Verhalten besteht, zeigt dabei seinen sozialen Status sowie seine situationsbedingt beabsichtigte Rolle, etwa als Vater, auf. Die Erscheinung erzeugt dabei beim Gegenüber ein bestimmtes Bild, das oft von Vorurteilen bestimmt wird, während das individuelle Verhalten dieses entweder bestätigen, widerlegen oder leicht abwandeln kann. In jedem Fall hat der Darsteller die Kontrolle darüber, wie sein Gegenüber ihn wahrnimmt, sobald eine Interaktion zustande kommt. Zur Verstärkung dieses Effektes kann der Darsteller zusätzlich die dramatische Gestaltung nutzen, die dazu dient, den Zuschauern unbeachtete Dinge näher zu bringen (Goffman 1983: 25). Will der Black Metaller zum Beispiel unbedingt auf seine Rolle als solcher hinweisen, kann er scheinbar unauffällig die ganze Zeit an seinen langen Haaren und seinen Nietenarmbändern spielen oder in ein beliebiges Gespräch sämtliche Anekdoten seines letzten Festivals mit einfließen lassen. Dabei muss er jedoch immer aufpassen, seine Rolle nicht zu überspitzen, um nicht unglaubwürdig zu wirken, oder einen Widerspruch zwischen seiner gegenwärtigen Rolle etwa als Vater und seiner angestrebten Idealrolle als Black Metaller zu bewirken. Diese Kontrolle über die angepasste Interaktion, eine gute Inszenierung und die Kontrolle über seine Handlungen wird auch Ausdruckskontrolle genannt (Goffman 1983: 49). Da „in einer Darstellung hauptsächlich Charakteristika der dargestellten Aufgabe [,] und nicht Charakteristika des Darstellers zum Ausdruck kommen sollen“ (Goffman 1983: 74), passt der Darsteller folglich je nach Situation sein Verhalten an. Dennoch bleibt er aufgrund der Kleidung, die er trägt, den Gesprächsthemen, die er anschneidet, und dem Verhalten, das er an den Tag legt, als Black Metaller erkennbar.

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Details

Titel
Die Verschmelzung zwischen Rolle und Identität im Lauf des Lebens
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V466048
ISBN (eBook)
9783668941175
ISBN (Buch)
9783668941182
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verschmelzung, rolle, identität, lauf, lebens
Arbeit zitieren
Olivia Mantwill (Autor), 2017, Die Verschmelzung zwischen Rolle und Identität im Lauf des Lebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/466048

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