Exegese von Phil 2,12.13: Worin liegt die Bedeutung für Christen damals und heute, wenn Paulus sie auffordert, das Heil „mit Furcht und Zittern“ zu bewirken?

Analyse des Furchtmotivs im Kontext des Philipperbriefs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Brief des Paulus an die Philipper

3. Historisch-kritische Exegese von Phil 2,12.13
3.1 Textkritik und Textanalyse
3.2 Literarkritik
3.3 Formkritik
3.4 Redaktionskritik
3.5 Motivgeschichte

4. Gesamtinterpretation der Stelle Phil 2,12.13
4.1 Modifikation des Furchtmotivs durch Paulus
4.2 Bezug zum Christushymnus Phil 2,6–11

5. Ist also die Furcht der Weg zum Heil?
5.1 Resümee

6. Bibliographie

1. Einleitung

Der Begriff der „Furcht“, der heutzutage fast immer gleichbedeutend mit dem Terminus„Angst“ verwendet wird, hat in jüngster Zeit durch die Auswirkungen des wachsenden Terrorismus in unserer Welt eine neue, noch größere Intensität in seiner negativen Konnotation erhalten. Furcht resultiert aus den existentiellen Bedrohungen der Menschheit. Als Konsequenz aus dieser Gegebenheit hat sich die heutige Gesellschaft zum Ziel gesetzt, mögliche Gefahrenquellen in der Welt zu bekämpfen, um somit ein „furchtfreies“ Leben der Weltbevölkerung zu erwirken. Bei solch einer Interpretation der Furcht, die den „früher geläufige[n] Sinn von Furcht als Ehrfurcht, Respekt[1] ausblendet, werden formelhafte Wendungen, wie „schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furch und Zittern“[2] (Phil 2,12) aus dem Brief des Paulus an die Philipper als unangebracht empfunden. Die Verknüpfung von Furcht mit dem Glauben an Jesus Christus und das Heil des Menschen kann demzufolge nur ein Widerspruch per se bedeuten, wenn das Charakteristikum der negativen Komponente der Furcht in der Vorstellung der Menschen dominiert und sie daher negiert wird. In der Tat scheint es aus diesem Blickwinkel überraschend, dass Paulus die Botschaft des Evangeliums, d.h. der Hoffnung, mit dem Begriff der „Furcht“ kombiniert.

In dieser Hinsicht möchte ich eruieren, wie Paulus diese Wendung im Zusammenhang seiner Korrespondenz mit der Gemeinde in Philippi deutet. Um einem angemessenen Verständnis der paulinischen Aussage, die auf den ersten Blick widersprüchlichen Charakter hat, näher zu kommen, soll das Motiv der Furcht in der Bibel genauer analysiert werden, um es im Kontext des Philipperbriefs ansichtig werden zu lassen. Zunächst wird der Inhalt und die Entstehungssituation des Briefes behandelt werden, bevor ich die Stelle Phil 2,12.13 mit den Methoden der historisch‑kritischen Exegese detaillierter untersuchen möchte, um den Ausdruck „mit Furcht und Zittern“ in Bezug auf den voranstehenden Christushymnus und den folgenden Vers zu interpretieren. Die Erörterung der Fragestellung, ob die Furcht also den Weg zum Heil darstellt oder inwiefern sie im Glauben und für das Heil eine Rolle spielt, soll als Konklusion den Abschluss der Untersuchung des Furchtmotivs im Philipperbreif bilden. Das Fazit im fünften Kapitel der Arbeit konstituiert schließlich ein neues Verständnis von der Relation zwischen Furcht und Glauben im Neuen Testament, das auch noch heutigen Christen seine Validität bewahrheitet.

2. Der Brief des Paulus an die Philipper

Die Stadt Philippi, die von Philipp II, dem Vater Alexander des Großen, gegründet worden ist, gehört seit dem Sieg Octavians (dem späteren Augustus) über seinen Gegner Antonius im Jahre 31 v.Chr. zum Verwaltungsbezirk Makedonien (Apg 16,12) und ist somit eine autonome Kolonie mit römischem Rechtsstatus.[3] In der Zeit um das Jahr 49 n. Chr. beginnt Paulus in Philippi, als der ersten europäischen Station auf seinem Reiseplan, die Heidenmission der Gojim. Die herrschende Schicht in der Stadt konstituiert sich primär aus römischen Veteranen, d.h. loyalen, ehemaligen Soldaten Roms und ihren Nachkommen. Aufgrund der wirtschaftlich bedeutenden Lage an der Via Egnatia erwerben sie in Philippi großen Reichtum und stellen Sklaven in ihre Dienste ein. Da die vorhandenen Quellen kein Vorkommen einer Synagoge nennen, trifft Paulus in Philippi insbesondere auf Nichtjuden, die nur rudimentäre Kenntnis von der Thora und der messianischen Hoffnung des Alten Testaments vorweisen können. Paulus gelingt es dennoch, die gottesfürchtigen Veteranen und Sklaven aus Philippi zu einer neuen Form der Ekklesia Christi zu vereinen. Die besondere Komposition der Gemeinde hat einige spezielle Charakteristika des Philipperbriefs, wie beispielsweise seinen eigentümlichen Wortlaut und die geringe Rekurrenz auf jüdische Traditionen, hervorgebracht, die nur auf diesem Hintergrund expliziert werden können.[4]

Paulus gerät durch sein missionarisches Vorhaben allerdings schnell in Konflikt mit den ansässigen Behörden in Philippi, worauf er verhaftet und gefoltert wird (Apg 16,22–24). Nach seiner wundersamen Befreiung aus dem Kerker berichtet die Apostelgeschichte von der Weiterreise des Paulus nach Thessalonich. Zurück lässt er indes eine kleine Gemeinde, zu der er weiterhin regen Briefkontakt pflegt. Der Philipperbrief gehört zwar zu den quantitativ kleinen Briefen des Paulus, er zeugt aber dennoch von einem besonderen Freundschaftsverhältnis zwischen dem Apostel und den Philippern, die, wie aus dem Brief hervorgeht, Paulus während seiner Reisen bereits mehrfach finanziell unterstützt haben (4,10). Formale Hinweise, wie zum einen die freundschaftliche Anrede in 1,1, zum anderen die Betonung der Einheit im gemeinsamen Kampf für das Evangelium (4,3), weisen Parallelen zur Darstellung des antiken Freundschaftsbriefes auf. Die besondere Nähe resultiert womöglich aus der analogen Situation der Verfolgung, die sowohl Paulus als auch die Philipper zum Zeitpunkt der Korrespondenz erleiden. Auch wenn in der Wissenschaft Kontroversen über den Abfassungsort des Briefes herrschen, so geht aus dem Text zumindest unmittelbar hervor, dass er von Paulus in der Schreibstube eines Arrestzimmers in einem römischen Prätorium (1,13), d.h. einem Haus des Cäsar, etwa im Jahre 55 n. Chr.[5] verfasst wurde. Als möglicher Haftort werden Rom, Jerusalem oder Cäsarea genannt. Die Wissenschaft ist aber zu dem Konsens gelangt, dass Ephesus aufgrund seiner lokalen Nähe zu Philippi der wahrscheinlichste Abfassungsort ist.[6]

Insgesamt weist der Brief einige Brüche, sperrige Ausdrücke und thematische Wechsel auf. „Es mag sein, daß der Brief eine redaktionelle Komposition ist und auch redaktionelle Überarbeitungen erfahren hat.“[7] Andererseits könnte es auch sein, dass Paulus in diesem Schreiben eine andere Sprache als gewöhnlich wählt, weil er die, wie bereits erwähnt, nichtjüdische Zusammensetzung der Gemeinde in Philippi im Auge hat. Deshalb sollte man den Philipperbrief a priori als ein paulinisches Gesamtwerk wahrnehmen und nicht versuchen, die mangelnde literarische Integrität durch spekulative Separation des Komplexes in verschiedene Teilbriefe zu erklären.[8] Nichtsdestotrotz soll im folgenden Abschnitt der thematische Aufbau des Briefes nach inhaltlicher Gliederung zusammengefasst werden.

Der Philipperbrief beginnt mit einem knappen Präskript, in dem Absender und Adressat genannt werden. Darauf folgt ein Proömium bis 1,12, in dem Paulus seinen Dank und die Fürbitte für die Gemeinde formuliert. Das eigentliche Briefcorpus setzt mit der Beschreibung der bedrohlichen Lage, in der sich Paulus befindet, ein und verbindet diese Information mit der Freude über die Verkündigung des Evangeliums. „In 1,27 setzt eine ausführliche, bis 2,18 reichende Paränese ein, die durch imperativische Aussagen bestimmt ist; innerhalb dieser Paränese steht der [bekannte Christus]hymnus.“[9] Darauf folgt ein neuer Abschnitt, in dem Paulus eine Empfehlung für Timotheus ausspricht und Epaphrodites als Briefboten ausweist. Obwohl 3,1 den Anklang eines Briefschlusses hat (vgl. 2.Kor 13,11), folgt ein vehementer Angriff gegen „Irrlehrer“, die Gesetzesgerechtigkeit propagieren. Diese Thematik wurde im bisherigen Briefteil nur marginal und mit geringerer Brisanz verhandelt (vgl. 1,17; 1,28). Umso mehr überrascht der scharfe Ton und der folgende Hinweis auf die Glaubensgeschichte des Paulus und die noch ausstehende Heilsvollendung. Mit Kapitel 4 schließt Paulus eine weitere Reihe von Einzelermahnungen an und kommt scheinbar zum Ende des Briefs, als in 4,10–20 unvermittelt eine Danksagung für die empfangenen Gaben scheinbar nachgeschoben wird. Schließlich komplettiert Paulus den Brief mit Grüßen und einem Gnadenwunsch.[10]

Resümiert sind folgende Inhalte für den Brief bestimmend: Da Absender und Adressat sich in derselben Situation der Verfolgung befinden, ist die Ermahnung zur Standhaftigkeit und Treue ein essentielles Anliegen des Philipperbriefs. Das Leiden um des Evangeliums willen ist daher zentrales Thema. Des Weiteren dominiert der Grundton der Freude den ganzen Brief, der aus der Tatsache resultiert, dass die Philipper ihre Solidarität bereits mehrfach bewiesen haben (1,5; 4,10ff.) und sich deshalb der Kraft der Auferstehung gerade in ihrem jetzigen Schicksal gewahr sein können (4,4–7). Damit insistiert Paulus auf die Einbezogenheit in das eschatologische Ende, für das sich die Gemeinde zum jetzigen Zeitpunkt bewährt und sich somit auch im Zustand des Leidens auf den zukünftigen Lohn freuen kann. Zuletzt entwickelt Paulus in 3,2ff. eine inhaltlich theologische Auseinandersetzung um Grundfragen des Evangeliums. Polemisch grenzt er sich gegen die Nomos-Gerechtigkeit ab,[11] indem er auf seinen eigenen Erkenntnisweg rekurriert und betont, dass aus dem Glauben allein Gottes Gerechtigkeit gewonnen wird (3,9). „Im Leidensschicksal irdischer Existenz wird der Christ, wie Paulus an seiner apostolischen Existenz erfahren hat, der Auferstehungskraft Christi gewahr.“[12] Nicht die Erfüllung des Gesetzes, sondern der Gehorsam und Glaube im Geiste Gottes (3,3) haben Bedeutung für Christen in der Endzeit.

3. Historisch-kritische Exegese von Phil 2,12 .13

Im dritten Kapitel soll die zur Diskussion gebrachte Stelle im Philipperbrief mit ausgewählten Schritten des Instrumentariums der historisch-kritischen Exegese, welche für die Erörterung der Problembehandlung sich als ergiebig erweisen, analysiert werden, um der bisher problematischen Aussage des Apostels Paulus auf den Grund zu gelangen.

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3.1 Textkritik und Textanalyse

An zwei Stellen finden sich textkritische Abweichungen, die kurz dargelegt werden sollen.

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Äußere Kriterien:[13]

Lesart 2 wird bezeugt von:

- Majuskel B 03 (Codex Vaticanus, um 350, Kat. I),
- Minuskeln 33 (9. Jh., Kat. I – so genannte „Königsminuskel“) und 1241s (als Ergänzung, 12. Jh., Kat. III),
- pc wenigen Handschriften, sowie Einzelhandschriften der Vulgata und der Marginallesart des Ambrosiasters (4. Jh.).

Urteil: Der Ausfall von w`j kann aufgrund der gering gewichteten Bezeugung der einen Majuskeln sowie wenigen Minuskeln und Einzelhandschriften nicht gestützt werden.

Innere Kriterien:

Der Ausfall von w`j kann als erleichternde Korrektur begriffen werden, da man w`j als Vergleichspartikel in diesem Kontext missverstehen könnte. Denn Paulus bezieht seine Ermahnung nicht auf eine qualitative Steigerung des Gehorsams der Philipper, sondern auf die ursprüngliche Notwendigkeit dieses Verhaltens. Demnach „kann pollw/| ma/llon nur ein ‘viel mehr’ der Dringlichkeit (...) bezeichnen sollen und entsprechend das w`j nicht eine quantitative Vergleichung einführen.“[14] Die Nachstellung des mo,non stützt zudem das Fehlverständnis einer sittlichen Unzulänglichkeit der Gemeinde, die in der Abwesenheit von Paulus nachlässig geworden sein könnte und sich jetzt qualitativ steigern müsste. Aus diesem Grund ist die Haplographie des w`j als Simplifizierungsversuch zu explizieren.

Urteil: Der Lesart 1 ist Vorrang zu gewähren, da diese die lectio difficilior ist.

[...]


[1] Jürgen Goetzmann: „Hermeneutische Überlegungen. Hoffnung, Furcht, Sorge“, in: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, S. 1014.

[2] Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers, mit Apokryphen. Die folgenden Stellen im Text, die sich auf den Philipperbrief beziehen, werde ich in verkürzter Form 2,12 anführen.

[3] Vgl. Hans Conzelmann; Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament, S. 248.

[4] Vgl. Gerhard Jankowski: Das messianische Experiment. Paulus an die Philipper eine Auslegung, S. 8ff..

[5] Vgl. Ulrich B. Müller: Der Brief des Paulus an die Philipper, S. 22.

[6] Vgl. Gerhard Jankowski: Das messianische Experiment. Paulus an die Philipper eine Auslegung, S. 23. In 1.Kor 15,32 berichtet Paulus, er habe in Ephesus bedrohliche Querelen ausgetragen, was auch auf eine dortige Gefangennahme schließen lassen könnte.

[7] Vgl. ebd., S. 12.

[8] Außerdem haben verschiedene Exegeten die Unterteilung an unterschiedlichen Bruchstellen im Brief vorgenommen. Vgl. dazu die Liste bei Ulrich B. Müller: Der Brief des Paulus an die Philipper, S. 7.

[9] Hans Conzelmann; Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament, S. 247.

[10] Vgl. ebd..

[11] Der abwertende Ton gegenüber der jüdischen Tradition (3,2 u.a.) ist auf die Situation der Gemeinde in Philippi zurückzuführen, bei der sich die Philipper ebenfalls gegen jüdische Widerstandsbewegungen, die nach Autonomie streben, abgrenzen müssen. Inhaltlich haben die polemisch klingenden Aussagen keine Signifikanz, wie die Darstellung der identischen Thematik im Römerbrief zeigt.

[12] Gerhard Jankowski: Das messianische Experiment. Paulus an die Philipper eine Auslegung, S. 30.

[13] Die temporale Einordnung und Kategorisierung erfolgt nach Kurt Aland; Barbara Aland: Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, S. 117–171.

[14] Paul Ewald: Der Brief des Paulus an die Philipper, S. 134.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Exegese von Phil 2,12.13: Worin liegt die Bedeutung für Christen damals und heute, wenn Paulus sie auffordert, das Heil „mit Furcht und Zittern“ zu bewirken?
Untertitel
Analyse des Furchtmotivs im Kontext des Philipperbriefs
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Ev.-theologisches Seminar)
Veranstaltung
„Fürchte dich nicht!“ Angst und Glaube im NT
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V46612
ISBN (eBook)
9783638437615
ISBN (Buch)
9783638658928
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Phil, Worin, Bedeutung, Christen, Paulus, Heil, Furcht, Zittern“, Angst, Glaube
Arbeit zitieren
Anita Glunz (Autor), 2004, Exegese von Phil 2,12.13: Worin liegt die Bedeutung für Christen damals und heute, wenn Paulus sie auffordert, das Heil „mit Furcht und Zittern“ zu bewirken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46612

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